201 Nutzlos oder schon schädlich?

 

Die gnadenlose Religion


Für mich ist die vorherrschende "Religion" hier nicht Christentum, Islam oder Atheismus, sondern Erwerbsarbeit. Diese ist dabei nicht nur eine Art, Geld zu verdienen, sondern wichtigster sozialer und moralischer Marker. Diese Prägung ist kultureller Default-Modus, mal milder, mal gnadenloser. (hier mehr dazu falls gewünscht: )

Wenn man diese Logik im Kopf hat, wirken bestimmte Regelungen und Abläufe im Sozialstaat nicht mehr wie juristische Notwendigkeiten, sondern wie Verstärker im Glauben des Einzelnen. Im November habe ich Wohngeld beantragt. Nach erster Durchsicht hieß es, es sehe nach Bewilligung aus, würde allerdings voraussichtlich drei Monate Bearbeitung kosten. Wohngeld ist für mich kein Bonus, sondern ungefähr ein Drittel meines monatlichen Einkommens. Man kann sagen: Es wird ja nachbezahlt, aber drei Monate ohne ein Drittel des Einkommens sind drei Monate in denen nichts passieren darf. Existenzsicherung, die aussetzt, bleibt existenzgefährdend, auch wenn niemand böse Absichten hat und Personalmangel die Ursache ist. Die Lücke wird nicht vom System getragen, sondern von mir selbst, oder wenn man dafür genug Selbstbewusstsein hat auch vom Umfeld. Aber ich bin zu sehr in der landläufigen Religion geprägt dafür.

Ein ähnliches Spannungsfeld entsteht, wenn Menschen pflegebedürftig werden. Pflege kostet oft sehr viel Geld, und juristisch ist es folgerichtig, zunächst Einkommen und Vermögen einzusetzen, bevor die Allgemeinheit zahlt. Moralisch bleibt dennoch ein Rest Unruhe, weil die Ursache keine Fehlentscheidung ist, sondern schlicht Krankheit. Vermögen ist in einem System, in dem Erben ausdrücklich möglich und gesellschaftlich normal ist, geronnene Lebenszeit von Familienmitgliedern. Wenn Krankheit eines Familienmitglieds dessen Erbe verpuffen lässt, verschiebt sich nicht nur eine Bilanz, sondern auch das Gefühl von Wert und Zugehörigkeit innerhalb einer Familie. Da ich auch der Religion der Erwerbsarbeit anhängig war, beförderte es mich also vom "nutzlosen Esser" zum "Schaden für die Familie", dass mein Erbanteil von meinem Vater an den Bezirk ging.

Artikel 1 des Grundgesetzes erklärt die Würde des Menschen für unantastbar. Das ist ein großer Satz. Aber Würde entscheidet sich nicht nur in großen Fragen, sondern auch im Banalen: in der Zeit, die ein System sich nimmt, obwohl es um Existenzsicherung geht, und in der Selbstverständlichkeit, mit der ein Mensch sagen darf, dass er Unterstützung braucht, ohne daraus ein finanzieller Schaden für das ganze Umfeld wird.

Ich weiß, dass ich gegen eine Religion mit vielen Gläubigen anschreibe, wenn ich anzweifle, dass sich der Wert eines Menschen an seiner Erwerbstätigkeit misst, aber ich hoffe einfach auf den gesunden Menschenverstand, der jedem sagt: "Auch du kannst krank werden.".

 

 

202 Tabus

Auch wenn ich hier nur über meine persönlichen Erfahrungen spreche, will ich unsere Eltern nicht für mich vereinnahmen und werde sie durchgehend als unsere Eltern bezeichnen, weil das schlicht biologisch korrekt ist. Unsere Mutter nannten wir meist "Muddy" und unseren Vater "Holger", das erste kleine Tabu war also ihn Vater, Papa usw. zu nennen.

In unserer Familie gab es erstaunlich wenig Tabus im klassischen Sinn. Wir sprachen über Tod. Tiere wurden geschlachtet und gegessen, ohne romantische Verklärung. Holger ging mit nur einem Arm selbstverständlich ins Schwimmbad, stellte keinen Mythos um seine Behinderung auf, machte sich eher lustig über neugierige Fragen. Psychische Zusammenbrüche wurden nicht geleugnet, Alkoholprobleme nicht unsichtbar gemacht. Wir waren keine Familie, die nach außen eine heile Welt vorspielte.

Und doch war unsere Familie von Tabus durchzogen.

Das erste Tabu war Hilfe.

Ich habe als Kind auf den Knien um Hilfe gebettelt. Unsere Familie war laut, theatralisch und ich selbst darin schon als übertrieben verschrien, also nahm ich was ich hatte um gehört zu werden. Ich war zwölf oder dreizehn, ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte. Nicht nur die anderen waren gemein. Ich spürte, dass in mir etwas war, das ich alleine nicht regulieren konnte. „Muddy, ich brauche Hilfe. Ich bin nicht normal." Ich wollte zu einem Arzt. Gemeint war meine Psyche. Die Antwort war kein Gespräch über Gefühle. Die Antwort war Schweigen und Abwehr. Hilfe holen hätte für sie bedeutet, als Mutter versagt zu haben. Hilfe holen hätte bedeutet, dass die Leute reden.

Das zweite Tabu war Trennung.

Ich bin wieder auf die Knie gefallen und habe die Muddy angefleht, Holger zu verlassen. Unsere Mutter antwortete auf meinen Kniefall mit einem Satz, der tiefer saß als alles andere was danach noch kam: „Was würden die Leute sagen, wenn ich einen einarmigen Mann verlasse?" Nicht sein Charakter, nicht unser Wohlergehen, sondern das Urteil der Außenwelt war Maßstab. Das Leiden war erlaubt. Die Veränderung nicht.

Holger war kein Heiliger. Er war cholerisch, tyrannisch, ließ uns frieren, kontrollierte Wasser-, Holz- und Stromverbrauch und zwang uns zu Disziplin, die mit Fürsorge wenig zu tun hatte. Es hätte sein können und war mir damals schon bewusst, dass er bei einer Trennung ausrastet und gewalttätig versucht diese zu verhindern.

Gleichzeitig war er gebildet, leidenschaftlicher Musiker, ein Freigeist, ein Querulant, ein Mann mit Humor und Selbstironie. Er stellte sich selbst nicht als guten Menschen dar.

Trotzdem war ihn nicht verlassen können mehr vom Tratsch abhängig als von seinem Wesen oder Angst.

Das dritte Tabu war Bedürftigkeit von Kindern.

Wir waren viele Kinder. Zuständigkeiten ergaben sich aus Arbeit und Anzahl. Unsere Eltern waren faszinierende Menschen, kulturell hungrig, musikalisch, voller Geschichten. Sie zogen andere in ihren Bann. Fremde Kinder sammelte meine Mutter wie verlorene Schätze. Wir selbst waren oft Kulisse. Wir funktionierten. Wir halfen. Wir froren, wir hielten Lampen und durften trotz Kälte nicht wackeln. Wir standen in Arbeitsklamotten bereit. Unsere Mutter war die Fragile, nicht wir Kinder. Schutz kam seitlich, von Geschwistern, nicht von oben.

Das vierte Tabu war Scheitern.

Ich war „der Kluge". Mein Spitzname war "Zweistein". Ich erklärte, ich fragte, ich wollte verstehen, wie die Welt funktioniert. Unser Vater fragte mich zu Astronomie, zu Mathematik, zur englischen Sprache, sogar noch, als er schon geistig abzubauen begann. Ich hatte schlicht diese Rolle. Und Rollen sind in großen Familien (vielleicht in allen) kein Spiel, sondern systemische Struktur.

Als ich ein Ingenieurstudium begann, trotz Dyskalkulie, tat ich das nicht aus Leichtsinn, sondern weil ein „Laberfach" in unserer Familie nicht wirklich gezählt hätte. Ich wollte etwas "Gescheites" lernen. Ich scheiterte. Ich fiel durch Klausuren. Ich war verzweifelt. Und die Reaktion war kein „Vielleicht ist das nicht dein Weg", sondern „Du schaffst das schon." Als wäre Nicht-Schaffen keine Option. Ich durfte nicht versagen. Nicht, weil jemand böse war, sondern mehr weil mein Scheitern die Rolle zerstört hätte, denke ich.

Intelligenz war das was man mir anerkannte. Aber sie war auch Verpflichtung.

Holger sagte zu mir oft, wenn er betrunken und melancholisch war: „Werd nicht so wie ich." Er meinte es als Warnung, aus Reue. Ich habe diesen Satz ernst genommen. Nicht als Anklage, sondern als Auftrag. Ich habe mir vorgenommen, es besser zu machen. Mit denselben Genen, derselben Wut, derselben Neigung zur Überheblichkeit. Ich bin ihm ähnlich. Aber ich nehme Hilfe an. Ich nehme Kant, Aristoteles, die Bergpredigt, DBT Therapie, buddhistische Texte, die Sozialgesetze... Ich nehme mir, was für mich funktioniert. Auch das, was er vielleicht belächelt hätte.

Die größten Tabus unserer Familie waren, Hilfe zu brauchen und zu scheitern. Ich habe schon als Kind um Hilfe gebeten. Später habe ich sie mir genommen. Ich bin gescheitert. Ich habe das Studium abgebrochen (nach dem Suizidversuch, bei dem der "alte Anne" starb Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben. Kapitel 5. Funktionieren bis zum Zerbrechen.). Ich habe Therapie gemacht. Ich habe ausgesprochen, was man nicht aussprechen sollte: "Ich schaff das nicht allein."

Ich habe jedes unserer Tabus gebrochen.

Nicht aus Rebellion. Sondern aus dem Ziel heraus, ein guter Mensch zu sein, denn das ist meine ehrliche Antwort auf seinen Auftrag: „Werd nicht so wie ich".

 

 

203  Wie können Menschen Selbsttragfähigkeit lernen?

Warum Isolation schadet und Beziehung keine Pflichtlösung sein kann

Wenn wir hier von Einsamkeit sprechen, dann meine ich nicht „keine Partnerperson" und auch nicht „kein Sex". Ich meine echte soziale Isolation: wenig reale Begegnung, kaum enge Bindungen, kein stabiles Netz von Menschen, mit denen man regelmäßig spricht, lacht, streitet, sich austauscht. Ein soziales Wesen, das dauerhaft ohne Einbindung lebt, zahlt dafür einen Preis. Darauf Isolation ein echtes Problem ist, gibt es inzwischen genug Hinweise, dass man es nicht mehr als Empfindlichkeit abtun kann.

 

Wenn es stimmt und vieles deutet darauf hin, dass Männer häufiger in diese schädliche Form von Isolation geraten, dann sollte man das ernst nehmen. Es ist kein Wettbewerb der Opfer. Und bevor irgendjemand innerlich dichtmacht: Ja, auch Frauen können einsam sein. Ja, auch nicht-binäre Menschen können isoliert sein. Es geht hier nicht vorrangig um Geschlechter, sondern um möglicherweise schädliche Muster.

Wenn wir Isolation also als schädlich annehmen, folgt daraus nicht, dass romantische Partnerwahl verpflichtend wird. Eine Beziehung ist kein Sozialamt. Eine Partnerperson ist keine therapeutische Grundversorgung. Sie ist keine gesetzliche Betreuung oder ein betreutes Wohnen.

Vielleicht hilft ein kleiner historischer Blick, nicht als Vorbild, sondern als Kontrast. Es gab immer Menschen, die keine (offizielle) Beziehung hatten. Knechte, Besitzlose, Gesellen, konnten in vielen Gesellschaften schlicht nicht heiraten, weil sie keinen eigenen Hausstand gründen durften oder konnten. Das war nicht romantisch und sicher nicht gerecht. Aber eines waren sie selten: isoliert. Diese Männer lebten in Haushalten, Arbeitsgemeinschaften, Verbünden. Hierarchisch, hart, oft unfrei, aber eingebunden. Unverheiratet bedeutete eher selten automatisch allein lebend.

Der Unterschied heute scheint weniger zu sein, dass Menschen keine romantische Beziehung eingehen (können). Der Unterschied ist, dass viele allein leben. Physisch allein leben und mit sehr dünner sozialer Einbindung.

Und wenn Isolation das eigentliche Problem ist, nicht fehlender Sex und nicht fehlende Romantik, dann stellt sich eine andere Frage:

Warum diskutieren wir fast ausschließlich über Partnerwahl?

Warum wird aus „mir geht es schlecht" so schnell „die, die mich nicht wählen" sind schuld?

Warum wird Beziehung zum Reparaturmechanismus erklärt?

Und was sagt das über unsere gesellschaftlichen Strukturen (gerade gegenüber Männern)?

Ich sage das auch aus persönlicher Perspektive, und ich weiß, dass das nicht jeder mögen wird: Auf mich wirkt es abschreckend, wenn ich den Eindruck habe, jemand braucht eine Beziehung, um sein Leben stabil zu halten oder zu bekommen. Nicht, weil mir Einsamkeit egal ist. Sondern weil ich eine Partnerschaft auf Augenhöhe will und kein gesetzliches Betreuungsverhältnis mit Haushaltshilfe und Therapiestunden liefern kann. Wenn ich weiß, dass alles zusammenbricht, wenn ich gehen würde, bin ich faktisch nicht frei zu gehen. Das gilt übrigens unabhängig vom Geschlecht.

Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Diskussion:

Wenn Einsamkeit real schadet und wenn romantische Paarbeziehung nicht die Lösung per Verpflichtung sein kann, wie organisieren wir soziale Einbindung?

Wie werden Menschen selbst tragfähig, sodass eine Beziehung Ergänzung ist und nicht Existenzbedingung?

Wo gehen uns Formen von Gemeinschaft verloren?

In der Sozialisation?

In männlichen Rollenbildern?

In urbanen Lebensformen?

In der Art, wie wir Freundschaft bewerten?

Ich schreibe das nicht, um jemanden anzugreifen. Wer sich gerade einsam fühlt, hat eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient. Aber vielleicht müssen wir unterscheiden zwischen dem legitimen Schmerz von Isolation und der falschen Schlussfolgerung, dass andere Menschen ihn durch romantische Bindung beheben müssen.

Wenn Isolation das Problem ist, dann sollten wir über Isolation sprechen und wie man sie aufbrechen könnte. Nicht über „zu hohe Ansprüche". Also nicht über Schuld, sondern über Strukturen.

Und genau darüber würde ich gern diskutieren.

204 Bücherfresser a.D.

Beim Lesenlernen hasste ich Lesen, meine Mutter meinte: "Du wirst es irgendwann lieben!". In meiner kindlichen Sturheit die später auch zu dem Spitznamen "DrachenSchaf" führte, glaubte ich ihr absolut nicht.

Mein erstes selbst gelesenes Buch weiß ich noch genau. Es war „Oh, wie schön ist Panama“, von Janosch, in Schreibschrift gedruckt. Warum ausgerechnet dieses Buch der Anfang war, weiß ich nicht einmal sicher. Ich weiß nur, dass meine Mutter in diesem Moment keine Zeit hatte, mir daraus vorzulesen. Ich war ungefähr in der dritten Klasse, konnte Buchstaben lesen, wusste das auch, aber hatte Lesen bis dahin eher als etwas erlebt, das man gezwungenermaßen macht oder das jemand für einen erledigt. Und dann saß ich da mit diesem Buch und dachte mir sinngemäß: "Bevor ich jetzt warte, bis sie Zeit hat, lese ich es halt selbst.". Und das ging. Nicht Buchstabe für Buchstabe, nicht mühsam, sondern als Geschichte. Ich verstand, was da stand. Ich konnte dem folgen. Und ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl von Staunen darüber, dass ich mir diese Geschichte einfach selbst holen konnte, ohne Vermittlung, ohne Hilfe. Das war kein pädagogischer Moment, das war ein selbstermächtigener. Und genau so begann mein Lesen.

Danach wurde Lesen schnell etwas völlig Selbstverständliches. Ich war bereits vorher süchtig nach erzählten Geschichten, ab da gab es kein Halten mehr. Wenn ich eine Geschichte wollte konnte ich sie mir holen. Nicht nach Bildung, nicht nach Literatur, war ich süchtig, sondern nach dem Gefühl, in andere Welten einzutauchen, andere Leben mitzudenken, andere Blickwinkel zu erfahren, andere Möglichkeiten durchzuspielen. Bücher waren dafür für mich der direkteste Zugang. Filme liefern Bilder, Spiele liefern Gestaltungsräume, aber Bücher liefern nichts außer dem was mein Hirn aus Sprache macht. Und genau das machte sie für mich so intensiv und intim im Erleben. Ich ging selbst auf die Reise, die der Autor geschrieben und meine Phantasie ist der einzige Ort an dem ich eine Ahnung von "Unendlich ∞" bekomme.

Als Kind hatten es mir Michael Ende, Astrid Lindgren und Otfried Preußler besonders angetan, also war mir Fantasy keineswegs fremd. Besonders die "Unendliche Geschichte" hatte ich wieder und wieder verschlungen, auch wenn ich erst als Teenager wirklich mit meinen persönlichen philosophischen Deutungen des Stoffs begann.

Noch davor begab sich folgender legendär-pragmatischer Start in das wunderbarste Universum das ich je kennengelernt habe:
Meine Mutter (selbst Lesesüchtige, wie fast alle in meiner Familie) hatte damals immer den Weltbildkatalog. Darin war eine Jubiläumsausgabe angekündigt, sieben Bände, Der Hobbit und Der Herr der Ringe. Sie waren teurer als durchschnittliche Bücher. Ich habe gefragt, ob ich die haben darf. Meine Mutter hat ja gesagt. Bücher waren bei uns immer erlaubt.
Ich habe Der Hobbit aufgeschlagen und den ersten Satz gelesen: „In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“ Und danach die liebevollste Beschreibung einer Fantasyspezies die ich bis zum heutigen Tag je gelesen habe. Ich war süchtig nach Fantasy ab da.
Von da an war Fantasy kein Genre mehr, sondern ein Ort. Ich habe diese Bücher gelesen, gelesen, gelesen. Immer dann, wenn nichts anderes mehr da war, habe ich wieder Tolkien gelesen. Oft nur bis nach Bree, manchmal alles. Insgesamt bestimmt zwanzig Mal. Nicht aus Fandom, sondern weil es Heimat für mich geworden war. Diese Worte haben in mir gewurzelt.
Die Ausgabe selbst habe ich irgendwann verloren. Ich bin elf Mal umgezogen. Es ist "nicht jeder, der wandert, verlorn", aber diese Ausgaben sind es für mich. Der Inhalt ist es keineswegs, allerdings bin ich kein Superfan. Ich habe das Silmarillion nie gelesen, die neue Serie hasse ich, und trotzdem spiele ich heute noch manchmal ein uraltes Herr der Ringe-Online-Spiel, das objektiv kaum noch spielbar ist (LotRO ist fast 20 Jahre alt). Nicht aus Nostalgie. Sondern weil ich da hingehöre. Ich bin ein Hobbit. (Siehe Des Hobbits Liebeserklärung an Lebensmittel)

Ich habe ansonsten gelesen, was ich bekommen konnte. Viel, schnell, wahllos. Bibliotheken waren keine Orte der Ehrfurcht, sondern Jagdgebiete. Ich habe Regale leer gelesen. Erst Fantasy, dann  Mittelalterliches, Historisches, alles mit Schwertern, Drachen, Königen, Intrigen. Dann Thriller, Psychothriller, alles, was dunkle Ecken im Menschen ausleuchtet. Als nicht mehr viel verlockendes übrigblieb ging ich zu denen "die-manchmal-wegen-alphabetischer-Sortierung-zwischen-den-üblichen-Romanen stehen". An denen ich eh schon bei den letzten 10 Besuchen vorbei ging. An den großen Namen, an sogenannter Weltliteratur. Was sollst du machen, bevor du Uninteressantes liest?

Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ich dazu berechtigt bin, solche Bücher zu lesen. Ich habe mich nicht gefragt, ob ich sie richtig verstehen werde, ob ich sie so lese, wie der Autor sie gemeint hat, oder ob ich dafür genug Vorwissen habe. Ich habe gedacht: Das ist ein Buch. Es ist auf Deutsch geschrieben oder zumindest übersetzt. Ich kann Deutsch lesen. Also werde ich es lesen können. Und das stimmte. Ich habe „Herr der Fliegen“ gelesen, „1984“, „Les Misérables“, „Die Verwandlung“, „Der Zauberberg“, „Die Buddenbrooks“, „Der Untertan“, später den „Steppenwolf“. Ich habe sie gelesen wie alles andere auch: aufgeschlagen, gelesen, weitergelesen. Und ich habe mir meine eigenen Gedanken dazu gemacht.

Und ich habe schnell verstanden, dass dieses berühmte Kanon-Gedöns nicht nur Gerede ist. Nach „1984“ ist Sprache nicht mehr unschuldig. Nach „Herr der Fliegen“ ist Zivilisation keine Selbstverständlichkeit mehr. Nach Kafka fühlt sich Entfremdung nicht mehr abstrakt an, sondern körperlich. Nach Victor Hugo denkt man über Gesellschaft und Verantwortung anders.... und... sie sind halt absolut NICHT langweilig.

Außer der „Zauberberg“ und das auch noch mit Absicht. Wer ihn gelesen hat, weiß, warum. Wer ihn nicht gelesen hat, dem kann ich das kaum erklären. 

Ich war ein Bücherfresser. Ich habe Bücher nicht gesammelt, ich hab sie mir einverleibt. Lesen war kein Ereignis, es war ein Zustand. Es war einfach da, so wie Atmen oder Denken.

Der Bruch kam, und er kam nicht leise. Ich war in der Psychiatrie, bekam Tavor. Nicht, weil ich mir das ausgesucht hätte, sondern weil es mir gegeben wurde. Ich wusste damals nicht mal, dass es abhängig machen kann. Ich wusste nicht, was es mit Konzentration, Gedächtnis und Wahrnehmung macht. Und es war langweilig dort. Nach ein paar Tagen wollte ich etwas lesen. Eine Mitpatientin hatte „Tintenherz“. Das Buch kann nichts dafür. Ich habe versucht zu lesen und gemerkt: Es geht nicht. Die Wörter waren da, aber sie kamen nicht mehr zusammen. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Das war ein Schock.

Als das Tavor abgesetzt wurde, wurde es wieder deutlich besser. Aber es wurde nie wieder wie vorher. Ich lese wieder, aber das alte Verschlingen kam nicht zurück. Ich nehme Psychopharmaka: Lithium. Ich will und muss es nehmen. Ich bin dankbar für die Stabilität, die es mir gibt. Aber ich merke auch, dass es dämpft. Nicht dramatisch, nicht vernichtend, aber spürbar. Und irgendwo auf diesem Weg ist das frühere Lesen geblieben, aber ich habe die Fähigkeit eingebüßt Bücher zu verschlingen und dafür eine Befreiung von 30 Jahren latenten Suizidgedanken erhalten. Ich denke der Handel ist fair.

Heute lese ich sehr viel langsamer und deshalb weniger und selektiver. Ich greife mir einzelne Bücher, meist wieder "Weltliteratur". Nicht, weil ich mir etwas beweisen will, sondern weil sie da sind und auf mich warten, viele davon hab ich noch nicht, will ich aber noch. Und ich weiß inzwischen, dass ich nicht alle lesen werde, die fantastisch sind. Das ist ein Verlust, aber schlicht meine Realität.

Was Lesen heute für mich bedeutet, hat viel mit dem zu tun, was es früher für mich war. Ich habe mir durch dieses wahllose, gierige Lesen unglaublich viel Welt angeeignet. Fantasie, Geschichte, mögliche Vergangenheiten, mögliche Zukünfte, menschliche Abgründe, Denkmodelle. Das ist alles nicht weg. Es existiert in mir weiter. Auch wenn ich heute langsamer lese, stehe ich auf einem Fundament aus Geschichten.

Ich bin ein Bücherfresser außer Dienst. Ich weiß, wie es sich angefühlt hat, sich selbst ermächtigt jede Geschichte anzueignen zu können, die ich wollte und die auf Deutsch erhältlich war. Das hat mich für immer verändert und den unendlich vielen Autorinnen der Welt bin ich dafür dankbar, dass sie schrieben und schreiben. Und somit uns Lesern neue Blickwinkel eröffnen. 
 

205 Eure Wut ist normal - Meine ist zu viel

Loyalitäts-Doppelmoral

Ich rede hier nicht von Streit. Ich rede nicht davon, jemanden fertigzumachen oder jemanden persönlich anzugehen. 

Ich rede davon, dass ich mich auch mal auskotzen will, dass ich auch mal wütend sein will auf die Welt, auf ein System, auf Umstände, die beschissen laufen. Ihr ruft bei mir an und beschwert euch über den Straßenverkehr, über Kollegen, über das Sozialsystem, über irgendwen, der euch gerade nervt, und ich gehe ein Stück mit, nicht weil ich muss, sondern weil das normal ist, weil das dazugehört, weil das gut tut, weil man sich bei Freunden auch mal auskotzen darf. Ich relativiere vielleicht minimal, wenn es nötig ist, aber ich verlasse euch nicht, ich bleibe bei euch und rege mich mit euch auf, weil das Verbundenheit ist, dieser kurze Moment von: "Wir gegen die Welt!".

Wenn ich wütend bin, dann bin ich euch unangenehm, peinlich, zu laut, zu anstrengend. Dann heißt es, ich müsse das differenzierter sehen, ich müsse sachlicher bleiben, ich müsse mich beruhigen. Ich kenne meine Anteile meistens schon selbst, ich benenne sie oft sogar vorher, ich weiß, wo ich hätte früher reagieren können, wo ich hätte besser planen können, wo ich vielleicht nicht perfekt war. Trotzdem darf ich auch mal sagen: Das regt mich auf.

Mein Borderline ernst nehmen heißt nicht, dass ich keine Emotionen mehr haben darf. Therapie heißt nicht, dass jede Wut automatisch falsch ist. DBT (Verhaltenstherapie für Borderliner) sagt nicht, deine Gefühle sind fehlerhaft, sie sagt, prüf sie. Und ich prüfe! Und wenn ich nach dieser Prüfung wütend bin, dann ist das kein Beweis für meine Dysfunktion, sondern nur dafür dass ich meine Wut als gerechtfertigt empfinde.

Was ich mir wünsche, ist nichts Großes. Ich will kein "Du bist unschuldig!", ich will keine Bestätigung, dass ich immer recht hätte. Ich will für ein paar Minuten dieses: "Ja, verdammt, das ist ungerecht.". So wie ich es auch gebe. Wenn ich euch kenne und weiß, warum euch etwas aufregt, dann steige ich ein. Nicht blind, aber loyal, wenn ich es nicht täte wäre ich nicht mit euch befreundet.

Und manchmal fühlt es sich an, als würde mir gesagt: Halt die Fresse, sei funktional, solange du zuhörst, bist du willkommen, aber sobald du selbst Raum einnimmst, sobald du laut wirst, sobald du nicht nur Spiegel bist, wirst du mir zu anstrengend. Wenn das wirklich so ist, dann sagt es wenigstens ehrlich. Dann kann ich entscheiden ob ich noch weiter Lust auf Kontakt habe.

Ich bin kein Werkzeug. Ich bin kein emotionaler Dienstleister. Ich bin ein Mensch. Und Menschen sind manchmal laut.

206 Ein Milliardenmarkt fürs Unersetzlich sein

Romance ist ein Milliardenmarkt. Egal ob Bücher, Serien, Filme oder Musik , diese Inhalte werden millionenfach konsumiert, weltweit. Frauen geben real Geld aus für Geschichten, in denen die emotionalen Höhepunkte Resonanz und Commitment sind: gesehen werden, ernst genommen werden, gewählt werden. 

„Was du denkst, ist mir wichtig.“ 

„Ich entscheide mich für dich.“ 

"Du bist für mich unersetzlich."

Natürlich gibt es auch Dark-Romance, Bad-Boy-Fantasien, „I will fix him“-Geschichten. Aber selbst dort liegt der Wendepunkt nicht in der Kälte, sondern in der exklusiven Resonanz: Er hört auf sie. Er verändert sich für sie. Er entscheidet sich.

Dem gegenüber steht die Behauptung, Frauen wollten Arschlöcher, wollten Männer, die nicht auf sie eingehen, die keine Resonanz geben. Das ist eine Verallgemeinerung und natürlich sind Menschen unterschiedlich. Es gibt Frauen, die Dominanz attraktiv finden, auch toxische Dynamiken. Wenn "Frauen wollen Arschlöcher" aber die durchschnittliche Erklärung weiblichen Begehrens wäre, müsste sich das doch im massenhaften Fantasiekonsum spiegeln. Dann wäre das erfolgreichste Genre eines, in dem Frauen in Beziehungen ohne Resonanz gehen. Das ist es nicht.

Daraus folgt nicht, dass alle Frauen gleich sind, aber es legt nahe, dass viele sich wertschätzende Beziehungsmuster wünschen.

207 LITHIUM - The Trick Is to Keep Breathing 

Triggerwarnung und Disclaimer: Hier geht es um suizidale Gedanken und Verhalten. Lithium ist ein Medikament mit zum Teil starken Nebenwirkungen und wirkt bei jeder Patientin anders.

10.000 Tage weiteratmen

Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als etwas begann, das ich damals nicht benennen konnte. Ab einem bestimmten Punkt war Sterben wollen keine akute Krise, sondern mein alltäglicher Begleiter. Es war ein immer offener Notausgang. 

Von 1994 bis 2021 sind es über 10.000 Tage. Über 10.000 Tage, an denen ich mit latenter Suizidalität gelebt habe. An drei Tagen habe ich versucht, mich umzubringen. An allen anderen habe ich es geschafft, es nicht zu versuchen. Das ist keine Heldengeschichte. Das ist eine Bilanz. Wer lesen mag was mir bis dahin geholfen hat am Leben zu bleiben wird hier fündig.

Das Absurde war: Diese Gedanken waren nicht an schlechte Tage gebunden. Ich konnte Motorrad fahren, tanzen, lachen, Musik genießen und gleichzeitig denken: "Ich will tot sein.". Und ich habe mich dafür geschämt, mich undankbar gefühlt, weil ich nicht genießen konnte, was das Leben mir gab.

Wenn auch nur das geringste negative passierte, war die Todessehnsucht der prominente Gedanke in meinem Kopf. Morgens dachte ich Jahrzehnte lang vor allem daran den Tag zu schaffen, auch wenn nur positives anstand.

Parallel dazu gab es manische Phasen. Manche waren leichter, manche schwerer. In den schweren war ich nicht einfach gut gelaunt, sondern entgrenzt. Ich dachte dann z.B. ich könnte alle Sprachen, hörte Stimmen und gab sehr viel Geld aus. Zusammenhänge konstruierte ich in diesen Phasen wie ein Verschleierungsideologe. Nicht aus Bosheit, sondern aus einem biochemischen Ausnahmezustand. Von außen betrachtet war manches vielleicht sogar amüsant, aber es war für mich einfach Realität zu diesen Zeiten und leider mussten meine Mitmenschen das ausbaden. Ich hatte schlicht Glück, dass es bei mir größtenteils nur peinlich war, aber die Scham und meine latente Suizidalität waren ein toxisches Gemisch.

Und so kam der dritte Tag an dem ich aufgab und nach diesem beschloss ich nie wieder aufzugeben, sondern zu überleben. Und ich beschloss alles dafür zu tun das zu schaffen.

Lithium wurde mir nicht wegen der latenten Suizidgedanken gegeben. Es wurde als Stimmungsstabilisator angesetzt, als Ersatz für Olanzapin, das aus guten Gründen nicht mehr infrage kam. Ich wurde ausführlich über die Risiken aufgeklärt und unterschrieb, denn ich wollte ja alles tun.

Ein paar Wochen später passierte irgendwas Peinliches und plötzlich merkte ich, das ich gar nicht mehr sterben wollte. 

Verpflichtung zum weiteratmen

Lithium hat mein Leben nicht einfacher gemacht. Es hat es verpflichtend gemacht. Vorher war Leben ein Projekt mit offenem Notausgang. Der war nun zu und mein System bestand plötzlich darauf, dass Weiteratmen keine Verhandlungssache mehr ist. Du schämst dich? Egal. Du bleibst. Du hast Mist gebaut? Möglich. Du bleibst. Es ist anstrengend? Ja. Du bleibst. Das war ungewohnt, das war hart.

Und damit begann die echte Arbeit an mir, sie war damit erst möglich, aber halt nun auch schlicht Gesetz. Ich habe dann die DBT wieder und wieder durchgearbeitet. Achtsamkeit geübt. Mich mit meinem inneren Richter auseinandergesetzt... diesem Anteil, der mir bei jedem vermeintlichen sozialen Fehler das Recht zu leben abgesprochen hat. Ich habe gelernt, meine eigenen ethischen Prinzipien auf mich selbst anzuwenden. „Jeder Mensch ist ein Mensch“ schloss plötzlich auch mich ein. Ich hab "Pragmatismus first" für mich eingeführt um endlich im Alltag klar zu kommen. 

Ich bin meine Sozialphobie angegangen. Zugfahren üben ohne Alkohol und sedierende Medikamente. Streaming mit der Chance sich total zu blamieren. Kafka und Hesse lesen und darüber reden.

Ja, Lithium dämpft mich. Kognitiv bin ich langsamer. Ich habe zugenommen. Das nervt. Aber ich habe diese Dämpfung eingetauscht gegen ein System, das mir jeden Tag mit dem Tod drohte.

Das permanente Sterben wollen war auch kein Charakterzug und kein moralisches Defizit. Es war schlicht ein biochemisches Ungleichgewicht. Als es verschwand war endlich genug Energie frei um den Rest meiner Probleme anzugehen.

The Trick Is to Keep Breathing - der Trick ist es, weiterzuatmen.

Der größte Auftrag im Leben ist es, am Leben zu bleiben.

Und ich bleibe.

208 Die rote 1

Brauchen wir Algorithmen?

Was diese zwei kleinen roten Zahlen gemeinsam haben, ist nicht TikTok und nicht Threads. Es ist das, was sie in meinem Kopf auslösen. Ich sehe die rote 1... und ich klicke. Nicht, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Sondern weil diese Zahl sagt, dass da Resonanz möglich ist.

Vielleicht hat jemand geantwortet.

Vielleicht hat jemand widersprochen.

Vielleicht hat jemand zugestimmt.

Vielleicht hat einfach jemand geliked.

Es juckt in meinem Hirn, bis ich drauf geklickt habe. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist. Ich weiß nur, wie es bei mir ist. Die rote Eins ist kein Drama. Sie ist klein. Aber sie ist ein Versprechen. Ein winziger Hinweis darauf, dass ich gesehen wurde. Und das ist ein Grundbedürfnis
 

Also klicke ich. Und dann passiert das Eigentliche. Ich klicke auch in meinen Feed. Und dann ist da jemand, dem ich widersprechen möchte, oder dem ich zustimme, der mich zum Lachen bringt, also scolle ich, weil ich hoffe.

Mein Feed ist kein Zufall. Ich habe ihn geformt, ohne es zu planen. Ich habe ihn mit jedem Klick und mit jeder Interaktion gefüttert und der Algorithmus hat gelernt und deshalb hat er so oft recht.

Diese Systeme sind nicht dafür gebaut, mir gutzutun. Sie sind dafür gebaut, möglichst lange, intensiv und engagiert benutzt zu werden. Das ist nicht mal Bosheit, sondern schlicht Marktlogik. Aufmerksamkeit ist die Ware und Verweildauer der Erfolg. Und um diese Verweildauer zu erhöhen, nutzen Plattformen Mechanismen, die durchaus potentiell suchtgefährdend sein können:

Unregelmäßige Belohnung.

Variable Bestätigung.

Soziale Rückkopplung.

Endlosbestätigung ohne vorgegebenen Abschluss
 

Nicht jeder, der Social Media nutzt, ist abhängig. So wie nicht jeder, der Lotto spielt, spielsüchtig ist. Menschen sind unterschiedlich disponiert. Aber dass diese Mechaniken Suchtgefahren bergen, ist schwer zu bestreiten. Es ist ein Risiko, das sich über Dauer aufbaut.

Aber selbst das ist nicht der Kern. Der Kern ist, dass es kein Ende gibt, denn der Algorithmus schlägt immer den nächsten Inhalt vor.

Wir regulieren Glücksspiel, weil variable Belohnungssysteme sucht-verstärkend wirken können. Wir akzeptieren, dass Märkte Leitplanken brauchen, wenn Profitinteressen und menschliche Bedürfnisse aufeinandertreffen.

Ich rede nicht von Verboten, nicht von Zensur, nicht von Zeitlimits.

Ich frage mich nur:

Was würde passieren, wenn Social Media keine Vorschlagalgorithmen mehr hätte? Wenn es nur noch eine Suchzeile gäbe?
Wenn ich aktiv entscheiden müsste, was ich sehen will, statt endlos gefüttert zu werden mit dem, worauf ich vermutlich reagieren werde?


Die rote Eins würde dadurch gar nicht verschwinden. Sie würde nur keine endlose Scroll-Versuchung mehr mit sich bringen. Die Betreiber der Plattformen wären sicher nicht begeistert davon, aber sie machen keinen Großteil der Bevölkerung aus.
 

Wo seht ihr Chancen und wo Risiken von Social Media?

Wie würdet ihr die Probleme (falls ihr welche seht) davon angehen?

209 Radikale Ehrlichkeit - weil Lügen Energie kostet

Mit Anfang zwanzig war ich ein Aufschneider. Ich fuhr Motorrad, erzählte Geschichten und legte gern eine Schippe drauf. Ich habe nichts komplett Erfundenes erzählt. Aber ich habe ausgeschmückt, minimal verdreht, dramatisiert, peinliche Sachen weggelassen. Ich hab das Bild erzählt, das ich gern gewesen wäre, nicht das was ich war. Das Problem an dieser Strategie ist für mich nicht die Moral, sondern die Verwaltung. Ich musste mir merken, wem ich was erzählt hatte und ich musste verteidigen, wenn jemand nachfragte. Das empfand ich als höchst unangenehm und die Versionsverwaltung kostete mich Energie.

Es gab keinen heroischen Entschluss, kein Datum, keinen Schwur. Irgendwann dachte ich schlicht: "Probier es doch mal ohne. Erzähl einfach das, was passiert ist. Nicht mehr, nicht weniger." Und dabei fiel mir erstens auf, wie oft ich vorher übertrieben hatte. Zweitens wie automatisch ich das tat. Drittens wie oft ich mich selbst in eine bessere Position schob, ohne es als Lüge zu etikettieren.

Aber der wichtigste Punkt war die Erleichterung. Als ich nichts mehr aufblasen musste, musste ich auch nichts mehr verteidigen. Wenn jemand mir nicht glaubt, ist das sein Problem. Ich weiß, was war, was ich gefühlt habe, wie es passiert ist. Ich konnte einfach mich selbst erzählen und die Welt explodierte nicht. 

Ab da begann etwas, das ich heute radikale Ehrlichkeit nenne und mein wichtigstes Prinzip zur Erleichterung meines Lebens ist. Radikale Ehrlichkeit ist für mich kein ethisches Prinzip, ich habe so einige davon, aber meine Ehrlichkeit kommt nicht aus Moral. Sie kommt aus Energieökonomie. Lügen, Imagepflege und Versionen kosten Energie. Ich habe davon nicht genug, um sie in Parallelrealitäten zu investieren.

Doch der größte Gewinn dieser Entscheidung ist Konsistenz. Es ist mein Leben, und ich erzähle es. Es gibt nichts zu korrigieren. Manchmal kann es passieren, dass ich im Ton überzogen war oder eine Situation von außen noch einmal anders beleuchtet bekomme. Dann korrigiere ich den Ton oder entschuldige mich.  Die Substanz des Gesagten bleibt in den allermeisten Fällen bestehen.

Es hat mir nie geschadet und es hat mir oft geschadet. Beides ist wahr und werde ich hier kurz erklären.Ich empfehle radikale Ehrlichkeit nach außen ausdrücklich nicht, denn ich hab dadurch Sozialkontakte verloren. Noch dazu bin ich in unangenehme Situationen geraten, in denen ich genau wusste, wenn ich das jetzt sage, wird es mir oder dem anderen wehtun, oder ich werde mich schämen, oder ich werde Ablehnung riskieren. Und manchmal lösen sich Beziehungen auch dadurch. Dating endet sehr oft abrupt. Familienfeiern eskalieren. Wer soziale Sicherheit über innere Stimmigkeit stellt, sollte radikale Ehrlichkeit eher nicht forcieren. Das sehe ich nicht als Schwäche, sondern ist schlicht eine andere, legitime Priorität.

Was ich jedem empfehle, ist radikale Ehrlichkeit nach innen. Das ist etwas anderes. Zu akzeptieren, dass man neidisch, gierig, eifersüchtig, getriggert... sein kann. Oft nicht heroisch, nicht golden, sondern einfach menschlich. Und dass man dies radikal ehrlich anerkennt, ohne Abwertung, ohne Selbstverherrlichung. Das ist anstrengend, weil man Dinge sieht, die man nicht mögen will. Aber genau dadurch entstand bei mir ein Impuls zur echten Veränderung, nicht Anpassung.

Nach außen ist meine Ehrlichkeit ein Beziehungsfilter. Ich will nur mit Menschen befreundet oder liiert sein, die mich meinen und keine geschönte, sozial verträgliche Version. Wenn jemand geht, weil sie mit meiner Wahrheit nicht klarkommt, dann mochte die Person mich nie wirklich, sondern nur ein Bild.

Natürlich gibt es Grenzen. Ich erzähle keine Details über andere. Ich veröffentliche keine sicherheitsrelevanten Informationen. Diskretion ist kein Widerspruch zur Ehrlichkeit. Aber ich führe keine zweite Version meines Lebens mehr.

Ich bin radikal ehrlich, weil Lügen Energie kostet.

210  Parasoziale Beziehungen

Wenn Nähe zur Ware wird

Parasoziale Beziehungen sind kein Phänomen des Internets. Sie existierten lange vor Social Media. Menschen fühlten sich Elvis nahe, imaginierten Beziehungen mit Marilyn Monroe, glaubten, Michael Jackson zu „verstehen“. Auch heute gibt es bestimmt Menschen, die überzeugt sind, eine besondere Verbindung zu Taylor Swift oder ähnlichen Stars zu haben. Gemeint ist mit dem Begriff, dass eine einseitige Beziehungsvorstellung entsteht, obwohl faktisch keine Gegenseitigkeit existiert. Nicht gemeint ist damit Sympathie oder regelmäßiger Konsum der Inhalte.

Bei klassischen Stars war diese Dynamik begrenzt durch Distanz. Filmstars reagierten nicht live auf Fanbriefe. Sänger nannten keine einzelnen Zuschauer beim Namen. Die Projektion war stark, aber die Interaktion gering.

Mit Social Media ändert sich die Architektur. Content Creator - ob auf YouTube, Twitch oder anderen Plattformen - interagieren.

Sie lesen Kommentare.

Sie reagieren auf den Chat.

Sie bedanken sich namentlich für Spenden.

Sie streamen aus ihren Wohnungen.

Sie teilen Alltägliches.

Nähe wird hier also nicht nur vom Zuschauer projiziert, sie wird simuliert.

Hinzu kommt die direkte Monetarisierung. Abonnements, Spenden, Bits, Ranglisten, Top-Supporter-Anzeigen. Wer Geld gibt, wird sichtbar, besonders in Liveformaten. Wer viel gibt, wird besonders sichtbar. Wer extrem viel gibt, wird gefeiert. Plattformdesign ist hier nicht neutral. Es belohnt Bindung. Denn parasozial stark gebundene Zuschauer geben überdurchschnittlich viel Geld aus. Das ist kein moralisches Urteil, sondern ökonomische Logik.

Bereits hier liegt ein strukturelles Problem, denn es wird Nähe kapitalisiert und Dankbarkeit öffentlich inszeniert. Das verstärkt die Illusion von Gegenseitigkeit. Nicht jeder Creator forciert das, viele gehen verantwortungsvoll damit um, aber die Mechanik existiert.

Sexualisierte Darstellung auf Streamingplattformen verschiebt diese Dynamik noch einmal. Nicht, weil Sexualität an sich verwerflich wäre. Wenn monetarisierte Nähe mit sexualisierter Selbstdarstellung kombiniert wird, kann die Bindungsintensität steigen.

Eine weitere Eskalationsstufe findet sich bei Plattformen wie OnlyFans und ähnlichen Angeboten. Dort ist monetarisierte Intimität kein Nebeneffekt, sondern Geschäftsmodell. Paywalls für Nähe. Private Chats gegen Geld und gestufte Exklusivität sind Programm. In manchen Fällen sogar ausgelagerte Kommunikation über Agenturen, während auf der Oberfläche persönliche Nähe suggeriert wird. Hier wird parasoziale Bindung nicht nur genutzt, sondern systematisch zu einem Produkt gemacht.

Das Risiko liegt auf beiden Seiten. Creator können Sicherheitsprobleme erleben, wenn Beziehungsillusionen eskalieren. Zuschauer können sich emotional und/oder massiv finanziell schädigen, wenn sie in asymmetrische Nähe investieren, die sie als real erleben.

Doch nun zurück zu Twitch und ähnlichen Plattformen. Diese sind ohnehin stark monetarisiert. Wenn eine solche Plattform zusätzlich den Eindruck vermittelt, dass sexualisierte Nähe ein zentrales Mittel der Aufmerksamkeit und Einnahme ist, verschiebt sich ihre Identität. Aus einer Gaming- und Entertainmentplattform mit teilweise fragwürdigen Monetarisierungsanreizen wird eine Bühne für monetarisierte Sexualisierung mit Querverweisen zu Seiten wie OF.

Parasoziale Beziehungsillusion ist meiner Ansicht nach immer kritisch - bei Stars, bei Streamern, bei erotischen Creatorinnen. Aber je interaktiver, je unmittelbarer monetarisiert und je emotional intensiver inszeniert, desto größer wird das Risiko.

Zahlung erzeugt Zugang, aber das schafft keine echte Gegenseitigkeit.

Doch:

Wenn Nähe zur Ware wird, entsteht bei Zahlung eine Anspruchshaltung. 



Nachtrag zu OF und Fanblast... dort wurde sichtbar was passiert wenn Nähe industriell produziert wird.

 

211  Blitzlicht zur Chronologie

Ich hab viel gelernt in den letzten 30 Jahren, ich hab viel an mir gearbeitet, ich bekomme passende Medikamente, ich halte so enorm viel mehr aus als früher...

 

Aber langsam ist der Akku leer, Familie, Freundschaften, Beziehung, Finanzen, Umzug... kein Lebensbereich läuft, alles kostet Kraft. Die Weltpolitik kostet 10x so viel Kraft wie noch vor 10 Jahren.

 

Was mich weiter schreiben lässt ist nur noch der Gedanke, dass unsere Welt jede Stimme braucht, die sich für progressive, demokratische Werte einsetzt. Das es feige wäre jetzt einzuknicken, das es jämmerlich wäre das wegen meiner privaten Schwierigkeiten zu tun...

 

Also weiterwursteln...

212 Was findet man da eigentlich schön?

Mit Beginn der Pubertät entwickelt der menschliche Körper sekundäre Geschlechtsmerkmale. Dazu gehört Körperbehaarung - bei allen Geschlechtern. Natürlich individuell unterschiedlich stark, aber Behaarung kann als eines der Zeichen von Geschlechtsreife gesehen werden.

Wenn ein vollständig rasiertes Erscheinungsbild als besonders ästhetisch gilt, dann wird optisch eine Version des Körpers bevorzugt, in der dieses Reifezeichen fehlt. Menschen dürfen Vorlieben haben. Rasur kann sich angenehmer anfühlen und bei mancher Tätigkeit kann sie praktischer sein. Doch Haptik und Funktion ist hier nicht der Punkt. Es geht um das optische Ideal.

Geschmack ist individuell, aber er entsteht nicht im luftleeren Raum. Unsere Sehgewohnheiten werden geprägt durch das, was wir immer wieder sehen: Werbung, Hochglanzmagazine, Film, soziale Medien, Pornografie. Über Jahrzehnte hinweg wurden besonders weibliche Körper, später zunehmend auch männliche, als selbstverständlich haarlos inszeniert, ob Achsel oder Intimbereich. Wiederholung erzeugt gefühlte Normalität.

Warum empfindet man einen kahlen Intimbereich als optisch schöner?

Rasur ist eine Kulturtechnik. Sie existiert seit Langem, mal stärker verbreitet, mal weniger. Die Moden der Jahrhunderte veränderten ihre Wahrnehmung. Dennoch ist sie keinesfalls der biologische Ausgangszustand eines erwachsenen Körpers. 

Für mich persönlich war es schon in meinen 20ern klar, ich möchte dort unten erwachsen aussehen. Ich rasiere mittlerweile weder meinen Intimbereich noch Achseln oder Beine, weil Körperhaare für mich ein normales Zeichen von Geschlechtsreife sind. Noch dazu hoffe ich das viele das tun, so dass wir uns wenigstens im normalen Leben wieder optisch an Haare an Körpern gewöhnen, wenn schon die Medien uns immer rasierte, epilierte, gelaserte, gewaxte... Körper präsentieren.

213  Ich hab das nicht so gemeint

Verantwortung in der Kommunikation

„Ich hab das nicht so gemeint“, ist bei der ersten Verwendung tatsächlich etwas wie ein Joker. Dann kann echtes Lernen voneinander stattfinden.

Um ihn allerdings tatsächlich gut zu machen, bräuchte es Nebensätze z.B.:

- „Ich hab das nicht so gemeint, ich werde das in Zukunft versuchen anders zu machen.“

- „Ich hab das nicht so gemeint, aber das hat mich jetzt tatsächlich mal angestoßen über meine Formulierung nachzudenken.“

- „Ich hab das nicht so gemeint, aber ich schaffe es nicht das anders zu formulieren. Welchen Kompromiss können wir finden.“

Leider ist es meist ein weniger positiver Gedanke der unausgesprochen mitschwingt: „Stell dich nicht so an und lerne es so zu betrachten wie ich es meine.“. Besonders wenn er noch mal zur selben Formulierung fällt.

Für viele ist der Satz eine banale Entschuldigung, für mich ist er ein Zeichen dafür, dass jemand nicht verstanden hat, was Kommunikation eigentlich bedeutet.

Kommunikation ist kein Selbstläufer, sie ist Hochleistungssport für Mutige. Ein recht unsympathischer, aber sehr kluger Mensch (mein Ex) sagte mal zu mir: „Wenn du etwas sagst oder schreibst, mach dir klar was du damit erreichen willst.“. Ich habe diesen Satz verinnerlicht, auch wenn er von ihm kam. Und deshalb kann ich klar sagen, was ich mit jeder Kommunikation als Hauptziel erreichen will, auch wenn das Erreichen sehr schwer ist: Genau das was ich wirklich gemeint habe, soll beim Gegenüber ankommen. Alles andere (Beziehungspflege, Selbstwert usw.) ist erst mal Dekor. Und für dieses Ankommen muss ich mein Gegenüber kennenlernen und wer klar Wut oder Verletzung über meine Worte äußert gibt mir enorm wichtige Informationen. Emotion ist dabei also kein Hindernis, sondern kann Teil der Information oder die ganze Information sein.  

Und ich tat und tue mir mit wertschätzender Kommunikation unglaublich schwer. Deshalb habe ich mich so lange und intensiv mit Kommunikationspsychologie beschäftigt, mit Sender und Empfänger, mit Wahrnehmung, mit Sprache, mit Modellen, die erklären, warum wir so oft aneinander vorbei reden. Ich habe gelesen, geübt, beobachtet, analysiert, und trotzdem passiert es mir immer wieder, dass meine Botschaft völlig anders ankommt, als ich sie gemeint habe.

Kommunikation - besonders mit Menschen mit denen man länger Kontakt möchte, bedeutet - Verantwortung zu übernehmen, lange nicht nur für die Absicht, sondern besonders für die Wirkung. Sie ist alles was der Empfänger bekommt, mehr steht ihm nicht zur Verfügung. Man sollte lernen wollen, sich so auszudrücken, dass beim anderen ankommt, was man tatsächlich meint. Das ist schwer, je weiter die Lebenswelten der Kommunizierenden voneinander entfernt sind, je weniger Überschneidung ihre Blasen haben, desto schwieriger wird eine gelungene Kommunikation. 

Doch Kommunikation ist nicht vorrangig Talent. Sie ist ein Handwerk, eine Haltung, ein ständiges Training. Wer sie ernst nimmt, nimmt seine Mitmenschen ernst.

214  Wenn Moral als Identität behauptet wird

Beware of the „Golden Angel Inside“

Ich lästere nicht gern über meine eigene Bubble, denn trotz allen Nervigkeiten fühle ich mich immer noch richtig auf der progressiven Seite des Spektrums, aber in letzter Zeit höre ich doch immer wieder von Fällen von „Nice Guys“ und „Good Girls“ in unseren eigenen Reihen. Diese Leute werden oft als bewusst manipulativen Menschen beschrieben, die Nähe, Mitleid oder moralische Überlegenheit gezielt einsetzen um ihre Ziele zu erreichen.

Doch in meiner Erfahrung ist eine andere Gruppe viel häufiger vertreten, die zwar oft gleich handelt, aber aus anderer Intention. Damit meine ich Leute, die nicht bewusst manipulativ sind, sondern im Gegenteil fest davon überzeugt sind, gute Menschen zu sein. Für diese Gruppe verwende ich den Begriff Golden Angel Inside, als anderer Typ innerhalb des bekannten Nice-Guy-/Good-Girl-Problemfeldes, als geschlechtsneutrale Beschreibung, weil ich diese Struktur in allen Geschlechtern kennengelernt habe.

Ansonsten verwende ich ein generisches Femininum und meine alle damit.

Wer glaubt intrinsisch gut zu sein wirkt zunächst oft sympathisch. Sie wirken moralisch klar, überzeugt, manchmal sogar beeindruckend sicher in ihren Urteilen. Das Problem entsteht erst, wenn diese Sicherheit auf Menschen mit anderen Werten oder Einstellungen trifft.

Denn wenn man überzeugt ist, Gut sein wie Hardware eingebaut zu haben, wird jede Kritik schwierig, jedes "Was du sagst hat mich verletzt" fast unmöglich. 

Mehr zu dem dann meist folgenden "Ich hab das nicht so gemeint" habe ich hier beschrieben, außerhalb dieses Textes, weil es meiner Meinung nach nicht nur bei "Golden Angel Inside" passiert.

Ein weiterer Punkt wird sichtbar, wenn man über Eigenschaften spricht, die Menschen gern „menschliche Abgründe“ nennen: Egoismus, Neid, Eifersucht, Gier... Dieser Blick auf diese sehr normal-menschlichen Eigenschaften verklärt vieles.

 

  • Jemand, die sagt: „Ich bin manchmal egoistisch“, beschreibt damit schlicht Realität. Sie erwartet Egoismus auch bei anderen Menschen und wird deshalb selten überrascht sein, wenn diese Eigenschaft ihr begegnet. Vielleicht hat sie gar nicht das Ziel ein guter Mensch zu sein.
  • Ein Mensch, der sich vornimmt, ein guter Mensch zu sein, versucht darüber hinaus etwas anderes: Sie versucht, diese Impulse zu begrenzen. Sie reflektiert diese. Irgendwann kommt vielleicht der Moment: „Mist. Da war ich wirklich egoistisch. Das will ich das nächste Mal anders machen“
  • Der Golden Angel Inside kommt zu diesem Moment selten. Nicht weil sie ein schlechter Mensch wäre. Sondern weil sie überzeugt ist, bereits ein guter zu sein. Sie hat Impulse wie Egoismus einfach nicht. Denkt sie zumindest.

 

Dadurch entsteht ein merkwürdiger Effekt im Weltbild des "Golden Angel Inside". Egoismus taucht nur noch bei anderen Menschen auf. Bei sich selbst ist so ein Abgrund dann nur eine Zuschreibung von außen, alles eigene Handeln geschieht nur aus tugendhaften Beweggründen.

Selbstreflexion funktioniert jedoch anders, zumindest wie ich sie erlebe. Sie beginnt meist mit der Reaktion anderer Menschen. Ich denke dann später darüber nach, was jemand gesagt hat. Wie jemand reagiert hat. Ob vielleicht etwas in der eigenen Aussage anders angekommen ist, als man dachte. Ob ich vielleicht irgendwo getriggert war und nicht der eigentlichen Situation entsprechend reagiert habe.

Wenn diese Art von Nachdenken nicht stattfindet, bleibt nur die eigene Intention als Maßstab. Und damit die eigene Moralvorstellung zur Identität. Und Tugend von Praxis zum Richterspruch über die Welt.

Ich vermute, dass dieses Muster oft schon früh entsteht. Manche Menschen lernen als Kinder, dass es verschiedene Arten gibt, ein guter Mensch zu sein. Das es eine schwierige Lebensaufgabe ist dieses Ziel zu verfolgen und dauernde Selbstüberprüfung erfordert. Andere lernen etwas viel Einfacheres: Wir sind die Guten. Die anderen liegen falsch.

Wer so sozialisiert wurde, hat wenig Anlass, sich selbst zu überprüfen. Das moralische Urteil steht bereits fest. Ethik hat dann gar keine Möglichkeit anzusetzen.

Ich persönlich empfinde diese Konfiguration Mensch als die anstrengendste und ich habe bisher keinen Weg gefunden sie zu erreichen, deswegen richtet sich mein Text auch nicht direkt an sie, sondern an Leute die "Golden Angel Inside" auch in ihrem Umfeld hatten oder haben.


 

Sind euch solche Menschen schon begegnet?

Wie geht ihr damit um?

Und habt ihr selbst einen Namen für diesen Typ Mensch?

215 Innere Rechtssprechung I - Der Henker in meinem Kopf

Es gibt eine Instanz in meinem Kopf, die ich früher „innerer Richter“ nannte. Das klingt zunächst nach Gewissen, nach moralischer Instanz, nach etwas, das Menschen sogar brauchen. In Wirklichkeit war mein Richter eher ein Henker. Er richtete nicht über andere Menschen. Er richtete ausschließlich über mich.

Seine Urteile waren eindeutig, endgültig und eiskalt. Wenn ich einen Fehler machte, erklärte er mir nicht nur, dass es ein Fehler war. Er erklärte mir, dass ich der Bezeichnung Mensch nicht würdig sei. Todesurteil war seine häufigste Strafe.

Das klingt dramatisch, aber für mich war es über Jahrzehnte Alltag. Immer wenn etwas schiefging, immer wenn ich auch nur entfernt glaubte, jemanden enttäuscht zu haben, konnte diese Stimme mir erklären, dass ich eigentlich kein Recht hätte zu existieren.

Dann kam Lithium in mein Leben und hat verrückter weise den Notausgang geschlossen. Damit meine ich die latenten Suizidgedanken, die früher immer irgendwo im Hintergrund existierten. Egal wie laut der innere Richter schimpfte, egal wie drastisch seine Urteile wurden, ich wollte nicht mehr sterben. Das war für mich ein fundamentaler Unterschied. Denn plötzlich konnte der Henker seine Urteile zwar noch sprechen, aber ich war gar nicht mehr in der Lage sie zu vollstrecken, selbst wenn ich ihm recht gab.

Ich stand morgens auf, machte meinen Kaffee, ging einkaufen, beantwortete Nachrichten, ging zum Arzt, erledigte Dinge. Währenddessen kommentierte diese Stimme im Hintergrund weiterhin mein Leben. Irgendwann fing ich an, sie anders zu nennen, weil mich ihr übertrieben dramatischer Tonfall an etwas erinnerte.

Nicht mehr „innerer Richter“, sondern "die Stimme aus dem Off".

Die Stimme aus dem Off ist eine Figur aus dem Theater. Ein Erzähler, der irgendwo außerhalb der Bühne sitzt und mit oft bedeutungsschwerer Stimme erklärt, was gerade passiert und warum alles tragisch ist. Und wenn man den Selbsthass so nennt, während man an der Supermarktkasse in der Schlange steht, dann kann einem schon mal ein Lächeln entfleuchen.

Und ich begann, das ein bisschen wie ein absurdes Theaterstück zu betrachten.

Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte der „Stimme aus dem Off“. Denn irgendwann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte:

Der Henker schwieg.

216 Innere Rechtsprechung II - Der Richter schweigt

Der Henker verschwand also nicht sofort aus meinem Kopf. Das führte zu einer Situation, die ich damals selbst kaum fassen konnte.

Und das war so seltsam es klingt, ein Streit auf WhatsApp mit Pete. Wir schrieben hin und her, und wie leider so oft in solchen Gesprächen verschob sich der Ton immer weiter. Irgendwann ging es längst nicht mehr um das ursprüngliche Thema, sondern nur noch darum, wer gerade den schärferen Satz formulieren konnte.

Pete machte sich über mich lustig. Nicht einmal, sondern immer wieder. Oft kam irgendeine Variante von „haha“, „Mimimi“ oder etwas ähnlich Herablassendes zurück. Auch bei Dingen, die für mich wirklich ernst waren.

Irgendwann schrieb ich einfach einen Satz, ohne groß darüber nachzudenken:

„So ist das Leben.“

Ein völlig unspektakulärer Satz. Einer dieser Sätze, die Menschen ständig sagen. Er sagte das habe sein verstorbener Vater immer gesagt, ich dachte (wenig erwachsen, das ist mir klar): "So jetzt kriegst du es zurück." und schrieb noch mal: "So ist das Leben. Mimimi". Seine Reaktion auf diese wenig erwachsene Rache von mir war allerdings alles andere als unspektakulär. Pete eskalierte vollständig. Wirklich vollständig. Beleidigungen, übelste Vorwürfe, irgendwann sogar die Ansage, ich solle ihn ab jetzt siezen und er würde meinen Namen nie wieder benutzen.

Ich saß vor dem Bildschirm und verstand überhaupt nichts. Natürlich sprang sofort mein innerer Richter an. Das war sein Job. Wenn ein Konflikt eskalierte, suchte er zuerst den Fehler bei mir. Also begann er zu prüfen. Er ging das Gespräch noch einmal durch. Dann noch einmal. Das Pete nach derart massivem Austeilen selbst keinen Treffer einstecken könnte taten sowohl mein Richter als auch ich als absolut unrealistisch ab. So doppelmoralisch konnte der Mann den ich damals noch liebte doch nicht sein, so doppelmoralisch konnte niemand sein vor dem ich Respekt hatte.

Zwei Tage später schrieb P. noch einmal. Ich erwartete irgendeine Form von Erklärung, vielleicht sogar eine Entschuldigung.

Die Erklärung kam tatsächlich: 

Der Satz „So ist das Leben“ hatte ihn an seinen Vater erinnert. Sein Vater hatte diesen Satz früher oft gesagt. Er empfand es als herzlos, dass ich mich darüber lustig machte.

Das war also der Auslöser. Ich las diese Nachricht mehrmals. Und während ich dort vor dem Bildschirm saß, passierte etwas, das ich bis dahin noch nie erlebt hatte. Mein innerer Richter prüfte die Situation noch einmal. Normalerweise wäre jetzt das Urteil gegen mich gefallen. Diesmal nicht.

Sinngemäß sagte er etwas, das ungefähr so klang:

„Nein.
Pete war hier ungerecht.
Das ist nicht mein Fall.
Regel du das.“

Und dann ging er sinngemäß ein Nickerchen machen.

Er sprach kein Urteil. Er erklärte mich nicht schuldig. Er erklärte mich aber auch nicht für unschuldig. Er hörte einfach auf.

Das Problem war nur:
Ohne Urteil musste ich plötzlich selbst entscheiden, wie ich auf diese Nachricht reagieren wollte.

Und das stellte sich als deutlich schwieriger heraus, als ich erwartet hatte.

217 Befähigt Kapital zur Machtausübung?

Eine Minimal-Utopie

Ich hatte mich ja sehr eingehend mit meiner Dystopie des Firmenfeudalismus beschäftigt (wer mal reinschauen mag findet auf Reddit meinen Sammelthread) und es war an der Zeit, einen Gegenentwurf dazu zu bauen. Der folgende Text ist von verschiedenen Ideen beeinflusst, auf die ich jetzt hier nicht genau als Quelle eingehen werde. Kennerinnen werden sicher das ein oder andere erkennen. (Im Text wird wo nötig wieder ein generisches Femininum verwendet)

Dieser Text beschreibt keine perfekte Gesellschaft. Er beschreibt auch keine vollständige Lösung für die vielen Ungerechtigkeiten unserer Welt. Er versucht lediglich, eine einzige Grundannahme zu verschieben, weshalb ich ihn Minimal-Utopie nenne.

Produktionsmittel gehören nicht dem Volk, das soll hier auch nicht geändert werden. Sie müssen nicht dem Volk gehören, Unternehmen können weiterhin privat sein, Gewinne können weiterhin erzielt werden und Vermögen kann weiterhin entstehen. Was mein Gedankengebäude verändern soll, ist eine andere Frage: Wer das Recht haben sollte, Entscheidungen zu treffen, die das Leben sehr vieler Menschen betreffen.

Wenn solche Entscheidungen hunderte, tausende oder sogar Millionen Leute angehen, dann sollten diejenigen, auf die es sich bezieht, zumindest darüber entscheiden können, wem sie diese Entscheidungsmacht anvertrauen. Nicht indem sie jede einzelne Entscheidung selbst treffen, sondern indem sie regelmäßig darüber befinden, ob diejenigen, die entscheiden, ihr Vertrauen noch verdienen.

Das ist kein revolutionärer Vorschlag. Es ist nur eine kleine Verschiebung der Regeln. Kapital allein verleiht dann keine Entscheidungsmacht mehr über Menschen. Entscheidungsmacht braucht Legitimation durch diejenigen, die mit den Folgen dieser Entscheidungen leben müssen.

Es geht nicht darum jemandem Firmenanteile oder Gewinne wegzunehmen, sondern nur um eine Legitimation der Entscheidungsgewalt durch die in der Überzahl Betroffenen.

Das besonders minimale daran, ist dass hier zunächst Firmen und deren direkte Angestellte und Arbeiterinnen betrachtet werden. Man könnte diesen Gedanken sehr viel größer aufziehen, aber auch so ist seine Umsetzung leider fast schon utopisch.

Denn in unserer gegenwärtigen Ordnung gilt es als selbstverständlich, dass angesammeltes Kapital nicht nur Eigentum bedeutet, sondern auch Entscheidungsmacht. Wer genug davon besitzt, kann über Unternehmen bestimmen, über Investitionen, über Standorte, über Infrastruktur, über Arbeitsplätze und damit über das Leben vieler Menschen. Diese Verbindung zwischen Kapital und Macht wird selten grundsätzlich hinterfragt. Sie gilt als Teil der natürlichen Ordnung der Dinge. Und an diesem selbstverständlichen Glaubenssatz unserer Zeit hoffe ich mit diesem minimal-utopischen Gedanken ein klein wenig mitgesägt zu haben.

218 Innere Rechtsprechung III – Der Henker streikt

Ich antwortete Pete also, weder freundlich noch diplomatisch. Der innere Richter hatte sich schließlich aus der Sache zurückgezogen und ich fühlte keinerlei Bedürfnis mich zu entschuldigen. Pete blieb trotzdem überzeugt, im Recht zu sein.

Das war vielleicht der Moment, in dem etwas zwischen uns endgültig zerbrach. Pete blieb bei seiner Meinung, dass seine Probleme wichtiger seien als meine. Dass jemand seine eigenen Schwierigkeiten als viel wichtiger bewertet als die eines angeblich geliebten Menschen, erschien mir nicht nur unfair, sondern schlicht absurd.

Während wir weiter miteinander stritten, fiel mir etwas Merkwürdiges auf... Der innere Richter meldete sich weiterhin nicht. Für ihn galt Pete nun als zu ungerecht, als dass meine eigenen Entgegnungen noch betrachtenswert gewesen wären.

Das bedeutete allerdings auch, dass ich plötzlich etwas tun musste, was ich vorher kaum geübt hatte: selbst entscheiden, wann ich nachgebe und wann ich einfach sage, dass mir etwas zu weit geht. Und ich merkte selbst wie hart und kalt ich ohne den Richter als ständige moralische Instanz war. Aber ich fand... und ich finde es ehrlich gesagt bis heute... Pete hatte es verdient, dass ich an ihm übe. Er hatte selbst so oft gegen den inneren Richter argumentiert. Er war überzeugt, dass diese Instanz in meinem Kopf grundsätzlich ein Problem sei. Dass ich sie loswerden müsste. Dass viele Dinge, die ich sagte oder fühlte, eigentlich nur der innere Richter wären.

Das führte zu merkwürdigen Situationen: Immer wenn ich zum Beispiel ein Bedürfnis äußerte, erklärte Pete, das sei der innere Richter. Dabei war genau das der Moment, in dem der innere Richter gar nicht aktiv sein konnte. Wenn er aktiv gewesen wäre, hätte ich kaum einen Satz herausbekommen. Dann hätte ich innerlich die ganze Zeit gehört, dass ich mir gar nichts wünschen darf. Dass ich nichts wollen darf. Dass ich nicht das Recht habe, überhaupt etwas zu brauchen.

Aber Pete blieb bei seiner Interpretation, auch wenn ich es ihm erklärte.

Und so war mir sogar schon vor diesem WhatsApp-Streit durch Petes Verhalten etwas über meinen inneren Henker klar geworden: Er hatte eine Funktion.

Und jetzt war die Zeit ihn an seine eigentliche Funktion zu erinnern.

 219 Innere Rechtsprechung IV – Der Henker wird Richter

Nachdem mir klar wurde, dass der innere Henker eine Funktion hatte, nämlich die mich einzubremsen und nicht zu einem Menschen werden zu lassen, der wie es mir mein Vater, mein Bruder H. oder meine Oma einfach über die  Bedürfnisse anderer hinweg trampelte. 

Ohne die ständige Bewertung war ich für mich angenehm ruhig, aber auch ziemlich kalt.

Also wollte ich ihn einbinden und ihm einen Job geben.

„Gut“, dachte ich mir irgendwann, „wenn man schon mal ohne Todesangst mit dir reden kann...“

Das klingt absurd, aber so fühlte es sich tatsächlich an. Als würde ich mich mit einer Figur aus meinem eigenen Kopf an einen Tisch setzen.

„...du hast eigentlich eine Aufgabe“, sagte ich ihm sinngemäß. „Du bist dafür da, dass ich mich nicht wie ein Arschloch verhalte. Dass ich andere Menschen möglichst fair behandle. Dass ich darüber nachdenke, ob das, was ich sage oder tue, gerecht ist... Was du aber nicht mehr darfst“, fuhr ich fort, „ist mir jedes Mal das Existenzrecht absprechen, denn ich bin auch ein Mensch. Und wenn der Satz stimmt, den dieses Land sich als erstes in seine Verfassung geschrieben hat - dass die Würde des Menschen unantastbar ist - dann gilt das auch für mich. Das bedeutet nicht, dass alles, was ich tue, richtig ist, aber es bedeutet, dass ich nicht für jeden Fehler zum Tode verurteilt werden muss,“

Also machte ich dem inneren Richter ein Angebot.

„Du darfst weiter urteilen“, sagte ich ihm. „Du darfst mir sagen, wenn ich unfair war. Du darfst mir sagen, wenn ich übertrieben habe. Du darfst mir sagen, wenn ich jemandem Unrecht getan habe, aber du bist nicht mehr der Henker.“

"Und vor allem", fügte ich hinzu: „Du hörst dir auch MEINE Argumente an.“

In meiner Vorstellung war das der Moment, in dem sich etwas unter dieser metaphorischen Kuppel Umbaumaßnahmen begannen (die ich immer wieder antreiben musste, Verhaltenstherapie lässt grüßen, Denkgewohnheiten ändern dauert).

Früher stand dort ein Richtplatz. Ein Richtblock, der immer auf meinen Kopf wartete. Heute steht dort eher so etwas wie ein Gerichtssaal. Der Richter ist noch da. Er meldet sich auch weiterhin zu Wort (außer zu Pete, den Fall hat er für immer abgelegt). Manchmal immer noch sehr laut, aber es gibt jetzt auch eine Verteidigung. Und meist endet das Verfahren nicht mehr mit einem Todesurteil, sondern einfach mit der Verurteilung zum um Verzeihung bitten oder Wiedergutmachung zu leisten.

Der Henker ist also nicht verschwunden, er ist tatsächlich Richter geworden.

220 A Child of Big Fish

Da sich Geschwister nun mal Eltern teilen, rede ich hier immer von unseren Eltern, auch wenn meine Geschwister möglicherweise andere Ansichten zu ihnen haben.

Kennt ihr den Film "Big Fish"? Wir sind mit zwei Big Fish aufgewachsen.

Damit meine ich nicht Menschen, die Geschichten erfinden. Unsere Eltern haben beide auf ihre Art so manche Geschichte übertrieben, aber nicht erfunden. Sie haben dieses Leben tatsächlich gelebt. Und wenn Menschen so leben, dann wirken sie auf andere irgendwann wie Figuren aus Geschichten, selbst wenn alles wahr ist.

Unser Vater war äußerlich kein großer Mann. Etwa eins siebzig groß, Bauch, nur ein Arm nach einem Unfall (ok, das Detail ist an sich schon wieder "Big Fish"). Trotzdem konnte er einen Raum füllen, als wäre er riesig. Er war cholerisch, stur wie die Hölle, rücksichtslos seiner Familie gegenüber, ein Querulant, ein Musiker und ein Lump, aber gleichzeitig gebildet, intelligent, humorvoll, ein guter Freund und voller Energie.

Er spielte Musik. Mundharmonika, Akkordeon, später Keyboard. Nicht so richtig gut, aber mit Eifer und Einfallsreichtum, wegen der fehlenden Hand. Musik gehörte zu seinem Leben, genau wie das Tanzen. Rock’n’Roll liebte er, aber auch ansonsten war er ein guter Tänzer.

Unsere Mutter ist eine andere Art Big Fish. Wenn mein Vater Granit war, dann ist sie eher eine Weide am Bach. Sie konnte unglaublich viel aushalten, ist mehrfach zerbrochen und trotzdem noch da.  

Sie liebt Musik. Wenn man sie fragt, was sie am liebsten hört, sagt sie oft einen Satz, den ich bis heute an ihr mag: „Ich liebe es, wenn die Gitarren so richtig schreien.“

Sie liebt Filme. Western, Hitchcock, Nebel des Grauens, aber auch Shrek und Schuh des Manitu, einfach alles mögliche. 

Sie liebt Bücher. Sie hat jahrzehntelang in der Gemeindebücherei gearbeitet. Bücher gehörten zu unserem Haus wie Möbel. In fast jedem Zimmer war ein Regal.

Sie liebt PC-Spiele. Ich bin schuld daran, sie hat mich damals Cäsar III spielen sehen und dann selbst angefangen. Sie ist jetzt 85 und hat sich grad nen neuen gebrauchten Gaming-PC gekauft.

Zusammengefasst: Sie liebt Geschichten und ihre Phantasie hat nicht nur ihr, sondern auch uns beim Überleben geholfen.

Unsere Eltern hatten beide nur acht Jahre Volksschule. Trotzdem wurde bei uns gelesen, auch die Tageszeitung jeden Tag, Tagesschau zusammen schauen war für mich schon als Kind normal. Meinen Vater lesend am Tisch zu sehen war für mich einfach Alltag. Es wurde über Bücher gesprochen, über Filme, über Musik, aber auch über Politik. 

Das klingt alles sehr modern, aber gleichzeitig war unser Alltag mehr als altmodisch. Wenn unser Vater von der Arbeit nach Hause kam, standen wir oft schon in Arbeitsklamotten bereit. Er kam gegen halb fünf, aß, trank sein Bier, und dann mussten wir mit zum Arbeitseinsatz. Die Landwirtschaft hatte immer Arbeit zu bieten, irgendein Gerät war zu reparieren, Zäune zu flicken, Holz zu machen oder halt banal die Tiere zu versorgen. Wenn du eingeteilt warst um die Lampe zu halten und wackeltest oder wenn du bei "Halt mal da" nicht sofort wusstest wo, dann wurdest du niedergebrüllt wenn du Glück hattest, die weniger Glücklichen bekamen eine gelangt.

Überstrenge Regeln und völlige Freiheit konnten nebeneinander existieren. Unser Vater konnte uns also wegen einer Kleinigkeit niederbrüllen, aber wenn wir am Freitagabend zur Tür hinausgingen und sagten: „Wir gehen tanzen“, dann sagte er einfach: „Viel Spaß.“

Ich erinnere mich an einen Moment, in dem mir zum ersten Mal auffiel, dass unsere Familie vielleicht nicht ganz normal war. Ich (etwa 11 damals) bekam mit wie der Vater einer Schulkollegin nach Hause kam von der Arbeit. Sie rannte auf ihn zu und sagte fröhlich: „Papa, schön, dass du da bist.“ Ich war völlig irritiert. Für mich bedeutete ein Vater, der nach Hause kommt, etwas anderes. Vorsicht. Arbeit. Ende der Kindheit für heute. Ich überlegte damals schon was davon normaler war.

Ein anderes Mal (schätze ich war 12) hörte ich eine Nachbarin zu ihrer Tochter sagen:

„Wenn du nicht brav bist, kommst du eine Woche zu den H.s. Da lernst du gehorchen.“ Sie wusste, dass ich das hören konnte. Ab da war mir recht klar, dass die anderen zumindest eine Ahnung hatten was bei uns abging, aber keinen Grund zum Handeln sahen.

Unsere Eltern waren faszinierende Menschen. Unsere Mutter ist es noch. Leute die andere in ihren Bann ziehen konnten. Auf Menschen außerhalb unserer Familie wirkten die beiden zu Recht oft höchst faszinierend.

Wenn man mit solchen Eltern aufwächst, passiert etwas Merkwürdiges...

Man wächst im Schatten von großen Geschichten auf.

Und ist enttäuscht, wenn man diese Größe nie erreicht.

Denn natürlich denkt man jetzt, wenn der Autor von solchen Leuten abstammt und eine solche Kindheit hatte, dann muss er doch ein außergewöhnlicher Mensch geworden sein. Nein, lächerlich gewöhnlich, langweilig und dramatisch erfolglos. Das einzige was mir noch bleibt ist es als Chronist meines eigenen Scheiterns wenigstens noch einen Hauch Pseudo-Sinn in mein Leben zu schreiben. 
Aber wenn ich aus meiner Kindheit eines gelernt habe, dann aus jeder Situation das beste zu machen, deswegen ist genau meine Gewöhnlichkeit mein künstlerisches Konzept.

 

221 Little Britain

Ich gestehe etwas: Ich bin britophil.

Ich weiß nicht genau, wer daran schuld ist. Wahrscheinlich war es Monty Python, nein Terry Pratchett muss schuld sein, Dr. Who kam erst später für mich, also müssen es die Beatles verbrochen haben, neee Mick Jagger und seine Unvergänglichen müssen der Ursprung gewesen sein, quatsch, niemand ist wie Freddie Mercury, also war er es... na ich bin doof Ozzy Osbourne sah schon immer schuldig aus, er war es, also zumindest an dieser Liste sind Black Sabbath tatsächlich schuld. 

Denn wie so oft hörte ich Musik und plötzlich poppte ein Gedanke in meinem Kopf auf:

Moment… Black Sabbath waren doch aus Birmingham. Und dann hörte es nicht mehr auf.

 

Beatles. Rolling Stones. Bowie. The Clash. Pink Floyd. Motörhead. Adam Kay. Prodigy. Dire Straits. Clapton... Britische Künstler* scheinen große Teile meiner Musikwelt zu bewegen.

Immer wieder tauchte noch jemand auf.

„Moment, der fehlt noch.“

„Ach, und die natürlich auch.“

„Moment, ich hab noch nicht genug [hier Musikrichtung einsetzten], da waren sie ja auch groß.“

Irgendwann musste ich einfach aufhören, weiter Namen zu sammeln, sonst hätte diese Liste wahrscheinlich nie geendet. Denn hier kann ich musikalisch in so vielen meiner bevorzugten Jagtgebiete wildern: Beatmusik, Prog Rock, Heavy Metal, Punk, elektronische Musik, Indie oder auch mal moderner Hip-Hop... Musik ist eh meine Version der ewigen Jagtgründe, britsche Gefilde* empfinde ich hier aber als besonders beutereich.

Warum das so ist? Keine Ahnung, ich höre einfach. Wenn jemand erklären mag, warum diese relativ kleine Inselregion musikalisch so absurd produktiv ist, dann freut mich das. Ich bin ernsthaft neugierig auf alle möglichen Erklärungen. Die Liste unten ist deshalb kein Versuch, britische* Musikgeschichte vollständig abzubilden. Das wäre völlig unmöglich.

Es ist einfach meine persönliche Little-Britain-Liste um für mich festzuhalten, dass Britain für Musikliebhaber gar nicht so little ist.

Wenn euch Künstler fehlen, die unbedingt dazugehören sollten, sagt mir gern Bescheid. Besonders im Hip-Hop- und Rapbereich kenne ich mich nicht so gut aus, lerne aber gern dazu.

Bei den Songs selbst bin ich allerdings relativ wählerisch gewesen. Die meisten davon habe ich sehr bewusst ausgesucht. Wenn euch interessiert, warum genau dieser Song und nicht ein anderer, fragt gern.

Also:

Hier ist meine kleine Reise durch die Musikinseln. Wie sähe eure aus?

P.S.: Auf meiner Liste gilt eine wichtige Regel: Jeder nur ein Kreuz!

* In dieser Liste verstecken sich tatsächlich auch ein paar Iren. Wer sie findet, bekommt ein virtuelles Kleeblatt 🍀. Und falls ich jemals absichtlich eine irische Liste zusammenstellen sollte, glaubt mir, das würdet ihr merken.

222  Die Welt ist schön

Das klingt wie ein einfacher Satz, fast wie ein Kalenderweisheitsspruch. Aber ich meine ihn wörtlich und er hilft mir jeden Tag weiter zu gehen.

Die Welt ist schön, unabhängig davon, ob mein Leben gerade leicht oder schwer ist. Sie ist schön, wenn ich glücklich bin, und sie ist schön, wenn ich völlig erschöpft durch einen Tag laufe. Sie ist schön ob ich existiere oder nicht. Die Schönheit der Welt hängt nicht davon ab, wie es mir geht, oder ob ich hinsehe. Sie ist einfach da.

Und deshalb will ich Frederik die Maus sein und die Schönheit der Welt sind die Sonnenstrahlen, die ich für schlechte Tage sammle.

Diese Schönheit bedeutet für mich Musik, Filme, Literatur, Games, also Kunst in ihrer Größe und wunderschönen Banalität. Und sie bedeutet Verständnis über diese unglaublich komplexe Welt, dass ich mir erarbeiten kann...

... und die Schönheit, die die Welt um mich einfach bietet.

Heut auf dem Weg zu den Tafeln:


Die Welt ist schön, ob ich hinsehe oder nicht. 

Also sehe ich hin.

223 Frauen sind so schwer zu verstehen


Eine verrückte Idee:

Wenn man Frauen verstehen will, könnte man Frauen zuhören.
Am Ende sogar unterschiedlichen.

Ich weiß, klingt radikal.

Keiner der folgenden Texte richtet sich nur an Männer. Alles, was ich dort beschreibe, betrifft Menschen aller Geschlechter. Es ist nur die Perspektive einer weiblich sozialisierten Person auf diese Themen. Lasst uns also diskutieren!

Eine Auswahl an Redditthreads:

P.S.: Die Arie bedeutet natürlich nicht, dass ich alle Männer für so verdorben halte wie den Herzog von Mantua aus Rigoletto.
Aber sie passt herrlich zum Thema: Männer reden über Frauen, statt mit ihnen. 

224 BLITZLICHT! Kafka Quest weiter geführt

ch habe die Kafka Quest einen Schritt weiter gebracht und "Der Steppenwolf" fertig gelesen und das Ende war noch viel besser als ich es je zu hoffen gewagt hatte.

Jetzt höre ich um mich selbst zu belohnen "Rock me Amadeus" und geh mir im 24 Laden ne Tüte Chips kaufen. Ich feiere das Leben und übe das Lachen, Herr Pablo.

P.S.: Wer wissen will was die Kafka Quest ist wird hier fündig:

225 Warum schreibe ich?

Den wichtigsten Grund zu schreiben, stellt für mich der einfache Gedanke dar, dass ich zeigen möchte wie übervoll jedes Menschenleben ist. Wenn ich mein Leben aufschreibe, dann nicht, weil es außergewöhnlicher wäre als andere, sondern gerade an meiner Gewöhnlichkeit soll man sehen können, wie viel in einem einzelnen Leben steckt: Gedanken, Bedürfnisse, Gefühle, Prägungen, Erinnerungen, Konflikte, Erfahrungen, politische Haltungen, Zweifel und Hoffnungen.

Es soll hierdurch klar werden, dass jeder Mensch in gewisser Weise ein eigenes Universum darstellt und jede Sekunde dieses vergänglichen Universums unwiederbringlich ist.

Mein performatives (fast) Live-Schreiben ist für mich deshalb auch ein Versuch zu zeigen, wie man anderen Menschen gerecht begegnen kann. Für mich führt dieser Weg über einen einfachen Dreiklang:

Erstens: Reflektiert euch!

Ich glaube, dass die Quest, ein guter Mensch zu werden, überhaupt erst beginnt, wenn man mit Selbstreflexion anfängt. Ohne sie startet diese Reise gar nicht.

Psychisch kranke Menschen werden oft früh zu dieser Reflexion gezwungen. Nicht weil sie automatisch bessere Menschen wären, sondern weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Sie müssen verstehen, was gerade passiert ist, was sie fühlen, was das gerade ausgelöst hat oder was sie angerichtet haben.

Zweitens: Radikale Ehrlichkeit zu euch selbst.

Damit meine ich nicht die radikale Ehrlichkeit, die ich oft nach außen praktiziere. Ich meine radikale Ehrlichkeit nach innen.

Das bedeutet weder Selbstabwertung noch Selbstüberhöhung. Wenn man erkennt, dass man gierig war, eifersüchtig, verletzt, wütend oder unfair, dann sollte man das anerkennen, ohne sich dafür zu vernichten. Und genauso wenig sollte man sich selbst idealisieren in dem man z.B. sagt nie gierig oder neidisch zu sein.

Radikale Ehrlichkeit heißt für mich: akzeptieren, dass man ein Mensch ist. Fehler erkennen, Verantwortung übernehmen, um Verzeihung bitten, Dinge wiedergutmachen... manchmal auch sich selbst gegenüber.

Drittens: Ein Mensch ist ein Mensch.

Für mich ist das der wichtigste Schritt.

Wenn man durch die ersten beiden Schritte verstanden hat, wie komplex man selbst ist und sich gerade deshalb als Menschen akzeptiert, dann wird plötzlich etwas sehr Einfaches sichtbar: Alle anderen Menschen funktionieren nach ganz ähnlichen Prinzipien. Sie haben andere Erfahrungen gemacht, andere Prägungen, andere Wünsche, aber sie sind aus derselben menschlichen Grundstruktur gebaut.

Wenn man diesen Punkt wirklich versteht, ist man bereits auf einem guten Weg, ein guter Mensch zu werden.

Wenn man diesen Schritt anders erreicht, ist das natürlich genauso gut.

 

Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich schreibe. Einen, der mich weitermachen lässt, auch in Momenten, in denen ich daran zweifle. Ich glaube, unsere Zeit braucht Menschen, die öffentlich dafür sprechen, dass ein Mensch ein Mensch ist.

Deshalb bitte ich alle, die das ähnlich sehen: Sprecht darüber. Schreibt darüber. Postet darüber. Redet darüber, wo immer ihr seid.

Alle Stimmen zählen, selbst meine, ganz sicher deine.

226 Sex als Ramschware

In diesem Text wird ein generisches Femininum verwendet, gemeint sind damit natürlich immer alle Geschlechter.

Prostitution ist eines der letzten Tabus... nicht weil sie verboten ist, sondern weil wir uns weigern, ehrlich darüber zu reden. Für die einen ist sie ein notwendiges Ventil für männliche Sexualität. Für die anderen ein System der Ausbeutung, das komplett abgeschafft werden sollte. Meiner Meinung nach ist sie heute vor allem eines: Eine Verramschung von körperlicher Intimität. Lasst uns deshalb mal ehrlich reden?

Braucht unsere Gesellschaft Prostitution wirklich?

Gibt es weniger schädliche Formen davon?

Denn wenn wir über Prostitution reden, reden wir meist über zwei Bilder, die beide nur einen kleinen Teil der Realität zeigen. Das erste Bild ist die selbstbestimmte Escort, das Sugarbabe, die Domina usw., die sich ihre Kundinnen aussucht, hohe Preise verlangt und ihre Arbeit kontrolliert. Das zweite Bild ist die Zwangsprostitution im Hinterzimmer oder auf der Straße, organisiert durch Menschenhandel und Gewalt. Beides existiert. Aber der größte Teil der Prostitution, der unsere Gesellschaft tatsächlich prägt, liegt irgendwo dazwischen und über diesen Teil wird meiner Meinung nach erstaunlich wenig gesprochen. In vielen Städten bedeutet Prostitution heute: niedrige Preise, hohe Frequenz, standardisierte Abläufe. Sex für Beträge, die teilweise unter dem Preis eines Kinotickets liegen.
Bordelle mit Flatrate-Angeboten. Sexworkerinnen, die an einem Tag zehn, fünfzehn oder zwanzig Kundinnen bedienen müssen, um ihre Miete zu bezahlen. Das ist keine romantische Version von Sexarbeit. Das ist ein System mit Fließbandlogik.

Ein Argument, das in den letzten Jahren immer häufiger auftaucht, behauptet, digitale Plattformen wie OnlyFans würden das Problem entschärfen. Schließlich findet dort kein physischer Kontakt statt. Doch auch hier stellt sich eine ähnliche Frage wie bei der klassischen Prostitution:
Welche Dynamik entsteht, wenn Sexualität in ein marktförmiges System eingebettet wird, das nach Klickzahlen, Abonnements und stetigem Output funktioniert?
OnlyFans wirkt auf den ersten Blick wie eine selbstbestimmte Alternative. In der Praxis entsteht jedoch oft eine digitale Plattformökonomie. Wer sichtbar bleiben will, muss ständig neues Material liefern, Preise unterbieten oder immer intimere Inhalte produzieren. Aus der Pommesbude wird so kein Restaurant, sondern eher ein sexuelles Instagram, in dem Aufmerksamkeit, Körper und Sexualität dauerhaft in kleine monetarisierbare Einheiten zerlegt werden. Noch dazu ist spätestens seit dem Fanblast-Skandal bekannt, wie die Kunden hier ausgenommen werden.

Deshalb drängt sich die nächste Frage auf:

Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, in der Sex als Massenware gekauft werden kann?

Viele Menschen reagieren auf diese Frage sofort defensiv. Der Grund ist ein Satz, den man sehr häufig hört: „Prostitution wird es immer geben.“ Das mag stimmen, oder auch nicht, das will ich hier gar nicht beurteilen. Aber aus dieser Feststellung folgt nicht automatisch, dass jede Form von Prostitution gesellschaftlich akzeptiert oder gefördert werden muss. Denn zwischen „etwas existiert“ und „etwas ist massenhaft und normalisiert verfügbar“ liegt ein großer Unterschied. Ein Beispiel aus der Verhaltenstherapie kann das vielleicht deutlicher machen. Menschen lernen Verhalten durch Wiederholung. Was sie immer wieder sehen, hören oder tun, erscheint irgendwann selbstverständlich. Wenn ein Verhalten häufig vorkommt und gleichzeitig als normal beschrieben wird, entsteht ein einfacher Effekt: Die Hemmschwelle sinkt. Das gilt für viele Dinge, wie Rauchen, Glücksspiel oder auch aggressive Kommunikation im Internet und möglicherweise auch für käuflichen Sex.

Welche Vorstellung von Sexualität entsteht in einer Gesellschaft, in der sexuelle Dienstleistungen jederzeit verfügbar sind (zum Beispiel durch OnlyFans)?

Sexualität ist keine rein biologische Handlung, es ist eine soziale Interaktion.

Sie entsteht zwischen Menschen, die miteinander kommunizieren, Grenzen setzen, Wünsche äußern und manchmal auch verhandeln. Aber sie sollte doch wohl eines gemeinsam haben: Sie findet zwischen Menschen statt, die einander wahrnehmen. Wenn Sex dagegen regelmäßig als billige und einfach verfügbare Dienstleistung organisiert wird, verändert sich etwas in dieser Wahrnehmung. Da wird der Körper der anderen zum Snack in der Pommesbude, man kauft, konsumiert, geht.

Ein häufiges Argument für Prostitution lautet, sie verhindere sexuelle Gewalt. Die Logik dahinter ist simpel: Wenn Männer Sex kaufen können, sinkt der Druck, Gewalt auszuüben. Das Problem an diesem Argument ist weniger seine Moral als seine Annahme über Männer. Es unterstellt, dass Männer ohne käuflichen Sex ihre Sexualität nicht kontrollieren können. Ich denke viele Männer würden diese Vorstellung vermutlich selbst zurückweisen. Ich selbst bin nicht der Meinung dass Männer allgemein Tiere sind, die ihren Trieb nicht kontrollieren können, wenn einzelne da tatsächlich Probleme haben, dann sollte die Lösung nicht heißen: "Geh zu einer Prostituierten", sondern doch eher "Such dir Therapie, Psychiater und notfalls Psychiatrie." Ich hoffe wir sind uns darüber einig.

Welche Vorstellung von Männern steckt eigentlich in dieser Behauptung?

Gleichzeitig wäre es naiv zu behaupten, Prostitution bestehe nur aus Zwang und Ausbeutung. Es gibt Menschen, die sich bewusst für diese Arbeit entscheiden. Es gibt Sexworkerinnen, die ihre Tätigkeit selbst organisieren und kontrollieren. Es sind halt wahrscheinlich weniger die, die ihren Körper täglich an 10 Kunden und mehr verkaufen. Wie könnte man verhindern, dass Menschen ihren Körper verkaufen, weil sie eventuell die Sprache nicht so gut sprechen und/oder keine Ausbildung, kaum Schulbildung haben und so wenige Chancen auf mehr als Mindestlohn jemals? Naja, das ist eine soziale Frage, die kann man diskutieren, aber würde das Thema sprengen.

Unter welchen Bedingungen sollte Prostitution legal ablaufen?

Legalisierung hat einen klaren Vorteil: Sie bringt ein verborgenes System ins Licht. Wenn Prostitution legal ist, können Sexworkerinnen Rechte einfordern, sich organisieren und Missstände sichtbar machen. Sie können ihrer Tätigkeit in einer sauberen und sicheren Umgebung nachgehen. Aber Legalisierung allein löst kein Problem.

Es stellen sich Fragen:

Soll es Mindestpreise geben?
Soll es strengere Gesundheits- und Arbeitsstandards geben?
Soll der Staat Ausstiegsprogramme finanzieren?
Soll der Staat für bessere Grundsicherung und höhere Löhne sorgen, so dass Prostitution seltener nötig ist?
Oder wollen wir einfach akzeptieren, dass ein Markt entsteht, der möglichst billigen Sex produziert?

Denn Märkte funktionieren immer nach der gleichen Logik. Wenn Nachfrage existiert und Preise sinken können, wird jemand diese Nachfrage bedienen. Deshalb führt jede Diskussion über Prostitution irgendwann zu einer unangenehmen, aber notwendigen Frage:

Welche Rolle spielt Nachfrage und wie kann man sie reduzieren?

Und grundsätzlich:

Ist Prostitution in ihrer heutigen Form wirklich gesellschaftlich notwendig?

Ist das deutsche Modell mit sehr billiger, leicht verfügbarer Prostitution sinnvoll?

Oder sollten wir darüber nachdenken, welche Grenzen und Standards wir setzen wollen?

Reddit Diskussion zum Text

227 Der Algorithmus ist nicht dein Helfer. Er verkauft deine Aufmerksamkeit. 

Bevor du weiterliest, eine einfache Frage: Kannst du Social Media zwei Wochen lang komplett weglassen, ohne dass es dir fehlt? Wenn ja, dann betrifft dich dieser Text wahrscheinlich nicht direkt. Wenn nein (oder wenn du zumindest nahe Menschen hast die es nicht können), dann könnte er vielleicht ein Denkanstoß sein.

Denn die meisten Plattformen funktionieren weniger wie ein Kommunikationsmedium und mehr wie ein Spielautomat.

Der Suchtstoff ist Resonanz. Jedes menschliche Wesen braucht Resonanz. Das ist erst mal nichts Pathologisches, sondern eine Grundfunktion sozialer Wesen. Aber Social Media hat gelernt, dieses Bedürfnis sehr effizient auszunutzen.

Dabei spielen zwei Arten von Resonanz eine Rolle, bei jedem sicher unterschiedlich gewichtet:

Die erste ist Bestätigung.
Algorithmen zeigen uns bevorzugt Inhalte, die zu unseren bestehenden Überzeugungen passen. Wir fühlen uns verstanden, klug, bestätigt. Genauso bei Inhalten, die wir offensichtlich dumm oder falsch finden.

Die zweite ist "gesehen werden".
Likes, Kommentare, Shares sind kleine soziale Signale, dass wir sozial existieren.

Beides erzeugt einen kurzen Dopaminschub.

Noch hinzu kommt die "unregelmäßige Belohnung" wie sie auch Glücksspiel bietet. Du postest oder kommentierst etwas und dann ist da die kleine kleine rote „1“. Vielleicht ein Like, vielleicht ein Kommentar, vielleicht ein Follow, vielleicht nur eine unsinnige Benachrichtigung, die du noch ausschalten musst... also ziehst du am Hebel des einarmigen Banditen um zu sehen was du bekommst.

Die Plattformen verstärken süchtiges Verhalten gezielt. Doom-Scrolling, Autoplay, Empfehlungen, die genau im richtigen Moment auftauchen. Psychologen, Verhaltensforscher und UI-Designer arbeiten daran dass du länger bleibst.

Denn: Die Plattformen sind nicht kostenlos. Du bist nicht der Nutzer. Du bist der Einsatz. Und der Algorithmus ist der Dealer, der deine Aufmerksamkeit an Werbekunden verkauft.

Natürlich sind die Nutzer nicht unschuldig. Menschen suchen Resonanz. Menschen suchen Bestätigung. Menschen suchen Sensationen. Menschen bauen sich auch ohne Algorithmen ihre eigenen Bubbles. Aber Algorithmen beschleunigen und verstärken dieses Verhalten massiv.

Und deshalb wird sich daran auch nichts von selbst ändern. Plattformen verdienen Geld mit Aufmerksamkeit. Die Vorstellung, dass sie sich freiwillig regulieren, ist ungefähr so realistisch wie ein Casino, das freiwillig die Spielzeiten von Kunden reduziert.

Fast jede menschliche Gesellschaft, von der wir wissen, hat Glücksspiel irgendwann reguliert. Nicht weil Menschen plötzlich moralischer wurden, sondern weil man gesehen hat, was passiert, wenn man es nicht tut.

Bei Social Media gibt es noch kaum solche Regulierungen. Wie jeder selbst mit der eigenen Sucht, dem schädlichen Gebrauch oder eben der gelegentlichen Nutzung umgeht ist Privatsache, aber wir als Gesellschaft können politischen Druck für Änderungen erzeugen. Social Media selbst ist nicht das eigentliche Problem. Menschen wollen kommunizieren, diskutieren, sich zeigen und Resonanz bekommen. Das Problem beginnt dort, wo Algorithmen gezielt entscheiden, was wir sehen. Gerade den Einsatz dieser Vorschlagsalgorithmen sollte man deshalb meiner Meinung nach komplett überdenken.

Denkst du Social Media birgt Suchtgefahren?

Was könnten deiner Meinung nach Lösungsansätze sein?

 

228 Blitzlicht: Tag am Meer

Sonntag gehe ich auf große Fahrt, ehrlicherweise viel komplizierter als nötig gewesen wäre, aber ich wollte es mir leicht machen... und dabei kommt immer Chaos raus. 

Egal es geht ans Meer, Wohnung anschauen. Montag nachmittag muss ich dort sein. Also hab ich ein einfaches Zimmer gebucht und halt ne Mischung aus Bahn und Flixbus... fragt nicht... 

Ich liebe aber das Unterwegssein ansich, ich werde sicher Bilder, Videos und wahrscheinlich auch kurze Streams unterwegs und dann oben machen...

Ich freue mich so und sollte echt nicht so hyped sein...

Egal ein Tag am Meer...

229 Blitzlicht: Vorfreude und Vorbereitung und Nordseeweh

Morgen fast noch in der Nacht geht es los...

ich muss noch Wäsche waschen, gestern hab ich alle Unterlagen ausgedruckt und eingepackt. Mein Handy auf ein Backup zurückgesetzt, weil ich ich die Nummer des Vermieters irgendwie gelöscht hatte, Panik geschoben, mein WLAN-Passwort beim Neustart des Handys nicht mehr gewusst, das auch neu aufgesetzt und endlich mal benannt (wenn ihr mal ein WLAN namens "Hundsfott" findet, das könnte meines sein), gewartet das alle Apps sich neu laden (dauert ewig) und dann gemerkt dass ich die Nummer nur komisch eingespeichert hatte...

Mal sehen welche Katastrophen heute noch warten...


 

Ich werde also heute wahrscheinlich wieder nicht wirklich nen Text schreiben, vielleicht steame ich solange die Waschmaschine läuft Herr der Ringe Online, damit ich dort wenigstens in die Nähe von Belafas komme, wo Legolas die Möwen gehört hatte. Ich bin damit in Westerdeichstrich infiziert worden, da geht es diemal nicht hin, wäre mir auch zu touristisch und zu ländlich, es geht an Ort der als Marinestandort bekannt ist und einen sehr aktiven Tiefwasserhafen hat. 

230 Blitzlicht: Die Folgen meiner pragmatischen Heldentat

Krieg ich das hin? Nein - mach trotzdem.

Ich hab es gemacht!

Ich bin nach Wilhelmshaven gefahren, wiedermal so umständlich wie möglich leider. Hab im Hotel am Ende der Straße übernachtet... Exkurs für die die das Buch "Das Café am Rande der Welt" nicht kennen: Ein gestresster Manager landet dort und findet auf der Karte drei Fragen:

  • Warum bist du hier?
  • Hast du Angst vor dem Tod?
  • Führst du ein erfülltes Leben?

Den Rest müsst ihr lesen, recht gutes Buch.

Und ich war im Hotel am Ende der Straße, es war nicht am Ende der Straße, aber wenn ihr es seht versteht ihr es oder werdet es nie verstehen:

Den Rest dieser verrückten Reise schreib ich mal auf, wenn mein Kopf nicht vor zig pragmatischen Dingen, die erledigt werden wollen und vor hunderten tiefgründigen Gedanken, die gedacht werden wollen und vor tausenden Freude- und Stolzmomenten die getanzt werden wollen, geflutet ist.

Heute war es es sehr pragmatisch, nach Nachmieter suchen, bei Vermieter hier kündigen, Wohnung schick machen, weil Freitag schon die erste potentielle Nachmieterin kommt.

Morgen noch mal mit Muddy den Magnolienhain anschauen. dann geht es weiter. Meine Aktion mit dem Neuaufsetzen des Handys hat mal wieder mein Onlinebanking zerschossen, darum muss ich mich kümmern. Bude noch weiter aufpolieren und Farbe kaufen.

Wie ich das schaffe, eigentlich gar nicht, ich mach einfach weiter, weil es ja irgendwann geschafft ist. Irgendwann wohn ich am Meer... tatsächlich.

Ein einfaches Video (banaler Zusammenschnitt meiner Reels von der Fahrt) zur Heldentat gibt es schon, ein besseres soll folgen:

Gemütliche Ein-Zimmer-Wohnung mit direktem Blick in den Park Schöntal!

Das Beste daran? Man sitzt am Tisch, trinkt Kaffee und kuckt direkt in den Park, oder wenn man früh wach ist in den Sonnenaufgang. Nach links geht’s zur Großmutterwiese und zur Fasanerie dahinter. Im Schöntal sind es zum Magnolienhain, zur Ruine im Teich mit den Pfauen weniger als 200 m. Für Kulturfans: Das Hofgarten-Kabarett und der Colos-Saal sind genauso nah wie die Innenstadt, die quasi hinter dem Park beginnt. Noch dazu wohnt ihr im Gebäude des ehemaligen Apollo Kinos. 

EXTRABLATT! NACHMIETER GESUCHT!

Zur City Galerie (mit kleinem Rewe) sind es etwa 3 Minuten Fußweg, zum Schloss läuft man etwa 10 Minuten, zum Bahnhof 15 Minuten und wer nicht laufen will, hat die Bushaltestelle direkt vor der Tür (wochentags alle 15 Minuten, zum Bahnhof 3 Haltestellen).

Die Wohnung hat 31 m², eine kleine Küche, ein kleines Bad und einen hellen Wohnraum... alles, was man braucht. Es gibt ein gut funktionierendes System mit 2 Hausmeistern und die Treppen und Flure werden gereinigt, ein Aufzug ist vorhanden. Fernsehen und Internet ist über Kabel möglich. Die Miete beträgt aktuell 490 € warm (das muss man aber nochmal mit dem Vermieter klären). Keller oder Dachboden gehören aktuell nicht dazu, genau sowenig wie ein Parkplatz, da müsste man auch den Vermieter fragen.

 

Ab 1. Mai frei! Wer Interesse hat, kann sich melden. Mehr Fotos kommen die nächsten Tage noch. Besichtigungstermine sind ab sofort möglich, wenn auch gerade noch bewohnt, ich werde die Anzeige aktualisieren wenn die Wohnung leer zu besichtigen ist.

Das war die "Anzeige", die nur hier und über WhatsApp Status zu sehen war...

231 Blitzlicht: Potentielle Nachmieterin schaut gleich die Wohnung an

Drückt mir die Daumen, dass sie sich instant in die Wohnung verliebt und gleich beim Vermieter unterschreibt.

 

Dann fängt für mich halt ein riesiger Stress an, aber ich muss dann nicht für Mai und Juni doppelt zahlen.

 

232 Blitzlicht: Würdige Nachfolgerin in Sicht

Die potentielle Nachmieterin war da. Eine sehr freundliche Frau, die die Lage der Wohnung anscheinend zu schätzen weiß, ich würde mich unglaublich freuen ihr diese wunderbare kleine Wohnung zu überlassen, der Vermieter war auch positiv eingestellt ihr gegenüber.

Mir gegenüber war er ziemlich kritisch ob ich es schaffe bis dahin zu renovieren und ob es nach seiner Zufriedenheit sein wird... naja ich kann ihn ein wenig verstehen, es gab ja ein wenig Stress mit vor ein paar Monaten und 2021 schon mal. (siehe ganz unten im Text)

Hauptsache er nimmt die Nachmieterin, es wäre schön, wenn sie die Wohnung bekäme. Erstens weil sie mega sympathisch ist (sie hat mir sogar angeboten beim Umzug zu helfen), zweitens weil sie aus dem AWO Umfeld ist und ich hab die Wohnung über einen Kontakt aus einem ähnlichen Umfeld bekommen. Das wäre ein wunderschöner Gedanke. Und drittens WILL sie mitten in der Stadt wohnen. Sie ist perfekt für mein altes kleines Zuhause, ich hoffe es wird ihres.

Heute war ich dann noch in der Sparkasse, hab mein Onlinebanking reaktiviert (war wegen dem Backup kaputt siehe Vorfreude, Vorbereitung, Nordseeweh), war einkaufen, hab was gegessen, beim warten auf Rückruf von Vodafone eingeschlafen, dann selbst bei Vodafone angerufen, laut ihren Daten hat die neue Wohnung Kabelanschluss, nach dem 1.5. kommt dann ein Techniker zu mir... uff, dann im Baumarkt gewesen und geschleppt wie ein Esel, jetzt noch bei den Stadtwerken gekündigt, gleich alte Matratze zerkleinern, ich will beweisen dass ich das hinbekomme und zwar schnell und gut...

233 Blitzlicht: Kisten packen und Hoffnung auf Umzugsunternehmen

Ich bin grad am Kistenpacken, an der Falttechnik bin ich schon fast gescheitert. Ich hasse mich für meine Ungeschicklichkeit... ich bin bei praktischen Dingen echt unbrauchbar, aber was soll ich machen, es macht ja keiner für mich. Nachher kommt der Typ vom Umzugsunternehmen um sich meinen Hausstand zu betrachten und einen Kostenvoranschlag zu machen... drückt mir die Daumen, dass ich mir den leisten kann. (höchstwahrscheinlich mit geliehenem Geld von meiner Mutter [ja meine Familie wird noch mehr lästern wie eh schon, aber sollen sie doch, ich weiß schon seit letztem Jahr, dass da nicht viel positive Gedanken über mich sind {vielleicht sogar verdienter Weise, will ich nicht abstreiten}, das Lästern wird sich irgendwann beruhigen und dann können sie wieder verdrängen, dass es mich gibt, bin dann 500 km weit weg]. ohne Unternehmen wird es noch viel anstrengender, aber auch das würde ich hinbekommen.

Pragmatismus First und RPG Real Life sind momentan meine Lebensretter (klingt toll, ist aber zu 95% banal auf der DBT  aufgebaut Dropbox Link zu den Erfahrungsberichten, kein Copy Right auf diesen Texten).

234 Mein letzter Frühling in Aschaffenburg

Heute morgen bevor der Recyclinghof aufgemacht hat und jetzt wo ich auf den Typ vom Umzugsunternehmen warte... hab ich es endlich fertig gemacht, eine große Liebeserklärung an die Stadt (die schon viele Kleine bekam), die wie ein Trockendock für meine Psyche war. Ich konnte reparieren, es ist Zeit weiter zu ziehen. Wäre nicht alles so viel teurer geworden, wäre ich wahrscheinlich geblieben, so ist es Zeit Segel zu hissen und zu neuen Abenteuern aufzubrechen.

Aber dieses Frühjahr habe ich im Wissen das ich gehen werde noch mal all das schöne hier gesammelt, schließlich bin ich Frederik die Maus, das ist mein Job:

235 Blitzlicht: Normalerweise liebe ich Sonntage...

 ... heute fühle ich mich nur massiv gebremst. Dadurch dass der Umzugstyp nicht aufgetaucht ist, werde ich heute noch mal Mails an Umzugsunternehmen verschicken und auch die Hephata kontaktieren (hatte ich Freitag vergessen, obwohl es auf meiner To-do-Liste stand, weil ich ein Depp bin). 

Wenn ich morgen von keinem Umzugsunternehmen eine Nachricht bekomme, werde ich zum nächstmöglichen Termin nen Sprinter mieten, das allermeiste kann ich selbst runter transportieren, das Schlimmste wird das Ding nach Wilhelmshaven zu fahren.

Ansonsten packe ich noch die vier Kartons die ich habe, dann muss ich eh schauen wann es losgehen würde, weil dann nur noch Sachen des täglichen Gebrauchs draußen sind.

236 Blitzlicht: Hindernisse und Dummheit

 Ich hab mich ewig rumgedrückt mit dem Kühlschrank zerlegen anzufangen und es erwies sich auch als nervig, aber irgendwann kam ich mal auf die eigentlich äußerst naheliegende Idee zu schauen wie schwer das Ding ist. Es ist echt leicht und mit Sackkarre prima zu transportieren. Wenn ich nicht grenzdebil wäre, hätte ich das schon vorher versucht. Egal wie doof ich bin, ich muss weiter machen.

Restliche nicht dringend benötigtigte Wäsche eingepackt und zu den fertigen Kisten gestellt. Dann ersten Küchenschrank ausgeräumt und geschaut ob ich ihn allein abbauen kann... mepmepmöööö... Torx-Schrauben. Jetzt suche ich mal in den Untiefen meiner Technikiste nach nem Torx Schraubenzieher... und wenn nicht kaufe ich Montag einen... auf die Gefahr hin, dass ich die Schraube trotzdem nicht aufbekomme. 

So jetzt hab ich wenigstens das große Küchenregal abgeräumt, so dass ich die unwichtigeren Sachen gleich in ne Kiste packen kann. Ich brauch ne Pause, dabei hab ich noch nicht wirklich was geschafft. So zur Psychohygiene kurz auf Theads ein paar Verbrennerfans provoziert und nun geht es weiter die Küche weitmöglich einpacken.

So sekundärer Küchenkram gemeinsam mit momentan nicht benötigten Jacken als Polstermaterial in der Kiste.

Regale abbauen steht heute noch auf der Agenda, da Kühlschrank schnell erledigt war und Küchenschränke abbauen vorerst unmöglich.... doch bei meinen weißen Regalen streike ich... die kommen so in den Sprinter. Wenn ich selbst fahre (ohne Umzugsunternehmen) dann brauche ich für die und die Küchenmodule eben eine zweite Person, so kacke ich das auch finde, weil ich es verabscheue um Hilfe bitten zu müssen... (ja ich werde das Tabu nie überwinden, ich weiß das Hilfe immer kostet, finanziell oder sozial 202 Tabus und ich hab mich in meinem Leben genug verschuldet). Das Holzregal hab ich noch abgebaut, dann die Mails an die Umzugsunternehmen geschrieben, gleich telefoniere ich dann mit meiner Mutter und verschulde mich finaziell UND sozial, finaziell bei ihr, sozial sogar mehr bei meiner Familie die mir auf der letzten Geburtstagsfeier mal wieder gezeigt hat, dass ich nur koste. Weil ich mir Geld leihen muss, egal ob "nur" für den Sprinter oder für ein Umzugsunternehmen.

Der Typ vom Umzugsunternehmen, der gestern nicht kam will heute herkommen, auf den Sonntag, das zeigt Einsatz. Aber ich denke die Strecke ist zu weit als dass ich das machen würde. Wahrscheinlich werde ich selbst fahren müssen. Möglicherweise werde ich den buchen um die Küche abzubauen und nach unten zu bringen. Ich muss dann halt nen Sprinter mieten und vor allem fahren (ich hasse Autofahren). Ich bin mal gespannt was er ansetzt.

Gleich die Entscheidung...


 

237 Blitzlicht: Der kurze Traum vom Komfort

 ... der sehr sympatische Umzugsmensch war da, aber das ist mir zu teuer. Klar ist der Preis gerechtfertigt, aber das wäre utopisch für mein Einkommen, auch wenn meine Mutter mir das leiht. Leider bietet er auch keine Teillösung an. Ein Konkurrent bietet eine Teillösung an, aber auch die ist mir zu teuer.

Montag werde ich, sobald die Rente und das Wohngeld drauf ist, einen Sprinter buchen, für 7.4. - 10.4., wenn dies klappt. Den hol ich dann hier ab und geb ihn oben ab. Im Idealfall mach ich Renovierung und Wohnungsabnahme während die Sachen hier im Transporter sind, dann muss ich nicht noch mal runterfahren. Dann kann ich den Flixbusgutschein für die Fahrt zu Muddys Hoffest verwenden.

Ab Montag früh muss ich meine Gänge zum Recylinghof antreten, hoffe sie auch Montag noch durch zu habe, ich schätze ich muss minimum 3x. Einmal mindestens mit Sackkarre, die versuche ich mir am Baumarkt zu leihen.

Ich hoffe ich krieg die Küche von der Wand... ach so ich muss schauen welchen Torx ich brauche...

Meine Brüder waren wohl fast eingeschnappt, dass ich sie nicht um Hilfe gebeten habe. Wie kann irgendwer meiner Geschwister, Nichten/Neffen oder Schwäger denken, dass ich noch jemals irgendwen von ihnen um Hilfe bitten würde? 
Spätestens seit letztes Jahr Juni müsste ich all meinen Stolz, den ich mir mühsam erarbeitet habe verkaufen um jemanden davon auch nur um ein Glas Milch zu bitten. Hilfe bekommen macht einen in meiner Familie eh schon unbeliebt 202 Tabus, dann die Sache mit meinem Schreiben 054 Nichts erreicht als ich meine Familie um Hilfe bei der einzigen Sache angebettelt hatte, bei der ich noch Hoffnung auf irgendeinen Erfolg habe, und dann zuletzt die Familienfeier 205 Eure Wut ist normal - Meine ist zu viel als mir selbst die Berechtigung meiner Wut abgesprochen wurde.

Würde ich DANACH noch um Hilfe bitten wäre ich ein Wurm, vor dem selbst ich keinen Respekt mehr haben könnte.

238 Blitzlicht: Der Packeseltag

Mir tut alles weh und dennoch denke ich es hat sich gelohnt:

Ich bin früh mit zwei Säcken voll Schaumstoff und Stoff von der Matratze (ich hatte ja vor sie komplett zu zerlegen, aber so war sie wenigstens leichter und weniger windfängig), die dann im Regen beim Recyclinghof abgegeben, im mittlerweile leichten Hagel zum Baumarkt rüber und mir meinen besten Verbündeten geholt, Schuby, die Sackkarre.

In bester Aprilmanier schien dann schon wieder leicht die Sonne und Schuby durfte freundlicherweise mit dem Bus mit mir nach Hause fahren, ich hielt ihn auch ganz fest.

Bei der Befestigungsart des kaputten Kühlschranks auf Schuby muss ich an Pete denken und daran, dass ich aufhören muss an Pete zu denken...

Buff durch Schönheit auf dem Weg...

Dann durfte der Kühlschrank zu den anderen Kühlschränken ins ... sagen wir "Kühlschrank-Nirvana" wo er wieder eins mit allen Kühlschränken wird... ehrlich gesagt bin ich froh das Scheißding los zu sein...

Buff durch Schönheit auf dem Heimweg sammeln, schließlich bin ich Frederik die Maus:

Dann erneut auflasten, fragt nicht wie lange ich gebraucht hab das auf Schuby zu befestigen...

Abgabe am Wertstoffhof und los zurück zum Baumarkt Schuby zurückgeben... und schnell Buff durch Schönheit sammeln, dann in den Supermarkt, Essen looten und schnell heim und Füße hoch...


 

... denn morgen geht es mit Küchenabbau und einem letzten Gang zum Recyclinghof weiter.

239 Blitzlicht: Langsam in den Endspurt

Nach nem Einkauf bei den Tafeln, mit ganz viel "Buff durch Schönheit" Bedarf:

Danach Motiation gesammelt für die letzte Fuhre zum Wertstoffhof:

Dann Kartoffelbrei, YouTubeBeef konsumieren und einschlafen und dann sehr müde die drei Hängeschränke abgehängt, jetzt meine Meer-Playlist hören, mir ne Bong gönnen und dann weiter schlafen. Ich fühle mich als wäre ich hundert, aber stolz und zufrieden.

Ich bin zu glücklich-müde um mehr zu schreiben heute.


 

240 Abklemmen und Abbauen

Keine Details heute, da nicht zur Nachahmung geeignet.

Heute morgen wollte ich super motiviert... Spaß, bei sowas bin ich immer demotiviert... also ich wollte in der Küche loslegen... Werkzeug fehlt, also ich los zum Baumarkt:

Warum? Die Antwort weiß nur die Gitarre 🎸

Es funktionierte immer noch nicht, ich unter starken Selbstbeschimpfungen also noch mal hin, auch weil ich für Küchendemontage Part 2 lieber besseres Werkzeug wollte.

Dann... äh... es hatte nie am Werkzeug gelegen. Aber Küchendemontage Part 1 funtionierte.

Dann Essen und (wie leider immer momentan) schlafen.

Jetzt Küchendemontage Part 2 beendet, das funtionierte super.

Ich überlege ob ich den Herd aus dem Küchenmodul noch rausbaue. Und das Badschränkchen muss noch von der Wand.

Ob ich das heute oder morgen früh mache werde ich dann morgen schreiben. Morgen Mittag treffe ich mich auch mit meiner Mutter, noch mal alkoholfreies Tiramisu zusammen im Cafè meines Großcousins essen.

241 Blitzlicht: Das Abschiedskaffetrinken

Heute morgen hab ich mal nicht an meinem physichen Umzug gearbeitet, sondern an meinem digitalen Umzug zu nicht us-amerikanischen Alternativen, heute war die Nextcloud dran, Feddit und Pixelfed dran.


 

Jetzt geht es los zum Abschiedskaffetrinken mit meiner Mutter...

Allerdings war es im Ganzen doch recht anstrengend, ich hab zwar entschieden, dass ich mal über Elsenfeld - Obernburg - Erlenbach schreiben will und die Bedeutung der Glanzstoff/Enka/Akzo/ICO für die Region, über die Siedlungen dort, über Sudeten und Schlesier, über die Gastarbeiter, über die Schulen auf denen ich in Erlenbach und Obernburg war... und warum nicht in Elsenfeld... nur schaffe ich das heute noch nicht. Ich koch mir jetzt Kartoffeln und dann geh ich schlafen. Morgen muss ich ein wenig aufholen, aber ich müde.


 

P.S.: Ich werd das Café vermissen... wie auch Brigittes Fischladen in Obernburg, den Torwart an der Fußgängerbrücke, der bessere Hähnchen macht als der Balonier in Erlenbach (und die sind schon gut) und das Rumpsteak in der Brauerei und den Limburger im Hofstadel... ich habe eine sehr kulinarische Bindung an Heimat, merke ich grad.

242 Blitzlicht: Wenn der Preis dafür...

Freitag, 3.4.26 15:28 Uhr
Das Badschränkchen ist abgebaut, alles was ich nicht täglich brauche im Bad ist eingepackt. Jetzt muss ich den Herd aus dem Küchenmodul schrauben und meine Motivation ist im Minusbereich. Meine Wohnung sieht aus wie eine unordentliche Lagerhalle und das noch bis Dienstag. Aber ich wollte mir absichtlich noch etwas Ruhe gönnen (auch körperlich) bevor der Runtertragwahnsinn am Dienstag und die Renovierung am Mittwoch losgeht.

Also auf, den Herd schaffst du auch noch, du lahmes Reff!



 

Freitag, 3.4.26 17:26 Uhr

Der Herd bzw die Schrauben wehren sich... (warum macht man da verdammte Kreuzschlitzschrauben rein  ). Ich versuche jetzt noch die Schrauben zu entlasten, indem ich den Herd "aufbocke", wenn das nicht funktioniert bleibt er drin, dann muss ich halt vielleicht jemand anderen zum Abtransport helfen holen, weil Zero ja nicht so schwer heben darf.

Dieser Umzug kostet mich echt die letzte Kraft. Ich muss das echt hinter mich bringen.



 

Freitag, 3.4.26 20:12 Uhr

Ich befürchte der Herd gewinnt...

grad mach ich noch seelische Unterstützung für nen Kumpel, der seinen Hund hat einschläfern lassen müssen. Danach werde ich mal versuchen wie gut ich die "Herdseite" anheben kann



 

Samstag, 4.4.26 08:41 Uhr

Ich bin dann gestern nach dem Telefonat einfach eingeschlafen... jetzt drücke ich mich noch vor dem Moment der Wahrheit: Kann ich das Modul auf der Herdseite tragen?
Falls nicht, hab ich ein massives Problem... denn Zero kann weniger tragen als ich...

Ich will die Antwort nicht wissen... aber ich muss.



 

Samstag, 4.4.26 08:44 Uhr

Die Antwort ist, Nein, kann ich nicht... das heißt ich muss nachher noch mal an die Demontage



 

Sonntag, 5.4.26 10:20 Uhr

Das Küchenmodul wird zum Prüfstein. Es gibt für mich keinerlei Möglichkeit den Herd auszumontieren, mit Herd ist es zu schwer für Zero und mich. Wir könnten es mit Rollbrettern in den Aufzug schaffen, allerdings geht das nur auf den Millimeter genau rein. Es die 4 Stockwerke runterzutragen schaffen wir schlicht nicht. Dienstag bekomme ich meinen Sprinter, das heißt Dienstag oder allerspätenstens Mittwoch muss das Teil runter, also bekommen wir das Ding entweder in den Aufzug, oder ich schaffe es irgendwelche Leute zum helfen zu buchen, oder ich lasse das Teil da und kläre das mit der Nachmieterin...
Ich hätte das früher klären sollen, ist mir klar. Aber ich bin ein  und hab es wieder bewiesen.



 

Sonntag, 5.4.26 16:11 Uhr

Meine einzige Hoffnung sind jetzt Rollbretter und dass wir das Mistding in den Aufzug bekommen. Vielleicht hat Zero welche sonst kann ich hoffentlich welche kaufen oder leihen... leider erst Dienstag und da brauche ich eigentlich Zeit und Energie um die Wohnung leer zu räumen.



 

Sonntag, 5.4.26 16:11 Uhr

Ärgere ich mich grad dass ich das Angebot mit den 370€ nicht angenommen habe? Ja.
Das hätte ich nachher mühsam abstottern müssen und mein innerer Richter hätte mich faul gescholten. Aber das wäre wirklich eine Erleichterung gewesen.
Ärgere ich mich dass ich nicht meine Familie gefragt habe ob sie helfen? Nein.
Dass hätte mich mehr gekostet als alle Schulden, die man machen kann.

Wenn der Preis dafür ich zu sein ist, dass ich einsam bin, dann zahle ich ihn.
 

243 Blitzlicht: Einmal noch...

Einmal schlaf ich hier noch, einmal ist das noch mein Fenster hier, einmal noch genieße ich hier mein kleines Einsiedlerleben, einmal warte ich noch halbbewusst auf den der eh nicht kommt, einmal bin ich noch Aschaffenburger...



 

ab morgen breche ich auf in mein neues Leben. Good bye, altes Leben, du warst kein Schlechtes. Ich hoffe die neue Mieterin genießt ihre Zeit hier wie ich meine genoss... mach es verdammt gut Aschaffenburg, du bist für mich immer noch die schönste Stadt der Welt, aber ich will weiterziehen und neues erkunden.

244 Blitzlicht: UMZUG

Das hier ist von Dienstag, 06.04.2026, ab da wurde es super stressig:

Moin. 04:30 Uhr Heute gilt es.
Wachwerden. Duschen. Kaffee.

  
5:53 Uhr hier erste Vorbereitungen. 9:30 Uhr bei der Autovermietung den Bus holen.

Heute passiert es tatsächlich. Ich zieh hier aus.

Wahrscheinlich passieren 100 kleine Kathastrophen bis Freitag. Aber ich hoffe es klappt.

6:10 Uhr der erste Umzugshelfer für Wilhelmshaven hat sich gemeldet, ich hab die Anzeige für 2 geschaltet, aber einer reicht auch... ich möchte zu Protokoll geben, dass ich auf dieser Seite auch hier für Aschaffenburg hätte buchen können und mir die Recylinghofruns hätte sparen können. Scheiß Geiz... egal ich hab es ja gepackt. Und weiter gehts. Alles einpacken was noch rumliegt... dann Rechner abbauen... NEIN, mein Scheißteil... doch auch du geliebtes Scheißteil...

6:45 Uhr ich hab Kleinigkeiten eingepackt und den Müll runtergebracht jetzt ist mein Bett dran, zumindest erstmal der Himmel. Mein schönstes Möbelstück, mein eigentliches Zuhause...

7:21 Uhr der Betthimmel ist abgebaut nun ist es nicht mehr mein Zuhause hier, egal wann ich mich ummelde und bis ich ihn in Willhelmshaven wieder aufgebaut habe, bin ich heimatlos. Ich muss dann dort schauen wie ich das hinbalanciert bekomme allein, weil dabei lass ich mir nicht von Fremden helfen.

8:08 Uhr auf dem Weg zur Autovermietung. Der Teil, vor dem ich am meisten Angst hab: das Auto fahren. Ich fahre schon immer sehr ungerne Auto Und hab deshalb auch seit über 15 Jahren kein eigenes Auto mehr. Dann bin ich ne ganze Zeit lang gefahren, wenn mich jemand gebraucht hat. Dann so zwei Jahre gar nicht Und in den letzten zwei Jahren wieder ab und zu, wenn ich gebraucht wurde. Problem bei mir ist meine Panik, wenn ich im Weg stehe. Und die ist durch viel Arbeit an mir tatsächlich leicht besser geworden, weshalb ich es mir auch wieder zutraue. Allerdings fahr ich heute mit einem langen Sprinter. Muss den einparken, das ist eine zweite Angst, die nicht geringer geworden ist, Die Angst vor dem einparken

8:48 Uhr Natürlich bin ich enorm zu früh da aber die Angst vorm Zuspätkommen eskaliert momentan. Aber dann ist das so, ich muss momentan viel Zeit unter fremden Menschen verbringen, Sachen machen die ich nicht gut kann und bei denen ich mich blamieren kann und sogar Auto fahren... da ist es ok wenn ich momentan überall Stunden zu früh plane und dann mal warten muss. Vielleicht bekomme ich den Sprinter ja auch früher.

8:57 Uhr ich muss warten. 4 Sprinter auf dem Hof, 2 so eingeparkt, dass ich da nie in einem Zug rauskomme. Ich gebe zu zu ich hab Angst, aber auch genug Strategien um handlungsfähig zu bleiben

9:03 Uhr einer der beiden eng geparkten Sprinter ist eben abgefahren. Viel mehr Platz jetzt. Glück gehabt

9:56 Uhr idyllisch geparkt jetzt. Ich bin fünf Runden nur im Block gefahren. Ich musste schon an Herbert Grönemeyer, Mambo denken. „Ich finde keinen Parkplatz". Das erschwert alles jetzt sehr. Ich hab so circa 300 m weit weg parken müssen. Die Rollbretter sind noch nicht da. Trotzdem bin ich natürlich bis Mittag schon den Großteil des Umzugs im Auto haben.

Es war dann ziemlich viel Chaos alles dauert länger als erhofft. Ich schreibe nachher noch mal mehr dazu in einem neuen Post.



 


 

245 Blitzlicht: Kleine und mittlere Katastrophen

Dienstag habe ich den Bus geholt und den letzten Eintrag verfasst. Seitdem ist so viel schiefgelaufen... teils, weil ich falsch geplant hatte, teils einfach, weil Pech.

Ich diktiere das gerade von Samstag auf Sonntagnacht.

Ich bin tatsächlich gerade in der Wohnung in Wilhelmshaven. Ich habe den Schlüssel, ein Teil der Sachen ist schon drin, der Rest kommt hoffentlich morgen rein. Ursprünglich wollte ich den Bus schon Freitagfrüh abgeben. Das klappte nicht, also verschob sich die Abgabeplanung auf Freitagabend, dann auf Samstag. Mittlerweile ist der Bus bis Montag verlängert und es sind immer noch Sachen drin.

Zu meiner großen Freude muss ich nochmal nach Aschaffenburg fahren, am Dienstag, um die Renovierung dort abzuschließen. Das wird mit Sicherheit mehr als einen Tag dauern. Das heißt, ich bin von Dienstag bis Donnerstag (und im schlimmsten Fall bis Freitag) dort beschäftigt. Ich bleibe so lange, bis auch mein Vermieter Zeit für eine Abnahme hat und das Ok gibt. Ich hoffe, dass das klappt, und kann dann Freitag, Samstag, Sonntag, Montag oder Dienstag irgendwann hochfahren, um mein neues Wohnungs-Puzzle zusammenzubauen. Denn entgegen meiner Hoffnung musste ich sehr, sehr viel zerlegen, damit es in den Bus passte.

Das Einzige, was stressfrei lief, war die Fahrt. Ich bin froh, dass ich so gute, freie Fahrt hatte, und glücklich, das hinter mich gebracht zu haben. Die Autobahnstrecke ist für mich immer die am wenigsten anstrengende Strecke. Am schlimmsten ist für mich tatsächlich der Teil, in dem ich umparken muss und das war einigermaßen oft nötig und ist morgen nochmal nötig. Allerdings kann ich hier zu gewissen Zeiten direkt vor der Haustür parken, aber nicht den ganzen Tag. Das heißt, ich musste öfter mal oben parken, und das ist ein riesiger Stress für mich. Ich hasse Autofahren!

Aber im Großen und Ganzen ist ein wichtiger Teil geschafft: Die Sachen sind in Wilhelmshaven. Morgen ist der Bus leer... sage ich jetzt einfach mal. Morgen ist auch das Auto abgegeben. Nein, am Montag ist das Auto abgegeben. Ich bin schon so müde, deshalb habe ich das jetzt auch nur diktiert. Ich hoffe, es sind nicht allzu viele Fehler drin.

Danke an alle, die mitgefiebert und Daumen gedrückt haben.

246 Es ist vollbracht!

Nachtrag, war eigentlich 12.04.2026 um 14:49 erreicht:

Alles, was ich habe (exklusive meiner Leiter, die ich vorhin telefonisch Zero vermacht habe), ist jetzt in meiner Wohnung.

Ab jetzt wohne ich hier...

Jetzt erst mal schlafen.


 

247 Blitzlicht: Letzte Handgriffe in der alten Wohnung

Die Blitzlichter enden dann auch bald mal wieder und dann geht endlich es mit dem üblichen Blog weiter. Ich freue mich schon drauf.

Diam vel quam elementum

Heute hab ich den Schlüssel abgegeben und bin jetzt im Zug nach Hause... nach Wilhelmshaven... ich hab es wirklich gemacht, ich hab wirklich durchgezogen.

Wahrscheinlich ärgere ich mich noch sobald der Vermieter mir die Rechnung präsentiert und ich nix von der Kaution zurück bekomme, aber egal. Ich bin tatsächlich umgezogen.

Ab Montag fängt dann der Ummeldestress an, Wohnsitz, Wohngeld, Strom/Gas, Internet...

Aber ab heute Abend bin ich wirklich dort und nicht mehr mit einem Bein in Aschaffenburg

Ich freu mich am meisten drauf wieder normal zu schreiben und veröffentlichen... das ist ein bisschen verrückt...

Abschied, aber aber der Ort bleibt:

249 Blitzlicht: Dem Bahngott opfern

Ich bin gestern über 500 km Bahn gefahren und 4 Mal umgestiegen, mit meist nur rund 10 Minuten Umsteigezeit. Da gibt es nur eine logische Erklärung, der Bahngott war mir gewogen. Um diesen Zustand zu erhalten wettete ich mit mir selbst, 10 € an Greenpeace zu spenden, falls ich wie geplant ankomme.

Greenpeace wegen des Wals der gestrandet ist und mit dem alle so wahnsinnig Mitleid haben, einem einzelnen Tier während jedes Jahr tausende wegen legalem und illegalem Walfang und wahrscheinlich noch viele mehr wegen Überfischung und Verschmutzung sterben. Sie weinen wegen eines einzelnen Tiers und machten sich Jahrzehnte lang über die Arbeit von Greenpeace lustig.

P.S.: Der Umzug ist mit meiner Ankunft nun quasi durch (außer Aufbauen und Einrichten), die Blitzlichter sind somit erstmal vorbei und es geht endlich mit den "normalen" Texten weiter... ich freue mich mehr darauf als normal sein sollte...

250 Europäische Alternativen zu US Big Tech

Wenn wir wollen, dass sie gut werden, müssen wir sie nutzen

Dieses Projekt liegt mir persönlich sehr am Herzen, da ich ein Nerd bin, viel am PC hänge, süchtig nach Social Media bin und dort ja auch arbeite.    

Alles lief auf diesen Selbstversuch hin, meine Texte über Algorithmen und ihre Macher. Meine verzweifelten Warnungen über die Suchtgefahren von Social Media, über die Bubbelisierung unserer Gesellschaft, darüber, dass (hauptsächlich) US-Konzerne uns wieder und wieder als die Realität ausspielen und was das in unseren Köpfen macht. Und seit Donalds Trump Wiederwahl auch die unangenehm anwachsende Anbiederung von US Big Tech an diesen Präsidenten, der demokratische Werte jeden Tag mit Füßen tritt.

Aber auch andere haben erkannt, dass wir Alternativen aufbauen müssen und die werden nur größer und besser wenn wir sie nutzen. Deshalb bewarb zum Beispiel auch Mark Uwe Kling (Känguru Chroniken usw.) schon die Aktion DI.DAY (https://di.day/de)
 

Mein Projekt führe ich wie geplant als Selbstversuch durch. Einen Monat lang werde ich nur auf europäischen und anderen nicht-US Seiten posten, China und Russland werde ich hierbei allerdings ebenfalls ausnehmen, Länder wie Kanada usw. jedoch nicht.

Auf meinen bisher hauptsächlich genutzten Seiten, wie blogspot, Threads, Reddit, Substrack,Facebook, YouTube usw. werde ich nur Links zu den anderen Seiten posten. WhatsApp werde ich auf Threema verlinken.

Für einen Monat werde ich also ausschließlich europäische und nicht-US-Alternativen nutzen, sowohl als Konsument als auch als Content Creator. Ziel ist es, zu testen, wie alltagstauglich diese Alternativen sind und wo die größten Hürden liegen.

251 Warum 'Männer sind noch nicht einsam genug' vorerst richtig ist

Ich bin Anne und auch ich sage immer häufiger einen Satz, der Männer triggert: „Männer sind noch nicht einsam genug." Ich sage das nicht, weil ich Männer hasse, so einige mag ich sehr, ein paar hab ich geliebt, deswegen möchte ich hier mal erklären warum ich diese Aussage für richtig und sogar wichtig für die gesellschaftliche Entwicklung halte.

Warum klagen, wenn man es gar nicht versucht?

Ich erlebe immer wieder: Männer, die über Einsamkeit klagen, aber Frauen nicht zuhören. Männer, die Frauen mansplainen, wie Frauen „funktionieren". Männer, die Frauen schlechtmachen, wenn sie keine Beziehung bekommen. Und das Schlimmste? Selbst die „netten" Männer tun das oft. Die, die sagen: „Ich bin doch so ein netter Kerl, warum will mich keine Frau?" Als ob Nettsein ein automatisches Recht auf Verlieben wäre. Als ob Frauen austauschbare Wesen wären, die zufrieden sein müssten, von einem „netten" Mann auserkoren zu werden. Nein. So funktioniert das nicht.

Am Beispiel von Pete lässt sich wunderbar erklären, warum Frauen angeblich so auf "Arschlöcher" abfahren. Pete ist nicht der sympathischste Typ, recht egoistisch und berechnend. Aber er hat eine Eigenschaft, die ihn bei Frauen beliebt macht (auch bei mir): Er fragt. Teilweise sogar aus Strategie, weil er weiß wie gut das wirkt, aber auch weil er wirklich etwas über dich wissen will. Er fragt das was ihn interessiert. Und das ist selten. Zu selten. Denn Menschen (übrigens egal welches Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung) stehen auf Resonanz. Wir wollen gesehen, gehört, verstanden werden. Wer das auch nur ein bisschen tut, sticht heraus. Nicht weil er ein Arschloch ist, sondern weil er Interesse zeigt, aber manchmal obwohl er ein Arschloch ist. Gibt es auch mit umgekehrten Geschlechterrollen und bei gleichgeschlechtlichen Begegnungen, logischerweise.

Selbstwirksamkeit vs. Ohnmacht und die radikale Akzeptanz

Ich bin oft ein Mensch, dem gemansplaint wird. Jemand, der sich anstrengen muss, um ernst genommen zu werden. Selbst in der Kernkompetenz jedes Menschen, des eigenen Lebens. Ich bin es leid, dass mir Leute erklären, wie mein eigenes Leben funktioniert, als wäre ich zu dumm, um meine eigenen Erfahrungen zu deuten. Das waren oft, wenn auch nicht immer Männer.

Ich war immer arm, ich war in der Psychiatrie, ich habe Scheitern erlebt: Freundschaften, Beruf, Studium, Beziehungen, bisher bin ich an allem gescheitert, was ich versuchte. Aber ich habe auch gelernt: Meine (zumindest empfundene) Selbstwirksamkeit ist das was mich weiter machen lies, Ohnmacht ist deren Feind. Und ich sehe, wie viele Männer diese Ohnmacht selbst aufrechterhalten, indem sie Frauen die alleinige Schuld an der eigenen Einsamkeit geben.

Wer sich als Spielball der Wellen darstellt und ich erlebe das oft, wenn Menschen von ihrem Leben erzählen, klingt es, als wären sie Opfer der Umstände, der Gesellschaft, des Systems, der oder des Ex. Diese Erzählungen klingen unzufrieden, manchmal sind Leute tatsächlich Opfer geworden, im strafrechtlichen Sinne.

Ich habe in meinem Leben viel gelernt, leider auch mit so was umzugehen. Einer meiner Lieblings-Skills, den ich früh in der Verhaltenstherapie gelernt habe, ist radikale Akzeptanz (das hat nichts mit den möglicherweise nötigen rechtlichen Schritten zu tun). Ich kann mich hinstellen und völlig zu Recht sagen: „Das Leben hat mich scheiße behandelt. Das war tierisch ungerecht. Das hat mich kaputt gemacht." Und im nächsten Atemzug genauso zu Recht: „Und ich akzeptiere, dass es so ist. Und ich akzeptiere meine gerechtfertigte Wut darüber. Und heute handle ich so, dass ich heute gut klarkomme." Die beste Rache ist ein zufriedenes Leben.

Ich war immer Kapitän und Steuermann gleichzeitig auf dem Schiff meines Lebens. Die Politik, die Gesellschaft, das System, die Menschen in meinem Umfeld, die waren der Wind und das Meer. Ich konnte leck gehen, sinken, auf ein Riff laufen, Land finden, verloren gehen, heimfinden, in die Ferne reisen, dümpeln, kreuzen, Fahrt aufnehmen. Mit Rückenwind, mit Gegenwind, mit Flaute, aber immer MEIN Schiff, MEINE Entscheidung wie ich auf Wind und Meer reagiere. Das ist meine Formel für Zufriedenheit. Nicht für Glück, nicht für überschäumende Tollheit. Das Leben ist die meiste Zeit kacke, wenn man mal ehrlich ist. Aber solange ich entscheide was der Kurs ist, fühlt es sich richtig an.

Die Friendzone und die Fragen

Warum sollte man Angst vor der „Friendzone" haben, wenn man einfach einen Menschen kennenlernen will? Warum glauben Männer, die sehr gern eine Partnerin hätten, lieber an verrückte Strategien wie Looksmaxxing, statt Frauen zu fragen, was sie attraktiv finden? Warum folgen sie seltsamen Alpha-Coaches, statt sich um Therapie zu kümmern, oder selbst zu versuchen, ihr Leben und ihre Psyche auf die Reihe zu bekommen? Warum erklären selbst selbsternannte „nette" Männer weiblichen Wesen, die sich über Attraktivität äußern, lieber, dass sie natürlich insgeheim was ganz anderes wollen, als diese Aussage schlicht als Datenpunkt abzulegen? Warum lehnen Männer den Feminismus ab, anstatt zu begreifen, dass er sie aus der Versorgerrolle befreien und ihnen die Erlaubnis geben könnte, auch mal schwach zu sein?

Ja, Feminismus treibt einen Keil rein, einen anscheinend leider nötigen Keil. Denn solange Männer Frauen nicht als vollwertige Menschen sehen, wird sich nichts ändern. Ich habe keine Lust mehr, das mitanzusehen. Ich habe keine Lust mehr, zuzuhören, wie Männer über Einsamkeit jammern und im nächsten Satz Frauen abwerten. Du bist erst dann einsam genug, wenn du ganz persönlich begreifst, warum du einsam bist. Bis dahin: Höre Frauen zu.

Ich habe in anderen Themen lange gebraucht, um das zu verstehen. Ich habe gelernt: Wenn du leidest, musst du etwas ändern. Nicht die Gesellschaft, die kannst du nur indirekt beeinflussen, sondern dich. Wenn das Leid groß genug ist wirst du handeln oder Hilfe suchen. Und der erste Schritt wenn man sich eine Beziehung mit einer Frau wünscht ist, Frauen als Menschen zu sehen. Nicht als Objekte, nicht als Projektionsflächen, nicht als „unverständliche Wesen".

Warum also nun "nicht einsam genug"?

Und jetzt kommt der schwierige Teil. Denn ich sehe, wie viele Männer genau das nicht tun. Sie warten darauf, dass sich die Gesellschaft ändert. Dass Frauen plötzlich „vernünftig" werden. Dass das Dating-Leben einfacher wird. Aber die gesellschaftliche Veränderung, die sie vielleicht anstreben, die wird nicht so schnell passieren, vielleicht auch nie. Also: Was könnt ihr ändern, damit es euch selbst jetzt besser geht?

Der erste Schritt: Hört auf, Frauen zu erklären, was sie eigentlich wollen. Fragt sie. Und hört zu.

Der zweite Schritt: Akzeptiert, dass ihr nicht jeden Menschen anziehen werdet und dass das okay ist und dass das sogar unfair sein kann. Akzeptiert eure Wut darüber.

Der dritte Schritt: Arbeitet daran, allein klarzukommen. Sucht euch Hobbys, Projekte, Ehrenämter. Engagiert euch. Schreibt, lest, handwerkt, malt, die Liste kann unendlich sein. Sucht Sozialkontakte außerhalb von Beziehungen. Entwickelt eine gewisse Selbsttragfähigkeit. Denn wenn ihr nicht damit klarkommt, allein zu sein, dann wird euer Glück immer von einer romantischen Beziehung abhängen.

Und wenn ihr dann immer noch sagt: „Mit Frauen heutzutage kann man nichts mehr anfangen, die sind alle verdorben", dann die üblichen Tipps in einer Demokratie: Wenn ihr gesellschaftlich was ändern wollt, dann gründet eine Partei, tretet einer bei, macht Petitionen, schreibt auf Social Media für euer Ziel, engagiert euch politisch. Aber wenn ihr eure persönliche Situation ändern wollt, dann müsst ihr überlegen: „Die Frauen heutzutage sind anders, als ich sie möchte. Also deshalb bekomme ich sie nicht. Aber ich möchte trotzdem eine Frau. Was kann ich jetzt ändern, damit es mir selbst heute besser geht?"

Also, Männer: Ihr seid noch nicht einsam genug. Nicht, weil ich euch bestrafen will. Sondern weil ich hoffe, dass ihr irgendwann versteht, was ich meine. Dass ihr begreift, warum ihr einsam seid. Dass ihr aufhört, Frauen zu ignorieren, wenn sie euch etwas über sich selbst erzählen. Dass ihr lernt, Selbstwirksamkeit zu entwickeln, für euch selbst.

Nun, ich bin 44. Es kann sein, das ich nicht mehr erlebe, das dieser Satz unnötig wird, aber ich höre nicht auf, es zu sagen. Denn solange die überwiegende Mehrheit es nicht verstanden hat, sind Männer nicht einsam genug.

 

 

252 Ich bin Wilhelmshavener geworden und spüre die Sucht

Ich bin Wilhelmshavener geworden und spüre die Sucht

Heute ist zunächst mal was großartiges passiert:

Ich bin fälschlicherweise ins alte Rathaus getapst...

Andererseits ist dies kein Palast sondern ein Symbol für bürgerliche Ordnung.

Und drinnen ist es hübsch...

Und nun bin ich offiziell WILHELMSHAVENER!

Doch die lange Wartezeit zeigte mir deutlich meine Sucht. Mir viel es brutal schwer nicht auf Threads, oder in irgendwelche Facebookgruppen zu schauen (ja ich bin alt). Selbst Reddit wirkte ungewohnt reizvoll auf mich. Ein echter Suchtkranker eben. 
Die Ersatzstoffe wie feddit, pixelfed und mastrodon ziehen noch nicht so, denn dort muss ich vom Algoritmus entwöhnen.

Seid ihr auch süchtig? Ganz ehrlich? Probiert es aus, lasst es weg! 

Ich muss entziehen, ich bin süchtig...
 

Dabei ist mir das Problem seit Monaten bekannt: Ein Text von mir aus dem Februar: "208 Die rote 1" https://feddit.org/post/28772431

Und einmal aus dem März: " 227 Der Algorithmus ist nicht dein Helfer. Er verkauft deine Aufmerksamkeit." https://feddit.org/post/28772435

Und einmal im Zuge meiner fast wahren Dystopie"Firmenfeudalismus" schon im Januar "115 Social Media - die Predigt der Plattformen" https://feddit.org/post/28772728

Trotzdem hab ich bis Mitte April gebraucht um den Entzug anzufangen. Wer entzieht mit?

 

253 I did it for me

Warum schreib ich jetzt auch über "Better Call Saul" und "Breaking Bad"?

[SPOILER, SPOILER, EVERYWHERE!]
Das mit dem Spoiler gilt für die ganze Textserie, trotzdem glaube ich meine Texte können auch für Leute, die sie noch nicht gesehen haben ein guter Teaser für die Serie sein. Trotzdem die Warnung... denn wer ungekennzeichnet spoilert liebt Geschichten nicht.

Ich schreibe das hier für mich. Es ist schön, wenn es jemand liest, wenn es jemanden etwas gibt. Am allerschönsten wäre es, wenn es auch nur eine einzige Person dazu bringt, Better Call Saul und Breaking Bad wirklich anzuschauen. Aber ich schreibe es vor allem für mich. Ich brauche es, über diese Serie zu reflektieren, sie zu zerlegen, zu zerdenken, zu überdenken, alles nochmal zu verwerfen und neu zu denken. Ich brauche das, weil dieses Universum etwas ist, was in dieser Tiefe wirklich selten ist.

Diese Serie ist mutig. Sie wagt es, eine Geschichte zu erzählen, in der es keinen wirklich sympathischen Charakter gibt und das ohne übertriebene Bösewichte wie Homelander. Stattdessen präsentiert sie Figuren, die man versteht. Man begreift, warum sie handeln, wie sie handeln. Und trotzdem sitzt man da und denkt: Oh nein, bitte nicht, bitte mach das nicht... und dann machen sie es doch. Ich leide mit ihnen. Für mich sind das nicht nur Seriencharaktere, sondern klassisch tragische Figuren, deren Tragödien zwar übersteigert, aber dennoch zutiefst meschlich wirken. Sie reißen sich gegenseitig in Abgründe, oft ohne es bewusst zu wollen, gefangen in furchtbaren Kausalitätsketten.

Better Call Saul und Breaking Bad sind keine Heldengeschichten darüber, wie geil es ist, ein Mafiaanwalt oder Drogenboss zu sein. Es sind Geschichten darüber, dass man, wenn man in solchen Kreisen ist, drin bleibt. Dass man sich an die Regeln halten muss oder tot ist. Und manchmal kennt man diese Regeln nicht einmal.

Walters einzige Superkraft ist seine Fähigkeit, andere von seinen narzisstischen Ideen zu überzeugen. Ob er ein genialer Chemiker ist? Davon sieht man nichts, ich will es ihm auch nicht absprechen, aber Meth kochen ist die Arbeit eines guten Labortechnikers, nicht die eines Genies. Was man sieht, ist ein Mann mit einem unglaublich gekränkten Ego, unter dem alle leiden müssen. "I'm the one who knocks." "I did it for me."

Es geht in diesen Serien nicht um Machtfantasien, sondern um die Demystifizierung des Verbrechens. Es geht darum, dass jeder Mensch brechen kann, dass jedem breaking bad [sinngemäß „vom rechten Weg abkommen", „eine kriminelle Laufbahn einschlagen"] passieren kann. Und das erzählen sie mit Walter White, einem Mann der die Welt schon immer durch die Brille seiner latenten narzisstischenKränkung gesehen hat.

Wie kam ich zu diesem Universum: Ich habe mich sogar richtig gewehrt, sie anzuschauen. Vor ein paar Jahren hatte ich ein Netflix-Abo. Alle redeten von Breaking Bad. Also dachte ich: Eine Staffel gucke ich. Und ich guckte sie. Walter White war so unsympathisch, so krankhaft von Folge 1 an, besonders aber in der Szene mit dem auf dem Boden verteilten Emilio. Ich dachte: Will diese Serie wirklich die Heldengeschichte erzählen, wie Walter reich wurde und sich im Drogengeschäft durchsetzte? Aber das tat sie nicht, nicht als Heldengeschichte. Sie zeigte, wie Walters Egozentrik und Narzissmus (bei fiktiven Charkteren wage ich Ferndiagnosen) alle um ihn herum in Tod und Verderben führte. Doch das wusste ich lange nicht, denn nach Staffel eins hörte ich auf zu schauen, wenn ich mir auch immer offen hielt: irgendwann schau ich die noch...
Das erfuhr ich dann endlich, als ich sie Jahre später mit Pete zusammen sah.

Und dann gab er mir den besten Tipp der Welt, den ich hier an alle, die die Serie noch nicht gesehen haben weitergeben möchte:

Guckt zuerst Better Call Saul bis zur letzten Folge. Dann hört auf. Dann guckt Breaking Bad. Und dann die letzte Folge von Better Call Saul. Das ist fantastisch. So war mir die Serie total zugänglich.

Und ja, Pete hat mich oft scheiße behandelt. Aber dieser Tipp für dieses erste Seherlebnis werde ich ihm immer dankbar sein. Danke, Pete du Depp!

 

 

254 Sonnendurchflutet

Diese Seite ist erfreulicherweise europäisch, weshalb ich sie diesen Monat auch nicht boykottiere wie die US-amerikanischen Seiten. Leider lässt sie nur Videolinks zu YouTube zu, was bedeutet ihr bekommt den Link als Text, auch im Kommentar, dort könnt ihr ihn kopieren.

Darin könnt ihr sehen, wie ich an einem perfekten Sonnentag immer mehr am Meer ankomme.

https://makertube.net/w/ft8FA5dssBUjDpmbkhD5Yk

255 Wann kommt die Flut?

Jetzt, denn das "andere, große" Leben wird dich nicht mitreißen, du musst jeden Schritt selbst tun... und auf einmal ist im Leben von mir kleinem Piefke ein Mittwochnachmittag am Strand drin...

https://makertube.net/w/fHxK5zQ2EzGBWGyGeCmZRM

Also wann kommt denn nun die Flut?

https://makertube.net/w/ufmpsJ1CfJdwefMXfk1Gcm

Nur Links, keine Videos, denn leider bietet diese europäische Seite einfügen nur für den US-Konzern Alphabet (YouTube)... und diesen Monat boykottiere ich US-Seiten... 

256 Von Anzügen und quietschenden Stühlen


[Spoiler, Spoiler, everywhere]

Wer komplett ungespoilert in die Serie gehen will, sollte hier aufhören zu lesen.
Das hier ist keine objektive Kritik. Das hier ist eine flammende Hommage eines Fans.
Ich werde allerdings weniger auf den Inhalt und mehr auf die Charakterentwicklung und deren Darstellung eingehen.

In Folge 1 von Better Call Saul geht es primär um Charaktere, die sich sofort einbrennen.

Jimmy McGill wird vorgestellt als der überforderte, sich abrackernde Typ, der schon hier seinen Hang zum Flunkern nicht verbergen kann, dennoch mag man ihn irgendwie.

Howard Hamlin ist das genaue Gegenteil: der selbstbewusste Kanzleipartner in maßgeschneiderten Anzügen, der schon durch seine Präsenz Jimmys Minderwertigkeitskomplexe unterstreicht. Es ist schwer ihn nicht gleich ein klein wenig zu hassen.

Und dann Chuck McGill, der körperlich kranke (oder mutmaßlich psychisch kranke) Bruder, der Jimmy allerdings äußerst herablassend behandelt. Schon gleich als er an seiner Schreibmaschine weiter tippt und Jimmy nicht mal fragt ob er Hilfe braucht, während man hört wie der sich abrackert.

Die Serie stellt das nicht s sehr durch lange Monologe dar, sondern durch Details: die Kleidung, die Autos, die Geräusche. Alles zusammen schafft einen sofortigen, fast greifbaren Eindruck dieser Figuren und der Situationen.

Der kleinliche, schiefgegangene Racheversuch Jimmys ist nur der Aufgalopp. Die entscheidende Szene kommt am Ende: Jimmy wird mit einer Waffe bedroht und ins Haus gezogen. Das ist der Moment, ab dem es kein Entkommen mehr gibt. Das ist Breaking Bad [Übersetzung: Vom Weg abkommen, Auf die schiefe Bahn geraten] bei Jimmy.

 

257 Algorithmensucht und Entzugs-Prozess

Ich kämpfe mit dem Suchtcharakter von Social Media, besonders mit dem Verlangen nach . Die Abstinenz von algorithmischen Plattformen ist mein aktueller Selbstversuch, um diese Abhängigkeit zu durchbrechen. (Neben der politischen und gesellschaftlichen Problematik, auf die ich aufmerksam machen will). Die ersten fünf Tage zeigen mir wieder mal, dass Cravings [Übersetzung: Verlangen] Wellen sind. Sie kommen, erreichen einen Höhepunkt und schwächen sich wieder ab. Jedes Verlangen nach einem Suchtstoff oder einer Suchthandlung geht auch vorbei. Ich nutze Ersatzhandlungen wie Achtsamkeitsübungen, aus dem Fenster schauen, in den Moment kommen, Gedankenflicflacs, gezielte Worry-Time [aus der Verhaltenstherapie, begrenzte Zeit in der man gezielt Sorgen zulässt] oder mit der KI reden. Das ist alles aus der Verhaltenstherapie, auch dass ich mich nicht bestrafe für Rückfälle und mir ein Belohnungssystem ausgedacht habe wenn ich nicht rückfällig werde.

Am schwersten ist es in öffentlichen Verkehrsmitteln, v. a. im Bus, wenn es eng ist und ich keine Ablenkung wie Kopfhörer habe. Hier ist der Drang, in Social Media zu fliehen, am stärksten. Wartesituationen sind leichter, da ich da Abstand zu anderen Menschen halten kann.

Ich sehe mich als Autor, Performance-Künstler und Content Creator. Ich weiß, dass mein Rückzug von algorithmischen Plattformen schlecht für meine Reichweite ist. Trotzdem halte ich durch, weil ich es für persönlich und gesellschaftlich wichtig halte.

Die rote 1 ist mein größter Trigger. Ich überlege, Benachrichtigungen auszuschalten, will aber weiterhin Links zu meinen Inhalten auf anderen Plattformen pflegen.

Mein aktueller Ansatz ist ein 4-Wochen-Entzug von algorithmischen Plattformen. Stattdessen nutze ich Feddit, Pixelfed, Mastrodon und Wattpad. Rückfälle akzeptiere ich als Teil des Entzugs-Prozesses. Und so lerne ich die anderen Plattformen auch besser kennen. Einen Kritikpunkt daran habe ich bereits entdeckt. Die Bubbelisierung ist dort fast schlimmer als auf den algorithmisch gesteuerten Seiten.

Doch das alles ist es wert, denn wenn ich merke, dass ich süchtig bin (und das merke ich momentan beim Weglassen enorm), dann ist für mich das Wichtigste, dieser Sucht nicht nachzugehen. Ich will nicht fremdbestimmt sein. Mein wichtigstes, mein höchstes Gut ist Selbstbestimmtheit. Das Wichtigste für mich ist meinen eigenen Weg zu gehen. Nicht den Weg, den mir Alkohol vorgibt. Nicht den Weg, den mir Kippen vorgeben, weil ich nachts um drei dann noch drei Kilometer laufen muss, um welche zu haben. Nicht den Weg, den mir Social Media vorgibt. Meinen Weg. Das ist alles wert. Einfach alles.

 

 

258 Wenn du drin bist...

[Spoiler, Spoiler, everywhere]

Wer komplett ungespoilert in die Serie gehen will, sollte hier aufhören zu lesen. Das hier ist keine objektive Kritik. Das hier ist eine flammende Hommage eines Fans. Ich werde allerdings weniger auf den Inhalt und mehr auf die Charakterentwicklung und deren Darstellung eingehen.

In Folge 2 von Better Call Saul wird schon angedeutet, dass man schwer raus kommt, wenn man sich mal mit den falschen anlegt.

Wir lernen Tuco Salamanca kennen. Zunächst als etwas überfürsorglichen Enkel, dann als extrem gewalttätigen Mann, in der Szene in der Wüste wirkt er schließlich etwas übergeschnappt und/oder einfach gestrickt, auf jeden Fall unberechenbar.

Jimmy McGills unglaubliches Rede- und Verhandlungsgeschick bringt ihn und andere in eine schlimme Situation, aber auch wieder halbwegs am Stück raus. Danach stürzt er sich in die Arbeit als Pflichtverteidiger, scheinbar auch um die traumatischen Ereignisse zu vergessen. Er gerät hierbei auch immer häufiger mit dem knurrigen Parkplatzwächter aneinander.

Nacho Varga unterstützt Jimmy in der Wüste, aber er ist nur scheinbar harmloser als Tuco. Er ist derjenige, der Jimmy in die kriminelle Welt hineinzieht. Er selbst kann dem System nicht entkommen und weil er Jimmy geholfen hat, fordert er nun einen Gefallen. Logisch. Unausweichlich.

Keiner der Charaktere ist rein gut oder böse. Selbst Jimmy und Nacho, die versuchen, „gut" zu bleiben, können es in dieser Welt nicht.

 

 

259 Diagnosen als Superkraft

...warum halte ich das für höchst problematisch?

[Ich nutze ein generisches Femininum und meine alle damit.]

Es ist gut, dass Menschen über psychische Erkrankungen sprechen. Dass sie ihre Erfahrungen teilen, aufklären, Solidarität schaffen. Gerade auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube geben Creator mit Diagnosen wie ADHS, Autismus, Borderline oder DID Einblicke in ihr Leben und das ist wichtig. Ich will auch nicht diskutieren, wer die Diagnose nun wirklich hat und wer nicht, denn der Weg zu einer offiziellen Diagnose ist oft lang und steinig. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Meine bipolare Störung wurde erst spät erkannt, nach Fehlmedikationen und Jahren des Suchens. Doch ob die Diagnose korrekt ist oder nicht, macht überhaupt keinen Unterschied für meinen Text.

Es gibt eine gefährliche Entwicklung: Immer mehr Menschen glorifizieren ihre Erkrankungen. Sie präsentieren sie quasi als „Superkräfte". Autistinnen seien „genialer" als andere, ADHSlerinnen „produktiver", Borderlinerinnen „hyperempathisch". Das ist nicht nur falsch, es ist schädlich. Und zwar auf mehreren Ebenen. Und die Plattform-Algoritmen lieben dramatische Formulierungen...

Die Illusion der Überlegenheit

Wenn jemand ihre Diagnose zur Superkraft erklärt, stellt sie sich selbst über andere. Und leider sehr häufig nicht wegen einer konkreten, vergleichbaren Fähigkeit etwa, dass sie Matheaufgaben schneller löst oder Projekte effizienter managt. Sondern mit pauschalen Behauptungen: „ADHSlerinnen erledigen alles schneller." „Autistinnen sind klüger als andere." „Borderlinerinnen sind die wahren Empathinnen."

Das Problem: Solche allgemeinen Aussagen sind selten wahr und vor allem sie schaffen eine künstliche Hierarchie. Wer sich selbst zum Übermenschen stilisiert, macht andere automatisch zu Unterlegenen. Das belastet Beziehungen, kann zu Isolation führen („Die anderen verstehen mich nicht, weil ich zu besonders bin") und kann ein Opferdenken verstärken: „Die Welt ist neidisch auf meine Superkraft."

Doch das Schlimmste: Es setzt andere mit derselben Diagnose unter Druck. Stell dir vor, du hast Borderline, ADHS oder eine ähnlich schwere Diagnose und kämpfst täglich und musst alle Register ziehen um überhaupt zu überleben: Psychiatrieaufenthalte, Medikamente, betreutes Wohnen... . Und dann liest und hörst du überall: „Borderline ist eine Superkraft! ADHS ist eine Superkraft! Wenn du sie richtig nutzt bist du sogar besser wie andere!" Wie soll das nicht verzweifelt machen? Wenn die eigene Realität nicht im Entferntesten der glorifizierten Version entspricht? "Warum schaffe ich es nicht meine 'Superkraft' zu nutzen?", trifft dann auf Menschen die zum Teil schon zerstörerische Selbstwertprobleme haben.

Hypervigilanz ≠ Empathie

Ich werde hier den Mythos der „Empathinnen" besonders herauspicken, weil deren "Empathie" oft nach etwas klingt was ich selbst auch an mir erlebe und so gar keine Superkraft ist. Viele Menschen mit Traumafolgestörungen (etwa durch Missbrauch, Mobbing oder Vernachlässigung in der Kindheit) entwickeln Hypervigilanz: eine erhöhte Wachsamkeit, die den Raum nach Bedrohungen abscannt. „Wer könnte mich verletzen? Wer ist gefährlich? Wendet sich das Blatt gegen mich in dieser Unterhaltung?" Das ist kein Einfühlungsvermögen. Das ist Überlebensstrategie.

Echte Empathie bedeutet, die Gefühle anderer nachzuvollziehen und nicht, die Umgebung zu scannen, um die eigene Sicherheit zu prüfen. Hypervigilante Menschen (also auch ich) sind oft so mit der eigenen Angst beschäftigt, dass sie kaum Kapazität für echte Empathie haben. Im Gegenteil: Sie projizieren ihre Ängste auf andere und liegen dabei häufig falsch.

Hypervirgilanz ist auch keine kognitive Empathie. Wenn ich einen Raum betrete und sofort „lese", wer „gefährlich" aussieht, dann ist das keine Gabe. Das ist mein Gehirn, das alte Muster abgleicht: „Der guckt so, wie mein Vater immer geguckt hat, bevor er mich niederbrüllte." „Die Stimme klang grad wie die einer meiner Mobberinnen." Es sind in den allermeisten Fällen keine bewussten Schlüsse, sondern konditionierte Panikreaktionen. Ein verängstigtes Kind in mir erkennt „Bedrohungen", die oft gar nicht existieren. Echte kognitve Empathie erfordert Reflexion: „Wenn ich in ihrer Situation wäre, wie würde ich mich fühlen?", "Warum könnte die Person wütend geworden sein?", "Was könnte an meiner Aussage so beleidigend gewesen sein?". Hypervigilanz fragt nicht. Sie reagiert. Sie sortiert Menschen in „sicher" und „gefährlich", ohne zu verstehen, warum jemand so guckt oder spricht. Und vor allem: Sie blockiert emotionale Empathie (bei mir zumindest) komplett. Wenn ich in diesem Modus bin, bin ich so mit meiner eigenen Angst beschäftigt, dass ich die Gefühle anderer gar nicht wahrnehmen kann.

Ironischerweise sind es oft gerade die, die sich als „hoch empathisch" bezeichnen, die in Wahrheit überfordert sind. Vielleicht nehmen sie zu viele Reize wahr (Hochsensibilität), vielleicht sind sie selbst hypervigilant, aber das macht sie mitnichten zu besonders einfühlenden Leuten. Eher zu Menschen, deren Filter überlastet ist, was kein Verbrechen ist, aber eben auch keine besondere Kraft.

Echte Empathie hingegen erlebe ich bei Menschen, die entspannt in sich ruhen, die nicht ständig auf der Hut sind, nicht sehr schnell überfordert sind, sondern einfach da sein können.

Krankheiten sind keine Geschenke

Psychische Erkrankungen können biologisch bedingt sein, genetisch vererbt oder durch Traumata ausgelöst, oft eine Mischung aus verschiedenen Ursachen. Man kann nichts dafür, dass man sie hat. Aber man sollte auch nicht so tun, als wären sie erstrebenswert. Denn das verniedlicht echtes Leid.

Die beste Rache ist ein glückliches Leben, jeder darf natürlich jeden Vorteil der Störung, Krankheit oder Neurodivergenz nutzen. Aber das bedeutet nicht, das Leid, das einem zugefügt wurde (oft schon im frühen Kindesalter, oder völlig sinnfrei durch Genetik), als „Superkraft" umzudeuten. Es bedeutet, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen, ohne sie zu verklären. Und ohne sich selbst quasi zu einem Übermenschen zu erklären, so was macht nur einsam.

 

 

260 one night in...

One Night in... HAMBURG

Ich hatte ein Short geplant über diese Nacht in Hamburg: ein anderes Lied, eine andere Stimmung. Doch dann lief ich die Reeperbahn entlang, stand am Beatles Platz, kam am Fischmarkt an, sah den Hafen und plötzlich war klar: One Night in Bangkok. Langsam, dramatisch aufbauend, eine Ouvertüre für die Stadt. Und den Rest seht selbst.

Hamburg ist groß. Der Hafen ist wie ich ihn mir immer vorgestellt habe: Frankfurt-Flughafen als Hafen. Diese Stadt hat mich in jeder Hinsicht erwischt, ich war voll von Eindrücken. Viel mehr als Berlin, mit dem ich nie warm werde, viel mehr als das bayerisch-überhebliche München mit seiner ordentlichen Schönheit, mehr als der Ruhrpott mit seiner bunten Weltoffenheit und Bodenständigkeit, mehr sogar als das leicht größenwahnsinnige Frankfurt, das sich für mich wahrscheinlich immer fast wie Heimat anfühlen wird. Du hast mich, Hamburg! Mit deiner kühlen, ernsthafen, teuren, überbordenden, nötigen Größe.

Hamburg, du has(s)t mich! Ich muss wiederkommen.

Doch Vorsicht: One Night in Hamburg makes a hard man humble.

AltText zum Short: erst der dramatische Auftakt, dann der Moment, in dem das Wort „Bangkok" fällt und Hamburg als Leuchtschrift aufschreit. 30 Bilder je 0,5 Sekunden, Hafen, Sonnenaufgang über dem Fischmarkt, Speicherstadt, Elbphilharmonie. Ein Feuerwerk aus Eindrücken. So wie es sich anfühlte

 

261 Sexualisierung von Jugendlichen...

... und die Normalisierung in unserer Gesellschaft

Wie schaffen wir eine vernünftige Debatte darüber?

Das Thema gärt schon lange bei mir und wurde ursprünglich sogar hier auf Threads bei mir angestoßen durch Männer Ü40, die scheinbar jugendliche KI Profile mit einer gewissen Selbstverständlichkeit anschreiben.

Wieder neu hochgekocht ist es in mir durch ein Video von Lydia Benecke, eigentlich über Jeffrey Epstein, aber sie thematisiert die gesellschaftlich allgegenwärtige Sexualisierung von Jugendlichen hier wirklich sehr eindrucksvoll, ab Minute 31:31:

In meinem Text ging es wiederum darum woran die Debatte über die Sexualisierung von Jugendlichen (15–19) durch Ältere (Ü40) scheitern könnte und wie wir Erwachsene erreichen, die sich von Jugendlichen angezogen fühlen.

Kernfrage: Wie schaffen wir es, über Verantwortung und Strukturen zu reden, statt über "Rechte" oder Ausnahmen?

P.S.: Es geht nicht um Altersunterschiede (z. B. 30 & 70), sondern um Verletzlichkeit in der Adoleszenz

262 Ciao YouTube

Als Konsument bin ich erst mal raus bei YouTube.

Es gibt viele Sachen, die mich schon seit langem dort ärgern. Zum Beispiel die Werbung, die immer mehr in shady Kategorien abrutscht. Ich habe wiederholt stark sexualisierte AI-Girlfriend-Werbung bekommen, oder Alkohol-Werbung, obwohl ich sogar Getränke komplett geblockt habe (bin trockener Alki), blockiere immer wieder Werbung für die katholische Kirche, ich bekomme Werbung für irgendwelche komischen Beraterfirmen, die teilweise ins Esoterische driften. ICH WILL DAS NICHT MEHR! Diese Seite ist weit davon entfernt, eine familienfreundliche App zu sein, was für mich okay wäre, wenn sie dazu stehen würde und nicht gleichzeitig Creatoren die aufklärend arbeiten für das Wort "Missbrauch" oder ähnliches shadowbannen würden.

Und dann ist noch der Content. Natürlich gibt es sehr guten, sehr qualitativ hochwertigen Content auf YouTube. Aber mein allgemeiner Boykott-Monat fußt ja nicht nur darauf, dass ich US-amerikanische Seiten und Algorithmen kritisiere, was ich auf jeden Fall tue, sondern auch, dass ich ein Suchtmensch bin und sehr leicht empfänglich für süchtig machende Inhalte. Und so bin ich schon vor Jahren in dieser ganzen Reaction-Gossip-Bubble gelandet. Manchmal auch Videos über Trash-TV, Berichte über TikTok, oder was auf Instagram los ist, weil ich auf diesen Plattformen, nicht viel oder gar nicht unterwegs bin. Manchmal ging es auch um amerikanische YouTube-Bubbles, da bin ich aber bald wieder ausgestiegen. Hauptsächlich aber Content rund um YouTube-Deutschland. Und YouTube-Deutschland... holla die Waldfee... die letzten Jahre... das war nicht lustig!

Da hatten wir Unge, IBlali und Exfreundinnen. Wir hatten Shurjoka und KuchenTV. Da hatten wir Tanzverbot und Lola. Da hatten wir Anni, Mowky, Reeved usw. und haben wir schon wieder. Und ehrlich, ich kann das nicht mehr! Wir haben sehr viel über Katzen gehört. Das mag von der Tierschützer-Bubble her spannend sein. Wir haben viel über Arbeitsbedingungen und (teilweise versuchten) Rufmord bei Kooperationspartnern gehört. Diese Aspekte finde ich tatsächlich auch interessant und unbedingt aufklärenswert. Wir haben aber auch unfassbar viel über unfassbar private Sachen gehört und wir hören sie immer noch und ich bin jetzt raus.

Ich habe es mir jetzt sehr einfach gemacht. Ich hab die YouTube-App nicht mehr auf dem Handy. Da ich weiß, dass ich ein Suchtmensch bin und es nicht schaffe, nur anderen, hochwertigen Content zu konsumieren. Das war mein Hauptkonsummedium, mein Fernsehen. Ins Bett kuscheln, YouTube an. Ich hatte ja teilweise auch schon gleich mit dem Beginn des Wiederhochholens der Mowky-Anni-Thematik YouTuber im großen Rahmen deabonniert, die auf das Thema aufsprangen. Trotzdem habe ich ab und zu immer wieder was mitgekriegt und heute war es, muss ich sagen, das Solmecke-Video, das den Schlusspunkt setzte. Ich habe nichts gegen Christian Solmecke. Aber ich hatte keine Lust, weitere intime Details dieser beiden Influencerinnen zu hören.

Versteht mich nicht falsch. Ich habe überhaupt kein Problem, wenn über Sexualität geredet wird. Wenn jemand selbstbestimmt darüber redet, und entscheidet wie viel man preisgegeben will. Es gehört auch zu meinem künstlerischen Konzept, ein ganzes Leben zu zeigen und auch diesen Lebensbereich nicht auszusparen. Ich habe ihn auf YouTube ziemlich raus gelassen, weil ich YouTube nicht als die Plattform dafür sehe.

Ich möchte das aber nicht über zwei Influencerinnen hören, die zumindest in diesem Augenblick anscheinend nicht direkt zugestimmt haben, dass so etwas an die Öffentlichkeit kommt. Auch dieser Mr. X hat dieser radikalen Offenlegung in diesem Moment wahrscheinlich nicht zugestimmt.

Ich möchte nicht weiter zusehen und mitbekommen, wie Leute Leute an einen Pranger gestellt werden. Niemand ist gecancelt. Es gibt kein Canceln. Aber die Community, die für Anni, Mowky, oder auch Lola damals übrig bleibt, wird toxischer und toxischer mit jedem Wort mehr. Und ich möchte nicht in der Haut von allen Beteiligten stecken.

Ich bin selbst psychisch schwer krank. Und ja, dann ist man manchmal unfair. Da steigert man sich in Sachen rein, ist im alten Erleben und projiziert auf Unschuldige oder nur Teilschuldige. Passiert mir auch. Gebe ich ehrlich zu. Aber diese jungen Leute, die haben da Jahre investiert, ihr Business darauf aufgebaut. Das ist alles, was sie aufgebaut haben. Und jetzt reißen sie sich gegenseitig ins Aus und viele reißen mit.

Die ganze Sache war im ersten Durchlauf schon äußerst unangenehm und jetzt ist sie schlicht unerträglich geworden.

Ich will dem ganzen Zirkus keine Klicks mehr geben und das würde ich, wenn ich die App weiter als Konsument nutze. Ich werde nach meinem allgemeinen US-Boykott-Monat vielleicht wieder Shorts und Videos posten, aber wirklich versuchen als Konsument abstinent von der Plattform zu bleiben.

 

 

263 Jeder ist Schuld und keiner

[Spoiler, Spoiler, everywhere]

Es gibt Folgen, die nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern das Herz einer Serie freilegen. Folge 3 von Better Call Saul ist so eine Folge. Sie zeigt nicht einfach, was passiert, sondern warum diese Serie so unerbittlich und schön ist: weil sie uns vorführt, wie durchschnittliche, leicht bis ziemlich egoistische Menschen sich gegenseitig in den Abgrund ziehen, ohne anderen wirklich schaden zu wollen.

Jimmy will ja eigentlich nur Anwalt sein. Oder vielleicht doch nicht. Vielleicht will er nur, dass man ihn ernst nimmt. Dass Mrs. Kettleman ihn als Anwalt ablehnt, trifft ihn tiefer, als er zugeben würde. Also sinnt er auf Rache, nicht aus Bosheit, sondern aus gekränktem Stolz und weil er das Geld für das Mandat wirklich braucht. Später warnt er die Kettlemans, mutmaßlich weil er erlebt hat wie brutal das Kartell sein kann und er keine Toten mitverursacht haben will. Doch dieser eine Moment der Schwäche, dieser eine Funke von Moral hintergeht Nacho und lässt die Kettlemans klug und irrsinnig gleichzeitig handeln. Nacho bringt sich selbst in Schwierigkeiten, die Polizei misstraut Jimmy, und er steht wieder da: der Mann, der es eigentlich besser machen wollte, aber immer tiefer in die eigene Lüge rutscht.

Nacho ist kein Bösewicht. Er sieht in Jimmy eine Chance, doch der ist unberechenbar, ein Lügner, der plötzlich Gewissensbisse bekommt. Nacho droht ihm, nicht aus Hass, sondern aus eigener Angst. Dazu erfährt man allerdings erst später viel mehr.

Der (noch namenlose) Parkplatzwächter könnte ein Guter sein. Vielleicht war er das mal. Er durchschaut Jimmy sofort. Er weiß, wie Kriminelle ticken. Doch als Jimmy ihm die Wahrheit sagt, glaubt er ihm. Nicht aus Güte, sondern weil es logisch ist. Wir erfahren dass er mal in Philadelphia Polizist war.

Die Kettlemans sind die Lächerlichsten und die Tragischsten zugleich. Mr. Kettleman hat über eine Million Dollar gestohlen, mutmaßlich nicht aus Not, sondern aus Gier. Die wunderbare Szenen mit ihnen am Ende der Folge will ich auf gar keinen Fall spoilern.

Kim ist die Einzige, die bisher im Rahmen des Gesetzes bleibt. Sie ist Anwältin, und sie tut, was Anwälte tun: Sie schützt ihre Mandanten. Dass diese Mandanten Betrüger sind, ist nicht ihr Problem. Doch als Jimmy sie um Hilfe bittet, kann sie nicht helfen, obwohl sein Leben in Gefahr ist, nicht weil sie nicht will, sondern weil das System es nicht zulässt. Und Jimmy sagt zu ihr: "Siehst du, deshalb mag keiner Anwälte."

Es gibt bisher nicht wirklich einen Bösen und doch ist er die ganze Zeit anwesend: das Verbrechen. Hier wird klar, worum es in Better Call Saul wirklich geht: Der Feind ist nicht ein Mensch. Der Feind ist das Verbrechen selbst. Breaking Bad, vom Weg abkommen. Das Kartell, die Korruption, der fingierte Unfall, der Betrug sie alle sind nur Auswüchse desselben Übels. Jeder Charakter in dieser Folge könnte ein guter Mensch sein. Doch sie haben sich auf die schiefe Bahn begeben, und jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Keiner von ihnen ist unschuldig. Aber keiner von ihnen ist der Bösewicht.

Und dann ist da die Wüste. Diese endlose, gnadenlose, schmerzhaft schöne Landschaft, in der Jimmy mit seinen Slippern im Sand versinkt. Die Wüste zeigt uns allen, wie klein wir sind nicht nur im Vergleich zum Universum, sondern auch im Vergleich zu den Mächten, die wir selbst in Gang setzen. Wir sind lächerlich, weil wir denken, wir wären wichtig für den Lauf der Welt. Und wir sind tragisch, weil jede Sekunde menschlichen Lebens unendlich wertvoll und wichtig ist.

Weil sie uns zeigt, dass das Leben oft genau so ist: Eine Mischung aus Lächerlichkeit und Tragik. Wir sind alle nur Menschen. Wir sind winzig, vergänglich, voller Fehler. Wir wollen das Beste für uns, und manchmal schaden wir dabei anderen, ohne es zu wollen oder auch nur zu merken. Wir agieren in Systemen, die wir oft nicht ganz durchschauen und fast nie kontrollieren, und doch glauben wir schlauer als alle zu sein.

 

 

264 Verhaltensanalyse grob an DBT angelehnt: Rückfall bei Threads

Verhaltensanalyse grob an DBT angelehnt: Rückfall bei Threads

Datum/Uhrzeit: 26.–27.04.2026, ~24–36 Stunden Dauer

Anmerkung: So was schreibt man normalerweise für sich selbst oder den Psychologen in der Verhaltenstherapie, bei Rückfällen in destruktives Verhalten. Ich hab versucht das genauso ehrlich zu halten, auch wenn manches nicht schön zuzugeben ist.

1. Situation beschreiben

- Wo/Wann? Im Bus auf dem Weg nach Hamburg, nachts.
- Was passierte? Nutzte Threads intensiv, trotz selbst beschlossenem Entzug, um Resonanz zu suchen („wieder relevant/wichtig fühlen").
- Auslöser: Gefühl von Nichtbeachtung („Niemand im Reallife interssiert sich für mich. Dort läuft bestimmt eine Diskussion, wo einer meiner Text passt"), kombiniert mit Gewohnheit/Langeweile (trotz Alternativen wie Netflix, Podcasts).

2. Gedanken & Gefühle

- Vor dem Rückfall: „Ich fühle mich unbeachtet, dort könnte ich wieder gewollt/relevant sein."
- Während: „Es fühlt sich gut an, wahrgenommen zu werden" + Schuldgefühle („Ich weiß, das untergräbt Abstinenz").
- Nachher: Bestätigt, wie süchtig ich bin + Frustration: „Ich weiß doch wie Sucht funktioniert. Warum ist das trotzdem so schwer?"

3. Körperliche Reaktionen

- Keine besonderen wahrgenommen, leichte Aufregung wieder dabei zu sein, würde ich sagen

4. Konsequenzen des Rückfalls

- Kurzfristig: Intensive Interaktion, Gefühl von Relevanz.
- Langfristig: Abstinenz wird schwerer, die Suchtgewohnheit muss abtrainiert werden.

5. Skills, die hätten helfen können (nur auflisten, keine Bewertung)

- Worry Time (10 Min. bewusstes Zulassen + Stoppen)
- Offline-Schreiben
- der KI nen riesigen Text zum zusammenfassen geben und dann darüber schreiben
- bewusst Musik hören und darüber schreiben
- Fünf-Sinne-Übung / Landschaft beobachten
- Podcasts oder Netflix nutzen
- Hirnflickflacks (z. B. alle Nichten und Neffen nach Alter ordnen: alle Queenlieder aufzählen, die ich kenne)
- Frage: „Will ich, dass Threads und ähnliche mein Leben baestimmen?"

6. Was lerne ich daraus?

- Bestätigung: Resonanzsucht ist mein Kern-Trigger, nicht Langeweile.
- Erkenntnis: Threads verstärkt das Bedürfnis durch Schnelligkeit & besonders positive Resonanz, weil linke Bubble.
- Handlungsoptionen: (Benachrichtigungen für Treads ausschalten (so eben erledigt 27.04.26 22:50 Uhr) Wenn das noch mal vorkommt auch nicht mehr die Links zu meinen Texten dort posten, so dass ich nicht mehr reinschauen muss (beruflich) und dadurch dann das private Suchtrisiko sinkt. Ich hab nur wenige Leser, das wäre hart diesen Slot gar nicht mehr zu nutzen. Aber die Plattform passt zu perfekt zu meinen wunden Punkten, sie ist die perfekte Droge für mich, genau deshalb könnte der harte Schritt nötig sein.

Wiedergutmachung (an mir, sonst gab es keine Geschädigten): Ich packe heute endlich die Kisten aus, dann geh ich nen Kaffee trinken, obwohl ich es mir eigentlich nicht leisten kann und quatsche mit realen Leuten.

Update: Die Kisten hab ich ausgepackt, war dann allerdings zu müde zum Kaffee trinken gehen. Wird heute nachgeholt. Über die weitere Nutzung von Threads hab ich nachgedacht. Ich habe zu wenig Leser um auf Threads zu verzichten und meine Diskurs und Resonanzsucht ist gut für die Verteilung meiner Texte. Also werde ich machen, was man, meiner Meinung nach, als Süchtiger nicht machen sollte: Kontrollierten Konsum versuchen. 1 h insgesamt am Tag. Aufteilt auf 2 Blöcke.

Hail algorithm! You won this round.

265 Stolz, eigensinnig und... lächerlich

Heute bin ich wie Jack Sparrow, diese Mischung aus übertriebenen Stolz auf notfalls eine Kloschüssel, der lidschäftig die Minderwertigkeitskomplexe überdeckt, diesem Wissen um die eigene Kaputtheit und dieser leicht zu großen Prise an "Scheiß drauf, so bin ich halt. Wer bist DU schon für mich?".

Ich laufe mit leckem Schiff in den Hafen ein und bestehe dennoch auf "Captain".

Doch ich war schon immer: Kapitän Kloschüssel

Es gibt ein Bild das sinnbildlich für meinen späteren Charakter steht. Ich als kleines niedliches Kind in einer (noch nicht installierten) Kloschüssel mit Kapitänsmütze auf dem Kopf...

Warum ich daran denken musste? Ich bin am Kisten ausräumen und es fehlten Verräummöglichkeiten, also den kleinen Schrank aufbauen, den mit der kaputten Tür... warum ist die kaputt?.. das war vor Pete glaube ich... es müsste Groot gewesen sein, oder Toxic Man, ich denke es war durch Groot... also einer dieser unglaublichen Männer hat mich wütend gemacht, in Furor versetzt... er war nicht vor Ort (wer auch immer der drei Unglaublichen es war), er hatte was geschrieben oder gesagt... und vor meinen Augen explodierte es ROT... ich schlug und trat gegen Wände brüllte die Luft an und dann mein Schränkchen, das so viele Jahre meine Tritte ertragen hatte... es gab nach, die Tür ist seit dem kaputt...

Ist das erwachsenes, kluges, gesundes Verhalten? Niemand stellt diese Frage. Hab ich ein Aggressionsproblem? Ja, und das weiß ich. Rate ich Menschen überhaupt mit mir zu tun zu haben? Nee, aber die meisten denken auch ich wäre nett, egal wie sehr ich warne... aber eines ist sicher, wer in der Lage ist mich in den TILT!-Modus zu versetzen gehört entweder zur Familie, oder... naja... oder ist stur, stolz, zu klug um gut zu sein, ein Klugscheißer, prinzipientreu (leider meist nicht meine sondern ganz eigene), ein echter Gegner, ein Besserwisser, schräg wie die Hölle, ein Bossfight, socially awkward, abgründig, eine Endgame-Challenge, eine lohnende Beute, ein Kawentsmann... wer das Potential dazu nicht hat, kann nett sein und ein Freund... aber naja kein Gegner, d.h. keine Augenhöhe, keine Herausforderung, kein sexuelles Interesse... ich bin Gamer, ich spiele kein Spiel das mir den Sieg garantiert.

Ich bin eine wandelnde toxische Beziehung. Als Pete seinen Legendaryrang in Gegnerschaft verlor, in dem seine Rage einfach nur noch lächerlich doppelmoralisch wirkte, flaute auch das körperliche Interesse an ihm massiv ab, dabei liebe ich seinen Körper und vermisse ihn auch manchmal, dabei blieb der Sex "technisch" gleich fantastisch. Aber innerlich war da dieses "was für ein lächerlicher Mann". Ich weiß, dass ich auch lächerlich in meiner Wut wirken kann und ich hoffe jeder Mensch, der es so sieht verpisst sich aus meinem Leben, denn wenn du mich nicht ernst nehmen kannst, dann "Da ist die Tür!".

Ehrlich gesagt hab ich es nur wegen seiner Lächerlichkeit geschafft Pete zu verlassen und mir meine eigene Lächerlichkeit zu spiegeln, denn er ist ein Gegner wie es nur wenige gibt UND ein lächerlicher Mann. Ich suche dieses verdammte Buch um es ihm zurück zu schicken und ich weiß sobald ich das getan habe werde ich nach nun anderthalb Jahren endlich wieder die nächste Welle suchen, an der ich oder die an mir zerschellen kann.

Pete, Groot, Toxic Man, Kaptain Kloschüssel... wir sind alle lächerlich und wir sind alle tragisch. Vielleicht ist es besser wenn wir Toxischen uns nur gegenseitig daten... oder allein bleiben, solange wir dies mit selbst erteilter Glorie tun bleiben wir CAPTAIN Jack Sparrow, der auf einem sinkendem Schiff in den Hafen einläuft, stolzer als jeder König, lächerlicher als jeder Clown.

YouTube Playlist zur Kafka-Quest (das erklärt warum das Buch) https://youtube.com/playlist?list=PLnVaEmiBIIYAGdl7ozR_qf8-4Zc6PQMgk&si=PtLnRt9OPxHq4skC

Kafka Quest auf Wattpad in der Vorgängergeschichte "Jemands Leben - nur viel davon" 052 Die Kafka Quest (unvollendet) internal://a6206e76-101a-4faa-b209-26476a36ab3c#052-die-kafka-quest-unvollendet

In dieser Geschichte "224 BLITZLICHT! Die Kafka-Quest weiter geführt" gibt es ein Zwischenupdate... internal://709f9dc9-6758-4d87-bc05-50f62d686ab9#224-blitzlicht-kafka-quest-weiter-gefhrt

266 Auf diesem Fels... [I did it for me - Reihe]

[SPOILER, SPOILER, EVERYWHERE]

Jimmy will Anwalt sein. Oder vielleicht will er das gar nicht. Vielleicht will er nur, dass man ihn ernst nimmt. Dass man ihn sieht. Dass man ihn nicht abkanzelt wie ein lästiges Insekt. Doch stattdessen sabotiert er sich selbst, und zwar mit einer fast schon bewundernswerten Konsequenz.

Er bekommt das Geld der Kettlemans, spannenderweise erfährt man in Folge 4 noch nicht wie das genau abgelaufen ist. Er könnte es nutzen, um sich eine echte Existenz aufzubauen. Stattdessen startet er eine hoch peinliche Aktion gegen Howard. Weil Howard ihn gekränkt hat, oder es zumindest so aussieht. Er bekommt durch die Aktion ein paar neue Klienten, aber er schämt sich dafür wie und so lügt er Chuck an.

Sein Bibelzitat:"Auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen", ist kein Triumph, sondern eine Tragödie. Er glaubt, er baut etwas auf, doch in Wahrheit gräbt er sich sein eigenes Grab. Und das Schlimmste? Er lügt sich selbst an. Er sagt zu Kim, es sei nicht persönlich. Doch es ist höchstpersönlich. Es ist Rache. Es ist Trotz. Es ist einer der vielen Schritte, mit denen er beginnt, sich selbst zu verlieren.

Chuck wirkt wie immer herablassend. Doch er durchschaut Jimmy, wenn er auch an dessen Haltung nicht unschuldig ist. Er weiß, dass etwas nicht stimmt. Und er geht sogar so weit, seine eigene Angst vor der "bösen Strahlung" zu überwinden, um die Wahrheit herauszufinden.

Kim bleibt in dieser Folge die einzige Figur, die sich an die Regeln hält. Sie versucht, ihn zur Vernunft zu bringen. Doch Jimmy hört nicht zu.

Nacho taucht in dieser Folge nur kurz auf, aber seine Präsenz ist dennoch spürbar. Er ist wütend auf Jimmy, weil dieser ihn verraten hat. Aber ihm ist auch klar, dass Jimmy Recht hat ihm unvorsichtiges Verhalten vorzuwerfen. Nacho ist an seiner Verhaftung genauso schuld wie Jimmy.

Howard wirkt in dieser Folge fast schon sympathisch. Er reagiert nicht mit blindem Hass auf Jimmys Provokation, sondern mit professioneller Distanz.

Doch Jimmy sieht das nicht. Für ihn ist Howard der Feind. Derjenige, der ihn zurückweist. Derjenige, der ihn nicht ernst nimmt.

Fazit: Der Abgrund ruft

Folge 4 zeigt, wie Jimmy sich selbst im Weg steht. Er hat die Chance, etwas aufzubauen. Stattdessen wählt er den peinlichen Weg. Den Weg, der ihn am Ende nur isolierter zurück lässt als zuvor.

Es ist kein großer, dramatischer Fall. Es ist ein lächerliches Stolpern. Ein Schritt nach dem anderen. Ein Lüge nach der anderen. Ein Selbstbetrug nach dem anderen.

Und am Ende steht er da, nicht auf Fels, sondern auf Sand.

267 Blitzlicht: Das Paradies in blau

Es ist einfach da, gut 30 Minuten mit dem Bus entfernt. Einfach hinfahren, Decke hinlegen, Lesen und sich durchwirken lassen vom Blau...

Wenn in meiner Heimat die Sonne geschienen hat, hab ich die Vorhänge zugezogen, weil sie im Bildschirm geblendet hat. Nicht weil es dort hässlich war, der Spessart ist eine einzige Postkarte...

Aber dieses Blau lockt mich unglaublich. Wenn die Sonnen scheint ich überlege ob sich raus fahren heute noch lohnt... meist sag ich mir: ja...

Und dann sitze oder liege ich dort und denke: ich muss irgendwas getan haben um dieses Paradies zu verdienen... um einfach hier sein zu dürfen... ich kann mich am Horizont hier nicht satt sehen... an den Wellen, dem Wind und den Möwen nicht satt hören...

Ich hab Angst meine vornehme Nerdblässe zu verlieren und gar nicht mehr zum zocken zu kommen, weil ich nach so einem Tag im Blau einfach müde und voll mit Schönheit bin und dann hab ich noch gar nicht vom Weg dorthin geschrieben, sattes Grün und endlos weites Land voller Kühe und Pferde auf den Wiesen... oder von der Würstchenbude mit den frechen AGBs, bei dem "Servus" sagen 300 € kostet, und "Moin Moin" 1000 €, der seine Wurst nicht zum Mitnehmen macht, es sei denn du hast ne eigene Dose dabei...

Hier ist das Paradies und ich darf einfach so darin sein...

 

268 Kafka-Quest: 'Der Prozess'-Achievement 🏆

Der Prozess

Der Prozess hat sich gezogen, über den Umzug hinweg, in die Trennung von Pete hinein… ich bin so endlos langsam geworden im Lesen, es ist ein Trauerspiel, aber diesmal war auch viel ablenkendes Außenrum. Egal, “Der Prozess” ist gelesen, um 20:56 Uhr am Samstag, den 2. Mai in Wilhelmshaven beendet, mit den Nachwort von “Max” und dem Anhang. Dieses Buch wird (wie jedes gute Buch) noch lange in mir rumoren, vielleicht für immer, wie es nur fantastische Bücher tun.

Morgen entscheide ich ob es mit “Das Schloss” oder “Amerika” weitergeht.

Wenn ich gefragt wäre, ob man “Der Prozess” lesen sollte… Ja, besonders wenn man wie ich es lernen möchte, das Wort “kafkaesk” fachgerecht anzuwenden, sollte es auf der Leseliste stehen. Und wenn man Lust auf eine Art bürokratischen Lovecraft Grusel hat, mit einer Prise absurdem Humor und ganz viel Warnung vor korrupten Systemen, die sich selbst erhalten.

Wenn die Worte Franz Kafkas noch etwas Zeit zu gären hatten, schreibe ich vielleicht noch mal mehr über dieses außergewöhnliche Buch.

YouTube-Playlist zur Kafka-Quest

Erster Text zur Kafka-Quest

Steppenwolf-Achievement

Die Suche nach dem Buch

269 ICH LEHNE DIESE REALITÄT AB! Vom Glauben an den Verbrennungsmotor

Mich lies das Thema von eben nicht los Die Physik ist kein Parteimitglied

Es gibt Menschen, die leugnen physikalische Zusammenhänge, die seit dem 19. Jahrhundert bewiesen sind und man von Achtklässlern in Schulaufgaben zu lösen erwartet. Da kann nicht mehr von fehlendem Verständnis geredet werden sondern von Weigerung und vor allem der Hybris schlauer zu sein als alle vor einem und schlauer als alle Zeitgenossen, die dir diese elementaren Zusammenhänge herleiten könnten und in allen Sprachen, Dialekten und Akzenten dieser Welt erklären können warum sie gelten.

Beispiel:

Thermischer Wirkungsgrad von Verbrennungsmotoren

ɳ = W/Qh

ɳ - Thermischer Wirkungsgrad des Verbrennungsmotors

W - Pro Zyklus im Verbrennungsmotor geleistete Arbeit

Qh - Durch Verbrennung pro Zyklus hinzugefügte Wärme

Höchster theoretisch möglicher Wirkungsgrad (Carnot-Wirkungsgrad)

ɳc = (Th - Tk)/Th = 1 - Tk/Th

ɳc - Carnot-Wirkungsgrad

Th - Temperatur (heiß)

Tk - Temperatur (kalt)

Ich hasse Formeln, mag aber das Wissen dahinter, der sogenannte Carnot-Wirkungsgrad wird höher, je größer die Differenz der beiden Temperaturen ist. Nach oben und unten sind die Themperaturen in einer Verbrennung natürlich immer begrenzt, also gibt es (auch abseits von Reibungsverlusten) in einem Verbrenner niemals einen Wirkungsgrad von 100%.

Technisch werden dann allerdings auch vom Carnot-Wirkungsgrad nur Wirkungsgrade von etwas mehr als zwei Drittel dieses Wertes erreicht.

Sehr effiziente Verbrennungsmotoren können den Kraftstoffverbrauch minimieren und Leistung maximieren, aber die Gesetze der Therodynamik setzen hier Grenzen. Und egal wie wenig Kraftstoff verbraucht wird, durch diese Verbrennung entsteht Kohlendioxid… Ausflug in Chemie-Grundlagen machen wir nächstes mal.

Und nun? Du glaubst das nicht?…

Kein Ding, ich hatte ne 4- im Physik-Abi, glaub mir nicht…

Ach du glaubst das auch nicht wenn das jemand mit Ahnung sagt…

Ok. Dann widerlege es! (Kann sein, dass du erst mal etwas Physik studieren musst um das mit dem Widerlegen überhaupt ernsthaft zu versuchen)…

Ach du willst es nicht widerlegen, du glaubst es einfach nicht… Der Physik ist egal was du glaubst, sogar was Physiker über sie wissen ist ihr egal…

Wissenschaft ist kein Glaube. Sie ist der Versuch, das zu beschreiben was IST. Ob man an Gott glaubt oder nicht, ob man die Regeln mag oder nicht: Die Schwerkraft wirkt. Chemische Verbindungen bilden sich. Organisches Leben hat Grenzen. Wer das leugnet, leugnet nicht die Wissenschaft, er leugnet die Realität.

Und das Schlimmste? Menschen die die Realität ablehnen, dürfen wählen. Sie dürfen Auto fahren. Sie dürfen Kinder erziehen. Sie leben in einer Welt, die sie nicht verstehen WOLLEN.

Dabei ist diese Welt faszinierend. Ein einziger Kubikmeter Erde birgt mehr Geheimnisse, als ein Mensch oder eine ganze Wissenschaftsdisziplin in einem Leben entschlüsseln könnte. Doch statt Ehrfurcht zu empfinden, erfinden sie ihre eigenen Regeln. Statt zu staunen, verweigern sie das Sehen.

Das ist keine Dummheit. Das ist Hybris.

270 Die Handbremse

Du sitzt in einem Auto, auf dem Beifahrersitz. Hinten drin sitzen Kinder. Es sind nicht deine, aber es sind Kinder und du fühlst dich so ein bisschen dafür verantwortlich, dass sie heil ankommen.

Am Ende einer langen Geraden, siehst du schon sehr, sehr weit im Voraus eine steile Kurve vor einem Abgrund...

Du bist dir sicher, der Fahrer fährt viel zu schnell für diese Kurve, ihr werdet raus fliegen.

Also redest du mit dem Fahrer. Du sagst: "Hey, kannst du mal ein bisschen bremsen? Wir sind echt ein bisschen schnell." Der Fahrer reagiert nicht.

Okay, denkst du dir, wir sind ja noch weit weg. "Kannst du mal den Fuß so ein bisschen vom Gas nehmen? Einfach nicht so viel Gas geben?".

Der Fahrer erklärt dir, dass ihn das in seiner Freiheit einschränkt, dass er nicht anständig leben kann, wenn er den Fuß vom Gas nehmen muss.

Du sagst: "Hey, da hinten sind Kinder. Könntest du ein bisschen von deiner Freiheit abgeben, damit die ein glückliches und gesundes Leben führen können?

Der Fahrer tritt den Kickdown durch.

Du schweigst und dein Blick senkt sich zur Handbremse, die zwischen euch ist. Und du überlegst, ob die Gefahr größer ist, jetzt auf dem flachen Land die Handbremse zu ziehen und zu schleudern oder auf diese Kurve an der Klippe zu zu rasen.

Wir haben versucht zu überzeugen, wir haben geredet, diskutiert, Fakten geliefert, mit Titeln geprahlt, mit Studien gewedelt, Blödsinn gemacht, Grenzen überschritten, demonstriert, uns überall möglich und unmöglich fest gekettet, Gesetzesinitiativen eingereicht, Parteien gegründet, Petitionen eingereicht, Lieder geschrieben, Filme gedreht, Bücher geschrieben, geschrien, gebettelt, zu getextet, provoziert, polemisiert, Videos und Reels gemacht, Sarkasmus benutzt, uns über alle lustig gemacht, in Social Media geschrieben... ihr habt Gas gegeben...

Was können wir tun?

Was wäre die Handbremse?

Ökodiktatur?

Ist sie die einzige Lösung?

Ich bin ratlos... ich bin doch Demokrat, ich will diese Bremse nicht, ich will sie nicht wollen, ich will sie nicht brauchen, ich will doch überzeugen und nicht zwingen....

 

271 VLog Redditreflexionen und geplante Texte

272 Selbstjustiz ohne Glorienschein [I did it for me - Reihe]

[SPOILER, SPOILER, EVERYWHERE]

Wie immer wird das keine Nacherzählung hier... gerade diese Folge muss man erlebt haben... durchlitten haben.

Ich will nur einige Aspekte nennen, die mir diesmal besonders stark ins Auge sprangen, aber immer wieder zu sehen sind.

Optische Perfektion: Die wunderbar angestaubte Ästhetik

Die Serie oft nutzt absichtlich eine „veraltete" Optik (Farben, Kameraführung, Requisiten) mit einer unnachahmlichen Mischung aus Stil und einer gewissen Schmierigkeit, wie etwas das mal wertvoll und modern war, aber nun ein klein wenig in die Jahre gekommen ist und aus Geldmangel oder Gewohnheit nie ersetzt wurde. Es wirkt auf mich ein wenig wie Frankfurt am Main oder das Vanilla Gebäude Set von Cities: Skylines, oder im allerbesten Sinne wie die zeitlose optische Perfektion von Der Pate und Der Pate II... wenn ihr die Filme nicht kennt, dann frag ich mich warum ihr eure wertvolle Zeit gerade mit dem Lesen dieses Textes verplempert. Schaut die Filme! Ihr tut euch einen Gefallen damit.

Puzzle-mäßiges Enthüllen: Die Serie erklärt nichts, der Zuschauer muss mitdenken

Du bekommst keine Einblendungen wo und wann man sich befindet. Die Figuren sprechen nicht aus was sie denken. Blicke, Nahaufnahmen, Farben, Lichtspiele, Möbel... 1000 Dinge erzählen hier manchmal mehr als die oft wenigen Worte die fallen. Und die Protagonisten und sehr vielen Nebenfiguren entdecken wir nur ganz langsam und in unterschiedlichen Zeitebenen. Mike, der immer wieder vorkam, bekommt aber nun endlich die ganze Folge 6 gewidmet. Womit wir bei ihm nun endlich von der Charakter Anteaserung zur Charakterentwicklung einsteigen. Und dieser Charakter hat es in sich.

Mikes radikale Ehrlichkeit: „Ich bin genauso wie die anderen"

Mike ist ein Mörder. Mike war ein korrupter Polizist. Mike wird später mehr oder weniger Auftragsmörder des Kartells. Er rechtfertigt sich nie. Er belügt sich selbst nie. Er behautet nie gut zu sein. In den unmöglichsten Situationen hat dieser harte, schweigsame Mann Mitleid mit Idioten. Es ist unmöglich ihn nicht zu mögen, glaube ich. Die einzige Kritik an Konzeption seiner Figur habe ich daran dass er zu überlegen ist, besonders wenn man sein Alter bedenkt, aber erst in den späteren Folgen fiel mir das auf.

Die radikale Neutralität der Serie: Kein Urteil, nur die Geschichte

Die Serie sagt nicht, ob das was du grad gesehen hast gut oder böse war, oder irgendwas dazwischen. Sie traut dir zu das du deine eigenen Schlüsse ziehst, oder es offen lässt für dich.

Wie schon erwähnt, ich bin ein Fan, glaubt mir nicht! Schaut sie einfach!

 

 

Schlickfüße - beste Füße

273 Vlog Busse, Tanker, Schlickfüße

Ein Vlog aus dem Paradies bei lebendigem Leib...

247 6 13 22, Busrechnungen, Busdiskussionen

Zahlen sagen manchmal mehr als Worte

Diskussionen auf Reddit sind meist unerfreulich, aber dieses mal bekam ich eine echte Inspiration, durch einen Beitrag von u/MissingXpert, der sich eigentlich mehr auf den Platzverbrauch bezog, kam ich auf die Idee das ganze mal mit einfachsten Mitteln auf den CO2-Austoß zu beziehen. Das Umweltbundesamt und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen rechnen mit Personenkilometern und verwenden dabei Angaben, die nicht mal genauer erklärt werden, ich finde man kann das viel anschaulicher darstellen.

Wie viele Passagiere müssen im Bus sitzen, damit es sich vom Verbrauch her lohnt? Zunächst Dieselbus gegen Dieselauto

Branchenintern wird ein Omnibus meist mit 37,5 l/100 km angenommen. bei 2,65 kg CO2/l Diesel kommen wir dann auf:

37,5 l/100 km × 2.650 g CO2/l = 99.375 g CO2/100 km

993,8 g CO2 pro Kilometer pro Bus

Branchenintern wird ein Diesel-Pkw meist mit 6,5 l/100 km angenommen. bei 2,65 kg CO2/l Diesel kommen wir dann auf:

6,5 l/100 km × 2.650 g CO2/l = 17.225 g CO2/100 km

172,3 g CO₂ pro Kilometer pro PKW

Ab 6 Autos (6 × 172,25 g = 1033,8 g CO2 pro KM) überschreiten die Autos die 993,8 g CO2 des Busses.

Es ist klar, dass dies eine rein theoretische Rechnung ist, die auf Verbrauchsannahmen basiert, aber es war für mich äußerst erstaunlich, dass die Zahl derart klein ist. 6 Leute sind nichts in einem Bus.

Ich wollte aber noch verrückter werden.

Dieselbus gegen E-Auto Strommix-DE-betriebene PKW gegen die Dieselgurke, die hoffentlich bald gegen einen Elektrobus oder mindestens Hybrid getauscht würde (hier sind die Daten vom Bundesumweltministerium aus dem Hintergrundpapier Klimabilanz Elektromobilität, Link unten).

Stromverbrauch: 17,3 kWh/100 km (VW e-Golf, ADAC Ecotest)

DE-Strommix 2020: ~450 g CO2/kWh (UBA, 42,1 % erneuerbar)

17,3 kWh/100 km × 450 g CO2/kWh = 7.785 g CO2/100 km

77,9 g CO2 pro Kilometer pro E-Auto (nur Betrieb, ohne Batterieproduktion)

Ab 13 Personen im Bus, ist die Dieselgurke besser von der CO2 Bilanz als wenn die 13 Personen in 13 E-Autos fahren würden.

Jap, 13 sind nicht immer und überall erreichbar, aber hier trat Diesel gegen E-Auto an.

Zum Selbstrechnen, der E-Bus betritt die Arena

Ein Elektro-Solobus braucht lt. dem Abschlussbericht der Begleituntersuchung E-Busse des Bundeswirtschaftsministeriums (Link unten) 1,5 kWh/km im Winter.

1,3 kWh/km × 450 g = 585 g CO2 pro Elektrobus pro Kilometer

Den Rest könnt ihr euch selbst ausrechnen.

Wie viele Leute müssten auf ÖPNV umsteigen, dass sich die Herstellung eines E-Busses lohnt?

1 Linienbus (12 m):

großzügige Schätzung E-Bus 150 Tonnen CO2äquivalent (Dieselbus grob 120 Tonnen) CO2äquivalent) Quelle: Swedish Environmental Research Institute Gothenburg, Sweden (Link unten)

1 Diesel-Pkw (Kleinwagen):

Schätzung 7 Tonnen CO2äquivalent Quelle: VDI Verein Deutscher Ingenieure Analyse der CO2äq-Emmisionen von Pkw mit verschiedenen Antriebssystemen (Link unten)

Von der Herstellung her müssten es wenn man großzügig schätzt 22 durchschnittliche Passagiere sein... aber das ist mehr Schätzung, weil sich ein "Bus-Leben" und ein "Auto-Leben" unterschiedlich abspielen und man diese 22 Leute dazu bringen müsste KEIN Auto zu kaufen. So, da wir nun geklärt haben, für wie unglaublich sinnvoll ich den ÖPNV halte, sollte ich mal meine Meinung zu den Fragen die dann immer kommen klären.

Wie bekommen wir genug Fahrer?

Das ist eigentlich keine große Frage. Das macht das Jobcenter und das Arbeitsamt nämlich ständig. Es werden Ausbildungen, Umschulungen (verkürzt eventuell für Taxi- und LKW-Fahrer) stark gefördert oder einfach komplett bezahlt. Also dass es den Auszubildenden nichts kostet und den Betrieb eventuell auch nicht. Das wird ständig gemacht.

Das nächste wird auch ständig gemacht, nämlich Ausschreibungen. Auch für andere Dinge wie die Müllabfuhr. Aber auch für Buslinien. Ich glaube die minimalen Löhne und Gehälter festzusetzen ist leider nicht so häufig mit drin. Ich denke, das dürfte gesetzlich schon möglich sein und wenn nicht, dürfte die Verordnung auch so zu ändern sein, dass die Ausschreibenden, also die Gemeinden und Kreise, die Löhne/Gehälter festsetzen dürfen. Natürlich die Buslinien, die von den Städten und Gemeinden und Landkreisen selbst betrieben werden, genauso gute Löhne zahlen.

Würden uns die Leute, die jetzt dann sich umschulen lassen zum Busfahrer oder die gleich Busfahrer uns anderswo fehlen? Na sicher würden die uns fehlen. Wenn man etwas großes wie die Verkehrswende umzusetzen will, wird das Einschränkungen verursachen. Damit kommen wir gleich zum nächsten Thema.

Warum sollten wir diese Einschränkungen in Kauf nehmen?

Ich höre das immer, wir in Deutschland verursachen nur ein Prozent oder so von den Treibhausgasen. Ja, das ist ja ganz gut, dass wir nur so wenig verursachen, obwohl wir so viel produzieren. Innerhalb Deutschlands, innerhalb der EU ist das alles schwierig und der weltweite Einfluss vielleicht nicht so gigantisch. Aber wenn ihr einen Weg wisst, wie man die USA, China, Russland und den Rest der Welt außerhalb Europas dazu bringt, dass die ihren Ausstoß reduzieren, also wirklich massiv reduzieren. Erzählt mir, wie ihr es schaffen wollt, ernst gemeint. Ich hätte auch ein paar Ansätze, aber ich bin ratlos, wie wir es in voller Gänze schaffen wollen.

ÖPNV wird nicht reichen.

Nein, wird es nicht. Da müssen wir sehr viel mehr tun. Vor allem in der Industrie ganz viel. Das ist der viel größere Produzent als der Verkehr. Trotzdem können wir nicht einen Teil weglassen. Aber die Industrie wird nicht nur sich weit einschränken müssen und weit umdenken müssen.

Wer soll das bezahlen?

Naja, zum einen, ehrlich gesagt, diejenigen, die unbedingt noch Autofahren wollen. Sie bezahlen ja jetzt schon, und es wird noch mehr werden, auch um die Autoanzahl zu reduzieren und die Passagiere im ÖPNV zu erhöhen. Aber es soll auch garantiert nicht nur der Kunde, nicht nur der einzelne Bürger in die Verantwortung gezogen werden, sondern vor allem die Verantwortlichen. Wer ist verantwortlich? Die Ölkonzerne zum Beispiel, die Autoindustrie zum Beispiel, die Stahlindustrie und so weiter und so fort. Die sollten massiv dafür zahlen, dass sie massiv verursacht haben. Und übrigens von den neuen Medien unbedingt KI. KI ist ein unglaublicher Stromverbraucher. Auch da massiv besteuern. Dann sollten wir allgemein, abseits des Stromverbrauchs der Firmen, darauf achten, dass ausländische Firmen, die hier ihre Dienstleistungen und Services und Produkte anbieten, hier auch ganz normal ihre Steuern bezahlen. Und vielleicht auch drauf achten, dass unsere großen Firmen so auf dem Level Steuern bezahlen, wie sie kleine Selbstständige bezahlen.

(Alle Links noch mal in den Kommentaren)

DE-Strommix: https://www.bundesumweltministerium.de/themen/verkehr/elektromobilitaet/klima-und-energie

Verbrauch E-Bus: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/abschlussbericht-begleituntersuchung-e-busse-oepnv.pdf?__blob=publicationFile&v=1

CO2äquivalente Pkw-Produktion: https://www.vdi.de/fileadmin/pages/vdi_de/redakteure/themen/Mobilitaet/Dateien/3718_Publikation_Factsheet_VDI-Analyse_der_CO2-Emissionen_Internet__1_.pdf

CO2äquivalente Bus-Produktion: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1361920919302792

 

 

Achievement 🏆 1 Jahr veröffentlichen

Der älteste veröffentlichte Text den ich finden kann, der nicht aktualisiert wurde seitdem (ich habe die meisten ja aktualisiert, überarbeitet, wieder offline gestellt, wieder online gestellt, weil es immer "Work in Progress" ist) der älteste Text wurde also offiziell am 27. Mai 2025 veröffentlicht. Ich weiß aber, dass ich am 8. Mai 2025 den Brief an Pete als erstes gepostet habe.

Für mich ist also heute mein großes Achievement, ein Jahr veröffentlichen. Ich habe natürlich vorher schon immer in Foren geschrieben und so, also nicht ganz privat, aber dieses wirkliche Veröffentlichen als Werk, als Projekt, das ist heute ein Jahr. Im Hauptblog sind seitdem... 274 Beiträge entstanden.

Ich habe wie geplant, über alles Mögliche geschrieben. Im Hauptblog nicht die ganz speziellen Geschichten, aber alles Mögliche. Ich habe eine Kurzchronologie meines Lebens gemacht in zwölf Teilen. Ich habe über meine Süchte gesprochen. Ich habe über die DBT gesprochen. Ich habe über unsere Tiere gesprochen, über das, was ich daraus gelernt habe. Ich habe mich sehr eingehend mit dem Thema Resonanz beschäftigt. Ich hab sehr viel darüber geredet, was Kunst für mich bedeutet. Ich habe Texte über Musik, über Filme, über Bücher, meine Lebenselixiere. Ich habe ganz viele Blumenbilder und Videos veröffentlicht und darüber geredet, was mir das bedeutet. Schönheit, Architektur, Blumen, Bäume, Landschaften. Ich habe natürlich sehr viel über meine Erkrankung gesprochen, über ihre verschiedenen Aspekte, was es für mich im sozialen Miteinander bedeutet, was ich daraus gelernt habe. Ich habe über jedes gesellschaftspolitische und politische Thema gesprochen, das mir vor die Nase kam und mich beschäftigt hat. Ich habe enorm viel über Social Media und Algorithmen geschrieben. Meine Sucht, die ich irgendwie gar nicht loswerden will, aber die mir auch schadet.

Habe ich nun also in diesem ersten Jahr das Ziel des Projekts erfüllt, zu zeigen, wie voll ein Menschenleben ist, zu zeigen, wie voll jedes Menschenleben ist, anhand des Beispiels meines eigenen, habe ich gezeigt, ein Mensch ist ein Mensch?.

Ich weiß es nicht. Zur Sicherheit werde ich noch ein Jahr oder 40 dranhängen.

276 Über-emotional

Oft sagen Leute zu mir ich wäre zu emotional und das stimmt sogar, denn ich habe Borderline.

Häufig sagen sie es aber zu mir, wenn sie selbst sehr emotional auf etwas sehr sachlich geäußertes reagiert haben. In solchen Momenten fällt alle tatsächlich vorhandene Überemotionalität von mir mittlerweile ab und ich schalte in den Modus "leichtes Lächeln" aus der DBTherapie...

Das hassen die meisten.

Allerdings ist es auch ein wenig ungerecht, denn nicht jeder weiß und kann was einem in der DBT beigebracht wird. Für Borderliner kann es lebenswichtig sein, Emotionen abschwächen zu lernen. Das ist auch die passende Motivation um dieses komplexe Programm durchzuhalten und dann auch über Jahre einzuüben.

Es ist unfair von neurokonformen Personen zu erwarten, dass sie dies alles beherrschen ohne es speziell gelernt zu haben. Es ist halt nur dann nervig, wenn Menschen nicht mal merken, dass sie emotional sind, dass sie Identitätsabwehr betreiben und nicht mehr argumentieren... Ich muss bei Diskussionen im Internet oft an Loriot denken: "ICH SCHREIE NICHT!".

Vielleicht sollten alle Menschen lernen wie Emotionen und Kommunikation funktioniert. So ein Berufsgrundschuljahr für's Menschsein.

Für Leute, die wissen wollen, warum ich immer so von der DBT schwärme, meinen Erfahrungsbericht gibt es zum freien Download:  https://hidrive.ionos.com/share/zqm8l29z4x 

Oder in meiner Hauptgeschichte: Warum ich ständig von DBT rede

Und neu! in der Therapie-Geschichte hier auf der Seite Therapie und der steinige Weg

277 Alt werden ist nichts für Weicheier

Der Körper lässt nach, meine Blasenschwäche wird schlimmer, mein Knie meckert immer öfter, der Rücken sagt mir, wann Schluss ist mit Schlafen, und mein Magen vertragt keinen Kaffee mehr nachmittags (zum Glück noch schwarzen Tee oder Mate Tee... schließlich bin ich Brühender heißes Wasser über Pflanzenteile kippen ist Teil meiner Identität). Es ist anstrengend, jeden Tag ein bisschen zu sterben, während mein Körper mir klarmacht: "Du bist nicht mehr der, der du mal warst." Aber genau das ist auch die geilste Sache, die passieren kann. Denn Altern bedeutet, dass ich nicht sterbe, zumindest nicht heute. Es bedeutet, Trends kommen und gehen zu sehen, Internetseiten auftauchen und wieder verschwinden zu sehen, deine Helden und Heldinnen alt werden zu sehen und zu wissen, dass alles endlich ist. Ich hab mich blamiert, mich unmöglich gemacht, Plattformen verlassen und trotzdem weitergelebt. Ich hab erlebt, wie Dinge kaputtgegangen sind, wie Menschen gestorben sind, etwas viele für meinen Geschmack, aber trotzdem ging mein Leben weiter. Wenn es mal wieder schlimm ist, weiß ich:

"Egal, wie schlimm es sich gerade anfühlt, wie verzweifelt alles scheint es wird wieder besser. Nicht, weil das Leben fair wäre, sondern weil die Zeit weitergeht. Ich werde wieder lachen können. Ich werde wieder lieben können. Nicht, weil die Welt es mir schenkt, sondern weil ich es schon so oft durchstanden habe. Die DBT und die Suchttherapie haben es mir gezeigt, aber vor allem hat es mir das Leben selbst immer wieder bewiesen."

Alt werden ist kein Verfall, sondern ein Beweis dafür, dass ich noch da bin. Mit all meinen Wehwehchen, meinen Erinnerungen und der Gewissheit, dass das Leben voller Möglichkeiten bleibt auch wenn sie sich ständig ändern. Mit der Gewissheit das ich vergänglich bin und deshalb jede Sekunde zählt und wenn ich grad auf den Bus warte, dann mach ich mir schöne Musik an oder erzähl mir selbst eine Geschichte, dann schau ich nach Schönheit in meiner Umgebung und in mir und finde sie immer.

In dem Text vor einem Jahr bin ich mehr auf die sozialen Aspekte eingegangen:

 

oder auf Wattpad im Blog Jemands Leben - nur viel davon 077 Älter werden ist das beste was mir je passiert ist https://www.wattpad.com/1565106510-jemands-leben-nur-viel-davon-077-%C3%A4lter-werden-ist (Link noch mal im Kommentar)

278 Hört auf das äußere von Fremden zu kommentieren

Egal ob ihr wen hübsch findet, oder hässlich, oder nur aufbauen wollt. Das einzige was ein Kommentar zum Äußeren eines Fremden bestärkt, ist die Fixierung aufs Äußere.

#Bodyneutrality

YouTube hat leider das Originallied nicht zugelassen... deshalb "Fuck off" von den Blims.

Mit Originallied hab ich es auf PeerTube...
https://makertube.net/w/aNFcADiishp99JBvFzp4iH
 

279 Blitzlicht: Friesische Leuchttürme - Irgendwann ist jetzt

Ich habe es ja schon ein bisschen angeteasert in dem Reel: "Der Schlussaccord (für Pete, noch nicht für die Kafka-Quest)" (Link im Kommentar).

Es gibt Leuchttürme zu besuchen, das steht in dem Brief, den man da kurz sieht. Bin da nicht genauer drauf eingegangen, aber es ist leicht erklärt: Pete hatte bei sich zu Hause kleine Figuren von den Leuchttürmen der friesischen Inseln stehen. Diese typischen Souvenirs. Das Problem ist nur, er war noch an keinem dieser Leuchttürme. Als dann von ihm der Vorschlag kam, sie nach und nach tatsächlich zu besuchen, war ich Feuer und Flamme. Ich bin ein großer Nordsee-Fan, wie man weiß, denn ich bin ja hergezogen. Und ich liebe es, Sachen in die Tat umzusetzen über die man vorher nur geredet hat. Das sind die Dinge, die man sich merkt, das sind die Sachen von denen man hinterher erzählt, das sind die Peaks im Leben. Nur er verschob es auf irgendwann und auf irgendwann später und auf irgendwann danach. Das kann und muss man manchmal machen. Das Problem ist nur, wir leben ein endliches Leben.

Deshalb geht es heute nach Wangerooge. Heute Vormittag ist es relativ windstill gemeldet heute. Nachmittag soll es schön winden, wenn ich heim fahre mit der Fähre. Ich mich warm genug einzwiebeln und die Wellen genießen. Ich war schon lange nicht mehr auf dem Schiff und ich habe einfach Glück, dass es heute tatsächlich passt mit dem Wetter.

Wie immer werde ich alles fotografieren, was mir Schönes vor die Linse kommt. Aber unabhänig von allen Bilder, die für mich auch immer ein Beweis und ein Achievement sind... ich war dann tatsächlich dort. Ich habe es gemacht. Ich habe einen Peak in mein Leben gesetzt. Und der nächste Leuchtturm kommt nächsten Monat.

Irgendwann ist jetzt.

280 RPG Real Life 1.1 - Das Spiel, das keines ist

Eine Beschreibung des Spielsystems

Irgendwann zwischen 2015 und 2017, in einer Phase, in der es mir sehr schlecht ging, habe ich angefangen mein Leben anders zu betrachten. Anfangs war das Leben für mich eine Serie, später ein Theaterstück, dann ein Rollenspiel. Nicht metaphorisch, sondern Struktur gebend. Ich begann damit an die kleinen und großen Aufgaben des Lebens als Quests (Aufgaben in Spielen, ursprünglich aus der Heldenepik) zu sehen, dauerhafte Vorhaben als Achievements (Errungenschaften, Trophäen für Leistungen im Spiel z.B. alle Inseln erkundet). So wurde ich also langsam vom Zuschauer, zum Teilnehmer und schließlich zum Spieler.

Die wichtigste Regel in meinem Spiel: Jeder Mensch spielt. Es gibt keine NPCs (Non-Player-Charakter. Eine Spielfigur ohne Mensch dahinter, wird vom Computer gesteuert). Kein einziger Mensch auf dieser Welt ist ein Statist. Nicht mal die, die versuchen nicht mitzuspielen, sie haben alle Auswirkung auf die Spielwelt und möglicherweise auf dich. Tiere sind in gewissem Rahmen auch Spieler, denn sie haben ja auch Bedürfnisse und daraus resultierend einen Willen. Alles, was keine eigene Handlungshoheit hat, kann NPC oder einfach Spielumgebung sein: Formulare, Algorithmen, Programme, KIs.

Meine Klassenwahl ist „Selbstprüfer", manchmal übertrieben genau, aber sehr hilfreich wenn man viel lernen will. Die Klassenwahl im Spiel bestimmt die Spielweise sehr stark, klassisch gibt es damage dealer = Klasse die Schaden austeilt, meist Schützen, tank = gepanzerte Nahkampfklasse und heal = Heiler. Es gibt natürlich viele Varianten, aber dass sind die klassischen Drei. Im RPG Real Life gibt es minimal so viele Klassen wie es Menschen gibt.

Den Skilltree (Fähigkeitenbaum, Talentbaum, ein sich verzweigendes Netz an Fähigkeiten) hatte ich zunächst nicht freiwillig gewählt: Den Pfad der DBT (Dialektisch Behaviorale Therapie), das ist eine verhaltenstherapeutische Maßnahme, bei der einem mehr oder weniger das Menschsein gelehrt wird, die ursprünglich für Menschen mit Borderline-Störung entwickelt wurde. Im Spiel ist sie ein optionaler, extrem schwer zu meisternder Pfad. Ich habe ihn nur angenommen, weil mein Leidensdruck so hoch war, dass ich ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, nicht mehr weiterzuspielen. Meine Ausgangslage war nicht: „Ich will leben." Sondern: „Ich will lernen, leben zu wollen." Mit diesem Satz startete ich 2012 die DBT.

Das Levelsystem ist simpel: Ein Lebensjahr = ein Level. Ich bin derzeit auf Level 44. Skillpunkte müssen durch aktives Training verdient werden. Es gibt keine automatischen Punkte pro Level. Und: Skills können sich zurückentwickeln. Wer z. B. jahrelang nicht schwimmen wahr, wird merken dass er sich nun schwerer tut.

Vertrackter ist es mit Skills die erst anfangen zu leveln wenn man eine bestimme Quest gestartet hat. Wer z.B. nie Selbstreflexion betreibt, wer nie ehrlich zu sich selbst ist, wird nicht mal anfangen echtes Verständnis für Menschen aufzubringen. Und nie sehen das ein Mensch einfach ein Mensch ist, ob man selbst oder jeder andere. (Meine Meinung)

Das Spielsystem erlaubt Cheats. Jeder darf cheaten. (cheaten bedeutet schlicht betrügen). Du darfst mit Geld kaufen, was andere erarbeiten. Du darfst lügen, betrügen, manipulieren. Du darfst dich verstecken, du darfst dich aufblasen, du darfst Narrative erfinden, Rollen spielen, Gefühle simulieren, du „darfst" auch Gesetze brechen. Das Spiel wird dich nicht warnen. Es wird dich nicht aufhalten. Aber du musst dir bei jeder Tat klar sein, dass sie Konsequenzen hat, für dich selbst, für andere, für die Spielumgebung und am Ende vielleicht doch wieder für dich selbst. Man weiß nie.

Zeit ist dein kostbarstes Gut. Jede Sekunde zählt. Jede Minute, die du in einer Quest verbringst, die dir nichts gibt, musst du später rechtfertigen. Vor dir selbst! Und du wirst nicht zurückspulen können. Du wirst keine Dialogoption neu auswählen können. Jedes deiner Worte an deine Mitmenschen ob real oder in Social Media ist gesetzt, du hast entschieden es so rauszulassen. Leb damit! Tu was du willst ist ernstgemeint hier. Tu was du willst und leb mit den Konsequenzen. Eine Sache die in diesem Spiel genial ist, ist die Komplexität des Skilltrees. Kein Spiel auf dieser Welt - nicht Path of Exile, nicht Das schwarze Auge, nicht Baldur's Gate - kommt auch nur annähernd an die Tiefe des echten Lebens heran. Der Skilltree des Real Life ist ein explodierendes 3D-System mit Millionen von Ästen. Du kannst zehntausende verschiedene Builds (das sind Skillkombinationen, manchmal dann man mehrere erlernen und wechseln) bauen. Aber du wirst immer Konsequenzen tragen. Du kannst ein absoluter Machiavellist werden. Du kannst in den sozialen Baum investieren, in Empathie, in Netzwerke, in Täuschung, in Informatik... Alles ist verfügbar. Aber nichts ist ohne Preis. Mindestens Zeit kosten alle, manche Geld, manche Freunde, manche die Familie, manche deine Freiheit und manche kosten Leben.

Ich spiele das Spiel, weil ich irgendwann 90 sein will und alle mit meinen Geschichten nerven will. Ich will sagen können: „Ich habe mein Spiel gespielt."

Das Spiel läuft im „Heroic Mode" (Ein Modus in Spielen bei der die Spielfigur tatsächlich tot ist, wenn man stirbt, auch Permadeath, Ehre-Modus oder ähnliche Bezeichnungen) dass heißt, keine Savegames, kein Neuladen, jede Sekunde zähl, nur einen Durchlauf.

Gib dein Bestes, würde ich sagen.

Coming soon: 
Der Fleischroboter = deine Spielfigur 
Das Questsystem und meine Skills in Anwendung

281 RPG Real Life - Der Fleischroboter = Deine Spielfigur

Er ist die Grundlage dafür, dass du überhaupt zocken kannst. Jeder hat ihn schon mal vernachlässigt. Der Fleischroboter ist allerdings unverzichtbar und unersetzlich für dich.

Mein Lieblingskörperteil ist das Gehirn, und das ist (leider) Teil des Körpers. Der Zustand des Körpers kann das geliebte Ding stark beeinflussen... Dehydration, lange nicht geschlafen, Grippe... miese Nummer. Oder wie ich gern sage: Der Kapitän ist Teil des Schiffs. Davy Jones lässt grüßen.

Deswegen steht auf meiner persönlichen Pragmatismus First Agenda (nicht für jede/n was) ganz oben:

Fleischroboterwartung

Darunter fällt:

- wenigstens einigermaßen ausgewogenes Essen

- immer ausreichend Flüssigkeit

- unterwegs immer eine kleine Flasche Wasser dabei

- Tabletten regelmäßig nehmen

- Wartungsbesuche wahrnehmen (Arzt usw.)

- Überhitzung und Unterkühlung verhindern (Zwiebellook ist dein Freund!)

- Bei langen Reisen Toilettenpausen planen, im Stau aus dem Auto steigen ist nicht funny, nasser Sitz auch nicht (Bei mir durch chronische Blasenschwäche verschärft)

- Ab und an an frische Luft und Sonnenlicht gehen (Biologie diskutiert nicht, Vitamin D entsteht nur so)

- Dem Fleischroboter ausreichend Zärtlichkeiten und Sexualität zukommen lassen (sich selbst geben zählt)

- genügend Bewegung.... O.k. war ein Joke, diese Forderung kann der Fleischroboter vergessen... die anderen versuche ich einzuhalten.

 

Passt auf eure Spielfigur auf, sie hilft nur sehr bedingt beim Denken, aber kann es aushebeln. All eure Interaktions- und Sensorikfähigkeiten habt ihr durch euren Fleischroboter. Er speichert (nicht vergessen Gehirn ist Körper) euren Fortschritt, sogar wenn ihr im Stand-by schnarcht. Er definiert oft eure Leistungsfähigkeit, kann euch selten mal nen Buff (im Spiel sind das kurzzeitige Verbesserungen), aber bei Falschbehandlung einen Haufen Debuffs (vorübergehende Verschlechterungen eurer Werte) geben und manche davon sind, anders als in den meisten Spielen, leider permanent.

Und endet er, ist schlichtweg GAME OVER!

282 Blitzlicht (mit Zeitverzögerung): LeuchtturmChallenge

Wangerooge - Juwel in tosender Macht

Ich möchte zu Wangerooge zunächst einfach sagen: Diese Insel überfordert mit Schönheit.

Ich hab dazu ein Video gemacht: Wer sich mit Schönheit bombardieren lassen will:

Der Strand im Norden ist wie Raffaello, eigentlich ein bisschen zu süß, eigentlich ein bisschen zu cremig, aber ich kann nicht widerstehen. Und dort brandet die offene See an, meine geliebte Nordsee mit all ihrer Macht. Und man wird ständig daran erinnert, dass dies ein Arbeitsmeer ist, denn am Horizont ziehen riesige Schiffe. Dieser Strand ist auch wie ein Johnny Cash Song, schön, aber schmerzhaft. An diesem Tag sogar wörtlich schmerzhaft, denn man wurde quasi sandgestrahlt.

Die Heide- und Dünenlandschaft hingegen wirkt auf mich wie Ithilien, schön, fremd, stark, würzig, uralt und doch zerbrechlich. Man erwartet gleich Sam zu sehen, der einen Hasen kocht und sich Tüften wünscht... Ich bin allerdings Herr der Ringe Fan ich sehe in jeder Heidelandschaft Ithilien...

Das Dorf hingegen erinnert mich an Helgoland und das meine nicht besonders positiv, aber es wirkt auch als ob hier Leute vom Festland ihren Traum von einem Laden und einem Leben auf der Insel verwirklicht hätten und diese Läden sind schon wieder irgendwie sympathisch, auch wenn sie eher auf reiche Leute als Kunden abzielen...

Aber der Star dieses Theaters bleibt die Nordsee, die am Hauptstrand anbrandet als würde sie sich daran stören, dass hier eine Insel existiert. Die an der Düne am Westende zusammen mit dem Wind reißt. Die um die Inselbahnstrecke bei Flut wogt. Die uns auf dem Heimweg herrlich durch geschaukelt hat und mit dem Licht zusammen Fantasiewelten gezaubert hat.

P.S.: Das ich für diesen Text 5 Tage gebraucht habe, liegt daran, dass ich nicht wusste welche Worte dieser Schönheit angemessen wären. Es sollten nicht zu viele sein sonst würde es billig wirken. Es sollte nicht zu pathetisch werden, denn es ist eine Nordseeinsel und die Nordsee scheint automatisch Pragmatik mit der Schönheit zu liefern... ich werde den Text jetzt so raus geben.

283 Über-emotional Teil 2

Ein Fallbeispiel

Oft sagen Leute zu mir ich wäre zu emotional und das stimmt sogar, denn ich habe Borderline. Ich kenne es also leider nur zu gut, wenn meine Aussagen von Wut, Verletztheit oder Angst beeinflusst sind.
Häufig sagen es aber Menschen zu mir, wenn sie selbst gerade sehr emotional auf etwas sachlich geäußertes reagiert haben.

Beispiel auf Threads aus den letzten Tagen, welches dies eindrucksvoll zeigt:

Es passierte am Vatertag auf Threads. Ich werde niemanden mit Namen nennen, weil das nur das Gegenteil dessen erreicht was ich möchte. Ich werde ihn auch weitestgehend nicht wörtlich zitieren.

Meine Posts werde ich wörtlich mit auch den Fehlern so lassen.

Worum es eigentlich ging

Jemand hatte drei verschiedene Aussagen von Frauen zum Vatertag rausgesucht und zu problematischen Beispielen des Männerhasses erklärt.

Und ich hatte da drauf geklickt, weil ich mir dachte: "Was ist denn so schlimm?"

Es gibt tatsächlich radikal-feministische Aussagen, die wirklich sehr, sehr weit gehen.

Die erste Aussage war, heute hätten die Puffs und Saunaclubs Hochkonjunktur.Die zweite Aussage war, dass da heute viele mitliefen, die selbst keine Väter wären.Die dritte Aussage war, es würde nur denen zum Vatertag gratuliert, die sich auch um ihr Kind kümmerten, in Bezug auf Unterhaltszahlungen.

Dass diese moderaten Aussagen speziell ausgewählt wurden, verwunderte mich und ich reagierte mit ein paar Fragen:

"Ok. Ich hab mich tatsächlich gefragt, was für Threads du meinst.

Hast du ein Problem, dass jemand darauf aufmerksam macht, dass heute Sexwork Hochkonjunktur hat? (Mutmaßlich)Darauf hingewiesen wird, dass da viele feiern, die keine Väter sind?Und das nur Vätern ein schöner Vatertag gewünscht wird die auch tatsächlich sich um ihre Kinder kümmern?

Das sind deine Beschwerdepunkte?

Das ist dieser Männerhass?"

Ein wiederum anderer Thread-Teilnehmer reagierte darauf sehr persönlich betroffen auf meine Fragen.

Erst kam ein Muttertagsvergleich, den ich nicht mal wirklich zusammen bekommen würde, wenn ich ihn wörtlich zitieren würde. Es geht wohl darum, dass auch Müttern gratuliert würde, die ihr Kinder ins Heim gegeben hätten oder abgetrieben (?). Also es war sehr schräg auf jeden Fall.

Dann gäbe es ja Väter, denen verweigert wird, ihr Kind zu sehen. Dann wurde nach wissenschaftlichen Belegen dafür gefragt, dass am Vatertag mehr Männer in den Puff gehen.

An dieser Stelle schaltete er ein. Mein Modus von „innerem totstellen".

Das ist dann keine Emotionslosigkeit im eigentlichen Sinne. Man hat noch Emotionen zum Beispiel Verwunderung oder Verzweiflung über die Menschheit und auch immer ein gewisses Maß an Mitleid. Mitleid ist kein nettes Gefühl, aber es ist unvermeidlich für mich in diesen Situationen.

Mit also schon wenig Interesse an diesen vielen Erklärungen, die man auf so was immer geben muss ohne auf Erkenntnis hoffen zu können, denn eine Diskussion folgt auf solche Identitätsabwehr meist nicht mehr.

Und so fing es dann auch an. Ich fragte wie immer nach, wenn ich erklären will, denn ich will so was kurz halten und da klopfe ich ab was bereits da ist:

"also erstens: Wer gratuliert denn Nicht-müttern zum Muttertag? das hab ich noch nirgends mitbekommen.

Nicht kümmern heißt für dich also aktiv davon abgehalten werden?

Ich hab keine Ahnung ob Prostituierte heute Überstunden machen und hab es auch eindeutig nicht als Fakt in den Raum gestellt... Vorstellen könnte ich es mir, es liegt sehr nahe, aber das heißt nicht dass ich sage: SO ist das!

Anscheinend fühlst du dich ganz schön davon angegriffen... alles ok bei dir?"

(Das letzte war fies, aber Mitleid ist fies.)

Er meinte eine Mutter gelte immer als Mutter, egal ob die Kinder bei ihr wären. Und erwähnte dann tatsächlich etwas persönliches, aber auch gleich dass er zum ersten Mal höre, dass heute besonders viele Männer in den Puff gingen.

Ich weiter erklärend:

"Ich meinte das zu dem Take, dass viele nicht Väter heute da mit marschieren.

Männer, die keine Kinder gezeugt haben.

Ich werfe das nicht mal direkt Vätern vor. Ich werfe das überhaupt niemanden vor. Du hast gar nicht gelesen, was ich geschrieben hatte. Ich halte es für wahrscheinlich gerade, weil da viele sehr junge Männer dabei sind, die wahrscheinlich keine Väter sind.

Wie vielen Frauen, die keine Kinder bekommen haben, wird denn zum Muttertag gratuliert?"

Dann meinte er es gäbe Leute die heute Frau oder Kinder mitgenommen hätten (ich wüsste gar nicht dass ich dem widersprochen hätte) und dann meinte er es ginge überhaupt nicht um meine Aussagen.

Der zweite Teil war etwas verwirrend, denn er hatte auf meine Antwort und nicht auf den Hauptthead geantwortet.

Ich bot mich als Männerhasserin an, dachte ein klares Feindbild könnte vielleicht helfen:

"Ok. Wenn du meine Aussage nicht meinst, dann rate ich dir nicht auf meine Aussage zu reagieren ...

Ich bin kein offizieller Fürsprecher, ich fand nur die drei vom OP herausgepickten Aussagen wirklich harmlos.

Aber wenn man so hinein interpretiert, kann echt aus Banalitäten Männerhass lesen.

Wenn du mir Männerhass vorwirfst, dann bitte nicht wegen Kleinkram.

'Männer sind noch nicht einsam genug.'

Das kannst du gern so interpretieren und ist persönlich von mir, an alle Männer die rumjammern."

Er hätte sich verklickt, er werfe mir gar nichts vor und meinte die Grundaussagen und fragte was dieses geschlechtsspezifische Bashing denn bringen solle. Und er würde nie Frauen wegen Muttertag kritisieren...

Kennt ihr dieses innerliche „Uff", wenn klar ist, das hier jedes Wort vergebens geäußert ist, weil jemand völlig in einer Wutschleife ist, die eigenen Widersprüche nicht mehr bemerkt und das nicht mal absichtliche Gaslighting startet, dieses Verdrehen von Tatsachen aus Identitätsverteidigung nur damit er vor sich selbst noch bestehen kann?

Also antwortet man nur noch für mögliches Publikum, denn das Gegenüber ist innerlich schon nicht mehr im selben Gespräch:

"Ich hab echt keine Lust auf die Diskussion.

Du hattest Muttertag als Vergleich angebracht. Den ich übrigens durchaus kritikwürdig sehe... Aber nicht wichtig.

Was es bringen soll, ist eine Veränderung bei der breiten Masse der Männer.

Ich denke Männer die dazu nicht bereit sind vereinsamen zu lassen könnte da ein probates Mittel sein.

Denn das ist echtes Leid und ich weiß aus Erfahrung, wer genug leidet holt sich Hilfe oder ändert endlich was."

Er meinte er wäre gern allein und dann kam noch folgendes (ausnahmsweise wörtlich, damit diese Plattitüde ihre Wirkung entfalten kann):

"Aber auch Männer haben negative Erfahrungen gemacht."

Ich antwortete für mögliches Publikum:

"Alles Gut. Es zwingt dich hoffentlich niemand in eine Beziehung.

Ich kann übrigens immer noch nicht für alle Frauen sprechen ...

Deinen Letzten Take würde ich zwecks Whataboutism überdenken.

Findest du dass in Mitteleuropa in privaten Beziehungen eher Gleichberechtigung herrscht oder eher Ungleichbehandlung, Diskriminierung und teilweise Gewalt?  Und dann die wichtigste Frage hier bei: wie ist das deiner Meinung nach meist gewichtet?"

Er fragte:

Wieso Whataboutism?Ob ich ihm seine Erfahrungen abspräche?Warum nur Mitteleuropa?

Ok, an der Stelle hab ich laut aufgelacht, was doof war, denn ich stand grad an einer Fußgängerampel und das wirkte etwas schräg, denke ich.

Aber:

Warum Whataboutism?
Dann eine Frage die klar macht, er weiß nicht was das ist, dann wieder Whataboutism...

Leute, kommt schon! Ihr hättet auch gelacht!

Ich gab auf:

"Ernsthaft was hast du? ich hab dir Fragen gestellt und dir gesagt du solltest den Take überdenken... d.h. nicht, dass ich dir irgendwas abspreche, denn d.h. du sagst dieses Problem ist es nicht wert ist, dass man darüber redet weil es gibt ja auch dieses Problem.

Warum Mitteleuropa?  Weil ich da lebe und ich dachte du auch? Wir können ja nicht über Gegenden reden, die wir persönlich nur schwer beurteilen können. Warum erkläre ich das?

Ich wünsche dir noch alles Gute."

Er hat dann gemeint, wenn mich es so abfucken würde...
(jetzt kommt der Wahnsinn in voller Güte Leute)

...wenn ein Mann sich mal Zeit nähme sachlich mit mir zu reden...

und dann irgendwelches Geschwafel ich hätte ihn zwingen wollen zu schreiben: "Nicht alle Männer, aber immer ein Mann."

Dann hab ich ihn stumm geschaltet.

Denkt ihr es gibt eine Chance solche Leute noch zu erreichen?

Ich meine der hält sich für den Guten, der hält sich für sachlich, der hält sich für unemotional in dieser Diskussion.

Wie soll man solche Menschen noch erreichen?

284 Was ich grad mache?

Mich selbst hassen gerade... Ich hatte Wochen der Vorbereitung und verkacke so derartig bei etwas derart Wichtigem... ich bin einfach nicht dafür gemacht irgendwas richtig zu machen.Egal wie sehr ich denke, ich mache es gut und korrekt, ich hab so ein Scheiße-bau-Gen, dass mich immer wieder verkacken lässt. Dass mich im Endeffekt immer Mist abliefern lässt.Und wenn mir jetzt jemand mit irgendeinem KACK kommt, mit "du hast dich angestrengt, das zählt", "der Weg ist das Ziel", "aus Fehlern lernt man" "du machst dir nur zu viel Druck" oder so einem FEEL GOOD DRECK, der mir nur sagt "du bist so dumm, dass du noch nicht auf Plattitüden als Lösung gekommen bist" der wird instant überall blockiert, egal wer es ist.Ich streng mich an, das IST ja das schlimme! ich versage obwohl ich Mühe und Zeit investiere.Wisst ihr worauf es ankommt: AUF DAS ERGEBNIS!Nicht darauf ob ich zwar unfähig, aber fleißig war. Fleiß ist KEIN WERT!Ich bin zu unfähig um je irgendwas zu erreichen, zu dumm um je irgendwas gut zu machen. Und es geht hier zum VERSCHISSENEN DRECK nicht um Schuld, es ist egal ob die "böse Gesellschaft", meine Eltern, meine Minderbemitteltheit oder der PC schuld wären. Wenn die Verantwortung bei mir läge, hätte ich noch die Chance was zu ändern, aber ich bin ein Versager, seit ich auf der Welt bin und versuche das zu ändern seit ich 6 Jahre alt bin, es ist unwahrscheinlich das meine Fähigkeiten ausreichend dazu wären.Was werde ich machen? Sobald meine Scham wieder auf ein Maß runtergekühlt ist, dass ich mir nicht mehr selbst den Schädel einschlagen möchte, weiter stümpern und pfufschen und dreckigen Mist an Texten abliefern, der zu Recht niemanden interessiert und hoffen das diese Dokumentation eines Versagerlebens wenigstens für Wissenschaftler in der Zukunft irgend einen Wert haben könnte...Ich hasse mich.

 

Ich hab meine Scham festgehalten, öffentlich, überall dort wo der Text auch öffentlich war. Ich bin bei den Regeln meines Projekts geblieben und das ist im Nachhinein das entscheidende. Wenn ich es durchziehe mache ich etwas was ich selbst als groß empfinden kann, selbst wenn es von einem lächerlichen Pfuscher wie mir ausgeführt wird. Es geht weiter, es muss weiter gehen. Es ist alles was wichtig ist in meinem Leben, es ist alles was ich kann: Mein Leben dokumentieren.

285 Achtsamkeit als Realitätscheck statt als Ideologie

Kathrin Fischer zerpflückt in ‚Achtsam geht die Welt zugrunde' eine Achtsamkeit, die als Allheilmittel verkauft wird und damit Teil des Problems ist. Ihre Kritik: Wenn Achtsamkeit nur bedeutet, dass wir uns besser anpassen an ausbeuterische Arbeitsbedingungen, Klimakrise oder soziale Ungerechtigkeit, dann ist sie keine Lösung, sondern eine Falle.

Diese Kritik halte ich nicht für aus der Luft gegriffen. Wenn Achtsamkeit bedeutet, Menschen beizubringen, immer besser mit schlechten Umständen zurechtzukommen, statt die Umstände selbst anzuschauen oder zu verändern, dann wird aus ihr schnell eine Privatisierung von Problemen. Dann wird nicht gefragt, warum jemand erschöpft ist, sondern nur noch, warum er seine Erschöpfung nicht besser regulieren kann.

Und trotzdem habe ich beim Lesen gemerkt, dass ich mit dem Begriff etwas komplett anderes verbinde, als das was hier kritisiert wird. Meine Erfahrung mit Achtsamkeit stammt aus der DBT, der Dialektisch-Behavioralen Therapie, die hauptsächlich bei Borderline angewendet wird. Dort wird nicht verborgen, dass diese Techniken buddhistische Wurzeln haben, insbesondere im Zen-Buddhismus. Auch die Entwicklerin der DBT, Marsha M. Linehan, spricht offen über die Anleihen daraus. Diese Achtsamkeit aus der DBT ist kein Wohlfühlprogramm und kein Allheilmittel. Sie ist ein therapeutisches Notfallwerkzeug für Menschen, die von ihren Emotionen überflutet werden. Sie sagt nicht: ‚Sei glücklich.' Sie sagt nicht einmal: ‚Sei gelassen.'.

Die Achtsamkeit, die ich dort gelernt habe, sagt mir nicht, wie ich leben soll. Sie sagt mir nicht, ob ich handeln oder stillhalten soll. Sie sagt mir nicht, ob meine Gefühle richtig sind oder welche politische oder moralische Konsequenz ich daraus ziehen sollte.

Sie sagt nur: Schau hin.

Schau hin, wie dein Körper sich gerade anfühlt. Schau hin, welche Gedanken auftauchen. Schau hin, welche Emotionen da sind. Schau hin, wie sich deine Situation tatsächlich für dich anfühlt. Bewerte nicht, bleib im Augenblick.

Und dann: Schau weiter hin.

Als ich begann, Achtsamkeit ernsthaft zu üben, empfand ich sie oft als fast unerträglich. Im Alltag achtsam zu sein klingt harmlos, bis man es wirklich versucht. Beim Zähne putzen. Beim Warten. Während der Arbeit. In langweiligen Momenten. Nicht gedanklich fliehen, nicht sofort bewerten, nicht automatisch reagieren, sondern wahrnehmen, teilnehmen, beschreiben, wirkungsvoll handeln.

Ich habe Jahre gebraucht um sie in meinen normalen Alltag automatisch einzubauen, so groß war mein innerer Widerstand. Denn wenn man ständig hinschaut, wird einem vieles sichtbar, das man sonst übergeht, oder regelrecht wegdrückt.

Bsp.: Das Knie tut schon wieder weh. Diese Situation macht mich wütend. Ich lenke mich gerade ab. Ich sitze unbequem. Ich ärgere mich über etwas und merke es erst jetzt.

Denn wer regelmäßig hinschaut, merkt oft erst, wo überhaupt Probleme liegen. Nicht nur im eigenen Innenleben, sondern auch im Außen. Vielleicht stelle ich fest, dass ich erschöpft bin. Vielleicht merke ich, dass eine Beziehung unfair geworden ist. Vielleicht wird mir klar, dass mich bestimmte Arbeitsbedingungen krank machen oder dass irgendein Umstand in meinem Leben mir einfach nicht passt. Die Achtsamkeit selbst sagt mir nicht wie ich handeln soll. Aber sie bringt mich an den einzigen Ort, an dem ich überhaupt handeln kann: ins Hier und Jetzt.

Ich war vorher zu einem normalen Leben nüchtern quasi unfähig (vor der DBT hab ich gesoffen um klar zu kommen). Mittlerweile kann ich einen fast normalen Alltag leben, mit Einkaufen, Öffis fahren, Zeit unter fremden Menschen verbringen ohne dauernd in Panik zu sein. Und ich traue mich meine Texte zu veröffentlichen, weil ich denke ich kann damit etwas bewegen. Ich habe noch in etwa genauso viel Angst wie früher, ich hasse mich immer noch für jeden Fehler und rechne ständig damit dass alle mit dem Finger auf mich zeigen und mich auslachen. Aber die DBT und besonders die Achtsamkeit haben mir geholfen trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Denn manchmal sind es Kleinigkeiten, die ich anpassen kann um eine Situation erträglicher machen, wie bequemer hinstellen, aber nur mit Achtsamkeit schaffe ich so was im Hochstress überhaupt wahrzunehmen, denn mein System ist dann ja schon bei Flucht oder Kampf, auch wenn es nur die Supermarktschlange ist.

Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen den Achtsamkeits-Begriffen, über die wir sprechen. Die Kritik von Frau Fischer scheint mir berechtigt, wenn Achtsamkeit zur Selbstoptimierung wird oder Menschen helfen soll, immer besser in unhaltbaren Verhältnissen zu funktionieren. Aber meine Erfahrung mit DBT-Achtsamkeit war nie: „Halte mehr aus." Eher: „Schau hin. Bekomm' mit, was ist. Und dann entscheide selbst."

Interview mit Kathrin Fischer auf derStandart.de
https://www.derstandard.de/story/3000000320436/autorin-kathrin-fischer-dass-achtsamkeit-alle-probleme-loesen-kann-ist-eine-laecherliche-anmassung?utm_source=firefox-newtab-de-de
[17.05.2026 19:00 Uhr]

Mein kompletter DBT-Erfahrungsbericht Open Source:
https://hidrive.ionos.com/share/zqm8l29z4x

DBT im Therapie-Ark hier auf der HP:
https://www.wattpad.com/1564698520-therapie-und-der-steinige-weg-warum-ich-st%C3%A4ndig


(Links wie immer noch mal im Kommentar)

286 Die Kettlemans: Unschuldige Schuldige [I did it for me - Reihe]

[Spoiler, Spoiler, everywhere]

Zumindest leichte Spoiler sind auch heute nicht ganz zu vermeiden, aber mehr als foreshadowing.

Die Kettlemans selbst: Luxus, Lügen und Zuneigung zueinander

Die Kettlemans sind kein klassisches Bösewicht-Duo. Sie sind unsympathisch, aber nicht monströs, mehr eine Mischung aus Gier, Naivität und einer fast rührenden Fürsorge für ihre Kinder. Mrs. Kettleman, die ich meist liebevoll „Kettlemonster" nenne, ist eine Frau, die sich in teure, aber leicht geschmacklose Kleidung wirft, als wolle sie beweisen, dass sie dazugehört, während ihr Mann, der naive Buchhalter, ihr folgsam hinterherläuft, doch auch wenn sie ihn bevormundet, wirkt sie nie abwertend ihm gegenüber und die beiden scheinen fast liebevoll miteinander. Sie wirken beide nicht klug genug, um tatsächlich böse zu sein, dass sie nicht unschuldig sind, erfahren wir allerdings recht früh.

Hinzukommt, das in den Momenten, in denen sie mit ihren Kindern interagieren, ein wirklich liebevoller Umgang gezeigt wird, höchstens nervig, wenn sie sich selbst "Kettlecrew" nennen. Sie spielen mit ihnen, kümmern sich um sie, selbst im Zelt im Wald, als sie auf der Flucht sind. Immer wieder wird klar: Sie sind keine Monster, sondern Menschen, die in ihrer eigenen Realität gefangen sind. Ihr Haus, das sie mit solch übertriebener Sorgfalt aufhübschen, während das Verfahren gegen sie läuft, ist ein Symbol für ihre Verblendung. Sie glauben, sie könnten unbesorgt das gestohlene Geld ausgeben, als ob die Justiz sie nicht einholen würde. Mrs. Kettleman, selbstgerecht und mit einem eisernen inneren Bestätigungssystem ausgestattet, leugnet die Schuld von Mr. Kettleman, selbst wenn alle Beweise dafür sprechen, selbst wenn ihr Gegenüber bestätigt von der Schuld weiß, kann sie dies nie ganz lassen. Ihr Mann wirkt wie ein armer, getriebener Familienvater, der nur den Ansprüchen seiner (scheinbar geliebten) Ehefrau gerecht werden möchte.

Was die Kettlemans für Jimmy bedeuten: Der Ursprung des Übels

Für Jimmy sind die Kettlemans der Auslöser alles Übels und das nicht, weil sie etwas Böses getan hätten, sondern weil sie etwas völlig Normales taten: Sie lehnten ihn als Anwalt ab und gingen dann zu Hamlin, Hamlin & McGill (HHM). Das ist schlicht ihr gutes Recht. Doch für Jimmy war diese Abweisung der erste Domino-Stein, der seine Abwärtsspirale in Gang setzte. Er, der so dringend Geld, Prestige und Selbstbestätigung brauchte, sah in ihrer Entscheidung eine persönliche Beleidigung. Und so begann sein Racheplan, der von Anfang an schlimme Auswirkungen hatte und noch so viel schlimmere haben wird.

Die Kettlemans sind Jimmys Verhängnis, weil sie ihm erschreckend ähnlich sind. Auch er ist gierig, manipulativ und verzweifelt. Doch während sie dumm genug sind, um sich selbst zu zerstören, ist Jimmy schlau genug, um zu wissen, dass er es besser machen könnte, dennoch scheitert auch er immer wieder. In Folge 7 wird das besonders deutlich: Er versucht, das Richtige zu tun, um sich selbst zu schützen, Kim und sogar die Kettlemans. Doch am Ende bricht er zusammen, weil er erkennt, dass es ihn alles gekostet hat, die ganzen ausgeklügelten Pläne auf seiner Seite und dummen Pläne auf der Kettlecrew Seite haben ihn finanziell, emotional und moralisch ruiniert. Und das Schlimmste ist: Die Familie des Grauens weiß um ihren Anteil daran nicht einmal.

Was die Kettlemans für Kim bedeuten: Der Riss im System

Die Kettlemans zeigen Kim, dass sie bei HHM keine Fairness erwarten kann. Sie ist die beste Anwältin der Kanzlei, sie handelt einen unglaublich guten Deal für Mr. Kettleman aus. Der wird aufgrund von galoppierender Realitätsblindheit des Kettlemonsters ausgeschlagen. Howards Reaktion darauf ist die einzig echte Schuld, die er in der gesamten Serie auf sich lädt: Er gibt Kim die Schuld und strafversetzt sie. Das ist persönlich, unfair und unlogisch und es ist der Moment, in dem Kim beginnt, Howard zu hassen.

Für Kim sind die Kettlemans der erste Auslöser dessen, was sie später dazu bringen wird, sich in absurde Rachepläne einbinden zu lassen.

Was die Kettlemans für Howard bedeuten: Unlogische Reaktion mit unfassbaren Folgen

Für Howard sind die Kettlemans ein Symbol für sein Versagen. Sie sind große Klienten, deren Verlust sein Ego verletzt. Die Kanzlei, die sein Vater und Chuck aufgebaut haben, darf nicht wegen seiner Führung scheitern. Er war zwar selbst genauso wenig schuld wie Kim. Aber er brauchte einen Sündenbock, statt es schlicht als "Dummheit der Mandanten" zu verbuchen. Seine unlogische Reaktion Kim zu bestrafen ist das Einzige, was man ihm in der Serie wirklich vorwerfen kann. Das einzige, was nicht Chuck zuzuordnen oder auf Grund von Mangel an Informationen "falsch" entschieden wurde. Er schiebt Kim den Fehler zu, weil er es nicht ertragen kann, diese Mandanten zu verlieren. Und er wird bis zum Schluss nicht verstehen, was es ihn kosten wird, Kim als Feindin zu haben, er wird nicht mal wirklich verstehen, warum sie seine erbitterte Feindin wurde. Ehrlich gesagt, fällt es mir auch schwer zu verstehen, er war schlicht ein ungerechter Chef.

Was die Kettlemans für Mike bedeuten: Jegliche menschliche Regung führt ihn näher an sein Verhängnis, seit er sich wegen der Kettlemans zu nah an Jimmy begab

Für Mike sind die Kettlemans der erste nahe Berührungspunkt mit Jimmy und er gerät damit in eine Dynamik, die meiner Meinung nach Ausmaße einer griechischen Tragödie hat (wie recht vieles in den beiden Serien, zugegebenermaßen). Vorher war Mike für Jimmy nur der Parkplatzwächter, ein Mann, der sein eigenes Ding machte. Doch als er Jimmy den Tipp gibt, wo die Kettlemans sein könnten, beginnt etwas Neues. Irgendwie mag er Jimmy, vielleicht erinnert er ihn als schräges Zerrbild an sich selbst, jemand der mit den falschen Mitteln das Richtige tun will.

Doch diese Verbindung besiegelt schlussendlich Mikes Verhängnis. Jede menschliche Regung, sei es Mitleid, Neugier oder auch nur eine Art Respekt, ist ab da ein Schritt Richtung Untergang.

287 RPG Real Life - Das Questsystem

(Alle Links wie immer noch mal in den Kommentaren)
Das erste, was ich mit RPG Real Life erreichen wollte und vor einem Jahr auch erreicht habe, war, den Skill Pragmatismus First zu leveln. Pragmatismus First heißt: Zuerst das pragmatisch Sinnvolle erledigen. Ganz banal: Wenn ich irgendwo sitze und ein Papierchen sehe, das wegzuräumen ist, dann mache ich es sofort. Wenn ich weiß, dass ich zum Briefkasten muss, dann gehe ich nicht erst in zehn Minuten oder einer Stunde, sondern sofort. Das habe ich im letzten Jahr mit viel Einsatz gelevelt, geübt und eingeschliffen, bis es automatisch funktioniert. Für viele Menschen ist das ein natürlicher Vorgang. Für mich war es hart zu erlernen. Wer die genauen Schwierigkeiten und den Prozess nachlesen will, kann das in meinen Texten von letztem Jahr tun Teil 1 "Was ist das?" und Teil 2 "Der Fleischroboter" sind die alten Versionen der Texte, die ich in den letzten Tagen hier zu RPG Real Life gepostet habe. Ab Teil 3 "Der Bossfight für ein LevelUp" ist es nur noch dort auf Wattpad zu lesen und wird nur dort so auch erhalten bleiben.

Alte Texte:
https://www.wattpad.com/story/395118409-mein-mmo-rpg-real-life

Neue Texte:
https://substack.com/home/post/p-197572171 Das Spiel das keines ist
https://substack.com/home/post/p-197649111 Der Fleischroboter = Deine Spielfigur

Doch um allgemein strukturiert zu bleiben und alles einfacher zu erledigen, habe ich mein Leben gamifiziert (in Spiellogik umgewandelt). Tägliche Quests: Briefkasten leeren, Tabletten nehmen, Alltagsaufgaben erledigen. Morgens mache ich mir eine kurze To-Do-List, im Kopf oder schriftlich, mit den wichtigsten Aufgaben des Tages.

Wöchentliche/Monatliche Quests: Termine, Rezept für Medikamente holen (alle drei Monate), Bezahl-Quests (z. B. Rechnungen, die der Briefkasten oder andere Menschen mir geben). Die plane ich ein, wann die Zahlung möglich ist, meistens mit der Kalenderfunkion und Erinnerungen.

Langfristige Quests: Über mehrere Monate verteilt, wie aktuell die Leuchtturm-Quest: alle Leuchttürme auf den friesischen Inseln besuchen 
https://substack.com/home/post/p-197957810. 
Bildungs-Quests: Zum Beispiel die Kafka-Quest: das Gesamtwerk von Kafka lesen 
https://feddit.org/post/29311240.

Quest-Belohnungen sind groß oder klein, je nach Aufwand: 
Nach dem Briefkasten: zweiter Kaffee. 
Nach größeren Aufgaben: Essen gehen oder ein Tag am Strand in Schillig mit Lesen.
Nach der Leuchtturm-Quest: Kurzurlaub in Großbritannien.

Dann habe ich Hauptquests: 
90 Jahre alt werden: Erfordert täglichen Grind (oft wiederholende Aufgaben in Spielen) regelmäßig gesund essen, schlafen, nicht rauchen, kein Alkohol, moderate Bewegung. Seit ich an der Nordsee wohne, fällt mir das leichter, weil ich meerverrückt bin.
Eigene Geschichten erleben: Sachen wie Leuchtturm-Quest oder Kafka-Quest nicht ewig verschieben, sondern einplanen. Zum Beispiel am Sonntag nach Varel und dann Dangast (ein Künstlerdorf) fahren, dort gibt es angeblich den besten Rhabarberkuchen. Das ist auch eine Quest, über die ich schreiben kann.
In möglichst vielen anderen Geschichten vorkommen: Mich ins Leben stürzen, Sicherheitschecks einhalten, aber nicht nur wegen Angst vor emotionaler Verletzung, oder Blamieren allein verharren.

Schließlich gibt es Achievements, dass sind langfristige Erfolge, die nicht durch eine einzelne Quest abgeschlossen werden, sondern durch Dranbleiben, z.B.:

Zwei Jahre Nichtraucher (seit Dezember 2024, also dieses Jahr dann erreicht). 
Ein Jahr lang täglich veröffentlichen (8. Mai.2026 erreicht). 
Ein ganzes Menschenleben in seiner Fülle mit Texten und Videos darstellen.

Fazit: Mir hilft dieses System ungemein. In Spielen freue ich mich wenn ich ne große Herausforderung zu meistern habe, sie Stück für Stück angehe, besser werde, Fortschritt erlebe, es vielleicht noch mal anders probieren muss und schließlich den Erfolg erlebe. Und genau diese Freude am Abschließen von Aufgaben, hat mir vorher im Leben gefehlt.

 

 

288 Vlog Fehlerverarbeitung und Questbelohnungen

Es geht darum wie sehr ich noch an einem Fehler knappse, aber auch wie ich mich in meinem RPG Real Life selbst mit Questbelohnungen versehe.

RPG Real Life Teil 1 Einführung

RPG Real Life Teil 2 Der Fleischroboter = Deine Spielfigur

RPG Real Life Teil 3 Das Questsystem

Die Kafka Quest

289 System, System, everywhere [aus der 'I did it for me'-Reihe]

[Spoiler, Spoiler, everywhere]

Es gibt diese eine Szene in Better Call Saul, in der Mike zu seiner Schwiegertochter Stacey sagt: „Gib das Geld aus.“ Stacey, Krankenschwester, Mutter, Witwe eines Polizisten. Sie arbeitet, sie kämpft, sie kommt trotzdem nicht über die Runden. Und Mike, der Ex-Polizist, der weiß, das Menschen wie sie ihr Leben lang rennen und es trotzdem nie reicht. Man sieht in seinem Blick, dass er sich da zur Rückkehr in die Kriminalität entscheidet.

Kim sitzt in einem schäbigen Kellerbüro, obwohl sie brillanter ist als die meisten in H.H.M.

Jimmy hat sein Büro hinter den Waschmaschinen eines Nagelstudios, ein paar Quatratmeter auf denen er manchmal auch schläft.

Und Chuck? Chuck könnte arbeiten, könnte glänzen, könnte leben, aber das System in seinem Kopf lässt es nicht zu. Und dann ist da diese andere Szene. Chuck, der rausgeht. Einfach so. Ohne seine Rettungsdecke, ohne Angst, ohne alles. Er holt eine Kiste aus dem Auto, als wäre es das Normalste der Welt. Als wäre er nicht der Mann, der seit Monaten sein Haus nicht verlässt. In diesem Moment ist er einfach nur Chuck, der Anwalt, der die Präzedenzfälle aus dem Auto braucht. Und als Jimmy verblüfft Chucks Namen ruft, endet dieser magische Moment. Chuck steht draußen, vor dem gepflegten Garten zwischen alten Bäumen und blauem Himmel, wie Sinnbilder dafür wie normal alles sein könnte.

 

Aber in dieser Serie sind alle Systeme der Feind, nicht nur das Kartell.

290 Wasserung der MS Anne nach 15 Jahren Trockendock steht endlich an

 Erste Wasserung der MS Anne nach 15 Jahren steht an.

Erfahren Sie später mehr. Hier auf diesem Kanal

#bodyneurality

291 EXCLUSIVE Eilmeldung!

292 Die MS Anne wurde öffentlich zu Wasser gelassen

Warum ist das für mich ein Achievement?

 

Triggerwarnung: Essstörungen und Suizidgedanken als Thema und Gewichtsangaben im Text

 

Und mit dieser Einstellung gehe ich nach langer Zeit wieder schwimmen. Das wird das erste Mal seit 2010, dass ich wieder in der Öffentlichkeit baden gehen werde. Und ich war so lange nicht wegen des Körpers, der sich so stark verändert hatte nach 2009. Nicht durch eine Geburt oder so, sondern durch Psychopharmaka. Ich war immer schon relativ breitschultrig, breithüftig, also nie ein zierlicher Mensch und hatte auch immer relativ viele Muskeln durchs Reiten, Schwimmen und so weiter. Und fand mich wahnsinnig fett, muss ich ehrlich sagen. Ich hatte damals schon kein gutes Verhältnis zu meinem Körper. Ich wog damals so irgendwas zwischen 50 und 55 Kilo bei 1,68 m. Also ich war wirklich sehr, sehr schlank. Und fand mich trotzdem sehr, sehr dick. Und dann kamen die Psychopharmaka und ich explodierte auf 95 Kilo , innerhalb von nicht mal einem Jahr. Und das habe ich nicht als Gewichtszunahme empfunden, das habe ich nicht als “mein Körper hat sich verändert” empfunden. Das war nicht mein Körper! Das war nicht… ICH!

 

Ich hatte mich 2009 versucht umzubringen, nicht wegen dem Dicksein, das kam ja danach. Ich hatte aber auch nach dem Überleben des Versuchs noch keinen Lebenswillen und war damit beschäftigt, irgendwie trotzdem weiterzumachen. Ich konnte mich nicht darum kümmern, dass ich dick war. Und so blieb ich erst mal dick und erst als es mir so 2012 durch die DBT anfing besser zu gehen fingen die Abnehmversuche an, die auch manchmal recht erfolgreich waren. Ich habe zwischendurch auch mal 20, mal 25 Kilo abgenommen, einmal sogar 30 Kilo. Teilweise auf ungesunde Weise, teilweise krankhaft, teilweise bulimisch. Es gab auch Phasen, in denen ich mich komplett, also wirklich ausschließlich von Chips, Flips und Süßigkeiten ernährt habe, weil mir sowieso alles egal war. Egal, ich kehrte immer zu den Rund 95 kg zurück. Ich hatte schon vor meiner Gewichtsexplosion ein unglaublich ungesundes Essverhalten und ein ungesundes Verhältnis zu meinem Körper. Und der veränderte Stoffwechsel hat das System… naja, gekillt. Dieses Ab- und Zunehmen, dieses Hoch und Runter, zerstörte meinen Körper. 2009 war ich 27 Jahre alt, da war alles noch relativ stramm, auch im dicken Zustand. Das… wie sag ich das ohne Selbstabwertung… ist heute ganz und gar nicht mehr der Fall: Alter, Schwerkraft und 30 kg Gewichtsschwankungen hinterlassen Spuren. Aber zu keinem Zeitpunkt ab 2009 empfand ich diesen Körper als präsentabel gegenüber Fremden. 2010 war ich noch einmal mit im Schwimmbad, weil wir das von der beruflichen Reha her mussten. Da schwor ich mir nie wieder in eine öffentliche Badeanstalt zu gehen.

 

Und erst vor ein paar Jahren wurde das dann sehr langsam anders. Da kam dann meine Hauptquest mit 90 Jahre alt werden wollen. Da kam Lithium mit nicht mehr sterben wollen. Und die DBT-Therapie hat wirklich angeschlagen. Ich hab den inneren Richter umgebaut. Ich hörte dann irgendwann auch von dieser Idee “Body Neutrality”, die mir sagte: “Es ist egal, wie dein Körper aussieht. Es ist egal, wie du den findest. Es ist egal, wie die anderen den finden. Funktionieren muss er.”

Und dann besann ich mich auf die Dinge, die ich wusste über Ernährung und was man dem Körper geben muss, damit er gut funktioniert, dass er im Idealfall 90 Jahre funktioniert. Ich hab 2024 sogar aufgehört zu rauchen, wer mich kennt weiß wie verrückt das klingt.

 

Sobald mir ein Arzt sagt, oder wer auch immer… der Orthopäde sagt, ich muss abnehmen wegen meinen Füßen, wegen Knien, Rücken, Herz, Diabetes, was auch immer, dann werde ich das tun. Aber nie wieder, nie nie wieder wegen so etwas nur peripher wichtigem wie einer Vorstellung von Schönheit.

 

Und ich hasse es, dass so viele meinen, gerade Wesen wie mir mit deutlichen Kilos zu viel auf den Rippen müssten sie Komplimente fürs Äußere machen. Das macht mich so unglaublich wütend. Denn ich glaube grundsätzlich nicht, dass die Körper fremder Menschen kommentiert werden sollten. Nicht negativ. Aber auch nicht positiv. Die meisten Körper sind keine Kunstwerke, die bewusst erschaffen wurden. Sie sind Biografie. Genetik. Krankheit. Medikamente. Alter. Schwangerschaften. Stress. Glück und Pech. Sie passieren uns oft mehr, als dass wir sie formen. Gerade bei schwierigen Biografien ist es so unwichtig ob irgendwer den Fleischroboter dieser Person ansprechend findet. Unwichtiger kann nichts in meinem Leben sein, wie mein Arsch aussieht oder meine Taille oder meine Brüste für euch wirken. Das ist so fick egal. Ich bin so viel mehr als diese gebeutelte Hülle. Mein Inneres hat überlebt, war nicht leicht es am Leben zu halten. Mein Inneres hab ich geformt, unfassbar viel Arbeit floss da rein und ja, ich bin ein bisschen stolz auf das Ergebnis jahrelanger Arbeit.

 

Ich bin lieber am Leben und dick, als ohne Psychopharmaka schlank gestorben zu sein. Doch mein Körper ist mir passiert. Er ist keine Trophäe und kein Werk, auf das ich stolz sein könnte. Wenn ihr mir etwas Nettes sagen wollt, dann bitte zu meinem Inneren.

 

Und mit dieser, hart erarbeiteten Einstellung ging ich dann gestern, 23.05.2026 an den Südstrand Wilhelmshaven um die alte MS Anne endlich wieder zu Wasser zu lassen.

Die Anne-Presse hat dies vorher auch reißerisch angekündigt: Siehe Bild

293 Die MS Anne wird öffentlich zu Wasser gelassen - Teil 2

Oder: Was echt überfällig war…

Ich hatte dieses kleine Drama vorher bereits überall angekündigt. Discord. WhatsApp. Instagram. TikTok. Ich gab mein BILDbearbeitungsschlechtestes und zauberte zwei Titelblätter, die ungefähr so subtil waren wie eine Möwe auf Pommesjagd. Nicht weil ich wirklich glaubte, dass ich eine Sensation verursache. Sondern weil ich mein Leben gern legendär erzähle.

Oder genauer: pragmatisch pathetisch.

Und ich liebe das. Es hilft mir meine eigene Lächerlichkeit einzubauen in meinen Hang zu dramatischer Größe. Ja, Herr Pablo, ich übe, ich will nicht wie der Steppenwolf sein. Ich will üben auf meine Art über mich zu lachen. Für Sie hab ich Yearning just for you von Joe Burke mit auf die Playlist gepackt.

Ich mag Überdramatisierung mit eingebautem Augenzwinkern, das hilft mir am besten beim Auftrag des Herrn Pablo. Wie bei The Worst Day… Since Yesterday von Flogging Molly, dem nächsten Grundstock der Playlist. Klingt im ersten Moment nach Weltuntergang und dann merkt man: Ach so. Seit gestern. Na dann.

Und so kündigte ich also dramatisch an, dass die alte MS Anne öffentlich zu Wasser gelassen werden würde.

Ich hätte wirklich erwartet, dass ich furchtbar aufgeregt wäre. Dass ich Panik schiebe. Dass ich tagelang über meinen Körper nachdenke und darüber, wie ich im Badeanzug aussehe. Aber das war dann die Sensation: es war spektakulär unspektakulär.

Schon die Ankunft am Südstrand Wilhelmshaven fühlte sich eher nach Heimkommen an als nach Mutprobe. Es war absichtlich genau dieser Ort. Der Strand, an dem irgendwann vor über 30 Jahren der Wunsch entstand später einmal in dieser Stadt zu wohnen. Und nun sitze ich hier, bei etwas was mir über 15 Jahre zu schwer erschien. Vor mir die Nordsee, besser gesagt die Jadebucht, links neben mir das herrliche Klinkermassaker der Promenade, eckig und kantig, als wären Zwerge die Architekten gewesen. Jedes mal wenn ich es sehe fühle ich mich daheim. Wenn ich aufs Wasser hinausschaue, sehe ich den Leuchtturm. Wenn ich mich umdrehe, diese Klinkerwelt und den Aquariumsturm. Und dahinter die Kaiser-Wilhelm-Brücke. Ein bisschen melancholisch vielleicht, recht preußisch, ziemlich militärisch geprägt, aber trotzdem richtig oder deswegen (?). Ich weiß es nicht und es ist mir egal. Normalerweise hat Wilhelmshaven bei mir den Song The Last Ship von Sting, aber der Südstrand speziell bekommt Auberge von Chris Rea von mir verpasst, der Ort bei dem man nie erklären kann, warum man sich genau hier angekommen fühlt.

Die erste Zeit während meines Strandbesuchs passierte nun etwas ausgesprochen Pragmatisches: Ich wartete auf die Flut. Nicht aus dramaturgischen Gründen. Sondern weil der Strand gestern sehr schlickig war und dann stellen sich wichtigere Fragen als Äußerlichkeiten: Wo kann man laufen, ohne sich die Füße an Muscheln zu zerschneiden? Wo sinke ich 20 cm in Schlick? Body Neutrality mag ein gutes philosophisches Konzept sein. Muscheln versteckt im Schlick sind hingegen erschreckend konkret. Also lief ich erst mal aufmerksam am Strand und im Watt entlang.

Meeresschnecken. Einsiedlerkrebse. Wattwürmer. Muscheln mit Rasiermesserkanten. Seepocken auf allem, auch auf den Schnecken und Einsiedlerkrebsen. Unerwartete Steine im Schlick. Möwen, groß wie verdammte Geier und mit ungefähr der gleichen moralischen Integrität.

Memo an mich: Niemals Essen mit hierher nehmen.

Und während ich ging, testete und tapste, merkte ich etwas Seltsames. Ich dachte gar nicht über mein Äußeres nach. Nicht über meinen Bauch. Nicht über meinen Badeanzug. Nicht darüber, ob ich hübsch oder peinlich aussah.

Meine Gedanken beschäftigten sich mit dem Watt und dem Meer und der hochwissenschaftlichen Frage: Wo komme ich mit heilen Füßen ins Wasser? Der Badeanzug fühlte sich eher wie eine Barriere zwischen mir und dem Watt an als wie ein Schutzschild gegen Blicke.

Dann war da das Problem der Temperaturregulation. An Land war es zu heiß, das Wasser recht kühl und die Flut beeilt sich nicht wegen mir zwar übergewichtigem, aber für die Gravitation unerheblichen Körper. Also bin ich reingetappst, ungelenk, vorsichtig, bis zu den Knien. Dabei sollte es auch vorerst bleiben, weil ich eine komische Angst vor dem Schwimmen im Meer habe. Eine Erinnerung blitzte auf, meine Schwester S und ich am Mittelmeerstrand von Almerimar, das Meer wütete gegen die glühende Hitze an und wir beide warfen uns völlig verrückt in die Wellen. Wir waren beide Rettungsschwimmer, es war nicht komplett wahnsinnig, aber es fühlte sich auf herrlich lebendige Art genau danach an. Bei diesem Gedanken kam dann der letzte Schubs. Zwei kleine Mädchen waren auch auf dem Weg in die kühle, aber ruhige Nordsee. Die große sagte, “Kuck mal sie steht da vorne noch, so weit können wir auf jeden Fall…”. Im Namen aller Schwestern dieser Welt, ging ich vorsichtig, langsam nach sicherem Grund tastend, Schritt für Schritt höchst unelegant weiter, bis ich bei der Boje war, die auch die Mädchen erreichen wollten. Ich war bis über dem Bauchnabel im Wasser… und tauchte mit einem höchst unheroischen “Huch” in die recht frischen Fluten… Die MS Anne war zu Wasser gelassen.

Und was passierte danach? Nichts, oder besser gesagt ein Tag am Strand, an dem es allen zu heiß schien um sich aufzuregen. Noch 2 Anne Wasserungen wegen der Hitze, den Strand entlang laufen, dabei die Playlist hören, sich wund laufen, Bilder machen, Kafka Amerika weiterlesen, Sonnenbrand bekommen, Muscheln hassen, Möwen fürchten und bewundern, eine Theorie über die Eisduschen an Nordseestränden aufstellen (die sind so kalt damit wir denken das Meer wäre warm), die entspannte Stimmung genießen, über einen Jungen lächeln, der bis zum Hals voll mit Schlick war und seinen Vater fragte warum alle lachen, sein Vater antwortete pädagogisch wundervoll (und möglicherweise nicht ganz korrekt): “Die wollen das alle eigentlich auch machen, deshalb lachen die”…

Aber es gab auch 2 kritische Momente:

Eine äußerst attraktive Frau in meinem Alter posierte auffällig an einem der Eingangsstege. Da spürte ich wie mein Vergleichsmodus anschlug. Diese alte Scham kam auf: “Du schaffst es nicht so auszusehen. Du hast hast versagt.”. Ich habe dieses innere Muster wahrgenommen und auf meine Art posiert, He is a Pirat aufs Ohr und wie Jack Sparrow mit sinkendem Schiff meinen angeschlagenen Körper über den Strand bewegt, mit dem intrinsischen Anspruch immer noch Kapitän zu sein, auch wenn die Fregatte längst leck gegangen ist. “Kinn hoch, auch wenn der Hals dreckig ist.”, sagte mein Vater immer.

Dann beim Umziehen… das war eher Peinlichkeit. Ich hab so eine Decke unter der man sich umziehen kann… könnte, wenn man nicht unbeweglich wie die Wilhelmshavener Architektur wäre. Es war… sicher unschön anzusehen. Irgendwann war es vollbracht. Nächstes Mal mach ich mir dabei Musik aufs Ohr, dann sieht es immer noch genauso doof aus, aber macht mehr Spaß.

Die Sensation bei diesem Achievement war seine Harmlosigkeit. Ich hätte nicht gedacht, dass ich innerlich schon so weit gekommen bin. Ich bin wirklich stolz auf mich. Die olle Fregatte ist ein braves Ding, bei allen optischen Einwänden immer noch ziemlich tauglich, mich Herumtreiber zu den Sehnsuchtsorten zu bringen, statt nur davon zu reden. Mehr erwarte ich von dir nicht mein Fleischroboter, mein Job ist deine Wartung. Deiner, mich zu immer neuen Kaperfahrten tragen.

Und als Ausblick, das was der Vater zu seinem Sohn sagte, stimmte für mich. Ich wollte das auch machen, deshalb hab ich gegrinst. Wer bin ich mir dieses Vergnügen zu versagen? Wenn ich das nächste mal dann am FKK-Strand bin setze ich das um, denn ich bin schon über 30 Jahre nicht voller Schlick gewesen… es wird mal wieder Zeit.

294 RPG Real Life. Was ist überhaupt ein Skill?

Das folgende Modell ist sogar eine stärkere Vereinfachung als das Colorgrading-System für die Kommunikationsziele. Das echte Leben ist deutlich komplexer. Dennoch werde ich das Skill- und Buildsystem (Fähigkeiten und Ausrüstungssystem) später möglicherweise noch klarer ausarbeiten, denn manchmal muss man Dinge vereinfachen, um überhaupt über sie sprechen zu können.

Wenn ich hier von Skills spreche, meine ich nicht Charaktereigenschaften und auch keine moralischen Kategorien. Und das ist deutlich weiter gefasst, als Games es meist darstellen.

Ein Skill kann Wissen sein: Wissen ist dabei keineswegs nur das, was gesellschaftlich als „nützlich“ gilt. Ganz ehrlich: Ich glaube nicht an nutzloses Wissen. Wie viel ich über Geschichte, über Stil und Mode, über Motoren, über Mathematik, über Züge, über Pflanzen, über Games oder über völlig obskure Nerduniversen, usw. weiß entscheidet zunächst wie gut vorbereitet ich in die Quest (Aufgabe) gehe. Aber auch scheinbar “unnützes” Wissen erzeugt Verknüpfungen und dass lässt einen manchmal einfach lächeln, weil das Hirn lustig assoziiert, was einen Tag erträglicher machen kann. Doch jedes vorhandene Wissen kann helfen zu neuem Wissen anzuknüpfen, somit ist viel Wissen, egal welches, schon ein eigener Skill in mehrerer Hinsicht.

Können gehört ebenfalls dazu. Alles, was man geübt, wiederholt oder praktisch angewendet hat. Beispiele: Kochen, Handarbeiten, Autofahren, Programme bedienen, Handwerk, Bodybuilding usw. Natürlich gibt es Fähigkeiten, für die man Ausbildung, Prüfungen oder Berechtigungen braucht. Das stellt auch oft eine besonders fundierte Art des Wissens und Könnens dar (Anmerkung von mir: Warum nicht immer? Denkt an alle Leute, die einen Autoführerschein haben! Na? Eben!)

Dann gibt es Denkweisen und mentale Techniken. Beispiele: Achtsamkeit nach DBT, Meditation (ich kann es nicht), Erörterung aus dem Schulunterricht, stoisches Weitergehen usw.

Auch Kulturtechniken gehören dazu. Beispiele: Lesen, Sprache, Computer/Smartphonebedienung, den öffentlichen Nahverkehr einer Region verstehen, sich in einer Stadt auskennen usw.

Diverse Sachen die Menschen eben können, deren Nutzen oder Einteilung sich mir aber nciht erschließt, aber: “Hey, jeder ist sein eigener Spielleiter!”. Nur Beispiele: Mit den Ohren wackeln können, ein Bier ohne Schlucken exen können, prächtige Popel produzieren können usw.

Ach und “Softskills”, ihr wisst schon Einfühlungsvermögen und so. Bei mir steht das auf verlorenem Posten… dafür kann ich oft durch Wissen und Erfahrung hier “ausgleichen” oder so tun als hätte ich es. Glaubt mir, ihr wollt dass ich so tue.

All das erweitert Handlungsmöglichkeiten und ermöglicht unendliche Kombinationen.

Und genau darum geht es. Ein Skill ist nicht etwas, das gut oder moralisch überlegen ist. Ein Skill ist etwas, was du anwenden kannst. Wie du dazu kamst ist egal: gelernt, geübt, vom TikTokTutorial, zufällig erfahren, angeboren, bewusst entwickelt usw. . Wozu du ihn anwendest auch. Übrigens entscheidest logischerweise du ob du einen Skill genug beherrschst um ihn anzuwenden… du darfst alles tun, aber logischerweise wirst du die Konsequenzen tragen.

Allerdings schon mal vorab: Ich lass mir kein Wissen und Können entgehen, dass ich mir leicht aneignen kann, ich bin Gamer, kann ja jeder anders sehen, aber: „Heb den Loot auf. Du weißt nie, welcher Dungeon morgen kommt.“

Wie benutzt man diese ganzen Skills denn jetzt?

Die Realität ist deutlich unordentlicher. Skills überlappen sich und vermischen sich. Sie können gleichzeitig Schutz und “Waffe” sein. Aber das hier ist mein Modell: Ich denke dabei oft in vier "Ausrüstungs-"Slots:

Mainhand (Haupthand), Offhand (Nebenhand beziehungsweise Schildhand), Rüstung und quasi grundsätzlich der Notfallrucksack.

In diese Slots kommen die Skills. (Anmerkung von mir: ja liebe Gamer, Skills in Ausrüstungsslots, da müsst ihr jetzt durch, fangt schon mal an es für euch selbst umzubauen. Meins bleibt so). Ich hab euch drei meiner Beispiel Skillsets mitgebracht.

Zuerst aber: Der Notfallrucksack ist kein Set, sondern etwas was automatisch dabei sein sollte und im Idealfall genug trainiert, dass er automatisch eingreift. Er besteht bei mir aus: Gesprächsabbruchkompetenz, radikaler Akzeptanz von Dingen die ich (momentan) nicht ändern kann und der Fähigkeit das Gespräch auch notfalls räumlich zu verlassen.

Nun endlich:

Build 1: Defensiv einfach den Tag überleben (Bei Behördenangelegenheiten und ähnlichem)

Mainhand: “Don’t judge”, das legendäre Schwert aus DBT-Achtsamkeit… Die einzige Waffe, die es jemals gab, die, wenn du sie zückst, sagt: “Don’t judge!”, “Bewerte nicht!”. “Aber diese Waffe hält dich doch vom Angreifen ab?” Ja, das ist das Ziel dieser Waffe. Ich bin nicht von Natur aus fügsam. Ich bin nicht von Natur aus umgänglich. Ich bin von Natur aus leider eher angriffslustig und deshalb habe ich mir diese Waffe nicht einfach besorgt, sondern sie hart erarbeitet. Nichts war so schwer zu erringen wie dieses nervige Schwert und ich beherrsche es auch noch nicht meisterlich. Da fehlt noch viel.

Offhand: “Schafgarbe”-Stoizismus-Schild: Mein Schild ist in diesem Build nicht hart. Er ist weich und nachgiebig wie frische, grüne Weide und genauso “leicht” auszureißen wie die namensgebende Schafgarbe. Ich erlaube mir damit nachzugeben, auszuweichen, Umwege in Kauf zu nehmen, aber den Weg abbrechen erlaube ich mir damit nicht. Ich gehe mit dem Schild vor mir weiter, einfach weiter, egal wie sehr mein Weg mäandert, ich komme auf der anderen Seite an, heute oder wenn das Amt das nächste Mal auf hat.

Rüstung: “Das erinnert mich an…”-Magische Robe, aus miteinander und der Umgebung wild assoziierendem Kulturellem/Nerd/Popkulturellem Material. Schützt vor nix, Erhöht aber die Überlebensfähigkeit. Man muss sie nur gelegentlich wieder aufladen. Und das macht sogar Spaß.

Build 2: Echte Diskussionen (der größte Spaß)

Mainhand: Die “DobnerGlaabBirnstiehl”-ERÖRTERUNG im Namen des Bayerischen Schulsystems und aller engagierten Deutschlehrer dieser Welt (Anmerkung von mir: Hehe… ich mach PunktPunktPunkt wann ich will, ihr seit alle gemeine Sadisten, aber danke fürs strukturiert denken lernen): Die lässt sich besser mit Vorarbeit einsetzen, wenn man Themen schon mal durchdacht hat kann man leichter die Gegenargumente gleich mit bedenken. Aber hey, geht notfalls auch spontan, dafür haben die in der Schule uns ja dialektisches Denken beigebracht. Wenn ihr es in der Schule unnötig fandet, kann ich euch ja nicht helfen.

Offhand: Das “Really?”-Hochgezogene-Augenbrauen-Prüfschild: Sie sagt “Das war kein echtes Argument”, “Anekdotische Evidenz” oder “Willst du das noch mal überdenken?”. Die Offhand prüft of die Rüstung zum Einsatz kommen muss, ob ich zu Build 3 übergehe oder sich ein ernsthaftes Gespräch hier noch weiterhin rentiert.

Rüstung: “Gesprächsabbruchkompetenz”: Wenn keine echte Diskussion geführt wird, Gespräch beenden. Klingt simpel, hat bei mir aber Übung gebraucht und ist auch im Notfallrucksack unabhängig von Builds immer eingepackt, weil sie unglaublich hilfreich für die Psychohygiene ist.

Ziel: Nachvollziehbare, gut begründete neue Blickwinkel kennen lernen. Und manchmal diese wunderbaren Worte hören: “Jetzt hast du mich echt zum nachdenken gebracht.”. Echte Diskussionen scheitern oft nicht an mangelndem Wissen, sondern daran, dass sich jemand angegriffen fühlt. Gilt auch für mich natürlich.

Sobald Wut oder Identitätsabwehr übernimmt, verschwinden Argumente erstaunlich schnell. Dann diskutiert man nicht mehr über eine These, sondern verteidigt ein Selbstbild oder greift ungewollt eines an. Und das ist idealerweise der Moment, in dem ich im spätestens das Gespräch verlasse.

Build 3: Die Lust am Streit

Zunächst: Das ist kein Notfallbuild, er funktioniert nicht mal wenn ich wirklich wütend bin, werdet ihr gleich sehen. Ich will damit aber zeigen, ich bin kein Engel und ich will auch keiner sein. Ich habe Freude am Spott.

Allerdings wird dieses Skillset nur angewendet, wenn ich eine Meinung als nur noch lächerlich, schlecht durchdacht und schädlich betrachte. Den Notfallrucksack habe ich auch hier dabei, aber dieses Build ist gefährlich nahe an der Wut und die macht den Rucksack schwerer zu benutzen.

Mainhand: Das “Auryn”-Nerdhumor-Wurfmesserset “Tu’ was du willst, es wird DICH etwas kosten”: Bewaffnet mit mit Klingen aus Anekdoten, Anspielungen und Assoziationen. Wirst du überhaupt merken, dass die Verdrehtheit deiner Aussage hier ausgestellt habe? Wird dir klar wie menschenfeindlich dein Argument war? Nein? PECH!

Offhand: “Wissensfangkorb”: Dieses Schild ist legendär, es wurde über Jahrzehnte geknüpft und verstärkt, es ist immer oben, ich muss es nicht aktiv benutzen. Es wird allerdings teilweise oder komplett unbenutzbar, wenn ich wütend werde.

Rüstung: “Ist mir egal”-Metaphorische-Nacktheit, verwirrt Gegner: Das muss man ernsthaft so meinen in dem Moment, das ist der einzige Clou. Das wird mich verletzen - egal. Ich werd mich blamieren - egal. Die werden mich nicht mögen - egal. Ich werde mich hinterher schämen - egal.

Ziel: Markieren von lächerlichen Meinungen. Nicht Menschen, wenn ich mich über Menschen lustig mache, dann bin ICH lächerlich. Das Auryn spaßt nicht, jeder Angriff kostet, Selbstachtung zum Beispiel, aber man weiß nie was es alles fordert.

Kleidungssystem und Werkzeug

In meinem Modell werden Fähigkeiten ausgerüstet. Nicht das Handy oder die Windjacke als physische Gegenstände, sondern Wissen, Denkweisen, Erfahrungen und trainierte Kompetenzen.

Was vielleicht beruhigt: Das Kleidungssystem existiert trotzdem weiterhin und es ist viel mehr als Deko. Viele Spiele kennen das bereits. Die Kleidung zeigt nach außen etwas über dich, passt dich einer Situation an und hat auch eigene Buffs (Verstärkungen). Hier gehören auch sämtliche Werkzeuge und benutzte Gegenstände zum Kleidungsystem. Ob nun dein Auto, dein Handy oder dein billiges Schraubenschlüsselset aus dem Baumarkt, dass du dir immer schwörst auszutauschen.

Kleidung ist absolut nicht unwichtig: Wie warm, kalt, windig oder regnerisch wird es heute?

Wie körperlich belastend wird die Tätigkeit?

Muss/möchte ich einem Dresscode entsprechen?

Will ich professionell wirken, unauffällig, attraktiv, praktisch oder rebellisch auftreten?

Will ich mich schützen?

Will ich mich ausdrücken?

Oder ist mir das heute schlicht egal?

All das gehört für mich ins Kleidungssystem mit seinen Buffs und Debuffs (Schwächungen). Das Gleiche gilt für Werkzeug.

Werkzeug ist in meinem Modell keine Waffe und keine Rüstung. Es bleibt äußerlich. Und jeder weiß: Schlechtes Werkzeug lässt dich meistens nur fluchen. Egal ob kaputtes Auto, störrischer Computer, ungeeignete Schuhe oder ein Handy, das genau dann abstürzt, wenn man es dringend braucht. Wenn du mit etwas arbeiten musst und dieses Werkzeug schlecht zu dir oder zur Situation passt, wird das Spiel unnötig schwer.

Deshalb gilt auch hier: Überlege wofür du dein Werkzeug brauchst, oder leb’ halt damit dass es dich nerven wird. Denke über die heutigen Gegebenheiten nach und wähl’ die Kleidung passend, oder völlig daneben. Du wirst die Konsequenzen tragen, wie immer halt.

Alle die bis hier hin gelangt sind… JUHUHHUUUUUUUUUU ich hab euch genug gefesselt dafür. Der nächste Teil kommt demnächst. Spüre ich Vorfreude oder Desillusionierung? Macht eurem potenziellen Ärger in den Kommentaren Luft, oder auch nicht, es wird ein paar Tage dauern bis zum nächsten Teil.

Coming soon:

Entscheidungsfreiheit und System

Der Spieler als Prozess

295 Mitautoren meiner Momente

Zunächst ein Hinweis zur RPG - Reihe, da hatte ich hier vergessen einen Teil zu posten. Auf Substrack ist die Reihe vollständig siehe hier

Mitautoren meiner Momente

Für mich hat das Kennenlernen von Menschen eine Bedeutung, die anscheinend etwas tiefer ist als üblich. Es ist nicht einfach ein notwendiges Übel um nicht allein zu sein, sondern eine Art Hauptbewegung meines Lebens. Für mich ist eine Hauptquest des Lebens: Menschen zu begegnen, sie wirklich zu erleben, und dadurch selbst Teil ihrer Geschichte zu werden und sie Teil meiner werden zu lassen.

Damit meine ich nicht, dass ich in Erinnerung bleibe oder dass jemand irgendwann sagt „da war mal jemand“. Das ist etwas Oberflächlicheres, das passiert fast automatisch unter bestimmten Bedingungen. Ich meine etwas anderes: dass man in zumindest einem Lebensabschnitt aus der Erzählung des selben nicht mehr wegzudenken ist. Nicht als Randfigur, sondern als notwendiger Teil der Struktur dieser Zeit. Das kann bei mir durch Nähe entstehen, durch emotionale Verdichtung, durch gemeinsame Entscheidungen, Konflikte oder geteilte Momente. Es kann aber genauso gut durch reine Dauer entstehen. Zwei Menschen, die zwanzig Jahre lang nebeneinander arbeiten, acht Stunden am Tag, vierzig Stunden die Woche, werden zwangsläufig Teil derselben Erzähl-Realität. Selbst wenn sie privat nichts miteinander teilen, selbst wenn sie sich nicht mögen, wird diese gemeinsame Zeit später nicht mehr vollständig beschreibbar sein, ohne den jeweils anderen mitzudenken.

Genau deshalb hat dieses „in Geschichten vorkommen“ für mich nichts Exklusives oder Romantisches im engen Sinn. Es ist kein Preis für besondere Nähe, sondern ein Effekt von gemeinsam gelebter Zeit und gegenseitiger Wahrnehmung. Und trotzdem bleibt es für mich eines der zentralen Dinge, die zwischen Menschen passieren können. Neue Menschen in meinem Leben beginnen für mich nicht als „neutral“ oder „unwichtig“, sondern als Möglichkeit. Nicht im Sinne einer romantischen Überhöhung, sondern im Sinne eines offenen Status: Diese Begegnung könnte Bedeutung bekommen, könnte verschwinden, könnte sich in etwas Dauerhaftes verwandeln oder nur als kurzer Moment im Verlauf bleiben. Aber in dem Moment, in dem sie passiert, ist sie es immer wert.

Biografische Relevanz ist für mich kein objektives Maß und kein Punktesystem. Sie ist eher eine spätere Verdichtung. Im Rückblick werden aus Gesprächen, Sonnenaufgängen, Konflikten oder Nähephasen Abschnitte, die sich nicht mehr aus meiner erlebten Zeit sauber herauslösen lassen, ohne dass die Geschichte unvollständig wird. Nicht jeder Mensch wird so ein Abschnitt, aber wenn er es wird, ist das nicht vorher als Status erkennbar gewesen, sondern erst aus dem Verlauf der Zeit zu erkennen.

Ich glaube nicht, dass diese Relevanz planbar ist. Sie entsteht nicht durch Absicht, sondern durch Wiederholung, Intensität, Konflikt, Nähe oder auch schlicht durch lange Dauer, die sich später nicht mehr entkoppeln lassen vom Gesamtbild einer Zeit.

Dabei ist mir wichtig, dass das keine Bewertung von Menschen ist. Niemand muss „Kapitel werden“, um Bedeutung zu haben, jeder Mensch hat für sich selbst die ultimative Bedeutung unabhängig davon wie wichtig er mir oder anderen ist. Wenn es nicht entsteht, dann heißt das nur dass es zwischen zwei Menschen nicht war. Unsere Spezies besteht aus etwa 8 Milliarden Exemplaren, jedes ein Universum aus Eigenschaften, Charaktereigenschaften, Prägungen, Vorlieben, Hobbys, Macken usw., jedes unendlich individuell und doch ähnlich.

Was bleibt, ist eine Art innere Archivlogik: Ich kann viele Menschen nicht vollständig aus dem entfernen, was war. Sie bleiben als Teil dessen, wie diese Zeit gewesen ist und dass möchte ich auch in deren Leben sein.

Mitautoren meiner Momente

296 Blitzlicht: Neues Paradies und die allerschönste Ablenkung

Seit 6 Tagen frage ich mich, ob ich irgendwas unglaublich tolles gemacht habe um dieses Leuchten in meinem Leben zu verdienen, dass mehr und mehr Einzug erhält.

Ich bin verliebt, über beide Ohren, wie einen Teeny hat es mich erwischt. Und gleichzeitig bin ich auf meinem Level 44, mit all meinen Macken und Triggerpunkten und gelebtem Leben. Vorsichtig und mit vollem Risiko auf einmal, streckt sich mein innerer Romantiker wohlig im silber-goldenen Licht der Küste und eines Menschen, der das Wort “großzügig” auf eine wundervolle, völlig unkommerzielle Weise füllt.

… an dieser Stelle hab ich 3 Absätze verliebtes Schwärmen wieder gelöscht und grinse einfach weiter ein wenig durch die Welt, bis meine Hormone nicht mehr CanCan tanzen…

Und mit mir zum Beispiel an diesen unglaublich schönen Ort fährt, nach dem ich meine Leidenschaft für Blumen erwähnt hatte.

My Country Trash - Markertube

297 „Die Jugend heutzutage …“

 … hält nichts mehr aus.

… sind alle oberflächlich.

… liest nicht mehr.

… hört nur noch seichte Musik.

… und überhaupt sei irgendetwas Grundsätzliches verloren gegangen und die Menschheit dem Untergang geweiht, wegen der jungen Leute.

Was mich daran irritiert, ist nicht einmal die Kritik selbst. Natürlich kann man Entwicklungen kritisieren und vor allem auch davon überfordert sein. Natürlich gibt es Trends, die man unangenehm oder problematisch finden darf. Ich verstehe das Gefühl dahinter aus eigener Erfahrung. Und jede Generation schaut irgendwann auf Dinge, die sie nicht mehr selbstverständlich versteht.

Was mich irritiert, ist etwas anderes. dass ich solche Sätze wie oben von intelligenten und geschätzten Menschen höre. Von Leuten also, die eigentlich sehr genau wissen, wie grob und unpräzise große Sammelbegriffe sind. Personen, die niemals ernsthaft sagen würden: „Männer sind halt so“ oder „Ausländer eben“. Weil sie wissen, dass größere Gruppen aus Einzelnen bestehen mit all ihren individuellen Facetten und gleichzeitig Prägungen von Systemen. Viel zu komplexe Wesen für so einheitliche Urteile. Nur bei der Jugend scheint diese Differenzierung plötzlich Urlaub zu machen. Da wird aus Millionen Einzelpersonen eine einzige Figur: die Jugend. Ein beinahe mythisches Wesen mit gemeinsamer Psyche und sogar identischem Musikgeschmack.

Und ich frage mich zunehmend, warum ausgerechnet dort. Vielleicht gehört ein Teil davon tatsächlich zum Menschsein. Junge Menschen probieren meist anderes aus. Sie sprechen oft anders, hören andere Musik, benutzen andere technische Lösungen und bauen sich eine Welt, die nicht dieselbe sein soll wie die ihrer Eltern. Sie wollen sich unbedingt unterscheiden. Das wollte meine Generation, das wollten meine Eltern, deren Eltern usw…

Und vielleicht gehört auf der anderen Seite ebenso dazu, dass Ältere erst einmal die Stirn runzeln und kritisch hinterfragen was die Jungen da tun.

Nur etwas beschäftigt mich dabei. Sollten wir mit vierzig, fünfzig oder sechzig nicht langsam gelernt haben, vorsichtiger mit solchen Urteilen zu werden?

Meine Gedanken wandern dabei zum “Steppenwolf” von Hermann Hesse.

Harry Haller wertet die Zeit in der er lebt quasi permanent ab. Das kulturelle Leben erscheint ihm oberflächlich, laut und minderwertig und beschäftigt sich mit Dingen, die ihm fremd bleiben. Und dabei wirkt er äußerst intelligent und gebildet. Gerade das macht ihn interessant. Er ist sensibel, politisch und ernsthaft suchend.

Nur liegt darin eine kleine Ironie, wenn man den Roman heute liest.

Denn Haller lebt mitten in den 1920er Jahren. Also nicht in einer kulturellen Wüste, sondern in einer Zeit, die von heute betrachtet fast wie ein Gewächshaus der Kreativität wirkt. Architektur, neue Formensprache, Malerei, Film, wissenschaftliche Durchbrüche, Technik, Fotografie, Literatur, Jazz und gesellschaftliche Experimente. Eine Zeit, die eher vor Ideen wucherte, als dass sie kulturell verarmte. Und trotzdem konnte ein intelligenter, kunstinteressierter Mensch mitten darin sitzen und den kulturellen Niedergang beklagen. Das finde ich weniger lächerlich als erstaunlich menschlich. Er verachtet nicht nur Teile seiner Gegenwart. Er verachtet große Teile von sich selbst gleich mit: das Bürgerliche, das Körperliche, das Alltägliche, die Triebhaftigkeit, die Anpassung, die Zerstreuung. Das sind alles Dinge, die er in sich feststellt und mit einer Wucht hasst, dass sie beim lesen wie Selbstverletzung wirken. Er lebt in einer permanenten inneren Zerreißprobe zwischen geistigem Ideal und menschlicher Wirklichkeit. Und SPOILER(!): Die eigentliche Aufgabe, die der Steppenwolf bekommt, ist über sich selbst lachen lernen.

Vielleicht verwechseln viele von uns manchmal Fremdheit mit Verfall, wir verachten manchmal das was andere leben und wir uns nicht trauen. Nicht weil wir böse oder dumm wären. Sondern möglicherweise weil wir dachten, unsere Zeit so gut gestaltet zu haben, dass es nichts mehr zu verändern gäbe.

Die Frage ist für mich weniger: “Braucht die Gesellschaft die Kritik an Trends und Neuerungen, damit die Demokratie funktioniert?” sondern “Bringt es dem einzelnen etwas an der jungen Generation zu verzweifeln und ihnen gar nichts mehr Gutes zuzutrauen?”. Und woran es auch liegen mag, vielleicht lohnt sich ein kleiner Moment der Vorsicht, bevor wir sagen:

„Die Jugend heutzutage …“

298 Atheistischer Jesusfreak

Disclaimer und Grundlage

Dieser Text beschäftigt sich nicht mit der Frage, ob die beschriebenen Ereignisse historisch genau so stattgefunden haben, ob Jesus tatsächlich Gottes Sohn ist, ob er wirklich auferstanden ist oder ob Wunder real so passiert sind. Diese Fragen sind für diesen Text nicht entscheidend.

Grundlage ist eine verbreitete deutsche Bibelübersetzung, konkret die „Gute Nachricht“. Sie wird hier nicht als dogmatische oder theologische Autorität verwendet, sondern als allgemein zugängliche, verständliche Fassung dessen, was im Neuen Testament über Jesus erzählt wird. Ich habe persönlich ursprünglich mit der Lutherbibel gelernt, aber für diesen Text ist Verständlichkeit wichtiger als sprachliche Tradition.

Warum dieser Text?

Ich schreibe diesen Text nicht aus Ablehnung gegenüber Religion oder Kirche. Ich bin evangelisch geprägt, habe Konfirmandenunterricht erlebt und war als junger Mensch der Kirche durchaus positiv gegenüber eingestellt. Ich habe lange versucht, an das zu glauben, was dort vermittelt wird, weil mir vieles daran sympathisch ist. Ich kann es dennoch nicht glauben. Nicht aus ideologischer Entscheidung, sondern weil ich es innerlich nicht kann. Ich glaube nicht an Gott, nicht an ein Leben nach dem Tod und nicht an eine Auferstehung.

Trotzdem hat mich das, was über Jesus im Neuen Testament überliefert ist, nachhaltig beeindruckt. Bei der Vorarbeit für diesen Text habe ich viel erneut gelesen und an einigen Stellen war ich auch irritiert, aber an anderen wieder hingerissen von der wunderschönen Klarheit dieser Worte. Aber es schockiert mich, wie manche offiziell den Lehren von Jesus Christus folgen und dennoch für Ausgrenzung von Menschen argumentieren. Vielleicht habe ich ja etwas falsch verstanden, weil ich nicht glaube, ihr dürft mich gern widerlegen oder noch lieber selbst in diesen Texten versinken. Schlagen wir also das “Buch der Bücher” endlich mal wieder auf.

Gewaltlosigkeit

Vom Vergelten (Matthäus 5,38-42)

“38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist 2. Mose 21,24: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. 40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. 41 Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. 42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.”

Von der Feindesliebe (Matthäus 5,43-45)

“43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« 3. Mose 19,18 und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.”

Diese Aussagen reden nicht davon dass man “nett” sein soll, oder nicht so dolle nachtragend. Sondern fordern radikal für Feinde zu beten, sie zu lieben und ihnen mehr als gefordert geben, sollten sie Forderungen stellen oder angreifen. Das ist in der Realität schwer umsetzbar. Allerdings sind es Ideen von Deeskalation und Unterbrechung von Gewaltspiralen von vor 2000 Jahren, nach Ideen von Gott (angeblich).

Zuwendung zu Ausgegrenzten

In den Erzählungen wird Jesus immer wieder im Kontakt mit Menschen gezeigt, die gesellschaftlich oder religiös am Rand stehen.

Die Berufung des Matthäus und das Mahl mit den Zöllnern (Matthäus 9,10-13)

“10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt Hos 6,6: »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.”

Für Jesus ist es also quasi selbstverständlich mit den “Sündern” zu essen. Er geht nicht zum belehren hin, er isst mit ihnen zusammen.

Vom Weltgericht (Matthäus 25,34-40)

“34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.”

Manchmal reißen die Worte auch mich mit, obwohl ich an keinerlei Leben nach dem Tod glaube, denn dass ist was ich möchte, dass Menschen im Leben glauben. Das ist was ich versuche zu leben.

Radikale Vergebung

Vom verlorenen Sohn (Lukas 15,21-24)

“21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.”

Diese Geschichte wirkt fast ungerecht, der eine Sohn zieht mit dem Geld des Vaters aus und verprasst und sehr egoistisch gehandelt, der andere bleibt auf dem Hof und arbeitet mit dem Vater. Dennoch wird er euphorisch willkommen geheißen und ihm wird sofort vergeben.

Jesus und die Ehebrecherin (Johannes 8,3-7)

“3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6 Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.”

Hier geht es nicht mal um Vergebung, sondern um eine radikale Spiegelung, dass selbst die, die sich als gerecht erachten schon die eigenen Maßstäbe gebrochen haben.

Der Pharisäer und der Zöllner (Lukas 18,9-14)

“9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.”

Frömmigkeit wird hier also geringer geachtet als echte Reue. Das ist auch eine der Stellen, die mich selbst unglaublich berührt hat.

Kritik an Macht, Kommerz und Heuchelei

Jesus im Tempel (Markus 11,15-17)

“15 Und sie kamen nach Jerusalem. Und Jesus ging in den Tempel und fing an, hinauszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um 16 und ließ nicht zu, dass jemand etwas durch den Tempel trüge. 17 Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben Jes 56,7: »Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker«? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.”

Ein Schelm wer jetzt an Fernsehprediger und Christfluencer denkt…

Gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer (Matthäus 23,1-12)

“1 Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern 2 und sprach: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. 4 Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür rühren. 5 Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. 6 Sie sitzen gern obenan beim Gastmahl und in den Synagogen 7 und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. 8 Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. 9 Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. 11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein. 12 Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.”

Hier wird ziemlich hart (in den folgenden Psalmen noch mehr), mit Doppelmoral und Selbstüberhöhung abgerechnet, Gott als oberste Instanz und Jesus als Lehrer für alle Gläubigen gesetzt. Damit auch die Lehren, die mich immer wieder aufs neue faszinieren.

Mein Fazit

Ich werde es nie schaffen an Gott und Auferstehung zu glauben, wenn allerdings nach solch erhebenden Zeilen, wie ich sie hier zitiert habe, bei uns in der Kirche: “Worte des lebendigen Gottes” gesagt wurde, hatte ich kurz ein Gefühl von: “Ja, das klingt göttlich.”. Manchmal habe ich von außen den Eindruck das Jesus von Leuten, die wirklich glauben, etwas wenig als der einzige Lehrer gesehen wird und dass ich dies sehr bedauere, dürfte nach meinem kleinen Bibelexkurs klar geworden sein.

299 Freudige Ungewissheit

Diese Playlist entstand Ende Mai 2026.

Genauer gesagt entstand sie in einem dieser seltenen Momente, in denen man plötzlich merkt, dass etwas Schönes möglich sein könnte und jeder Schritt bis hierher den Weg bereits wert war.

Ich stand im silbrig-goldenen Licht, dass die Küste gepachtet zu haben scheint, hinter der Kaiser-Wilhelm-Brücke und schaute auf das wie so oft unverschämt blaue Hafenwasser meiner geliebten Schlicktown.

Und um diesen eh schon perfekten Moment noch unglaublicher zu machen hörte ich in diesem Augenblick zum ersten Mal Johnny Cashs Version von Leonhard Cohens “Bird on a Wire”. Der Song erzählt von Freiheit, von Fehlern und von den Menschen, die wir dabei verletzen oder verlieren können und dem Versuch, trotz allem seinen eigenen Weg zu gehen. Über einen Menschen, der zurückblickt, bereut, hadert und trotzdem weitergeht. Und Johnny Cash interpretiert das Werk dabei auf ganz eigene Weise, mit Cohnen ebenbürtiger schwindelerregender Tiefe. Zwei Giganten der Ehrlichkeit, die sich voreinander verneigen.

Derart überwältigt wartete ich auf mein Date, der mich zu diesem Zeitpunkt schon so sehr mit seiner Offenheit und Reflektiertheit vom Hocker gehauen hatte, dass ich wusste, jede Sekunde mit diesem Mann ist es wert. Was auch immer daraus wird.

Was zunächst aus dem musikalischen Moment wurde war eine Playlist, die ich daraufhin zusammenstellte um diesen Gefühlen von Wahrhaftigkeit und freudiger Ungewissheit Ausdruck zu verleihen. Nicht weil sie inhaltlich die letzten Tage zusammenfassen, sondern weil sie diese glitzernden Momente ausdrücken.

 

Freudige Ungewissheit - Spotify

Freudige Ungewissheit - YouTube

The Builders and The Butchers - Black Dresses

Johnny Cash - Help Me

The Kinks - Waterloo Sunset

Johnny Cash - Rusty Cage

The Kinks - Strangers

The Devil Makes Three - Graveyard

T. Rex - Hot Love - A Side

The Devil Makes Three - To the Hilt

The Kinks - You Really Got Me

The Devil Makes Three - Chained to the Couch

The Kinks - Sunny Afternoon

The Devil Makes Three - All Hail

The Kinks - A Well Respected Man

Johnny Cash - Four Strong Winds

Johnny Cash - Country Trash

The Kinks - Lola

The Easybeats - Friday On My Mind

The Animals - It’s My Life

Pete Bernhard - Straight Line

The Devil Makes Three - Chase the Feeling

T. Rex - Jeepster

The Haunted Windchimes - Out With the Crow

The Box Tops - The Letter

Johnny Cash - Bird On A Wire

 

300 Geld ist Existenz

Ich denke es ist ein recht deutsches Phänomen, dass man über Geld nicht spricht. Direkt über das Einkommen zu reden wirkt immer fast anrüchig. Das hat nicht nur negative Effekte, wie ich finde, denn so gibt es auch nicht den direkten Vergleich in Familien oder Freundesgruppen. Ich glaube allerdings, dass genau durch diese kulturelle Eigenheit, viele Menschen unterschätzen, wie grundlegend Geld eigentlich ist. Das liegt glaube ich nicht mal daran, dass sie ignorant wären, sondern daran, dass zum Glück viele Menschen von mehr als dem Existenzminimum leben. Und auch im nahen Umfeld nur Leute haben, die nicht darunter fallen. Das reicht meist dass man nicht erlebt, dass eine kaputte Waschmaschine das Leben in den nächsten Monaten komplett umkrempelt.

Wenn man über längere Zeit wirklich wenig Geld hat, verändert sich der Blick auf die Welt. Das Problem ist dabei nicht einmal in erster Linie der Verzicht. Menschen können auf erstaunlich vieles verzichten. Man kann lernen, selten essen zu gehen. Man kann lernen keine Markenprodukte mehr zu essen und zu benutzen. Man kann lernen, mit alten Möbeln zu leben. Man kann lernen, Kleidung lange zu tragen. Man kann sogar lernen, Wünsche aufzuschieben. Das eigentliche Problem ist, dass man ständig Sicherheit gegen etwas anderes eintauscht.

Wer genug Geld hat, kauft sich eine Hose und besitzt danach eine Hose. Wer sehr wenig Geld hat, kauft sich eine Hose und besitzt danach ebenfalls eine Hose, aber gleichzeitig hat er einen Teil seiner Sicherheit ausgegeben. Das klingt zunächst merkwürdig, wird aber sofort verständlich, wenn man sich klarmacht, dass diese dreißig Euro am Ende des Monats möglicherweise darüber entscheiden, ob eine Abbuchung funktioniert oder zurückgeht oder eben noch der verdammte Wasserkocher kaputtgehen darf. Dasselbe gilt dafür sich einen Restaurantbesuch, ein Computerspiel oder einen neuen Toaster zu leisten. Jeder Kauf ist gleichzeitig die Entscheidung, auf einen Teil des Puffers zu verzichten, der einen vor den Problemen des nächsten Monats schützt.

Spontankäufe spürt man also Ende des Monats, aber auch die Fehlertoleranz sinkt dramatisch. Damit meine ich, wenn dir dein Handy ins Klo fällt, wenn du auf deinen Wohnzimmertisch stolperst… dann wirst du eine Weile ohne leben oder wieder Sicherheit abgeben. Genauso wenn du nichts dafür kannst dass etwas kaputt geht. Der Puffer muss alles gleichzeitig abdecken. Ob etwas selbst verschuldet ist oder zufällig passiert, ob etwas aus Notwendigkeit oder aus Überschwang gekauft wurde spielt praktisch keine Rolle mehr, weil alles denselben Effekt hat: sofort weniger Spielraum.

Noch weniger Toleranz gibt es bei Behördenangelegenheiten. Fristen, Anträge, Bearbeitungszeiten, was muss beim Antrag mit dabei sein, auf was habe ich Anspruch, das muss man alles wissen oder jemand haben der es weiß, oder man muss mit Abstrichen vom Existenzminimum rechnen, zumindest mit Überbrückungszeiträumen.

Und wer soll beim Überbrücken helfen? Die Bank sicher nicht, Kredithaie sind ne schlechte Idee, bleiben Familie, enge Freunde oder der Partner (dazu kommen wir gleich noch ausführlicher). Wenn deine Armut schon länger andauert und wahrscheinlich auch nicht bald enden wird, dann ist das ein zutiefst bitteres Geschäft für alle Beteiligten. Jede Familie und jeder Freundeskreis regelt das anders, aber einen Fall von Armut im Kreis zu haben vergiftet alles doch zumindest ein bisschen. Eine Seite: “Wie oft wird sieer noch Geld brauchen?", “Werde ich es zurückbekommen?”, "Ist es ok ihmihr nichts geliehen zu haben, obwohl es ihmihr schlecht geht?", “Ich brauche das den Monat eigentlich zurück, kann ich das ansprechen?”, "Wäre sieer jetzt hier, wenn ich kein Geld geliehen hätte?”; andere Seite: “Denkt sie*er ich wäre nur hier weil ich Geld brauche?”, “Bin ich insgeheim nur deshalb hier?”, “Wenn ich sage ich kann mir Wandern auf Korsika nicht leisten, was wird passieren?” solche leisen, inneren Prozesse meine ich. Meist bauen sich Freundeskreise aber ja schon auf Grund der Aktivitätsmöglichkeiten ja dann doch auch ein wenig entlang der Einkommensgrenzen auf.

Menschen sagen dann oft, man solle eben kostenlose Dinge machen. An den Strand oder in den Wald gehen zum Beispiel. Das klingt vernünftig, blendet aber meist aus, dass auch kostenlose Dinge Voraussetzungen haben. Neben der Versorgung dort, die natürlich auch mit Leitungswasser und mitgebrachtem Essen funktioniert, ist die wichtigste Frage: Von wo starte ich? In vielen Fällen wohnen Menschen am Existenzminimum in Kleinstädten oder recht rauen Stadtgebieten. Hauptsache Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. Von dort aus ist vieles zu erreichen, manches umständlich, manches gar nicht. Aber sagen wir ein schönes Waldgebiet oder ein See liegt in 30 Minuten ÖPNV-Reichweite. Was muss dafür gegeben sein? Ein Ticket. Ein Ticket ist eine Entscheidung, entweder in Einzelfällen (geht aber irgendwann ins Geld), oder noch ein Abo mehr auf dem ächzenden Konto.

Ja, dann die Liebe… das ist jetzt mal nur meine Position, weil meine Meinung hier sehr radikal ist. Ich war mein Leben lang arm und die meisten meiner PartnerInnen waren es nicht. In meiner ersten längeren Beziehungen hab ich noch finanzielle Hilfe angenommen, damals hab ich noch studiert und auf Besserung der Lage gehofft. Mir wurde das nie direkt vorgeworfen oder irgendwas gefordert, aber ich konnte das weder vor mir, noch vor ihm, noch vor seinem Umfeld rechtfertigen. Ich hatte auch danach Partner mit teils sehr viel höherem Einkommen, aber für mich gibt es da keinen “gemeinsamen Topf”. Es ist manchmal hart, weil ich nicht alles mitmachen kann, was mein Gegenüber gern unternehmen möchte usw… Aber so behalte ich meinen Stolz und mein Gegenüber das Wissen, dass ich zu 100% nicht aus finanziellen Gründen bei ihm bin.

Wenn ich also „Geld macht nicht glücklich“ höre, lache ich bitter auf, und ich kann mir nur selten verkneifen etwas zu sagen wie: “Nein, macht es nicht automatisch. Aber es ist die Grundlage zum Essen, Wohnen, Kleidung tragen… es ist die Grundlage zum Leben.” In diesem Sinn glaube ich tatsächlich, dass Geld Existenz ist.

301 Body Neutrality. Körper sind keine Ausstellungsstücke.

Teil 1: Der Körper als Spielfigur

Mein Zugang zu Body Neutrality ist nicht aus theoretischem Interesse heraus entstanden, sondern aus Leid. Ein gesundes Verhältnis zu meinem Körper hatte ich nie. So mit 12 fingen die inneren (seltener äußeren) Abwertungen an. Bis 2009 war ich zwar objektiv betrachtet durchweg untergewichtig, sah mich selbst aber als unglaublich dick. Dann nahm ich aufgrund von Psychopharmaka sehr stark zu und in den Jahren seitdem hungerte ich oft runter und hatte es nachher wieder drauf.

In dieser Gemengelage entstand irgendwann ein Konzept, das für mich bis heute stabilisierend wirkt: der Körper als Spielfigur in meinem eigenen Rollenspiel, als Fleischroboter. Unterstützt wurde diese Einstellung durch den Gedanken der Body Neutrality, den ich irgendwo im Internet aufgabelte.

Dieses Bild ist nicht abwertend gemeint, sondern funktional. Der Körper ist das Gefährt, das mich durch die Welt trägt. Er ist Fortbewegungsmittel, ermöglicht sämtliche sensorischen Eindrücke und ist somit Grundlage jeder Erfahrung. Ich habe nur diesen einen Körper in diesem Leben. Wenn er beschädigt wird, ist diese Beschädigung möglicherweise nicht reversibel. Der Körper schuldet mir keine Schönheit, ich schulde ihm aber Fürsorge. Body Neutrality bedeutet für mich deshalb nicht Gleichgültigkeit gegenüber dem Körper, sondern im Gegenteil eine sehr hohe Wertschätzung. Ich versuche, meinen Körper nicht mehr primär über Attraktivität zu bewerten. Die Frage „Bin ich schön?“ verliert an Bedeutung. Die Frage „Funktioniert dieser Körper?“ bleibt zentral. Funktioniert er mal nur eingeschränkt oder hat Bedürfnisse, die mein Empfinden von Ästhetik stören, dann nehme ich trotzdem Rücksicht darauf.

Bei Bodypositivity stört mich dieser Zwang den eigenen Körper als schön zu empfinden. Mein Verständnis von weiblicher Schönheit ist schon früh in meinem Leben durch mein Umfeld, die Medien, die allgemeinen Schönheitsideale und meinem Bedürfnis gefallen zu wollen, in eine ganz magere Ecke getrieben worden. Ich hab lange versucht, ihn zu optimieren, mit grausamer Selbstkasteiung, ich hab mich brutal abgewertet, ich habe versucht zu lernen diese Hülle um mich herum schön zu finden. Aber dann vor ein paar Jahren erst erkannt: Ich werde meinen eigenen, leicht übergewichtigen und wenig straffen Körper nie attraktiv finden. Aber mit Body Neutrality schaffe ich es, dass es mir weniger bedeutet, dass dies so ist.

Mein Körper ist kein Ausstellungsstück, er ist mein Interface zur Welt.

Teil 2: Gesellschaft als Bewertungsmaschine

Diese individuelle Perspektive ist für mich untrennbar mit einer gesellschaftlichen Entwicklung verbunden. Und hier zunächst ein Exkurs zu den Körperbildern und der Normalisierung ihrer Bewertung: Wir leben in einer Kultur, in der Körperbewertung ein permanenter Grundmodus geworden ist. Das beginnt lange vor Social Media, ich werde hier aber nur über den Teil schreiben, den ich selbst miterlebt habe. In den 90er Jahren bereits war der öffentliche Raum stark geprägt von oft extremen Körperbildern. Werbung, Magazine, Fernsehen und Kino haben über Jahre hinweg eine sehr enge Vorstellung davon vermittelt, wie Körper auszusehen haben. Und sehr häufig waren diese Bilder bereits stark bearbeitet und mit allem fotografischen Können gemacht, um den dargestellten Körper optimal dazustellen. Diese Entwicklung hat sich nicht abgeschwächt, sondern verschoben und verstärkt.

Mit dem Aufkommen von Social Media wurde aus einer relativ begrenzten Anzahl öffentlicher Körperbilder eine permanente, demokratisierte und beschleunigte Sichtbarkeit. Nicht mehr nur Stars wurden bewertet, sondern sehr viele Menschen gleichzeitig. Influencer-Kultur hat diese Dynamik weiter intensiviert, weil sie Nähe simuliert. Die gezeigten Körper wirken nicht mehr wie Ausnahmefiguren, sondern wie erreichbare Normen.

Hinzu kam danach noch eine zweite Verschiebung: sehr leicht verfügbare Filter.

Filter, Bildbearbeitung und Inszenierung sind nicht neu, aber ihre Verfügbarkeit hat sich radikal verändert. Was früher professionelle Produktion erforderte, ist heute ein Knopfdruck. Körper können in Echtzeit verändert, optimiert oder vollständig transformiert werden. Mit KI erreichte diese Entwicklung eine neue Stufe. Jetzt entstehen Körperbilder, die nicht nur technisch bearbeitet, sondern vollständig synthetisch erstellt wurden. Und sie sind oft so optimiert, dass sie in der physischen Welt nicht erreichbar sind. Nicht einmal mit maximalem Training, optimierter Ernährung, fachlicher Unterstützung oder chirurgischen Eingriffen.

Wir haben damals angefangen, unsere Körper mit professionellen Models und später mit stark bearbeiteten Körpern zu vergleichen, heute vergleichen wir uns nicht einmal mehr mit Menschen. Und das war auch in den 90ern schon problematisch, denn mir geht es hier mehr um Selbstwahrnehmung als um Attraktivität und Schönheitsideale bei der Partnersuche. Ganz kurz und ganz einfach umrissen jetzt: Menschen “lernen” was schön ist aus dem, was in ihrer Umgebung als schön reproduziert wird. Vergleich ist hier völlig normal und menschlich. Je “unmenschlicher” aber das ist, was allgemein meist als schön gekennzeichnet ist, desto unrealistischer wird diese eigene Vorstellung von dem, was man als attraktiv empfindet.

Und mit diesem gelernten Schönheitsideal begegnen wir nun nicht nur dem eigenen Körper, sondern allen Körpern und heutzutage kann man noch dazu den eigenen Körper quasi direkt der ganzen Welt zur Bewertung stellen und andere mit einem Klick bewerten. Und wenn wir jetzt einen Körper einer realen Person kommentieren, egal ob positiv oder negativ, dann gießen wir Öl ins Feuer der Fixierung auf den Körper als öffentliches, bewertbares Ästhetikprojekt.

Hinzu kommt etwas, das oft vergessen wird: Habe ich überhaupt eine Berechtigung zu dieser Bewertung? Egal, ob eine Person in der Stadt, die mir gefällt oder missfällt oder eben auf Social Media. Ich weiß nicht, ob die betreffende Person mir gefallen möchte. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt zur Zielgruppe ihrer Selbstdarstellung gehöre. Warum sollte meine Bewertung selbstverständlich relevant für sie sein? Warum sollte ich sie ungefragt äußern?

Besonders da auch positive Kommentare Teil dieser Struktur sind. Sätze wie „Du hast abgenommen“ oder „Du siehst gut aus“ sind nicht neutral. Diese gutgemeinten (oder als Anmache gemeinten) Sätze können bei der Person selbst Schaden anrichten (dazu vielleicht mal ein eigener Text), aber sie setzen auch implizite Vergleichswerte und ordnen Körper in Bewertungssysteme ein.

Entscheidend ist dabei nicht einzelne Bosheit oder guter Wille, sondern die Struktur. Körper werden kontinuierlich als kommentierbare Information behandelt. Das gilt besonders für den öffentlichen Raum. In privaten Beziehungen, in denen Einverständnis, Nähe und Gegenseitigkeit bestehen, ist Attraktivität eine normale und oft wichtige Form der Kommunikation. Dort kann sie Verbindung schaffen, manchmal auch schwierige Verbindung, aber sie ist Teil der Aushandlung im sozialen Nahbereich.

Das zentrale Problem liegt für mich deshalb nicht in der Existenz von Attraktivität oder Wahrnehmung. Menschen werden immer Schönheit sehen und darauf reagieren. Das ist nicht der Punkt. Das Problem ist die Dauerpräsenz dieser Bewertung als sozialer Hauptmodus. Wenn Körper permanent kommentiert, verglichen und eingeordnet werden, verschiebt sich der Fokus von Handlung, Können und Beziehung hin zu Oberfläche.

Diese Entwicklung ist nicht nur ein individuelles Problem. Viele nehmen sie wahr, viele Beklagen diese Oberflächlichkeit und doch behandeln wir Oberflächlichkeit oft wie ein Naturereignis, obwohl wir sie jeden Tag aktiv herstellen. Mein Eindruck ist, dass wir hier an einen Punkt kommen, an dem nicht Verbote oder einzelne Regeln helfen, sondern eine kulturelle Drosselung notwendig ist.

Es geht nicht darum Attraktivität, Komplimente oder Flirten zu verbieten. Man kann tausende Komplimente machen, die nichts mit dem Körper zu tun haben, sondern das Wissen, Können, den Stil usw. einer Person betreffen. Es geht nur darum nicht die Körper von Wildfremden zu kommentieren, die man nie treffen wird. Nicht als moralische Forderung im strengen Sinn, sondern als pragmatische Schadensreduktion.

Der Grundgedanke ist einfach: Erst einmal nicht schaden.

Mein Körper ist kein Ausstellungsstück, er ist mein Interface zur Welt. Und der von anderen genauso.

302 Männerrechte. Das ist euer Kampf.

Ich stoße immer wieder auf Diskussionen über Männerrechte und zwar nicht, weil ich aktiv danach suche, sondern weil ich mitbekomme, dass Männer in dieser Gesellschaft tatsächlich benachteiligt werden. Ich sehe diese Ungerechtigkeiten, und sie beschäftigen mich. Deshalb schreibe ich darüber: Nicht, um Männerrechte zu vertreten, sondern um zu zeigen, dass ich sie erkenne und zu erklären warum ich trotzdem nicht dafür eintreten werde.

Ich mag Männer. Ich habe männliche Freunde, die ich unglaublich schätze. Ich habe mehrere Brüder, die mich teilweise mit aufgezogen haben. Ich hatte einen Vater, vor dem ich zumindest in Teilen Respekt hatte. Und ich habe mehrere Männer in meinem Leben geliebt und bin auch gerade wieder frisch verliebt. Mein größtes Vorbild ist Viktor E. Frankl. Ich habe großen Respekt vor der Leistung dieser Männer in meinem Leben.

Interessanterweise sind diese von mir geschätzten Männer oft solche, die selbst stark unter dem Bild leiden, das die Gesellschaft von ‘Männlichkeit’ hat. Die Männer, die ich mag, haben oft etwas Weiches an sich, nicht nur im Charakter, sondern manchmal auch im Auftreten oder sogar in der Statur. Und genau diese Männer leiden oftmals am meisten:

unter anderen Männern, die sie als ‘nicht männlich genug’ abwerten,

unter Frauen, die sie nicht ernst nehmen,

oder unter Systemen, die sie für ihre ‘Schwäche’ bestrafen.

Und das ist kein Zufall. Es gibt viele Statistiken, die zeigen, dass Männer in dieser Gesellschaft stark leiden:

unter Depressionen,

unter Selbstmorden,

unter Gewalt.

Und sehr oft, nicht immer, sind diese Männer Opfer von anderen Männern. Nicht, weil Männer an sich ein böses Geschlecht wären, sondern möglicherweise auch weil Jungs in dieser Gesellschaft immer noch mit Sätzen wie ‘Indianer kennen keinen Schmerz’ oder ‘Jungs weinen nicht’ oder ‘Sei doch kein Mädchen’ großgezogen werden. Als ob alles, was als ‘unmännlich’ gilt, die Person abwertet. Und so wird die nächste toxische Generation herangezogen.

Im Prinzip rede ich also über die guten Männer, über diejenigen, die dieses System durchlaufen haben und trotzdem sehr gute Menschen geblieben sind. Die gibt es und die Männer, die ich mag, haben alle Schaden von diesem System genommen. Aber zum Glück nicht den, dass sie dadurch weniger gute Menschen geworden sind.

Trotzdem bin ich kein Männerrechtler. Ich bin Feminist, wenn auch nicht blind für Ungerechtigkeiten:

Ich sehe sie in der Wehrpflicht, die nur Männer in den Dienst zwingt. Ich sehe sie im Scheidungsrecht, das Männer benachteiligen kann. Ich sehe sie im Sorgerecht, das Väter oft als nachrangig behandelt. Ich sehe sie z.B. im Exhibitionismusparagrafen, der Männer und Frauen ungleich behandelt. Ich sehe sie darin, dass Bodyshaming gegen Männer gesellschaftlich akzeptierter ist, als wäre es weniger verletzend und niveaulos, einen Mann wegen seines Bauches zu verspotten als eine Frau. Das sind beispielhafte Punkte an denen Männer in meinen Augen tatsächlich benachteiligt werden.

Aber liebe Jungs und Männer, ihr erkennt das die Welt zu euch ungerecht ist und plötzlich wird Solidarität erwartet. “Frauen, kämpft für uns!” Aber warum sollten wir? Ihr habt uns jahrhundertelang ziemlich allein gelassen. Ihr habt uns gesagt, wir sollten uns nicht „so anstellen“. Ihr habt unsere Kämpfe in weiten Teilen ignoriert, kleingeredet und sogar sabotiert. Und jetzt, wo ihr betroffen seid, sollen wir springen? Nein.

Die Wehrpflicht z.B. ist ein Männerproblem. Nicht, weil sie nur Männer betrifft, sondern weil sie ein Symptom eines Systems ist, das Männer selbst geschaffen und jahrzehntelang verteidigt haben. Dass der Mann der starke Beschützer und die Frau das schwache Geschlecht seien, ist kein feministischer Gedanke. Wenn du willst, dass Frauen genauso eingezogen werden oder die Wehrpflicht abgeschafft wird, dann starte Petitionen oder such nach laufenden, schau nach wo bereits Arbeit in diese Richtung geleistet wird, sieh wo du den politischen Druck erhöhen kannst, erhebe deine Stimme zu dem Thema wo immer es geht.

Vielleicht ist die Wehrpflicht sogar eine Chance, der Moment, in dem Männer endlich begreifen, dass man sich gegen Ungerechtigkeit wehren muss. Vielleicht verstehen sie jetzt, warum wir so lange gekämpft haben. Vielleicht lernen sie, dass Veränderung nur kommt, wenn man selbst handelt. Wenn das passiert, war der Schmerz nicht umsonst. Vielleicht kommt dadurch endlich die männliche Emanzipation.

Bis dahin gilt: Euer Kampf. Eure Verantwortung.

303 BLITZLICHT: Big Fish und Hoosebebberli

Hoosebebberli sind Klatschmohn. Das Wort für diese traumhaft schönen Blumen habe ich dieses Wochenende in meinem Heimatdialekt gelernt. Und das Levkojen die Blumen der Ostpreußen sind. Heimat durch Blumen 🌺… das ist so typisch meine Familie.

Mittlerweile bin ich in Aschaffenburg Richtung Frankfurt losgefahren, davor ich so lange zum Stoff sammeln gebraucht, für dieses Mini-Blitzlicht. Denn dieses Wochenende war überschäumend voll. Mit Essen, mit Lachen, mit peinlichen Momenten, mit Erinnerungen, mit Geschichten die weiter gingen, mit Ärger, mit Umarmungen…

Und die 1,5 h Busfahrt nach AB gingen drauf um das alles ein wenig zu ordnen. Diese BusLinie zwischen meinem Heimatdorf und meiner alten Wahlheimat bin ich so oft gefahren, dass ich gefühlt jeden Baum kenne. Ich wäre fast am Bahnhof Richtung meiner alten Wohnung losgelaufen.

Meine Familie ist anstrengend und beeindruckend. Für mich sind sie allesamt „Big Fish“, übergroße Figuren mit noch größeren Legenden.

Besonders meine älteren Geschwister sind Teil der „legendären Zeit“, die auch meine Mutter am liebsten erzählt. Also die 60er und 70er und naja, die 80er, bis ich zu der Zeit an die ich mich erinnere, also etwa ab ‘85.

Ich bin somit schon lange, bevor ich angefangen habe, meine Geschichten zu veröffentlichen, zum Chronisten dieser Geschichten geworden, die ich selbst überhaupt nicht erlebt habe.

Seit ich veröffentliche, mögen meine Geschwister nicht mal mehr meine Rolle, sie finden wohl peinlich was ich schreibe… dabei schreibe ich nur selten über sie.

Zum Glück mag meine Mutter den Chronisten immer noch. Sie hat mir auch, seit ich sehr klein war, immer wieder diese Familiengeschichten erzählt. Weshalb ich sage, ich war schon lange der Hüter der Familiennarrative.

Aber so kommt es, wenn ich bei meiner Familie auf einer Feier bin, dass ich einerseits stolz bin, ein Teil davon zu sein, andererseits mich sehr deplatziert fühle und dieses starke Gefühl von „du wirst an niemand von ihnen jemals heran reichen“.

Verbunden fühle ich mich mit meiner Familie schon, sie sind mein Ursprung, und sie sind Menschen, bei denen ich stolz bin, mit ihnen verwandt zu sein.

Mit meiner Mutter schreibe ich jetzt anhand der Bilder in den unzähligen Fotoalben die alten Familiengeschichten endlich mal auf. Insofern wird wenigstens meine Chronistenrolle mal gewürdigt.

Neben dieser sehr emotionalen Zeit mit meiner Familie bin ich auch momentan frisch verliebt. Leider konnte er nicht mit, weil es für ihn zu spontan war und es ja auch über 500 km sind.

Aber ausgerechnet den Menschen, der mir wieder Hoffnung gibt, doch vielleicht irgendwann für jemanden ein wirklich besonderer Mensch zu sein, lasse ich für die Arbeit an der Chronik warten.

Ich lebe für diese Geschichten, aber ich hoffe dass ich in diesem Moment nicht meine eigene Lebensgeschichte und einen für mich sehr besonderen Menschen zu arg zurück gestellt habe.

Trotzdem habe ich das Gefühl, das Wochenende hat sich gelohnt. Die noch anstehenden 11 Stunden Reise rechne ich als Grind (unangenehme andauernde Tätigkeit um in ComputerSpielen etwas zu erreichen), im RPG Real Life.

304 Blitzlicht: zurück auf der Straße… mein Rücken schmerzt… mein Herz vibriert

Vorbei an Hügeln, Tälern, Flüssen, Wäldern, Fruchtbaren Feldern, Städten und Dörfern von Mittelalter bis Dekonstruktivismus… alles Leuchtet im Junigrün… je weiter weg ich von der alten Heimat komme desto weniger Streuobstwiesen schmücken die Hänge und desto flacher wird das Land…

… und was soll ich sagen? Ich liebe alles daran.

Unterwegs in Deutschland fühlt sich für mich wie innerhalb der Schönheit selbst unterwegs sein an.

Frankfurt am Main ist jetzt nicht so klassisch schön, es ist „dreggisch“ und pik-unhöflich.

Aber wahrhaft kosmopolit und vibriert förmlich vor Leben.

Dort eine Stunde auf den FlixBus zu warten ist aber trotz aufregender „Dreggischkeit“ dann doch ziemlich langweilig. Aber zwischendurch hat mein Nordseehimmel geschrieben. Er hat eine Art seine Gefühle einfach auszusprechen, die mich immer noch völlig von den Socken haut.

Können bitte alle Menschen so ehrlich sagen wenn ihnen was nicht passt oder wenn sie jemanden mögen? Nein, dafür sind sie zu kompliziert? Egal, ich hoffe mein Herr Schmitt hört nicht auf damit. Solange er das macht und ich das mache, habe ich nämlich das Gefühl wir können die ganzen üblichen Probleme schaffen.

Warum bin ich eigentlich so gern unterwegs? FlixBusSitze scheinen kaum für Menschen gedacht. Die Bahn ist so unpünktlich, dass man jeden 2. Umstieg verpasst. Mit dem Auto steht man im Stau. Oh da Kirche vor 3 Linden. Schau mal da die Brücke. Oh ein Steinbruch.

Warum bin ich losgefahren, weg von meiner Küste, von dem Nordseehimmel oben und dem Nordseehimmelmensch? Schau mal deine Bilder. Ah die Big Fish Menschen. Du bist mit denen verwandt, die da lachen und blödeln und sich ärgern.

Die schönsten Reisen sind zu Menschen hin und durch Landschaften hindurch.

Ich liebe Reisen! … ruf ich meinem Rücken zu! 

305 BLITZLICHT: Ich liebe Deutschland… keine Pointe

Ich liebe Deutschland. Nicht die Nation, nicht die Flagge, nicht den Sport. Sondern das Land, das mich geformt hat wie meine Erziehung und der Zeitgeist. Die üppige grüne Landschaft, die überall sichtbare Landwirtschaft, die Städte, die Mentalitäten, die Leute, ich komme aus Rhein-Main, wo „die Leute“ auch aus aller Welt kommen, oder zumindest ihre Eltern oder Großeltern.

Das „kann nicht klagen“, wenn jemand grad im Glück badet hat mich geformt. Das Meckern übers Wetter, welches auch immer gerade herrscht. Das „kann man essen“, wenn das Essen Standing Ovations wert wäre. Das „tja“, wenn die Welt untergeht und auch ansonsten für jede Gelegenheit. „Gell“ und „fei“ in ihren vielfältigen Anwendungen.

Das ist meine Heimat. Sie hat auch mich gemacht wie bin. Ich liebe sie. Und ich stehe dazu.

306 BLITZLICHT: Ich habe aufgehört zu suchen

Gestern hat mich Herr Schmitt süßerweise vom Bahnhof abgeholt, heute Morgen hat er mich um kurz nach vier vor meiner Wohnung abgesetzt. Er musste zur Arbeit, ich nach Hause. 13,5 Stunden Reise lagen hinter mir. Busse, Züge, Umstiege, Verspätungen, Rückenschmerzen. Und dann vier Stunden Schlaf.

Ich kam in die Wohnung, noch in der unbequemen Jeans. Die Reisetasche stand unberührt im Flur. Ich hatte noch nicht geduscht. Ich hatte noch nicht einmal Kaffee gemacht! Und doch setzte ich mich an den Rechner und fing an die Texte von gestern zu ordnen und zu veröffentlichen.

Nicht weil ich musste.

Nicht weil jemand darauf wartete.

Nicht weil ich Geld damit verdiene.

Sondern weil ich meine Texte ordentlich veröffentlichen wollte.

Was ich zu sagen hatte musste raus an die Leute und zwar genauso wie ich es haben will.

Die drei Blitzlichter von unterwegs waren schon online, aber noch nicht überall. Ich wollte Bilder ergänzen. Fehler korrigieren. Alles so haben, wie ich es haben wollte. Erst nach 5, als ich mir endlich nen Kaffee machte und verspätet auf die Nachricht meines Herrn Schmitts reagierte, fiel mir auf, wie absurd das eigentlich ist.

Ich habe einen großen Teil meines Lebens nach dem einen Ding gesucht. Dem, was meine Geschwister scheinbar alle hatten. Etwas, für das ich brenne. Etwas, das ich nicht mache, weil ich muss, sondern weil ich gar nicht anders kann.

Ich hatte viele Jobs. Ich hab zweimal studiert. Ich hab unzählige Hobbys ausprobiert. Jede Kunstformen ausprobiert die mir irgendwie zugänglich war. Ich habe Erfüllung in Beziehungen gesucht. Ich habe jeden Menschen, der mich nur ein bisschen kennt gefragt, was er glaubt, was ich gut kann.

Und immer dachte ich, ich würde noch suchen oder mich langsam damit abfinden nie "mein Baby" zu finden, nie das Ding, was ich der Welt hinterlassen will und mich im Leben erfüllt.

Mein Werk.

Nicht nur die Texte.

Auch die Videos. Die Fotos. Die Gedanken. Die Streams. Die Essays. Die Blitzlichter. Dieses ganze seltsame, chaotische, öffentliche Performance-Projekt namens „Jemands Leben - nur viel davon“.

Das ist mein Werk.

Das ist das, was ich hinterlassen möchte.

Nicht weil ich glaube, wichtig zu sein, das würde dem "Jemand"-Gedanken und somit einem der Grundkonzepte des Werks, auch völlig widersprechen.

Sondern weil ich glaube, dass die Dinge, für die ich dort einstehe, die ich darin zeige, die ich dokumentiere, wichtig sind. Das ist genau das was von mir übrig bleiben soll, wofür ich in Erinnerung bleiben soll.

Und vielleicht war die größte Überraschung des Morgens gar nicht, dass mir das klar wurde.

Sondern dass ich offenbar schon vor Monaten aufgehört habe "mein Ding" zu suchen.

Ich hatte es nur noch nicht bemerkt.

307 Playlist: 'Unterwegs zwischen Heimaten'

Keine meiner Playlists ist ein Sammeln von Songs. Diese hier ist ein Bewegungsprotokoll. Mein Weg ist nie eine gerade Linie, sondern ein mäandernder Fluss durch eine Landschaft aus Zeit, Welt, Erinnerungen, Menschen, aber auch banal Haltestellen, Verspätungen und falschen Gleisen. Und nichts könnte dies alles gleichzeitig schöner ausdrücken als Musik, finde ich.

Ich liebe das Losfahren. Egal wohin, wenn es eine längere Strecke gehen soll, dann freue ich mich. Also erst mal das feiern:

„I'm on My Way" von The Proclaimers: Aufbruch mit Dialekt im Mund und einer Richtung... vorwärts.

„Road to Nowhere" von den Talking Heads: eine nüchterne Wahrheit, die niemanden schockieren sollte: Wir wissen nicht, wo wir ankommen. Das macht das Leben in jeder Sekunde zu einem Abenteuer, aber selten so sehr wie wenn man eine Reise antritt. "Es ist eine gefährliche Sache, aus deiner Tür hinaus zu gehen. Du betrittst die Straße und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen." [J.R.R. Tolkien]. Und selbst wenn du das Ziel erreichst weißt du nicht als wer du ankommst... darum geht es ja in den Blitzlichtern zu dieser Reise.

„Highway to Hell" von AC/DC: Dieser Song steht für meine Lebenshaltung. Wenn es einen Richter gäbe, irgendein Schöpferdings, würde ich zu allem stehen und ehrlich bereuen wo ich anderen weh getan habe. Ich würde jede Konsequenz dafür akzeptieren. Wenn mich aber irgendwas oder irgendwer für meine Liebe zum Leben und zum Körper verurteilt, wenn mir irgendwer auflistet wann ich mit wem nicht hätte schlafen dürfen... dann kriegt Schöpferdings zwei Mittelfinger und soll verfahren wie es mag, es ist dann mein Feind, egal wie unterlegen ich bin.

„On the Road Again" von Canned Heat und „Life Is a Highway" von Tom Cochrane: Das sind für mich Hymnen des Unterwegsseins, staubig, nach vorn. Besonders Cochrane macht hier einfach Lust auf Reise, egal wohin.

„Sweet Home Alabama" von Lynyrd Skynyrd: Das ist kein Ort, sondern ein Zustand. Heimat, die nicht geografisch funktioniert, sondern biografisch. Ich habe viele Heimaten und reise zwischen ihnen. Der Spessart, aber auch Nürnberg, Bingen, der Ruhrpott, Wilhelmshaven. Gib mir nen Schlafsack und ich werde davon reden, jetzt heimzugehen, wenn ich schlafen gehe. Denn ich hab mein eigentliches Zuhause immer mit dabei, ich wohne in mir selbst. Und das verdanke ich der starken Verwurzelung im Buntsandstein unter Spessarteichen. Mein Sweet Home Alabama.

„Homeward Bound" von Simon & Garfunkel: Heimat ist dort wo meine Musik spielt, wo die sind die ich liebe... also wieder im Spessart, im Rheinland, in Nürnberg, im Ruhrpott und ja, vor allem in Wilhelmshaven. Egal wie ich es drehe, ich hab viele Heimaten und so bin ich im Gegensatz zum Protagonisten dieses Liedes, fast immer nach Hause unterwegs.

„Leaving on a Jet Plane" von Peter, Paul and Mary (ich liebe deren Version): Das ist Abschied vom Nordseehimmelmensch ohne Drama, weil Rückkehr mitgedacht ist.

„The Passenger" von Iggy Pop: Der Song ist oft das Motto meines Lebens. Der Beobachterposten und die Landschaft ziehen lassen. Besonders wenn alles stressig wird sitze ich auch mal ein paar Wochen in meinem Elfenbeinturm (meist hab ich im Dachgeschoss gewohnt) und schaue nach unten (und ins Internet) was Leute so tun. Dann erst tief durch schnaufen und wieder selbst rein stürzen.

„Graceland" von Paul Simon: Ich fahre nicht nach Memphis, nicht zu Elvis, wobei am Ende doch ja, das weiß ich aber noch nicht als ich Graceland in die Liste nehme. So ist das auf der "Road to Nowhere", man weiß nie wo man ankommt. Ich fahre zu meinem Ursprung und der ist ja immer ein bisschen Elvis, das weiß ich ja, immer ein bisschen Musik. Und Menschen und Wald und Boden und Flüsse und Hügel und Geschichte und Geschichten...

„Going Up the Country" von Canned Heat: Ich liebe die Stadt. Wilhelmshaven ist mir fast zu klein. Ich liebe die Möglichkeiten, die Freiheit, die Internationalität, die Anonymität... aber ich bin vom Kaff. Schlimmer, ich bin Kind eines Bauerns. Das kriegst du aus dem Mensch nicht raus... und dann muss ich manchmal raus. Und darüber reden dass der Mais dieses Jahr gut aussieht... dabei hatten wir nicht mal Acker... na ja, ich verstehe mich da auch nicht.

„I'm Gonna Be (500 Miles)" von den Proclaimers (ich liebe Dialekte): Das ist einer meiner All-time-favorites. Und an der Stelle etwas Ironisch, denn ich fahre von meinem Herr Schmitt ja weg... Aber es gibt noch mehr Menschen, die ich liebe. Viele davon treffen sich dieses Wochenende im Spessart. FAMILIE! Ich würde 500 Meilen für euch laufen... oder 500 km DB und wieder zurück und von meinem Liebsten weg für euch fahren, nur um mit euch ein Wochenende zu verbringen. Also ich würde nicht nur, ich tue.

„Down by the River" von Albert Hammond: Come in the water is fine... das wäre meist eine Lüge in deutschen Gewässern, aber es ist ein Land der Flüsse und ich liebe dieses Lied mit seinem fröhlichen, leicht frechen Klang.

Dann gibt mir mein Nordseehimmelmensch zwei Songs:

"Every You Every Me" von Placebo: Muss man in den 90ern eigentlich ein Teeny gewesen sein um nach 3 Sec einen Film dazu vor Augen zu haben? Reiche junge Leute, die nichts besseres zu tun haben als sich gegenseitig zu verführen, zu manipulieren und sich dann doch zu verlieben und schließlich zu sterben... Haben eigentlich alle diesen Film gesehen damals? Wir waren schräg... Aber die Musik war fantastisch.

Und der zweite Song... na ja, der ist viel schwieriger für mich.

"Let Me Love You" von Mario: Äh, ja... das ist sehr... glatt. Mein Ohr findet keinen Ansatzpunkt. Aber er bleibt auf der Liste, weil der Herr Schmitt wohl irgendwas darin findet und ich in Herrn Schmitt.

„Galvanize" von den Chemical Brothers: Das ist genau was ich an Hip Hop (ich denke es ist Hip Hop, das ist nicht meine eigentliche Musik Richtung) liebe. Die Beats, der Bass, dieser TANZIMPERATIV. Das fehlt mir bei R&B... und wenn es noch dazu glatt durchgestylt wie "Let me love you" daher kommt, dann finde ich darin nix.

„I (Who Have Nothing)" von Tom Jones: Ich lasse mir aber nicht nachsagen ich würde Schmalz grundsätzlich ablehnen... Tom Jones schreit die Verzweiflung über unterschiedliche Lebensrealitäten geradezu heraus. Natürlich passt es nicht ganz zu meiner Situation mit Herrn Schmitt, aber genug um das Gefühl zu kennen, dass hier besungen wird.

"Ein ehrenwertes Haus" von Udo Jürgens: Denn genau dieses Gefühl hab ich schon gehabt: "Ich passe nicht in dein Leben. Ich bin nicht angemessen. Hast du eigentlich deinen Eltern schon gesagt, dass ich Erwerbsminderungsrente beziehe?"

„Midnight City" von M83: Steht für mich für die Stadt ohne Tageszeit. Möglichkeiten in neon, statt grün. Ein Song, der von einer Person kommt, die irgendwie zum für ihn falschen Zeitpunkt da war und trotzdem nicht weg ist.

„Send Me on My Way" von Rusted Root: Der Song ist ein entspannter Widerspruch in meiner Liste: Niemand muss mich schicken. Ich gehe selbst. Doch wer ihn mal gehört hat wird wissen warum er bleiben darf.

„Drive" von Incubus: Den hab ich gar nicht gesucht, sondern zufällig bei der Suche nach "Drive" von R.E.M. gefunden und er passte so gut zu mir, er durfte bleiben. Auch wenn ich mich in für mich neue Songs erst "einhören" muss. Meine Ängste, meine Unsicherheit alles ist hier drin.

"Drive" von R.E.M.: Muss ich dazu viel sagen? Tic Tac... What if...? Maybe... Nobody tells you where to go... Verdammt noch mal, hört euch den Song einfach an. Meiner Meinung nach der Beste überhaupt von R.E.M. und das heißt schon was.

„Driver's Seat" von Sniff 'n' The Tears: Ich fahre los und ICH sitz' am Steuer!

„Run Runaway" von Slade: GALOPP! Der Umstieg wird ernsthaft knapp. Schneller, renn... run runaway...

„Die Moldau" von Bedrich Smetana: Ich hab den Anschluss verpasst. Jetzt Kaffee, Frühstück, durch schnaufen und während des still Stehens: 13 Minuten einem Fluss bei seinem Lauf zuhören. Landschaft, die sich selbst erzählt.

„Hotel California (Live on MTV, 1994)" von den Eagles: Der Bass ein Herzschlag, die Gitarren streicheln meine Emotionen, der Text wird Nebensache, die Stimme besänftigt alle Sorgen. Ein Lied aus meiner Notfallliste. Grad bin ich nicht im Notfall, aber ab und an muss der Song auch so sein, zum Beispiel wähnend ich nen Apfel esse und dem Regen am Bahnhof in Duisburg zusehe bis der nächste Zug nach Koblenz fährt.

„What a Wonderful World" von Louis Armstrong: Der Song lief nur an, weil er auf der Notfallliste nach "Hotel California" dran ist. Aber diese Mischung aus Liebe für die Welt und sie dennoch realistisch sehen, ist auch meine Art wie ich versuche auf das Leben zu blicken. Und Armstrong hat eine Stimme die schlicht gut tut.

„Lay Down Sally" von Eric Clapton: Das spielt nicht Mr. Slowhand für mich. Das ist meine Mutter, die sagt: "Setz dich erst mal! Hast du schon gegessen?" um dann 2 Minuten später irgendeine Aufgabe für mich zu haben... Eltern sind halt leider nicht Clapton...

„New York Groove" von Ace Frehley und „Nürnberg Groove" von J.B.O. (als respekt- und humorvolles Cover): MAINHATTAN! Du nervst, ich mag dich, du hast die unhöflichsten Menschen, ich fahr die Ellenbogen aus, sobald deine Skyline glitz... nein die glitzert nicht mal mehr, sieht aus als wärst du in die Jahre gekommen, ich bin dich noch zu sehr gewohnt um dich schätzen zu können... FÄHRT DER VERDAMMTE RE55 SCHON WIEDER VON NEM ANDEREN GLEIS! Du machst das mit Absicht, ich hasse dich FFM, bis ich dich wieder vermisse, du dreggische Real-Version von Ankh-Morpork.

„Country Trash" (American Recordings III: Solitary Man) von Johnny Cash: Ich bin ja auch nicht aus FFM, sondern aus nem Kaff im Spessart und wie bereits erwähnt: Kind von nem Bauern. Doch Cash singt hier keine Verachtung für das Kleine und leicht Spießige, sondern Anerkennung.

„Three Lions (Football's Coming Home)" von Baddiel, Skinner & Lightning Seeds Der Song ist diese alte Abenteurerhoffnung einmal derart frenetisch zu Hause begrüßt zu werden. Der Held für die eigenen Leute zu sein... Na ja... meine Mutter hatte die Tür offen, sagte: "Da bist du ja. Hast du schon was warmes gegessen? Ich hab Leberknödelsuppe gemacht." Realistisch betrachtet ist das der bessere Empfang.

Und am Ende steht Elvis mit "Don't".

Nicht als Schluss, sondern als Ursprung. Ich hab mit meiner Mutter begonnen ihre Geschichten aufzuschreiben und sie erzählte mir die Kennenlerngeschichte mit meinem Vater, Teile davon kannte ich, auch das Tanzen ein ausschlaggebender Faktor war. Sie erzählte mir aber als Premiere, dass es der Song "Don't" war zu dem sie das erste Mal mit ihm verliebt getanzt hatte. Und so war meine Reise doch irgendwie nach "Graceland".

Danke an Elvis, danke an den Rock 'n' Roll, danke an die Musik. In meiner Familie und meinem eigenen Leben, war die Musik schon immer fast eine eigene handelnde Person. Aber sie ist auf jeden Fall:

Der Soundtrack meines Lebens
 

 

308 Blitzlicht: Mit Bauplan durchs Verliebtsein

Nubsis, Nubsis, everywhere!

Kartons überall, Schrauben, Nubsis, von denen man nicht genau weiß was sie halten sollen. Und vor allem viele Dinger... Dinger halt, keine Ahnung, sie werden einen Sinn haben... mutmaßlich... und schau mal 6 neue Inbusschlüssel... die Umzugshelfer kommen also nicht... das Internet geht doch noch nicht... irres Lachen... wir kriegen das schon hin...

Irgendwo dazwischen zwei Menschen, die eigentlich nur versuchen wollten, aus flachen Paketen einen drei-dimensional bewohnbaren Zustand zu zaubern.

Ein Umzug ohne Umzugsunternehmen ist schon eine eigene Form von Naturkatastrophe mit Ansage. Dies hier ist ein Umzug mit größtenteils neuen Möbeln. Ich würde jedem in meinem Umfeld in dieser irren Zeit des Umzugs helfen, weil niemand diesen Irrsinn allein stemmen sollte. Und dann ist da mein Herr Schmitt. Wir sind keine Kollegen, die sich irgendwann an der Kaffeemaschine zugewunken haben. Wir haben uns vor 4 Wochen Hals über Kopf verliebt und stehen jetzt da. Schraubenzieher in der Hand, weil bei ihm dieser Umzug schon lange geplant war (zum Glück zieht er in eine Wohnung in fußläufiger Nähe zu mir).

Das ist anstrengend, wirklich anstrengend... körperlich, organisatorisch, nervlich. Dinge funktionieren nicht, Dinge fehlen, Dinge sind falsch gedacht, die Technik streikt oder Leute lassen einen im Stich. Man ist verliebt wie die Hölle und möchte romantische Spaziergänge, gemütliche Filmabende und am liebsten alle paar Minuten übereinander herfallen. Die meiste Zeit verbringt man aber mit Inbus, Akkuschrauber und Nubsis, die ihren Platz finden wollen. Und trotzdem hat genau dieses gemeinsame Scheitern und Weiterbauen etwas, was sich auch gut anfühlt.

Es ist eine Art zusammenzuwachsen, von der ich dachte, dass sie einem mit Ü40 nicht mehr passiert. Ein echter Neuanfang, aber direkt am Anfang der gemeinsamen Zeit. Wir bauen zusammen etwas auf, sehr wortwörtlich und so was kommt normalerweise eher wenn man sich schon eine Weile kennt

 

309 Meine einzige echte Red Flag 🚩

Es wird ein generisches Femininum verwendet, gemeint sind alle Geschlechter.

Ich höre immer darauf, wie Menschen über die reden, die nerven, die im Weg stehen, die unangenehm sind und ganz besonders über ihre ehemaligen Partnerinnen. Nicht, weil ich erwarte, dass jeder immer verständnisvoll und zenartig durch die Welt schwebt. Menschen sind genervt, verletzt, wütend und dann manchmal ungerecht. Das ist schlichtweg menschlich und Freundinnen/Partnerinnen sind auch dafür da sich mal den Frust vom Herzen zu reden.

Aber ich höre darauf, ob andere Menschen in diesen Geschichten noch Menschen bleiben.

Die beste Prüfung sind oft die Ex-Freundinnen. Wenn angeblich jede Ex eine Narzisstin, ein Arschloch oder eine manipulative Dämonin war, werde ich vorsichtig. Nicht, weil das unmöglich wäre. Sondern weil ich mich frage, warum in all diesen Geschichten kein eigener Anteil, kein Zweifel an der eigenen Sicht der Dinge und keine Grautöne vorkommen. Ein einfaches: "Naja, es hat halt nicht gepasst mit uns." ist da schon was wert.

Und der schnelle Alltagstest funktioniert genauso. Wie redet jemand über laute Jugendliche, über die Betrunkene an der Bushaltestelle oder über die Obdachlose, die gerade bettelt? Kommt irgendwann ein Satz wie: „Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag." Oder: „Ist schon hart, auf der Straße zu leben." Muss kein Mitleid sein. Nur die Anerkennung, dass da ein Mensch steht.

Denn irgendwann nervt jede mal. Irgendwann enttäuscht jede jemanden. Und wenn Menschen für jemanden in dem Moment ihre Menschlichkeit verlieren, frage ich mich immer, was passiert, wenn ich eines Tages auf dieser Seite der Geschichte stehe.

Menschen dürfen urteilen. Menschen dürfen sagen, dass sie mit etwas nicht klarkommen, ob nun mit einem Verhalten, einer Altersgruppe, einem Lebensstil oder sogar einem bestimmten Geschlecht. Dafür gibt es tausend Gründe, und viele davon sind nachvollziehbar, auch wenn man sie selbst nicht teilt.

Der entscheidende Unterschied liegt für mich nicht darin, dass jemand etwas ablehnt, sondern wie diese Ablehnung sprachlich verortet wird.

„Ich komme mit X nicht klar", "Ich mag nicht wenn jemand X ist." oder ähnliches bleibt im eigenen Erleben. Es beschreibt eine Grenze der eigenen Verträglichkeit, nicht eine Eigenschaft der Welt.

„Alle X sind Y" verschiebt genau diese Grenze nach außen. Aus einem subjektiven Urteil wird eine vermeintliche Tatsache über ganze Gruppen.

Und genau an dieser Stelle beginnt für mich der relevante Unterschied. Jeder Mensch ist mal emotional oder auch unfair, aber worauf ich achte ist, ob jemand noch erkennt, dass es ihr Urteil ist und keine allgemeingültige Beschreibung von Menschen.

Wenn diese Korrektur fehlt, wenn aus einzelnen Erfahrungen stabile Feindbilder werden und Menschen nicht mehr als Individuen gedacht werden, sondern nur noch als Kategorien. Das ist der Punkt, an dem ich vorsichtig werde.

Das ist für mich keine Vorliebe und kein No-Go.

Das ist meine klare Red Flag: Menschen die jedem nervigen Mitmenschen die Menschlichkeit absprechen, sollte man meiden. Sonst gerät man selbst eines Tages an diese Position.

 

310 Über die unangenehmen Anfänge in Pornos

Das hier ist eine persönliche Beobachtung zu Mainstream-Pornografie. Es geht ausdrücklich nicht um Sexualität an sich, nicht um das eigentliche Rein-Raus im Porno, nicht um den allgemeinen Realismus von Körpern und Leistung, auch nicht um alle Formen von Pornografie, (z.B. BDSM, Amateur-Formate oder Pornos 'für Frauen' können total anders aufgebaut sein, ohne dass ich jetzt über eine Bewertung dieser Formate diskutieren möchte). Es geht ausschließlich um den wiederkehrenden Aufbau in einem großen Teil von Mainstream-Produktionen, genauer gesagt die kleinen Storys vor dem eigentlichen Sex.

Wie wird also die Begegnung, die Situation, die Rollen, die Beziehung der Menschen zueinander inszeniert? Meine persönliche Wahrnehmung dieses Vorspanns ist, dass er sich in vielen Fällen nach einem sehr gleichförmigen Muster entwickelt. Menschen, die aufgrund der Situation oder großer Unterschiede im normalen Alltagskontext nur unwahrscheinlich sofort intensiven Sex hätten, sind nach 2 Minuten voll in Action.

Bei mir löst genau dieser Teil selten Erotik aus, sondern eher Irritation bis Beklemmung, weil es oft Situationen sind, die ich persönlich eher als beängstigend oder unangenehm einordnen würde.

Die meisten dieser Filmchen könnte man in der selben Zeit nachsychronisieren mit Texten, die mir Lust machen würden, einfach in dem man die Rollen der Handelnden ändern würde.

In diesem Sinn wirkt es auf mich fast so, als könnte man die meisten dieser kurzen Geschichten theoretisch auch weglassen und direkt beim Sex ansetzen, ohne dass dabei etwas Wesentliches verloren ginge.

Mich irritiert nicht, dass es auf diese Art inszenierte Szenen gibt (Rule 34: „If it exists, there is porn of it. No exceptions."). Sondern ihre auffällige Häufigkeit im Mainstream.

Ob diese Muster tatsächlich das widerspiegeln, was Menschen bewusst suchen, oder aus einer Produktionslogik entstehen, ist für mich offen.

 

 

311 Erfahrungsbericht zum Monat Abstinenz von US Big Tech

Das ist mein Erfahrungsbericht über den Monat mit den Europäischen Alternativen zu US Big Tech und speziell Social Media ohne Algorithmen.

Diese Ersatz-Plattformen fühlten sich für mich lauwarm an, schal, abgestanden… nach Kaffee ohne Koffein. Es ist grundsätzlich Social Media aber ist kein Wirkstoff drin.

Danach wusste ich auf jeden Fall: es sind die Algorithmen, nach denen ich süchtig bin.

Das ist eine gute Erkenntnis.

Die schlechte Erkenntnis ist diese Plattformen ohne Algorithmen würden es niemals schaffen, mir das zu ersetzen, was ich an Social Media mag und brauche.

Bei manchen ist es die Bubble auf der Plattform selbst. Besonders zu nennen ist hier Substack bei dem die Bubble quasi nur aus Bildungsbürgern und Autoren besteht. Das hört sich immer nach Leuten an, die so unglaublich offen sind. Sind sie auch, solange du nicht versuchst, einer von ihnen zu werden. Im Prinzip sind ein Teil der Menschen gegen die ich schreibe. Und der einzige Teil der erwachsenen Menschen, für die ich NICHT schreibe.

Bei anderen ist es einfach das technische, wie bei Mastodon zum Beispiel. Suchtgefahr ist dort nicht gegeben. Spaß-Gefahr auch nicht, zumindest für mich.

Da das ganze ja kein Versuch mit Algorithmen allgemein war, sondern ein Versuch bezogen auf US amerikanische Plattformen, habe ich in dieser Zeit auch Lemmy bzw. feddit.de entdeckt. Diese Plattform hat gewisse Algorithmen und tatsächlich hat sie für mich auch einen Reiz. Auch wenn sie genauso ärgerlich wie Reddit sein kann. Aber dieser Versuchsmonat ist ja doch schon ne Weile vorbei und trotzdem hatte ich diesen hier Text bis heute noch nicht geschrieben.

Woran lag das?

Zum einen lag es an dem Rückfall. Ein Rückfall ist den meisten Süchtigen so ein bisschen peinlich, obwohl er das nicht hätte sein sollen, beweist er doch auch nur erneut die Sucht. Der Rückfall war mit der Plattform Threads. Von der ich vorher schon wusste, dass sie mein Kryptonit ist. Keine Plattform macht mir so viel Spaß. Bei keiner Plattform kommt das was ich schreibe so gut an (auf Reddit lesen und kommentieren es manchmal mehr Leute, aber meistens hassen sie es dort ja)

Zum Anderen war ja nun klar: Sucht ist gegeben.

Ich möchte nicht süchtig sein Denn ich will selbst mein Verhalten bestimmen und keine Sucht bestimmen lassen. Das Problem ist mein selbst gewählter Beruf ist Autor und Content Creator auf Social Media.

Das Problem ist Plattformen wie eben Substack laufen nicht ohne Verlinkungen.

Das Problem ist nur verlinken auf einer Plattform wie Threads widerspricht meinem eigenen Projekt und der Plattform Logik.

Noch dazu gibt man einem Alkoholiker nicht jeden Tag ein Glas Bier in die Hand und sagt: „Aber nicht trinken“ und das wäre die Entsprechung, wenn ich jeden oder jeden zweiten Tag einen Link zu einem Text auf Threads posten würde.

Es bleiben also verschiedene Lösungen:

  • Weiter nutzen wie bisher in dem Wissen, dass es Sucht ist (das würde ich hassen, weil ich es hasse süchtig zu sein)
  • Nur Threads aus dem Social Media Kosmos entfernen (das ist die Plattform die die meisten Leser fürs Projekt bringt)
  • alle algorithmischen Plattformen aus dem Projekt entfernen (das würde dem Projekt enorm schaden)
  • Komplett abstinent von Social Media werden (das würde das Projekt beenden)

Die Sucht in mir schreit nach Lösung 1…

Die selbst-ermächtigte Person in mir, die gerne Entscheidungsfreiheit hat, brüllt, dass das Knechtschaft wäre.

Die Sucht meckert, dass ein ganz kleines bisschen ja ginge und das doch gar nicht so arg schaden würde.

Die Sucht sagt: “Dann schalt doch die Benachrichtigungen aus, lösch die App, schau nur noch auf dem PC rein.”

Der sucht-erfahrene Mensch in mir zieht die Augenbraue hoch: „Baby, das haben wir doch alles schon durch. Das wird hart. Das werden ein paar Monate Entzugserscheinungen und dann wird es leichter und irgendwann denkst du gar nicht mehr dran. Das kennen wir mit dem Alkohol und dann mit den Zigaretten. Das schaffen wir auch mit Threads.“

Am Ende höre ich auf die verhaltenstherapeutischen Einwände meines inneren sucht-erfahrenen Menschen und entscheide mich zunächst für die Lösung zwei.

Und weil es immer nur einen einzigen Moment gibt, um eine Sucht zu beenden (JETZT! … falls sich jemand gefragt hat, welcher Moment), werde ich das jetzt tun: Freitag, 26.06.2026, 11:45 Uhr

Weil ich trotzdem Autor bin, werde ich das einmal posten auf Threads. Im Kommentar dort alle anderen Accounts schreiben und am 03.07.2026, 11:45 Uhr den Threads Account löschen.

Abstinenz ist der einzige Weg aus der Sucht, der bei mir funktioniert. Mal schauen ob es später sogar Lösung 3 - 4 sein muss.

312 So schön, schön war die Zeit...

Heute hat Facebook mir wieder einen alten Beitrag vorgeschlagen (siehe Link ganz unten). Einen, den ich mittlerweile fast jedes Jahr noch einmal teile.

Und jedes Jahr lasse ich den Text unverändert.

Zum einen leider: "Wenn nicht die Hälfte Deutschlands gerade ihren xenophoben Trieben freien Lauf ließe und mir das scheiß Angst machen würde..." Ich hoffe immer noch, dass irgendwann der Tag kommt, an dem ich diesen Halbsatz streichen kann. Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn er einfach nicht mehr wahr wäre.

Auf der anderen Seite kann ich mein Glück kaum fassen. Denn der andere Teil stimmt seit Jahren genauso. Damals schrieb ich: "Mein Leben war noch nie so gut wie jetzt. Aber damals dachte ich das auch schon."

Das Verrückte ist: Auch heute stimmt dieser Satz schon wieder.

Manche Menschen sind nicht mehr Teil meines Lebens, neue Menschen sind Teil meines Lebens geworden, manche waren nur kurz ein Teil davon.

Aber eines ist geblieben:

Das größte Glück und das größte Abenteuer in meinem Leben waren und sind die Menschen darin.

Gemeinsame Gespräche. Gemeinsame Erlebnisse. Menschen, die mit einem lachen, streiten, erleben, arbeiten oder einfach einen Abschnitt des Weges mitgehen.

Mein Leben wird immer nur schön, durch die Menschen darin.

Auf noch mehr beste Zeiten im Leben!

🍻 (auf meiner Seite mit Rhabarberlimo)


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313 Vapes - Déjà-vu eines Rauchers

Ich verwende ein generisches Femininum und meine damit alle Geschlechter.

Als ich heute wieder ein Video über Vapes gesehen habe, musste ich an eine Zeit zurückdenken, in der ich selbst begeistert gedampft habe. Bevor ich damals mit dem Dampfen angefangen habe, war ich ungefähr 30 Jahre lang Raucher.

Doch als die ersten E-Zigaretten aufkamen, war das eine völlig andere Welt als die heutigen Einweg-Vapes. Wir hatten Metall-Akkuträger und abschraubbare Verdampfer, haben selbst Wicklungen gebaut, Watte eingezogen, Liquids gemischt und über die Technik diskutiert. Das Ganze war fast schon ein Nerd-Hobby.

Quasi alle Dampferinnen, die ich damals kannte, waren vorher Raucherinnen und wollten meist von der Zigarette weg. Manche wegen ihrer Gesundheit, manche wegen ihrer Familie, manche wegen des Geldes, manche wegen des Geruchs und viele einfach, weil sie hofften, eine weniger schädliche Alternative gefunden zu haben, ohne auf Nikotin verzichten zu müssen.

Ich halte diesen Gedanken der Schadensminimierung bis heute für grundsätzlich richtig. Wenn jemand seit Jahrzehnten raucht und den Ausstieg nicht schafft, dann erscheint es mir vernünftig, auf eine Form des Nikotinkonsums umzusteigen, die nach heutigem Kenntnisstand wahrscheinlich weniger schadet als das Verbrennen von Tabak. Weniger schädlich bedeutet nicht harmlos, aber es kann für langjährige Raucherinnen trotzdem ein sinnvoller Schritt sein.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Dampferwelt änderten sich, vieles wurde komplizierter und für mich verlor das Thema seinen Reiz. Ich bin leider damals zurück zur Zigarette und rauchte noch einige Jahre weiter. Erst deutlich später gelang mir der endgültige Ausstieg. Nicht in erster Linie aus Angst vor Krankheit, sondern weil ich irgendwann nicht mehr von einer Sucht bestimmt werden wollte.

Wenn ich heute auf das Thema schaue, beschäftigt mich allerdings etwas ganz anderes.

Ich bin 1982 geboren. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Zigaretten nicht einfach nur verkauft wurden. Sie wurden erzählt. Aus meiner Sicht wurden Zigaretten als Freiheit inszeniert, als Rebellion, als Feminismus, als Individualität, als Coolness, als Erwachsensein. Bei uns in der Clique rauchten viele Gauloises. Wir haben uns gegenseitig erzählt, das seien die Zigaretten der französischen Freiheitskämpfer. Ob das historisch nun völlig korrekt war oder nicht, spielte keine Rolle. Entscheidend war das Bild, das dadurch entstand.

Man fängt nicht an zu rauchen, weil man nikotinabhängig ist. Man wird erst abhängig.

Man rauchte, weil andere rauchten. Oder weil andere gerade nicht rauchten. Man wollte dazugehören. Oder sich bewusst absetzen. Man wollte erwachsen wirken, rebellisch sein oder einfach Teil einer Gruppe sein.

Jugendliche sind nicht dumm. Aber sie befinden sich in einer Lebensphase, in der die Frage "Wie sehen mich andere?" eine enorme Bedeutung hat. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Man probiert Identitäten aus, sucht seinen Platz und orientiert sich an Menschen, die man bewundert.

Genau deshalb ertappe ich mich dabei, dass ich bei manchen Inhalten rund um Vapes ein ähnliches Gefühl bekomme wie früher bei der Zigarettenwerbung. Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht nehme ich das auch nur deshalb so wahr, weil ich mit genau diesen Bildern groß geworden bin.

Aber dieses Gefühl werde ich nicht los, dass wir gerade erleben, wie sich dieselben Mechanismen in einer neuen Form wiederholen. Kann es sein, dass wieder ein potentiell suchterzeugendes Produkt als cool und hip präsentiert wird?

Ich finde, genau darüber sollten wir sprechen. Hinzu kommt, dass ich der Tabakindustrie grundsätzlich mit einer gewissen Skepsis begegne. Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungserzählungen, sondern wegen ihrer gut dokumentierten Geschichte. Über Jahrzehnte wurden Gesundheitsrisiken heruntergespielt, wissenschaftliche Erkenntnisse bestritten oder verzögert anerkannt. Dieses historische Erbe verschwindet nicht einfach. Und genau diese Tabakindustrie ist am Geschäft mit den Vapes stark beteiligt.

Mich würde deshalb interessieren, wie Menschen unterschiedlicher Generationen das sehen.

Wer wie ich mit der klassischen Zigarettenwerbung groß geworden ist: Empfindet ihr es auch als Déjà-vu?

Und diejenigen, die deutlich jünger sind: Wirkt das auf euch ganz anders, als ich es wahrnehme?

Vielleicht denke ich aufgrund meiner eigenen Suchtgeschichte, dass junge Menschen möglichst wenig mit Stoffen in Berührung kommen sollten, die abhängig machen können. Gerade deshalb interessiert mich, ob andere Menschen das ähnlich oder völlig anders wahrnehmen.

Zu meiner Suchtgeschichte habe ich bereits viele Texte geschrieben: Open Source Texte auf der Dropbox (Link im Kommentar) Zur freien Verwendung und Weitergabe, bei Verwendung bitte "Jemand DrachenSchaf" als Autor angeben.

 

 

314 Blitzlicht: Endlich Dangast

Dieses Blitzlicht möchte ich der Betreiberin eines kleinen Second-Hand-Ladens in Wilhelmshaven widmen. Als ich noch ganz neu hier war, hat sie mich unglaublich freundlich empfangen und sich viel Zeit genommen, mir Tipps für die Umgebung zu geben. Einer dieser Tipps war Dangast. Mit einem Satz machte sie mich neugierig: "Fahr am Wochenende hin. Dann gibt es dort den besten Rhabarberkuchen der Welt."

Von diesem Moment an wollte ich nach Dangast.

Wochenlang kam immer etwas dazwischen, erst mein eigener Umzug, dann der Besuch auf Wangerooge, dann der Kurztrip nach Hamburg, dann war das Wetter schlecht, dann wieder viel zu heiß, an einem Wochenende war ich bei meiner Familie in Franken, Ende Mai lernte ich dann den wunderbaren Herrn Schmitt kennen, der allerdings mitten im Umzug steckte. Zwischen Verliebtheit, Umzugswahnsinn und all den anderen Plänen rückte Dangast immer weiter nach hinten.

Am 21. Juni war es dann endlich so weit.

Dangast ist wirklich ein wunderschöner Ort. Die kleinen Häuser liegen teilweise zwischen den Bäumen, der Strand ist malerisch und von der Promenade aus blickt man über die Jadebucht bis nach Wilhelmshaven. Überall entdeckt man Kunstwerke, kleine Details und liebevoll gestaltete Ecken.

Wegen der Einschränkung aufs Wochenende war allerdings auch viel los. Ein Kunsthandwerkermarkt lockt dann zusätzlich Besucher an. Gleichzeitig nutzten wir die Gelegenheit, uns schon einmal verschiedene Hotels anzusehen. Meine Mutter überlegt nämlich, irgendwann einmal ein paar Tage dort zu verbringen. Einige der Unterkünfte machten tatsächlich einen guten Eindruck. Zwischendurch kehrten wir in der „Pricke" ein. Dort gab es dann Kibbelinge und eine Rhabarberlimonade. Allein dafür hätte sich die Fahrt schon fast gelohnt.

Aber natürlich wartete noch der eigentliche Höhepunkt.

TROMMELWIRBEL!

Im Kurhaus bestellten wir den berühmten Rhabarberkuchen. Und ich muss zugeben: Die Dame aus dem Second-Hand-Laden hatte nicht übertrieben. Es war tatsächlich der beste Rhabarberkuchen, den ich je gegessen habe. Unten ein angenehm luftiger Boden, darüber der wunderbar saure Rhabarber und als Krönung eine fluffig-knusprig-süße Baiserschicht. Jede einzelne Komponente passte perfekt zu den anderen. Einer dieser seltenen Momente, in denen man versteht, warum ein Kuchen regelrecht berühmt geworden ist.

So schön Dangast auch ist, eine Erkenntnis blieb trotzdem: Für mich persönlich ist dort an einem sonnigen Wochenende einfach zu viel los. Es war warm, aber durch die vielen Bäume angenehm schattig, also eigentlich ideale Bedingungen für einen Ausflug. Genau deshalb schien aber auch halb Norddeutschland dieselbe Idee gehabt zu haben. Das ist super für den Ort und die Läden dort, mir persönlich war die Menschenmenge jedoch etwas zu viel.

Was mir dieser Tag außerdem noch einmal gezeigt hat, war etwas ganz anderes.

Mit meinem Herrn Schmitt unterwegs zu sein fühlt sich einfach selbstverständlich an. Wir funktionieren als Team. Man kann sich aufeinander verlassen, ergänzt sich gut und selbst ein voller Ausflugstag macht gemeinsam Spaß. Das ist etwas sehr viel Besseres, als es sich anhört, denn eigentlich bin ich überhaupt kein Teamplayer.

Dangast wird mich wiedersehen. Der Rhabarberkuchen ist ein Bufffood, für das sich jeder Raid lohnt. Mein Teammate und ich meistern jeden Zerg. (Für Nicht-Gamer: Der Kuchen gibt Bonuspunkte für die Moral. Gemeinsam kommen wir auch durch die größte Menschenmenge.)

 

 

315 Communities und Influencer-Werbung

Influencer-Communities und Werbung Dieser Text entstand aus den weiterführenden Gedanken zu den Kommentaren zum Text "Vapes - Déjà-vu eines Rauchers". Außerdem knüpft er an zwei ältere Texte von mir an: einen über "parasoziale Beziehungen" und einen sehr augenzwinkernden Text "Holy". 
Der Text arbeitet wieder mit einem generischen Femininum, gemeint sind alle Geschlechter. Englische Berufsbezeichnungen verwende ich in ihrer ursprünglichen Form. (Links in den Kommentaren)

Der Text über Holy endete mit der Ankündigung, dass sie mich irgendwann schon kriegen würden. Nun ja, es ist passiert. Ich habe Holy getrunken. Nicht einmal, weil ich es gekauft hätte. Ich half meinem Herrn Schmitt beim Umzug. Es war heiß. Er meinte, ich könne mir einfach ein Iso-Getränk machen. Ich nahm das Päckchen in die Hand, drehte es um und musste lachen. Holy! "Du hast Holy?", fragte ich belustigt. "Ja. Ein Bekannter von mir hat eine Kooperation mit Holy." (Kleine Rezension am Rande: War völlig in Ordnung, trinkbar.)

Aber eigentlich geht es mir gar nicht um Holy. Es ist für mich nur ein Beispiel. Mich beschäftigt etwas anderes. Wie kann es sein, dass Unternehmen so viel Geld in Influencer investieren? Und zwar nicht nur in die ganz Großen, sondern auch in unzählige kleinere Creators mit vergleichsweise kleinen Communities.

Ich glaube, wir unterschätzen Communities. Nicht die Followerzahlen. Nicht die Klicks. Communities.

Als ich aufgewachsen bin, waren Stars Menschen, die durch Talent, Förderung, Produktionsfirmen oder klassische Medien groß geworden waren.

Thomas Gottschalk moderierte Wetten, dass...?

Boris Becker gewann Wimbledon.

Ralf Schumacher fuhr Formel 1.

Natürlich schauten wir zu. Natürlich machten wir Quote. Natürlich kauften manche später vielleicht sogar Produkte, für die sie warben. Aber ich denke die meisten hatten nicht das Gefühl, an ihrem Aufstieg wirklich beteiligt gewesen zu sein.

Bei vielen Content-Creators ist das anders. Eine Community erlebt den Weg mit, mehr als das, sie ebnet den Weg. Jeder Like, jeder Kommentar, jede Stunde Watchtime hilft in der ersten Phase. Dann die Zeitspanne, in der aus einem Hobby langsam ein Beruf wird, in dem man mit Spenden und Abos hilft. Dann kommt das erste Placement... Die Community benutzt Creator-Codes. Sie erzählt anderen davon.

Natürlich macht niemand einen Creator allein groß, aber gemeinsam entsteht etwas Merkwürdiges. Nicht nur der Creator wächst, auch die Community entwickelt eine gemeinsame Geschichte.

Deshalb funktionieren Begriffe wie OG ("Original Gangster"), Day One oder Gründerabzeichen auf Twitch und ähnlichen Plattformen überhaupt. Sie alle markieren Menschen, die von Anfang an dabei waren.

Sie bedeuten nicht einfach: "Ich war früh dabei." Sie bedeuten:

"Wir haben das gemeinsam aufgebaut."

Und genau dort beginnt meiner Meinung nach etwas, das klassische Prominenz so kaum kannte. Es entsteht eine gemeinsame Origin Story. Nicht die Geschichte eines Stars. Sondern die Geschichte einer Gemeinschaft.

Vielleicht liegt genau darin auch ein Teil der Stärke von Influencer-Werbung und auch ihre Gefahren. Viele Menschen kaufen ein Produkt nicht nur, weil sie das Produkt möchten. Sie benutzen einen Creator-Code, weil sie jemanden unterstützen möchten, dessen Weg sie seit Jahren begleiten und fördern. Das ist oft nicht mal eine Täuschung. Oft ist das sogar völlig transparent. Dadurch verschwindet der Einfluss dieses Mechanismus allerdings nicht.

Ich glaube übrigens nicht, dass sich die Menschheit grundlegend verändert hat. Wir sind immer noch dieselbe Spezies. Viele Menschen suchen Gruppenzugehörigkeit. Die meisten erzählen sich gemeinsame Geschichten. Die meisten erinnern sich gern gemeinsam. Die Gruppe kann Teil der Identität werden.

Plattformen ermöglichen heute Gemeinschaften in einer Größenordnung und Intensität, die früher so kaum möglich gewesen wären. Die technischen Möglichkeiten passen erstaunlich gut zu sehr menschlichen Bedürfnissen.

Holy ist ein relativ harmloses, leicht überteuertes Produkt und gerade dabei aus der Social-Media-Blase herauszuwachsen. Es steht mittlerweile im Supermarkt. Es steht bei Freunden. Bei Geschwistern. Bei Bekannten. Menschen trinken Holy, obwohl sie vielleicht nie einen Stream gesehen haben.

Das ist übrigens weder gut noch schlecht. Denn dieselben Mechanismen können auch Produkte verbreiten, die deutlich problematischer sind.

Und wer lange genug im Internet unterwegs ist, kennt nicht nur Communities, die gemeinsam etwas aufbauen (und sei es etwas sinnfreies und möglicherweise kommerzielles), sondern auch solche, die sich über Ausgrenzung, Feindbilder oder Hass definieren. 4chan dürfte vielen als eines der bekanntesten Beispiele ein Begriff sein. Das ist für mich kein anderer Mechanismus. Es ist derselbe soziale Motor. Nur mit einem anderen Ergebnis.

Vielleicht hilft es mehr, Communities zu verstehen als einzelne Plattformen oder einzelne Influencer, um mit den Herausforderungen durch Social Media klar zu kommen. Was finden Menschen dort (leichter) als anderswo? Warum fehlt es ihnen an anderen Orten? Warum entstehen aus denselben Mechanismen manchmal Gemeinschaften, die Menschen auffangen, und manchmal Gemeinschaften, die sich über Feindbilder definieren?

 

 

316 Warum erzählst du mir das?

Warum erzählst du mir das?

Seit Jahren beschäftigt mich eine Frage.

Bevor ich sie stelle, möchte ich ein bisschen was klarstellen.

Niemand muss sich wegen dieses Textes schuldig fühlen.

Nicht der trockene Alkoholiker.

Nicht der nasse Alkoholiker.

Nicht der Mensch mit problematischem Alkoholkonsum.

Nicht der Partysäufer.

Nicht der Gelegenheits- oder Wenigtrinker.

Nicht der Abstinenzler.

Wenn ich sage: „Ich bin trockener Alkoholiker.", dann sage ich nichts über dich.

Ich sage nicht, dass du zu viel trinkst.

Ich sage nicht, dass du abstinent leben solltest.

Ich sage nur etwas über mich: "Ich habe eine Alkoholsucht. Deshalb lebe ich abstinent."

Die einzige Information, die für dich unmittelbar relevant ist, lautet eigentlich nur: „Bitte biete mir keinen Alkohol an."

Ich verspreche übrigens: Ich werde keine Antwort auf meine Frage verurteilen. Ich möchte die Antworten verstehen.

Damit allerdings kein Missverständnis entsteht: Es gibt Menschen, an die sich meine Frage ausdrücklich NICHT richtet:

Wenn du Angst hast, dass dein Alkoholkonsum problematisch geworden sein könnte, dann erzähl, was du erzählen möchtest. Frag, was du fragen möchtest.

Ob bei mir oder bei irgendeinem anderen trockenen Alkoholiker.

Nicht, weil wir automatisch die richtigen Antworten hätten.

Sondern weil das Aussprechen dieser Sorge vor einem anderen Menschen manchmal wichtiger ist als jede Antwort, die du darauf bekommst.

Meine Frage richtet sich an alle anderen:

Wenn ich erzähle, dass ich trockener Alkoholiker bin, höre ich erstaunlich oft Sätze wie:

„Ich trinke ja nur drei- oder viermal im Jahr."

„Ich trinke höchstens mal ein Bier."

„Alle paar Wochen mal ein Glas Wein."

„Ich trinke eigentlich fast nie."

Und jedes Mal frage ich mich:

Warum erzählt ihr mir das?

Ich meine das wirklich als Frage.

Ich suche keine Bestätigung.

Ich suche keine Diskussion darüber, ob Alkohol gut oder schlecht ist.

Ich möchte einfach verstehen, warum so viele Menschen auf meinen Satz „Ich bin trockener Alkoholiker." mit einer Beschreibung ihres eigenen Alkoholkonsums reagieren.

Falls du das selbst schon einmal gemacht hast:

Warum?

 

 

317 Warum erzählt ihr mir das? Teil 2

Vor einigen Tagen habe ich einen Text auf vielen Plattformen veröffentlicht, in dem ich eine Frage stelle, die mich seit Jahren umtreibt:

Warum erzählen mir so viele Menschen nach dem Satz "Ich bin trockener Alkoholiker." ihren eigenen Alkoholkonsum?

Den ersten Text (auf Reddit) verlinke ich hier.
 

Erst einmal danke für die Antworten. Auch wenn über alle Plattformen verteilt erstaunlich wenige Menschen geschrieben haben: "Ja, das mache ich selbst und deshalb.", wurden in den Kommentaren verschiedene mögliche Motive genannt oder vermutet.

Im Wesentlichen lassen sie sich in drei Gruppen einteilen.

1. Selbstbezogene Motive

Einige vermuteten, dass Menschen sich rechtfertigen möchten. Vielleicht geht es um kognitive Dissonanz. Vielleicht um ein schlechtes Gewissen. Vielleicht darum, das eigene Selbstbild zu stabilisieren.

Falls so etwas tatsächlich der Grund sein sollte, möchte ich euch sagen:

Vor mir braucht ihr euch nicht zu rechtfertigen.

Mit dem Satz „Ich bin trockener Alkoholiker." sage ich gar nichts über euch. Wenn wir uns gar nicht kennen, interessiert mich euer Alkoholkonsum ehrlich gesagt überhaupt nicht. Und wenn wir uns kennen, schätze ich euch als selbstständige Menschen zu sehr, um ungefragt über euren Alkoholkonsum zu urteilen.

Mit meinem Satz wollte ich eigentlich nur sagen:

„Ich bin trockener Alkoholiker." und ohne es auszusprechen vor allem: Bitte biete mir keinen Alkohol an.

2. Beziehungsbezogene Motive

Andere vermuteten, dass Menschen Gemeinsamkeit herstellen oder Mitgefühl ausdrücken möchten. Das finde ich einen interessanten Gedanken.

Tatsächlich ist mir durch die Kommentare aufgefallen, dass ich selbst etwas Ähnliches schon gemacht habe. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu sagen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse. Teilweise vielleicht, weil ich mich rechtfertigen möchte. Aber hauptsächlich, weil ich sympathisch wirken und zeigen möchte:

"Wir sind uns vielleicht gar nicht so unähnlich."

Ich bin also selbst ein Beweis, dass so etwas vorkommen kann. Trotzdem glaube ich, dass sich diese Ziele viel klarer ausdrücken lassen. Wenn ihr Mitgefühl ausdrücken möchtet:

"Hut ab. Das stelle ich mir schwer vor."

"Wie lange bist du schon trocken?"

"Wie schaffst du das im Alltag?"

Wenn ihr Gemeinsamkeit ausdrücken möchtet:

"Ich freue mich immer, wenn noch jemand nüchtern auf einer Party bleibt."

Oder wenn ihr eher Richtung Flirting/Kontaktaufbau möchtet:

"Mit mir kannst du problemlos etwas ohne Alkohol unternehmen."

Oder ganz einfach:

"Ich werde dir keinen Alkohol anbieten."

3. Situationsbezogene Motive

Vielleicht wissen manche Menschen auch einfach nicht, was sie sagen sollen. Das ist völlig in Ordnung. Dann sagt etwas Banales:

"Werde ich mir merken."

"Danke, dass du mir das gesagt hast."

"Okay, ich werde dir keinen Alkohol anbieten."

Mehr braucht es gar nicht in der Situation.

Warum mich das überhaupt beschäftigt

Mir war vorher durch eine sehr ehrliche Antwort eines vertrauten Menschen schon klar, dass diese Aussage, nicht immer nur rechtfertigend oder abwertend gemeint ist. Aber bei mir kommt häufig etwas ganz anderes an.

Wenn ich sage:

"Ich bin trockener Alkoholiker."

und als erste Reaktion höre:

"Ich trinke übrigens nur zwei Bier in der Woche."

Dann hört sich das an als würde der andere zu mir sagen:

"Du bist an etwas gescheitert, was für mich gar kein Problem ist."

Ich glaube nicht mehr, dass das in den meisten Fällen so gemeint ist.

Gerade wenn ihr das nicht so meint, hilft dieser Gedanke dem einen oder der anderen, beim nächsten Mal einen kurzen Moment innezuhalten. Nicht, um nichts mehr zu sagen. Sondern um sich zu fragen:

"Was möchte ich eigentlich gerade ausdrücken?"

Denn Mitgefühl, Interesse, Gemeinsamkeit oder Rücksicht lassen sich oft viel klarer ausdrücken, ohne den eigenen Alkoholkonsum überhaupt erwähnen zu müssen.

Und falls ihr euch fragt, welche Antwort mich persönlich am meisten freuen würde:

"Danke, dass du so offen bist. Ich werde dir keinen Alkohol anbieten."

Wenn mehr Menschen auf Outings von trockenen Alkoholikern so reagieren würden, hätte meine kleine Selbstoffenbarung genau das erreicht, wofür sie gedacht war.

P.S.: Im ersten Text hatte ich es erwähnt, aber weil es wichtig ist, hier noch mal... wenn ihr selbst Angst habt problematisch zu trinken und das Gefühl habt mit dem Menschen vor euch reden zu können... dann redet drauf los, fragt drauf los, ob der andere nun Gold oder Müll antwortet, ist zweitrangig. Entscheidend ist, es überhaupt einmal vor einem anderen Menschen laut auszusprechen.

 

318 Warum erzählt ihr mir das? Teil 3: Gedankenexperimente

Die ersten beiden Texte haben bei mir mehr neue Fragen ausgelöst als beantwortet.

Vor allem eine: Was denkst du eigentlich spontan, wenn jemand zu dir sagt „Ich bin trockener Alkoholiker."?

Vielleicht ist es das wert, mal einen Moment darüber nachzudenken.

Je länger ich mich mit den Antworten auf Text 1 beschäftigt habe, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass wir vielleicht gar nicht alle über dasselbe sprechen.

Ich sage:

„Ich bin trockener Alkoholiker."

Durch die Antworten scheint sich aber herauszukristallisieren, dass viele eher eine moralische Überlegenheit meinerseits hören, etwa so:

„Ich bin freiwillig abstinent, weil ich viel Willenskraft habe."

Vielleicht liegt genau dort ein Teil des Missverständnisses. Deshalb habe ich angefangen, mit Gedankenexperimenten zu spielen. Nicht, weil Alkoholismus dasselbe wäre wie Diabetes, Zöliakie, Veganismus oder Allergien. Sondern weil Vergleiche manchmal helfen, Kommunikation besser zu verstehen.

Gedankenexperiment 1: Zöliakie

Stell dir vor, jemand sagt:

„Ich habe Zöliakie."

Würdest du antworten:

„Ich esse übrigens auch nur selten Brot."

Oder würdest du eher sagen:

„Gut zu wissen. Dann achte ich darauf."

Ich vermute Letzteres.

Gedankenexperiment 2: Eine Allergie

Jemand sagt:

„Ich habe eine schwere Erdnussallergie."

Würdest du erzählen, wie gerne du Erdnüsse isst?

Oder würdest du einfach darauf achten, dass keine Erdnüsse im Essen sind?

Auch hier dürfte die Antwort für die meisten ziemlich eindeutig sein.

Gedankenexperiment 3: Typ-2-Diabetes

Dieses Gedankenexperiment beschäftigt mich am meisten.

Stell dir vor, jemand sagt:

„Ich habe Typ-2-Diabetes."

Würdest du antworten:

„Ich vertrage Zucker hervorragend."

Wahrscheinlich nicht.

Du würdest vermutlich eher fragen:

„Gibt es etwas, worauf ich achten sollte?"

Oder einfach denken:

„Das tut mir leid."

Dabei darf ein Mensch mit Typ-2-Diabetes durchaus stolz darauf sein, wie gut er heute mit seiner Krankheit umgeht. Das bedeutet aber nicht, dass er froh darüber ist, sie bekommen zu haben. Genau so empfinde ich meine Trockenheit. Ich bin stolz darauf, seit zwölf Jahren trocken zu sein. Aber hätte ich kontrolliert trinken können, hätte ich nie aufgehört.

Ich wäre lieber nie alkoholkrank geworden.

Gedankenexperiment 4: Veganismus

Hier wurde es für mich plötzlich komplizierter. Denn hier habe ich mich selbst ertappt. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu erzählen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse.

Warum? Vielleicht, weil ich Gemeinsamkeit herstellen möchte. Vielleicht, weil ich sympathisch wirken möchte. Vielleicht sogar ein kleines bisschen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe und mich rechtfertigen will. Das war für mich eine der spannendsten Erkenntnisse aus den Diskussionen.

Ich benutze selbst manchmal genau das Gesprächsmuster, das mich beim Thema Alkohol seit Jahren beschäftigt. Trotzdem sehe ich einen Unterschied. Verzicht aus ethischen oder ökologischen Gründen ist eine freiwillige Entscheidung. Trockenheit aufgrund einer Suchterkrankung empfinde ich anders.

Für mich hat ein trockener Alkoholiker mehr gemeinsam mit einem Menschen, der gelernt hat, mit einer chronischen Krankheit zu leben, als mit jemandem, der Alkohol einfach nicht mag oder freiwillig auf ihn verzichtet.

Eine neue Vermutung

Während der Diskussion ist mir noch eine weitere Frage gekommen.

Haben wir Alkoholismus gesellschaftlich wirklich als Krankheit verinnerlicht?

Oder verstehen wir ihn unbewusst doch eher als eine Frage der Willenskraft?

Vielleicht sehen wir Trockenheit deshalb eher als Tugend denn als Therapie.

Vielleicht erklärt genau das, warum manche Menschen Trockenheit eher wie Veganismus wahrnehmen als wie den Umgang mit einer chronischen Erkrankung. Ich weiß es nicht. Aber ich finde diese Frage inzwischen fast spannender als meine ursprüngliche.

Vielleicht könnt ihr mir dabei helfen.

Welches Gedankenexperiment würdet ihr wählen, um Alkoholismus besser verständlich zu machen?

Und noch eine letzte Frage:

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, was die Trockenheit eines Alkoholikers von freiwilliger Abstinenz unterscheidet?

Zum Schluss möchte ich noch einen Gedanken da lassen, bei dem mir erst durch eure Antworten klar geworden ist, dass er für viele offenbar gar nicht so naheliegend ist:

Trockenheit ist für mich weder ein Zeichen besonderer Willenskraft noch moralischer Überlegenheit. Sie ist der Therapieerfolg einer chronischen Suchterkrankung. Und ich wünsche jedem Menschen, dass er diese Therapie niemals brauchen wird.

 

 

319 Jeder Mensch ist ein Mensch

Ich benutze in diesem Text ein generisches Femininum und meine alle Geschlechter damit, englischsprachige Bezeichnungen bleiben im Original.

Wie kann man nur Schimmelkäse mögen?

Oder Sauerkraut?

Oder Heavy Metal?

Oder Tattoos?

Oder Piercings?

Oder grüne Haare?

Fragen dieser Art höre ich dauernd, an mich, aber auch an andere gerichtet.

"Wie kann man nur ... mögen?"

Ich finde diese Frage inzwischen seltsam. Nicht, weil man sie nicht stellen dürfte. Sondern weil sie so tut, als gäbe es darauf eine allgemeingültige Antwort. Frag zehn tätowierte Leute, warum sie Tattoos mögen. Du bekommst möglicherweise zehn verschiedene Antworten. Also...

Wie kann man nun Tattoos schön finden?

Keine Ahnung!

Frag den einen Menschen mit Tattoos den du vor dir hast.

Wenn du wissen willst, warum eine Person etwas macht, frag höflich diesen Menschen.

Ich glaube nämlich, dass wir viel zu oft über Gruppen reden und viel zu selten mit den einzelnen Leuten. Da sitzt plötzlich "die Motorradfahrerin", "die Borderlinerin", "die Christin", "die Linke", "der Gamer", "die Rentnerin"... Nein!

Vor dir sitzt ein Mensch. Das hört übrigens nie auf. Nicht bei politischen Meinungen. Nicht bei Religion. Nicht bei Diagnosen. Nicht bei Nationalitäten. Nicht bei Geschlecht. Nicht bei irgendetwas.

Jeder Mensch ist ein Mensch.

Und genau deshalb wird es jetzt unbequem. Denn dieser Satz hört auch dann nicht auf, wenn jemand etwas Schreckliches tut.

Ich lese dann oft:

"Das ist kein Mensch."

"Das ist ein Monster."

"Das ist kein richtiger Mann."

Ich verstehe, warum Menschen das sagen. Sie wollen die Tat verurteilen. Das möchte ich auch. Aber ich glaube, wir tun dabei noch etwas anderes, wenn wir entmenschlichen oder aus unserer Gruppe ausschließen: Wir schützen uns selbst.

Denn wenn das ein Monster war...

...dann war es kein Mensch.

Wenn das kein richtiger Mann war...

...dann haben richtige Männer mit so etwas nichts zu tun.

Das fühlt sich angenehm an. Plötzlich ist die eigene Gruppe sauber. Und man selbst gleich mit. Ich glaube nur nicht, dass das stimmt. Es war ein Mensch. Eine Person, die Verantwortung trägt. Und genau deshalb möchte ich diesen Menschen auch Mensch nennen. Nicht, weil ich sie entschuldigen möchte. Sondern weil Verantwortung nur bei Menschen Sinn ergibt. Ein Monster kann gar nichts dafür. Ein Mensch schon. Deshalb kann ein Mensch angeklagt werden. Deshalb kann ein Mensch verurteilt werden. Deshalb kann ein Mensch gesellschaftlich geächtet werden. Weil ein Mensch verantwortlich ist.

Ich glaube sogar, dass darin eine Gefahr liegt.

Denn wenn ich zum Beispiel sage: "Wer so etwas tut, ist kein richtiger Mann." und dann davon ausgehe das ich und/oder meine nahen Leute natürlich richtige Männer sind, dann behaupte ich: "In meiner Gruppe kann so etwas gar nicht passieren." Das klingt beruhigend. Aber es macht mich blind. Denn die Tat ist bereits der Beweis dafür, dass ein Mensch dazu fähig war. Wenn ich sie aus meiner Vorstellung von "uns" entferne, verliere ich auch die Fähigkeit, die eigenen Abgründe zu erkennen. Nicht, weil ich glaube, dass ich so etwas morgen tun werde. Sondern weil ich aufhöre, wachsam gegenüber dem Menschen zu sein. Auch dem Menschen in mir.

Eigentlich geht es in diesem Text aber gar nicht um Täterinnen. Es geht um dich. Und um mich. Ich möchte ein guter Mensch sein. Nicht nur behaupten, einer zu sein. Ich glaube nämlich nicht, dass man einmal beschließt: "Ich bin gut." Und dann ist das für immer erledigt. Ich glaube, Menschlichkeit ist immer ein Pfad von dem man auch abkommen kann. Zum Beispiel dann, wenn ich versucht bin zu sagen: "Die sind doch alle..." Oder: "So einer eben." Oder: "Das ist ein Monster." Denn genau in diesen Momenten verliere ich meiner Ansicht nach ein kleines Stück von dem, was ich eigentlich sein möchte. Nicht, weil ich plötzlich ein Verbrecher werde. Sondern weil ich beginne, Menschen aus der Menschheit herauszunehmen. Und das verändert sie ja nicht. Sondern mich.

 

 

320 Wir sind die Guten

Für mich ist einer der gefährlichsten Sätze, die ein Mensch über sich selbst sagen kann:

„Ich bin ein guter Mensch."

Warum? Weil dieser Satz scheinbar oft das Ende des Nachdenkens markiert, statt seinen Anfang.

Ich frage mich dann immer, was dieser Satz für diese Person eigentlich bedeutet. Wenn möglich, frage ich nach. Die Antworten, die ich im Laufe meines Lebens bekommen habe, haben schließlich zu diesem Text geführt.

Ein Ziel, kein Etikett

Ich glaube nicht, dass jeder Mensch das Ziel haben muss, gut zu sein.

Vielleicht möchte jemand ein großer Künstler werden, eine brillante Wissenschaftlerin, ein religiöser Einsiedler oder einfach ein ruhiges Leben führen. Das sind alles legitime Lebensziele. Keines davon setzt zwingend voraus, ein guter Mensch sein zu wollen.

Ich selbst habe mir dieses Ziel gesetzt. (siehe Geschichte "Jemands Leben - Nur viel davon" 174 GUT SEIN; Link im Kommentar)

Gerade deshalb möchte ich mir das Urteil „Ich bin ein guter Mensch" niemals selbst verleihen. Für mich ist Gutsein kein Zustand, sondern ein Weg. Ein Pfad, der sich mäandernd einem Ziel nähert ohne es je erreichen zu können. Vor allem aber etwas, das sich immer wieder der eigenen Prüfung stellen muss.

Woran messe ich Gutsein?

Allein der Vorsatz, gut sein zu wollen, macht mich noch nicht besser. Deshalb beginnt für mich alles mit Fragen.

Nach welchen Prinzipien lebe ich eigentlich?

Warum gerade nach diesen?

Sind sie gerecht?

Halte ich mich überhaupt an sie?

Und was geschieht mit anderen Menschen, wenn ich ihnen folge?

Ich kann hervorragende Prinzipien besitzen und trotzdem ständig gegen sie verstoßen.

Ich kann aber auch meinen Prinzipien konsequent folgen und irgendwann feststellen, dass genau diese Prinzipien ungerecht sind.

Beides sollte ich immer wieder überprüfen. Nicht einmal. Sondern ein Leben lang.

Jeder Mensch folgt einer Moral

Je länger ich in meinem Leben darüber nachdachte, desto weniger glaubte ich, dass Menschen ohne moralische Vorstellungen existieren. Jeder Mensch ist auf irgendeine Weise sozialisiert und geprägt. Das prägt unsere Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Deshalb gehe ich zunächst einmal davon aus, dass jeder erwachsene Mensch irgendeine moralische Vorstellung hat. Ob ich diese für gut halte, ist eine ganz andere Frage. Ob er den eigenen Vorstellungen überhaupt folgt noch eine andere.

Aber ich kritisiere dann eine Moral und spreche dieser Person nicht eine so grundlegende menschliche Eigenheit ab. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich vorsichtig werde, wenn Menschen die Welt zu schnell in „die Guten" und „die Schlechten" einteilen.

Gutsein geschieht zwischen Menschen

Noch dazu glaube ich nicht, dass Gutsein im Kopf stattfindet. Dort entstehen Prinzipien, Überzeugungen, Moral... Ob sie gut ist, zeigt sich aber erst zwischen Menschen. Man kann großartig über Ethik sprechen. Man kann wunderbare Prinzipien formulieren. Davon wird noch kein Mensch besser behandelt.

Gutsein zeigt sich erst dort, wo Menschen miteinander leben. Deshalb interessieren mich Menschen. Nicht aus bloßer Neugier. Sondern weil ich gar nicht wissen kann, ob ich gut handle, wenn ich mich nicht dafür interessiere, wie mein Handeln auf andere wirkt.

Warum denkt jemand so?

Warum hat er Angst?

Warum wird er wütend?

Warum erlebt er dieselbe Welt so völlig anders?

Warum wirken meine Worte und Handlungen auf ihn so anders als ich es gemeint hatte?

Nicht weil ich allem zustimmen möchte. Nicht weil ich jede Moral akzeptieren müsste. Sondern weil ich wissen möchte, ob mein eigenes Handeln den Menschen gerecht wird. Natürlich gibt es Situationen, in denen Widerspruch notwendig ist. Manchmal verletzen meine Worte. Manchmal müssen sie das sogar. Aber wenn Menschen, denen ich eigentlich guttun möchte, sich durch mein Verhalten immer wieder verletzt, übergangen oder nicht ernst genommen fühlen, dann wäre es seltsam, diese Rückmeldungen grundsätzlich zu ignorieren. Das bedeutet nicht, dass die anderen automatisch recht haben. Aber genauso wenig habe ich automatisch recht.

Selbstprüfung statt Selbstgewissheit

Mit der Zeit ist mir etwas aufgefallen. Es gibt Menschen, die versuchen, gut zu sein. Sie zweifeln. Sie prüfen sich. Sie scheitern. Sie lernen. Mit ihnen kann ich stundenlang reden.

Es gibt Menschen, die dieses Ziel gar nicht verfolgen. Auch das ist legitim.

Und dann gibt es Menschen, die einfach behaupten: „Ich bin gut." Oft ist das harmlos, wenn auch wenig zum Gespräch einladend.

Manchmal bleibt es aber nicht dabei. Dann wird daraus: „Ich bin gut, also sind die anderen schlecht." Genau dort werde ich unruhig. Denn plötzlich werden nicht mehr die eigenen Prinzipien geprüft. Sondern nur noch die anderen. Dabei halten sich die meisten Menschen für moralisch. Auch Menschen, deren Überzeugungen ich entschieden ablehne. Gerade das zeigt, die Überzeugung gut zu sein, schützt vor gar nichts. Sie kann sogar dazu führen, dass ich aufhöre, mich selbst zu hinterfragen.

Mein Maßstab

Ich werde wahrscheinlich niemals wissen, ob ich ein guter Mensch bin. Diese Entscheidung steht mir über mich selbst gar nicht zu. Ich kann nur immer wieder prüfen:

War ich heute meinen Prinzipien gerecht?

Sind diese Prinzipien noch gerecht?

War ich den Menschen gegenüber, denen ich guttun wollte, tatsächlich gut?

War ich heute fairer als gestern?

Mehr kann ich nicht tun.

Aber ich glaube, genau das ist der Weg, sich dem Ziel zu nähern, ein guter Mensch zu sein.

 

 

321 Stadtschönheitsdetektive

Heute sind es bemalte Wände aus Wilhelmshaven.

Morgen vielleicht ein Park in Hagen.

Eine Straßenecke in Bitterfeld.

Blumen in einem Park in München.

Oder der Fischmarkt in Hamburg bei Sonnenaufgang.

Dieses Reel ist keine Challenge.

 

Wenn ihr mögt, zeigt die Schönheit eurer eigenen Stadt. Ganz egal, ob sie als schön oder hässlich gilt.

 

Ob als Antwort auf dieses Reel. Oder mit einer Verlinkung. Oder einfach auf eurem eigenen Profil. Oder auf einer anderen Plattform. Ganz wie ihr möchtet.

 

Was wir davon haben? Mehr Schönheit gesehen.

322 Lange graue Haare. Ein Abschied.

Ich versuche es mit Humor zu nehmen. Was bleibt mir auch anderes übrig?

Ich habe meine Haare mein Leben lang gehasst. Sie waren fusselig, dünn, schnell fettig, ständig verknotet und nie dort, wo sie sein sollten. Aus jedem Zopf arbeiteten sie sich wieder heraus, um anschließend im Gesicht herumzufliegen.

Und dann war da noch die Farbe. "Aschblond", nennen Friseure das. Ein erstaunlich freundlicher Begriff für das, was ich immer als mausgrau, schmutziggrau oder Straßenköterbraun empfunden habe.

2020 änderte sich etwas. Meine Haare waren damals gerade sehr kurz, naturfarben, und mir fielen die grauen Strähnen auf. Es waren nicht mehr nur einzelne Haare, sondern deutliche Silbersträhnen.

Zum ersten Mal hoffte ich darauf, meine Haare mögen zu können. Denn eine Frisur fand ich schon immer wunderschön: lange graue Haare. Bei Männern genauso wie bei Frauen. Sie lassen einen Menschen für mich würdevoll, charaktervoll, gleichzeitig cool und auf eine ganz eigene Art schön wirken. Das wollte ich für mich auch.

Also begann eine ungewöhnliche Quest. Der Ziergegenstand (Ziergegenstände haben in Rollenspielen meist nur optischen Wert) „Lange graue Haare“ lässt sich ohne Cheating (färben oder Haarverlängerung) weder kaufen noch herstellen. Man erhält ihn ausschließlich durch Geduld und zwar jahrelang. Eigentlich nicht gerade eine Stärke von mir.

Ich überstand die Phase, in der die Haare zu kurz waren, um hinter den Ohren zu halten, aber lang genug, um in die Augen zu fallen. Ich überstand die Schulterlänge, bei der meine Haare NOCH schneller unordentlich aussahen. Ich widerstand unzähligen Gelegenheiten, sie einfach wieder abschneiden zu lassen.

Im Laufe der Jahre war dann der ersehnte Ziergegenstand endlich freigeschaltet. Ich fand meine Haare zum ersten Mal schön. Ich genoss, dass mir (tatsächlich oder eingebildet) Lebenserfahrung und Wissen zugestanden wurde. Ich sonnte mich im Glanz meiner silbernen Pracht.

Dann zog ich an die Nordsee.

Nach zwei Tagen war klar: Hüte sind hier keine sinnvolle Ausrüstung. Das konnte ich, obwohl Hutliebhaber, erstaunlich gelassen hinnehmen.

Bei den langen Haaren kämpfte ich deutlich länger. Ich wohne nun seit gut drei Monaten hier und wollte nicht aufgeben, aber gegen den Nordseewind helfen weder Zopf noch Haarspange noch Haarklammer. Irgendwann hängen sie wieder im Mund, in den Augen oder kleben bei Wärme überall dort, wo sie gerade nicht sein sollen.

Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ein Ziergegenstand zwar wunderschön sein kann, aber er ist es nicht wert, dass er jeden Tag stört.

Lange graue Haare!

ihr wart die erste Frisur meines Lebens, die ich wirklich an mir geliebt habe.

Es hat Jahre gedauert, euch zu bekommen.

Versteht mich nicht falsch, ihr seid für mich die schönste Frisur von allen.

Aber heute werde ich mich von euch verabschieden.

Mit schwerem Herzen.

Die Nordsee hat gewonnen.

Und gestern, am 30.07.2026 endete dann meine "lange graue Haare"-Phase. Ein bisschen ein weinendes Auge habe ich dabei. Die neue Frisur ist praktischer, aber weniger sinnlich in meinen Augen. Momentan ist es eine recht durchschnittliche "Alte-Frauen-Frisur", aber wer mich lange kennt, weiß, dass kurze Haare zu Veränderungen anregen. In 8 Wochen muss ich eh wieder zum Friseur. Ich bin schon gespannt, was mir einfällt bis dahin.

323 Blitzlichter aus dem Juli - Erlebniskalender auf „so viel wie geht“

 Der Juli war so voll. Voller neuer Erfahrungen, die später sicher zu schönen Erinnerungen werden, voller Erlebnisse und Bekanntschaften, dass ich einfach nicht dazu gekommen bin, wie üblich relativ zeitnah festzuhalten, was alles passiert ist. Deshalb gibt es diesmal keine einzelnen Texte zu jedem Erlebnis, sondern einen kleinen Monatsüberblick mit ein paar Bildern und den Geschichten, die dahinter stecken.

Bilder chronologisch im Video

Und wenn ich jetzt auf diesen Monat zurückblicke, frage ich mich ein bisschen, wie das alles eigentlich in vier Wochen gepasst hat. Da war zum Beispiel das Wochenende an der Jade mit seinem Piratendorf, dem Markt am Bontekai und am Südstrand, mit Flammlachs, Poffertjes und niederländischem Gulasch. Wir waren unterwegs, haben geguckt, gegessen, uns treiben lassen und einfach schöne Tage gehabt.

Es gab außerdem Dinge, die viel alltäglicher waren und gerade deshalb dazugehören. Mein Herr Schmitt meldete seinen Wohnsitz in Wilhelmshaven an. Wir kochten zum ersten Mal gemeinsam in seiner Küche. Es wurde in den Wochen allgemein viel geräumt, eingerichtet und auch gezockt. Jap, ich habe jemanden nach Herr der Ringe Online süchtig gemacht. Er hatte ein wenig meine Jägerin gezockt… Manche Empfehlungen eines Spiels enden mit einem „Ich schau mir das irgendwann noch mal an.“, manche mit einer Axt mehr bei „Thorins Tor“.🪓 Und das obwohl er seit über 20 Jahren fast ausschließlich World of Warcraft gezockt hatte. Ich bin allerdings mit diesem Game nie warm geworden. Nun ja… meine kleine Untote erwachte kürzlich in Todesend und versucht nun ab und an verzweifelt Leute zu schafen.

Mein Herr Schmitt ist ja im selben Jahr geboren wie ich, weshalb es mir frei steht zu sagen: möglicherweise dürfen seine Augen mittlerweile eine Leseunterstützung fordern. Aus mir zunächst unerklärlichen Gründen sollte dieses Gear in Jever besorgt werden. Doch es wurde mir schnell klar: diese Stadt hat mehr zu bieten als eine beeindruckend große Herstellungsstätte von bitterem Bier. Hier gibt es eine herrliche Innenstadt, ein schönes Schloss und einen gepflegten Park mit Pfauen. Für Hobbits und Artverwandte empfehle ich das “Eishaus” für die lebensnotwendige Kühl-Kalorien-Versorgung.

Dann kam der Harz. Ich war noch nie dort gewesen und wusste nur das dort die Kolleginnen in den Mai tanzen. Der Nordseehimmelmensch ist ursprünglich von dort. Der Harz ist wunderschön, und hat diese eigenartige Mischung aus Natur und menschlicher Geschichte, die mir sehr gefällt. Wir waren unterwegs, haben viel gesehen und und dennoch nur einen Bruchteil. (Anmerkung: Ich bin aus dem Spessart, wer auch immer da für Tourismus zuständig ist, könnte sich ein paar Scheiben vom Harz abschneiden. Dort ist viel mehr geboten.) Wir sind den Burgberg hoch gelaufen, hätten die Möglichkeit gehabt mit der BaumSchwebeBahn runter zu fahren, den Baumwipfelpfad zu begehen und eine halb digitale Schnitzeljagd mitzumachen, die eher wie ein LiveActionRoleplay anmutete. Aber wir haben eh noch eine ganze Liste mit Aktivitäten und Orten, die wir nicht schafften zu besuchen: Wernigerode (Schloss, Drehort “Die Schule der magischen Tiere”), Halberstadt Dom, “Hobbithöhlen” Langenstein, Brocken, Torfhaus, das Erlebniskino, Pullman City, Goslar, Radau Wasserfall, Bergwerk… und noch mehr die uns noch einfallen.

Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die Wälder, die Landschaft, die allgegenwärtigen Hexenfiguren und sogar Darstellungen alt-sächsischer Gottheiten, aber auch die privat lustigen Dinge: ein Würstchengulasch das gut bei der Harzer Capybara-Familie ankam, eine Blumenampel, die scheinbar als Falle für Leute, die zur Haustür reinwollen aufgehängt war und an der wir uns ALLE mal den Kopf angehauen haben, die unbestrittene Herrschaft des königlichen Industriestaubsaugers “Ruby, die Hungrige”, Königin aller Lebensmittel, die den Boden berühren, ihres Zeichens größte Border-Collie-Dame, die ich je sah.

Und dann natürlich das Achievement „Vier Jemands und eine Königin“, das neben lustigen Erinnerungen auch den Gedanken “Jeder ist ein Jemand” beinhaltet.

Und dann wieder zurück ans Meer.

Mein erstes echtes Wattwandern seit ich in Wilhelmshaven wohne. Herr Schmitt hat heldenhaft die Schlicktiefe getestet. Dann sind wir hinausgelaufen, viel weiter, als man von Land aus zunächst denkt, und irgendwann hat der Schlick einfach gewonnen. Eigentlich wollten wir noch bis zum Priel, aber drehten vorher um. Dafür gab es Wattwürmer, kleine Krabben, Algen, tote Quallen, Möwen und überhaupt dieses ganze seltsame Leben und Vergehen zwischen Land und Meer.

Und zufällig passierte das während des Drachenfestes in Schillig. Vom Watt gesehen sah der Strand aus, als hätte jemand den Himmel wild mit bunten Dingen dekoriert. Wir standen mitten in dieser Landschaft zwischen Himmel, Meer und Land und sahen dem bunten Treiben in einem dieser Elemente zu.

Später saßen wir noch am Strand und wurden von Möwen umkreist, die sich dabei wie üblich ein bisschen wie Geier benahmen. Eine davon bekam ich gut vor die Kamera. Und als wir später in Wilhelmshaven noch essen gingen, begegnete uns dann eine Möwe, die mein Capybara kurzerhand als „Verkörperung meiner Seele“ bezeichnete. Sie schaute uns pikiert an und brüllte uns anschließend an. Wenn man von der Holzhexe im Harz absieht, sehe ich mich durch diese stolze Piratin am Bahnhofsplatz tatsächlich perfekt repräsentiert.

Ein paar Tage später, im Neuenburger Urwald konnte man Leben und Vergehen ähnlich gut sehen wie im Watt. Dort bleibt liegen, was im Wald umfällt. Ein Baum wird nicht herausgenommen, nur weil er tot ist oder nicht mehr aufrecht steht. Er bleibt Teil des Waldes. In ihm leben längst Pilze, Mikroorganismen, Käfer, Würmer und andere Tiere. Er ist nicht weniger ein Teil des Wald, er verändert sich nur. Der Wald ist schließlich nicht nur die Summe seiner stehenden Bäume.

Der Neuenburger Urwald war ohnehin voller Bilder, die man fast nicht erfinden könnte: riesige Bäume, Licht zwischen den Blättern, umgestürzte Stämme, ein Baum voller Baumpilze, alte Gemäuerreste und ein kleines Fachwerkhäuschen mitten im Grün. Es war einer dieser Orte, an denen man automatisch langsamer geht und mehr schaut. Und schließlich gab es eine leckere, gemütliche Möglichkeit zur Kalorien-Aufnahme am Rande des Waldes… wenn auch leider nicht besonders preisgünstig.

Aber der Juli bestand nicht nur aus großen Ausflügen. Manchmal reichte ein Weg durch Wilhelmshaven. Ich ging nach dem gemeinsamen Zocken zurück zum Nordseehimmelmensch, ungefähr um zehn abends, auf dem Weg zur “Mattisburg” sah ich alte Häuser, Bäume und erleuchtete Fenster. Und plötzlich wieder dieser Gedanke: Hinter jedem dieser Fenster lebt mindestens ein ganzes Menschenuniversum. Menschen, die dort essen, schlafen, streiten, lachen, traurig sind, Besuch bekommen, sich lieben, allein sind, Pläne machen oder gerade einfach auf dem Sofa sitzen. Von außen sieht man davon fast nichts. Das sind möglicherweise die, die an meiner Supermarktkasse sitzen, über die ich mich vorhin im Straßenverkehr geärgert habe, oder die im Park laut waren gestern. Und hier sind sie und leben ein ganzes Leben, wie ich.

Bei einem Spaziergang am Bontekai blieb ich dann mal nur an einem Farbspiel an einer schrägen Kaimauer hängen: rote Backsteine, graue Steine, Gras, Algen und dunkles Wasser. Dann ein wunderschön bemalter Stromkasten, der aus einem völlig gewöhnlichen Gegenstand plötzlich ein kleines Kunstwerk machte. Dazu Kaffee und Lakritz und die Hoffnung, dass der Regen noch wartet bis wir in der Mattisburg sind.

Ein anderes Mal war es der Sonnenaufgang am Bahnhof, als ich gerade auf dem Weg zurück in mein “Möwennest” war. Oder unser Rathaus mit seinem riesigen Turm und dem ziemlich eigenwilligen Löwen. Der tatsächlich erst einmal erkannt werden möchte, weil offenbar irgendwann jemand dachte: Wir bauen jetzt einen Löwen, aber bitte aus lauter eckigen Backsteinen.

Dann am Abend die Anke, dieses Bunkerschiff, das dort so selbstverständlich im Hafen lag und mit seinem Betankungsarm schräg, nach Arbeitsmeer und doch pittoresk vor dem dunkler werdenden Himmel aussah.

Und der Banter See im letzten Sonnenlicht. Wasser, Wolken, Licht und diese besondere Stimmung, bei der selbst ein ganz gewöhnlicher Abend plötzlich nach einem Moment aussieht, den man behalten möchte.

Vielleicht ist das überhaupt das eigentliche Problem mit diesem Juli: Es gab zu viele solche Momente.

Zu viele kleine Dinge, die nicht groß genug erschienen, um sofort einen eigenen Text zu bekommen, aber zu schön waren, um einfach vorbeizugehen. Ein bemalter Stromkasten. Ein alter Baum. Eine stolze Möwe. Ein Lichtstrahl durch Blätter. Ein Schiff im Hafen. Menschen hinter Fenstern. Schlick an den Füßen. Ein Himmel voller Drachen. Und deshalb sind es diesmal Sammel-Blitzlichter geworden.

Keine vollständige Chronik, sondern ein paar Ausschnitte aus einem Monat, der sich angefühlt hat, als hätte jemand den Erlebniskalender auf „so viel wie geht“ gestellt und dann die Taste für „mehr“ festgeklemmt.


 

324 Was meint ihr eigentlich mit Männerhass?

 Ich habe hier einmal aufgeschrieben, was ich darunter verstehe und was für mich ausdrücklich noch kein Männerhass ist. Vieles davon kann unfair sein. Vieles kann dumm sein. Manches kann verletzend sein. Einiges davon sollte man sich vielleicht tatsächlich verkneifen. Aber wenn wir all das schon Männerhass nennen, was wollen wir damit erreichen?

Und vor allem: Was meint ihr eigentlich mit Männerhass und was soll durch die Bezeichnung erreicht werden?

Vielleicht sollten wir darüber tatsächlich einmal reden. Nicht darüber, ob jemand „auf der richtigen Seite“ steht, sondern darüber, was wir überhaupt meinen, wenn wir das Wort Hass benutzen. Weil wir alle zum Glück in Bezug auf den Begriff "Frauenhass" sensibilisierter sind, habe ich Beispiele mit Äußerungen über Frauen mit aufgeführt. Ich bin auf eure Einschätzungen gespannt:

1. Persönliche Präferenz
„Ich möchte keine Männer daten.“ „Ich möchte keine Frauen daten.“
→ Kein Hass. Das ist zunächst einmal eine persönliche Entscheidung.

2. Persönliche Erfahrung
„Ich habe schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht.“ „Meine letzten Beziehungen mit Frauen waren katastrophal.“
→ Kein Hass. Die Erfahrung kann richtig, falsch, einseitig oder unvollständig durchdacht sein. Sie bleibt zunächst eine Erfahrung.

3. Vermeidung / persönliche Grenze
„Deshalb rede ich momentan nicht gerne mit Männern.“ „Ich möchte mit Frauen erst einmal nichts zu tun haben.“
→ Kein Hass. Man darf Menschen meiden. Die interessante Frage wäre höchstens, ob die Person selbst unter dieser Vermeidung leidet und etwas daran verändern möchte. Aber das ist ihr Problem, nicht automatisch ein moralisches Urteil über die Gruppe.

4. Angst und Misstrauen
„Ich habe Angst vor Männern.“ „Ich vertraue Frauen nicht.“
→ Ebenfalls kein Hass. Die Angst kann nachvollziehbare Gründe haben, unfaire Gründe, oder gar keinen für die betroffene Person bekannten Grund. Angst ist ein Gefühl, dass sich manchmal nicht logisch herleiten lässt und auch nicht lassen muss.

Aber etwas ist hier sehr wichtig:

Angst kann zu Hass werden. Aber Angst IST NICHT Hass.

Wenn man also Angst vor einer bestimmten Menschengruppe hat, könnte man an der Angstbewältigung arbeiten, das ist aber die Angelegenheit der betroffenen Person und kein Grund ihr Hass zuzuschreiben.

5. Flapsige Verallgemeinerung / Klischee
„Männer sind halt so.“ „Frauen sind halt so.“
„Männer sind unordentlicher.“ „Frauen sind pedantischer.“

→ Nicht automatisch Hass. Aber oft auch nicht besonders klug. Und genau hier kann ein kleiner Selbstcheck hinein:

Will ich aus meinem momentanen Ärger eine Aussage über Milliarden von Menschen machen?

Ich muss gestehen mir sind solche Sätze auch schon entfleucht, aber es ist gut wenn mich dann jemand an die geringe Aussagekraft einer solchen Plattitüde erinnerte, weshalb ich das auch immer bei anderen tue.

6. Polemische Zuspitzung / Provokation

„Männer sind noch nicht einsam genug.“
„Männer tun echt alles, um nicht in Therapie zu müssen.“
„Nicht alle Männer, aber immer ein Mann.“

→ Nicht automatisch Hass. Solche Aussagen sind oft bewusst übertrieben, pauschalisiert und provokant formuliert. Das macht sie nicht automatisch sachlich richtig oder besonders klug. Man kann und sollte sie kritisieren, solche Aussagen sollen ja eine innere Beschäftigung mit dem Thema verursachen. Genau deshalb habe ich ja den ersten Satz schon als Überschrift einer meiner Texte verwendet. (https://feddit.org/post/28706776) Von solcher Polemik bin ich mittlerweile wieder weg. Es ist meinem Kommunikationsziel nicht zuträglich. Das heißt nicht das ich solche provokanten Äußerungen grundsätzlich für schlecht befinde, aber sie erzeugen für mich persönlich zu häufig eher Identitätsabwehr als echtes Nachdenken über das Thema.

7. Pauschalisierende oder stereotype Abwertung
„Männer können sich eben nicht beherrschen.“ „Frauen agieren immer zu emotional.“
„Männer sind eben keine guten Elternteile.“ „Frauen daten nur körperlich und finanziell attraktive Männer.“

→ Hier wird es deutlich problematischer. Das sind pauschale Zuschreibungen mit starken sexistischen und/oder abwertenden Konnotationen. Aber auch hier würde ich noch nicht automatisch sagen: Hass. Aber schon wirklich diskussionswürdig.

Und dann kommt meine Grenze:

8. Gruppenhass

„Männer sind Tiere.“ „Frauen sind nicht zurechnungsfähig.“

„Alle Männer sind Triebtäter.“ „Frauen sind manipulative Schlampen und nutzen Männer nur aus.“

Hier wird nicht mehr gesagt: „Ich hatte schlechte Erfahrungen.“
Hier wird gesagt: „Diese Menschen sind aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser Gruppe schlechter.“

Und dann die verschärfte Form:

9. Gruppenhass mit Legitimierung von Schaden

„Männer haben es verdient, geschlagen zu werden.“ „Frauen darf man schlagen, damit sie lernen.“

„Alle Männer gehören weggesperrt.“ „Frauen sollten keine Rechte haben.“

Da wird aus der Abwertung eine Rechtfertigung dafür, Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit schlecht zu behandeln.

Das ist dann tatsächlich eine sehr klare Grenze.

Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Humor, Ironie und Satire.
Manche Aussagen, die wörtlich gelesen eindeutig pauschalisierend oder sogar menschenfeindlich wirken, werden ironisch oder satirisch verwendet. Sie können bewusst übertreiben, um ein Klischee sichtbar zu machen, es lächerlich zu machen oder einen Widerspruch aufzuzeigen. Deshalb reicht es auch hier nicht immer, einen einzelnen Satz aus dem Zusammenhang zu ziehen und ihn wörtlich zu lesen.

Das bedeutet nicht, dass hinter Satire niemals echter Hass stecken kann. Natürlich kann jemand auch seine tatsächliche Abneigung humoristisch verpacken. Aber auch hier gilt für mich: Der Satz allein erzählt uns nicht immer, was die Person tatsächlich sagen will.

Und dann noch etwas zu statistischen Erkenntnissen, weil er einen wichtigen Denkfehler verhindert:

Nicht jede Aussage, die sich auf eine Gruppe bezieht, ist eine Aussage über den Wert ihrer Mitglieder.

„Männer sind bei bestimmten Gewaltdelikten statistisch überrepräsentiert“ ist eine Aussage über eine statistische Verteilung.

→„Männer sind gewalttätig“ macht daraus eine Eigenschaft.

→„Männer sind schlechte Menschen“ macht daraus eine moralische Abwertung.

→„Männer verdienen Gewalt“ macht daraus eine Rechtfertigung von Gewalt.

Das sind vier verschiedene Aussagen.

Doch durch all diese Betrachtungen sollte auch die ursprüngliche Frage endlich wirklich beantwortbar sein:

Was meint ihr eigentlich mit Männerhass?

Und wichtigere Fragen ergeben sich: Wenn jemand einen klischeehaften oder unfairen Satz über Männer schreibt und ich antworte sofort mit „Männerhasserin“, habe ich dann tatsächlich etwas für Männer getan? Habe ich das Klischee widerlegt? Habe ich die Person zum Nachdenken gebracht? Habe ich die Verständigung zwischen den Geschlechtern verbessert? Oder habe ich nur eine neue Front eröffnet, an der jetzt über das Wort „Hass“ gestritten wird?
Und noch eine kleine Fiesheit: Jemand KANN Männer tatsächlich und erwiesenermaßen hassen und doch eine richtige Aussage über Männer treffen.

Bekämpft das Klischee. Nicht den Menschen.

325 Schuldfrage bei psychischen Problemen - Rauchen - Liebe Nichtraucher! 

 Liebe Nichtraucher,

erstens: Fangt niemals damit an! Das ist wahrscheinlich die einfachste und wirksamste Form einer Sucht zu entgehen. Ich hoffe, bis hierhin sind wir uns einig.

Aber was machen wir mit den Menschen, die bereits angefangen haben?

Da wird die Diskussion nämlich schnell interessant. Und leider auch schnell ziemlich sinnlos.

Dieser Text handelt deshalb zwar vom Rauchen, aber Rauchen ist für mich dabei auch ein Beispiel für eine größere Frage: Wie gehen wir mit Menschen um, die ein psychisches oder suchtbezogenes Problem haben und etwas daran verändern wollen?

Zweitens: Die Schuldfrage

Ja, natürlich hat ein Raucher die erste Zigarette meist ohne Zwang angesteckt.

Um ein Beispiel zu liefern: Mein 17-jähriges Ich hat eine ziemlich dumme Entscheidung getroffen. Es wusste, dass Rauchen schädlich ist und dass es süchtig macht. Es hat trotzdem angefangen.

Mea culpa!

Ob zu 100 % unbeeinflusst, lassen wir dahingestellt. Aber sagen wir zum Spaß, ich war beeinflusst, verführt und Teenager. Werbung, Gruppendruck, meine eigene Unsicherheit, der Zeitgeist, die Gesellschaft, die Medien, whatever... hat mich dazu gebracht.

Unschuldslamm!

Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem.

Menschen halt!

Nur, egal wer oder was Schuld war:

Was bringt diese Erkenntnis 25 Jahre später?

Für die Frage, wie dieser eine Mensch heute aufhören kann, ist das zunächst einmal ziemlich irrelevant. Wir sollten uns doch viel eher fragen: Warum hast du angefangen? Und noch viel wichtiger: Warum bleibst du dabei?

Was macht das Rauchen mit dir?

Was ersetzt es dir? Wobei hilft dir die Zigarette? Rauchst du, wenn du nervös bist? Rauchst du, um Wartezeiten zu überbrücken? Ist die Zigarette deine Pause? Ist sie ein Sozialverstärker? Rauchst du, wenn du dir etwas gönnen möchtest? Brauchst du Beschäftigung für deine Hände? Ist das Rauchen ein Ritual geworden? Oder geht es gerade um den Entzug und darum, einen unangenehmen Zustand wieder loszuwerden?

Natürlich spielt der Wirkstoff eine Rolle. Wer regelmäßig und täglich raucht, kann eine körperliche Nikotinabhängigkeit entwickeln und Entzugserscheinungen bekommen, wenn er es länger weglässt.

Aber die entscheidenden Fragen bei Sucht gehen für mich immer in die Richtung: Was macht die Zigarette für diesen Menschen darüber hinaus? Denn der Süchtige weiß im Allgemeinen, dass die Sucht auch etwas nimmt.

Sie nimmt dir Geld. Sie nimmt dir Gesundheit. Sie nimmt dir die Möglichkeit, gut zu riechen. Sie kann dir soziale Kontakte nehmen.

Sie nimmt dir etwas.

Und trotzdem wird weiter geraucht.

Dann ist die Frage doch:

Was bekommst du dafür?

Das sind Fragen, die für das Aufhören interessant sein können.

Ob du vor fast zwanzig Jahren ausschließlich selbst schuld warst oder ob da vieles mit rein spielte hilft dir heute nicht unbedingt dabei, deine Sucht zu beenden.

Und genau deshalb bringt dir die hundertste Schuldzuweisung nicht unbedingt was.

Drittens: Egoismus bei Rauchern

Der zweite große Vorwurf lautet gerne: Raucher sind egoistisch.

Naja,... JA.

Raucher können egoistisch sein. Nichtraucher können es übrigens auch. Egoismus ist für mich zunächst einmal eine menschliche Eigenschaft. Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie zu egoistischem Verhalten neigen. Das kann sich über das Leben verändern und vermutlich auch von Situation zu Situation und von Tagesform zu Tagesform.

Natürlich kann auch Suchtdruck dazu führen, dass ein Mensch sich stärker auf die Befriedigung seines eigenen Bedürfnisses konzentriert. Das will ich überhaupt nicht ausschließen.

Aber ich halte es für einen ziemlich großen Sprung, daraus zu machen, dass Nikotinabhängigkeit Menschen grundsätzlich egoistischer macht.

Ein egoistischer Mensch, der raucht, kann sich egoistisch verhalten. Ein rücksichtsvoller Mensch, der raucht, kann sich trotzdem bemühen, rücksichtsvoll zu bleiben.

Das Problem ist nur: Rauchen ist sichtbar und riechbar. Wenn jemand im Eingangsbereich eines Gebäudes raucht, wenn Rauch in meine Richtung zieht oder wenn ich irgendwo wegen Zigarettenrauch nicht sitzen möchte, bekomme ich dieses Verhalten unmittelbar mit und werde davon beeinträchtigt. Wenn jemand Kippenstummel auf den Boden schnippt, dann sieht man das Ergebnis.

Egoistisches Verhalten ohne Zigarette riecht dagegen nicht nach Rauch und steht auch nicht qualmend vor dem Bahnhof und wird häufig von weniger Menschen bemerkt.

Deshalb kann man selbstverständlich trotzdem darüber diskutieren, wie egoistisch unsere Gesellschaft ist. Man kann darüber diskutieren, ob Egoismus zunimmt oder abnimmt, welche gesellschaftlichen Faktoren dabei eine Rolle spielen, wie viel Rücksicht Menschen aufeinander nehmen sollten und wie wir uns eine Gesellschaft wünschen.

Das sind alles interessante Fragen.

Aber sie sind nicht die entscheidende Frage der Nikotinabhängigkeit.

Ich halte Egoismus und Tabaksucht nicht für besonders eng miteinander verknüpft. Und selbst wenn ein Raucher sich egoistisch verhält, beantwortet die Feststellung „Du bist egoistisch“ noch lange nicht die Frage:

Wie bekommen wir dich vom Rauchen weg?

Viertens: Was könnte gesellschaftlich helfen?

Wenn wir wirklich weniger Raucher haben wollen, dann sollten wir vielleicht über Maßnahmen sprechen, die genau dieses Ziel verfolgen.

Unsere Regierungen haben in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Maßnahmen zur Tabakprävention und zur Einschränkung des Tabakkonsums ergriffen. Manche davon waren wirksam. Ob jede einzelne Maßnahme optimal war, welche davon besonders wirksam waren und welche man verändern, verstärken oder vielleicht auch wieder zurücknehmen sollte, darüber kann man selbstverständlich diskutieren.

Genau diese Diskussion finde ich sinnvoll.

Der Erfolg lässt sich zumindest anhand einiger ziemlich konkreter Fragen betrachten:

Fangen weniger junge Menschen mit dem Rauchen an?

Das ist für mich der wichtigste Punkt. Wenn weniger junge Menschen anfangen, ist Prävention erfolgreich. Deshalb ja der Einstieg in diesen Text.

Die meisten Menschen beginnen relativ früh mit dem Rauchen. Natürlich fangen aber auch Erwachsene mit 30, 40 oder noch später an, der Hauptaugenmerk der Prävention sollte jedoch auf Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegen, da Menschen in der Adoleszenz noch sehr beeinflussbar sind.
In Bezug auf Werbung und Influencer (bezogen auf Vapes und nicht auf Zigaretten) habe ich auch bereits geschrieben: Influencer-Communities und Werbung : r/WriteAndPost

Werden Menschen, die bereits rauchen und aufhören wollen, erfolgreicher beim Aufhören unterstützt?

Welche Entwöhnungsmaßnahmen funktionieren? Welche Angebote helfen? Was könnte besser funktionieren als „Du bist selbst schuld“, "Du bist egoistisch" oder „Du bist zu schwach“?

Reduzieren Menschen, die momentan noch weiter rauchen, ihren Konsum?

Auch das kann ein sinnvoller Ansatz sein. Nicht jeder Mensch hört sofort vollständig auf. Dann kann die Frage zumindest sein, wie sich der Konsum reduzieren lässt und welche Maßnahmen dabei helfen.

Sinkt insgesamt der Tabak- und Nikotinkonsum?

Denn am Ende geht es auch um die tatsächliche Menge des Konsums und damit um die gesundheitlichen Folgen. Und genau darüber können wir meinetwegen sehr ausführlich diskutieren.

Dazu gehört natürlich auch die Frage, wie andere Formen des Nikotinkonsums, etwa E-Zigaretten und Vapes, einzuordnen sind. Dazu habe ich einen eigenen Text geschrieben: Vapes - Déjà-vu eines Rauchers : r/WriteAndPost

Welche Maßnahmen funktionieren? Welche funktionieren nicht? Was könnte man besser machen? Welche Informationskampagnen bringen etwas? Was hilft Jugendlichen? Was hilft Erwachsenen? Was hilft Menschen, die aufhören wollen? Welche Erfahrungen haben andere gemacht?

Wer dazu Ideen, Erfahrungen oder Vorschläge hat, kann darüber gerne diskutieren. Genau dafür kann dieser Thread offen bleiben oder ihr dürft hier gern beliebig viele Threads zu diesem Themenbereich aufmachen. Auch andere Süchte betreffend gern.

Denn das ist für mich die interessante Debatte über Rauchen.

Nicht: Sind Raucher schlechte Menschen?

Nicht: Sind Raucher egoistisch?

Nicht: Wer war vor 25 Jahren schuld?

Denn am Ende steht eine ziemlich einfache Tatsache.

In Deutschland sterben jedes Jahr zigtausende Menschen an den Folgen des Tabakkonsums.

Einige dieser Menschen kannte ich. Einige dieser Menschen habe ich geliebt. Einige von ihnen haben bis zu ihrem letzten Tag geraucht. Trotz ihrer Erkrankungen. Trotz der Schäden. Trotz des Wissens darüber, was das Rauchen mit ihnen macht.

Und wenn man diesen Menschen im Nachhinein sagt: „Die waren einfach zu schwach. Die waren egoistisch. Die hätten ja einfach aufhören können. Selbst schuld.“

Dann sagt man das über Menschen, die ich geliebt habe.

Ich möchte, dass möglichst wenige Menschen rauchen. Nicht, weil ich Raucher für schlechte Menschen halte.

Sondern weil ich möchte, dass möglichst wenige Menschen daran sterben.

Der Text an die Raucher:

https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/s/83NGLsLWde

326 Schuldfrage bei psychischen Problemen - Rauchen - Liebe Raucher! 

Und nun an euch, liebe Raucher.

Ich war selbst etwa 25 Jahre Raucher und wenn man mit mir über Schuld und Egoismus in dieser Hinsicht diskutieren wollte, hätte man nie auch nur einen Hauch erreicht.

Deshalb möchte ich euch etwas anderes fragen.

Hast du ein Problem mit deinem Rauchen?

Und damit meine ich nicht, dass andere Menschen dein Rauchen problematisch finden.

Vergiss für einen Moment, was andere über dein Rauchen denken.

Nicht: Findet mich jemand deshalb ekelhaft? Nicht: Riecht jemand, dass ich wieder geraucht habe? Nicht: Ist jemand enttäuscht von mir? Nicht: Was denkt meine Familie darüber?

Darum geht es hier gerade nicht.

SONDERN:

Ist es für dich selbst ein Problem?

Merkst du, dass du von den Zigaretten abhängig bist und stört dich das? Vielleicht kennst du diese Momente ...

Es ist nachts um drei. Du bist schon schlaffertig. Es ist kalt draußen. Du hast eigentlich überhaupt keinen Bock, noch einmal rauszugehen. Und trotzdem... die Kippen sind alle...

Vielleicht stört dich, dass deine Finger gelb werden. Vielleicht deine Zähne. Vielleicht stört dich, wie viel Geld jeden Monat dafür draufgeht. Vielleicht stört dich, dass du dir bei jeder Reise überlegen musst, wie viele Zigaretten du für unterwegs mitnehmen musst, ob es dort einen Automaten gibt, ob eine Tankstelle in der Nähe ist... Vielleicht hast du Angst vor Lungenkrebs oder einem Herzinfarkt. Vielleicht hast du bereits gesundheitliche Schäden und rauchst trotzdem weiter. Vielleicht stört dich, dass andere Menschen dich als stinkend wahrnehmen. Vielleicht stört es dich bei der Partnersuche. Vielleicht stört dich etwas ganz anderes.

Nicht nur ein bisschen. Nicht nur so, dass du ab und an denkst: „Boah, was für eine nervige Angewohnheit.“

Sondern so, dass du immer wieder denkst:

„Das bestimmt über mich. Ich will das gar nicht, aber ich mache es.“

Dann hast du ein Problem.

Also nur weiterlesen, wenn du diese erste Frage:

1. Hast du ein Problem?

mit JA beantwortet hast.

2. Leidest du darunter?

Macht es dir Sorgen, lässt dich das Problem schlecht schlafen, verschlechtert es deine zwischenmenschlichen Beziehungen, erzeugt es Selbsthass, macht es dir Angst... usw.

Nur weiterlesen, wenn du diese zweite Frage:

„Leidest du darunter?“

mit JA beantwortet hast.

3. Bleibt das Problem aller Wahrscheinlichkeit nach bestehen, wenn du alles so weitermachst wie bisher?

Nur weiterlesen, wenn du die dritte Frage mit JA beantwortet hast.

4. Wenn du dir vorstellst, unter dem Problem noch in einem Jahr zu leiden, findest du diese Vorstellung auszuhalten?

Wenn hier jetzt ein NEIN kommt, dann möchte ich dir nicht sagen:

„Du bist selbst schuld.“

Ich möchte dir sagen:

Dann fang an, etwas dagegen zu tun. Du musst nicht heute perfekt aufhören. Du musst nicht wissen, wie es geht. Du musst das nicht alleine schaffen. Mach den kleinsten Schritt, den du machen kannst. Google, welche Möglichkeiten zur Rauchentwöhnung es gibt. Schreib eine Pro-und-Contra-Liste. Sprich mit deinem Arzt. Such dir Unterstützung. Überleg dir, was dir die Zigarette gibt und was du stattdessen brauchen könntest. Such dir etwas, das deine Hände beschäftigt. Mach irgendetwas, das dich ein kleines Stück in Richtung Nichtrauchen bringt. Hilfe zu suchen ist Handeln. Sich Unterstützung zu holen ist Handeln.

Wenn du dein Problem lösen willst, musst du handeln. JETZT! Nicht weil du schuld bist. Nicht weil du schwach bist. Sondern weil es dein Leben ist und JETZT immer der einzige Zeitpunkt ist auf den du maximalen Einfluss hast. Höre für jetzt auf, für diese Stunde, für diesen Tag! Jeder Tag ohne ist ein Sieg.

Und genau deshalb würde ich dir auch nicht empfehlen, das Aufhören hauptsächlich an der Meinung anderer Menschen aufzuhängen. Wenn du aufhören willst, denk an dich. Denk an deinen Körper. Denk an deine Gesundheit. Denk an dein Geld. Denk an die gesunden Jahre, die du noch auf diesem Planeten verbringen möchtest. Und denk daran, was das Rauchen dir antut. Wenn dich deine gelben Finger nerven, dann ist das ein Grund. Wenn dich die Kosten nerven, dann ist das ein Grund. Wenn dich die Abhängigkeit nervt, dann ist das ein Grund. Wenn du Angst vor den gesundheitlichen Folgen hast, dann ist das ein Grund. Wenn du dich jedes Mal über dich selbst ärgerst, wenn du wieder anfängst, dann ist auch das ein Grund.

Du musst nicht für jemand anderen aufhören. Du musst auch nicht beweisen, dass du stark genug bist. Du musst nicht erst die perfekte Motivation finden.

Wenn du selbst dieses Problem nicht mehr haben willst, reicht das als Ausgangspunkt.

Und wenn du feststellst, dass diese Methode für dich überhaupt nicht funktioniert, weil du beim Aufhören ständig nur darüber nachdenkst, was andere Menschen von dir denken, dann vergiss meinetwegen diese vier Fragen. Dann brauchst du vielleicht eine andere Methode. Keine Ahnung, was alles funktioniert.

Aber wenn du etwas verändern willst, dann such dir eine Methode, mit der du tatsächlich etwas veränderst.

Und wenn du danach oder währenddessen noch Energie hast, dann setz dich meinetwegen politisch oder gesellschaftlich dafür ein, dass andere Menschen gar nicht erst in diese Sucht hineinrutschen. Setz dich dafür ein, dass Prävention besser funktioniert. Dass Entwöhnung leichter zugänglich wird. Dass Menschen bessere Unterstützung bekommen.

Tu alles, wofür du Energie hast.

Aber vergiss dabei dein eigenes Leben nicht.

Fang bei dir an. Nicht weil du schuld bist. Sondern weil es dein Leben ist.

Fang an. Jetzt.

Niemand gibt dir deine Lebenszeit zurück.

Der Text an die Nichtraucher:

https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/s/sG4cRBWzPX

327 Schuldfrage bei psychischen Problemen – Einsamkeit 

 In den Texten über das Rauchen habe ich geschrieben, dass Menschen mit Suchterkrankungen häufig mit Verantwortung überladen werden. "Du hast angefangen. Du bist schuld. Also hör auf." Als wäre damit irgendetwas gelöst.

(Rauchertexte sind unten verlinkt)

Bei Einsamkeit beobachte ich erstaunlich oft das Gegenteil. Hier werden Menschen häufig komplett aus der Verantwortung genommen. Die Gesellschaft ist schuld. Frauen sind schuld. Online-Dating ist schuld. Social Media ist schuld. Der Zeitgeist ist schuld. Alles ist schuld. Nur du nicht. Beides halte ich für wenig hilfreich.

Denn beides nimmt Menschen Handlungsmöglichkeiten. Einmal dadurch, dass man ihnen die komplette Schuld auflädt, natürlich auch für jedes Scheitern am Problem. Das andere Mal dadurch, dass man ihnen erzählt, sie könnten ohnehin nichts verändern.

Deshalb möchte ich auch bei Einsamkeit mit derselben Frage anfangen wie beim Rauchen:

Ist die Frage nach Schuld überhaupt die Relevante?

Schuld und Ursache sind für mich zwei verschiedene Dinge. Ursachen können wichtig sein. Vielleicht bist du umgezogen. Vielleicht hast du Mobbing erlebt. Vielleicht hast du Angehörige verloren. Vielleicht hast du deinen Job verloren. Vielleicht sind Freundschaften auseinandergegangen. Vielleicht haben psychische Probleme dazu geführt, dass du Kontakte verloren hast. Vielleicht spielen Social Media, Dating-Apps und die Gesellschaft allgemein tatsächlich eine Rolle. Vielleicht gibt es Verhaltensweisen von dir, die Menschen auf Abstand halten. Vielleicht fällt es dir schwer, Interesse an anderen zu zeigen, Nähe oder Konflikte auszuhalten. Vielleicht hundert andere Dinge.

Diese Aspekte können wichtig sein, weil sie helfen können zu verstehen, welche Hebel es überhaupt gibt. Aber die Schuldfrage beantwortet nicht, was heute Abend passiert. Heute Abend sitzt du allein zu Hause. Das ist das Problem. Und dieses Problem besteht unabhängig davon, wer daran schuld ist.
Leider ist das Leben manchmal furchtbar ungerecht. Die Menschen oder Umstände, die vielleicht Ursachen erzeugt haben, müssen sich oft nicht um die Folgen kümmern. Du schon. Nicht weil du schuld bist. Sondern weil du mit dem Problem lebst.

Bevor wir weitermachen: Bist du eigentlich betroffen?

Dieser Text ist nicht für Menschen, die einfach gerne allein sind. Alleinsein und Einsamkeit sind für mich nicht dasselbe. Ich brauche selbst regelmäßig viel Zeit allein. Viele Menschen brauchen das. Wenn du gerne allein bist und darunter nicht leidest, dann lass dir bitte von niemandem einreden, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Der Rest des Textes ist nur für Menschen, die unter ihrer Einsamkeit leiden. Deshalb dieselben vier Fragen wie im Rauchertext.

1. Hast du überhaupt ein Problem?
Nicht: "Es wäre irgendwie schöner, wenn es anders wäre."
Sondern ist die Einsamkeit etwas, das dich immer wieder piekst.
Etwas, das immer wieder auftaucht.
Etwas, das dich beschäftigt.

Wenn du hier ja sagst, dann lies bitte weiter.

2. Leidest du darunter?
Macht es dir Sorgen?
Lässt es dich schlecht schlafen?
Macht es dir Angst?
Erzeugt es Selbsthass?

Wenn du hier bei einer oder mehreren Fragen ja sagst, dann lies bitte weiter.

3. Bleibt das Problem wahrscheinlich bestehen, wenn du alles so weitermachst wie bisher?
Wenn die Antwort Nein ist, brauchst du vielleicht gar keinen Veränderungsplan.
Wenn die Antwort Ja ist, kommt die letzte Frage.

4. Stell dir vor, in einem Jahr ist alles noch genauso.
Du sitzt noch genauso allein zu Hause.
Du hast dieselbe Einsamkeit.
Findest du diese Vorstellung auszuhalten?
Wenn Ja, dann besteht kein Bedarf an Handlungen.

Wenn Nein, dann sollte meiner Meinung nach heute der Tag sein, an dem du anfängst.

Fang klein an
Nicht mit Partnersuche.
Such zuerst regelmäßige, aber lockere soziale Kontakte:
Geh vielleicht in eine Walking-Gruppe.
Such vielleicht eine Bastelgruppe.
Geh vielleicht in einen Verein.
Frag beim sozialpsychiatrischen Dienst nach Angeboten in deinem Landkreis.
Melde vielleicht dich bei Meet5 oder einer anderen Freizeitgruppe an.
Such vielleicht ein Forum zu deinem Hobby.
Such nach der Möglichkeit, die du ganz persönlich heute anfangen kannst umzusetzen.

Und ja:

Online-Kontakt ist auch Kontakt.
Wenn dir jeden Tag jemand auf deinen Beitrag antwortet, wenn du dieselben Menschen wiedererkennst, wenn ihr euch über ein gemeinsames Hobby austauscht, dann ist das bereits zwischenmenschlicher Kontakt. Nicht perfekt. Aber auch echt.

Eine Beziehung ist ein ziemlich komplexes zwischenmenschliches Projekt. Deshalb würde ich nicht dort anfangen. Stell dir vor, du warst früher richtig gut in einem Videospiel, CoD oder so. Dann hast du zehn Jahre kaum gespielt. Würdest du gleich E-Sports-Liga Qualität erwarten? Wahrscheinlich nicht.

Zwischenmenschliche Fähigkeiten funktionieren oft ähnlich. Man verlernt sie nicht vollständig. Aber vieles wird ungeübt. Gespräche anfangen. Zuhören. Reagieren. Mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgehen. Nähe aushalten. Konflikte aushalten.
Das kann man üben.

Soziale Psychohygiene
Das mache ich selbst. Ich rede absichtlich mit Menschen, die ich wahrscheinlich nie wieder sehe.
An der Bushaltestelle.
Beim Bäcker.
An der Kasse.

Ich frage etwas. Ich sag was Freundliches. Ich sage irgendeine Kleinigkeit. Notfalls was zum Wetter. Nicht, weil daraus eine Freundschaft oder auch nur ein andauernder Kontakt entstehen muss. Sondern weil ich mit einem echten Menschen gesprochen habe. Das ist für mich Psychohygiene. Wenn ich lange alleine war, tut mir das gut. Und wenn das Gespräch holprig oder sogar peinlich läuft, ist nichts verloren. Wir sehen uns vermutlich nie wieder.

Zum Schluss

Nachdem hoffentlich die Schuldfrage vom Tisch ist, haben die vier Fragen etwas ziemlich Einfaches gezeigt. Du hast ein Problem. Du leidest darunter. Es wird wahrscheinlich bleiben, wenn nichts passiert. Dann fang heute an. Nicht groß. Nicht perfekt. Sondern genau den Schritt, den du heute schaffst zu gehen.

Das Leben ist ungerecht.

Fang heute an.

Niemand gibt dir deine Lebenszeit zurück.

https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/comments/1vqjhry/schuldfrage_bei_psychischen_problemen_rauchen/
https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/comments/1vqjqoe/schuldfrage_bei_psychischen_problemen_rauchen/

328 Mittwoch im Kapitalismus

 Es ist Mittwoch.

Ein ganz normaler Mittwoch in Wilhelmshaven.

Ich laufe zum Aldi, kaufe Bananen, Mozzarella. Später gibt es Kaffee mit Rohrzucker. Nichts Besonderes. Mittwoch eben.

Und genau das ist der Punkt.

Ich halte eine Banane in der Hand. Auf dem Aufkleber steht Costa Rica. Der Mozzarella kommt aus Italien. Der Kaffee sicher nicht aus Deutschland, auch wenn die Rösterei hier ist. Der Rohrzucker wurde in Mannheim verpackt, aber das Zuckerrohr ist dort ganz bestimmt nicht gewachsen.

Ich stehe in meiner Küche und plötzlich zerfasert dieser durchschnittliche Tag zu endlosem Staunen.

Die Banane ist nicht heute Morgen in Costa Rica gepflückt worden. Sie ist irgendwann gewachsen, wurde geerntet, sortiert, gekühlt, in einen Container gepackt, auf ein Schiff geladen, über den Atlantik transportiert, in einem Hafen entladen, auf einen Zug oder LKW gestellt, in ein Lager gebracht und irgendwann in ein Aldi-Regal gelegt. Heute wird sie mein Frühstück. Sie ist Vergangenheit. Eigentlich sind alle Dinge in meiner Wohnung Vergangenheit. Jeder Gegenstand hat einen Weg hinter sich. Unzählige Hände haben ihn berührt, bevor er bei mir gelandet ist.

Und wenn man einmal angefangen hat, die Wege der Dinge zu sehen, dann sieht man sie überall. Vor einer Woche fuhr ich mit der Hafenrundfahrt am JadeWeserPort vorbei. Zwei Containerschiffe lagen dort hintereinander. 400 Meter lang. So groß, dass das Gehirn sie nicht richtig versteht. Unser Auge macht Container plötzlich klein, obwohl jeder Container so groß ist wie der auf einem LKW auf der Autobahn.

Die MAERSK Manchester ist längst weitergefahren. Die OOCL Zeebrugge wahrscheinlich auch. Heute liegen andere Schiffe dort. Andere Container werden entladen. Andere Züge fahren los. Andere LKWs verlassen den Hafen.

Es ist wieder Mittwoch am JadeWeserPort.

Das Verrückte ist nicht, dass diese Schiffe existieren. Das Verrückte ist, dass sie keine Sensation sind. Sie sind der Fahrplan, die Routine, der Alltag.

Wir leben in einer Welt, in der Waren, Energie und Menschen in riesigen Strömen um den Planeten fließen. Flughäfen schleusen täglich Hunderttausende Menschen durch. Häfen löschen und laden schwimmende Häuserblöcke. Fabriken stellen Teile her, die in andere Fabriken gehen, die daraus Teile machen, die irgendwann ein Endprodukt werden. Niemand überblickt das Ganze. Und trotzdem funktioniert es. Nicht perfekt. Nicht gerecht. Nicht störungsfrei. Aber erstaunlich oft funktioniert es.

Und dann merke ich: Ich bin gar nicht der Beobachter dieses Geflechts. Ich bin ein Teil davon… ein Bananenesser, ein Kaffeetrinker, ein Mozzarellaretter, ein Konsument, ein Verbraucher, ein Wähler usw. ich bin ein Teil dieses endlos komplexen, weltweiten Netzes.

Ich glaube, das ist keine Liebeserklärung an den Kapitalismus. Es ist eine Liebeserklärung an den Mittwoch. Der stinknormale Durchschnittstag gibt mir den Raum, über meine Mutter nachzudenken. Mich mal wieder bei Moglie melden zu wollen. Wolkenschlösser mit Herrn Schmitt zu malen. Eine kleine Sinnkrise wegen meiner Figur zu haben. Mich über einen Sonnenaufgang zu freuen und Mozzarella zu retten, weil sie im Angebot waren.

Wenn außen immer mehr aufhört zu funktionieren, wird dieser Raum kleiner. Dann geht es plötzlich um Strom, Wasser, Verkehr, Medikamente, Lieferketten. Das Private verschwindet nicht, aber es wird verdrängt.

Jedes Menschenleben beinhaltet schon genug. Es braucht kein zusätzliches Weltdrama, um voller Liebe, Trauer, Hoffnung, Angst und Chaos zu sein.

Vielleicht ist das der schönste Satz dieses Mittwochs:

…but life still goes on.

Zum Glück.

Denn genau deshalb kann ich heute eine Banane aus Costa Rica essen und über einen ganz gewöhnlichen Mittwoch in endloses Staunen ausbrechen.

329 Nein, Social Media hat die Menschen nicht verändert.

Aber die Menschen sollten Social Media verändern.

Kapitel 1: Der Mensch ist nicht neu.

Ich glaube, wir stellen gerade die falsche Frage.

Immer wieder höre ich Sätze wie: “Social Media hat die Menschen verändert” Oder: “Die jungen Leute sind heute einfach anders.” Ich glaube beides nicht.

Der Mensch, der heute durch Instagram-Reels oder TikTok scrollt, gehört biologisch zu derselben Spezies wie der Mensch, der vor tausenden Jahren in einem jungsteinzeitlichen Dorf gelebt hat. Er hatte eine andere Umgebung, aber die selben Grundbedürfnisse, Emotionen und Sinne.

Menschen wollen schon immer dazugehören, Recht haben, Anerkennung bekommen, wahrgenommen, wertgeschätzt und verstanden werden. Neugier und Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen waren wahrscheinlich im Wettstreit miteinander seit es uns als Mensch gibt.

Das Gefühl sich einer Gruppe oder einem höheren Ziel zugehörig zu fühlen ist nicht neu.

Wir haben keine neue Evolutionsstufe erreicht, seit das Smartphone erfunden wurde oder Algorithmen auf Social Media eingeführt wurden. Wir arbeiten bis heute mit demselben Werkzeugkasten.

Das ist wichtig, weil viele Erklärungen genau hier anfangen und deshalb falsch abbiegen. Wenn wir glauben, Menschen seien plötzlich schlechter geworden, suchen wir die Ursache im Menschen. Ich glaube, die Ursache liegt woanders.

Kapitel 2: Das alles gab es schon lange vor dem Internet.

Auch Filterblasen sind keine Erfindung von Social Media. Es gab sie schon immer: Familie, Freundeskreis, Kirchengemeinde, Fußballverein, Firma, Branche, Gewerkschaft, Partei…

Menschen suchen Menschen, die ähnlich denken. Das ist weder gut noch böse. Das ist normal.

Werbung ist uralt. Früher stand der Marktschreier auf dem Marktplatz. Dann kamen Plakate. Zeitungen. Radio. Fernsehen. Werbung versucht seit Jahrhunderten, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen.

Politik ist nicht neu. Menschen streiten sich wahrscheinlich seit Beginn der Gründung der ersten größeren Siedlungen darüber, wie Zusammenleben funktionieren soll, vielleicht schon vorher.

Unterschiedliche Weltbilder sind nichts Neues. Zwei Menschen können dasselbe Land sehen und völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie dieses Land sein sollte. Der eine möchte mehr Freiheit. Die andere mehr Sicherheit. Der eine möchte mehr Tradition. Die andere mehr Veränderung.

Das gehört zu einer freien Gesellschaft dazu. Bis hierhin ist eigentlich nichts Besonderes passiert.

Kapitel 3: Social Media hat nichts erfunden. Es hat alles gleichzeitig verstärkt.

Jetzt kommt der Unterschied, denn Social Media hat ja keine neuen Bedürfnisse erschaffen, sondern alte Bedürfnisse in eine Maschine gesteckt, die niemals müde wird. Früher hattest du einen Stammtisch und einen Marktplatz. Heute hast du Millionen. Früher hattest du eine handvoll Fernsehsender. Heute hast du einen Feed, der sich jede Sekunde verändert. Es gibt kein Ende mehr. Du kannst immer weiter scrollen.

Ich glaube deshalb auch nicht an das Bild der Filterblase als Gefängnis. Niemand sperrt uns ein. Die Tür steht offen. Das Problem ist etwas anderes:

Wir schauen nicht mehr alle durch ähnliche Fenster. Was in der Welt geschieht, ist unabhängig von unserer Wahrnehmung. Unsere Feeds sind es nicht. Du bekommst nicht dieselbe Welt wie ich. Du bekommst die Welt, auf die dein bisheriges Verhalten den Algorithmus trainiert hat. Zwei Menschen öffnen morgens dieselbe App. Der eine bekommt fast nur Beiträge über Migration und Kriminalität. Die andere bekommt fast nur Beiträge über Klimawandel und rechte Gewalt. Ab und an bekommen beide einen Beitrag serviert, in dem jemand aus der jeweils anderen politischen Richtung ganz offensichtlich Blödsinn erzählt. Eine kleine Ragebait-Beilage zwischen all dem Selbstbestätigungsfutter. Beide haben das ehrliche Gefühl, sie hätten sich einfach informiert. Tatsächlich haben beide nur einen anderen Ausschnitt derselben Wirklichkeit gesehen. (ich rede hier nicht von Fake-News, das kommt noch obendrauf)

Das Gefährliche daran ist nicht, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Die braucht eine Demokratie sogar.

Das Gefährliche ist, dass wir anfangen, unterschiedliche Wirklichkeitsmodelle zu entwickeln, dazu neigen Menschen ja auch ohne algorithmisch gesteuerte Präsentation von “der Welt”. Nicht weil jemand lügt. Sondern weil jeder Feed ausgewählt präsentiert, was die längste Verweildauer und die meiste Interaktion des Users verspricht.

Und genau hier taucht ein Wort auf, das für den ganzen Text wichtig wird:

Anreize.

Der Algorithmus fragt nicht: “Was ist gut für dich oder die Gesellschaft? Was ist eine korrekte Darstellung der Welt?”

Er fragt: “Worauf reagierst du?”

Und damit beginnt die eigentliche Geschichte.

Kapitel 4: Aufmerksamkeit ist die eigentliche Währung.

In Nerdkreisen gibt es seit Jahren einen Satz über die neuen Star-Wars-Filme:

“Disney ist es egal, ob ihr die Filme geliebt oder gehasst habt. Ihr habt sie geschaut.”

Ich weiß nicht einmal, ob dieser Satz jemals von jemandem bei Disney gesagt wurde. Wahrscheinlich nicht. Aber als Beschreibung des Internets trifft er einen wichtigen Punkt.

Der Satz klingt erst mal zynisch. Tatsächlich beschreibt er ein Geschäftsmodell. Wer einen Film liebt, schaut ihn. Wer ihn hasst, schaut ihn oft trotzdem, wenn das Franchise bekannt genug ist, oder der erste Teil ein Hit war. Vielleicht sogar zweimal, damit man bei der Kritik mitreden kann. Dann kommentiert man wütend über den Film… Vielleicht macht man ein TikTok darüber, oder ein Video, oder einen Reddit-Thread… Man lacht über die Memes zum Film und teilt sie… Der Film bekommt Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist im Internet eine sehr wichtige Währung, Werbekunden lieben Aufmerksamkeit, deshalb auch Plattformgeber.

Was eine Aufmerksamkeitsökonomie so gefährlich macht, ist dass sie nicht zwischen Zustimmung und Empörung unterscheidet. Ein Klick ist ein Klick. Ein Kommentar ist ein Kommentar. Auch ein wütender Kommentar hält Menschen länger auf einer Plattform.

Ich habe genau das selbst gemacht. Ich habe Beiträge angeklickt, weil sie mich aufgeregt haben. Ich habe Menschen widersprochen, die offensichtlich Unsinn erzählt haben. Ich dachte, ich würde das richtige tun. Tatsächlich habe ich oft genau das getan, was der Algorithmus belohnt: Ich habe Aufmerksamkeit gegeben.

Und genau hier wird das Wort Anreiz plötzlich ganz praktisch.

Kapitel 5: Warum zieht es mich rein?

Bevor ich weiterschreibe, muss ich etwas zugeben: Diesen Text schreibt jemand, der mediensüchtig ist.

Das ist kein Etikett, das ich anderen gebe. Das ist eine Beschreibung die ich selbst mir gebe. Ich musste meinen Threads-Account löschen, weil ich gemerkt habe, dass Threads etwas mit mir macht. (Das kann natürlich bei jeder Person anders oder bei einer anderen Plattform der Fall sein.) Ich wollte nur kurz schauen. Ich reagierte auf Menschen, die mich aufregten. Ich diskutierte mit Leuten, die nur provozieren wollten. Ich schenkte meine Aufmerksamkeit immer wieder genau den Beiträgen, von denen ich hoffte es würde sie nicht geben.

Bei YouTube habe ich irgendwann radikal ausgemistet. Autoplay aus. Startseite praktisch ignoriert. Viele Kanäle deabonniert. Das war keine moralische Entscheidung, sondern Selbstschutz.

Und erst dabei habe ich verstanden: Das Problem ist nicht nur mein Stresslevel. Das Problem ist auch, dass ich mit jeder Reaktion mitentscheide, was auf einer Plattform erfolgreich wird. Meine Aufmerksamkeit bleibt nämlich nicht bei mir. Auf vielen Plattformen wird denen die mir folgen angezeigt, womit ich interagiert habe, was ich kommentiert habe oder was mir gefällt… wenn die dann auch kommentieren, dann denen die ihnen folgen… Dadurch landet derselbe Beitrag in immer mehr Feeds. Selbst wenn ich nur eine kleine Reichweite habe, kann ich ohne es zu wollen dabei helfen, dass sich Bullshit oder Ragebait weiter verbreitet.

Mittlerweile klicke ich bei Bullshit und Ragebait auf Ignorieren. Hass und Hetze melde ich. Und wenn jemand “auf einen schlimmen Ragebait-Account aufmerksam macht”, klicke ich auch dieses Profil auf Ignorieren. Diese Accounts sorgen dafür, dass ich ständig wieder in die Versuchung gerate und geben den fragwürdigen Accounts Bekanntheit und Reichweite. Aus dem Grund habe ich auch fast allen Reaction-Kanälen auf YouTube entfolgt.

Aber der wichtigste Schritt war: Was war mein Anreiz dafür? Was gab es mir auf totalen Bullshit zu reagieren?

Ich wusste dass ich Recht habe und der Poster unrecht. Und ich habe verdammt gern Recht. Genau deshalb war Ragebait für mich so gefährlich.

Deshalb fällt es mir langsam leichter mich nicht mehr baiten zu lassen. Threads bleibt weg für mich und YouTube nur in reduzierter Dosis. So versuche ich meinen kontrollierten Social Media Konsum zu managen.

Und ihr so?

Kapitel 6: Nicht böse. Nur voller Anreize.

Aber auch Unternehmen, Parteien, Plattformen usw. werden von Menschen gelenkt und reagieren somit auf Anreize.

Genau deshalb glaube ich, dass die Frage “Wer ist schuld?” oft in die falsche Richtung führt. Interessanter sind die Fragen: Welchen Anreiz hat jemand gerade? Und welchen Anreiz kann der Kunde oder die Gesellschaft geben?

Schauen auf die verschiedenen Beteiligten:

Die Plattform

Eine Plattform hat einen ziemlich einfachen Anreiz: Sie möchte, dass Menschen bleiben.

Je länger wir bleiben, desto öfter sehen wir Werbung. Je öfter wir zurückkommen, desto wertvoller wird die Plattform. Deshalb versucht sie nicht unbedingt, uns glücklich zu machen. Sie versucht, unsere Aufmerksamkeit festzuhalten.

Die Werbekunden

Werbekunden haben einen anderen Anreiz.

Sie wollen, dass möglichst viele Menschen ihre Werbung sehen. Gleichzeitig möchten die meisten Unternehmen nicht neben Gewalt, Pornografie oder Hass erscheinen und Kunden mit möglichst großem Budget anziehen. Ein schlechtes Umfeld schadet ihrem eigenen Image.

Deshalb entsteht plötzlich ein wirtschaftlicher Wert für “werbefreundliche Inhalte”. Nicht unbedingt aus Moral. Sondern weil ein gutes Image Geld wert ist.

Ein kleinerer Teil von ihnen (z.B: manche Alkoholwerbung, bestimmte Handyspiele…) legt weniger Wert auf “werbefreundliche Inhalte”.

Die Politik

Auch Politik braucht Aufmerksamkeit. Eine Partei möchte, dass Menschen ihre Themen sehen. Dass ihre Botschaften geteilt werden. Dass Wähler ihr Kreuz bei ihnen machen.

Social Media hat sich in den letzten Jahren immer mehr auch zum Schauplatz von politischen Auseinandersetzungen entwickelt, weil es schnell Aufmerksamkeit erzeugen kann.

Aktivisten

Und hier gehöre ich selbst mit dazu.

Ich schreibe diesen Text, weil ich ihn wichtig finde. Ich möchte, dass möglichst viele Menschen ihn lesen. Sonst würde ich ihn nicht auf Social Media veröffentlichen.

Fazit:

Ich glaube deshalb nicht, dass Social Media grundsätzlich gut oder böse ist. Das Problem sind auch nicht Algorithmen an sich. Problematisch wird die Kombination aus einem endlosen Feed, der für jeden Menschen individuell zusammengestellt wird. Ein Mensch braucht Gemeinschaft, Anerkennung, Informationen, Debatten usw., aber wir bekommen davon mittlerweile mehr an einem Nachmittag als frühere Generationen vielleicht in Wochen. Ich glaube nicht, dass Homo sapiens für diese Dauerbeschallung gebaut ist. Vielleicht entwickelt sich der Mensch irgendwann weiter. Aber Evolution arbeitet nicht im Takt von Software-Updates. Wahrscheinlich ist es einfacher, Social Media stärker an den Menschen anzupassen, als darauf zu warten, dass sich der Mensch an Social Media anpasst.

Die eigentliche Frage lautet für mich deshalb nicht mehr: Wie verändern soziale Medien den Menschen?

Sondern: Wie müssen soziale Medien aussehen, damit sie besser zum Menschen passen?

330 Tante Anne, warum hattest du so viel Angst?

 Dieses Wochenende war wunderschön.

Wir sind nach Bourtange in den Niederlanden gefahren. Eine gute Stunde mit dem Auto, über die Grenze, durch ein anderes Land, um einen Ort anzuschauen, weil Sonntag war, weil Kaffee alle war und um leckeres Essen mitzunehmen. Den Rest des Wochenendes davor und danach haben wir gekuschelt, gekocht, Serien geschaut und Herr der Ringe gezockt. Es war eines dieser Wochenenden, bei denen ich dauernd denke: Genau so soll mein Leben sein.

Aber es war Sonntag 06.09.2026, Wahltag in Sachsen-Anhalt.

Ich habe die Ergebnisse absichtlich nicht am Abend angeschaut. Hochrechnungen sind sonntags oft noch unruhig, und ich wollte mir diesen Tag auch einfach nicht kaputtmachen.

Heute Morgen habe ich nachgesehen: Weit über 43 Prozent für die AfD. Und seitdem geht mir nur ein einziger Satz durch den Kopf.

Noch nie in meinem Leben habe ich mir so sehr gewünscht, Unrecht zu haben.

Ich habe wirklich gern Recht, manche Menschen definieren sich über Aussehen, Erfolg, Kinder, Haus oder ihr Ansehen. Ich definiere mich übers Denken. Und wenn ich Recht habe ist das eine Genugtuung für mich.

Aber diesmal wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass ich komplett falsch liege. Mehr noch, ich wünsche mir, dass meine heutige Angst irgendwann lächerlich wirkt. Einfach weil niemand mehr begreifen kann, wie man überhaupt auf diese Gedanken kommen konnte.

Denn ich habe Angst. Nicht erst seit heute Morgen. Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat meiner Angst nur eine Zahl gegeben, aber sie lebt schon Jahre in mir.

Seit mindestens 10 Jahren passiert mir etwas Merkwürdiges zunehmend häufiger:

Ich mache ganz normale Dinge. Ich laufe durch meine Stadt. Ich fahre Bus. Ich sehe Menschen in Autos, Menschen auf Fahrrädern, Rentner mit Hunden, Jugendliche mit Rucksäcken auf dem Weg zur Schule. Leute eben. Die Stadt ist friedlich. Ein bisschen bieder vielleicht. So wie viele deutsche Städte eben sind.

Und plötzlich frage ich mich:

Was würde aus genau dieser Straße werden, wenn meine schlimmsten Befürchtungen wahr würden?

Wenn Krieg in Deutschland wäre und/oder wenn Deutschland autoritär beherrscht würde. Nicht theoretisch. Ganz praktisch.

Würde hier kontrolliert werden, wer überhaupt durch diese Straße laufen darf?

Würde jemand entscheiden, wo man arbeiten muss?

Würde jemand entscheiden, wo Menschen wohnen dürfen?

Würde jemand entscheiden, wen Menschen lieben dürfen?

Würde jemand entscheiden, dass Menschen einfach weil sie nichts ins "Stadtbild" passen das Land verlassen müssen?

Würde jemand entscheiden, wer es wert ist zu leben?

Ich sehe diese ganz normalen Menschen. Und ich frage mich, wie sehr sich ihr ganz normales Leben verändern würde. Das ist die Zukunft, vor der ich Angst habe. Ich habe Angst vor einem autoritären Staat. Ich habe Angst vor einer Zukunft, in der das Wohl des Staates wichtiger wird als das Wohl seiner Bürger. Vor einem Staat, der gar nicht mehr fragt: Was schützt den Menschen? Sondern nur noch: Was nützt dem Staat? Ich habe Angst vor einem Staat, der über das Leben seiner Bürger verfügen darf.

Menschen haben unter solchen Staaten gelebt. Unter nationalsozialistischen Regimen. Unter stalinistischen Regimen. Unter Militärdiktaturen. Unter absolutistischen Monarchien. Unter vielen autoritären Systemen dieser Welt. Mich erschreckt nicht nur, dass es so etwas gegeben hat und nicht mal, dass es so was in Teilen noch gibt.

Mich erschreckt, dass ich 2026 überhaupt darüber nachdenke, ob so etwas irgendwann wieder hier möglich werden könnte. Ich hätte mit 17, also 1999 nie gedacht, dass ich solche Gedanken je haben könnte, dabei war ich damals stark suizidgefährdet.

Denn das Verrückte daran ist: Ich bin gleichzeitig so glücklich wie nie zuvor. Ich bin in diesem Jahr ans Meer gezogen, in die Stadt die mein Traum war seit ich 12 bin. Ich habe mich hier Hals über Kopf verliebt. Ich habe angefangen, Sport zu machen. Ich versuche abzunehmen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich nicht nur keine Suizidgedanken mehr. Ich habe richtig Bock zu leben. Möglichst lange. Eigentlich müsste das die Zeit meines Lebens sein, in der ich voller Vorfreude in die Zukunft schaue.

Stattdessen schaue ich Richtung Zukunft und bekomme Angst. Warum? Weil mein Glück nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Es gibt Menschen, die bei Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaat zuerst an Wahlen und Regeln denken. Ich denke zuerst an mein Leben. Ich lebe in einem Staat, in dem ich wohnen darf, wo ich wohnen möchte. Ich lebe in einem Staat, in dem ich lieben darf, wen ich liebe. Ich lebe in einem Staat, in dem Institutionen mich nicht dafür bestrafen dürfen, dass ich bisexuell bin. Nicht dafür, dass ich psychisch krank bin. Nicht dafür, wie viele Sexualpartner ich hatte. Nicht dafür was ich politisch denke.

Menschen dürfen mich dafür verurteilen. Das tut manchmal weh. Aber zwischen einem Menschen, der mich verurteilt, und einem Staat, der mich dafür brandmarkt und nach Gutdünken aussortiert, liegt für mich eine ganze Welt. Der Rechtsstaat verspricht mir nicht, dass alle Menschen nett sind. Er verspricht mir, dass ich dieselben Rechte habe wie alle anderen. Dass staatliche Macht Grenzen hat. Dass ich nicht erst um Erlaubnis bitten muss, ich selbst sein zu dürfen. Und genau das ist für mich Freiheit. Für mich ist das der größte Unterschied zwischen Demokratie und Autoritarismus.

In einer Demokratie gilt im Kern: Ich darf alles tun, was nicht verboten ist.

In einem autoritären Staat verschiebt sich dieser Gedanke: Dann darf ich nur noch das tun, was erlaubt ist.

Das klingt wie ein kleiner sprachlicher Unterschied. Für mich ist es der Unterschied zwischen einem selbst gewählten Leben und einem Leben voller Angst zu den Aussortierten zu gehören.

Das Leben ist schwer genug. Jeder Mensch trägt etwas. Krankheit. Verlust. Einsamkeit. Behinderung. Herkunft. Streit. Misserfolge. Ich brauche nicht auch noch einen Staat, der entscheidet, welche Menschen weniger wert sind als andere. Ich brauche keinen Staat, der aus Eigenschaften eine Schuld macht. Ich brauche einen Staat, der sagt: Vor dem Gesetz seid ihr gleich.

Vielleicht ist genau deshalb meine Angst so groß. Nicht, weil ich sicher sein könnte, dass alles so kommen wird. Sondern weil ich mittlerweile verdammt viel habe, das ich verlieren könnte. Ich wünsche mir so verdammt, dass ich irre.

Ich wünsche mir eine Zukunft, in der meine Nichten und Neffen oder eines ihrer Kinder meine Texte lesen und mich verständnislos anschauen.

Und eines von ihnen fragt:

„Tante Anne, warum hattest du damals so viel Angst?“

Ich antworte:

„Ich hatte Angst, dass die Demokratie zerbrechen könnte. Ich hatte Angst um den Rechtsstaat. Ich hatte Angst um den Frieden in Europa. Ich hatte Angst, dass Freiheit nicht mehr selbstverständlich sein würde.“

Das Kind legt den Kopf schief und sagt zweifelnd: „Das ist doch lächerlich.“

Ich hoffe, dass ein Kind irgendwann wirklich nicht mehr begreifen kann, warum ein erwachsener Mensch einmal Angst vor dem Ende unserer Demokratie hatte.

Ich wünsche mir nicht einfach, Unrecht zu haben. Ich wünsche mir, dass meine Angst so unvorstellbar wird wie eine Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit. Dass Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie gar nicht verstehen, wie man sich davor fürchten konnte. Dass Rechtsstaatlichkeit ein langweiliges Kapitel im Sozialkunde/Politikunterricht ist. Dass Demokratie nichts Zerbrechliches mehr ist, sondern Alltag. Dass Frieden in Europa so selbstverständlich erscheint, dass man nicht einmal auf die Idee kommt, ihn verlieren zu können.

Ich wünsche mir, dass sie denken:

Tante Anne ist schräg.

Und ich hoffe, ich kann dann lächeln und sagen:

„Ich hatte noch nie in meinem Leben so gern Unrecht.“

331 Der Angst zum Trotz

Morgen geht’s los. Ich fahre zwei Tage quer durch Deutschland und besuche vier Menschen, die mir wichtig sind, dabei sehe ich zum ersten Mal Salzburg und gehe endlich wieder in die Berge. Vor ein paar Jahren wäre so eine Reise für mich undenkbar gewesen. Aber nicht, weil ich heute mutiger bin. Ich habe immer noch soziale Ängste. Die Vorstellung, morgen und übermorgen stundenlang mit völlig fremden Menschen in einer Blechbüchse eingesperrt zu sein, löst in mir Beklemmung aus. Allerdings nicht Angst um meine physische Unversehrtheit, sondern Angst vor Blicken, vor Ausschluss, vorm Ausgelacht werden, davor, aufzufallen und nicht dazuzugehören. Und diese Angst ist nicht kleiner geworden. Sie ist größer geworden.

Denn ich fahre durch Deutschland, mein geliebtes Land. Ich liebe die Landschaften, die Dialekte, die unterschiedlichen Küchen, die kleinen Eigenheiten jeder Region, sogar das Wetter irgendwie. Es ist mein Land, grün, wunderschön, ein bisschen spießig, immer etwas schlecht gelaunt... mein Land. Gleichzeitig fahre ich durch ein Deutschland, das sich nach meinem Empfinden verändert. Ein Deutschland, das mir immer mehr Angst macht, dass Leute wie ich, die schräg wirken, die nicht so recht dazu gehören, nicht mehr erwünscht sind, dass sich erschreckend viele Menschen wünschen, Menschen wie ich würden nicht öffentlich stattfinden.

Lange habe ich gedacht, ich müsste warten, bis die Angst verschwindet. Dann wurde mir vor ein paar Jahren langsam klar: Vielleicht verschwindet sie nie. Wenn ich darauf warte, werde ich für immer zu Hause sitzen und man weiß nie, wie die Welt und das eigene Leben sich entwickelt.

Und deshalb steige ich in den Zug. Weil meine Angst inzwischen größer ist, eines Tages nicht mehr als freier Mensch durch eine offene Welt reisen zu können. Und ich werde jeden einzelnen Blick aus diesem Zugfenster genießen. Ich meine das wörtlich. Ich werde die satten grünen Ebenen Norddeutschlands ansehen. Ich werde durchs Rheintal fahren und den Fluss verfolgen, als wäre er ein alter Bekannter. Ich werde im Spessart ankommen, in den Wäldern meiner Kindheit, die jetzt anfangen mit den Sandsteinsteilhängen um die Wette zu leuchten. Ich werde weiter durch Bayern fahren und nicht einmal wissen, was hinter der nächsten Kurve auftaucht: Felder, Wälder, Wiesen, vielleicht Hopfen, später schon die ersten Berge. Dann Bad Reichenhall. Dann Salzburg. Und später auf dem Rückweg das Ruhrgebiet, das einen völlig anderen Charme hat als Wälder und Täler und das ich trotzdem genauso mag. Ich möchte alles aufsaugen. Weil ich Angst habe, dass sich Dinge verändern. Ich habe keine Angst davor, dass Menschen aus anderen Ländern hier leben, dass Kulturen sich begegnen, sich vermischen oder dass es in Deutschland irgendwann zu wenig helle Haut geben könnte. Ich habe Angst vor einem leeren, starren, kontrollierenden Land. Vor einem Land, in dem Menschen sich nicht mehr frei bewegen, begegnen oder verschieden sein dürfen, besonders wenn sie nicht in ein Normbild passen.

Ohne Menschen und ohne Freiheit ist auch Deutschland nur eine Fläche auf einer Landkarte.

Also fahre ich.

Und ich fahre nicht nur irgendwohin. Ich fahre auch von etwas weg. Die letzten Monate hier am Meer waren wunderschön und turbulent zugleich. Ich bin kaum zur Ruhe gekommen. Richtige Routine konnte sich nicht einpendeln. Und trotzdem ist etwas passiert, worauf ich so lange gehofft habe: Das Meer ist Alltag geworden. Morgens Salzluft riechen. Nachmittags einfach an den Wellen spazieren gehen. Sich über die Lippen lecken und merken: Sie schmecken nach Salz. Das werde ich vermissen.

Aber ich fahre auch von jemandem weg. Vor ein paar Monaten ist ein Mensch in mein Leben geplatzt, der mich komplett durch gewirbelt hat. Es sind erst ein paar Monate. Trotzdem fühlt es sich an, als würden wir uns schon Jahre kennen. Nicht, weil alles perfekt wäre, sondern weil ich mich bei ihm unglaublich schnell zu Hause gefühlt habe. Mein Herr Capybara Schmitt-Beutlin ist ein Traum, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn träume. Und genau deshalb gehört auch diese Angst zur Reise. Borderline bedeutet bei mir nicht nur Angst vor fremden Menschen. Es bedeutet auch Verlustangst. Die Angst, wegzufahren. Die Angst, dass jemand nicht mehr da ist, wenn ich zurückkomme. Für viele klingt Vertrauen selbstverständlich. Für mich ist Vertrauen oft eine bewusste Entscheidung gegen die Angst. Ich steige morgen in den Zug und vertraue darauf, dass der Mensch, von dem ich mich verabschiede, auch noch da ist, wenn ich wiederkomme.

Ich verrate euch kein großes Geheimnis, wenn ich zugebe: Ich werde morgen und übermorgen Beklemmungen haben. Ich werde schwitzen. Ich werde mich schämen. Ich werde Situationen erleben, von denen ich jetzt schon weiß, dass sie unangenehm werden.

Und deshalb fahre ich jetzt los. Mit Angst. Mit Vorfreude. Mit vier Menschen an vier Orten. Und mit dem festen Vorsatz, jeden Kilometer bewusst mitzunehmen.


 

332 Der Angst zum Trotz II

es beginnt...

1 6.09.2026 Der Morgen vor der Abfahrt war viel ruhiger, als ich gedacht hatte. Herr Schmitt-Beutlin muss selbst früh arbeiten, wäre aber eigentlich „erst“ gegen 4:40 Uhr aufgestanden. Stattdessen ist er um 3 Uhr mit mir aufgestanden, hat Kaffee gemacht und mir sogar noch eine kleine Schale Müsli gemacht, während ich im Bad war. Danach sind wir gemeinsam noch einmal alles durchgegangen: Habe ich wirklich alles dabei? Akkuladegerät, Wanderschuhe, Energy für Zwischendurch? Taschentücher? (Ich bin ja kein Beutlin, der ohne Taschentuch in sein größtes Abenteuer zieht). Es war so ein fürsorglicher Abschied, bei dem man merkt, dass jemand möchte, dass es einem unterwegs gut geht.

Wegzugehen fiel mir dadurch natürlich nur schwerer. Ich bin wie immer viel zu früh am Bahnhof gewesen. Das ist eine meiner Macken: Lieber zwanzig Minuten zu früh als zwei Minuten zu spät.

Aber noch etwas ist anders als sonst: Ich habe so viel Gepäck dabei wie wahrscheinlich noch nie. Normalerweise reise ich erstaunlich spartanisch. Diesmal habe ich alles durchdacht, geplant und eingepackt, weil an Anfang und Ende dieser Reise Leute sitzen die sich sonst Sorgen machen.

Während ich diesen Text getippt habe, ist der Zug eingefahren.

Und die Reise beginnt.

Start in die Reiseplaylist

16.09.2026 06:08 Uhr

Vor zwei Wochen habe ich J.J. Cale erst kennengelernt. Mit Call Me the Breeze hat er sich vorgestellt. Und seitdem habe ich dieses seltsame Gefühl: Ich habe festgestellt, dass er gefehlt hatte, als ich ihn noch nicht kannte. Seit dem bekomme ich nicht genug von ihm.

Das ist wie bei meinem Herr Beutlin-Schmitt… da kommt jemand und du weißt plötzlich: Ja, genau das hat immer gefehlt.
 

Wie ich in Wilhelmshaven gelandet bin

16.09.2026 08:51 Uhr

Eigentlich ist das Münsterland schuld, dass ich heute in Wilhelmshaven wohne, obwohl ich ja erst „wenn ich alt bin“ ans Meer ziehen wollte:

Aschaffenburg war zu teuer. Das Rheintal war zu teuer. Nürnberg ebenfalls. Im Ruhrgebiet habe ich nichts gefunden. Also habe ich mir irgendwann eine ganz einfache Frage gestellt: Wo ist es auch schön?

Ich durchsuchte meine Erinnerung und diese führte meinen Finger auf der Karte zur Landschaft rund um Münster.

Dann kam die nächste Frage: Wo wohnt man verkehrsgünstig?

Also habe ich Bahnlinien verfolgt.

Und eine endete in Wilhelmshaven.

Mein Hirn rastete ein:

„Ich könnte in Wilhelmshaven wohnen. Am Meer. Wo Möwen und Wellen eine beinahe legolasmäßige Sehnsucht in mir geweckt haben. Der Südstrand, die Klinkerexplosion, die Kaiser-Wilhelm-Brücke, die Häfen… ich könnte in Wilhelmshaven wohnen.“

So ist die Schönheit des Münsterlands schuld daran, das Schlicktown meine Base wurde.

Verlust auf der Reise

16.09.2026 10:09 Uhr

In tiefer Trauer nehmen wir Abschied von einem Hosenträgerverstellerdings.

Es hielt tapfer die Hose an Ort und Stelle. Wenn auch nicht besonders lange.

🛒 Gekauft bei einem offensichtlich unzuverlässigen Onlinehändler am 07.09.2026

☠️ Verstorben zwischen Schwerte und Köln am 16.09.2026

Die Beisetzung erfolgte vermutlich beim Toilettengang im RE7.

Es hinterlässt einen zu lockeren rechten Hosenträger und einen etwas ratlosen Besitzer.

Ich wünschte du wärst länger bei mir geblieben. 💧
 

Wagner, wir kommen…

16.09.2026 11:22 Uhr

Wir sind durchs Münsterland durch, wir haben den Ruhrpott durchquert. Die Haltestellen der beiden letzten Züge lesen sich für mich wie real existierendene Nachkriegsgeschichte und Mythen zugleich.

Dann in Köln über die Hohenzollernbrücke… hier sollte laut Zugabfahrtschätzungsapplikation (von manchen schnöde Bahnapp genannt) eigentlich nicht mehr der von mir gewählte Zug erreichbar sein. Aber die wundersamen Irrungen des Bahngotts haben den ursprünglichen Plan nun doch wieder gewährt.

Die Rheintal-Etappe beginnt nun und bald Niebelungenland.

Vor Koblenz gibt es noch eine musikalische Zwischenstation: Lonely Boy von The Black Keys. Das ist keine Musik zum Nachdenken, sondern Musik, die einen Zug und die Gedanken anschiebt. Der Rhythmus hat etwas von Stahlrädern auf Schienen: tak-tak, tak-tak, tak-tak.

Der Plan steht also fest: Bis Koblenz Bluesrock, Americana und Fensterguckmusik. Ab Koblenz, das wie ein eifersüchtiger Drache den Eingang zum Niebelungenland bewacht, gehört der Rhein den Walküren. Götterdämmerung naht!

Wagner, wir kommen mit mindestens 2000 pummeligen Ponys unter der Haube der Regionalbahn… bis dahin:

Tony Joe White - Homemade Ice Cream

Mark Knopfler - Boom, like that

Calvin Russel - A Crack in Time

J. J. Cale - After Midnight

Dire Straits - Water of Love

Dire Straits - Once Upon a Time in the West

Neil Young - Harvest Moon

Cream - White Room

Brohl macht Vorankündigungen

 

Lynyrd Skynyrd - Simple Man

Paul Simon - Graceland

Jim Croce - I got a Name

Ehrenbreitstein, der wachende Drache...

 

Erst den Passagierwahnsinn am Hauptbahnhof meistern...

Nun donnern wir los. Schwerter 🗡️, äh Handys gezückt und auf!

Jetzt in voller Lautstärke auf die Ohren (2x hören, solange dauert die Fahrt bis zur Loreley etwa):

2x Die Walküre, WWV 86B: Walkürenritt, Richard Wagner

Carmina Burana: O Fortuna, Carl Orff

"Was ist das? Warum fotografierst du hier wie verrückt?"

"Deutschlands berühmtester Fels! 🪨"

"Ok…"

"Ja, da saß in der Mythologie ne Frau, hat sich die Haare gekämmt und dann sind Schiffe gegen den Fels gefahren. Oder so ähnlich…"

"Ok, deutsche Sirene?"

"Sie singt nicht, sie kämmt."

"Ok… hübscher Fels."

Möglicherweise lag es eher an sowas als an Haaren... aber was weiß ich schon...

Romeo and Juliet, Op. 64 / Act 1: Dance Of The Knights, Sergei Prokofiev

Der Rhein braucht eigentlich gar keine Mythologie. Er ist auch ohne Walküren und Loreley groß genug.

Seit über zweitausend Jahren ist dieses Tal eine der wichtigsten Verkehrs- und Handelsstraßen Europas. Römer, Händler, Pilger, Flößer, Winzer, Soldaten, Züge und heute endlose Ketten aus Güterschiffen teilen sich denselben Fluss. Holz wurde hier geflößt, Wein verschifft, Erz, Kohle, Stahl und heute Container transportiert. Der Rhein verbindet Nordsee und Alpenraum, Städte und Dörfer, Vergangenheit und Gegenwart.

Vielleicht gefallen mir deshalb die Fotos so. Zwischen den Burgen stehen Kirchtürme und Wohnhäuser. Neben den Weinbergen fahren Schubverbände, auf den Gleisen rollen Container- und Rungenwagen. Das ist keine Postkartenkulisse, sondern Alltag. Ein Fluss, an dem Menschen leben, arbeiten, pendeln und seit Jahrhunderten unterwegs sind.

Und hier nach Mainz ist das Wasser des Mains auch schon im Rhein.

Wenige Stunden später landet dieses Wasser in der Nordsee. Die beiden Landschaften, die sich für mich inzwischen wie Heimat anfühlen, sind durch genau diesen Fluss miteinander verbunden.

Bach: Toccata d-moll BWV 565, Conrad Zwicky

Dann läutet Bingen, in dem ich 5 Jahre während meines Studiums gewohnt habe, das Ende der schönsten Teilstrecke meiner Fahrt ein. Bald wechsle ich in Mainz von Rhein zu Main und bin also fast schon in der alten Heimat.


 

333 Der Angst zum Trotz III

Der Frankenfeldzug

17.09.2026 04:30 Uhr

Die mythische Zugreise geht weiter.

Die treue Buslinie meines Vertrauens bringt mich von meinem Heimatdorf im Spessart, wo ich bei meiner Mutter übernachtet habe, in die schönste Stadt der Welt, also nach Aschaffenburg.

Die 2000 pummeligen Ponys unter der Haube der Regionalbahn tragen den Franken dann später einmal komplett durch Bayern. Vom einen Ende hinein, durchs ganze Königreich, und am anderen Ende wieder hinaus.

Der Bahngott hat den ersten Akt genehmigt und mich abschließen lassen: Nordsee, Ruhrpott, Rheintal, Mainz, Untermain und schließlich der wunderschöne frühherbstliche Spessart.

Akt III also…

Keine Walküren mehr. Dafür Franken. Und Franken sind bekanntlich eine eigene mythologische Spezies. Wir sprechen in Lautverschiebungen, trinken angeblich nur aus Bocksbeuteln (und Bembeln, aber das ist eine randfränkische Erscheinung) und behaupten mit erstaunlicher Überzeugung, garantiert keine Bayern zu sein.

Wir nennen sie Barzis, sie uns Preißen oder Saupreißen… das ist alles halb spaßig, halb historisch gewachsen, doch ich muss insistieren:

„Ein Franke ist noch weniger Preuße, als das er Bayer ist. Die Frage, zu welchem Teil ein Franke Sau(Preuße) ist, hängt von der Menge der konsumierten Schäufele, Bratwürste ect. ab.“

Ich rechne fest damit, dass der Allgleisige unterwegs noch mindestens eine göttliche Prüfung einstreut. Vielleicht einen unerwarteten Gleiswechsel. Vielleicht einfach eine Signalstörung. Über Ver…pätung und P…ünktlichkeit rede ich erst wenn ich angekommen bin, alles andere würde den rätselhaften Bahngott erzürnen.

Die Ponys sind bereit (Hoffe ich)

Die edelmütigen Ziele des Frankenfeldzugs

Die gestrige Verwirrung um das Wort Drial-Rad (im Hartdeutschen oder Hartdenglischen: Trial-Rad) machte mir erneut klar dass dieser Feldzug nicht nur nötig, sondern überfällig ist.

Edikt des Feldherrn an die Völker südlich des Mains:

Wir ziehen nicht aus, um Länder zu erobern. Wir ziehen aus, um sie zu erlösen von unaussprechlich harten Lauten, die der Deutschen Sprache unnötigerweise hinzugefügt wurden.

Die Ziele unseres Feldzugs seien daher:

  • Alle übermäßig harten Ts und Ps friedlich einzusammeln und durch wohlklingende fränkische Laute zu ersetzen.
  • Im Bündnis mit den hessischen Freunden auch unnötige CHs in Obhut zu nehmen.
  • Niemandem Schaden zuzufügen, außer übertrieben kantigen Konsonanten.

Wir versprechen allen Unterworfenen Religionsfreiheit (denn der Allgleisige herrscht auch ohne dass man an ihn glaubt) und das Recht, ihre Bratwürste und andere kulinarische Besonderheiten weiterhin nach eigenem Brauch zuzubereiten.

Möge der Allgleisige unsere Anschlüsse bewahren, die Harasböck (Pferde; der Ausdruck wird in Ausnahmefällen auch für PS verwendet) ausdauernd galoppieren und die 2000 pummeligen Ponys den Feldherrn sicher bis an die Alpen tragen.

Servus

334 Der Angst zum Trotz IV

Das Abenteuer geht weiter

Ein alter Besen in Salzburg

18.09.2026 Mein Bruder E. (auch „Meister E.“, „alter Besen“, „genauester Mensch seit Erfindung der Taschenuhr“ oder „Mister Wasserwaage“ genannt) war zu der Zeit in Kur in Bad Reichenhall und rief mich an ob ich zu seinem Geburtstag im Oktober komme. Ich meinte „Nein, aber ich bin bald in der Nähe von Salzburg, vielleicht können wir uns da treffen.“

Er hat nämlich ein neues Spielzeug, ein E-Dreirad, mit dem er viel unterwegs ist.

Und schon am ersten Tag nach meiner Ankunft meldete er sich kurz vor Salzburg zu sein. Wir waren grad nach einem Spaziergang am Attersee Einkaufen und mir war das auch etwas zu spontan, weil 1,5 h Fahrt uns trennten. Aber ein Treffen über 400 km von seinem und etwa 900 km von meinem entfernt ist so herrlich absurd, dass es auf jeden Fall eine legendäre Erzählung werden könnte.

Ich hatte das Gefühl Michi wäre nicht begeistert, aber ich sagte ihr auch dass sie nicht mit muss.

Mister Wasserwaage erzählte viel von seinem Fahrrad und einem Geschenk was er sehr mühevoll anfertigte. Er war halt einfach mein alter Besen und ich habe meine Freude an verrückten gemeinsam Erlebnissen glaube ich auch von ihm gelernt.

Wir haben in unserer Familie schon genug geliebte Menschen verloren um den Wert eines „Weißt du noch als…“ zu kennen.

18.09.2026 Die Reise ist nicht zu Ende, nur weil ich angekommen bin.

Die Idee zum nächsten großen Abenteuer entstand irgendwo zwischen Attersee und Salzburg.

Diesmal geht es nicht gegen meine Sozialphobie und das deutsche Bahnnetz, sondern heute ziehe ich mit der ortskundigen Gefährtin gegen einen Berg.

Auf herausforderndem Weg, sonst wäre es ja keine große Quest.

Ich bin sehr gespannt was mein Fleischroboter noch leisten kann.

19.09.2026 Der herausfordernde Weg ist gescheitert, am Organisatorischen… um die Enttäuschung zu überwinden haben wir uns eine optionale Quest gesetzt: Den See genießen.

Ich denke wir haben erfolgreich abgeschlossen… mir ist das Fotografieren nämlich erst bei Sonnenuntergang wieder eingefallen.

Mehr zur Hauptquest, wenn wir wieder da sind.

Eindrücke von der optionalen Quest hier in Bildern oder Insta:

335 Der Angst zum Trotz V

Schön schön schön - Das mach ich nie wieder 

Ich bin wirklich auf einer Alm. Mehr noch, ich habe hier übernachtet. Jetzt war ich eben pinkeln und habe kurz aus der Hintertür fotografiert. Es regnet. Das macht das Bild fast mystisch.

Schafberg in der ersten Dämmerung 

Dann hat mein herzallerliebster Herr Schmitt-Beutlin mir wegen meines Jammerns über den Weg hier „Fenster zum Berg“ von Blumentopf empfohlen und die Erinnerungen wurden wieder ausgerollt.

Des Hobbits kurze, dicke Beine haben ihn den Spinnenpass nach oben getragen. Es fing in Unterach idyllisch an:

Unterach am Attersee

Mein Stolz und meine Würde blieben einfach hier sitzen...

 

Ich habe mich überschätzt. Diese Quest war zu groß. Michi übernahm die Rollen von Sam, Gandalf und Streicher gleichzeitig. Sie war Wegfinder, Motivator und trug die letzte Strecke sogar mein Gepäck.

Meine Würde und meinen Stolz musste ich auf dem Weg auf die Alm ablegen.

Einziges Foto meines treuen Stabs, episch, crafted by Michi

Die Würde gleich am Anfang, als der Weg ein paar Kilometer über einen quasi nicht mehr erkennbaren Pfad quer durch einen Wald führte. Einmal ging es einen kleinen Abhang hinunter. Ich entschied mich, auf dem Popo runterzurutschen, weil ich mir nicht zutraute, auf den Füßen heil unten anzukommen. Mit dem „dreggische Bobbes“ war an Würde nicht mehr zu denken.

Der Verlust meines Stolzes kündigte sich allmählich an. Mit jedem Höhenmeter wurden die Streckenabschnitte, die ich am Stück schaffte, kleiner. Ich verlor meinen Stolz im letzten Viertel des Weges. Es ging in recht steilen Serpentinen den Berg hoch. Teils Trampelpfad, teils unregelmäßige Treppen. Das gab mir den Rest und ich übergab Michi mein Gepäck.

Hobbitfolter oder auch Rentnersonntagsspaziergang genannt

 

In diesem Streckenabschnitt habe ich gejammert, sobald ich die Luft dazu hatte, was mich fast noch mehr Stolz kostete als das abgegebene Gepäck.

Der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich mich überschätzt hatte, kam nicht plötzlich. Er kam in diesen Serpentinen. Jede zweite Kehre musste ich stehen bleiben. Erst zum Atmen. Dann als Kinder und alte Leute auf diesem Pfad an mir vorbei gingen, blieb ich stehen, um mir einzugestehen:

„Ich hätte das nicht tun sollen. Ich habe in diesem Hang nichts verloren.“

Die Serpentinen hatten noch eine besondere Grausamkeit. Ich saß zwischendurch völlig entkräftet am Wegesrand. Da begann der gut gemeinte Satz des Tages: „Es ist nicht mehr weit.“ Der erste Mensch sagte es. Ich schöpfte Hoffnung. Der zweite sagte es, allerdings einige Kehren weiter oben. Ich begann zu zweifeln. Der dritte sagte es. Ich schaute nach oben und konnte Menschen sehen, die immer noch weiter oben liefen. Der vierte sagte es. Spätestens da fühlte es sich an wie organisierte psychologische Kriegsführung.

„Es ist nicht mehr weit“ ist auf einem Berg ein erstaunlich dehnbarer Begriff. Wenn du fit bist, sind 10 solcher Kehren wahrscheinlich nichts.

Für mich Hobbit klang „nicht mehr weit“ wie Hohn.

Selbst Michi hat später gemeint, dass sie immer Angst hatte, dass jemand wieder: „Es ist nicht mehr weit.“ sagt, weil sie gemerkt hatte, was das mit mir macht.

Hinter der letzten Kuppe stand eine Bank.

Schafberg und Spinnerin

 

Ich ließ mich darauf fallen und in meinem Kopf waren zwei Sätze:

„Es ist schmerzhaft schön hier.“ (das Wort „schön“ sagte der DrachenSchaf-Hobbit dann so oft, dass es zum Sprichwort wurde)

Ein paar Atemzüge später folgte der zweite Gedanke.

„Das mache ich nie wieder.“

Als Gipfel der Schande muss ich gestehen, dass ich zum Einzug in die Alm den eigenen Rucksack wieder übernahm, um in schönster (schön schön schön) Posermanier mir nicht die Blöße zu geben, dass ich ein gutes Stück ohne Gepäck hochgegangen war.

Die Hütte war gemütlich, die Kellnerinnen freundlich und lustig. Michi bestellte zum Beispiel eine Brettl-Jausen (Brotzeit). Mit dabei 4 kleine Scheiben Brot, viel zu wenig für ein großes Brett voller Wurst und Aufstrich. Sie bestellte also nach. Die Kellnerin fragte wie viele Scheiben. Michi im Brustton der Überzeugung: „Noch mal 4 Scheiben.“ Es wurden 4 riesige Brotscheiben geliefert. Wir haben alle gelacht.

Dennoch, in Zukunft wird der Hobbit im Flachland oder Mittelgebirge auf bequemen Wanderwegen bleiben.

Igor

Obwohl der törichte Hobbit hier vielleicht bald einen Wetteinsatz einzutreiben hat.

Da kam gestern so: Wir saßen mit drei der Kellnerinnen und dem Freund der einen noch zusammen am Tisch, nachdem die Gaststätte geschlossen war. Ich habe dann in die Runde gefragt, ob jemand eine Kinoempfehlung hat, weil sie alle von Kino geredet haben.

H., die in der Küche arbeitet und außerhalb davon nur barfuß zu sehen war, hat äußerst begeistert „Die Odyssee“ empfohlen. Ich habe im Netz bisher nur Schlechtes darüber gehört, aber gesagt: „Gut, ich schau ob er bei uns läuft und wenn schau ich ihn mir an. Aber wenn er schlecht war, dann schuldest du mir was.“

Sie: „Eine Brotzeit aufs Haus.“

Ich: „Abgemacht.“

Wegen einer Brotzeit noch mal hier hoch? Nein!

Tatsächlich hatte sie überzeugend von diesem Film geschwärmt, über den das ganze Internet meist nur Witze macht. So sehr, dass meine Freude an begeisterungsfähigen Menschen, wie sie einer ist, mich wieder hier her locken könnte. Sie und die anderen drei sind Gründe, hier noch einmal hochzugehen.

Der Berg ist unglaublich schön (schön schön schön). Der Blick auf die Seen vom Weg aus tut fast weh vor Schönheit. Aber diese vier Menschen sind herrlich wohltuend in ihrer so selbstverständlich wirkenden Ehrlichkeit und Offenheit.

Zwei von ihnen sind aus der Oberpfalz und zur Saison hier: R. und C.. Ich dachte erst sie wären Schwestern, sind aber gute Freundinnen.

Dann noch J., der Freund von R.. J. ist ruhig. Aber wenn er etwas sagt, dann ist es lustig und passend. R. und er scheinen sehr verliebt zu sein.

R. hat eine Lache, die die Hütte beben lässt und super ansteckend ist. Einer dieser Menschen, die jeder vernünftige Mensch zum Lachen bringen will.

C. hat so eine warme Intelligenz, wenn sie redet. Sie spricht ruhig und überlegt und ich schweige konzentriert, um kein Wort zu verpassen.

Wir saßen gestern noch bis 23:30 Uhr mit den Angestellten der Hütte zusammen und redeten. Aus einem Abendessen wurde einfach ein langer Tisch voller Themen: Kino, Bücher, Franken, Oberpfalz und Bayern. Wobei wir beschlossen haben, dass Bayern eigentlich die Unterpfalz ist (Michi hat es nicht mitbeschlossen, aber ich glaube wir haben sie nicht gefragt, weil sie ja eigentlich aus Bayern ist… Oder wie sie später differenzierte aus Niederbayern und gern Bayern vereinen würde. Ob die Franken überhaupt Interesse an so einer Vereinigung hätten bleibt fraglich). Wir redeten über dumme Menschen, sogar darüber wie schräg Pornokinos sind, über das Arbeiten in der Gastronomie, in der außer mir alle Erfahrung haben, über Sucht, über Steuern und Bürokratie, über Hobbits auf dem Spinnenpass und über alles Mögliche.

Heute sollten übrigens „die Adler kommen“. Michi ist zwar nicht wirklich Gandalf, aber sie hat am Donnerstag eine Schnake in der hohlen Hand gefangen und nach draußen gebracht.

Das war wie die Szene aus Herr der Ringe, in der Gandalf auf Isengards Plattform mit der Motte spricht und ihr die Botschaft mitgibt, die Adler zu holen.

C. möchte gern Adler. Michi sagt, sie habe nach Lämmergeiern gefragt. Die Chance ist winzig. Aber nicht null. Seitdem bin ich gespannt, ob ich je einen dieser riesigen Vögel zu Gesicht bekomme.

Kienberghütte - Eisenaueralm

Aber scheinbar muss der Hobbit denselben Weg ohne Adler wieder runter. Ich meldete vorsorglich Bedenken wegen meiner Höhenangst an.

Michi meinte nur: „Der Weg ist gar nicht so schlimm.“

Das dachten Luke Skywalker auch.

Und Palpatine.

Und Han Solo.

Geländer würden den Weg erleichtern.

Sie versteht nicht, dass die Schmach gestern nicht daran lag, dass der Weg schwer wäre. Sondern das ich fast zerbrochen wäre an einem T2 Weg, den Rentner als Sonntagsausflug wandern.

Meine fehlende Fitness war die Niederlage.

Aber nach dem schönen (schön schön schön) Abend mit Leberknödelsuppe, Brettl-Jausen und Linzer Kuchen und dem Morgen mit Kaffee mit leckerem Schmalzbrot (Grieben heißen hier Grammeln übrigens), ging es wieder nach unten.

Fast wieder unten! Halleluja!

Unten angekommen warteten wir auf den Bus. Ein Bus kam. Michi erklärte mir noch: „Der hat hier Endhaltestelle.“

Ich blieb also auf der Bank sitzen. Der Mann vor ihr dagegen erklärte dem Busfahrer sofort mit beneidenswertem Selbstbewusstsein:

„Ja, normalerweise fährt der weiter.“

Michi drehte sich nur halb zu mir um und sagte trocken:

„Normalerweise stehen hier Schafe.“ Ich hatte ihr eine Anekdote erzählt, die ich mit meinem Herrn Schmitt-Beutlin erlebt hatte, mit Ortsfremden, die unwissend Sachen behaupten.

Es gibt offenbar Menschen, die an jedem Ort der Erde spontan Experte für den Ort werden, an dem sie gerade zum ersten Mal stehen.

Jetzt gibt es Franzbranntwein für die Muskeln und noch mal Futter, denn die Hobbits sind zurück in der Basis.

Das war die Tour:

P.S.: Auf den Schafberg fährt vom Wolfgangsee eine Zahnradbahn zum Hotel auf 1783 m. Ob ob ich mich dafür schäme oder darauf stolz bin die andere Seite gewählt zu haben… das sage ich euch wenn alles etwas eingesickert ist.

336 Der Angst zum Trotz VI

Von den Alpen bis zum Wattenmeer

23.09.2026, 04:47 Uhr Ich verlasse die Wohnung von Michi, laufe mit viel zu viel Gepäck durch die Dunkelheit Richtung Bahnhof, weil die ganze Nacht immer wieder einen Satz im Kopf hatte:

„Ich will heim.“

Eigentlich wäre ich bis Freitag geblieben. Stattdessen sitze ich gleich fast 18 Stunden in Regionalbahnen und einem Bus, aus Österreich raus und einmal quer durch Deutschland bis nach Wilhelmshaven.

Das hier ist keine Urlaubsrückfahrt. Es ist eine Heimkehr.

Ich habe mir bei der Wanderung zur Alm (Schön schön schön - Das mache ich nie wieder) zu viel zugetraut, aber dadurch wurde mir noch klarer, dass ich mir insgesamt in den letzten Monaten zu viel vorgenommen hatte: zwei Umzüge, Hamburg, Wangerooge, Langeoog, Harz, Franken, Österreich. Seit Mai wohne ich in Wilhelmshaven und war gefühlt ständig woanders. Jetzt möchte ich zum ersten Mal dort einen Alltag anfangen.

Die Challenge beginnt also heute: „Von den Alpen bis zum Wattenmeer“. Mal sehen, ob ich alle Umstiege meistere oder doch irgendwann in einem Flixbus übernachte.
 

Der Freilassing-Zwischenfall

23.09.2026, etwa 07:30 Uhr, 

Der erste große Stress der Challenge.

Ich tapste verwirrt durch den Nightjet Richtung München, als die Schaffnerin mich anhielt und viel zu komplizierte Sachen für meinen müden, heimwehgeplagten Kopf erzählte. Sie meinte sie müsse mit mir zu ihrem Chef. Während wir gingen tauchte eine geisterhafte Erinnerung daran auf was Michi mal über die Heimfahrt gesagt hatte… Aber ich bekam es nicht mehr zusammen.

Ihr Chef wollte das Ticket sehen und erklärte mir schließlich, dass mein Deutschlandticket in diesem Zug nicht gilt. Ich musste in Freilassing aussteigen.

Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich schon in Vöcklabruck oder spätestens in Salzburg in einen Regionalzug nach Freilassing gestiegen. Stattdessen stand ich plötzlich auf einem Bahnhof, auf dem ich überhaupt nicht stehen wollte.

Der Chef war etwas unnötig unfreundlich. Die Schaffnerin daneben war dagegen menschlich. Sie fragte noch:

„Und wann fährt der nächste Zug?“

Ich: „In zwei Stunden.“

Sie: „Oh.“ es klang tatsächlich empatisch.

Das „Oh“ war das Mitfühlendste an dieser ganzen Aktion.

In Freilassing auch noch jede Menge Polizeibeamte in den Zug und standen mir beim Aussteigen ehrlich gesagt banal im Weg, aber ich fragte nett und sie machten mir Platz. Ich hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass Freilassing ein Grenzbahnhof ist. So selbstverständlich ist ein vereintes Europa für mich inzwischen geworden.

Die gute Nachricht: Die Mission lebt. Neue Route gefunden, nur 30 Minuten später, durch Anzeigen-Watching. Die Bahnapp hatte diesen Zug verschwiegen. Weiter geht's.

Auch wenn mir die Gegend hier unten selbst beim Bahnfahren zeigt, dass ich hier nicht hergehöre.
 

Wikingerüberfall auf den RE5

23.09.2026, 08:25 Uhr. Freilassing

Gerade ist eine Gruppe Skandinavier eingestiegen. Oder na ja... haben zum Angriff auf den Zug gerufen.

Einer hielt die Tür auf und brüllte ohrenbetäubende Wikingerlaute nach draußen. Sekunden später kamen drei weitere Gestalten mit Vollspeed angerannt und brüllten genauso zurück.

Rennen und Brüllen. Beides auf Maximalleistung. Das klang sehr… beeindruckend.

Dann nahmen sie dieses Langschiff... äh, den RE5 in Besitz.

Ich weiß nicht, was sie gerufen haben. Es klang aber deutlich mehr nach „RAGNARØØØK!“ als nach „Bettina, schnell.“ oder „Halt die Tür auf, Carsten!“

Das Schönste an der Szene kam allerdings direkt danach.

Kaum waren die Wikinger an Bord, verwandelten sie sich augenblicklich in ganz normale Fahrgäste. Eben noch Götterdämmerung auf dem Bahnsteig, zwei Sekunden später der universelle Blick aller Bahnreisenden:

„Ist da vorne noch ein Vierer frei?“

Ragnarök war beendet. Das Langschiff wurde zum Regionalexpress, und die Walküren suchten schweigend (wenn auch beeindruckend wenig außer Atem) einen Sitzplatz.

Verspätung durch den Wikingerüberfall: 3 Minuten.

 

73 Minuten Nürnberg Cousine

12:58 Uhr - 14:11 Uhr, 23.09.2026

Ich hatte 73 Minuten Aufenthalt in Nürnberg.

In jedem normalen Reiseplan wäre das einfach „lange Umsteigezeit“. Aber ich hab in Nürnberg eine wunderbare Cousine, die spontan auf meine auf den Anrufbeantworter gequatschte Nachricht zum Hauptbahnhof kam.

Ich traf sie an der Information in der Mittelhalle. Wir hatten uns seit ein paar Jahren nicht gesehen, und trotzdem war nach wenigen Sekunden alles wieder erstaunlich vertraut.

Ich fragte sie, ob sie irgendwohin möchte. Sie schaute mich mit diesem Blick an, den nur Menschen beherrschen, die seit Jahrzehnten überzeugt sind, dass es den perfekt unperfekten Ort gibt. „Na ja… ich würde schon gern zum DB Museum, zu ‚Hildes Backzug‘.“ Acht Minuten einfach. Egal ihre Tipps sind wirklich oft gut. Also marschierten wir los. Mit viel zu viel Gepäck bei mir.

E s gab Cappuccino und ein Nusshörnchen (beides tatsächlich lecker), cooles Ambiente und vor allem Gespräche, die sich gleichzeitig wie „gestern beendet“ und wie „viele Jahre vergangen“ anfühlten.

Sie erzählte von ihrer solidarischen Landwirtschaft, in der sie mitarbeitet. Davon, dass sie bald auf eine Art Studienreise nach Nordmazedonien fährt. Von Büchern, Kultur und Dingen, für die sie sich begeistert. Das Faszinierende daran ist: Sie merkt überhaupt nicht, dass sie dabei wie der Inbegriff eines alternativen Hochkultur-Snobs wirkt. Sie erzählt einfach mit leuchtenden Augen.

Ich kenne sie seit Anfang September 1999.

In all den Jahren hat sich viel verändert. Aber eines nicht: Wenn sie über Dinge spricht, die sie liebt, leuchtet sie.

Irgendwann kamen wir aufs Schreiben.

Ich erzählte ihr, dass Schreiben für mich jeden Tag wertvoll macht. Ich sagte sehr überzeugt, dass ich finde, es würden nicht genug ganz normale Geschichten erzählt, die jedem passieren können. Sie sagte dass ja schon viele Geschichten die Realität spiegeln und als Beispiel wählte sie ausgerechnet ein Buch, dass von drei außergewöhnlich großen Frauen erzählt. Ich schmunzelte und erläuterte warum mein Künstlername „Jemand“ ist.

Ich warf noch mit Joseph Beuys, seinem Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ und der Idee der sozialen Plastik um mich.

Sie hörte zu. Dann fragte sie ganz ruhig:

„Wo kann ich deine Texte lesen?“

Ich gab ihr einfach meine Homepage, die nur Leute bekommen, die auch meine Telefonnummer bekommen, dort gibt es keine Werbung, man muss und kann sich nicht anmelden oder liken und kommentieren. Dort findet man einfach etwas unsortiert meine Arbeit: Texte, Bilder, Videos, Reels/Shorts und Streams.

Dann schaute ich auf die Uhr und stellte fest, dass aus einem gemütlichen Wiedersehen plötzlich eine kleine Sporteinheit geworden war (schon wieder, davon hatte ich eigentlich erstmal genug). Also verabschiedete ich mich und lief die acht Minuten wieder zurück zum Bahnhof.

Ich saß schließlich schnaufend im RE29 nach Erfurt und schaute ein letztes Mal durch das Zugfenster auf Nürnberg.

Für einen Umstieg von 73 Minuten war das erstaunlich viel Leben.

Bahntheologie, Kanon der BahnReisenden 📜🚆

Erfurt 23.09.2026, 16:09 Uhr bis der Allgleisige etwas anderes verkündet

Fahrplan und Zeit gerieten in Erfurt aneinander. Bei solcher Häresie muss klar gestellt werden was in solchen Fällen zu tun ist.

Evangelium nach dem DrachenSchaf, Kapitel 1

Daheim kannst du schimpfen wie ein Rohrspatz. Unterwegs huldige dem Bahngott und seiner Heiligen Schrift. Gern auch digital. Aber lästere nicht den Allgleisigen in seinem Gebiete.

  1. Die Zehn Gebote des Allgleisigen Bahngottes (DB)
  2. Du sollst den Fahrplan als Heilige Schrift anerkennen.
  3. Du darfst ihn in Papierform oder digital verehren.
  4. Du sollst die beiden verbotenen Wörter, V..spätung und P..nktlichkeit unterwegs nicht aussprechen.
  5. Du sollst die Anzeigetafel regelmäßig konsultieren.
  6. Du sollst den Gleiswechsel nicht verachten, denn seine Wege sind unergründlich.
  7. Du sollst in Bastionen (genannt auch Bahnhöfe) aufmerksam wandeln.
  8. Du sollst niemals vorzeitig vom Sieg sprechen.
  9. Du sollst bei Scripted Wins (der Folgezug hat massive Beschwerden über die angebliche Uhrzeit) Dankbarkeit zeigen.
  10. Du sollst bei Scripted Deaths (dein Zug verlässt den Bahnhof mit großen Differenzen mit dem Raum-Zeit-Kontinuum) den Questlog aktualisieren.
  11. Daheim darfst du schimpfen wie ein Rohrspatz. Unterwegs nicht.

Wenn ein Anschluss gelingt, obwohl er eigentlich nicht gelingen dürfe sagst du:

„Die Zeit kapituliert vor dem heiligen Fahrplan, DB-Navigator sei ihr Name.“

Wenn Zeit und Schrift voneinander abweichen:

„Der Fahrplan besitzt mehr Dogmatic Power als die profane Raum-Zeit.“

Schweigendes Leiden ab hier... im Schienenersatzverkehr von Oldenburg nach Wilhelmshaven wurden am 24.09.2026 um 00:43 Uhr dann nur noch folgende tiefgreifende Worte notiert:

Es war: das war irrer Shit 17 h geplant 20 h gebraucht

Anne du bist durchgeknallte Möwe, aber Hut ab

mehr sobald ich wieder denken kann



 

Seit dem befindet sich die Möwe, auch Drachenschaf, Jemand oder Anne genannt im Wiederaufbaumodus und wird bald mit geballten neuen Kräften wieder los schreiben.

337 Der Angst zum Trotz - Epilog

 Nervig nervig nervig. Das übe ich noch.

Jede Reise macht etwas mit mir. Jede hinterlässt Erinnerungen. Manche bringen neue Menschen in mein Leben. Manche zeigen mir etwas über mich selbst. Diese Reise brachte vieles mit sich.

Ich bin gar nicht wegen der Berge 2 Tage lang gen Süden gefahren. Es war um einer Freundin in einer schweren Zeit beizustehen. Während dieser Reise ist mir eine Sache über mich selbst klar geworden, eine Hoffnung wurde zerstört und am Ende konnte ich doch auf mich stolz sein.

 

1. Echte Begegnungen

Ich habe in den letzten Monaten geglaubt, vielleicht hätte sich etwas an mir verändert. Nicht, dass ich klüger geworden wäre. Sondern dass ich Menschen inzwischen eher neugierig auf das machen kann was ich kann und weiß. Weil Herrn Capybara Schmitt-Beutlin sogar dann meine Meinung zählt, wenn Dinge mal schwierig, kompliziert oder stressig sind.

Ich liebe es Menschen zu treffen, die sich auf mich freuen, die gern mit mir reden. Für solche echten Begegnungen bin ich bereit einen 3h Umweg in mein Heimatdorf zu fahren, um bei meiner Mutter zu übernachten. Oder sehr spontan 1,5 h nach Salzburg zurück, für 2 h mit meinem Bruder. Oder 73 Minuten Aufenthalt in Nürnberg für einen Turbobesuch bei meiner Cousine zu nutzen. Oder eben 900 km Regionalbahn und Bus zu fahren um eine Freundin zu treffen, die eine miese Zeit durchmacht.

Die echten Begegnungen schreiben für mich die „Lore“ (wörtlich Überlieferung, in Computerspielen die Hintergrundgeschichte) einer Freundschaft, Verwandtschaft, Partnerschaft.

Allerdings sehe ich wenig Bewandnis darin Zeit und Mühe aufzuwenden dort hin zu fahren, oder dort zu bleiben, wo mein Aufenthalt egal ist, nicht erwünscht ist, oder ich gar störe. Das wurde mir deutlich bewusst auf dieser Reise.

 

2. Die sportliche Hoffnung

Eine Wanderung zu einer Alm stand an. 613 Höhenmeter. Kinder, Rentner und Sonntagsausflügler liefen den Weg hoch... Und ich: Schön schön schön - Das mache ich nie wieder 

Ich habe unterwegs meinen Stolz verloren. Ich habe meinen Rucksack abgegeben. Ich habe gedacht: Das kann doch nicht wahr sein. Ich war überzeugt, ich wäre inzwischen deutlich fitter geworden. Und dann hat mich dieser Gang zu einer Almhütte komplett zerstört. Die Landschaft war atemberaubend, die Alm wunderschön, die Menschen dort herzlich. Das alles stimmt. Aber der Weg dorthin war eine komplette Demontage meines Bildes von meiner körperlichen Fitness.

Die Hoffnung, schon eine gewisse Leistungsfähigkeit aufgebaut zu haben, ist dort oben gestorben.

 

3. Wiederaufbau des Stolzes

Und dann kam die Rückfahrt.

Die endgültige Entscheidung zu fahren fiel nachts. Ich lag wach und wälzte Gedanken, ordnete Gefühle ein. Mein mehrfach verletzter Stolz wimmerte nach Heilung. Mein Heimweh brüllte, meine Sehnsucht danach mir in Wilhelmshaven endlich einen Alltag aufzubauen schrie. Doch der Weg nach Hause wäre mit  dem D-Ticket laut Bahn-App mit 9 Umstiegen verbunden, wenn alles regulär laufen würde. Die Geduld den Heimweg wieder mit einer Übernachtung zu teilen fehlte mir komplett. Ich wusste nicht ob ich das schaffen kann. Stundenlang habe ich Zugverbindungen gesucht, FlixBus-Kombinationen verworfen, ICE-Ausnahmen geprüft, gezweifelt wie ich das schaffen soll und irgendwann gedacht: Scheiß drauf! Deutschlandticket only! 17 Stunden! Schon das klang grauenhaft. Am Ende wurden es über 20 Stunden und 11 Umstiege!

Zwei Großstörungen mit Umleitungen und nicht geplanten Umstiegen... irgendwo am Attersee in Österreich gestartet und bis an die Nordseeküste gefahren, nur Bus und Regionalbahn, sogar noch einen IC als Bonus eingesammelt, weil der Zug wegen einer Großstörung für D-Ticket freigegeben wurde... Und ich habe durchgehalten!

Früher hätten mich deutlich kleinere Bahnfahrten an meine Grenzen gebracht. Ich musste mir das über Jahre erarbeiten. Normalerweise würde ich unterwegs ausrasten, zusammenklappen, aufgeben. Diesmal bin ich einfach in meinem Schlicktown angekommen, der schönsten hässlichen Stadt, die ich kenne. Ich war endlos müde und kaputt, aber ich war da. Und schon im Bus von Oldenburg bis WHV (natürlich Schienenersatzverkehr) habe ich meinen Stolz wiedergefunden. Nicht den Stolz auf meinen Körper. Sondern den Stolz auf meine psychische Ausdauer.

Ich kann vielleicht keinen kleinen Berg hochgehen, ohne völlig einzubrechen. Aber ich kann eine absurde D-Ticket-Reise quer durch Deutschland überstehen. Ich kann Chaos aushalten, warten, improvisieren... Ich kann zwanzig Stunden unterwegs sein und trotzdem am Ende meinen Capybara in den Arm nehmen (Danke für das Sandwich und den Milchshake zur Begrüßung, ein schöneres Hobbit-Ich-liebe-dich-Begrüßungsgeschenk kann ich mir nicht denken)

Darauf bin ich stolz:

Nach dem mich die Reise ihn verschiedener Hinsicht eher resigniert zurückgelassen hat, habe ich mich meinen Ängsten gestellt und von ihnen nicht aufhalten lassen. 

 

338 Einnorden

08.10.2026

Ich bin heute nach Süden gegangen, um mich einzunorden.

Das klingt erst einmal falsch, aber der Südstrand in Wilhelmshaven heißt nicht zufällig so, er ist tatsächlich nach Süden gerichtet. Deshalb sieht man auf den Fotos von hier aus das andere Ufer der Jadebucht, also Dangast.

Short zum Text:

https://youtube.com/shorts/Lo4WPE71_K0?feature=share

 

Ich habe vorher Wäsche gewaschen und war bei der Apotheke, nichts episches. Aber ich brauchte mal wieder das Meer um dem ewigen Hintergrundrauschen der Sorgen etwas entgegen zu setzen.

 

Das Wetter heute war: Nordsee. Mal regnet es, dann bricht der Himmel auf und fünf Minuten später glitzert die Sonne auf dem Wasser, als hätte es den Regen nie gegeben. Das Gras leuchtet plötzlich so grün, als würde es an einem Wettbewerb teilnehmen. Dann wieder Regen.

Der Wind war dagegen für hiesige Verhältnisse heute gar nicht einmal besonders stark. Das Wasser ist relativ glatt, die Wellen klein. Ab und zu eine Möwe.

Die erwachsenen Möwen fehlen mir, scheinbar sind die meisten von ihnen schon nach Süden gezogen. Nur die Jungen von diesem Jahr sind noch da. Diese lauten Piraten gehörten die wenigen Monate, die ich jetzt hier wohne einfach dazu.

Und dann stehe ich auf einer Buhne. Dort, wo ich gerade bin, würde mich das Wasser bei einem höheren Wasserstand irgendwann umspülen, aber die Flut war heute in Wilhelmshaven nicht so hoch wie angekündigt. Doch eine Sturmflut kann vorkommen. Die Tide macht, was die Tide eben macht.

Genau das liebe ich an diesem Ort.

Alles ist in ständiger Veränderung. Jede Sekunde sieht hier anders aus. Und trotzdem ist es immer derselbe Ort. Vergänglichkeit und Ewigkeit (nach Verhältnissen eines Menschenlebens) gleichzeitig.

Deutschland fühlt sich immer düsterer an in den letzten Jahren. Unsere Menschenwelt fühlt sich momentan ziemlich düster an. Politische Radikalisierung, gesellschaftliche Konflikte, Kriege, Religiöse Konflikte, soziale Ungerechtigkeit, Klimawandel, Turbokapitalismus, Raigebait, Fake News… all diese Dinge bohren im Hintergrund ständig in meinem Kopf.

Meine persönlichen Probleme sind da, aber wenigstens etwas um das ich mich kümmern kann und dadurch sind sie über die Jahre grundsätzlich besser geworden.

Doch wenn ich hier am Meer entlanglaufe, werde ich wieder ein bisschen eingenordet und der Weltschmerz relativiert sich.

Nicht, weil meine Sorgen plötzlich unwichtig wären, aber die Menschheit ist nicht alles.

Die Welt ist größer als wir.

Das Meer bleibt das Meer. Die Möwen kommen und gehen. Das Gras wächst. Der Wind weht weiter. Die Flut kommt und geht. Und selbst, wenn die Menschheit irgendwann einen gewaltigen Fehler macht und sich selbst vernichtet oder gar den Planeten leblos hinterlässt, wird dadurch nicht das Universum aufhören zu existieren.

Aber heute bin ich Teil dieser Welt. Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, jeder Wassertropfen, jeder Stein, jedes Gebäude, sogar jedes Atom in uns und allem ist ein Teil davon. Jeder Schritt und jeder Atemzug verändern die Welt ein winziges Bisschen. Wir können uns nicht aus diesem System herausnehmen.

Und genau das gibt meinem Leben Sinn und beruhigt mich.

Ich stehe hier, sehe das Wasser, den Himmel, das Gras und die Wolken… und weiß: „Das hier ist größer als ich und größer als die Menschheit. Das ich da bin hat Einfluss, aber auch ohne mich und sogar ohne die Menschen wird etwas weiter bestehen davon.“ Nicht unverändert, aber noch da. Das relativiert jede Sorge über die Zukunft der Menschheit.

Und dann gehe ich wieder nach Hause. Eingenordet.

339  Das Gelübde von Azeroth

Es begab sich aber zu einer Zeit, dass ein spezieller Gamer keine innere Ausrede mehr fand, sich endlich eines Versäumnisses anzunehmen.

Dreißig Jahre saß er vor geliebten Geräten und bereiste digitale Welten. Er führte Armeen in die Schlacht, errichtete Städte, baute Handelslinien auf und brachte ganze Zivilisationen zu ungeahntem Wohlstand oder in den, seiner Ansicht nach, wohlverdienten Untergang.

Seine frühen Jahre gehörten der Echtzeitstrategie. Später kamen die Städtebauspiele. Besonders die Werke von Impression Games sollten ihn über viele Jahre hinweg an den Bildschirm fesseln: Zeus: Herrscher des Olymp, Pharao und Der erste Kaiser. Ganze Äonen der Spieleentwicklung gingen an ihm vorbei, während er dort Städte errichtete, Wirtschaftskreisläufe optimierte und sich um die Bedürfnisse seiner Bevölkerung kümmerte.

Dann kamen die Rollenspiele. Dragon Age: Inquisition und The Witcher 3 allein brachten ihm mehrere tausend Spielstunden. Auch die Onlinewelten blieben ihm nicht völlig fremd. Er versank eine Weile sinnfrei in Browser-RPGs, streifte durch Tyria, besuchte recht häufig Mittelerde und wurde sogar kurz zum Metamenschen in Once Human.

Er war also keineswegs unerfahren. Er hatte gespielt, gelernt, gekämpft, gebaut und vor allem immer wieder durchgehalten.

Doch eine Welt fehlte. Eine große:

Azeroth.

World of Warcraft war ihm selbstverständlich bekannt. Wie hätte es auch anders sein sollen? Dieses Spiel hatte die Spielebranche geprägt, Generationen von Spielern beim Erwachsenwerden begleitet und sich über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg als feste Größe behauptet. Während andere Spieler ihre Lebensgeschichten mit Azeroth verwoben, hatte der Gamer diese Welt stets umgangen. Es gab genug andere Spiele, andere Geschichten, andere Abenteuer. Und schließlich war da auch noch eine gewisse Abneigung gegen das, was er mit WoW verband: Gruppen und Konkurrenz.

Denn der Gamer spielte gern und viel, aber er spielte nicht besonders gut.

Zumindest nicht, wenn man darunter versteht, schnell zu reagieren, präzise zu steuern, komplizierte Rotationen souverän zu meistern und sich mühelos in Gruppen einzufügen. Koordination gehörte nie zu seinen herausragenden Fähigkeiten, nicht einmal im Real Life. Er brauchte zu viel Zeit, verlor in hektischen Kämpfen häufig die Orientierung und musste manchmal erst einmal sein Inventar sortieren, bevor die Welt weiter untergehen durfte.

Was er hingegen reichlich besaß, waren Zähigkeit, Durchhaltevermögen und eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich auch nach wiederholtem Scheitern erneut an dieselbe Aufgabe zu wagen, wenn auch zähneknirschend.

Er konnte verlieren. Er verlor oft. Er hasste es nur, wenn andere dabei zusahen. Noch schlimmer war es, wenn andere seinetwegen gescheitert waren. Deshalb war es wichtig das zu trainieren, mit Leuten die keinen Einfluss aufs Geschehen hatten… euch Zuschauern!

Denn Wettbewerbe, bei denen er nicht sicher sein konnte, zu den Besten zu gehören, hatte er deshalb schon früh gemieden. Gruppen waren ihm häufig ein Graus. Mehrere Menschen, unterschiedliche Tempi, gemeinsame Ziele und die unausgesprochene Erwartung, dass alle schon wissen würden, was zu tun war.

Hinzu kam, dass unser Held neben seinen unbestreitbaren Stärken einige weniger rühmliche Eigenschaften besaß. Er war langsam, stur und nicht immer besonders koordinationsbegabt. Außerdem hatte er eine etwas überraschende Schwäche, die er nur teilweise an sich akzeptierte: eine gewisse Überheblichkeit.

Nach dreißig Jahren Gaming war er nämlich durchaus der Ansicht, dass er sich trotz aller Schwächen nicht das Gemecker anderer anhören musste. Er wusste inzwischen, dass er nicht nur Defizite hatte, sondern auch, dass die Tipps von Besseren ihn häufig eher deprimierten, als dass sie ihn besser machten.

Zusätzlich hatte er so viele Spiele gespielt, dass ihm gelegentlich Dinge entfleuchten wie:

„Also, in Guild Wars war das anders.“

„In Witcher ist das eleganter gelöst.“

„Das gefällt mir in Mittelerde besser.“

Naja. Das wirkte nun auch nicht besonders sympathisch.

Unser Held war also ein Veteran, der wusste, dass er nicht besonders gut spielte, aber keineswegs zu dem Schluss gekommen war, dass er deshalb weniger Recht hätte, seine Meinung kundzutun.

Aber warum ausgerechnet WoW?

Gehörte das Gruppenspiel dort nicht zum guten Ton?

Irgendwann begegnete unser Held einem anderen Gamer. Einem Veteranen, der World of Warcraft nicht bloß kannte, sondern dessen digitale Heimat es seit mehr als zwei Jahrzehnten war. Herr Capybara Schmitt-Beutlin erzählte von WoW, von Gruppen, Dungeons, Raids, Progress und all den Dingen, die dieses Spiel für so viele Menschen ausmachten.

Unser Held hörte zu und dachte: Das ist vermutlich nichts für mich.

Doch die Neugier blieb.

Was hielt diese Menschen über so viele Jahre in einer einzigen Welt? Was gab es dort zu entdecken, zu erleben und zu erzählen? Was war das für ein Spiel, das für manche nicht einfach eines unter vielen war, sondern ein wesentlicher Bestandteil ihres Gaming-Lebens?

Und zufällig fiel in diese Zeit der Fragen der bevorstehende Release von WoW: Forever.

Eine neue Gelegenheit, eine alte Welt endlich richtig kennenzulernen. Nicht als flüchtiger Besucher, nicht mit ein paar halbherzigen Ausflügen, sondern mit dem ernsthaften Entschluss, Azeroth zu erkunden.

Doch unser Held wusste inzwischen genug über sich selbst, um eine wichtige Erkenntnis nicht länger zu ignorieren: Wenn er versuchte, WoW so zu spielen, wie es vermeintlich vorgesehen war, würde er vermutlich keinen Spaß daran haben.

Er würde sich hetzen lassen. Er würde sich in Gruppen unwohl fühlen, sich über Fehler ärgern und über Kritik wütend werden. Er würde womöglich Inhalte erleben, die er eigentlich gar nicht genießen konnte, nur weil sie zum vermeintlich richtigen Weg gehörten.

Und am Ende würde er vielleicht wieder gehen.

Also fasste er einen Entschluss.

Er würde Azeroth betreten, aber er würde es auf seine Weise tun. Er würde sich die Zeit nehmen, die er brauchte. Er würde Quests lesen, Landschaften erkunden, Geschichten verfolgen, sich verirren, scheitern, zurückkehren und es erneut versuchen. Er würde Aufgaben auslassen, die ihm keinen Spaß machten, und andere dreimal so lange bearbeiten wie vorgesehen. Wenn er irgendwann eine Herausforderung nur deshalb bewältigte, weil er inzwischen weit über dem erforderlichen Level war, dann war das halt so.

Denn unser Held war nicht hier, um zu beweisen, dass er der beste Gamer war. Er war hier, um herauszufinden, was Azeroth ihm erzählen konnte.

Eine solche Reise verlangte allerdings ein Opfer. Bestimmte Dungeons, Raids, Gruppenquests und Ausrüstungsgegenstände würden ihm verschlossen bleiben oder nur schwer zugänglich sein. Er würde nicht alles sehen, nicht jede Mechanik kennenlernen und niemals die gesamte Tiefe dieses Spiels erfassen. Er nahm diese Einschränkung bewusst in Kauf. Denn er wusste auch, dass dieser Verzicht ihn erst befähigte, die Reise überhaupt anzutreten.

So leistete er seinen Schwur:

Er würde keine Gruppen annehmen.

Keine gemeinsamen Dungeons, keine Raids, kein Sich-von-irgendwem-ziehen-Lassen, nur weil es der übliche Weg wäre.

Er würde allein durch Azeroth ziehen. Nicht, weil er andere Spieler fürchtete, nicht, weil er sich für überlegen hielt, und auch nicht, weil er glaubte, alles allein besser zu können. Sondern weil er wusste, dass er auf diese Weise die größte Chance hatte, an dieser Welt Freude zu finden.

Dieser Schwur war seine Buße. Doch die Buße war zugleich seine Befreiung.

Sie bewahrte ihn davor, das Abenteuer mit Erwartungen zu beginnen, die ihm den Spaß verderben würden. Sie gab ihm die Freiheit, langsam zu sein, Fehler zu machen und an Aufgaben zu scheitern, ohne dass jemand auf ihn warten musste. Sie erlaubte ihm, hartnäckig zu bleiben, bis er etwas geschafft hatte, das er zunächst nicht bewältigen konnte.

Und sie bewahrte ihn davor, sich ständig mit anderen messen zu müssen. So bekam er die Möglichkeit, auf das Erreichte stolz zu sein, ohne es an den Maßstäben anderer messen zu müssen.

Doch kaum hatte unser Held diesen Entschluss gefasst und die ersten Schritte in Azeroth getan, offenbarte sich eine dieser Schrägheiten, die er an Computerspielen liebte.

Er war ein untoter Paladin.

Unser Held hatte am Rande mitbekommen wie unpassend diese Kombination sein musste. Er hatte zwar seit 22 Jahren immer mal von anderen Nerdleuten etwas über WoW mitbekommen, aber er war nun wirklich kein Lore-Experte, der sämtliche theologischen, metaphysischen und sonstigen Schwierigkeiten dieser Klassenwahl hätte benennen können.

Dennoch zweifelte er ob das ein guter Start in ein MMO wäre eine vorher so nicht mögliche Klasse zu wählen, die sogar er als diskutabel erachtete. Doch Herr Capybara Schmitt-Beutlin empfahl sie ihm wegen des Gameplays (zu Recht, sehr passend zum Helden). Und nach nur wenigen Stunden in der Beta war klar dass der Held genau diese herrlich unpassende Kombi spielen musste.

Es war tatsächlich eine merkwürdige Angelegenheit, als wandelnder Leichnam mit heiligen Kräften durch die Welt zu ziehen. Vermutlich gab es bessere Kombinationen.

Aber er spielte WoW und hasste Gruppen, vermutlich gab es bessere Kombinationen. 😁

„Es passt zu mir. Ich leb damit. Oder bin untot damit… oder was auch immer.“

Wie lange sein Gelübde gelten würde, wusste niemand. Vielleicht würde er in einem, zwei oder drei Jahren seine Buße als abgetragen betrachten. Vielleicht würde er eines Tages einen neuen Charakter erschaffen und sich erstmals freiwillig in eine Gruppe wagen. Vielleicht würde er feststellen, dass sich seine Beziehung zu WoW verändert hatte.

Vielleicht würde er auch einfach weiterspielen wie bisher.

Doch das war Zukunftsmusik.

Mit dem Start von Forever beginnt diese Reise.

Ein alter Gamer betrat eine alte Welt. Er war kein Held, weil er besonders geschickt gewesen wäre. Er würde stolpern, fluchen, sein Inventar sortieren, während irgendwo ein Gegner auf ihn wartete, sich verlaufen und an Aufgaben scheitern, die andere für lächerlich einfach hielten.

Doch er würde bleiben.

Stück für Stück würde er diese Welt betrachten. Er würde sich von ihr erzählen lassen, was sie zu erzählen hatte, und sich dabei weder von seinen eigenen Unzulänglichkeiten noch von den Erwartungen anderer aufhalten lassen.

Und als wäre ein untoter Paladin nicht schon Widerspruch genug, trug unser Held einen Namen, der seine gesamte Existenz treffender beschrieb, als er zunächst hätte ahnen können.

„******** ******“ (Der Name wird feierlich am 04.11.2026 enthüllt)

Die Welt von Warcraft würde sich damit abfinden müssen.

340 Ein vorgeschobenes Abenteuer

12.10.2026 

Ich verkünde feierlich, dass auch vor dem Abenteuer in Azeroth noch ein besonderes Highlight ansteht. Der Capybara meinte auch an den Zockerabenden nur ungern hier vor Ort auf mich verzichten zu können. Deshalb darf ich mir hier eine Gamerecke mit möwengerechten Gebrauchtteilen errichten... und vorher noch das Betriebssystem wählen. Ich habe dich gewählt: CachyOS. Nach meinem Einstieg in Mint Linux... ist es Zeit noch mehr zu fluchen und sich Arch zu stellen.

YouTube-Playlist zu Linux Mint, meiner Zimt Minze

14.10.2026

Die Gamerecke "Möwenspielzeug" wurde gestern erfolgreich und sehr stressfrei eingerichtet. Nun kann hier abends auch in Azeroth gewandelt werden.

Die Welt will brennen. Soll sie doch. 

Warum ich anfing zu schreiben und warum ich nun aufhöre:

2020 und 2021 schaute ich entgeistert aus dem Fenster auf Hippies, auf Menschen mit Kindern, die gemeinsam mit Rechts Außen in Massen an meinem Fenster vorbei demonstrierten. Sie demonstrierten angeblich gegen eine Diktatur. Es wirkte eher, als würden sie für eine demonstrieren.

2022 zog ich mich zurück, weil ich den Eindruck hatte die Schwurbler wollten die Welt anzünden. Ich dachte mir: „Wenn sie brennt, hol ich Popcorn.“

2023 stürzte ich mich zurück ins Leben. „Noch brennt sie nicht. Jetzt noch ne Scheibe Leben abschneiden.“

2024 lebte ich in bewusstem Hedonismus so ungesund wie möglich. Wer will schon alt werden in einer Welt, die unbedingt brennen will.

Anfang 2025 machte ich verzweifelt Wahlkampf für die Demokratie, wie ein zu oft geprügelter Hund kämpfte ich verzweifelt, nicht immer klug.

Ab Mai 2025 schrieb ich. Persönlich, gesellschaftskritisch, politisch, philosophierend… ich erhob immer wieder meine ganz durchschnittliche Stimme gegen die überheizte Stimmung. Mein Projekt „Jemand - Ein Mensch ist ein Mensch“ war der wichtigste Teil meines Lebens. Über 330 Texte, dazu noch Shorts/Reels und Videos. Ich schrie in den Void.

Ich bin unglaublich müde geworden… wenn die Welt brennt hol ich Popcorn. Wenn sie in 10 Jahren nicht brennt könnt ihr über mich lachen. Bis dahin zock ich WoW.     

Darum hab ich angefangen zu schreiben. Meine Haltung bleibt es weiterhin:

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