Und weiter geht die Fahrt... 

... nach 200 Teilen auf einem neuen Tab.

201 Nutzlos oder schon schädlich?

 

Die gnadenlose Religion


Für mich ist die vorherrschende "Religion" hier nicht Christentum, Islam oder Atheismus, sondern Erwerbsarbeit. Diese ist dabei nicht nur eine Art, Geld zu verdienen, sondern wichtigster sozialer und moralischer Marker. Diese Prägung ist kultureller Default-Modus, mal milder, mal gnadenloser. (hier mehr dazu falls gewünscht: )

Wenn man diese Logik im Kopf hat, wirken bestimmte Regelungen und Abläufe im Sozialstaat nicht mehr wie juristische Notwendigkeiten, sondern wie Verstärker im Glauben des Einzelnen. Im November habe ich Wohngeld beantragt. Nach erster Durchsicht hieß es, es sehe nach Bewilligung aus, würde allerdings voraussichtlich drei Monate Bearbeitung kosten. Wohngeld ist für mich kein Bonus, sondern ungefähr ein Drittel meines monatlichen Einkommens. Man kann sagen: Es wird ja nachbezahlt, aber drei Monate ohne ein Drittel des Einkommens sind drei Monate in denen nichts passieren darf. Existenzsicherung, die aussetzt, bleibt existenzgefährdend, auch wenn niemand böse Absichten hat und Personalmangel die Ursache ist. Die Lücke wird nicht vom System getragen, sondern von mir selbst, oder wenn man dafür genug Selbstbewusstsein hat auch vom Umfeld. Aber ich bin zu sehr in der landläufigen Religion geprägt dafür.

Ein ähnliches Spannungsfeld entsteht, wenn Menschen pflegebedürftig werden. Pflege kostet oft sehr viel Geld, und juristisch ist es folgerichtig, zunächst Einkommen und Vermögen einzusetzen, bevor die Allgemeinheit zahlt. Moralisch bleibt dennoch ein Rest Unruhe, weil die Ursache keine Fehlentscheidung ist, sondern schlicht Krankheit. Vermögen ist in einem System, in dem Erben ausdrücklich möglich und gesellschaftlich normal ist, geronnene Lebenszeit von Familienmitgliedern. Wenn Krankheit eines Familienmitglieds dessen Erbe verpuffen lässt, verschiebt sich nicht nur eine Bilanz, sondern auch das Gefühl von Wert und Zugehörigkeit innerhalb einer Familie. Da ich auch der Religion der Erwerbsarbeit anhängig war, beförderte es mich also vom "nutzlosen Esser" zum "Schaden für die Familie", dass mein Erbanteil von meinem Vater an den Bezirk ging.

Artikel 1 des Grundgesetzes erklärt die Würde des Menschen für unantastbar. Das ist ein großer Satz. Aber Würde entscheidet sich nicht nur in großen Fragen, sondern auch im Banalen: in der Zeit, die ein System sich nimmt, obwohl es um Existenzsicherung geht, und in der Selbstverständlichkeit, mit der ein Mensch sagen darf, dass er Unterstützung braucht, ohne daraus ein finanzieller Schaden für das ganze Umfeld wird.

Ich weiß, dass ich gegen eine Religion mit vielen Gläubigen anschreibe, wenn ich anzweifle, dass sich der Wert eines Menschen an seiner Erwerbstätigkeit misst, aber ich hoffe einfach auf den gesunden Menschenverstand, der jedem sagt: "Auch du kannst krank werden.".

 

 

202 Tabus

Auch wenn ich hier nur über meine persönlichen Erfahrungen spreche, will ich unsere Eltern nicht für mich vereinnahmen und werde sie durchgehend als unsere Eltern bezeichnen, weil das schlicht biologisch korrekt ist. Unsere Mutter nannten wir meist "Muddy" und unseren Vater "Holger", das erste kleine Tabu war also ihn Vater, Papa usw. zu nennen.

In unserer Familie gab es erstaunlich wenig Tabus im klassischen Sinn. Wir sprachen über Tod. Tiere wurden geschlachtet und gegessen, ohne romantische Verklärung. Holger ging mit nur einem Arm selbstverständlich ins Schwimmbad, stellte keinen Mythos um seine Behinderung auf, machte sich eher lustig über neugierige Fragen. Psychische Zusammenbrüche wurden nicht geleugnet, Alkoholprobleme nicht unsichtbar gemacht. Wir waren keine Familie, die nach außen eine heile Welt vorspielte.

Und doch war unsere Familie von Tabus durchzogen.

Das erste Tabu war Hilfe.

Ich habe als Kind auf den Knien um Hilfe gebettelt. Unsere Familie war laut, theatralisch und ich selbst darin schon als übertrieben verschrien, also nahm ich was ich hatte um gehört zu werden. Ich war zwölf oder dreizehn, ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte. Nicht nur die anderen waren gemein. Ich spürte, dass in mir etwas war, das ich alleine nicht regulieren konnte. „Muddy, ich brauche Hilfe. Ich bin nicht normal." Ich wollte zu einem Arzt. Gemeint war meine Psyche. Die Antwort war kein Gespräch über Gefühle. Die Antwort war Schweigen und Abwehr. Hilfe holen hätte für sie bedeutet, als Mutter versagt zu haben. Hilfe holen hätte bedeutet, dass die Leute reden.

Das zweite Tabu war Trennung.

Ich bin wieder auf die Knie gefallen und habe die Muddy angefleht, Holger zu verlassen. Unsere Mutter antwortete auf meinen Kniefall mit einem Satz, der tiefer saß als alles andere was danach noch kam: „Was würden die Leute sagen, wenn ich einen einarmigen Mann verlasse?" Nicht sein Charakter, nicht unser Wohlergehen, sondern das Urteil der Außenwelt war Maßstab. Das Leiden war erlaubt. Die Veränderung nicht.

Holger war kein Heiliger. Er war cholerisch, tyrannisch, ließ uns frieren, kontrollierte Wasser-, Holz- und Stromverbrauch und zwang uns zu Disziplin, die mit Fürsorge wenig zu tun hatte. Es hätte sein können und war mir damals schon bewusst, dass er bei einer Trennung ausrastet und gewalttätig versucht diese zu verhindern.

Gleichzeitig war er gebildet, leidenschaftlicher Musiker, ein Freigeist, ein Querulant, ein Mann mit Humor und Selbstironie. Er stellte sich selbst nicht als guten Menschen dar.

Trotzdem war ihn nicht verlassen können mehr vom Tratsch abhängig als von seinem Wesen oder Angst.

Das dritte Tabu war Bedürftigkeit von Kindern.

Wir waren viele Kinder. Zuständigkeiten ergaben sich aus Arbeit und Anzahl. Unsere Eltern waren faszinierende Menschen, kulturell hungrig, musikalisch, voller Geschichten. Sie zogen andere in ihren Bann. Fremde Kinder sammelte meine Mutter wie verlorene Schätze. Wir selbst waren oft Kulisse. Wir funktionierten. Wir halfen. Wir froren, wir hielten Lampen und durften trotz Kälte nicht wackeln. Wir standen in Arbeitsklamotten bereit. Unsere Mutter war die Fragile, nicht wir Kinder. Schutz kam seitlich, von Geschwistern, nicht von oben.

Das vierte Tabu war Scheitern.

Ich war „der Kluge". Mein Spitzname war "Zweistein". Ich erklärte, ich fragte, ich wollte verstehen, wie die Welt funktioniert. Unser Vater fragte mich zu Astronomie, zu Mathematik, zur englischen Sprache, sogar noch, als er schon geistig abzubauen begann. Ich hatte schlicht diese Rolle. Und Rollen sind in großen Familien (vielleicht in allen) kein Spiel, sondern systemische Struktur.

Als ich ein Ingenieurstudium begann, trotz Dyskalkulie, tat ich das nicht aus Leichtsinn, sondern weil ein „Laberfach" in unserer Familie nicht wirklich gezählt hätte. Ich wollte etwas "Gescheites" lernen. Ich scheiterte. Ich fiel durch Klausuren. Ich war verzweifelt. Und die Reaktion war kein „Vielleicht ist das nicht dein Weg", sondern „Du schaffst das schon." Als wäre Nicht-Schaffen keine Option. Ich durfte nicht versagen. Nicht, weil jemand böse war, sondern mehr weil mein Scheitern die Rolle zerstört hätte, denke ich.

Intelligenz war das was man mir anerkannte. Aber sie war auch Verpflichtung.

Holger sagte zu mir oft, wenn er betrunken und melancholisch war: „Werd nicht so wie ich." Er meinte es als Warnung, aus Reue. Ich habe diesen Satz ernst genommen. Nicht als Anklage, sondern als Auftrag. Ich habe mir vorgenommen, es besser zu machen. Mit denselben Genen, derselben Wut, derselben Neigung zur Überheblichkeit. Ich bin ihm ähnlich. Aber ich nehme Hilfe an. Ich nehme Kant, Aristoteles, die Bergpredigt, DBT Therapie, buddhistische Texte, die Sozialgesetze... Ich nehme mir, was für mich funktioniert. Auch das, was er vielleicht belächelt hätte.

Die größten Tabus unserer Familie waren, Hilfe zu brauchen und zu scheitern. Ich habe schon als Kind um Hilfe gebeten. Später habe ich sie mir genommen. Ich bin gescheitert. Ich habe das Studium abgebrochen (nach dem Suizidversuch, bei dem der "alte Anne" starb Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben. Kapitel 5. Funktionieren bis zum Zerbrechen.). Ich habe Therapie gemacht. Ich habe ausgesprochen, was man nicht aussprechen sollte: "Ich schaff das nicht allein."

Ich habe jedes unserer Tabus gebrochen.

Nicht aus Rebellion. Sondern aus dem Ziel heraus, ein guter Mensch zu sein, denn das ist meine ehrliche Antwort auf seinen Auftrag: „Werd nicht so wie ich".

 

 

203  Wie können Menschen Selbsttragfähigkeit lernen?

Warum Isolation schadet und Beziehung keine Pflichtlösung sein kann

Wenn wir hier von Einsamkeit sprechen, dann meine ich nicht „keine Partnerperson" und auch nicht „kein Sex". Ich meine echte soziale Isolation: wenig reale Begegnung, kaum enge Bindungen, kein stabiles Netz von Menschen, mit denen man regelmäßig spricht, lacht, streitet, sich austauscht. Ein soziales Wesen, das dauerhaft ohne Einbindung lebt, zahlt dafür einen Preis. Darauf Isolation ein echtes Problem ist, gibt es inzwischen genug Hinweise, dass man es nicht mehr als Empfindlichkeit abtun kann.

 

Wenn es stimmt und vieles deutet darauf hin, dass Männer häufiger in diese schädliche Form von Isolation geraten, dann sollte man das ernst nehmen. Es ist kein Wettbewerb der Opfer. Und bevor irgendjemand innerlich dichtmacht: Ja, auch Frauen können einsam sein. Ja, auch nicht-binäre Menschen können isoliert sein. Es geht hier nicht vorrangig um Geschlechter, sondern um möglicherweise schädliche Muster.

Wenn wir Isolation also als schädlich annehmen, folgt daraus nicht, dass romantische Partnerwahl verpflichtend wird. Eine Beziehung ist kein Sozialamt. Eine Partnerperson ist keine therapeutische Grundversorgung. Sie ist keine gesetzliche Betreuung oder ein betreutes Wohnen.

Vielleicht hilft ein kleiner historischer Blick, nicht als Vorbild, sondern als Kontrast. Es gab immer Menschen, die keine (offizielle) Beziehung hatten. Knechte, Besitzlose, Gesellen, konnten in vielen Gesellschaften schlicht nicht heiraten, weil sie keinen eigenen Hausstand gründen durften oder konnten. Das war nicht romantisch und sicher nicht gerecht. Aber eines waren sie selten: isoliert. Diese Männer lebten in Haushalten, Arbeitsgemeinschaften, Verbünden. Hierarchisch, hart, oft unfrei, aber eingebunden. Unverheiratet bedeutete eher selten automatisch allein lebend.

Der Unterschied heute scheint weniger zu sein, dass Menschen keine romantische Beziehung eingehen (können). Der Unterschied ist, dass viele allein leben. Physisch allein leben und mit sehr dünner sozialer Einbindung.

Und wenn Isolation das eigentliche Problem ist, nicht fehlender Sex und nicht fehlende Romantik, dann stellt sich eine andere Frage:

Warum diskutieren wir fast ausschließlich über Partnerwahl?

Warum wird aus „mir geht es schlecht" so schnell „die, die mich nicht wählen" sind schuld?

Warum wird Beziehung zum Reparaturmechanismus erklärt?

Und was sagt das über unsere gesellschaftlichen Strukturen (gerade gegenüber Männern)?

Ich sage das auch aus persönlicher Perspektive, und ich weiß, dass das nicht jeder mögen wird: Auf mich wirkt es abschreckend, wenn ich den Eindruck habe, jemand braucht eine Beziehung, um sein Leben stabil zu halten oder zu bekommen. Nicht, weil mir Einsamkeit egal ist. Sondern weil ich eine Partnerschaft auf Augenhöhe will und kein gesetzliches Betreuungsverhältnis mit Haushaltshilfe und Therapiestunden liefern kann. Wenn ich weiß, dass alles zusammenbricht, wenn ich gehen würde, bin ich faktisch nicht frei zu gehen. Das gilt übrigens unabhängig vom Geschlecht.

Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Diskussion:

Wenn Einsamkeit real schadet und wenn romantische Paarbeziehung nicht die Lösung per Verpflichtung sein kann, wie organisieren wir soziale Einbindung?

Wie werden Menschen selbst tragfähig, sodass eine Beziehung Ergänzung ist und nicht Existenzbedingung?

Wo gehen uns Formen von Gemeinschaft verloren?

In der Sozialisation?

In männlichen Rollenbildern?

In urbanen Lebensformen?

In der Art, wie wir Freundschaft bewerten?

Ich schreibe das nicht, um jemanden anzugreifen. Wer sich gerade einsam fühlt, hat eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient. Aber vielleicht müssen wir unterscheiden zwischen dem legitimen Schmerz von Isolation und der falschen Schlussfolgerung, dass andere Menschen ihn durch romantische Bindung beheben müssen.

Wenn Isolation das Problem ist, dann sollten wir über Isolation sprechen und wie man sie aufbrechen könnte. Nicht über „zu hohe Ansprüche". Also nicht über Schuld, sondern über Strukturen.

Und genau darüber würde ich gern diskutieren.

204 Bücherfresser a.D.

Beim Lesenlernen hasste ich Lesen, meine Mutter meinte: "Du wirst es irgendwann lieben!". In meiner kindlichen Sturheit die später auch zu dem Spitznamen "DrachenSchaf" führte, glaubte ich ihr absolut nicht.

Mein erstes selbst gelesenes Buch weiß ich noch genau. Es war „Oh, wie schön ist Panama“, von Janosch, in Schreibschrift gedruckt. Warum ausgerechnet dieses Buch der Anfang war, weiß ich nicht einmal sicher. Ich weiß nur, dass meine Mutter in diesem Moment keine Zeit hatte, mir daraus vorzulesen. Ich war ungefähr in der dritten Klasse, konnte Buchstaben lesen, wusste das auch, aber hatte Lesen bis dahin eher als etwas erlebt, das man gezwungenermaßen macht oder das jemand für einen erledigt. Und dann saß ich da mit diesem Buch und dachte mir sinngemäß: "Bevor ich jetzt warte, bis sie Zeit hat, lese ich es halt selbst.". Und das ging. Nicht Buchstabe für Buchstabe, nicht mühsam, sondern als Geschichte. Ich verstand, was da stand. Ich konnte dem folgen. Und ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl von Staunen darüber, dass ich mir diese Geschichte einfach selbst holen konnte, ohne Vermittlung, ohne Hilfe. Das war kein pädagogischer Moment, das war ein selbstermächtigener. Und genau so begann mein Lesen.

Danach wurde Lesen schnell etwas völlig Selbstverständliches. Ich war bereits vorher süchtig nach erzählten Geschichten, ab da gab es kein Halten mehr. Wenn ich eine Geschichte wollte konnte ich sie mir holen. Nicht nach Bildung, nicht nach Literatur, war ich süchtig, sondern nach dem Gefühl, in andere Welten einzutauchen, andere Leben mitzudenken, andere Blickwinkel zu erfahren, andere Möglichkeiten durchzuspielen. Bücher waren dafür für mich der direkteste Zugang. Filme liefern Bilder, Spiele liefern Gestaltungsräume, aber Bücher liefern nichts außer dem was mein Hirn aus Sprache macht. Und genau das machte sie für mich so intensiv und intim im Erleben. Ich ging selbst auf die Reise, die der Autor geschrieben und meine Phantasie ist der einzige Ort an dem ich eine Ahnung von "Unendlich ∞" bekomme.

Als Kind hatten es mir Michael Ende, Astrid Lindgren und Otfried Preußler besonders angetan, also war mir Fantasy keineswegs fremd. Besonders die "Unendliche Geschichte" hatte ich wieder und wieder verschlungen, auch wenn ich erst als Teenager wirklich mit meinen persönlichen philosophischen Deutungen des Stoffs begann.

Noch davor begab sich folgender legendär-pragmatischer Start in das wunderbarste Universum das ich je kennengelernt habe:
Meine Mutter (selbst Lesesüchtige, wie fast alle in meiner Familie) hatte damals immer den Weltbildkatalog. Darin war eine Jubiläumsausgabe angekündigt, sieben Bände, Der Hobbit und Der Herr der Ringe. Sie waren teurer als durchschnittliche Bücher. Ich habe gefragt, ob ich die haben darf. Meine Mutter hat ja gesagt. Bücher waren bei uns immer erlaubt.
Ich habe Der Hobbit aufgeschlagen und den ersten Satz gelesen: „In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“ Und danach die liebevollste Beschreibung einer Fantasyspezies die ich bis zum heutigen Tag je gelesen habe. Ich war süchtig nach Fantasy ab da.
Von da an war Fantasy kein Genre mehr, sondern ein Ort. Ich habe diese Bücher gelesen, gelesen, gelesen. Immer dann, wenn nichts anderes mehr da war, habe ich wieder Tolkien gelesen. Oft nur bis nach Bree, manchmal alles. Insgesamt bestimmt zwanzig Mal. Nicht aus Fandom, sondern weil es Heimat für mich geworden war. Diese Worte haben in mir gewurzelt.
Die Ausgabe selbst habe ich irgendwann verloren. Ich bin elf Mal umgezogen. Es ist "nicht jeder, der wandert, verlorn", aber diese Ausgaben sind es für mich. Der Inhalt ist es keineswegs, allerdings bin ich kein Superfan. Ich habe das Silmarillion nie gelesen, die neue Serie hasse ich, und trotzdem spiele ich heute noch manchmal ein uraltes Herr der Ringe-Online-Spiel, das objektiv kaum noch spielbar ist (LotRO ist fast 20 Jahre alt). Nicht aus Nostalgie. Sondern weil ich da hingehöre. Ich bin ein Hobbit. (Siehe Des Hobbits Liebeserklärung an Lebensmittel)

Ich habe ansonsten gelesen, was ich bekommen konnte. Viel, schnell, wahllos. Bibliotheken waren keine Orte der Ehrfurcht, sondern Jagdgebiete. Ich habe Regale leer gelesen. Erst Fantasy, dann  Mittelalterliches, Historisches, alles mit Schwertern, Drachen, Königen, Intrigen. Dann Thriller, Psychothriller, alles, was dunkle Ecken im Menschen ausleuchtet. Als nicht mehr viel verlockendes übrigblieb ging ich zu denen "die-manchmal-wegen-alphabetischer-Sortierung-zwischen-den-üblichen-Romanen stehen". An denen ich eh schon bei den letzten 10 Besuchen vorbei ging. An den großen Namen, an sogenannter Weltliteratur. Was sollst du machen, bevor du Uninteressantes liest?

Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ich dazu berechtigt bin, solche Bücher zu lesen. Ich habe mich nicht gefragt, ob ich sie richtig verstehen werde, ob ich sie so lese, wie der Autor sie gemeint hat, oder ob ich dafür genug Vorwissen habe. Ich habe gedacht: Das ist ein Buch. Es ist auf Deutsch geschrieben oder zumindest übersetzt. Ich kann Deutsch lesen. Also werde ich es lesen können. Und das stimmte. Ich habe „Herr der Fliegen“ gelesen, „1984“, „Les Misérables“, „Die Verwandlung“, „Der Zauberberg“, „Die Buddenbrooks“, „Der Untertan“, später den „Steppenwolf“. Ich habe sie gelesen wie alles andere auch: aufgeschlagen, gelesen, weitergelesen. Und ich habe mir meine eigenen Gedanken dazu gemacht.

Und ich habe schnell verstanden, dass dieses berühmte Kanon-Gedöns nicht nur Gerede ist. Nach „1984“ ist Sprache nicht mehr unschuldig. Nach „Herr der Fliegen“ ist Zivilisation keine Selbstverständlichkeit mehr. Nach Kafka fühlt sich Entfremdung nicht mehr abstrakt an, sondern körperlich. Nach Victor Hugo denkt man über Gesellschaft und Verantwortung anders.... und... sie sind halt absolut NICHT langweilig.

Außer der „Zauberberg“ und das auch noch mit Absicht. Wer ihn gelesen hat, weiß, warum. Wer ihn nicht gelesen hat, dem kann ich das kaum erklären. 

Ich war ein Bücherfresser. Ich habe Bücher nicht gesammelt, ich hab sie mir einverleibt. Lesen war kein Ereignis, es war ein Zustand. Es war einfach da, so wie Atmen oder Denken.

Der Bruch kam, und er kam nicht leise. Ich war in der Psychiatrie, bekam Tavor. Nicht, weil ich mir das ausgesucht hätte, sondern weil es mir gegeben wurde. Ich wusste damals nicht mal, dass es abhängig machen kann. Ich wusste nicht, was es mit Konzentration, Gedächtnis und Wahrnehmung macht. Und es war langweilig dort. Nach ein paar Tagen wollte ich etwas lesen. Eine Mitpatientin hatte „Tintenherz“. Das Buch kann nichts dafür. Ich habe versucht zu lesen und gemerkt: Es geht nicht. Die Wörter waren da, aber sie kamen nicht mehr zusammen. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Das war ein Schock.

Als das Tavor abgesetzt wurde, wurde es wieder deutlich besser. Aber es wurde nie wieder wie vorher. Ich lese wieder, aber das alte Verschlingen kam nicht zurück. Ich nehme Psychopharmaka: Lithium. Ich will und muss es nehmen. Ich bin dankbar für die Stabilität, die es mir gibt. Aber ich merke auch, dass es dämpft. Nicht dramatisch, nicht vernichtend, aber spürbar. Und irgendwo auf diesem Weg ist das frühere Lesen geblieben, aber ich habe die Fähigkeit eingebüßt Bücher zu verschlingen und dafür eine Befreiung von 30 Jahren latenten Suizidgedanken erhalten. Ich denke der Handel ist fair.

Heute lese ich sehr viel langsamer und deshalb weniger und selektiver. Ich greife mir einzelne Bücher, meist wieder "Weltliteratur". Nicht, weil ich mir etwas beweisen will, sondern weil sie da sind und auf mich warten, viele davon hab ich noch nicht, will ich aber noch. Und ich weiß inzwischen, dass ich nicht alle lesen werde, die fantastisch sind. Das ist ein Verlust, aber schlicht meine Realität.

Was Lesen heute für mich bedeutet, hat viel mit dem zu tun, was es früher für mich war. Ich habe mir durch dieses wahllose, gierige Lesen unglaublich viel Welt angeeignet. Fantasie, Geschichte, mögliche Vergangenheiten, mögliche Zukünfte, menschliche Abgründe, Denkmodelle. Das ist alles nicht weg. Es existiert in mir weiter. Auch wenn ich heute langsamer lese, stehe ich auf einem Fundament aus Geschichten.

Ich bin ein Bücherfresser außer Dienst. Ich weiß, wie es sich angefühlt hat, sich selbst ermächtigt jede Geschichte anzueignen zu können, die ich wollte und die auf Deutsch erhältlich war. Das hat mich für immer verändert und den unendlich vielen Autorinnen der Welt bin ich dafür dankbar, dass sie schrieben und schreiben. Und somit uns Lesern neue Blickwinkel eröffnen. 
 

205 Eure Wut ist normal - Meine ist zu viel

Loyalitäts-Doppelmoral

Ich rede hier nicht von Streit. Ich rede nicht davon, jemanden fertigzumachen oder jemanden persönlich anzugehen. 

Ich rede davon, dass ich mich auch mal auskotzen will, dass ich auch mal wütend sein will auf die Welt, auf ein System, auf Umstände, die beschissen laufen. Ihr ruft bei mir an und beschwert euch über den Straßenverkehr, über Kollegen, über das Sozialsystem, über irgendwen, der euch gerade nervt, und ich gehe ein Stück mit, nicht weil ich muss, sondern weil das normal ist, weil das dazugehört, weil das gut tut, weil man sich bei Freunden auch mal auskotzen darf. Ich relativiere vielleicht minimal, wenn es nötig ist, aber ich verlasse euch nicht, ich bleibe bei euch und rege mich mit euch auf, weil das Verbundenheit ist, dieser kurze Moment von: "Wir gegen die Welt!".

Wenn ich wütend bin, dann bin ich euch unangenehm, peinlich, zu laut, zu anstrengend. Dann heißt es, ich müsse das differenzierter sehen, ich müsse sachlicher bleiben, ich müsse mich beruhigen. Ich kenne meine Anteile meistens schon selbst, ich benenne sie oft sogar vorher, ich weiß, wo ich hätte früher reagieren können, wo ich hätte besser planen können, wo ich vielleicht nicht perfekt war. Trotzdem darf ich auch mal sagen: Das regt mich auf.

Mein Borderline ernst nehmen heißt nicht, dass ich keine Emotionen mehr haben darf. Therapie heißt nicht, dass jede Wut automatisch falsch ist. DBT (Verhaltenstherapie für Borderliner) sagt nicht, deine Gefühle sind fehlerhaft, sie sagt, prüf sie. Und ich prüfe! Und wenn ich nach dieser Prüfung wütend bin, dann ist das kein Beweis für meine Dysfunktion, sondern nur dafür dass ich meine Wut als gerechtfertigt empfinde.

Was ich mir wünsche, ist nichts Großes. Ich will kein "Du bist unschuldig!", ich will keine Bestätigung, dass ich immer recht hätte. Ich will für ein paar Minuten dieses: "Ja, verdammt, das ist ungerecht.". So wie ich es auch gebe. Wenn ich euch kenne und weiß, warum euch etwas aufregt, dann steige ich ein. Nicht blind, aber loyal, wenn ich es nicht täte wäre ich nicht mit euch befreundet.

Und manchmal fühlt es sich an, als würde mir gesagt: Halt die Fresse, sei funktional, solange du zuhörst, bist du willkommen, aber sobald du selbst Raum einnimmst, sobald du laut wirst, sobald du nicht nur Spiegel bist, wirst du mir zu anstrengend. Wenn das wirklich so ist, dann sagt es wenigstens ehrlich. Dann kann ich entscheiden ob ich noch weiter Lust auf Kontakt habe.

Ich bin kein Werkzeug. Ich bin kein emotionaler Dienstleister. Ich bin ein Mensch. Und Menschen sind manchmal laut.

206 Ein Milliardenmarkt fürs Unersetzlich sein

Romance ist ein Milliardenmarkt. Egal ob Bücher, Serien, Filme oder Musik , diese Inhalte werden millionenfach konsumiert, weltweit. Frauen geben real Geld aus für Geschichten, in denen die emotionalen Höhepunkte Resonanz und Commitment sind: gesehen werden, ernst genommen werden, gewählt werden. 

„Was du denkst, ist mir wichtig.“ 

„Ich entscheide mich für dich.“ 

"Du bist für mich unersetzlich."

Natürlich gibt es auch Dark-Romance, Bad-Boy-Fantasien, „I will fix him“-Geschichten. Aber selbst dort liegt der Wendepunkt nicht in der Kälte, sondern in der exklusiven Resonanz: Er hört auf sie. Er verändert sich für sie. Er entscheidet sich.

Dem gegenüber steht die Behauptung, Frauen wollten Arschlöcher, wollten Männer, die nicht auf sie eingehen, die keine Resonanz geben. Das ist eine Verallgemeinerung und natürlich sind Menschen unterschiedlich. Es gibt Frauen, die Dominanz attraktiv finden, auch toxische Dynamiken. Wenn "Frauen wollen Arschlöcher" aber die durchschnittliche Erklärung weiblichen Begehrens wäre, müsste sich das doch im massenhaften Fantasiekonsum spiegeln. Dann wäre das erfolgreichste Genre eines, in dem Frauen in Beziehungen ohne Resonanz gehen. Das ist es nicht.

Daraus folgt nicht, dass alle Frauen gleich sind, aber es legt nahe, dass viele sich wertschätzende Beziehungsmuster wünschen.

207 LITHIUM - The Trick Is to Keep Breathing 

Triggerwarnung und Disclaimer: Hier geht es um suizidale Gedanken und Verhalten. Lithium ist ein Medikament mit zum Teil starken Nebenwirkungen und wirkt bei jeder Patientin anders.

10.000 Tage weiteratmen

Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als etwas begann, das ich damals nicht benennen konnte. Ab einem bestimmten Punkt war Sterben wollen keine akute Krise, sondern mein alltäglicher Begleiter. Es war ein immer offener Notausgang. 

Von 1994 bis 2021 sind es über 10.000 Tage. Über 10.000 Tage, an denen ich mit latenter Suizidalität gelebt habe. An drei Tagen habe ich versucht, mich umzubringen. An allen anderen habe ich es geschafft, es nicht zu versuchen. Das ist keine Heldengeschichte. Das ist eine Bilanz. Wer lesen mag was mir bis dahin geholfen hat am Leben zu bleiben wird hier fündig.

Das Absurde war: Diese Gedanken waren nicht an schlechte Tage gebunden. Ich konnte Motorrad fahren, tanzen, lachen, Musik genießen und gleichzeitig denken: "Ich will tot sein.". Und ich habe mich dafür geschämt, mich undankbar gefühlt, weil ich nicht genießen konnte, was das Leben mir gab.

Wenn auch nur das geringste negative passierte, war die Todessehnsucht der prominente Gedanke in meinem Kopf. Morgens dachte ich Jahrzehnte lang vor allem daran den Tag zu schaffen, auch wenn nur positives anstand.

Parallel dazu gab es manische Phasen. Manche waren leichter, manche schwerer. In den schweren war ich nicht einfach gut gelaunt, sondern entgrenzt. Ich dachte dann z.B. ich könnte alle Sprachen, hörte Stimmen und gab sehr viel Geld aus. Zusammenhänge konstruierte ich in diesen Phasen wie ein Verschleierungsideologe. Nicht aus Bosheit, sondern aus einem biochemischen Ausnahmezustand. Von außen betrachtet war manches vielleicht sogar amüsant, aber es war für mich einfach Realität zu diesen Zeiten und leider mussten meine Mitmenschen das ausbaden. Ich hatte schlicht Glück, dass es bei mir größtenteils nur peinlich war, aber die Scham und meine latente Suizidalität waren ein toxisches Gemisch.

Und so kam der dritte Tag an dem ich aufgab und nach diesem beschloss ich nie wieder aufzugeben, sondern zu überleben. Und ich beschloss alles dafür zu tun das zu schaffen.

Lithium wurde mir nicht wegen der latenten Suizidgedanken gegeben. Es wurde als Stimmungsstabilisator angesetzt, als Ersatz für Olanzapin, das aus guten Gründen nicht mehr infrage kam. Ich wurde ausführlich über die Risiken aufgeklärt und unterschrieb, denn ich wollte ja alles tun.

Ein paar Wochen später passierte irgendwas Peinliches und plötzlich merkte ich, das ich gar nicht mehr sterben wollte. 

Verpflichtung zum weiteratmen

Lithium hat mein Leben nicht einfacher gemacht. Es hat es verpflichtend gemacht. Vorher war Leben ein Projekt mit offenem Notausgang. Der war nun zu und mein System bestand plötzlich darauf, dass Weiteratmen keine Verhandlungssache mehr ist. Du schämst dich? Egal. Du bleibst. Du hast Mist gebaut? Möglich. Du bleibst. Es ist anstrengend? Ja. Du bleibst. Das war ungewohnt, das war hart.

Und damit begann die echte Arbeit an mir, sie war damit erst möglich, aber halt nun auch schlicht Gesetz. Ich habe dann die DBT wieder und wieder durchgearbeitet. Achtsamkeit geübt. Mich mit meinem inneren Richter auseinandergesetzt... diesem Anteil, der mir bei jedem vermeintlichen sozialen Fehler das Recht zu leben abgesprochen hat. Ich habe gelernt, meine eigenen ethischen Prinzipien auf mich selbst anzuwenden. „Jeder Mensch ist ein Mensch“ schloss plötzlich auch mich ein. Ich hab "Pragmatismus first" für mich eingeführt um endlich im Alltag klar zu kommen. 

Ich bin meine Sozialphobie angegangen. Zugfahren üben ohne Alkohol und sedierende Medikamente. Streaming mit der Chance sich total zu blamieren. Kafka und Hesse lesen und darüber reden.

Ja, Lithium dämpft mich. Kognitiv bin ich langsamer. Ich habe zugenommen. Das nervt. Aber ich habe diese Dämpfung eingetauscht gegen ein System, das mir jeden Tag mit dem Tod drohte.

Das permanente Sterben wollen war auch kein Charakterzug und kein moralisches Defizit. Es war schlicht ein biochemisches Ungleichgewicht. Als es verschwand war endlich genug Energie frei um den Rest meiner Probleme anzugehen.

The Trick Is to Keep Breathing - der Trick ist es, weiterzuatmen.

Der größte Auftrag im Leben ist es, am Leben zu bleiben.

Und ich bleibe.

208 Die rote 1

Brauchen wir Algorithmen?

Was diese zwei kleinen roten Zahlen gemeinsam haben, ist nicht TikTok und nicht Threads. Es ist das, was sie in meinem Kopf auslösen. Ich sehe die rote 1... und ich klicke. Nicht, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Sondern weil diese Zahl sagt, dass da Resonanz möglich ist.

Vielleicht hat jemand geantwortet.

Vielleicht hat jemand widersprochen.

Vielleicht hat jemand zugestimmt.

Vielleicht hat einfach jemand geliked.

Es juckt in meinem Hirn, bis ich drauf geklickt habe. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist. Ich weiß nur, wie es bei mir ist. Die rote Eins ist kein Drama. Sie ist klein. Aber sie ist ein Versprechen. Ein winziger Hinweis darauf, dass ich gesehen wurde. Und das ist ein Grundbedürfnis
 

Also klicke ich. Und dann passiert das Eigentliche. Ich klicke auch in meinen Feed. Und dann ist da jemand, dem ich widersprechen möchte, oder dem ich zustimme, der mich zum Lachen bringt, also scolle ich, weil ich hoffe.

Mein Feed ist kein Zufall. Ich habe ihn geformt, ohne es zu planen. Ich habe ihn mit jedem Klick und mit jeder Interaktion gefüttert und der Algorithmus hat gelernt und deshalb hat er so oft recht.

Diese Systeme sind nicht dafür gebaut, mir gutzutun. Sie sind dafür gebaut, möglichst lange, intensiv und engagiert benutzt zu werden. Das ist nicht mal Bosheit, sondern schlicht Marktlogik. Aufmerksamkeit ist die Ware und Verweildauer der Erfolg. Und um diese Verweildauer zu erhöhen, nutzen Plattformen Mechanismen, die durchaus potentiell suchtgefährdend sein können:

Unregelmäßige Belohnung.

Variable Bestätigung.

Soziale Rückkopplung.

Endlosbestätigung ohne vorgegebenen Abschluss
 

Nicht jeder, der Social Media nutzt, ist abhängig. So wie nicht jeder, der Lotto spielt, spielsüchtig ist. Menschen sind unterschiedlich disponiert. Aber dass diese Mechaniken Suchtgefahren bergen, ist schwer zu bestreiten. Es ist ein Risiko, das sich über Dauer aufbaut.

Aber selbst das ist nicht der Kern. Der Kern ist, dass es kein Ende gibt, denn der Algorithmus schlägt immer den nächsten Inhalt vor.

Wir regulieren Glücksspiel, weil variable Belohnungssysteme sucht-verstärkend wirken können. Wir akzeptieren, dass Märkte Leitplanken brauchen, wenn Profitinteressen und menschliche Bedürfnisse aufeinandertreffen.

Ich rede nicht von Verboten, nicht von Zensur, nicht von Zeitlimits.

Ich frage mich nur:

Was würde passieren, wenn Social Media keine Vorschlagalgorithmen mehr hätte? Wenn es nur noch eine Suchzeile gäbe?
Wenn ich aktiv entscheiden müsste, was ich sehen will, statt endlos gefüttert zu werden mit dem, worauf ich vermutlich reagieren werde?


Die rote Eins würde dadurch gar nicht verschwinden. Sie würde nur keine endlose Scroll-Versuchung mehr mit sich bringen. Die Betreiber der Plattformen wären sicher nicht begeistert davon, aber sie machen keinen Großteil der Bevölkerung aus.
 

Wo seht ihr Chancen und wo Risiken von Social Media?

Wie würdet ihr die Probleme (falls ihr welche seht) davon angehen?

209 Radikale Ehrlichkeit - weil Lügen Energie kostet

Mit Anfang zwanzig war ich ein Aufschneider. Ich fuhr Motorrad, erzählte Geschichten und legte gern eine Schippe drauf. Ich habe nichts komplett Erfundenes erzählt. Aber ich habe ausgeschmückt, minimal verdreht, dramatisiert, peinliche Sachen weggelassen. Ich hab das Bild erzählt, das ich gern gewesen wäre, nicht das was ich war. Das Problem an dieser Strategie ist für mich nicht die Moral, sondern die Verwaltung. Ich musste mir merken, wem ich was erzählt hatte und ich musste verteidigen, wenn jemand nachfragte. Das empfand ich als höchst unangenehm und die Versionsverwaltung kostete mich Energie.

Es gab keinen heroischen Entschluss, kein Datum, keinen Schwur. Irgendwann dachte ich schlicht: "Probier es doch mal ohne. Erzähl einfach das, was passiert ist. Nicht mehr, nicht weniger." Und dabei fiel mir erstens auf, wie oft ich vorher übertrieben hatte. Zweitens wie automatisch ich das tat. Drittens wie oft ich mich selbst in eine bessere Position schob, ohne es als Lüge zu etikettieren.

Aber der wichtigste Punkt war die Erleichterung. Als ich nichts mehr aufblasen musste, musste ich auch nichts mehr verteidigen. Wenn jemand mir nicht glaubt, ist das sein Problem. Ich weiß, was war, was ich gefühlt habe, wie es passiert ist. Ich konnte einfach mich selbst erzählen und die Welt explodierte nicht. 

Ab da begann etwas, das ich heute radikale Ehrlichkeit nenne und mein wichtigstes Prinzip zur Erleichterung meines Lebens ist. Radikale Ehrlichkeit ist für mich kein ethisches Prinzip, ich habe so einige davon, aber meine Ehrlichkeit kommt nicht aus Moral. Sie kommt aus Energieökonomie. Lügen, Imagepflege und Versionen kosten Energie. Ich habe davon nicht genug, um sie in Parallelrealitäten zu investieren.

Doch der größte Gewinn dieser Entscheidung ist Konsistenz. Es ist mein Leben, und ich erzähle es. Es gibt nichts zu korrigieren. Manchmal kann es passieren, dass ich im Ton überzogen war oder eine Situation von außen noch einmal anders beleuchtet bekomme. Dann korrigiere ich den Ton oder entschuldige mich.  Die Substanz des Gesagten bleibt in den allermeisten Fällen bestehen.

Es hat mir nie geschadet und es hat mir oft geschadet. Beides ist wahr und werde ich hier kurz erklären.Ich empfehle radikale Ehrlichkeit nach außen ausdrücklich nicht, denn ich hab dadurch Sozialkontakte verloren. Noch dazu bin ich in unangenehme Situationen geraten, in denen ich genau wusste, wenn ich das jetzt sage, wird es mir oder dem anderen wehtun, oder ich werde mich schämen, oder ich werde Ablehnung riskieren. Und manchmal lösen sich Beziehungen auch dadurch. Dating endet sehr oft abrupt. Familienfeiern eskalieren. Wer soziale Sicherheit über innere Stimmigkeit stellt, sollte radikale Ehrlichkeit eher nicht forcieren. Das sehe ich nicht als Schwäche, sondern ist schlicht eine andere, legitime Priorität.

Was ich jedem empfehle, ist radikale Ehrlichkeit nach innen. Das ist etwas anderes. Zu akzeptieren, dass man neidisch, gierig, eifersüchtig, getriggert... sein kann. Oft nicht heroisch, nicht golden, sondern einfach menschlich. Und dass man dies radikal ehrlich anerkennt, ohne Abwertung, ohne Selbstverherrlichung. Das ist anstrengend, weil man Dinge sieht, die man nicht mögen will. Aber genau dadurch entstand bei mir ein Impuls zur echten Veränderung, nicht Anpassung.

Nach außen ist meine Ehrlichkeit ein Beziehungsfilter. Ich will nur mit Menschen befreundet oder liiert sein, die mich meinen und keine geschönte, sozial verträgliche Version. Wenn jemand geht, weil sie mit meiner Wahrheit nicht klarkommt, dann mochte die Person mich nie wirklich, sondern nur ein Bild.

Natürlich gibt es Grenzen. Ich erzähle keine Details über andere. Ich veröffentliche keine sicherheitsrelevanten Informationen. Diskretion ist kein Widerspruch zur Ehrlichkeit. Aber ich führe keine zweite Version meines Lebens mehr.

Ich bin radikal ehrlich, weil Lügen Energie kostet.

210  Parasoziale Beziehungen

Wenn Nähe zur Ware wird

Parasoziale Beziehungen sind kein Phänomen des Internets. Sie existierten lange vor Social Media. Menschen fühlten sich Elvis nahe, imaginierten Beziehungen mit Marilyn Monroe, glaubten, Michael Jackson zu „verstehen“. Auch heute gibt es bestimmt Menschen, die überzeugt sind, eine besondere Verbindung zu Taylor Swift oder ähnlichen Stars zu haben. Gemeint ist mit dem Begriff, dass eine einseitige Beziehungsvorstellung entsteht, obwohl faktisch keine Gegenseitigkeit existiert. Nicht gemeint ist damit Sympathie oder regelmäßiger Konsum der Inhalte.

Bei klassischen Stars war diese Dynamik begrenzt durch Distanz. Filmstars reagierten nicht live auf Fanbriefe. Sänger nannten keine einzelnen Zuschauer beim Namen. Die Projektion war stark, aber die Interaktion gering.

Mit Social Media ändert sich die Architektur. Content Creator - ob auf YouTube, Twitch oder anderen Plattformen - interagieren.

Sie lesen Kommentare.

Sie reagieren auf den Chat.

Sie bedanken sich namentlich für Spenden.

Sie streamen aus ihren Wohnungen.

Sie teilen Alltägliches.

Nähe wird hier also nicht nur vom Zuschauer projiziert, sie wird simuliert.

Hinzu kommt die direkte Monetarisierung. Abonnements, Spenden, Bits, Ranglisten, Top-Supporter-Anzeigen. Wer Geld gibt, wird sichtbar, besonders in Liveformaten. Wer viel gibt, wird besonders sichtbar. Wer extrem viel gibt, wird gefeiert. Plattformdesign ist hier nicht neutral. Es belohnt Bindung. Denn parasozial stark gebundene Zuschauer geben überdurchschnittlich viel Geld aus. Das ist kein moralisches Urteil, sondern ökonomische Logik.

Bereits hier liegt ein strukturelles Problem, denn es wird Nähe kapitalisiert und Dankbarkeit öffentlich inszeniert. Das verstärkt die Illusion von Gegenseitigkeit. Nicht jeder Creator forciert das, viele gehen verantwortungsvoll damit um, aber die Mechanik existiert.

Sexualisierte Darstellung auf Streamingplattformen verschiebt diese Dynamik noch einmal. Nicht, weil Sexualität an sich verwerflich wäre. Wenn monetarisierte Nähe mit sexualisierter Selbstdarstellung kombiniert wird, kann die Bindungsintensität steigen.

Eine weitere Eskalationsstufe findet sich bei Plattformen wie OnlyFans und ähnlichen Angeboten. Dort ist monetarisierte Intimität kein Nebeneffekt, sondern Geschäftsmodell. Paywalls für Nähe. Private Chats gegen Geld und gestufte Exklusivität sind Programm. In manchen Fällen sogar ausgelagerte Kommunikation über Agenturen, während auf der Oberfläche persönliche Nähe suggeriert wird. Hier wird parasoziale Bindung nicht nur genutzt, sondern systematisch zu einem Produkt gemacht.

Das Risiko liegt auf beiden Seiten. Creator können Sicherheitsprobleme erleben, wenn Beziehungsillusionen eskalieren. Zuschauer können sich emotional und/oder massiv finanziell schädigen, wenn sie in asymmetrische Nähe investieren, die sie als real erleben.

Doch nun zurück zu Twitch und ähnlichen Plattformen. Diese sind ohnehin stark monetarisiert. Wenn eine solche Plattform zusätzlich den Eindruck vermittelt, dass sexualisierte Nähe ein zentrales Mittel der Aufmerksamkeit und Einnahme ist, verschiebt sich ihre Identität. Aus einer Gaming- und Entertainmentplattform mit teilweise fragwürdigen Monetarisierungsanreizen wird eine Bühne für monetarisierte Sexualisierung mit Querverweisen zu Seiten wie OF.

Parasoziale Beziehungsillusion ist meiner Ansicht nach immer kritisch - bei Stars, bei Streamern, bei erotischen Creatorinnen. Aber je interaktiver, je unmittelbarer monetarisiert und je emotional intensiver inszeniert, desto größer wird das Risiko.

Zahlung erzeugt Zugang, aber das schafft keine echte Gegenseitigkeit.

Doch:

Wenn Nähe zur Ware wird, entsteht bei Zahlung eine Anspruchshaltung. 



Nachtrag zu OF und Fanblast... dort wurde sichtbar was passiert wenn Nähe industriell produziert wird.

 

211  Blitzlicht zur Chronologie

Ich hab viel gelernt in den letzten 30 Jahren, ich hab viel an mir gearbeitet, ich bekomme passende Medikamente, ich halte so enorm viel mehr aus als früher...

 

Aber langsam ist der Akku leer, Familie, Freundschaften, Beziehung, Finanzen, Umzug... kein Lebensbereich läuft, alles kostet Kraft. Die Weltpolitik kostet 10x so viel Kraft wie noch vor 10 Jahren.

 

Was mich weiter schreiben lässt ist nur noch der Gedanke, dass unsere Welt jede Stimme braucht, die sich für progressive, demokratische Werte einsetzt. Das es feige wäre jetzt einzuknicken, das es jämmerlich wäre das wegen meiner privaten Schwierigkeiten zu tun...

 

Also weiterwursteln...

212 Was findet man da eigentlich schön?

Mit Beginn der Pubertät entwickelt der menschliche Körper sekundäre Geschlechtsmerkmale. Dazu gehört Körperbehaarung - bei allen Geschlechtern. Natürlich individuell unterschiedlich stark, aber Behaarung kann als eines der Zeichen von Geschlechtsreife gesehen werden.

Wenn ein vollständig rasiertes Erscheinungsbild als besonders ästhetisch gilt, dann wird optisch eine Version des Körpers bevorzugt, in der dieses Reifezeichen fehlt. Menschen dürfen Vorlieben haben. Rasur kann sich angenehmer anfühlen und bei mancher Tätigkeit kann sie praktischer sein. Doch Haptik und Funktion ist hier nicht der Punkt. Es geht um das optische Ideal.

Geschmack ist individuell, aber er entsteht nicht im luftleeren Raum. Unsere Sehgewohnheiten werden geprägt durch das, was wir immer wieder sehen: Werbung, Hochglanzmagazine, Film, soziale Medien, Pornografie. Über Jahrzehnte hinweg wurden besonders weibliche Körper, später zunehmend auch männliche, als selbstverständlich haarlos inszeniert, ob Achsel oder Intimbereich. Wiederholung erzeugt gefühlte Normalität.

Warum empfindet man einen kahlen Intimbereich als optisch schöner?

Rasur ist eine Kulturtechnik. Sie existiert seit Langem, mal stärker verbreitet, mal weniger. Die Moden der Jahrhunderte veränderten ihre Wahrnehmung. Dennoch ist sie keinesfalls der biologische Ausgangszustand eines erwachsenen Körpers. 

Für mich persönlich war es schon in meinen 20ern klar, ich möchte dort unten erwachsen aussehen. Ich rasiere mittlerweile weder meinen Intimbereich noch Achseln oder Beine, weil Körperhaare für mich ein normales Zeichen von Geschlechtsreife sind. Noch dazu hoffe ich das viele das tun, so dass wir uns wenigstens im normalen Leben wieder optisch an Haare an Körpern gewöhnen, wenn schon die Medien uns immer rasierte, epilierte, gelaserte, gewaxte... Körper präsentieren.

213  Ich hab das nicht so gemeint

Verantwortung in der Kommunikation

„Ich hab das nicht so gemeint“, ist bei der ersten Verwendung tatsächlich etwas wie ein Joker. Dann kann echtes Lernen voneinander stattfinden.

Um ihn allerdings tatsächlich gut zu machen, bräuchte es Nebensätze z.B.:

- „Ich hab das nicht so gemeint, ich werde das in Zukunft versuchen anders zu machen.“

- „Ich hab das nicht so gemeint, aber das hat mich jetzt tatsächlich mal angestoßen über meine Formulierung nachzudenken.“

- „Ich hab das nicht so gemeint, aber ich schaffe es nicht das anders zu formulieren. Welchen Kompromiss können wir finden.“

Leider ist es meist ein weniger positiver Gedanke der unausgesprochen mitschwingt: „Stell dich nicht so an und lerne es so zu betrachten wie ich es meine.“. Besonders wenn er noch mal zur selben Formulierung fällt.

Für viele ist der Satz eine banale Entschuldigung, für mich ist er ein Zeichen dafür, dass jemand nicht verstanden hat, was Kommunikation eigentlich bedeutet.

Kommunikation ist kein Selbstläufer, sie ist Hochleistungssport für Mutige. Ein recht unsympathischer, aber sehr kluger Mensch (mein Ex) sagte mal zu mir: „Wenn du etwas sagst oder schreibst, mach dir klar was du damit erreichen willst.“. Ich habe diesen Satz verinnerlicht, auch wenn er von ihm kam. Und deshalb kann ich klar sagen, was ich mit jeder Kommunikation als Hauptziel erreichen will, auch wenn das Erreichen sehr schwer ist: Genau das was ich wirklich gemeint habe, soll beim Gegenüber ankommen. Alles andere (Beziehungspflege, Selbstwert usw.) ist erst mal Dekor. Und für dieses Ankommen muss ich mein Gegenüber kennenlernen und wer klar Wut oder Verletzung über meine Worte äußert gibt mir enorm wichtige Informationen. Emotion ist dabei also kein Hindernis, sondern kann Teil der Information oder die ganze Information sein.  

Und ich tat und tue mir mit wertschätzender Kommunikation unglaublich schwer. Deshalb habe ich mich so lange und intensiv mit Kommunikationspsychologie beschäftigt, mit Sender und Empfänger, mit Wahrnehmung, mit Sprache, mit Modellen, die erklären, warum wir so oft aneinander vorbei reden. Ich habe gelesen, geübt, beobachtet, analysiert, und trotzdem passiert es mir immer wieder, dass meine Botschaft völlig anders ankommt, als ich sie gemeint habe.

Kommunikation - besonders mit Menschen mit denen man länger Kontakt möchte, bedeutet - Verantwortung zu übernehmen, lange nicht nur für die Absicht, sondern besonders für die Wirkung. Sie ist alles was der Empfänger bekommt, mehr steht ihm nicht zur Verfügung. Man sollte lernen wollen, sich so auszudrücken, dass beim anderen ankommt, was man tatsächlich meint. Das ist schwer, je weiter die Lebenswelten der Kommunizierenden voneinander entfernt sind, je weniger Überschneidung ihre Blasen haben, desto schwieriger wird eine gelungene Kommunikation. 

Doch Kommunikation ist nicht vorrangig Talent. Sie ist ein Handwerk, eine Haltung, ein ständiges Training. Wer sie ernst nimmt, nimmt seine Mitmenschen ernst.

214  Wenn Moral als Identität behauptet wird

Beware of the „Golden Angel Inside“

Ich lästere nicht gern über meine eigene Bubble, denn trotz allen Nervigkeiten fühle ich mich immer noch richtig auf der progressiven Seite des Spektrums, aber in letzter Zeit höre ich doch immer wieder von Fällen von „Nice Guys“ und „Good Girls“ in unseren eigenen Reihen. Diese Leute werden oft als bewusst manipulativen Menschen beschrieben, die Nähe, Mitleid oder moralische Überlegenheit gezielt einsetzen um ihre Ziele zu erreichen.

Doch in meiner Erfahrung ist eine andere Gruppe viel häufiger vertreten, die zwar oft gleich handelt, aber aus anderer Intention. Damit meine ich Leute, die nicht bewusst manipulativ sind, sondern im Gegenteil fest davon überzeugt sind, gute Menschen zu sein. Für diese Gruppe verwende ich den Begriff Golden Angel Inside, als anderer Typ innerhalb des bekannten Nice-Guy-/Good-Girl-Problemfeldes, als geschlechtsneutrale Beschreibung, weil ich diese Struktur in allen Geschlechtern kennengelernt habe.

Ansonsten verwende ich ein generisches Femininum und meine alle damit.

Wer glaubt intrinsisch gut zu sein wirkt zunächst oft sympathisch. Sie wirken moralisch klar, überzeugt, manchmal sogar beeindruckend sicher in ihren Urteilen. Das Problem entsteht erst, wenn diese Sicherheit auf Menschen mit anderen Werten oder Einstellungen trifft.

Denn wenn man überzeugt ist, Gut sein wie Hardware eingebaut zu haben, wird jede Kritik schwierig, jedes "Was du sagst hat mich verletzt" fast unmöglich. 

Mehr zu dem dann meist folgenden "Ich hab das nicht so gemeint" habe ich hier beschrieben, außerhalb dieses Textes, weil es meiner Meinung nach nicht nur bei "Golden Angel Inside" passiert.

Ein weiterer Punkt wird sichtbar, wenn man über Eigenschaften spricht, die Menschen gern „menschliche Abgründe“ nennen: Egoismus, Neid, Eifersucht, Gier... Dieser Blick auf diese sehr normal-menschlichen Eigenschaften verklärt vieles.

 

  • Jemand, die sagt: „Ich bin manchmal egoistisch“, beschreibt damit schlicht Realität. Sie erwartet Egoismus auch bei anderen Menschen und wird deshalb selten überrascht sein, wenn diese Eigenschaft ihr begegnet. Vielleicht hat sie gar nicht das Ziel ein guter Mensch zu sein.
  • Ein Mensch, der sich vornimmt, ein guter Mensch zu sein, versucht darüber hinaus etwas anderes: Sie versucht, diese Impulse zu begrenzen. Sie reflektiert diese. Irgendwann kommt vielleicht der Moment: „Mist. Da war ich wirklich egoistisch. Das will ich das nächste Mal anders machen“
  • Der Golden Angel Inside kommt zu diesem Moment selten. Nicht weil sie ein schlechter Mensch wäre. Sondern weil sie überzeugt ist, bereits ein guter zu sein. Sie hat Impulse wie Egoismus einfach nicht. Denkt sie zumindest.

 

Dadurch entsteht ein merkwürdiger Effekt im Weltbild des "Golden Angel Inside". Egoismus taucht nur noch bei anderen Menschen auf. Bei sich selbst ist so ein Abgrund dann nur eine Zuschreibung von außen, alles eigene Handeln geschieht nur aus tugendhaften Beweggründen.

Selbstreflexion funktioniert jedoch anders, zumindest wie ich sie erlebe. Sie beginnt meist mit der Reaktion anderer Menschen. Ich denke dann später darüber nach, was jemand gesagt hat. Wie jemand reagiert hat. Ob vielleicht etwas in der eigenen Aussage anders angekommen ist, als man dachte. Ob ich vielleicht irgendwo getriggert war und nicht der eigentlichen Situation entsprechend reagiert habe.

Wenn diese Art von Nachdenken nicht stattfindet, bleibt nur die eigene Intention als Maßstab. Und damit die eigene Moralvorstellung zur Identität. Und Tugend von Praxis zum Richterspruch über die Welt.

Ich vermute, dass dieses Muster oft schon früh entsteht. Manche Menschen lernen als Kinder, dass es verschiedene Arten gibt, ein guter Mensch zu sein. Das es eine schwierige Lebensaufgabe ist dieses Ziel zu verfolgen und dauernde Selbstüberprüfung erfordert. Andere lernen etwas viel Einfacheres: Wir sind die Guten. Die anderen liegen falsch.

Wer so sozialisiert wurde, hat wenig Anlass, sich selbst zu überprüfen. Das moralische Urteil steht bereits fest. Ethik hat dann gar keine Möglichkeit anzusetzen.

Ich persönlich empfinde diese Konfiguration Mensch als die anstrengendste und ich habe bisher keinen Weg gefunden sie zu erreichen, deswegen richtet sich mein Text auch nicht direkt an sie, sondern an Leute die "Golden Angel Inside" auch in ihrem Umfeld hatten oder haben.


 

Sind euch solche Menschen schon begegnet?

Wie geht ihr damit um?

Und habt ihr selbst einen Namen für diesen Typ Mensch?

215 Innere Rechtssprechung I - Der Henker in meinem Kopf

Es gibt eine Instanz in meinem Kopf, die ich früher „innerer Richter“ nannte. Das klingt zunächst nach Gewissen, nach moralischer Instanz, nach etwas, das Menschen sogar brauchen. In Wirklichkeit war mein Richter eher ein Henker. Er richtete nicht über andere Menschen. Er richtete ausschließlich über mich.

Seine Urteile waren eindeutig, endgültig und eiskalt. Wenn ich einen Fehler machte, erklärte er mir nicht nur, dass es ein Fehler war. Er erklärte mir, dass ich der Bezeichnung Mensch nicht würdig sei. Todesurteil war seine häufigste Strafe.

Das klingt dramatisch, aber für mich war es über Jahrzehnte Alltag. Immer wenn etwas schiefging, immer wenn ich auch nur entfernt glaubte, jemanden enttäuscht zu haben, konnte diese Stimme mir erklären, dass ich eigentlich kein Recht hätte zu existieren.

Dann kam Lithium in mein Leben und hat verrückter weise den Notausgang geschlossen. Damit meine ich die latenten Suizidgedanken, die früher immer irgendwo im Hintergrund existierten. Egal wie laut der innere Richter schimpfte, egal wie drastisch seine Urteile wurden, ich wollte nicht mehr sterben. Das war für mich ein fundamentaler Unterschied. Denn plötzlich konnte der Henker seine Urteile zwar noch sprechen, aber ich war gar nicht mehr in der Lage sie zu vollstrecken, selbst wenn ich ihm recht gab.

Ich stand morgens auf, machte meinen Kaffee, ging einkaufen, beantwortete Nachrichten, ging zum Arzt, erledigte Dinge. Währenddessen kommentierte diese Stimme im Hintergrund weiterhin mein Leben. Irgendwann fing ich an, sie anders zu nennen, weil mich ihr übertrieben dramatischer Tonfall an etwas erinnerte.

Nicht mehr „innerer Richter“, sondern "die Stimme aus dem Off".

Die Stimme aus dem Off ist eine Figur aus dem Theater. Ein Erzähler, der irgendwo außerhalb der Bühne sitzt und mit oft bedeutungsschwerer Stimme erklärt, was gerade passiert und warum alles tragisch ist. Und wenn man den Selbsthass so nennt, während man an der Supermarktkasse in der Schlange steht, dann kann einem schon mal ein Lächeln entfleuchen.

Und ich begann, das ein bisschen wie ein absurdes Theaterstück zu betrachten.

Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte der „Stimme aus dem Off“. Denn irgendwann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte:

Der Henker schwieg.

216 Innere Rechtsprechung II - Der Richter schweigt

Der Henker verschwand also nicht sofort aus meinem Kopf. Das führte zu einer Situation, die ich damals selbst kaum fassen konnte.

Und das war so seltsam es klingt, ein Streit auf WhatsApp mit Pete. Wir schrieben hin und her, und wie leider so oft in solchen Gesprächen verschob sich der Ton immer weiter. Irgendwann ging es längst nicht mehr um das ursprüngliche Thema, sondern nur noch darum, wer gerade den schärferen Satz formulieren konnte.

Pete machte sich über mich lustig. Nicht einmal, sondern immer wieder. Oft kam irgendeine Variante von „haha“, „Mimimi“ oder etwas ähnlich Herablassendes zurück. Auch bei Dingen, die für mich wirklich ernst waren.

Irgendwann schrieb ich einfach einen Satz, ohne groß darüber nachzudenken:

„So ist das Leben.“

Ein völlig unspektakulärer Satz. Einer dieser Sätze, die Menschen ständig sagen. Er sagte das habe sein verstorbener Vater immer gesagt, ich dachte (wenig erwachsen, das ist mir klar): "So jetzt kriegst du es zurück." und schrieb noch mal: "So ist das Leben. Mimimi". Seine Reaktion auf diese wenig erwachsene Rache von mir war allerdings alles andere als unspektakulär. Pete eskalierte vollständig. Wirklich vollständig. Beleidigungen, übelste Vorwürfe, irgendwann sogar die Ansage, ich solle ihn ab jetzt siezen und er würde meinen Namen nie wieder benutzen.

Ich saß vor dem Bildschirm und verstand überhaupt nichts. Natürlich sprang sofort mein innerer Richter an. Das war sein Job. Wenn ein Konflikt eskalierte, suchte er zuerst den Fehler bei mir. Also begann er zu prüfen. Er ging das Gespräch noch einmal durch. Dann noch einmal. Das Pete nach derart massivem Austeilen selbst keinen Treffer einstecken könnte taten sowohl mein Richter als auch ich als absolut unrealistisch ab. So doppelmoralisch konnte der Mann den ich damals noch liebte doch nicht sein, so doppelmoralisch konnte niemand sein vor dem ich Respekt hatte.

Zwei Tage später schrieb P. noch einmal. Ich erwartete irgendeine Form von Erklärung, vielleicht sogar eine Entschuldigung.

Die Erklärung kam tatsächlich: 

Der Satz „So ist das Leben“ hatte ihn an seinen Vater erinnert. Sein Vater hatte diesen Satz früher oft gesagt. Er empfand es als herzlos, dass ich mich darüber lustig machte.

Das war also der Auslöser. Ich las diese Nachricht mehrmals. Und während ich dort vor dem Bildschirm saß, passierte etwas, das ich bis dahin noch nie erlebt hatte. Mein innerer Richter prüfte die Situation noch einmal. Normalerweise wäre jetzt das Urteil gegen mich gefallen. Diesmal nicht.

Sinngemäß sagte er etwas, das ungefähr so klang:

„Nein.
Pete war hier ungerecht.
Das ist nicht mein Fall.
Regel du das.“

Und dann ging er sinngemäß ein Nickerchen machen.

Er sprach kein Urteil. Er erklärte mich nicht schuldig. Er erklärte mich aber auch nicht für unschuldig. Er hörte einfach auf.

Das Problem war nur:
Ohne Urteil musste ich plötzlich selbst entscheiden, wie ich auf diese Nachricht reagieren wollte.

Und das stellte sich als deutlich schwieriger heraus, als ich erwartet hatte.

217 Befähigt Kapital zur Machtausübung?

Eine Minimal-Utopie

Ich hatte mich ja sehr eingehend mit meiner Dystopie des Firmenfeudalismus beschäftigt (wer mal reinschauen mag findet auf Reddit meinen Sammelthread) und es war an der Zeit, einen Gegenentwurf dazu zu bauen. Der folgende Text ist von verschiedenen Ideen beeinflusst, auf die ich jetzt hier nicht genau als Quelle eingehen werde. Kennerinnen werden sicher das ein oder andere erkennen. (Im Text wird wo nötig wieder ein generisches Femininum verwendet)

Dieser Text beschreibt keine perfekte Gesellschaft. Er beschreibt auch keine vollständige Lösung für die vielen Ungerechtigkeiten unserer Welt. Er versucht lediglich, eine einzige Grundannahme zu verschieben, weshalb ich ihn Minimal-Utopie nenne.

Produktionsmittel gehören nicht dem Volk, das soll hier auch nicht geändert werden. Sie müssen nicht dem Volk gehören, Unternehmen können weiterhin privat sein, Gewinne können weiterhin erzielt werden und Vermögen kann weiterhin entstehen. Was mein Gedankengebäude verändern soll, ist eine andere Frage: Wer das Recht haben sollte, Entscheidungen zu treffen, die das Leben sehr vieler Menschen betreffen.

Wenn solche Entscheidungen hunderte, tausende oder sogar Millionen Leute angehen, dann sollten diejenigen, auf die es sich bezieht, zumindest darüber entscheiden können, wem sie diese Entscheidungsmacht anvertrauen. Nicht indem sie jede einzelne Entscheidung selbst treffen, sondern indem sie regelmäßig darüber befinden, ob diejenigen, die entscheiden, ihr Vertrauen noch verdienen.

Das ist kein revolutionärer Vorschlag. Es ist nur eine kleine Verschiebung der Regeln. Kapital allein verleiht dann keine Entscheidungsmacht mehr über Menschen. Entscheidungsmacht braucht Legitimation durch diejenigen, die mit den Folgen dieser Entscheidungen leben müssen.

Es geht nicht darum jemandem Firmenanteile oder Gewinne wegzunehmen, sondern nur um eine Legitimation der Entscheidungsgewalt durch die in der Überzahl Betroffenen.

Das besonders minimale daran, ist dass hier zunächst Firmen und deren direkte Angestellte und Arbeiterinnen betrachtet werden. Man könnte diesen Gedanken sehr viel größer aufziehen, aber auch so ist seine Umsetzung leider fast schon utopisch.

Denn in unserer gegenwärtigen Ordnung gilt es als selbstverständlich, dass angesammeltes Kapital nicht nur Eigentum bedeutet, sondern auch Entscheidungsmacht. Wer genug davon besitzt, kann über Unternehmen bestimmen, über Investitionen, über Standorte, über Infrastruktur, über Arbeitsplätze und damit über das Leben vieler Menschen. Diese Verbindung zwischen Kapital und Macht wird selten grundsätzlich hinterfragt. Sie gilt als Teil der natürlichen Ordnung der Dinge. Und an diesem selbstverständlichen Glaubenssatz unserer Zeit hoffe ich mit diesem minimal-utopischen Gedanken ein klein wenig mitgesägt zu haben.

218 Innere Rechtsprechung III – Der Henker streikt

Ich antwortete Pete also, weder freundlich noch diplomatisch. Der innere Richter hatte sich schließlich aus der Sache zurückgezogen und ich fühlte keinerlei Bedürfnis mich zu entschuldigen. Pete blieb trotzdem überzeugt, im Recht zu sein.

Das war vielleicht der Moment, in dem etwas zwischen uns endgültig zerbrach. Pete blieb bei seiner Meinung, dass seine Probleme wichtiger seien als meine. Dass jemand seine eigenen Schwierigkeiten als viel wichtiger bewertet als die eines angeblich geliebten Menschen, erschien mir nicht nur unfair, sondern schlicht absurd.

Während wir weiter miteinander stritten, fiel mir etwas Merkwürdiges auf... Der innere Richter meldete sich weiterhin nicht. Für ihn galt Pete nun als zu ungerecht, als dass meine eigenen Entgegnungen noch betrachtenswert gewesen wären.

Das bedeutete allerdings auch, dass ich plötzlich etwas tun musste, was ich vorher kaum geübt hatte: selbst entscheiden, wann ich nachgebe und wann ich einfach sage, dass mir etwas zu weit geht. Und ich merkte selbst wie hart und kalt ich ohne den Richter als ständige moralische Instanz war. Aber ich fand... und ich finde es ehrlich gesagt bis heute... Pete hatte es verdient, dass ich an ihm übe. Er hatte selbst so oft gegen den inneren Richter argumentiert. Er war überzeugt, dass diese Instanz in meinem Kopf grundsätzlich ein Problem sei. Dass ich sie loswerden müsste. Dass viele Dinge, die ich sagte oder fühlte, eigentlich nur der innere Richter wären.

Das führte zu merkwürdigen Situationen: Immer wenn ich zum Beispiel ein Bedürfnis äußerte, erklärte Pete, das sei der innere Richter. Dabei war genau das der Moment, in dem der innere Richter gar nicht aktiv sein konnte. Wenn er aktiv gewesen wäre, hätte ich kaum einen Satz herausbekommen. Dann hätte ich innerlich die ganze Zeit gehört, dass ich mir gar nichts wünschen darf. Dass ich nichts wollen darf. Dass ich nicht das Recht habe, überhaupt etwas zu brauchen.

Aber Pete blieb bei seiner Interpretation, auch wenn ich es ihm erklärte.

Und so war mir sogar schon vor diesem WhatsApp-Streit durch Petes Verhalten etwas über meinen inneren Henker klar geworden: Er hatte eine Funktion.

Und jetzt war die Zeit ihn an seine eigentliche Funktion zu erinnern.

 219 Innere Rechtsprechung IV – Der Henker wird Richter

Nachdem mir klar wurde, dass der innere Henker eine Funktion hatte, nämlich die mich einzubremsen und nicht zu einem Menschen werden zu lassen, der wie es mir mein Vater, mein Bruder H. oder meine Oma einfach über die  Bedürfnisse anderer hinweg trampelte. 

Ohne die ständige Bewertung war ich für mich angenehm ruhig, aber auch ziemlich kalt.

Also wollte ich ihn einbinden und ihm einen Job geben.

„Gut“, dachte ich mir irgendwann, „wenn man schon mal ohne Todesangst mit dir reden kann...“

Das klingt absurd, aber so fühlte es sich tatsächlich an. Als würde ich mich mit einer Figur aus meinem eigenen Kopf an einen Tisch setzen.

„...du hast eigentlich eine Aufgabe“, sagte ich ihm sinngemäß. „Du bist dafür da, dass ich mich nicht wie ein Arschloch verhalte. Dass ich andere Menschen möglichst fair behandle. Dass ich darüber nachdenke, ob das, was ich sage oder tue, gerecht ist... Was du aber nicht mehr darfst“, fuhr ich fort, „ist mir jedes Mal das Existenzrecht absprechen, denn ich bin auch ein Mensch. Und wenn der Satz stimmt, den dieses Land sich als erstes in seine Verfassung geschrieben hat - dass die Würde des Menschen unantastbar ist - dann gilt das auch für mich. Das bedeutet nicht, dass alles, was ich tue, richtig ist, aber es bedeutet, dass ich nicht für jeden Fehler zum Tode verurteilt werden muss,“

Also machte ich dem inneren Richter ein Angebot.

„Du darfst weiter urteilen“, sagte ich ihm. „Du darfst mir sagen, wenn ich unfair war. Du darfst mir sagen, wenn ich übertrieben habe. Du darfst mir sagen, wenn ich jemandem Unrecht getan habe, aber du bist nicht mehr der Henker.“

"Und vor allem", fügte ich hinzu: „Du hörst dir auch MEINE Argumente an.“

In meiner Vorstellung war das der Moment, in dem sich etwas unter dieser metaphorischen Kuppel Umbaumaßnahmen begannen (die ich immer wieder antreiben musste, Verhaltenstherapie lässt grüßen, Denkgewohnheiten ändern dauert).

Früher stand dort ein Richtplatz. Ein Richtblock, der immer auf meinen Kopf wartete. Heute steht dort eher so etwas wie ein Gerichtssaal. Der Richter ist noch da. Er meldet sich auch weiterhin zu Wort (außer zu Pete, den Fall hat er für immer abgelegt). Manchmal immer noch sehr laut, aber es gibt jetzt auch eine Verteidigung. Und meist endet das Verfahren nicht mehr mit einem Todesurteil, sondern einfach mit der Verurteilung zum um Verzeihung bitten oder Wiedergutmachung zu leisten.

Der Henker ist also nicht verschwunden, er ist tatsächlich Richter geworden.

220 A Child of Big Fish

Da sich Geschwister nun mal Eltern teilen, rede ich hier immer von unseren Eltern, auch wenn meine Geschwister möglicherweise andere Ansichten zu ihnen haben.

Kennt ihr den Film "Big Fish"? Wir sind mit zwei Big Fish aufgewachsen.

Damit meine ich nicht Menschen, die Geschichten erfinden. Unsere Eltern haben beide auf ihre Art so manche Geschichte übertrieben, aber nicht erfunden. Sie haben dieses Leben tatsächlich gelebt. Und wenn Menschen so leben, dann wirken sie auf andere irgendwann wie Figuren aus Geschichten, selbst wenn alles wahr ist.

Unser Vater war äußerlich kein großer Mann. Etwa eins siebzig groß, Bauch, nur ein Arm nach einem Unfall (ok, das Detail ist an sich schon wieder "Big Fish"). Trotzdem konnte er einen Raum füllen, als wäre er riesig. Er war cholerisch, stur wie die Hölle, rücksichtslos seiner Familie gegenüber, ein Querulant, ein Musiker und ein Lump, aber gleichzeitig gebildet, intelligent, humorvoll, ein guter Freund und voller Energie.

Er spielte Musik. Mundharmonika, Akkordeon, später Keyboard. Nicht so richtig gut, aber mit Eifer und Einfallsreichtum, wegen der fehlenden Hand. Musik gehörte zu seinem Leben, genau wie das Tanzen. Rock’n’Roll liebte er, aber auch ansonsten war er ein guter Tänzer.

Unsere Mutter ist eine andere Art Big Fish. Wenn mein Vater Granit war, dann ist sie eher eine Weide am Bach. Sie konnte unglaublich viel aushalten, ist mehrfach zerbrochen und trotzdem noch da.  

Sie liebt Musik. Wenn man sie fragt, was sie am liebsten hört, sagt sie oft einen Satz, den ich bis heute an ihr mag: „Ich liebe es, wenn die Gitarren so richtig schreien.“

Sie liebt Filme. Western, Hitchcock, Nebel des Grauens, aber auch Shrek und Schuh des Manitu, einfach alles mögliche. 

Sie liebt Bücher. Sie hat jahrzehntelang in der Gemeindebücherei gearbeitet. Bücher gehörten zu unserem Haus wie Möbel. In fast jedem Zimmer war ein Regal.

Sie liebt PC-Spiele. Ich bin schuld daran, sie hat mich damals Cäsar III spielen sehen und dann selbst angefangen. Sie ist jetzt 85 und hat sich grad nen neuen gebrauchten Gaming-PC gekauft.

Zusammengefasst: Sie liebt Geschichten und ihre Phantasie hat nicht nur ihr, sondern auch uns beim Überleben geholfen.

Unsere Eltern hatten beide nur acht Jahre Volksschule. Trotzdem wurde bei uns gelesen, auch die Tageszeitung jeden Tag, Tagesschau zusammen schauen war für mich schon als Kind normal. Meinen Vater lesend am Tisch zu sehen war für mich einfach Alltag. Es wurde über Bücher gesprochen, über Filme, über Musik, aber auch über Politik. 

Das klingt alles sehr modern, aber gleichzeitig war unser Alltag mehr als altmodisch. Wenn unser Vater von der Arbeit nach Hause kam, standen wir oft schon in Arbeitsklamotten bereit. Er kam gegen halb fünf, aß, trank sein Bier, und dann mussten wir mit zum Arbeitseinsatz. Die Landwirtschaft hatte immer Arbeit zu bieten, irgendein Gerät war zu reparieren, Zäune zu flicken, Holz zu machen oder halt banal die Tiere zu versorgen. Wenn du eingeteilt warst um die Lampe zu halten und wackeltest oder wenn du bei "Halt mal da" nicht sofort wusstest wo, dann wurdest du niedergebrüllt wenn du Glück hattest, die weniger Glücklichen bekamen eine gelangt.

Überstrenge Regeln und völlige Freiheit konnten nebeneinander existieren. Unser Vater konnte uns also wegen einer Kleinigkeit niederbrüllen, aber wenn wir am Freitagabend zur Tür hinausgingen und sagten: „Wir gehen tanzen“, dann sagte er einfach: „Viel Spaß.“

Ich erinnere mich an einen Moment, in dem mir zum ersten Mal auffiel, dass unsere Familie vielleicht nicht ganz normal war. Ich (etwa 11 damals) bekam mit wie der Vater einer Schulkollegin nach Hause kam von der Arbeit. Sie rannte auf ihn zu und sagte fröhlich: „Papa, schön, dass du da bist.“ Ich war völlig irritiert. Für mich bedeutete ein Vater, der nach Hause kommt, etwas anderes. Vorsicht. Arbeit. Ende der Kindheit für heute. Ich überlegte damals schon was davon normaler war.

Ein anderes Mal (schätze ich war 12) hörte ich eine Nachbarin zu ihrer Tochter sagen:

„Wenn du nicht brav bist, kommst du eine Woche zu den H.s. Da lernst du gehorchen.“ Sie wusste, dass ich das hören konnte. Ab da war mir recht klar, dass die anderen zumindest eine Ahnung hatten was bei uns abging, aber keinen Grund zum Handeln sahen.

Unsere Eltern waren faszinierende Menschen. Unsere Mutter ist es noch. Leute die andere in ihren Bann ziehen konnten. Auf Menschen außerhalb unserer Familie wirkten die beiden zu Recht oft höchst faszinierend.

Wenn man mit solchen Eltern aufwächst, passiert etwas Merkwürdiges...

Man wächst im Schatten von großen Geschichten auf.

Und ist enttäuscht, wenn man diese Größe nie erreicht.

Denn natürlich denkt man jetzt, wenn der Autor von solchen Leuten abstammt und eine solche Kindheit hatte, dann muss er doch ein außergewöhnlicher Mensch geworden sein. Nein, lächerlich gewöhnlich, langweilig und dramatisch erfolglos. Das einzige was mir noch bleibt ist es als Chronist meines eigenen Scheiterns wenigstens noch einen Hauch Pseudo-Sinn in mein Leben zu schreiben. 
Aber wenn ich aus meiner Kindheit eines gelernt habe, dann aus jeder Situation das beste zu machen, deswegen ist genau meine Gewöhnlichkeit mein künstlerisches Konzept.

 

221 Little Britain

Ich gestehe etwas: Ich bin britophil.

Ich weiß nicht genau, wer daran schuld ist. Wahrscheinlich war es Monty Python, nein Terry Pratchett muss schuld sein, Dr. Who kam erst später für mich, also müssen es die Beatles verbrochen haben, neee Mick Jagger und seine Unvergänglichen müssen der Ursprung gewesen sein, quatsch, niemand ist wie Freddie Mercury, also war er es... na ich bin doof Ozzy Osbourne sah schon immer schuldig aus, er war es, also zumindest an dieser Liste sind Black Sabbath tatsächlich schuld. 

Denn wie so oft hörte ich Musik und plötzlich poppte ein Gedanke in meinem Kopf auf:

Moment… Black Sabbath waren doch aus Birmingham. Und dann hörte es nicht mehr auf.

 

Beatles. Rolling Stones. Bowie. The Clash. Pink Floyd. Motörhead. Adam Kay. Prodigy. Dire Straits. Clapton... Britische Künstler* scheinen große Teile meiner Musikwelt zu bewegen.

Immer wieder tauchte noch jemand auf.

„Moment, der fehlt noch.“

„Ach, und die natürlich auch.“

„Moment, ich hab noch nicht genug [hier Musikrichtung einsetzten], da waren sie ja auch groß.“

Irgendwann musste ich einfach aufhören, weiter Namen zu sammeln, sonst hätte diese Liste wahrscheinlich nie geendet. Denn hier kann ich musikalisch in so vielen meiner bevorzugten Jagtgebiete wildern: Beatmusik, Prog Rock, Heavy Metal, Punk, elektronische Musik, Indie oder auch mal moderner Hip-Hop... Musik ist eh meine Version der ewigen Jagtgründe, britsche Gefilde* empfinde ich hier aber als besonders beutereich.

Warum das so ist? Keine Ahnung, ich höre einfach. Wenn jemand erklären mag, warum diese relativ kleine Inselregion musikalisch so absurd produktiv ist, dann freut mich das. Ich bin ernsthaft neugierig auf alle möglichen Erklärungen. Die Liste unten ist deshalb kein Versuch, britische* Musikgeschichte vollständig abzubilden. Das wäre völlig unmöglich.

Es ist einfach meine persönliche Little-Britain-Liste um für mich festzuhalten, dass Britain für Musikliebhaber gar nicht so little ist.

Wenn euch Künstler fehlen, die unbedingt dazugehören sollten, sagt mir gern Bescheid. Besonders im Hip-Hop- und Rapbereich kenne ich mich nicht so gut aus, lerne aber gern dazu.

Bei den Songs selbst bin ich allerdings relativ wählerisch gewesen. Die meisten davon habe ich sehr bewusst ausgesucht. Wenn euch interessiert, warum genau dieser Song und nicht ein anderer, fragt gern.

Also:

Hier ist meine kleine Reise durch die Musikinseln. Wie sähe eure aus?

P.S.: Auf meiner Liste gilt eine wichtige Regel: Jeder nur ein Kreuz!

* In dieser Liste verstecken sich tatsächlich auch ein paar Iren. Wer sie findet, bekommt ein virtuelles Kleeblatt 🍀. Und falls ich jemals absichtlich eine irische Liste zusammenstellen sollte, glaubt mir, das würdet ihr merken.

222  Die Welt ist schön

Das klingt wie ein einfacher Satz, fast wie ein Kalenderweisheitsspruch. Aber ich meine ihn wörtlich und er hilft mir jeden Tag weiter zu gehen.

Die Welt ist schön, unabhängig davon, ob mein Leben gerade leicht oder schwer ist. Sie ist schön, wenn ich glücklich bin, und sie ist schön, wenn ich völlig erschöpft durch einen Tag laufe. Sie ist schön ob ich existiere oder nicht. Die Schönheit der Welt hängt nicht davon ab, wie es mir geht, oder ob ich hinsehe. Sie ist einfach da.

Und deshalb will ich Frederik die Maus sein und die Schönheit der Welt sind die Sonnenstrahlen, die ich für schlechte Tage sammle.

Diese Schönheit bedeutet für mich Musik, Filme, Literatur, Games, also Kunst in ihrer Größe und wunderschönen Banalität. Und sie bedeutet Verständnis über diese unglaublich komplexe Welt, dass ich mir erarbeiten kann...

... und die Schönheit, die die Welt um mich einfach bietet.

Heut auf dem Weg zu den Tafeln:


Die Welt ist schön, ob ich hinsehe oder nicht. 

Also sehe ich hin.

223 Frauen sind so schwer zu verstehen


Eine verrückte Idee:

Wenn man Frauen verstehen will, könnte man Frauen zuhören.
Am Ende sogar unterschiedlichen.

Ich weiß, klingt radikal.

Keiner der folgenden Texte richtet sich nur an Männer. Alles, was ich dort beschreibe, betrifft Menschen aller Geschlechter. Es ist nur die Perspektive einer weiblich sozialisierten Person auf diese Themen. Lasst uns also diskutieren!

Eine Auswahl an Redditthreads:

P.S.: Die Arie bedeutet natürlich nicht, dass ich alle Männer für so verdorben halte wie den Herzog von Mantua aus Rigoletto.
Aber sie passt herrlich zum Thema: Männer reden über Frauen, statt mit ihnen. 

224 BLITZLICHT! Kafka Quest weiter geführt

ch habe die Kafka Quest einen Schritt weiter gebracht und "Der Steppenwolf" fertig gelesen und das Ende war noch viel besser als ich es je zu hoffen gewagt hatte.

Jetzt höre ich um mich selbst zu belohnen "Rock me Amadeus" und geh mir im 24 Laden ne Tüte Chips kaufen. Ich feiere das Leben und übe das Lachen, Herr Pablo.

P.S.: Wer wissen will was die Kafka Quest ist wird hier fündig:

225 Warum schreibe ich?

Den wichtigsten Grund zu schreiben, stellt für mich der einfache Gedanke dar, dass ich zeigen möchte wie übervoll jedes Menschenleben ist. Wenn ich mein Leben aufschreibe, dann nicht, weil es außergewöhnlicher wäre als andere, sondern gerade an meiner Gewöhnlichkeit soll man sehen können, wie viel in einem einzelnen Leben steckt: Gedanken, Bedürfnisse, Gefühle, Prägungen, Erinnerungen, Konflikte, Erfahrungen, politische Haltungen, Zweifel und Hoffnungen.

Es soll hierdurch klar werden, dass jeder Mensch in gewisser Weise ein eigenes Universum darstellt und jede Sekunde dieses vergänglichen Universums unwiederbringlich ist.

Mein performatives (fast) Live-Schreiben ist für mich deshalb auch ein Versuch zu zeigen, wie man anderen Menschen gerecht begegnen kann. Für mich führt dieser Weg über einen einfachen Dreiklang:

Erstens: Reflektiert euch!

Ich glaube, dass die Quest, ein guter Mensch zu werden, überhaupt erst beginnt, wenn man mit Selbstreflexion anfängt. Ohne sie startet diese Reise gar nicht.

Psychisch kranke Menschen werden oft früh zu dieser Reflexion gezwungen. Nicht weil sie automatisch bessere Menschen wären, sondern weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Sie müssen verstehen, was gerade passiert ist, was sie fühlen, was das gerade ausgelöst hat oder was sie angerichtet haben.

Zweitens: Radikale Ehrlichkeit zu euch selbst.

Damit meine ich nicht die radikale Ehrlichkeit, die ich oft nach außen praktiziere. Ich meine radikale Ehrlichkeit nach innen.

Das bedeutet weder Selbstabwertung noch Selbstüberhöhung. Wenn man erkennt, dass man gierig war, eifersüchtig, verletzt, wütend oder unfair, dann sollte man das anerkennen, ohne sich dafür zu vernichten. Und genauso wenig sollte man sich selbst idealisieren in dem man z.B. sagt nie gierig oder neidisch zu sein.

Radikale Ehrlichkeit heißt für mich: akzeptieren, dass man ein Mensch ist. Fehler erkennen, Verantwortung übernehmen, um Verzeihung bitten, Dinge wiedergutmachen... manchmal auch sich selbst gegenüber.

Drittens: Ein Mensch ist ein Mensch.

Für mich ist das der wichtigste Schritt.

Wenn man durch die ersten beiden Schritte verstanden hat, wie komplex man selbst ist und sich gerade deshalb als Menschen akzeptiert, dann wird plötzlich etwas sehr Einfaches sichtbar: Alle anderen Menschen funktionieren nach ganz ähnlichen Prinzipien. Sie haben andere Erfahrungen gemacht, andere Prägungen, andere Wünsche, aber sie sind aus derselben menschlichen Grundstruktur gebaut.

Wenn man diesen Punkt wirklich versteht, ist man bereits auf einem guten Weg, ein guter Mensch zu werden.

Wenn man diesen Schritt anders erreicht, ist das natürlich genauso gut.

 

Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich schreibe. Einen, der mich weitermachen lässt, auch in Momenten, in denen ich daran zweifle. Ich glaube, unsere Zeit braucht Menschen, die öffentlich dafür sprechen, dass ein Mensch ein Mensch ist.

Deshalb bitte ich alle, die das ähnlich sehen: Sprecht darüber. Schreibt darüber. Postet darüber. Redet darüber, wo immer ihr seid.

Alle Stimmen zählen, selbst meine, ganz sicher deine.

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