201 Nutzlos oder schon schädlich?

Die gnadenlose Religion
Für mich ist die vorherrschende "Religion" hier nicht Christentum, Islam oder Atheismus, sondern Erwerbsarbeit. Diese ist dabei nicht nur eine Art, Geld zu verdienen, sondern wichtigster sozialer und moralischer Marker. Diese Prägung ist kultureller Default-Modus, mal milder, mal gnadenloser. (hier mehr dazu falls gewünscht: )
Wenn man diese Logik im Kopf hat, wirken bestimmte Regelungen und Abläufe im Sozialstaat nicht mehr wie juristische Notwendigkeiten, sondern wie Verstärker im Glauben des Einzelnen. Im November habe ich Wohngeld beantragt. Nach erster Durchsicht hieß es, es sehe nach Bewilligung aus, würde allerdings voraussichtlich drei Monate Bearbeitung kosten. Wohngeld ist für mich kein Bonus, sondern ungefähr ein Drittel meines monatlichen Einkommens. Man kann sagen: Es wird ja nachbezahlt, aber drei Monate ohne ein Drittel des Einkommens sind drei Monate in denen nichts passieren darf. Existenzsicherung, die aussetzt, bleibt existenzgefährdend, auch wenn niemand böse Absichten hat und Personalmangel die Ursache ist. Die Lücke wird nicht vom System getragen, sondern von mir selbst, oder wenn man dafür genug Selbstbewusstsein hat auch vom Umfeld. Aber ich bin zu sehr in der landläufigen Religion geprägt dafür.
Ein ähnliches Spannungsfeld entsteht, wenn Menschen pflegebedürftig werden. Pflege kostet oft sehr viel Geld, und juristisch ist es folgerichtig, zunächst Einkommen und Vermögen einzusetzen, bevor die Allgemeinheit zahlt. Moralisch bleibt dennoch ein Rest Unruhe, weil die Ursache keine Fehlentscheidung ist, sondern schlicht Krankheit. Vermögen ist in einem System, in dem Erben ausdrücklich möglich und gesellschaftlich normal ist, geronnene Lebenszeit von Familienmitgliedern. Wenn Krankheit eines Familienmitglieds dessen Erbe verpuffen lässt, verschiebt sich nicht nur eine Bilanz, sondern auch das Gefühl von Wert und Zugehörigkeit innerhalb einer Familie. Da ich auch der Religion der Erwerbsarbeit anhängig war, beförderte es mich also vom "nutzlosen Esser" zum "Schaden für die Familie", dass mein Erbanteil von meinem Vater an den Bezirk ging.
Artikel 1 des Grundgesetzes erklärt die Würde des Menschen für unantastbar. Das ist ein großer Satz. Aber Würde entscheidet sich nicht nur in großen Fragen, sondern auch im Banalen: in der Zeit, die ein System sich nimmt, obwohl es um Existenzsicherung geht, und in der Selbstverständlichkeit, mit der ein Mensch sagen darf, dass er Unterstützung braucht, ohne daraus ein finanzieller Schaden für das ganze Umfeld wird.
Ich weiß, dass ich gegen eine Religion mit vielen Gläubigen anschreibe, wenn ich anzweifle, dass sich der Wert eines Menschen an seiner Erwerbstätigkeit misst, aber ich hoffe einfach auf den gesunden Menschenverstand, der jedem sagt: "Auch du kannst krank werden.".
202 Tabus

Auch wenn ich hier nur über meine persönlichen Erfahrungen spreche, will ich unsere Eltern nicht für mich vereinnahmen und werde sie durchgehend als unsere Eltern bezeichnen, weil das schlicht biologisch korrekt ist. Unsere Mutter nannten wir meist "Muddy" und unseren Vater "Holger", das erste kleine Tabu war also ihn Vater, Papa usw. zu nennen.
In unserer Familie gab es erstaunlich wenig Tabus im klassischen Sinn. Wir sprachen über Tod. Tiere wurden geschlachtet und gegessen, ohne romantische Verklärung. Holger ging mit nur einem Arm selbstverständlich ins Schwimmbad, stellte keinen Mythos um seine Behinderung auf, machte sich eher lustig über neugierige Fragen. Psychische Zusammenbrüche wurden nicht geleugnet, Alkoholprobleme nicht unsichtbar gemacht. Wir waren keine Familie, die nach außen eine heile Welt vorspielte.
Und doch war unsere Familie von Tabus durchzogen.
Das erste Tabu war Hilfe.
Ich habe als Kind auf den Knien um Hilfe gebettelt. Unsere Familie war laut, theatralisch und ich selbst darin schon als übertrieben verschrien, also nahm ich was ich hatte um gehört zu werden. Ich war zwölf oder dreizehn, ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte. Nicht nur die anderen waren gemein. Ich spürte, dass in mir etwas war, das ich alleine nicht regulieren konnte. „Muddy, ich brauche Hilfe. Ich bin nicht normal." Ich wollte zu einem Arzt. Gemeint war meine Psyche. Die Antwort war kein Gespräch über Gefühle. Die Antwort war Schweigen und Abwehr. Hilfe holen hätte für sie bedeutet, als Mutter versagt zu haben. Hilfe holen hätte bedeutet, dass die Leute reden.
Das zweite Tabu war Trennung.
Ich bin wieder auf die Knie gefallen und habe die Muddy angefleht, Holger zu verlassen. Unsere Mutter antwortete auf meinen Kniefall mit einem Satz, der tiefer saß als alles andere was danach noch kam: „Was würden die Leute sagen, wenn ich einen einarmigen Mann verlasse?" Nicht sein Charakter, nicht unser Wohlergehen, sondern das Urteil der Außenwelt war Maßstab. Das Leiden war erlaubt. Die Veränderung nicht.
Holger war kein Heiliger. Er war cholerisch, tyrannisch, ließ uns frieren, kontrollierte Wasser-, Holz- und Stromverbrauch und zwang uns zu Disziplin, die mit Fürsorge wenig zu tun hatte. Es hätte sein können und war mir damals schon bewusst, dass er bei einer Trennung ausrastet und gewalttätig versucht diese zu verhindern.
Gleichzeitig war er gebildet, leidenschaftlicher Musiker, ein Freigeist, ein Querulant, ein Mann mit Humor und Selbstironie. Er stellte sich selbst nicht als guten Menschen dar.
Trotzdem war ihn nicht verlassen können mehr vom Tratsch abhängig als von seinem Wesen oder Angst.
Das dritte Tabu war Bedürftigkeit von Kindern.
Wir waren viele Kinder. Zuständigkeiten ergaben sich aus Arbeit und Anzahl. Unsere Eltern waren faszinierende Menschen, kulturell hungrig, musikalisch, voller Geschichten. Sie zogen andere in ihren Bann. Fremde Kinder sammelte meine Mutter wie verlorene Schätze. Wir selbst waren oft Kulisse. Wir funktionierten. Wir halfen. Wir froren, wir hielten Lampen und durften trotz Kälte nicht wackeln. Wir standen in Arbeitsklamotten bereit. Unsere Mutter war die Fragile, nicht wir Kinder. Schutz kam seitlich, von Geschwistern, nicht von oben.
Das vierte Tabu war Scheitern.
Ich war „der Kluge". Mein Spitzname war "Zweistein". Ich erklärte, ich fragte, ich wollte verstehen, wie die Welt funktioniert. Unser Vater fragte mich zu Astronomie, zu Mathematik, zur englischen Sprache, sogar noch, als er schon geistig abzubauen begann. Ich hatte schlicht diese Rolle. Und Rollen sind in großen Familien (vielleicht in allen) kein Spiel, sondern systemische Struktur.
Als ich ein Ingenieurstudium begann, trotz Dyskalkulie, tat ich das nicht aus Leichtsinn, sondern weil ein „Laberfach" in unserer Familie nicht wirklich gezählt hätte. Ich wollte etwas "Gescheites" lernen. Ich scheiterte. Ich fiel durch Klausuren. Ich war verzweifelt. Und die Reaktion war kein „Vielleicht ist das nicht dein Weg", sondern „Du schaffst das schon." Als wäre Nicht-Schaffen keine Option. Ich durfte nicht versagen. Nicht, weil jemand böse war, sondern mehr weil mein Scheitern die Rolle zerstört hätte, denke ich.
Intelligenz war das was man mir anerkannte. Aber sie war auch Verpflichtung.
Holger sagte zu mir oft, wenn er betrunken und melancholisch war: „Werd nicht so wie ich." Er meinte es als Warnung, aus Reue. Ich habe diesen Satz ernst genommen. Nicht als Anklage, sondern als Auftrag. Ich habe mir vorgenommen, es besser zu machen. Mit denselben Genen, derselben Wut, derselben Neigung zur Überheblichkeit. Ich bin ihm ähnlich. Aber ich nehme Hilfe an. Ich nehme Kant, Aristoteles, die Bergpredigt, DBT Therapie, buddhistische Texte, die Sozialgesetze... Ich nehme mir, was für mich funktioniert. Auch das, was er vielleicht belächelt hätte.
Die größten Tabus unserer Familie waren, Hilfe zu brauchen und zu scheitern. Ich habe schon als Kind um Hilfe gebeten. Später habe ich sie mir genommen. Ich bin gescheitert. Ich habe das Studium abgebrochen (nach dem Suizidversuch, bei dem der "alte Anne" starb Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben. Kapitel 5. Funktionieren bis zum Zerbrechen.). Ich habe Therapie gemacht. Ich habe ausgesprochen, was man nicht aussprechen sollte: "Ich schaff das nicht allein."
Ich habe jedes unserer Tabus gebrochen.
Nicht aus Rebellion. Sondern aus dem Ziel heraus, ein guter Mensch zu sein, denn das ist meine ehrliche Antwort auf seinen Auftrag: „Werd nicht so wie ich".
203 Wie können Menschen Selbsttragfähigkeit lernen?
Warum Isolation schadet und Beziehung keine Pflichtlösung sein kann

Wenn wir hier von Einsamkeit sprechen, dann meine ich nicht „keine Partnerperson" und auch nicht „kein Sex". Ich meine echte soziale Isolation: wenig reale Begegnung, kaum enge Bindungen, kein stabiles Netz von Menschen, mit denen man regelmäßig spricht, lacht, streitet, sich austauscht. Ein soziales Wesen, das dauerhaft ohne Einbindung lebt, zahlt dafür einen Preis. Darauf Isolation ein echtes Problem ist, gibt es inzwischen genug Hinweise, dass man es nicht mehr als Empfindlichkeit abtun kann.
Wenn es stimmt und vieles deutet darauf hin, dass Männer häufiger in diese schädliche Form von Isolation geraten, dann sollte man das ernst nehmen. Es ist kein Wettbewerb der Opfer. Und bevor irgendjemand innerlich dichtmacht: Ja, auch Frauen können einsam sein. Ja, auch nicht-binäre Menschen können isoliert sein. Es geht hier nicht vorrangig um Geschlechter, sondern um möglicherweise schädliche Muster.
Wenn wir Isolation also als schädlich annehmen, folgt daraus nicht, dass romantische Partnerwahl verpflichtend wird. Eine Beziehung ist kein Sozialamt. Eine Partnerperson ist keine therapeutische Grundversorgung. Sie ist keine gesetzliche Betreuung oder ein betreutes Wohnen.
Vielleicht hilft ein kleiner historischer Blick, nicht als Vorbild, sondern als Kontrast. Es gab immer Menschen, die keine (offizielle) Beziehung hatten. Knechte, Besitzlose, Gesellen, konnten in vielen Gesellschaften schlicht nicht heiraten, weil sie keinen eigenen Hausstand gründen durften oder konnten. Das war nicht romantisch und sicher nicht gerecht. Aber eines waren sie selten: isoliert. Diese Männer lebten in Haushalten, Arbeitsgemeinschaften, Verbünden. Hierarchisch, hart, oft unfrei, aber eingebunden. Unverheiratet bedeutete eher selten automatisch allein lebend.
Der Unterschied heute scheint weniger zu sein, dass Menschen keine romantische Beziehung eingehen (können). Der Unterschied ist, dass viele allein leben. Physisch allein leben und mit sehr dünner sozialer Einbindung.
Und wenn Isolation das eigentliche Problem ist, nicht fehlender Sex und nicht fehlende Romantik, dann stellt sich eine andere Frage:
Warum diskutieren wir fast ausschließlich über Partnerwahl?
Warum wird aus „mir geht es schlecht" so schnell „die, die mich nicht wählen" sind schuld?
Warum wird Beziehung zum Reparaturmechanismus erklärt?
Und was sagt das über unsere gesellschaftlichen Strukturen (gerade gegenüber Männern)?
Ich sage das auch aus persönlicher Perspektive, und ich weiß, dass das nicht jeder mögen wird: Auf mich wirkt es abschreckend, wenn ich den Eindruck habe, jemand braucht eine Beziehung, um sein Leben stabil zu halten oder zu bekommen. Nicht, weil mir Einsamkeit egal ist. Sondern weil ich eine Partnerschaft auf Augenhöhe will und kein gesetzliches Betreuungsverhältnis mit Haushaltshilfe und Therapiestunden liefern kann. Wenn ich weiß, dass alles zusammenbricht, wenn ich gehen würde, bin ich faktisch nicht frei zu gehen. Das gilt übrigens unabhängig vom Geschlecht.
Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Diskussion:
Wenn Einsamkeit real schadet und wenn romantische Paarbeziehung nicht die Lösung per Verpflichtung sein kann, wie organisieren wir soziale Einbindung?
Wie werden Menschen selbst tragfähig, sodass eine Beziehung Ergänzung ist und nicht Existenzbedingung?
Wo gehen uns Formen von Gemeinschaft verloren?
In der Sozialisation?
In männlichen Rollenbildern?
In urbanen Lebensformen?
In der Art, wie wir Freundschaft bewerten?
Ich schreibe das nicht, um jemanden anzugreifen. Wer sich gerade einsam fühlt, hat eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient. Aber vielleicht müssen wir unterscheiden zwischen dem legitimen Schmerz von Isolation und der falschen Schlussfolgerung, dass andere Menschen ihn durch romantische Bindung beheben müssen.
Wenn Isolation das Problem ist, dann sollten wir über Isolation sprechen und wie man sie aufbrechen könnte. Nicht über „zu hohe Ansprüche". Also nicht über Schuld, sondern über Strukturen.
Und genau darüber würde ich gern diskutieren.
204 Bücherfresser a.D.
Beim Lesenlernen hasste ich Lesen, meine Mutter meinte: "Du wirst es irgendwann lieben!". In meiner kindlichen Sturheit die später auch zu dem Spitznamen "DrachenSchaf" führte, glaubte ich ihr absolut nicht.
Mein erstes selbst gelesenes Buch weiß ich noch genau. Es war „Oh, wie schön ist Panama“, von Janosch, in Schreibschrift gedruckt. Warum ausgerechnet dieses Buch der Anfang war, weiß ich nicht einmal sicher. Ich weiß nur, dass meine Mutter in diesem Moment keine Zeit hatte, mir daraus vorzulesen. Ich war ungefähr in der dritten Klasse, konnte Buchstaben lesen, wusste das auch, aber hatte Lesen bis dahin eher als etwas erlebt, das man gezwungenermaßen macht oder das jemand für einen erledigt. Und dann saß ich da mit diesem Buch und dachte mir sinngemäß: "Bevor ich jetzt warte, bis sie Zeit hat, lese ich es halt selbst.". Und das ging. Nicht Buchstabe für Buchstabe, nicht mühsam, sondern als Geschichte. Ich verstand, was da stand. Ich konnte dem folgen. Und ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl von Staunen darüber, dass ich mir diese Geschichte einfach selbst holen konnte, ohne Vermittlung, ohne Hilfe. Das war kein pädagogischer Moment, das war ein selbstermächtigener. Und genau so begann mein Lesen.
Danach wurde Lesen schnell etwas völlig Selbstverständliches. Ich war bereits vorher süchtig nach erzählten Geschichten, ab da gab es kein Halten mehr. Wenn ich eine Geschichte wollte konnte ich sie mir holen. Nicht nach Bildung, nicht nach Literatur, war ich süchtig, sondern nach dem Gefühl, in andere Welten einzutauchen, andere Leben mitzudenken, andere Blickwinkel zu erfahren, andere Möglichkeiten durchzuspielen. Bücher waren dafür für mich der direkteste Zugang. Filme liefern Bilder, Spiele liefern Gestaltungsräume, aber Bücher liefern nichts außer dem was mein Hirn aus Sprache macht. Und genau das machte sie für mich so intensiv und intim im Erleben. Ich ging selbst auf die Reise, die der Autor geschrieben und meine Phantasie ist der einzige Ort an dem ich eine Ahnung von "Unendlich ∞" bekomme.
Als Kind hatten es mir Michael Ende, Astrid Lindgren und Otfried Preußler besonders angetan, also war mir Fantasy keineswegs fremd. Besonders die "Unendliche Geschichte" hatte ich wieder und wieder verschlungen, auch wenn ich erst als Teenager wirklich mit meinen persönlichen philosophischen Deutungen des Stoffs begann.
Noch davor begab sich folgender legendär-pragmatischer Start in das wunderbarste Universum das ich je kennengelernt habe:
Meine Mutter (selbst Lesesüchtige, wie fast alle in meiner Familie) hatte damals immer den Weltbildkatalog. Darin war eine Jubiläumsausgabe angekündigt, sieben Bände, Der Hobbit und Der Herr der Ringe. Sie waren teurer als durchschnittliche Bücher. Ich habe gefragt, ob ich die haben darf. Meine Mutter hat ja gesagt. Bücher waren bei uns immer erlaubt.
Ich habe Der Hobbit aufgeschlagen und den ersten Satz gelesen: „In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“ Und danach die liebevollste Beschreibung einer Fantasyspezies die ich bis zum heutigen Tag je gelesen habe. Ich war süchtig nach Fantasy ab da.
Von da an war Fantasy kein Genre mehr, sondern ein Ort. Ich habe diese Bücher gelesen, gelesen, gelesen. Immer dann, wenn nichts anderes mehr da war, habe ich wieder Tolkien gelesen. Oft nur bis nach Bree, manchmal alles. Insgesamt bestimmt zwanzig Mal. Nicht aus Fandom, sondern weil es Heimat für mich geworden war. Diese Worte haben in mir gewurzelt.
Die Ausgabe selbst habe ich irgendwann verloren. Ich bin elf Mal umgezogen. Es ist "nicht jeder, der wandert, verlorn", aber diese Ausgaben sind es für mich. Der Inhalt ist es keineswegs, allerdings bin ich kein Superfan. Ich habe das Silmarillion nie gelesen, die neue Serie hasse ich, und trotzdem spiele ich heute noch manchmal ein uraltes Herr der Ringe-Online-Spiel, das objektiv kaum noch spielbar ist (LotRO ist fast 20 Jahre alt). Nicht aus Nostalgie. Sondern weil ich da hingehöre. Ich bin ein Hobbit. (Siehe Des Hobbits Liebeserklärung an Lebensmittel)
Ich habe ansonsten gelesen, was ich bekommen konnte. Viel, schnell, wahllos. Bibliotheken waren keine Orte der Ehrfurcht, sondern Jagdgebiete. Ich habe Regale leer gelesen. Erst Fantasy, dann Mittelalterliches, Historisches, alles mit Schwertern, Drachen, Königen, Intrigen. Dann Thriller, Psychothriller, alles, was dunkle Ecken im Menschen ausleuchtet. Als nicht mehr viel verlockendes übrigblieb ging ich zu denen "die-manchmal-wegen-alphabetischer-Sortierung-zwischen-den-üblichen-Romanen stehen". An denen ich eh schon bei den letzten 10 Besuchen vorbei ging. An den großen Namen, an sogenannter Weltliteratur. Was sollst du machen, bevor du Uninteressantes liest?
Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ich dazu berechtigt bin, solche Bücher zu lesen. Ich habe mich nicht gefragt, ob ich sie richtig verstehen werde, ob ich sie so lese, wie der Autor sie gemeint hat, oder ob ich dafür genug Vorwissen habe. Ich habe gedacht: Das ist ein Buch. Es ist auf Deutsch geschrieben oder zumindest übersetzt. Ich kann Deutsch lesen. Also werde ich es lesen können. Und das stimmte. Ich habe „Herr der Fliegen“ gelesen, „1984“, „Les Misérables“, „Die Verwandlung“, „Der Zauberberg“, „Die Buddenbrooks“, „Der Untertan“, später den „Steppenwolf“. Ich habe sie gelesen wie alles andere auch: aufgeschlagen, gelesen, weitergelesen. Und ich habe mir meine eigenen Gedanken dazu gemacht.
Und ich habe schnell verstanden, dass dieses berühmte Kanon-Gedöns nicht nur Gerede ist. Nach „1984“ ist Sprache nicht mehr unschuldig. Nach „Herr der Fliegen“ ist Zivilisation keine Selbstverständlichkeit mehr. Nach Kafka fühlt sich Entfremdung nicht mehr abstrakt an, sondern körperlich. Nach Victor Hugo denkt man über Gesellschaft und Verantwortung anders.... und... sie sind halt absolut NICHT langweilig.
Außer der „Zauberberg“ und das auch noch mit Absicht. Wer ihn gelesen hat, weiß, warum. Wer ihn nicht gelesen hat, dem kann ich das kaum erklären.
Ich war ein Bücherfresser. Ich habe Bücher nicht gesammelt, ich hab sie mir einverleibt. Lesen war kein Ereignis, es war ein Zustand. Es war einfach da, so wie Atmen oder Denken.
Der Bruch kam, und er kam nicht leise. Ich war in der Psychiatrie, bekam Tavor. Nicht, weil ich mir das ausgesucht hätte, sondern weil es mir gegeben wurde. Ich wusste damals nicht mal, dass es abhängig machen kann. Ich wusste nicht, was es mit Konzentration, Gedächtnis und Wahrnehmung macht. Und es war langweilig dort. Nach ein paar Tagen wollte ich etwas lesen. Eine Mitpatientin hatte „Tintenherz“. Das Buch kann nichts dafür. Ich habe versucht zu lesen und gemerkt: Es geht nicht. Die Wörter waren da, aber sie kamen nicht mehr zusammen. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Das war ein Schock.
Als das Tavor abgesetzt wurde, wurde es wieder deutlich besser. Aber es wurde nie wieder wie vorher. Ich lese wieder, aber das alte Verschlingen kam nicht zurück. Ich nehme Psychopharmaka: Lithium. Ich will und muss es nehmen. Ich bin dankbar für die Stabilität, die es mir gibt. Aber ich merke auch, dass es dämpft. Nicht dramatisch, nicht vernichtend, aber spürbar. Und irgendwo auf diesem Weg ist das frühere Lesen geblieben, aber ich habe die Fähigkeit eingebüßt Bücher zu verschlingen und dafür eine Befreiung von 30 Jahren latenten Suizidgedanken erhalten. Ich denke der Handel ist fair.
Heute lese ich sehr viel langsamer und deshalb weniger und selektiver. Ich greife mir einzelne Bücher, meist wieder "Weltliteratur". Nicht, weil ich mir etwas beweisen will, sondern weil sie da sind und auf mich warten, viele davon hab ich noch nicht, will ich aber noch. Und ich weiß inzwischen, dass ich nicht alle lesen werde, die fantastisch sind. Das ist ein Verlust, aber schlicht meine Realität.
Was Lesen heute für mich bedeutet, hat viel mit dem zu tun, was es früher für mich war. Ich habe mir durch dieses wahllose, gierige Lesen unglaublich viel Welt angeeignet. Fantasie, Geschichte, mögliche Vergangenheiten, mögliche Zukünfte, menschliche Abgründe, Denkmodelle. Das ist alles nicht weg. Es existiert in mir weiter. Auch wenn ich heute langsamer lese, stehe ich auf einem Fundament aus Geschichten.
Ich bin ein Bücherfresser außer Dienst. Ich weiß, wie es sich angefühlt hat, sich selbst ermächtigt jede Geschichte anzueignen zu können, die ich wollte und die auf Deutsch erhältlich war. Das hat mich für immer verändert und den unendlich vielen Autorinnen der Welt bin ich dafür dankbar, dass sie schrieben und schreiben. Und somit uns Lesern neue Blickwinkel eröffnen.

205 Eure Wut ist normal - Meine ist zu viel
Loyalitäts-Doppelmoral
Ich rede hier nicht von Streit. Ich rede nicht davon, jemanden fertigzumachen oder jemanden persönlich anzugehen.
Ich rede davon, dass ich mich auch mal auskotzen will, dass ich auch mal wütend sein will auf die Welt, auf ein System, auf Umstände, die beschissen laufen. Ihr ruft bei mir an und beschwert euch über den Straßenverkehr, über Kollegen, über das Sozialsystem, über irgendwen, der euch gerade nervt, und ich gehe ein Stück mit, nicht weil ich muss, sondern weil das normal ist, weil das dazugehört, weil das gut tut, weil man sich bei Freunden auch mal auskotzen darf. Ich relativiere vielleicht minimal, wenn es nötig ist, aber ich verlasse euch nicht, ich bleibe bei euch und rege mich mit euch auf, weil das Verbundenheit ist, dieser kurze Moment von: "Wir gegen die Welt!".
Wenn ich wütend bin, dann bin ich euch unangenehm, peinlich, zu laut, zu anstrengend. Dann heißt es, ich müsse das differenzierter sehen, ich müsse sachlicher bleiben, ich müsse mich beruhigen. Ich kenne meine Anteile meistens schon selbst, ich benenne sie oft sogar vorher, ich weiß, wo ich hätte früher reagieren können, wo ich hätte besser planen können, wo ich vielleicht nicht perfekt war. Trotzdem darf ich auch mal sagen: Das regt mich auf.
Mein Borderline ernst nehmen heißt nicht, dass ich keine Emotionen mehr haben darf. Therapie heißt nicht, dass jede Wut automatisch falsch ist. DBT (Verhaltenstherapie für Borderliner) sagt nicht, deine Gefühle sind fehlerhaft, sie sagt, prüf sie. Und ich prüfe! Und wenn ich nach dieser Prüfung wütend bin, dann ist das kein Beweis für meine Dysfunktion, sondern nur dafür dass ich meine Wut als gerechtfertigt empfinde.
Was ich mir wünsche, ist nichts Großes. Ich will kein "Du bist unschuldig!", ich will keine Bestätigung, dass ich immer recht hätte. Ich will für ein paar Minuten dieses: "Ja, verdammt, das ist ungerecht.". So wie ich es auch gebe. Wenn ich euch kenne und weiß, warum euch etwas aufregt, dann steige ich ein. Nicht blind, aber loyal, wenn ich es nicht täte wäre ich nicht mit euch befreundet.
Und manchmal fühlt es sich an, als würde mir gesagt: Halt die Fresse, sei funktional, solange du zuhörst, bist du willkommen, aber sobald du selbst Raum einnimmst, sobald du laut wirst, sobald du nicht nur Spiegel bist, wirst du mir zu anstrengend. Wenn das wirklich so ist, dann sagt es wenigstens ehrlich. Dann kann ich entscheiden ob ich noch weiter Lust auf Kontakt habe.
Ich bin kein Werkzeug. Ich bin kein emotionaler Dienstleister. Ich bin ein Mensch. Und Menschen sind manchmal laut.
206 Ein Milliardenmarkt fürs Unersetzlich sein
Romance ist ein Milliardenmarkt. Egal ob Bücher, Serien, Filme oder Musik , diese Inhalte werden millionenfach konsumiert, weltweit. Frauen geben real Geld aus für Geschichten, in denen die emotionalen Höhepunkte Resonanz und Commitment sind: gesehen werden, ernst genommen werden, gewählt werden.
„Was du denkst, ist mir wichtig.“
„Ich entscheide mich für dich.“
"Du bist für mich unersetzlich."
Natürlich gibt es auch Dark-Romance, Bad-Boy-Fantasien, „I will fix him“-Geschichten. Aber selbst dort liegt der Wendepunkt nicht in der Kälte, sondern in der exklusiven Resonanz: Er hört auf sie. Er verändert sich für sie. Er entscheidet sich.
Dem gegenüber steht die Behauptung, Frauen wollten Arschlöcher, wollten Männer, die nicht auf sie eingehen, die keine Resonanz geben. Das ist eine Verallgemeinerung und natürlich sind Menschen unterschiedlich. Es gibt Frauen, die Dominanz attraktiv finden, auch toxische Dynamiken. Wenn "Frauen wollen Arschlöcher" aber die durchschnittliche Erklärung weiblichen Begehrens wäre, müsste sich das doch im massenhaften Fantasiekonsum spiegeln. Dann wäre das erfolgreichste Genre eines, in dem Frauen in Beziehungen ohne Resonanz gehen. Das ist es nicht.
Daraus folgt nicht, dass alle Frauen gleich sind, aber es legt nahe, dass viele sich wertschätzende Beziehungsmuster wünschen.
207 LITHIUM - The Trick Is to Keep Breathing
Triggerwarnung und Disclaimer: Hier geht es um suizidale Gedanken und Verhalten. Lithium ist ein Medikament mit zum Teil starken Nebenwirkungen und wirkt bei jeder Patientin anders.

10.000 Tage weiteratmen
Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als etwas begann, das ich damals nicht benennen konnte. Ab einem bestimmten Punkt war Sterben wollen keine akute Krise, sondern mein alltäglicher Begleiter. Es war ein immer offener Notausgang.
Von 1994 bis 2021 sind es über 10.000 Tage. Über 10.000 Tage, an denen ich mit latenter Suizidalität gelebt habe. An drei Tagen habe ich versucht, mich umzubringen. An allen anderen habe ich es geschafft, es nicht zu versuchen. Das ist keine Heldengeschichte. Das ist eine Bilanz. Wer lesen mag was mir bis dahin geholfen hat am Leben zu bleiben wird hier fündig.
Das Absurde war: Diese Gedanken waren nicht an schlechte Tage gebunden. Ich konnte Motorrad fahren, tanzen, lachen, Musik genießen und gleichzeitig denken: "Ich will tot sein.". Und ich habe mich dafür geschämt, mich undankbar gefühlt, weil ich nicht genießen konnte, was das Leben mir gab.
Wenn auch nur das geringste negative passierte, war die Todessehnsucht der prominente Gedanke in meinem Kopf. Morgens dachte ich Jahrzehnte lang vor allem daran den Tag zu schaffen, auch wenn nur positives anstand.
Parallel dazu gab es manische Phasen. Manche waren leichter, manche schwerer. In den schweren war ich nicht einfach gut gelaunt, sondern entgrenzt. Ich dachte dann z.B. ich könnte alle Sprachen, hörte Stimmen und gab sehr viel Geld aus. Zusammenhänge konstruierte ich in diesen Phasen wie ein Verschleierungsideologe. Nicht aus Bosheit, sondern aus einem biochemischen Ausnahmezustand. Von außen betrachtet war manches vielleicht sogar amüsant, aber es war für mich einfach Realität zu diesen Zeiten und leider mussten meine Mitmenschen das ausbaden. Ich hatte schlicht Glück, dass es bei mir größtenteils nur peinlich war, aber die Scham und meine latente Suizidalität waren ein toxisches Gemisch.
Und so kam der dritte Tag an dem ich aufgab und nach diesem beschloss ich nie wieder aufzugeben, sondern zu überleben. Und ich beschloss alles dafür zu tun das zu schaffen.
Lithium wurde mir nicht wegen der latenten Suizidgedanken gegeben. Es wurde als Stimmungsstabilisator angesetzt, als Ersatz für Olanzapin, das aus guten Gründen nicht mehr infrage kam. Ich wurde ausführlich über die Risiken aufgeklärt und unterschrieb, denn ich wollte ja alles tun.
Ein paar Wochen später passierte irgendwas Peinliches und plötzlich merkte ich, das ich gar nicht mehr sterben wollte.
Verpflichtung zum weiteratmen
Lithium hat mein Leben nicht einfacher gemacht. Es hat es verpflichtend gemacht. Vorher war Leben ein Projekt mit offenem Notausgang. Der war nun zu und mein System bestand plötzlich darauf, dass Weiteratmen keine Verhandlungssache mehr ist. Du schämst dich? Egal. Du bleibst. Du hast Mist gebaut? Möglich. Du bleibst. Es ist anstrengend? Ja. Du bleibst. Das war ungewohnt, das war hart.
Und damit begann die echte Arbeit an mir, sie war damit erst möglich, aber halt nun auch schlicht Gesetz. Ich habe dann die DBT wieder und wieder durchgearbeitet. Achtsamkeit geübt. Mich mit meinem inneren Richter auseinandergesetzt... diesem Anteil, der mir bei jedem vermeintlichen sozialen Fehler das Recht zu leben abgesprochen hat. Ich habe gelernt, meine eigenen ethischen Prinzipien auf mich selbst anzuwenden. „Jeder Mensch ist ein Mensch“ schloss plötzlich auch mich ein. Ich hab "Pragmatismus first" für mich eingeführt um endlich im Alltag klar zu kommen.
Ich bin meine Sozialphobie angegangen. Zugfahren üben ohne Alkohol und sedierende Medikamente. Streaming mit der Chance sich total zu blamieren. Kafka und Hesse lesen und darüber reden.
Ja, Lithium dämpft mich. Kognitiv bin ich langsamer. Ich habe zugenommen. Das nervt. Aber ich habe diese Dämpfung eingetauscht gegen ein System, das mir jeden Tag mit dem Tod drohte.
Das permanente Sterben wollen war auch kein Charakterzug und kein moralisches Defizit. Es war schlicht ein biochemisches Ungleichgewicht. Als es verschwand war endlich genug Energie frei um den Rest meiner Probleme anzugehen.
The Trick Is to Keep Breathing - der Trick ist es, weiterzuatmen.
Der größte Auftrag im Leben ist es, am Leben zu bleiben.
Und ich bleibe.
208 Die rote 1

Brauchen wir Algorithmen?
Was diese zwei kleinen roten Zahlen gemeinsam haben, ist nicht TikTok und nicht Threads. Es ist das, was sie in meinem Kopf auslösen. Ich sehe die rote 1... und ich klicke. Nicht, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Sondern weil diese Zahl sagt, dass da Resonanz möglich ist.
Vielleicht hat jemand geantwortet.
Vielleicht hat jemand widersprochen.
Vielleicht hat jemand zugestimmt.
Vielleicht hat einfach jemand geliked.
Es juckt in meinem Hirn, bis ich drauf geklickt habe. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist. Ich weiß nur, wie es bei mir ist. Die rote Eins ist kein Drama. Sie ist klein. Aber sie ist ein Versprechen. Ein winziger Hinweis darauf, dass ich gesehen wurde. Und das ist ein Grundbedürfnis
Also klicke ich. Und dann passiert das Eigentliche. Ich klicke auch in meinen Feed. Und dann ist da jemand, dem ich widersprechen möchte, oder dem ich zustimme, der mich zum Lachen bringt, also scolle ich, weil ich hoffe.
Mein Feed ist kein Zufall. Ich habe ihn geformt, ohne es zu planen. Ich habe ihn mit jedem Klick und mit jeder Interaktion gefüttert und der Algorithmus hat gelernt und deshalb hat er so oft recht.
Diese Systeme sind nicht dafür gebaut, mir gutzutun. Sie sind dafür gebaut, möglichst lange, intensiv und engagiert benutzt zu werden. Das ist nicht mal Bosheit, sondern schlicht Marktlogik. Aufmerksamkeit ist die Ware und Verweildauer der Erfolg. Und um diese Verweildauer zu erhöhen, nutzen Plattformen Mechanismen, die durchaus potentiell suchtgefährdend sein können:
Unregelmäßige Belohnung.
Variable Bestätigung.
Soziale Rückkopplung.
Endlosbestätigung ohne vorgegebenen Abschluss
Nicht jeder, der Social Media nutzt, ist abhängig. So wie nicht jeder, der Lotto spielt, spielsüchtig ist. Menschen sind unterschiedlich disponiert. Aber dass diese Mechaniken Suchtgefahren bergen, ist schwer zu bestreiten. Es ist ein Risiko, das sich über Dauer aufbaut.
Aber selbst das ist nicht der Kern. Der Kern ist, dass es kein Ende gibt, denn der Algorithmus schlägt immer den nächsten Inhalt vor.
Wir regulieren Glücksspiel, weil variable Belohnungssysteme sucht-verstärkend wirken können. Wir akzeptieren, dass Märkte Leitplanken brauchen, wenn Profitinteressen und menschliche Bedürfnisse aufeinandertreffen.
Ich rede nicht von Verboten, nicht von Zensur, nicht von Zeitlimits.
Ich frage mich nur:
Was würde passieren, wenn Social Media keine Vorschlagalgorithmen mehr hätte? Wenn es nur noch eine Suchzeile gäbe?
Wenn ich aktiv entscheiden müsste, was ich sehen will, statt endlos gefüttert zu werden mit dem, worauf ich vermutlich reagieren werde?
Die rote Eins würde dadurch gar nicht verschwinden. Sie würde nur keine endlose Scroll-Versuchung mehr mit sich bringen. Die Betreiber der Plattformen wären sicher nicht begeistert davon, aber sie machen keinen Großteil der Bevölkerung aus.
Wo seht ihr Chancen und wo Risiken von Social Media?
Wie würdet ihr die Probleme (falls ihr welche seht) davon angehen?
209 Radikale Ehrlichkeit - weil Lügen Energie kostet
Mit Anfang zwanzig war ich ein Aufschneider. Ich fuhr Motorrad, erzählte Geschichten und legte gern eine Schippe drauf. Ich habe nichts komplett Erfundenes erzählt. Aber ich habe ausgeschmückt, minimal verdreht, dramatisiert, peinliche Sachen weggelassen. Ich hab das Bild erzählt, das ich gern gewesen wäre, nicht das was ich war. Das Problem an dieser Strategie ist für mich nicht die Moral, sondern die Verwaltung. Ich musste mir merken, wem ich was erzählt hatte und ich musste verteidigen, wenn jemand nachfragte. Das empfand ich als höchst unangenehm und die Versionsverwaltung kostete mich Energie.
Es gab keinen heroischen Entschluss, kein Datum, keinen Schwur. Irgendwann dachte ich schlicht: "Probier es doch mal ohne. Erzähl einfach das, was passiert ist. Nicht mehr, nicht weniger." Und dabei fiel mir erstens auf, wie oft ich vorher übertrieben hatte. Zweitens wie automatisch ich das tat. Drittens wie oft ich mich selbst in eine bessere Position schob, ohne es als Lüge zu etikettieren.
Aber der wichtigste Punkt war die Erleichterung. Als ich nichts mehr aufblasen musste, musste ich auch nichts mehr verteidigen. Wenn jemand mir nicht glaubt, ist das sein Problem. Ich weiß, was war, was ich gefühlt habe, wie es passiert ist. Ich konnte einfach mich selbst erzählen und die Welt explodierte nicht.
Ab da begann etwas, das ich heute radikale Ehrlichkeit nenne und mein wichtigstes Prinzip zur Erleichterung meines Lebens ist. Radikale Ehrlichkeit ist für mich kein ethisches Prinzip, ich habe so einige davon, aber meine Ehrlichkeit kommt nicht aus Moral. Sie kommt aus Energieökonomie. Lügen, Imagepflege und Versionen kosten Energie. Ich habe davon nicht genug, um sie in Parallelrealitäten zu investieren.
Doch der größte Gewinn dieser Entscheidung ist Konsistenz. Es ist mein Leben, und ich erzähle es. Es gibt nichts zu korrigieren. Manchmal kann es passieren, dass ich im Ton überzogen war oder eine Situation von außen noch einmal anders beleuchtet bekomme. Dann korrigiere ich den Ton oder entschuldige mich. Die Substanz des Gesagten bleibt in den allermeisten Fällen bestehen.
Es hat mir nie geschadet und es hat mir oft geschadet. Beides ist wahr und werde ich hier kurz erklären.Ich empfehle radikale Ehrlichkeit nach außen ausdrücklich nicht, denn ich hab dadurch Sozialkontakte verloren. Noch dazu bin ich in unangenehme Situationen geraten, in denen ich genau wusste, wenn ich das jetzt sage, wird es mir oder dem anderen wehtun, oder ich werde mich schämen, oder ich werde Ablehnung riskieren. Und manchmal lösen sich Beziehungen auch dadurch. Dating endet sehr oft abrupt. Familienfeiern eskalieren. Wer soziale Sicherheit über innere Stimmigkeit stellt, sollte radikale Ehrlichkeit eher nicht forcieren. Das sehe ich nicht als Schwäche, sondern ist schlicht eine andere, legitime Priorität.
Was ich jedem empfehle, ist radikale Ehrlichkeit nach innen. Das ist etwas anderes. Zu akzeptieren, dass man neidisch, gierig, eifersüchtig, getriggert... sein kann. Oft nicht heroisch, nicht golden, sondern einfach menschlich. Und dass man dies radikal ehrlich anerkennt, ohne Abwertung, ohne Selbstverherrlichung. Das ist anstrengend, weil man Dinge sieht, die man nicht mögen will. Aber genau dadurch entstand bei mir ein Impuls zur echten Veränderung, nicht Anpassung.
Nach außen ist meine Ehrlichkeit ein Beziehungsfilter. Ich will nur mit Menschen befreundet oder liiert sein, die mich meinen und keine geschönte, sozial verträgliche Version. Wenn jemand geht, weil sie mit meiner Wahrheit nicht klarkommt, dann mochte die Person mich nie wirklich, sondern nur ein Bild.
Natürlich gibt es Grenzen. Ich erzähle keine Details über andere. Ich veröffentliche keine sicherheitsrelevanten Informationen. Diskretion ist kein Widerspruch zur Ehrlichkeit. Aber ich führe keine zweite Version meines Lebens mehr.
Ich bin radikal ehrlich, weil Lügen Energie kostet.
210 Parasoziale Beziehungen
Wenn Nähe zur Ware wird
Parasoziale Beziehungen sind kein Phänomen des Internets. Sie existierten lange vor Social Media. Menschen fühlten sich Elvis nahe, imaginierten Beziehungen mit Marilyn Monroe, glaubten, Michael Jackson zu „verstehen“. Auch heute gibt es bestimmt Menschen, die überzeugt sind, eine besondere Verbindung zu Taylor Swift oder ähnlichen Stars zu haben. Gemeint ist mit dem Begriff, dass eine einseitige Beziehungsvorstellung entsteht, obwohl faktisch keine Gegenseitigkeit existiert. Nicht gemeint ist damit Sympathie oder regelmäßiger Konsum der Inhalte.
Bei klassischen Stars war diese Dynamik begrenzt durch Distanz. Filmstars reagierten nicht live auf Fanbriefe. Sänger nannten keine einzelnen Zuschauer beim Namen. Die Projektion war stark, aber die Interaktion gering.
Mit Social Media ändert sich die Architektur. Content Creator - ob auf YouTube, Twitch oder anderen Plattformen - interagieren.
Sie lesen Kommentare.
Sie reagieren auf den Chat.
Sie bedanken sich namentlich für Spenden.
Sie streamen aus ihren Wohnungen.
Sie teilen Alltägliches.
Nähe wird hier also nicht nur vom Zuschauer projiziert, sie wird simuliert.
Hinzu kommt die direkte Monetarisierung. Abonnements, Spenden, Bits, Ranglisten, Top-Supporter-Anzeigen. Wer Geld gibt, wird sichtbar, besonders in Liveformaten. Wer viel gibt, wird besonders sichtbar. Wer extrem viel gibt, wird gefeiert. Plattformdesign ist hier nicht neutral. Es belohnt Bindung. Denn parasozial stark gebundene Zuschauer geben überdurchschnittlich viel Geld aus. Das ist kein moralisches Urteil, sondern ökonomische Logik.
Bereits hier liegt ein strukturelles Problem, denn es wird Nähe kapitalisiert und Dankbarkeit öffentlich inszeniert. Das verstärkt die Illusion von Gegenseitigkeit. Nicht jeder Creator forciert das, viele gehen verantwortungsvoll damit um, aber die Mechanik existiert.
Sexualisierte Darstellung auf Streamingplattformen verschiebt diese Dynamik noch einmal. Nicht, weil Sexualität an sich verwerflich wäre. Wenn monetarisierte Nähe mit sexualisierter Selbstdarstellung kombiniert wird, kann die Bindungsintensität steigen.
Eine weitere Eskalationsstufe findet sich bei Plattformen wie OnlyFans und ähnlichen Angeboten. Dort ist monetarisierte Intimität kein Nebeneffekt, sondern Geschäftsmodell. Paywalls für Nähe. Private Chats gegen Geld und gestufte Exklusivität sind Programm. In manchen Fällen sogar ausgelagerte Kommunikation über Agenturen, während auf der Oberfläche persönliche Nähe suggeriert wird. Hier wird parasoziale Bindung nicht nur genutzt, sondern systematisch zu einem Produkt gemacht.
Das Risiko liegt auf beiden Seiten. Creator können Sicherheitsprobleme erleben, wenn Beziehungsillusionen eskalieren. Zuschauer können sich emotional und/oder massiv finanziell schädigen, wenn sie in asymmetrische Nähe investieren, die sie als real erleben.
Doch nun zurück zu Twitch und ähnlichen Plattformen. Diese sind ohnehin stark monetarisiert. Wenn eine solche Plattform zusätzlich den Eindruck vermittelt, dass sexualisierte Nähe ein zentrales Mittel der Aufmerksamkeit und Einnahme ist, verschiebt sich ihre Identität. Aus einer Gaming- und Entertainmentplattform mit teilweise fragwürdigen Monetarisierungsanreizen wird eine Bühne für monetarisierte Sexualisierung mit Querverweisen zu Seiten wie OF.
Parasoziale Beziehungsillusion ist meiner Ansicht nach immer kritisch - bei Stars, bei Streamern, bei erotischen Creatorinnen. Aber je interaktiver, je unmittelbarer monetarisiert und je emotional intensiver inszeniert, desto größer wird das Risiko.
Zahlung erzeugt Zugang, aber das schafft keine echte Gegenseitigkeit.
Doch:
Wenn Nähe zur Ware wird, entsteht bei Zahlung eine Anspruchshaltung.
Nachtrag zu OF und Fanblast... dort wurde sichtbar was passiert wenn Nähe industriell produziert wird.
211 Blitzlicht zur Chronologie
Ich hab viel gelernt in den letzten 30 Jahren, ich hab viel an mir gearbeitet, ich bekomme passende Medikamente, ich halte so enorm viel mehr aus als früher...
Aber langsam ist der Akku leer, Familie, Freundschaften, Beziehung, Finanzen, Umzug... kein Lebensbereich läuft, alles kostet Kraft. Die Weltpolitik kostet 10x so viel Kraft wie noch vor 10 Jahren.
Was mich weiter schreiben lässt ist nur noch der Gedanke, dass unsere Welt jede Stimme braucht, die sich für progressive, demokratische Werte einsetzt. Das es feige wäre jetzt einzuknicken, das es jämmerlich wäre das wegen meiner privaten Schwierigkeiten zu tun...
Also weiterwursteln...
212 Was findet man da eigentlich schön?
Mit Beginn der Pubertät entwickelt der menschliche Körper sekundäre Geschlechtsmerkmale. Dazu gehört Körperbehaarung - bei allen Geschlechtern. Natürlich individuell unterschiedlich stark, aber Behaarung kann als eines der Zeichen von Geschlechtsreife gesehen werden.
Wenn ein vollständig rasiertes Erscheinungsbild als besonders ästhetisch gilt, dann wird optisch eine Version des Körpers bevorzugt, in der dieses Reifezeichen fehlt. Menschen dürfen Vorlieben haben. Rasur kann sich angenehmer anfühlen und bei mancher Tätigkeit kann sie praktischer sein. Doch Haptik und Funktion ist hier nicht der Punkt. Es geht um das optische Ideal.
Geschmack ist individuell, aber er entsteht nicht im luftleeren Raum. Unsere Sehgewohnheiten werden geprägt durch das, was wir immer wieder sehen: Werbung, Hochglanzmagazine, Film, soziale Medien, Pornografie. Über Jahrzehnte hinweg wurden besonders weibliche Körper, später zunehmend auch männliche, als selbstverständlich haarlos inszeniert, ob Achsel oder Intimbereich. Wiederholung erzeugt gefühlte Normalität.
Warum empfindet man einen kahlen Intimbereich als optisch schöner?
Rasur ist eine Kulturtechnik. Sie existiert seit Langem, mal stärker verbreitet, mal weniger. Die Moden der Jahrhunderte veränderten ihre Wahrnehmung. Dennoch ist sie keinesfalls der biologische Ausgangszustand eines erwachsenen Körpers.
Für mich persönlich war es schon in meinen 20ern klar, ich möchte dort unten erwachsen aussehen. Ich rasiere mittlerweile weder meinen Intimbereich noch Achseln oder Beine, weil Körperhaare für mich ein normales Zeichen von Geschlechtsreife sind. Noch dazu hoffe ich das viele das tun, so dass wir uns wenigstens im normalen Leben wieder optisch an Haare an Körpern gewöhnen, wenn schon die Medien uns immer rasierte, epilierte, gelaserte, gewaxte... Körper präsentieren.
213 Ich hab das nicht so gemeint
Verantwortung in der Kommunikation
„Ich hab das nicht so gemeint“, ist bei der ersten Verwendung tatsächlich etwas wie ein Joker. Dann kann echtes Lernen voneinander stattfinden.
Um ihn allerdings tatsächlich gut zu machen, bräuchte es Nebensätze z.B.:
- „Ich hab das nicht so gemeint, ich werde das in Zukunft versuchen anders zu machen.“
- „Ich hab das nicht so gemeint, aber das hat mich jetzt tatsächlich mal angestoßen über meine Formulierung nachzudenken.“
- „Ich hab das nicht so gemeint, aber ich schaffe es nicht das anders zu formulieren. Welchen Kompromiss können wir finden.“
Leider ist es meist ein weniger positiver Gedanke der unausgesprochen mitschwingt: „Stell dich nicht so an und lerne es so zu betrachten wie ich es meine.“. Besonders wenn er noch mal zur selben Formulierung fällt.
Für viele ist der Satz eine banale Entschuldigung, für mich ist er ein Zeichen dafür, dass jemand nicht verstanden hat, was Kommunikation eigentlich bedeutet.
Kommunikation ist kein Selbstläufer, sie ist Hochleistungssport für Mutige. Ein recht unsympathischer, aber sehr kluger Mensch (mein Ex) sagte mal zu mir: „Wenn du etwas sagst oder schreibst, mach dir klar was du damit erreichen willst.“. Ich habe diesen Satz verinnerlicht, auch wenn er von ihm kam. Und deshalb kann ich klar sagen, was ich mit jeder Kommunikation als Hauptziel erreichen will, auch wenn das Erreichen sehr schwer ist: Genau das was ich wirklich gemeint habe, soll beim Gegenüber ankommen. Alles andere (Beziehungspflege, Selbstwert usw.) ist erst mal Dekor. Und für dieses Ankommen muss ich mein Gegenüber kennenlernen und wer klar Wut oder Verletzung über meine Worte äußert gibt mir enorm wichtige Informationen. Emotion ist dabei also kein Hindernis, sondern kann Teil der Information oder die ganze Information sein.
Und ich tat und tue mir mit wertschätzender Kommunikation unglaublich schwer. Deshalb habe ich mich so lange und intensiv mit Kommunikationspsychologie beschäftigt, mit Sender und Empfänger, mit Wahrnehmung, mit Sprache, mit Modellen, die erklären, warum wir so oft aneinander vorbei reden. Ich habe gelesen, geübt, beobachtet, analysiert, und trotzdem passiert es mir immer wieder, dass meine Botschaft völlig anders ankommt, als ich sie gemeint habe.
Kommunikation - besonders mit Menschen mit denen man länger Kontakt möchte, bedeutet - Verantwortung zu übernehmen, lange nicht nur für die Absicht, sondern besonders für die Wirkung. Sie ist alles was der Empfänger bekommt, mehr steht ihm nicht zur Verfügung. Man sollte lernen wollen, sich so auszudrücken, dass beim anderen ankommt, was man tatsächlich meint. Das ist schwer, je weiter die Lebenswelten der Kommunizierenden voneinander entfernt sind, je weniger Überschneidung ihre Blasen haben, desto schwieriger wird eine gelungene Kommunikation.
Doch Kommunikation ist nicht vorrangig Talent. Sie ist ein Handwerk, eine Haltung, ein ständiges Training. Wer sie ernst nimmt, nimmt seine Mitmenschen ernst.
214 Wenn Moral als Identität behauptet wird
Beware of the „Golden Angel Inside“
Ich lästere nicht gern über meine eigene Bubble, denn trotz allen Nervigkeiten fühle ich mich immer noch richtig auf der progressiven Seite des Spektrums, aber in letzter Zeit höre ich doch immer wieder von Fällen von „Nice Guys“ und „Good Girls“ in unseren eigenen Reihen. Diese Leute werden oft als bewusst manipulativen Menschen beschrieben, die Nähe, Mitleid oder moralische Überlegenheit gezielt einsetzen um ihre Ziele zu erreichen.
Doch in meiner Erfahrung ist eine andere Gruppe viel häufiger vertreten, die zwar oft gleich handelt, aber aus anderer Intention. Damit meine ich Leute, die nicht bewusst manipulativ sind, sondern im Gegenteil fest davon überzeugt sind, gute Menschen zu sein. Für diese Gruppe verwende ich den Begriff Golden Angel Inside, als anderer Typ innerhalb des bekannten Nice-Guy-/Good-Girl-Problemfeldes, als geschlechtsneutrale Beschreibung, weil ich diese Struktur in allen Geschlechtern kennengelernt habe.

Ansonsten verwende ich ein generisches Femininum und meine alle damit.
Wer glaubt intrinsisch gut zu sein wirkt zunächst oft sympathisch. Sie wirken moralisch klar, überzeugt, manchmal sogar beeindruckend sicher in ihren Urteilen. Das Problem entsteht erst, wenn diese Sicherheit auf Menschen mit anderen Werten oder Einstellungen trifft.
Denn wenn man überzeugt ist, Gut sein wie Hardware eingebaut zu haben, wird jede Kritik schwierig, jedes "Was du sagst hat mich verletzt" fast unmöglich.
Mehr zu dem dann meist folgenden "Ich hab das nicht so gemeint" habe ich hier beschrieben, außerhalb dieses Textes, weil es meiner Meinung nach nicht nur bei "Golden Angel Inside" passiert.
Ein weiterer Punkt wird sichtbar, wenn man über Eigenschaften spricht, die Menschen gern „menschliche Abgründe“ nennen: Egoismus, Neid, Eifersucht, Gier... Dieser Blick auf diese sehr normal-menschlichen Eigenschaften verklärt vieles.
- Jemand, die sagt: „Ich bin manchmal egoistisch“, beschreibt damit schlicht Realität. Sie erwartet Egoismus auch bei anderen Menschen und wird deshalb selten überrascht sein, wenn diese Eigenschaft ihr begegnet. Vielleicht hat sie gar nicht das Ziel ein guter Mensch zu sein.
- Ein Mensch, der sich vornimmt, ein guter Mensch zu sein, versucht darüber hinaus etwas anderes: Sie versucht, diese Impulse zu begrenzen. Sie reflektiert diese. Irgendwann kommt vielleicht der Moment: „Mist. Da war ich wirklich egoistisch. Das will ich das nächste Mal anders machen“
- Der Golden Angel Inside kommt zu diesem Moment selten. Nicht weil sie ein schlechter Mensch wäre. Sondern weil sie überzeugt ist, bereits ein guter zu sein. Sie hat Impulse wie Egoismus einfach nicht. Denkt sie zumindest.
Dadurch entsteht ein merkwürdiger Effekt im Weltbild des "Golden Angel Inside". Egoismus taucht nur noch bei anderen Menschen auf. Bei sich selbst ist so ein Abgrund dann nur eine Zuschreibung von außen, alles eigene Handeln geschieht nur aus tugendhaften Beweggründen.
Selbstreflexion funktioniert jedoch anders, zumindest wie ich sie erlebe. Sie beginnt meist mit der Reaktion anderer Menschen. Ich denke dann später darüber nach, was jemand gesagt hat. Wie jemand reagiert hat. Ob vielleicht etwas in der eigenen Aussage anders angekommen ist, als man dachte. Ob ich vielleicht irgendwo getriggert war und nicht der eigentlichen Situation entsprechend reagiert habe.
Wenn diese Art von Nachdenken nicht stattfindet, bleibt nur die eigene Intention als Maßstab. Und damit die eigene Moralvorstellung zur Identität. Und Tugend von Praxis zum Richterspruch über die Welt.
Ich vermute, dass dieses Muster oft schon früh entsteht. Manche Menschen lernen als Kinder, dass es verschiedene Arten gibt, ein guter Mensch zu sein. Das es eine schwierige Lebensaufgabe ist dieses Ziel zu verfolgen und dauernde Selbstüberprüfung erfordert. Andere lernen etwas viel Einfacheres: Wir sind die Guten. Die anderen liegen falsch.
Wer so sozialisiert wurde, hat wenig Anlass, sich selbst zu überprüfen. Das moralische Urteil steht bereits fest. Ethik hat dann gar keine Möglichkeit anzusetzen.
Ich persönlich empfinde diese Konfiguration Mensch als die anstrengendste und ich habe bisher keinen Weg gefunden sie zu erreichen, deswegen richtet sich mein Text auch nicht direkt an sie, sondern an Leute die "Golden Angel Inside" auch in ihrem Umfeld hatten oder haben.
Sind euch solche Menschen schon begegnet?
Wie geht ihr damit um?
Und habt ihr selbst einen Namen für diesen Typ Mensch?
215 Innere Rechtssprechung I - Der Henker in meinem Kopf
Es gibt eine Instanz in meinem Kopf, die ich früher „innerer Richter“ nannte. Das klingt zunächst nach Gewissen, nach moralischer Instanz, nach etwas, das Menschen sogar brauchen. In Wirklichkeit war mein Richter eher ein Henker. Er richtete nicht über andere Menschen. Er richtete ausschließlich über mich.
Seine Urteile waren eindeutig, endgültig und eiskalt. Wenn ich einen Fehler machte, erklärte er mir nicht nur, dass es ein Fehler war. Er erklärte mir, dass ich der Bezeichnung Mensch nicht würdig sei. Todesurteil war seine häufigste Strafe.
Das klingt dramatisch, aber für mich war es über Jahrzehnte Alltag. Immer wenn etwas schiefging, immer wenn ich auch nur entfernt glaubte, jemanden enttäuscht zu haben, konnte diese Stimme mir erklären, dass ich eigentlich kein Recht hätte zu existieren.
Dann kam Lithium in mein Leben und hat verrückter weise den Notausgang geschlossen. Damit meine ich die latenten Suizidgedanken, die früher immer irgendwo im Hintergrund existierten. Egal wie laut der innere Richter schimpfte, egal wie drastisch seine Urteile wurden, ich wollte nicht mehr sterben. Das war für mich ein fundamentaler Unterschied. Denn plötzlich konnte der Henker seine Urteile zwar noch sprechen, aber ich war gar nicht mehr in der Lage sie zu vollstrecken, selbst wenn ich ihm recht gab.
Ich stand morgens auf, machte meinen Kaffee, ging einkaufen, beantwortete Nachrichten, ging zum Arzt, erledigte Dinge. Währenddessen kommentierte diese Stimme im Hintergrund weiterhin mein Leben. Irgendwann fing ich an, sie anders zu nennen, weil mich ihr übertrieben dramatischer Tonfall an etwas erinnerte.
Nicht mehr „innerer Richter“, sondern "die Stimme aus dem Off".
Die Stimme aus dem Off ist eine Figur aus dem Theater. Ein Erzähler, der irgendwo außerhalb der Bühne sitzt und mit oft bedeutungsschwerer Stimme erklärt, was gerade passiert und warum alles tragisch ist. Und wenn man den Selbsthass so nennt, während man an der Supermarktkasse in der Schlange steht, dann kann einem schon mal ein Lächeln entfleuchen.
Und ich begann, das ein bisschen wie ein absurdes Theaterstück zu betrachten.
Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte der „Stimme aus dem Off“. Denn irgendwann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte:
Der Henker schwieg.
216 Innere Rechtsprechung II - Der Richter schweigt
Der Henker verschwand also nicht sofort aus meinem Kopf. Das führte zu einer Situation, die ich damals selbst kaum fassen konnte.
Und das war so seltsam es klingt, ein Streit auf WhatsApp mit Pete. Wir schrieben hin und her, und wie leider so oft in solchen Gesprächen verschob sich der Ton immer weiter. Irgendwann ging es längst nicht mehr um das ursprüngliche Thema, sondern nur noch darum, wer gerade den schärferen Satz formulieren konnte.
Pete machte sich über mich lustig. Nicht einmal, sondern immer wieder. Oft kam irgendeine Variante von „haha“, „Mimimi“ oder etwas ähnlich Herablassendes zurück. Auch bei Dingen, die für mich wirklich ernst waren.
Irgendwann schrieb ich einfach einen Satz, ohne groß darüber nachzudenken:
„So ist das Leben.“
Ein völlig unspektakulärer Satz. Einer dieser Sätze, die Menschen ständig sagen. Er sagte das habe sein verstorbener Vater immer gesagt, ich dachte (wenig erwachsen, das ist mir klar): "So jetzt kriegst du es zurück." und schrieb noch mal: "So ist das Leben. Mimimi". Seine Reaktion auf diese wenig erwachsene Rache von mir war allerdings alles andere als unspektakulär. Pete eskalierte vollständig. Wirklich vollständig. Beleidigungen, übelste Vorwürfe, irgendwann sogar die Ansage, ich solle ihn ab jetzt siezen und er würde meinen Namen nie wieder benutzen.
Ich saß vor dem Bildschirm und verstand überhaupt nichts. Natürlich sprang sofort mein innerer Richter an. Das war sein Job. Wenn ein Konflikt eskalierte, suchte er zuerst den Fehler bei mir. Also begann er zu prüfen. Er ging das Gespräch noch einmal durch. Dann noch einmal. Das Pete nach derart massivem Austeilen selbst keinen Treffer einstecken könnte taten sowohl mein Richter als auch ich als absolut unrealistisch ab. So doppelmoralisch konnte der Mann den ich damals noch liebte doch nicht sein, so doppelmoralisch konnte niemand sein vor dem ich Respekt hatte.
Zwei Tage später schrieb P. noch einmal. Ich erwartete irgendeine Form von Erklärung, vielleicht sogar eine Entschuldigung.
Die Erklärung kam tatsächlich:
Der Satz „So ist das Leben“ hatte ihn an seinen Vater erinnert. Sein Vater hatte diesen Satz früher oft gesagt. Er empfand es als herzlos, dass ich mich darüber lustig machte.
Das war also der Auslöser. Ich las diese Nachricht mehrmals. Und während ich dort vor dem Bildschirm saß, passierte etwas, das ich bis dahin noch nie erlebt hatte. Mein innerer Richter prüfte die Situation noch einmal. Normalerweise wäre jetzt das Urteil gegen mich gefallen. Diesmal nicht.
Sinngemäß sagte er etwas, das ungefähr so klang:
„Nein.
Pete war hier ungerecht.
Das ist nicht mein Fall.
Regel du das.“
Und dann ging er sinngemäß ein Nickerchen machen.
Er sprach kein Urteil. Er erklärte mich nicht schuldig. Er erklärte mich aber auch nicht für unschuldig. Er hörte einfach auf.
Das Problem war nur:
Ohne Urteil musste ich plötzlich selbst entscheiden, wie ich auf diese Nachricht reagieren wollte.
Und das stellte sich als deutlich schwieriger heraus, als ich erwartet hatte.
217 Befähigt Kapital zur Machtausübung?
Eine Minimal-Utopie
Ich hatte mich ja sehr eingehend mit meiner Dystopie des Firmenfeudalismus beschäftigt (wer mal reinschauen mag findet auf Reddit meinen Sammelthread) und es war an der Zeit, einen Gegenentwurf dazu zu bauen. Der folgende Text ist von verschiedenen Ideen beeinflusst, auf die ich jetzt hier nicht genau als Quelle eingehen werde. Kennerinnen werden sicher das ein oder andere erkennen. (Im Text wird wo nötig wieder ein generisches Femininum verwendet)
Dieser Text beschreibt keine perfekte Gesellschaft. Er beschreibt auch keine vollständige Lösung für die vielen Ungerechtigkeiten unserer Welt. Er versucht lediglich, eine einzige Grundannahme zu verschieben, weshalb ich ihn Minimal-Utopie nenne.
Produktionsmittel gehören nicht dem Volk, das soll hier auch nicht geändert werden. Sie müssen nicht dem Volk gehören, Unternehmen können weiterhin privat sein, Gewinne können weiterhin erzielt werden und Vermögen kann weiterhin entstehen. Was mein Gedankengebäude verändern soll, ist eine andere Frage: Wer das Recht haben sollte, Entscheidungen zu treffen, die das Leben sehr vieler Menschen betreffen.
Wenn solche Entscheidungen hunderte, tausende oder sogar Millionen Leute angehen, dann sollten diejenigen, auf die es sich bezieht, zumindest darüber entscheiden können, wem sie diese Entscheidungsmacht anvertrauen. Nicht indem sie jede einzelne Entscheidung selbst treffen, sondern indem sie regelmäßig darüber befinden, ob diejenigen, die entscheiden, ihr Vertrauen noch verdienen.
Das ist kein revolutionärer Vorschlag. Es ist nur eine kleine Verschiebung der Regeln. Kapital allein verleiht dann keine Entscheidungsmacht mehr über Menschen. Entscheidungsmacht braucht Legitimation durch diejenigen, die mit den Folgen dieser Entscheidungen leben müssen.
Es geht nicht darum jemandem Firmenanteile oder Gewinne wegzunehmen, sondern nur um eine Legitimation der Entscheidungsgewalt durch die in der Überzahl Betroffenen.
Das besonders minimale daran, ist dass hier zunächst Firmen und deren direkte Angestellte und Arbeiterinnen betrachtet werden. Man könnte diesen Gedanken sehr viel größer aufziehen, aber auch so ist seine Umsetzung leider fast schon utopisch.
Denn in unserer gegenwärtigen Ordnung gilt es als selbstverständlich, dass angesammeltes Kapital nicht nur Eigentum bedeutet, sondern auch Entscheidungsmacht. Wer genug davon besitzt, kann über Unternehmen bestimmen, über Investitionen, über Standorte, über Infrastruktur, über Arbeitsplätze und damit über das Leben vieler Menschen. Diese Verbindung zwischen Kapital und Macht wird selten grundsätzlich hinterfragt. Sie gilt als Teil der natürlichen Ordnung der Dinge. Und an diesem selbstverständlichen Glaubenssatz unserer Zeit hoffe ich mit diesem minimal-utopischen Gedanken ein klein wenig mitgesägt zu haben.
218 Innere Rechtsprechung III – Der Henker streikt
Ich antwortete Pete also, weder freundlich noch diplomatisch. Der innere Richter hatte sich schließlich aus der Sache zurückgezogen und ich fühlte keinerlei Bedürfnis mich zu entschuldigen. Pete blieb trotzdem überzeugt, im Recht zu sein.
Das war vielleicht der Moment, in dem etwas zwischen uns endgültig zerbrach. Pete blieb bei seiner Meinung, dass seine Probleme wichtiger seien als meine. Dass jemand seine eigenen Schwierigkeiten als viel wichtiger bewertet als die eines angeblich geliebten Menschen, erschien mir nicht nur unfair, sondern schlicht absurd.
Während wir weiter miteinander stritten, fiel mir etwas Merkwürdiges auf... Der innere Richter meldete sich weiterhin nicht. Für ihn galt Pete nun als zu ungerecht, als dass meine eigenen Entgegnungen noch betrachtenswert gewesen wären.
Das bedeutete allerdings auch, dass ich plötzlich etwas tun musste, was ich vorher kaum geübt hatte: selbst entscheiden, wann ich nachgebe und wann ich einfach sage, dass mir etwas zu weit geht. Und ich merkte selbst wie hart und kalt ich ohne den Richter als ständige moralische Instanz war. Aber ich fand... und ich finde es ehrlich gesagt bis heute... Pete hatte es verdient, dass ich an ihm übe. Er hatte selbst so oft gegen den inneren Richter argumentiert. Er war überzeugt, dass diese Instanz in meinem Kopf grundsätzlich ein Problem sei. Dass ich sie loswerden müsste. Dass viele Dinge, die ich sagte oder fühlte, eigentlich nur der innere Richter wären.
Das führte zu merkwürdigen Situationen: Immer wenn ich zum Beispiel ein Bedürfnis äußerte, erklärte Pete, das sei der innere Richter. Dabei war genau das der Moment, in dem der innere Richter gar nicht aktiv sein konnte. Wenn er aktiv gewesen wäre, hätte ich kaum einen Satz herausbekommen. Dann hätte ich innerlich die ganze Zeit gehört, dass ich mir gar nichts wünschen darf. Dass ich nichts wollen darf. Dass ich nicht das Recht habe, überhaupt etwas zu brauchen.
Aber Pete blieb bei seiner Interpretation, auch wenn ich es ihm erklärte.
Und so war mir sogar schon vor diesem WhatsApp-Streit durch Petes Verhalten etwas über meinen inneren Henker klar geworden: Er hatte eine Funktion.
Und jetzt war die Zeit ihn an seine eigentliche Funktion zu erinnern.
219 Innere Rechtsprechung IV – Der Henker wird Richter
Nachdem mir klar wurde, dass der innere Henker eine Funktion hatte, nämlich die mich einzubremsen und nicht zu einem Menschen werden zu lassen, der wie es mir mein Vater, mein Bruder H. oder meine Oma einfach über die Bedürfnisse anderer hinweg trampelte.
Ohne die ständige Bewertung war ich für mich angenehm ruhig, aber auch ziemlich kalt.
Also wollte ich ihn einbinden und ihm einen Job geben.
„Gut“, dachte ich mir irgendwann, „wenn man schon mal ohne Todesangst mit dir reden kann...“
Das klingt absurd, aber so fühlte es sich tatsächlich an. Als würde ich mich mit einer Figur aus meinem eigenen Kopf an einen Tisch setzen.
„...du hast eigentlich eine Aufgabe“, sagte ich ihm sinngemäß. „Du bist dafür da, dass ich mich nicht wie ein Arschloch verhalte. Dass ich andere Menschen möglichst fair behandle. Dass ich darüber nachdenke, ob das, was ich sage oder tue, gerecht ist... Was du aber nicht mehr darfst“, fuhr ich fort, „ist mir jedes Mal das Existenzrecht absprechen, denn ich bin auch ein Mensch. Und wenn der Satz stimmt, den dieses Land sich als erstes in seine Verfassung geschrieben hat - dass die Würde des Menschen unantastbar ist - dann gilt das auch für mich. Das bedeutet nicht, dass alles, was ich tue, richtig ist, aber es bedeutet, dass ich nicht für jeden Fehler zum Tode verurteilt werden muss,“
Also machte ich dem inneren Richter ein Angebot.
„Du darfst weiter urteilen“, sagte ich ihm. „Du darfst mir sagen, wenn ich unfair war. Du darfst mir sagen, wenn ich übertrieben habe. Du darfst mir sagen, wenn ich jemandem Unrecht getan habe, aber du bist nicht mehr der Henker.“
"Und vor allem", fügte ich hinzu: „Du hörst dir auch MEINE Argumente an.“
In meiner Vorstellung war das der Moment, in dem sich etwas unter dieser metaphorischen Kuppel Umbaumaßnahmen begannen (die ich immer wieder antreiben musste, Verhaltenstherapie lässt grüßen, Denkgewohnheiten ändern dauert).
Früher stand dort ein Richtplatz. Ein Richtblock, der immer auf meinen Kopf wartete. Heute steht dort eher so etwas wie ein Gerichtssaal. Der Richter ist noch da. Er meldet sich auch weiterhin zu Wort (außer zu Pete, den Fall hat er für immer abgelegt). Manchmal immer noch sehr laut, aber es gibt jetzt auch eine Verteidigung. Und meist endet das Verfahren nicht mehr mit einem Todesurteil, sondern einfach mit der Verurteilung zum um Verzeihung bitten oder Wiedergutmachung zu leisten.
Der Henker ist also nicht verschwunden, er ist tatsächlich Richter geworden.
220 A Child of Big Fish
Da sich Geschwister nun mal Eltern teilen, rede ich hier immer von unseren Eltern, auch wenn meine Geschwister möglicherweise andere Ansichten zu ihnen haben.
Kennt ihr den Film "Big Fish"? Wir sind mit zwei Big Fish aufgewachsen.
Damit meine ich nicht Menschen, die Geschichten erfinden. Unsere Eltern haben beide auf ihre Art so manche Geschichte übertrieben, aber nicht erfunden. Sie haben dieses Leben tatsächlich gelebt. Und wenn Menschen so leben, dann wirken sie auf andere irgendwann wie Figuren aus Geschichten, selbst wenn alles wahr ist.
Unser Vater war äußerlich kein großer Mann. Etwa eins siebzig groß, Bauch, nur ein Arm nach einem Unfall (ok, das Detail ist an sich schon wieder "Big Fish"). Trotzdem konnte er einen Raum füllen, als wäre er riesig. Er war cholerisch, stur wie die Hölle, rücksichtslos seiner Familie gegenüber, ein Querulant, ein Musiker und ein Lump, aber gleichzeitig gebildet, intelligent, humorvoll, ein guter Freund und voller Energie.
Er spielte Musik. Mundharmonika, Akkordeon, später Keyboard. Nicht so richtig gut, aber mit Eifer und Einfallsreichtum, wegen der fehlenden Hand. Musik gehörte zu seinem Leben, genau wie das Tanzen. Rock’n’Roll liebte er, aber auch ansonsten war er ein guter Tänzer.
Unsere Mutter ist eine andere Art Big Fish. Wenn mein Vater Granit war, dann ist sie eher eine Weide am Bach. Sie konnte unglaublich viel aushalten, ist mehrfach zerbrochen und trotzdem noch da.
Sie liebt Musik. Wenn man sie fragt, was sie am liebsten hört, sagt sie oft einen Satz, den ich bis heute an ihr mag: „Ich liebe es, wenn die Gitarren so richtig schreien.“
Sie liebt Filme. Western, Hitchcock, Nebel des Grauens, aber auch Shrek und Schuh des Manitu, einfach alles mögliche.
Sie liebt Bücher. Sie hat jahrzehntelang in der Gemeindebücherei gearbeitet. Bücher gehörten zu unserem Haus wie Möbel. In fast jedem Zimmer war ein Regal.
Sie liebt PC-Spiele. Ich bin schuld daran, sie hat mich damals Cäsar III spielen sehen und dann selbst angefangen. Sie ist jetzt 85 und hat sich grad nen neuen gebrauchten Gaming-PC gekauft.
Zusammengefasst: Sie liebt Geschichten und ihre Phantasie hat nicht nur ihr, sondern auch uns beim Überleben geholfen.
Unsere Eltern hatten beide nur acht Jahre Volksschule. Trotzdem wurde bei uns gelesen, auch die Tageszeitung jeden Tag, Tagesschau zusammen schauen war für mich schon als Kind normal. Meinen Vater lesend am Tisch zu sehen war für mich einfach Alltag. Es wurde über Bücher gesprochen, über Filme, über Musik, aber auch über Politik.
Das klingt alles sehr modern, aber gleichzeitig war unser Alltag mehr als altmodisch. Wenn unser Vater von der Arbeit nach Hause kam, standen wir oft schon in Arbeitsklamotten bereit. Er kam gegen halb fünf, aß, trank sein Bier, und dann mussten wir mit zum Arbeitseinsatz. Die Landwirtschaft hatte immer Arbeit zu bieten, irgendein Gerät war zu reparieren, Zäune zu flicken, Holz zu machen oder halt banal die Tiere zu versorgen. Wenn du eingeteilt warst um die Lampe zu halten und wackeltest oder wenn du bei "Halt mal da" nicht sofort wusstest wo, dann wurdest du niedergebrüllt wenn du Glück hattest, die weniger Glücklichen bekamen eine gelangt.
Überstrenge Regeln und völlige Freiheit konnten nebeneinander existieren. Unser Vater konnte uns also wegen einer Kleinigkeit niederbrüllen, aber wenn wir am Freitagabend zur Tür hinausgingen und sagten: „Wir gehen tanzen“, dann sagte er einfach: „Viel Spaß.“
Ich erinnere mich an einen Moment, in dem mir zum ersten Mal auffiel, dass unsere Familie vielleicht nicht ganz normal war. Ich (etwa 11 damals) bekam mit wie der Vater einer Schulkollegin nach Hause kam von der Arbeit. Sie rannte auf ihn zu und sagte fröhlich: „Papa, schön, dass du da bist.“ Ich war völlig irritiert. Für mich bedeutete ein Vater, der nach Hause kommt, etwas anderes. Vorsicht. Arbeit. Ende der Kindheit für heute. Ich überlegte damals schon was davon normaler war.
Ein anderes Mal (schätze ich war 12) hörte ich eine Nachbarin zu ihrer Tochter sagen:
„Wenn du nicht brav bist, kommst du eine Woche zu den H.s. Da lernst du gehorchen.“ Sie wusste, dass ich das hören konnte. Ab da war mir recht klar, dass die anderen zumindest eine Ahnung hatten was bei uns abging, aber keinen Grund zum Handeln sahen.
Unsere Eltern waren faszinierende Menschen. Unsere Mutter ist es noch. Leute die andere in ihren Bann ziehen konnten. Auf Menschen außerhalb unserer Familie wirkten die beiden zu Recht oft höchst faszinierend.
Wenn man mit solchen Eltern aufwächst, passiert etwas Merkwürdiges...
Man wächst im Schatten von großen Geschichten auf.
Und ist enttäuscht, wenn man diese Größe nie erreicht.
Denn natürlich denkt man jetzt, wenn der Autor von solchen Leuten abstammt und eine solche Kindheit hatte, dann muss er doch ein außergewöhnlicher Mensch geworden sein. Nein, lächerlich gewöhnlich, langweilig und dramatisch erfolglos. Das einzige was mir noch bleibt ist es als Chronist meines eigenen Scheiterns wenigstens noch einen Hauch Pseudo-Sinn in mein Leben zu schreiben.
Aber wenn ich aus meiner Kindheit eines gelernt habe, dann aus jeder Situation das beste zu machen, deswegen ist genau meine Gewöhnlichkeit mein künstlerisches Konzept.
221 Little Britain

Ich gestehe etwas: Ich bin britophil.
Ich weiß nicht genau, wer daran schuld ist. Wahrscheinlich war es Monty Python, nein Terry Pratchett muss schuld sein, Dr. Who kam erst später für mich, also müssen es die Beatles verbrochen haben, neee Mick Jagger und seine Unvergänglichen müssen der Ursprung gewesen sein, quatsch, niemand ist wie Freddie Mercury, also war er es... na ich bin doof Ozzy Osbourne sah schon immer schuldig aus, er war es, also zumindest an dieser Liste sind Black Sabbath tatsächlich schuld.
Denn wie so oft hörte ich Musik und plötzlich poppte ein Gedanke in meinem Kopf auf:
Moment… Black Sabbath waren doch aus Birmingham. Und dann hörte es nicht mehr auf.
Beatles. Rolling Stones. Bowie. The Clash. Pink Floyd. Motörhead. Adam Kay. Prodigy. Dire Straits. Clapton... Britische Künstler* scheinen große Teile meiner Musikwelt zu bewegen.
Immer wieder tauchte noch jemand auf.
„Moment, der fehlt noch.“
„Ach, und die natürlich auch.“
„Moment, ich hab noch nicht genug [hier Musikrichtung einsetzten], da waren sie ja auch groß.“
Irgendwann musste ich einfach aufhören, weiter Namen zu sammeln, sonst hätte diese Liste wahrscheinlich nie geendet. Denn hier kann ich musikalisch in so vielen meiner bevorzugten Jagtgebiete wildern: Beatmusik, Prog Rock, Heavy Metal, Punk, elektronische Musik, Indie oder auch mal moderner Hip-Hop... Musik ist eh meine Version der ewigen Jagtgründe, britsche Gefilde* empfinde ich hier aber als besonders beutereich.
Warum das so ist? Keine Ahnung, ich höre einfach. Wenn jemand erklären mag, warum diese relativ kleine Inselregion musikalisch so absurd produktiv ist, dann freut mich das. Ich bin ernsthaft neugierig auf alle möglichen Erklärungen. Die Liste unten ist deshalb kein Versuch, britische* Musikgeschichte vollständig abzubilden. Das wäre völlig unmöglich.
Es ist einfach meine persönliche Little-Britain-Liste um für mich festzuhalten, dass Britain für Musikliebhaber gar nicht so little ist.
Wenn euch Künstler fehlen, die unbedingt dazugehören sollten, sagt mir gern Bescheid. Besonders im Hip-Hop- und Rapbereich kenne ich mich nicht so gut aus, lerne aber gern dazu.
Bei den Songs selbst bin ich allerdings relativ wählerisch gewesen. Die meisten davon habe ich sehr bewusst ausgesucht. Wenn euch interessiert, warum genau dieser Song und nicht ein anderer, fragt gern.
Also:
Hier ist meine kleine Reise durch die Musikinseln. Wie sähe eure aus?
P.S.: Auf meiner Liste gilt eine wichtige Regel: Jeder nur ein Kreuz!
* In dieser Liste verstecken sich tatsächlich auch ein paar Iren. Wer sie findet, bekommt ein virtuelles Kleeblatt 🍀. Und falls ich jemals absichtlich eine irische Liste zusammenstellen sollte, glaubt mir, das würdet ihr merken.
222 Die Welt ist schön
Das klingt wie ein einfacher Satz, fast wie ein Kalenderweisheitsspruch. Aber ich meine ihn wörtlich und er hilft mir jeden Tag weiter zu gehen.
Die Welt ist schön, unabhängig davon, ob mein Leben gerade leicht oder schwer ist. Sie ist schön, wenn ich glücklich bin, und sie ist schön, wenn ich völlig erschöpft durch einen Tag laufe. Sie ist schön ob ich existiere oder nicht. Die Schönheit der Welt hängt nicht davon ab, wie es mir geht, oder ob ich hinsehe. Sie ist einfach da.
Und deshalb will ich Frederik die Maus sein und die Schönheit der Welt sind die Sonnenstrahlen, die ich für schlechte Tage sammle.
Diese Schönheit bedeutet für mich Musik, Filme, Literatur, Games, also Kunst in ihrer Größe und wunderschönen Banalität. Und sie bedeutet Verständnis über diese unglaublich komplexe Welt, dass ich mir erarbeiten kann...
... und die Schönheit, die die Welt um mich einfach bietet.
Heut auf dem Weg zu den Tafeln:











Die Welt ist schön, ob ich hinsehe oder nicht.
Also sehe ich hin.
223 Frauen sind so schwer zu verstehen

Eine verrückte Idee:
Wenn man Frauen verstehen will, könnte man Frauen zuhören.
Am Ende sogar unterschiedlichen.
Ich weiß, klingt radikal.
Keiner der folgenden Texte richtet sich nur an Männer. Alles, was ich dort beschreibe, betrifft Menschen aller Geschlechter. Es ist nur die Perspektive einer weiblich sozialisierten Person auf diese Themen. Lasst uns also diskutieren!
Eine Auswahl an Redditthreads:
P.S.: Die Arie bedeutet natürlich nicht, dass ich alle Männer für so verdorben halte wie den Herzog von Mantua aus Rigoletto.
Aber sie passt herrlich zum Thema: Männer reden über Frauen, statt mit ihnen.
224 BLITZLICHT! Kafka Quest weiter geführt

ch habe die Kafka Quest einen Schritt weiter gebracht und "Der Steppenwolf" fertig gelesen und das Ende war noch viel besser als ich es je zu hoffen gewagt hatte.
Jetzt höre ich um mich selbst zu belohnen "Rock me Amadeus" und geh mir im 24 Laden ne Tüte Chips kaufen. Ich feiere das Leben und übe das Lachen, Herr Pablo.
P.S.: Wer wissen will was die Kafka Quest ist wird hier fündig:
225 Warum schreibe ich?
Den wichtigsten Grund zu schreiben, stellt für mich der einfache Gedanke dar, dass ich zeigen möchte wie übervoll jedes Menschenleben ist. Wenn ich mein Leben aufschreibe, dann nicht, weil es außergewöhnlicher wäre als andere, sondern gerade an meiner Gewöhnlichkeit soll man sehen können, wie viel in einem einzelnen Leben steckt: Gedanken, Bedürfnisse, Gefühle, Prägungen, Erinnerungen, Konflikte, Erfahrungen, politische Haltungen, Zweifel und Hoffnungen.
Es soll hierdurch klar werden, dass jeder Mensch in gewisser Weise ein eigenes Universum darstellt und jede Sekunde dieses vergänglichen Universums unwiederbringlich ist.
Mein performatives (fast) Live-Schreiben ist für mich deshalb auch ein Versuch zu zeigen, wie man anderen Menschen gerecht begegnen kann. Für mich führt dieser Weg über einen einfachen Dreiklang:

Erstens: Reflektiert euch!
Ich glaube, dass die Quest, ein guter Mensch zu werden, überhaupt erst beginnt, wenn man mit Selbstreflexion anfängt. Ohne sie startet diese Reise gar nicht.
Psychisch kranke Menschen werden oft früh zu dieser Reflexion gezwungen. Nicht weil sie automatisch bessere Menschen wären, sondern weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Sie müssen verstehen, was gerade passiert ist, was sie fühlen, was das gerade ausgelöst hat oder was sie angerichtet haben.

Zweitens: Radikale Ehrlichkeit zu euch selbst.
Damit meine ich nicht die radikale Ehrlichkeit, die ich oft nach außen praktiziere. Ich meine radikale Ehrlichkeit nach innen.
Das bedeutet weder Selbstabwertung noch Selbstüberhöhung. Wenn man erkennt, dass man gierig war, eifersüchtig, verletzt, wütend oder unfair, dann sollte man das anerkennen, ohne sich dafür zu vernichten. Und genauso wenig sollte man sich selbst idealisieren in dem man z.B. sagt nie gierig oder neidisch zu sein.
Radikale Ehrlichkeit heißt für mich: akzeptieren, dass man ein Mensch ist. Fehler erkennen, Verantwortung übernehmen, um Verzeihung bitten, Dinge wiedergutmachen... manchmal auch sich selbst gegenüber.

Drittens: Ein Mensch ist ein Mensch.
Für mich ist das der wichtigste Schritt.
Wenn man durch die ersten beiden Schritte verstanden hat, wie komplex man selbst ist und sich gerade deshalb als Menschen akzeptiert, dann wird plötzlich etwas sehr Einfaches sichtbar: Alle anderen Menschen funktionieren nach ganz ähnlichen Prinzipien. Sie haben andere Erfahrungen gemacht, andere Prägungen, andere Wünsche, aber sie sind aus derselben menschlichen Grundstruktur gebaut.
Wenn man diesen Punkt wirklich versteht, ist man bereits auf einem guten Weg, ein guter Mensch zu werden.
Wenn man diesen Schritt anders erreicht, ist das natürlich genauso gut.
Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich schreibe. Einen, der mich weitermachen lässt, auch in Momenten, in denen ich daran zweifle. Ich glaube, unsere Zeit braucht Menschen, die öffentlich dafür sprechen, dass ein Mensch ein Mensch ist.
Deshalb bitte ich alle, die das ähnlich sehen: Sprecht darüber. Schreibt darüber. Postet darüber. Redet darüber, wo immer ihr seid.
Alle Stimmen zählen, selbst meine, ganz sicher deine.
226 Sex als Ramschware
In diesem Text wird ein generisches Femininum verwendet, gemeint sind damit natürlich immer alle Geschlechter.
Prostitution ist eines der letzten Tabus... nicht weil sie verboten ist, sondern weil wir uns weigern, ehrlich darüber zu reden. Für die einen ist sie ein notwendiges Ventil für männliche Sexualität. Für die anderen ein System der Ausbeutung, das komplett abgeschafft werden sollte. Meiner Meinung nach ist sie heute vor allem eines: Eine Verramschung von körperlicher Intimität. Lasst uns deshalb mal ehrlich reden?
Braucht unsere Gesellschaft Prostitution wirklich?
Gibt es weniger schädliche Formen davon?
Denn wenn wir über Prostitution reden, reden wir meist über zwei Bilder, die beide nur einen kleinen Teil der Realität zeigen. Das erste Bild ist die selbstbestimmte Escort, das Sugarbabe, die Domina usw., die sich ihre Kundinnen aussucht, hohe Preise verlangt und ihre Arbeit kontrolliert. Das zweite Bild ist die Zwangsprostitution im Hinterzimmer oder auf der Straße, organisiert durch Menschenhandel und Gewalt. Beides existiert. Aber der größte Teil der Prostitution, der unsere Gesellschaft tatsächlich prägt, liegt irgendwo dazwischen und über diesen Teil wird meiner Meinung nach erstaunlich wenig gesprochen. In vielen Städten bedeutet Prostitution heute: niedrige Preise, hohe Frequenz, standardisierte Abläufe. Sex für Beträge, die teilweise unter dem Preis eines Kinotickets liegen.
Bordelle mit Flatrate-Angeboten. Sexworkerinnen, die an einem Tag zehn, fünfzehn oder zwanzig Kundinnen bedienen müssen, um ihre Miete zu bezahlen. Das ist keine romantische Version von Sexarbeit. Das ist ein System mit Fließbandlogik.
Ein Argument, das in den letzten Jahren immer häufiger auftaucht, behauptet, digitale Plattformen wie OnlyFans würden das Problem entschärfen. Schließlich findet dort kein physischer Kontakt statt. Doch auch hier stellt sich eine ähnliche Frage wie bei der klassischen Prostitution:
Welche Dynamik entsteht, wenn Sexualität in ein marktförmiges System eingebettet wird, das nach Klickzahlen, Abonnements und stetigem Output funktioniert?
OnlyFans wirkt auf den ersten Blick wie eine selbstbestimmte Alternative. In der Praxis entsteht jedoch oft eine digitale Plattformökonomie. Wer sichtbar bleiben will, muss ständig neues Material liefern, Preise unterbieten oder immer intimere Inhalte produzieren. Aus der Pommesbude wird so kein Restaurant, sondern eher ein sexuelles Instagram, in dem Aufmerksamkeit, Körper und Sexualität dauerhaft in kleine monetarisierbare Einheiten zerlegt werden. Noch dazu ist spätestens seit dem Fanblast-Skandal bekannt, wie die Kunden hier ausgenommen werden.
Deshalb drängt sich die nächste Frage auf:
Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, in der Sex als Massenware gekauft werden kann?
Viele Menschen reagieren auf diese Frage sofort defensiv. Der Grund ist ein Satz, den man sehr häufig hört: „Prostitution wird es immer geben.“ Das mag stimmen, oder auch nicht, das will ich hier gar nicht beurteilen. Aber aus dieser Feststellung folgt nicht automatisch, dass jede Form von Prostitution gesellschaftlich akzeptiert oder gefördert werden muss. Denn zwischen „etwas existiert“ und „etwas ist massenhaft und normalisiert verfügbar“ liegt ein großer Unterschied. Ein Beispiel aus der Verhaltenstherapie kann das vielleicht deutlicher machen. Menschen lernen Verhalten durch Wiederholung. Was sie immer wieder sehen, hören oder tun, erscheint irgendwann selbstverständlich. Wenn ein Verhalten häufig vorkommt und gleichzeitig als normal beschrieben wird, entsteht ein einfacher Effekt: Die Hemmschwelle sinkt. Das gilt für viele Dinge, wie Rauchen, Glücksspiel oder auch aggressive Kommunikation im Internet und möglicherweise auch für käuflichen Sex.
Welche Vorstellung von Sexualität entsteht in einer Gesellschaft, in der sexuelle Dienstleistungen jederzeit verfügbar sind (zum Beispiel durch OnlyFans)?
Sexualität ist keine rein biologische Handlung, es ist eine soziale Interaktion.
Sie entsteht zwischen Menschen, die miteinander kommunizieren, Grenzen setzen, Wünsche äußern und manchmal auch verhandeln. Aber sie sollte doch wohl eines gemeinsam haben: Sie findet zwischen Menschen statt, die einander wahrnehmen. Wenn Sex dagegen regelmäßig als billige und einfach verfügbare Dienstleistung organisiert wird, verändert sich etwas in dieser Wahrnehmung. Da wird der Körper der anderen zum Snack in der Pommesbude, man kauft, konsumiert, geht.
Ein häufiges Argument für Prostitution lautet, sie verhindere sexuelle Gewalt. Die Logik dahinter ist simpel: Wenn Männer Sex kaufen können, sinkt der Druck, Gewalt auszuüben. Das Problem an diesem Argument ist weniger seine Moral als seine Annahme über Männer. Es unterstellt, dass Männer ohne käuflichen Sex ihre Sexualität nicht kontrollieren können. Ich denke viele Männer würden diese Vorstellung vermutlich selbst zurückweisen. Ich selbst bin nicht der Meinung dass Männer allgemein Tiere sind, die ihren Trieb nicht kontrollieren können, wenn einzelne da tatsächlich Probleme haben, dann sollte die Lösung nicht heißen: "Geh zu einer Prostituierten", sondern doch eher "Such dir Therapie, Psychiater und notfalls Psychiatrie." Ich hoffe wir sind uns darüber einig.
Welche Vorstellung von Männern steckt eigentlich in dieser Behauptung?
Gleichzeitig wäre es naiv zu behaupten, Prostitution bestehe nur aus Zwang und Ausbeutung. Es gibt Menschen, die sich bewusst für diese Arbeit entscheiden. Es gibt Sexworkerinnen, die ihre Tätigkeit selbst organisieren und kontrollieren. Es sind halt wahrscheinlich weniger die, die ihren Körper täglich an 10 Kunden und mehr verkaufen. Wie könnte man verhindern, dass Menschen ihren Körper verkaufen, weil sie eventuell die Sprache nicht so gut sprechen und/oder keine Ausbildung, kaum Schulbildung haben und so wenige Chancen auf mehr als Mindestlohn jemals? Naja, das ist eine soziale Frage, die kann man diskutieren, aber würde das Thema sprengen.
Unter welchen Bedingungen sollte Prostitution legal ablaufen?
Legalisierung hat einen klaren Vorteil: Sie bringt ein verborgenes System ins Licht. Wenn Prostitution legal ist, können Sexworkerinnen Rechte einfordern, sich organisieren und Missstände sichtbar machen. Sie können ihrer Tätigkeit in einer sauberen und sicheren Umgebung nachgehen. Aber Legalisierung allein löst kein Problem.
Es stellen sich Fragen:
Soll es Mindestpreise geben?
Soll es strengere Gesundheits- und Arbeitsstandards geben?
Soll der Staat Ausstiegsprogramme finanzieren?
Soll der Staat für bessere Grundsicherung und höhere Löhne sorgen, so dass Prostitution seltener nötig ist?
Oder wollen wir einfach akzeptieren, dass ein Markt entsteht, der möglichst billigen Sex produziert?
Denn Märkte funktionieren immer nach der gleichen Logik. Wenn Nachfrage existiert und Preise sinken können, wird jemand diese Nachfrage bedienen. Deshalb führt jede Diskussion über Prostitution irgendwann zu einer unangenehmen, aber notwendigen Frage:
Welche Rolle spielt Nachfrage und wie kann man sie reduzieren?
Und grundsätzlich:
Ist Prostitution in ihrer heutigen Form wirklich gesellschaftlich notwendig?
Ist das deutsche Modell mit sehr billiger, leicht verfügbarer Prostitution sinnvoll?
Oder sollten wir darüber nachdenken, welche Grenzen und Standards wir setzen wollen?
227 Der Algorithmus ist nicht dein Helfer. Er verkauft deine Aufmerksamkeit.
Bevor du weiterliest, eine einfache Frage: Kannst du Social Media zwei Wochen lang komplett weglassen, ohne dass es dir fehlt? Wenn ja, dann betrifft dich dieser Text wahrscheinlich nicht direkt. Wenn nein (oder wenn du zumindest nahe Menschen hast die es nicht können), dann könnte er vielleicht ein Denkanstoß sein.
Denn die meisten Plattformen funktionieren weniger wie ein Kommunikationsmedium und mehr wie ein Spielautomat.
Der Suchtstoff ist Resonanz. Jedes menschliche Wesen braucht Resonanz. Das ist erst mal nichts Pathologisches, sondern eine Grundfunktion sozialer Wesen. Aber Social Media hat gelernt, dieses Bedürfnis sehr effizient auszunutzen.
Dabei spielen zwei Arten von Resonanz eine Rolle, bei jedem sicher unterschiedlich gewichtet:
Die erste ist Bestätigung.
Algorithmen zeigen uns bevorzugt Inhalte, die zu unseren bestehenden Überzeugungen passen. Wir fühlen uns verstanden, klug, bestätigt. Genauso bei Inhalten, die wir offensichtlich dumm oder falsch finden.
Die zweite ist "gesehen werden".
Likes, Kommentare, Shares sind kleine soziale Signale, dass wir sozial existieren.
Beides erzeugt einen kurzen Dopaminschub.
Noch hinzu kommt die "unregelmäßige Belohnung" wie sie auch Glücksspiel bietet. Du postest oder kommentierst etwas und dann ist da die kleine kleine rote „1“. Vielleicht ein Like, vielleicht ein Kommentar, vielleicht ein Follow, vielleicht nur eine unsinnige Benachrichtigung, die du noch ausschalten musst... also ziehst du am Hebel des einarmigen Banditen um zu sehen was du bekommst.
Die Plattformen verstärken süchtiges Verhalten gezielt. Doom-Scrolling, Autoplay, Empfehlungen, die genau im richtigen Moment auftauchen. Psychologen, Verhaltensforscher und UI-Designer arbeiten daran dass du länger bleibst.
Denn: Die Plattformen sind nicht kostenlos. Du bist nicht der Nutzer. Du bist der Einsatz. Und der Algorithmus ist der Dealer, der deine Aufmerksamkeit an Werbekunden verkauft.
Natürlich sind die Nutzer nicht unschuldig. Menschen suchen Resonanz. Menschen suchen Bestätigung. Menschen suchen Sensationen. Menschen bauen sich auch ohne Algorithmen ihre eigenen Bubbles. Aber Algorithmen beschleunigen und verstärken dieses Verhalten massiv.
Und deshalb wird sich daran auch nichts von selbst ändern. Plattformen verdienen Geld mit Aufmerksamkeit. Die Vorstellung, dass sie sich freiwillig regulieren, ist ungefähr so realistisch wie ein Casino, das freiwillig die Spielzeiten von Kunden reduziert.
Fast jede menschliche Gesellschaft, von der wir wissen, hat Glücksspiel irgendwann reguliert. Nicht weil Menschen plötzlich moralischer wurden, sondern weil man gesehen hat, was passiert, wenn man es nicht tut.
Bei Social Media gibt es noch kaum solche Regulierungen. Wie jeder selbst mit der eigenen Sucht, dem schädlichen Gebrauch oder eben der gelegentlichen Nutzung umgeht ist Privatsache, aber wir als Gesellschaft können politischen Druck für Änderungen erzeugen. Social Media selbst ist nicht das eigentliche Problem. Menschen wollen kommunizieren, diskutieren, sich zeigen und Resonanz bekommen. Das Problem beginnt dort, wo Algorithmen gezielt entscheiden, was wir sehen. Gerade den Einsatz dieser Vorschlagsalgorithmen sollte man deshalb meiner Meinung nach komplett überdenken.
Denkst du Social Media birgt Suchtgefahren?
Was könnten deiner Meinung nach Lösungsansätze sein?

228 Blitzlicht: Tag am Meer
Sonntag gehe ich auf große Fahrt, ehrlicherweise viel komplizierter als nötig gewesen wäre, aber ich wollte es mir leicht machen... und dabei kommt immer Chaos raus.
Egal es geht ans Meer, Wohnung anschauen. Montag nachmittag muss ich dort sein. Also hab ich ein einfaches Zimmer gebucht und halt ne Mischung aus Bahn und Flixbus... fragt nicht...
Ich liebe aber das Unterwegssein ansich, ich werde sicher Bilder, Videos und wahrscheinlich auch kurze Streams unterwegs und dann oben machen...
Ich freue mich so und sollte echt nicht so hyped sein...
Egal ein Tag am Meer...
229 Blitzlicht: Vorfreude und Vorbereitung und Nordseeweh
Morgen fast noch in der Nacht geht es los...
ich muss noch Wäsche waschen, gestern hab ich alle Unterlagen ausgedruckt und eingepackt. Mein Handy auf ein Backup zurückgesetzt, weil ich ich die Nummer des Vermieters irgendwie gelöscht hatte, Panik geschoben, mein WLAN-Passwort beim Neustart des Handys nicht mehr gewusst, das auch neu aufgesetzt und endlich mal benannt (wenn ihr mal ein WLAN namens "Hundsfott" findet, das könnte meines sein), gewartet das alle Apps sich neu laden (dauert ewig) und dann gemerkt dass ich die Nummer nur komisch eingespeichert hatte...
Mal sehen welche Katastrophen heute noch warten...
Ich werde also heute wahrscheinlich wieder nicht wirklich nen Text schreiben, vielleicht steame ich solange die Waschmaschine läuft Herr der Ringe Online, damit ich dort wenigstens in die Nähe von Belafas komme, wo Legolas die Möwen gehört hatte. Ich bin damit in Westerdeichstrich infiziert worden, da geht es diemal nicht hin, wäre mir auch zu touristisch und zu ländlich, es geht an Ort der als Marinestandort bekannt ist und einen sehr aktiven Tiefwasserhafen hat.
230 Blitzlicht: Die Folgen meiner pragmatischen Heldentat
Krieg ich das hin? Nein - mach trotzdem.
Ich hab es gemacht!
Ich bin nach Wilhelmshaven gefahren, wiedermal so umständlich wie möglich leider. Hab im Hotel am Ende der Straße übernachtet... Exkurs für die die das Buch "Das Café am Rande der Welt" nicht kennen: Ein gestresster Manager landet dort und findet auf der Karte drei Fragen:
- Warum bist du hier?
- Hast du Angst vor dem Tod?
- Führst du ein erfülltes Leben?
Den Rest müsst ihr lesen, recht gutes Buch.
Und ich war im Hotel am Ende der Straße, es war nicht am Ende der Straße, aber wenn ihr es seht versteht ihr es oder werdet es nie verstehen:

Den Rest dieser verrückten Reise schreib ich mal auf, wenn mein Kopf nicht vor zig pragmatischen Dingen, die erledigt werden wollen und vor hunderten tiefgründigen Gedanken, die gedacht werden wollen und vor tausenden Freude- und Stolzmomenten die getanzt werden wollen, geflutet ist.
Heute war es es sehr pragmatisch, nach Nachmieter suchen, bei Vermieter hier kündigen, Wohnung schick machen, weil Freitag schon die erste potentielle Nachmieterin kommt.
Morgen noch mal mit Muddy den Magnolienhain anschauen. dann geht es weiter. Meine Aktion mit dem Neuaufsetzen des Handys hat mal wieder mein Onlinebanking zerschossen, darum muss ich mich kümmern. Bude noch weiter aufpolieren und Farbe kaufen.
Wie ich das schaffe, eigentlich gar nicht, ich mach einfach weiter, weil es ja irgendwann geschafft ist. Irgendwann wohn ich am Meer... tatsächlich.
Ein einfaches Video (banaler Zusammenschnitt meiner Reels von der Fahrt) zur Heldentat gibt es schon, ein besseres soll folgen:
Gemütliche Ein-Zimmer-Wohnung mit direktem Blick in den Park Schöntal!
Das Beste daran? Man sitzt am Tisch, trinkt Kaffee und kuckt direkt in den Park, oder wenn man früh wach ist in den Sonnenaufgang. Nach links geht’s zur Großmutterwiese und zur Fasanerie dahinter. Im Schöntal sind es zum Magnolienhain, zur Ruine im Teich mit den Pfauen weniger als 200 m. Für Kulturfans: Das Hofgarten-Kabarett und der Colos-Saal sind genauso nah wie die Innenstadt, die quasi hinter dem Park beginnt. Noch dazu wohnt ihr im Gebäude des ehemaligen Apollo Kinos.
EXTRABLATT! NACHMIETER GESUCHT!
Zur City Galerie (mit kleinem Rewe) sind es etwa 3 Minuten Fußweg, zum Schloss läuft man etwa 10 Minuten, zum Bahnhof 15 Minuten und wer nicht laufen will, hat die Bushaltestelle direkt vor der Tür (wochentags alle 15 Minuten, zum Bahnhof 3 Haltestellen).
Die Wohnung hat 31 m², eine kleine Küche, ein kleines Bad und einen hellen Wohnraum... alles, was man braucht. Es gibt ein gut funktionierendes System mit 2 Hausmeistern und die Treppen und Flure werden gereinigt, ein Aufzug ist vorhanden. Fernsehen und Internet ist über Kabel möglich. Die Miete beträgt aktuell 490 € warm (das muss man aber nochmal mit dem Vermieter klären). Keller oder Dachboden gehören aktuell nicht dazu, genau sowenig wie ein Parkplatz, da müsste man auch den Vermieter fragen.
Ab 1. Mai frei! Wer Interesse hat, kann sich melden. Mehr Fotos kommen die nächsten Tage noch. Besichtigungstermine sind ab sofort möglich, wenn auch gerade noch bewohnt, ich werde die Anzeige aktualisieren wenn die Wohnung leer zu besichtigen ist.

Das war die "Anzeige", die nur hier und über WhatsApp Status zu sehen war...
231 Blitzlicht: Potentielle Nachmieterin schaut gleich die Wohnung an
Drückt mir die Daumen, dass sie sich instant in die Wohnung verliebt und gleich beim Vermieter unterschreibt.
Dann fängt für mich halt ein riesiger Stress an, aber ich muss dann nicht für Mai und Juni doppelt zahlen.
232 Blitzlicht: Würdige Nachfolgerin in Sicht
Die potentielle Nachmieterin war da. Eine sehr freundliche Frau, die die Lage der Wohnung anscheinend zu schätzen weiß, ich würde mich unglaublich freuen ihr diese wunderbare kleine Wohnung zu überlassen, der Vermieter war auch positiv eingestellt ihr gegenüber.
Mir gegenüber war er ziemlich kritisch ob ich es schaffe bis dahin zu renovieren und ob es nach seiner Zufriedenheit sein wird... naja ich kann ihn ein wenig verstehen, es gab ja ein wenig Stress mit vor ein paar Monaten und 2021 schon mal. (siehe ganz unten im Text)
Hauptsache er nimmt die Nachmieterin, es wäre schön, wenn sie die Wohnung bekäme. Erstens weil sie mega sympathisch ist (sie hat mir sogar angeboten beim Umzug zu helfen), zweitens weil sie aus dem AWO Umfeld ist und ich hab die Wohnung über einen Kontakt aus einem ähnlichen Umfeld bekommen. Das wäre ein wunderschöner Gedanke. Und drittens WILL sie mitten in der Stadt wohnen. Sie ist perfekt für mein altes kleines Zuhause, ich hoffe es wird ihres.
Heute war ich dann noch in der Sparkasse, hab mein Onlinebanking reaktiviert (war wegen dem Backup kaputt siehe Vorfreude, Vorbereitung, Nordseeweh), war einkaufen, hab was gegessen, beim warten auf Rückruf von Vodafone eingeschlafen, dann selbst bei Vodafone angerufen, laut ihren Daten hat die neue Wohnung Kabelanschluss, nach dem 1.5. kommt dann ein Techniker zu mir... uff, dann im Baumarkt gewesen und geschleppt wie ein Esel, jetzt noch bei den Stadtwerken gekündigt, gleich alte Matratze zerkleinern, ich will beweisen dass ich das hinbekomme und zwar schnell und gut...
233 Blitzlicht: Kisten packen und Hoffnung auf Umzugsunternehmen
Ich bin grad am Kistenpacken, an der Falttechnik bin ich schon fast gescheitert. Ich hasse mich für meine Ungeschicklichkeit... ich bin bei praktischen Dingen echt unbrauchbar, aber was soll ich machen, es macht ja keiner für mich. Nachher kommt der Typ vom Umzugsunternehmen um sich meinen Hausstand zu betrachten und einen Kostenvoranschlag zu machen... drückt mir die Daumen, dass ich mir den leisten kann. (höchstwahrscheinlich mit geliehenem Geld von meiner Mutter [ja meine Familie wird noch mehr lästern wie eh schon, aber sollen sie doch, ich weiß schon seit letztem Jahr, dass da nicht viel positive Gedanken über mich sind {vielleicht sogar verdienter Weise, will ich nicht abstreiten}, das Lästern wird sich irgendwann beruhigen und dann können sie wieder verdrängen, dass es mich gibt, bin dann 500 km weit weg]. ohne Unternehmen wird es noch viel anstrengender, aber auch das würde ich hinbekommen.

Pragmatismus First und RPG Real Life sind momentan meine Lebensretter (klingt toll, ist aber zu 95% banal auf der DBT aufgebaut Dropbox Link zu den Erfahrungsberichten, kein Copy Right auf diesen Texten).
234 Mein letzter Frühling in Aschaffenburg
Heute morgen bevor der Recyclinghof aufgemacht hat und jetzt wo ich auf den Typ vom Umzugsunternehmen warte... hab ich es endlich fertig gemacht, eine große Liebeserklärung an die Stadt (die schon viele Kleine bekam), die wie ein Trockendock für meine Psyche war. Ich konnte reparieren, es ist Zeit weiter zu ziehen. Wäre nicht alles so viel teurer geworden, wäre ich wahrscheinlich geblieben, so ist es Zeit Segel zu hissen und zu neuen Abenteuern aufzubrechen.
Aber dieses Frühjahr habe ich im Wissen das ich gehen werde noch mal all das schöne hier gesammelt, schließlich bin ich Frederik die Maus, das ist mein Job:
235 Blitzlicht: Normalerweise liebe ich Sonntage...
... heute fühle ich mich nur massiv gebremst. Dadurch dass der Umzugstyp nicht aufgetaucht ist, werde ich heute noch mal Mails an Umzugsunternehmen verschicken und auch die Hephata kontaktieren (hatte ich Freitag vergessen, obwohl es auf meiner To-do-Liste stand, weil ich ein Depp bin).
Wenn ich morgen von keinem Umzugsunternehmen eine Nachricht bekomme, werde ich zum nächstmöglichen Termin nen Sprinter mieten, das allermeiste kann ich selbst runter transportieren, das Schlimmste wird das Ding nach Wilhelmshaven zu fahren.
Ansonsten packe ich noch die vier Kartons die ich habe, dann muss ich eh schauen wann es losgehen würde, weil dann nur noch Sachen des täglichen Gebrauchs draußen sind.
236 Blitzlicht: Hindernisse und Dummheit
Ich hab mich ewig rumgedrückt mit dem Kühlschrank zerlegen anzufangen und es erwies sich auch als nervig, aber irgendwann kam ich mal auf die eigentlich äußerst naheliegende Idee zu schauen wie schwer das Ding ist. Es ist echt leicht und mit Sackkarre prima zu transportieren. Wenn ich nicht grenzdebil wäre, hätte ich das schon vorher versucht. Egal wie doof ich bin, ich muss weiter machen.
Restliche nicht dringend benötigtigte Wäsche eingepackt und zu den fertigen Kisten gestellt. Dann ersten Küchenschrank ausgeräumt und geschaut ob ich ihn allein abbauen kann... mepmepmöööö... Torx-Schrauben. Jetzt suche ich mal in den Untiefen meiner Technikiste nach nem Torx Schraubenzieher... und wenn nicht kaufe ich Montag einen... auf die Gefahr hin, dass ich die Schraube trotzdem nicht aufbekomme.
So jetzt hab ich wenigstens das große Küchenregal abgeräumt, so dass ich die unwichtigeren Sachen gleich in ne Kiste packen kann. Ich brauch ne Pause, dabei hab ich noch nicht wirklich was geschafft. So zur Psychohygiene kurz auf Theads ein paar Verbrennerfans provoziert und nun geht es weiter die Küche weitmöglich einpacken.
So sekundärer Küchenkram gemeinsam mit momentan nicht benötigten Jacken als Polstermaterial in der Kiste.
Regale abbauen steht heute noch auf der Agenda, da Kühlschrank schnell erledigt war und Küchenschränke abbauen vorerst unmöglich.... doch bei meinen weißen Regalen streike ich... die kommen so in den Sprinter. Wenn ich selbst fahre (ohne Umzugsunternehmen) dann brauche ich für die und die Küchenmodule eben eine zweite Person, so kacke ich das auch finde, weil ich es verabscheue um Hilfe bitten zu müssen... (ja ich werde das Tabu nie überwinden, ich weiß das Hilfe immer kostet, finanziell oder sozial 202 Tabus und ich hab mich in meinem Leben genug verschuldet). Das Holzregal hab ich noch abgebaut, dann die Mails an die Umzugsunternehmen geschrieben, gleich telefoniere ich dann mit meiner Mutter und verschulde mich finaziell UND sozial, finaziell bei ihr, sozial sogar mehr bei meiner Familie die mir auf der letzten Geburtstagsfeier mal wieder gezeigt hat, dass ich nur koste. Weil ich mir Geld leihen muss, egal ob "nur" für den Sprinter oder für ein Umzugsunternehmen.
Der Typ vom Umzugsunternehmen, der gestern nicht kam will heute herkommen, auf den Sonntag, das zeigt Einsatz. Aber ich denke die Strecke ist zu weit als dass ich das machen würde. Wahrscheinlich werde ich selbst fahren müssen. Möglicherweise werde ich den buchen um die Küche abzubauen und nach unten zu bringen. Ich muss dann halt nen Sprinter mieten und vor allem fahren (ich hasse Autofahren). Ich bin mal gespannt was er ansetzt.
Gleich die Entscheidung...
237 Blitzlicht: Der kurze Traum vom Komfort
... der sehr sympatische Umzugsmensch war da, aber das ist mir zu teuer. Klar ist der Preis gerechtfertigt, aber das wäre utopisch für mein Einkommen, auch wenn meine Mutter mir das leiht. Leider bietet er auch keine Teillösung an. Ein Konkurrent bietet eine Teillösung an, aber auch die ist mir zu teuer.
Montag werde ich, sobald die Rente und das Wohngeld drauf ist, einen Sprinter buchen, für 7.4. - 10.4., wenn dies klappt. Den hol ich dann hier ab und geb ihn oben ab. Im Idealfall mach ich Renovierung und Wohnungsabnahme während die Sachen hier im Transporter sind, dann muss ich nicht noch mal runterfahren. Dann kann ich den Flixbusgutschein für die Fahrt zu Muddys Hoffest verwenden.
Ab Montag früh muss ich meine Gänge zum Recylinghof antreten, hoffe sie auch Montag noch durch zu habe, ich schätze ich muss minimum 3x. Einmal mindestens mit Sackkarre, die versuche ich mir am Baumarkt zu leihen.
Ich hoffe ich krieg die Küche von der Wand... ach so ich muss schauen welchen Torx ich brauche...
Meine Brüder waren wohl fast eingeschnappt, dass ich sie nicht um Hilfe gebeten habe. Wie kann irgendwer meiner Geschwister, Nichten/Neffen oder Schwäger denken, dass ich noch jemals irgendwen von ihnen um Hilfe bitten würde?
Spätestens seit letztes Jahr Juni müsste ich all meinen Stolz, den ich mir mühsam erarbeitet habe verkaufen um jemanden davon auch nur um ein Glas Milch zu bitten. Hilfe bekommen macht einen in meiner Familie eh schon unbeliebt 202 Tabus, dann die Sache mit meinem Schreiben 054 Nichts erreicht als ich meine Familie um Hilfe bei der einzigen Sache angebettelt hatte, bei der ich noch Hoffnung auf irgendeinen Erfolg habe, und dann zuletzt die Familienfeier 205 Eure Wut ist normal - Meine ist zu viel als mir selbst die Berechtigung meiner Wut abgesprochen wurde.
Würde ich DANACH noch um Hilfe bitten wäre ich ein Wurm, vor dem selbst ich keinen Respekt mehr haben könnte.
238 Blitzlicht: Der Packeseltag
Mir tut alles weh und dennoch denke ich es hat sich gelohnt:
Ich bin früh mit zwei Säcken voll Schaumstoff und Stoff von der Matratze (ich hatte ja vor sie komplett zu zerlegen, aber so war sie wenigstens leichter und weniger windfängig), die dann im Regen beim Recyclinghof abgegeben, im mittlerweile leichten Hagel zum Baumarkt rüber und mir meinen besten Verbündeten geholt, Schuby, die Sackkarre.
In bester Aprilmanier schien dann schon wieder leicht die Sonne und Schuby durfte freundlicherweise mit dem Bus mit mir nach Hause fahren, ich hielt ihn auch ganz fest.

Bei der Befestigungsart des kaputten Kühlschranks auf Schuby muss ich an Pete denken und daran, dass ich aufhören muss an Pete zu denken...

Buff durch Schönheit auf dem Weg...





Dann durfte der Kühlschrank zu den anderen Kühlschränken ins ... sagen wir "Kühlschrank-Nirvana" wo er wieder eins mit allen Kühlschränken wird... ehrlich gesagt bin ich froh das Scheißding los zu sein...

Buff durch Schönheit auf dem Heimweg sammeln, schließlich bin ich Frederik die Maus:




Dann erneut auflasten, fragt nicht wie lange ich gebraucht hab das auf Schuby zu befestigen...

Abgabe am Wertstoffhof und los zurück zum Baumarkt Schuby zurückgeben... und schnell Buff durch Schönheit sammeln, dann in den Supermarkt, Essen looten und schnell heim und Füße hoch...



... denn morgen geht es mit Küchenabbau und einem letzten Gang zum Recyclinghof weiter.
239 Blitzlicht: Langsam in den Endspurt
Nach nem Einkauf bei den Tafeln, mit ganz viel "Buff durch Schönheit" Bedarf:
Danach Motiation gesammelt für die letzte Fuhre zum Wertstoffhof:
Dann Kartoffelbrei, YouTubeBeef konsumieren und einschlafen und dann sehr müde die drei Hängeschränke abgehängt, jetzt meine Meer-Playlist hören, mir ne Bong gönnen und dann weiter schlafen. Ich fühle mich als wäre ich hundert, aber stolz und zufrieden.
Ich bin zu glücklich-müde um mehr zu schreiben heute.
240 Abklemmen und Abbauen
Keine Details heute, da nicht zur Nachahmung geeignet.
Heute morgen wollte ich super motiviert... Spaß, bei sowas bin ich immer demotiviert... also ich wollte in der Küche loslegen... Werkzeug fehlt, also ich los zum Baumarkt:
Warum? Die Antwort weiß nur die Gitarre 🎸
Es funktionierte immer noch nicht, ich unter starken Selbstbeschimpfungen also noch mal hin, auch weil ich für Küchendemontage Part 2 lieber besseres Werkzeug wollte.
Dann... äh... es hatte nie am Werkzeug gelegen. Aber Küchendemontage Part 1 funtionierte.
Dann Essen und (wie leider immer momentan) schlafen.
Jetzt Küchendemontage Part 2 beendet, das funtionierte super.
Ich überlege ob ich den Herd aus dem Küchenmodul noch rausbaue. Und das Badschränkchen muss noch von der Wand.
Ob ich das heute oder morgen früh mache werde ich dann morgen schreiben. Morgen Mittag treffe ich mich auch mit meiner Mutter, noch mal alkoholfreies Tiramisu zusammen im Cafè meines Großcousins essen.
241 Blitzlicht: Das Abschiedskaffetrinken
Heute morgen hab ich mal nicht an meinem physichen Umzug gearbeitet, sondern an meinem digitalen Umzug zu nicht us-amerikanischen Alternativen, heute war die Nextcloud dran, Feddit und Pixelfed dran.
Jetzt geht es los zum Abschiedskaffetrinken mit meiner Mutter...
Allerdings war es im Ganzen doch recht anstrengend, ich hab zwar entschieden, dass ich mal über Elsenfeld - Obernburg - Erlenbach schreiben will und die Bedeutung der Glanzstoff/Enka/Akzo/ICO für die Region, über die Siedlungen dort, über Sudeten und Schlesier, über die Gastarbeiter, über die Schulen auf denen ich in Erlenbach und Obernburg war... und warum nicht in Elsenfeld... nur schaffe ich das heute noch nicht. Ich koch mir jetzt Kartoffeln und dann geh ich schlafen. Morgen muss ich ein wenig aufholen, aber ich müde.
P.S.: Ich werd das Café vermissen... wie auch Brigittes Fischladen in Obernburg, den Torwart an der Fußgängerbrücke, der bessere Hähnchen macht als der Balonier in Erlenbach (und die sind schon gut) und das Rumpsteak in der Brauerei und den Limburger im Hofstadel... ich habe eine sehr kulinarische Bindung an Heimat, merke ich grad.
242 Blitzlicht: Wenn der Preis dafür...
Freitag, 3.4.26 15:28 Uhr
Das Badschränkchen ist abgebaut, alles was ich nicht täglich brauche im Bad ist eingepackt. Jetzt muss ich den Herd aus dem Küchenmodul schrauben und meine Motivation ist im Minusbereich. Meine Wohnung sieht aus wie eine unordentliche Lagerhalle und das noch bis Dienstag. Aber ich wollte mir absichtlich noch etwas Ruhe gönnen (auch körperlich) bevor der Runtertragwahnsinn am Dienstag und die Renovierung am Mittwoch losgeht.
Also auf, den Herd schaffst du auch noch, du lahmes Reff!
Freitag, 3.4.26 17:26 Uhr
Der Herd bzw die Schrauben wehren sich... (warum macht man da verdammte Kreuzschlitzschrauben rein ). Ich versuche jetzt noch die Schrauben zu entlasten, indem ich den Herd "aufbocke", wenn das nicht funktioniert bleibt er drin, dann muss ich halt vielleicht jemand anderen zum Abtransport helfen holen, weil Zero ja nicht so schwer heben darf.
Dieser Umzug kostet mich echt die letzte Kraft. Ich muss das echt hinter mich bringen.
Freitag, 3.4.26 20:12 Uhr
Ich befürchte der Herd gewinnt...
grad mach ich noch seelische Unterstützung für nen Kumpel, der seinen Hund hat einschläfern lassen müssen. Danach werde ich mal versuchen wie gut ich die "Herdseite" anheben kann
Samstag, 4.4.26 08:41 Uhr
Ich bin dann gestern nach dem Telefonat einfach eingeschlafen... jetzt drücke ich mich noch vor dem Moment der Wahrheit: Kann ich das Modul auf der Herdseite tragen?
Falls nicht, hab ich ein massives Problem... denn Zero kann weniger tragen als ich...
Ich will die Antwort nicht wissen... aber ich muss.
Samstag, 4.4.26 08:44 Uhr
Die Antwort ist, Nein, kann ich nicht... das heißt ich muss nachher noch mal an die Demontage
Sonntag, 5.4.26 10:20 Uhr
Das Küchenmodul wird zum Prüfstein. Es gibt für mich keinerlei Möglichkeit den Herd auszumontieren, mit Herd ist es zu schwer für Zero und mich. Wir könnten es mit Rollbrettern in den Aufzug schaffen, allerdings geht das nur auf den Millimeter genau rein. Es die 4 Stockwerke runterzutragen schaffen wir schlicht nicht. Dienstag bekomme ich meinen Sprinter, das heißt Dienstag oder allerspätenstens Mittwoch muss das Teil runter, also bekommen wir das Ding entweder in den Aufzug, oder ich schaffe es irgendwelche Leute zum helfen zu buchen, oder ich lasse das Teil da und kläre das mit der Nachmieterin...
Ich hätte das früher klären sollen, ist mir klar. Aber ich bin ein und hab es wieder bewiesen.
Sonntag, 5.4.26 16:11 Uhr
Meine einzige Hoffnung sind jetzt Rollbretter und dass wir das Mistding in den Aufzug bekommen. Vielleicht hat Zero welche sonst kann ich hoffentlich welche kaufen oder leihen... leider erst Dienstag und da brauche ich eigentlich Zeit und Energie um die Wohnung leer zu räumen.
Sonntag, 5.4.26 16:11 Uhr
Ärgere ich mich grad dass ich das Angebot mit den 370€ nicht angenommen habe? Ja.
Das hätte ich nachher mühsam abstottern müssen und mein innerer Richter hätte mich faul gescholten. Aber das wäre wirklich eine Erleichterung gewesen.
Ärgere ich mich dass ich nicht meine Familie gefragt habe ob sie helfen? Nein.
Dass hätte mich mehr gekostet als alle Schulden, die man machen kann.
Wenn der Preis dafür ich zu sein ist, dass ich einsam bin, dann zahle ich ihn.
243 Blitzlicht: Einmal noch...
Einmal schlaf ich hier noch, einmal ist das noch mein Fenster hier, einmal noch genieße ich hier mein kleines Einsiedlerleben, einmal warte ich noch halbbewusst auf den der eh nicht kommt, einmal bin ich noch Aschaffenburger...
ab morgen breche ich auf in mein neues Leben. Good bye, altes Leben, du warst kein Schlechtes. Ich hoffe die neue Mieterin genießt ihre Zeit hier wie ich meine genoss... mach es verdammt gut Aschaffenburg, du bist für mich immer noch die schönste Stadt der Welt, aber ich will weiterziehen und neues erkunden.
244 Blitzlicht: UMZUG
Das hier ist von Dienstag, 06.04.2026, ab da wurde es super stressig:
Moin. 04:30 Uhr Heute gilt es.
Wachwerden. Duschen. Kaffee.
5:53 Uhr hier erste Vorbereitungen. 9:30 Uhr bei der Autovermietung den Bus holen.
Heute passiert es tatsächlich. Ich zieh hier aus.
Wahrscheinlich passieren 100 kleine Kathastrophen bis Freitag. Aber ich hoffe es klappt.
6:10 Uhr der erste Umzugshelfer für Wilhelmshaven hat sich gemeldet, ich hab die Anzeige für 2 geschaltet, aber einer reicht auch... ich möchte zu Protokoll geben, dass ich auf dieser Seite auch hier für Aschaffenburg hätte buchen können und mir die Recylinghofruns hätte sparen können. Scheiß Geiz... egal ich hab es ja gepackt. Und weiter gehts. Alles einpacken was noch rumliegt... dann Rechner abbauen... NEIN, mein Scheißteil... doch auch du geliebtes Scheißteil...
6:45 Uhr ich hab Kleinigkeiten eingepackt und den Müll runtergebracht jetzt ist mein Bett dran, zumindest erstmal der Himmel. Mein schönstes Möbelstück, mein eigentliches Zuhause...
7:21 Uhr der Betthimmel ist abgebaut nun ist es nicht mehr mein Zuhause hier, egal wann ich mich ummelde und bis ich ihn in Willhelmshaven wieder aufgebaut habe, bin ich heimatlos. Ich muss dann dort schauen wie ich das hinbalanciert bekomme allein, weil dabei lass ich mir nicht von Fremden helfen.
8:08 Uhr auf dem Weg zur Autovermietung. Der Teil, vor dem ich am meisten Angst hab: das Auto fahren. Ich fahre schon immer sehr ungerne Auto Und hab deshalb auch seit über 15 Jahren kein eigenes Auto mehr. Dann bin ich ne ganze Zeit lang gefahren, wenn mich jemand gebraucht hat. Dann so zwei Jahre gar nicht Und in den letzten zwei Jahren wieder ab und zu, wenn ich gebraucht wurde. Problem bei mir ist meine Panik, wenn ich im Weg stehe. Und die ist durch viel Arbeit an mir tatsächlich leicht besser geworden, weshalb ich es mir auch wieder zutraue. Allerdings fahr ich heute mit einem langen Sprinter. Muss den einparken, das ist eine zweite Angst, die nicht geringer geworden ist, Die Angst vor dem einparken
8:48 Uhr Natürlich bin ich enorm zu früh da aber die Angst vorm Zuspätkommen eskaliert momentan. Aber dann ist das so, ich muss momentan viel Zeit unter fremden Menschen verbringen, Sachen machen die ich nicht gut kann und bei denen ich mich blamieren kann und sogar Auto fahren... da ist es ok wenn ich momentan überall Stunden zu früh plane und dann mal warten muss. Vielleicht bekomme ich den Sprinter ja auch früher.
8:57 Uhr ich muss warten. 4 Sprinter auf dem Hof, 2 so eingeparkt, dass ich da nie in einem Zug rauskomme. Ich gebe zu zu ich hab Angst, aber auch genug Strategien um handlungsfähig zu bleiben
9:03 Uhr einer der beiden eng geparkten Sprinter ist eben abgefahren. Viel mehr Platz jetzt. Glück gehabt
9:56 Uhr idyllisch geparkt jetzt. Ich bin fünf Runden nur im Block gefahren. Ich musste schon an Herbert Grönemeyer, Mambo denken. „Ich finde keinen Parkplatz". Das erschwert alles jetzt sehr. Ich hab so circa 300 m weit weg parken müssen. Die Rollbretter sind noch nicht da. Trotzdem bin ich natürlich bis Mittag schon den Großteil des Umzugs im Auto haben.
Es war dann ziemlich viel Chaos alles dauert länger als erhofft. Ich schreibe nachher noch mal mehr dazu in einem neuen Post.
245 Blitzlicht: Kleine und mittlere Katastrophen
Dienstag habe ich den Bus geholt und den letzten Eintrag verfasst. Seitdem ist so viel schiefgelaufen... teils, weil ich falsch geplant hatte, teils einfach, weil Pech.
Ich diktiere das gerade von Samstag auf Sonntagnacht.
Ich bin tatsächlich gerade in der Wohnung in Wilhelmshaven. Ich habe den Schlüssel, ein Teil der Sachen ist schon drin, der Rest kommt hoffentlich morgen rein. Ursprünglich wollte ich den Bus schon Freitagfrüh abgeben. Das klappte nicht, also verschob sich die Abgabeplanung auf Freitagabend, dann auf Samstag. Mittlerweile ist der Bus bis Montag verlängert und es sind immer noch Sachen drin.
Zu meiner großen Freude muss ich nochmal nach Aschaffenburg fahren, am Dienstag, um die Renovierung dort abzuschließen. Das wird mit Sicherheit mehr als einen Tag dauern. Das heißt, ich bin von Dienstag bis Donnerstag (und im schlimmsten Fall bis Freitag) dort beschäftigt. Ich bleibe so lange, bis auch mein Vermieter Zeit für eine Abnahme hat und das Ok gibt. Ich hoffe, dass das klappt, und kann dann Freitag, Samstag, Sonntag, Montag oder Dienstag irgendwann hochfahren, um mein neues Wohnungs-Puzzle zusammenzubauen. Denn entgegen meiner Hoffnung musste ich sehr, sehr viel zerlegen, damit es in den Bus passte.
Das Einzige, was stressfrei lief, war die Fahrt. Ich bin froh, dass ich so gute, freie Fahrt hatte, und glücklich, das hinter mich gebracht zu haben. Die Autobahnstrecke ist für mich immer die am wenigsten anstrengende Strecke. Am schlimmsten ist für mich tatsächlich der Teil, in dem ich umparken muss und das war einigermaßen oft nötig und ist morgen nochmal nötig. Allerdings kann ich hier zu gewissen Zeiten direkt vor der Haustür parken, aber nicht den ganzen Tag. Das heißt, ich musste öfter mal oben parken, und das ist ein riesiger Stress für mich. Ich hasse Autofahren!
Aber im Großen und Ganzen ist ein wichtiger Teil geschafft: Die Sachen sind in Wilhelmshaven. Morgen ist der Bus leer... sage ich jetzt einfach mal. Morgen ist auch das Auto abgegeben. Nein, am Montag ist das Auto abgegeben. Ich bin schon so müde, deshalb habe ich das jetzt auch nur diktiert. Ich hoffe, es sind nicht allzu viele Fehler drin.
Danke an alle, die mitgefiebert und Daumen gedrückt haben.
246 Es ist vollbracht!
Nachtrag, war eigentlich 12.04.2026 um 14:49 erreicht:
Alles, was ich habe (exklusive meiner Leiter, die ich vorhin telefonisch Zero vermacht habe), ist jetzt in meiner Wohnung.
Ab jetzt wohne ich hier...
Jetzt erst mal schlafen.
247 Blitzlicht: Letzte Handgriffe in der alten Wohnung
Die Blitzlichter enden dann auch bald mal wieder und dann geht endlich es mit dem üblichen Blog weiter. Ich freue mich schon drauf.
Diam vel quam elementum
Heute hab ich den Schlüssel abgegeben und bin jetzt im Zug nach Hause... nach Wilhelmshaven... ich hab es wirklich gemacht, ich hab wirklich durchgezogen.
Wahrscheinlich ärgere ich mich noch sobald der Vermieter mir die Rechnung präsentiert und ich nix von der Kaution zurück bekomme, aber egal. Ich bin tatsächlich umgezogen.
Ab Montag fängt dann der Ummeldestress an, Wohnsitz, Wohngeld, Strom/Gas, Internet...
Aber ab heute Abend bin ich wirklich dort und nicht mehr mit einem Bein in Aschaffenburg
Ich freu mich am meisten drauf wieder normal zu schreiben und veröffentlichen... das ist ein bisschen verrückt...
Abschied, aber aber der Ort bleibt:
249 Blitzlicht: Dem Bahngott opfern
Ich bin gestern über 500 km Bahn gefahren und 4 Mal umgestiegen, mit meist nur rund 10 Minuten Umsteigezeit. Da gibt es nur eine logische Erklärung, der Bahngott war mir gewogen. Um diesen Zustand zu erhalten wettete ich mit mir selbst, 10 € an Greenpeace zu spenden, falls ich wie geplant ankomme.
Greenpeace wegen des Wals der gestrandet ist und mit dem alle so wahnsinnig Mitleid haben, einem einzelnen Tier während jedes Jahr tausende wegen legalem und illegalem Walfang und wahrscheinlich noch viele mehr wegen Überfischung und Verschmutzung sterben. Sie weinen wegen eines einzelnen Tiers und machten sich Jahrzehnte lang über die Arbeit von Greenpeace lustig.
P.S.: Der Umzug ist mit meiner Ankunft nun quasi durch (außer Aufbauen und Einrichten), die Blitzlichter sind somit erstmal vorbei und es geht endlich mit den "normalen" Texten weiter... ich freue mich mehr darauf als normal sein sollte...
250 Europäische Alternativen zu US Big Tech
Wenn wir wollen, dass sie gut werden, müssen wir sie nutzen
Dieses Projekt liegt mir persönlich sehr am Herzen, da ich ein Nerd bin, viel am PC hänge, süchtig nach Social Media bin und dort ja auch arbeite.
Alles lief auf diesen Selbstversuch hin, meine Texte über Algorithmen und ihre Macher. Meine verzweifelten Warnungen über die Suchtgefahren von Social Media, über die Bubbelisierung unserer Gesellschaft, darüber, dass (hauptsächlich) US-Konzerne uns wieder und wieder als die Realität ausspielen und was das in unseren Köpfen macht. Und seit Donalds Trump Wiederwahl auch die unangenehm anwachsende Anbiederung von US Big Tech an diesen Präsidenten, der demokratische Werte jeden Tag mit Füßen tritt.
Aber auch andere haben erkannt, dass wir Alternativen aufbauen müssen und die werden nur größer und besser wenn wir sie nutzen. Deshalb bewarb zum Beispiel auch Mark Uwe Kling (Känguru Chroniken usw.) schon die Aktion DI.DAY (https://di.day/de)
Mein Projekt führe ich wie geplant als Selbstversuch durch. Einen Monat lang werde ich nur auf europäischen und anderen nicht-US Seiten posten, China und Russland werde ich hierbei allerdings ebenfalls ausnehmen, Länder wie Kanada usw. jedoch nicht.
Auf meinen bisher hauptsächlich genutzten Seiten, wie blogspot, Threads, Reddit, Substrack,Facebook, YouTube usw. werde ich nur Links zu den anderen Seiten posten. WhatsApp werde ich auf Threema verlinken.
Für einen Monat werde ich also ausschließlich europäische und nicht-US-Alternativen nutzen, sowohl als Konsument als auch als Content Creator. Ziel ist es, zu testen, wie alltagstauglich diese Alternativen sind und wo die größten Hürden liegen.
251 Warum 'Männer sind noch nicht einsam genug' vorerst richtig ist
Ich bin Anne und auch ich sage immer häufiger einen Satz, der Männer triggert: „Männer sind noch nicht einsam genug." Ich sage das nicht, weil ich Männer hasse, so einige mag ich sehr, ein paar hab ich geliebt, deswegen möchte ich hier mal erklären warum ich diese Aussage für richtig und sogar wichtig für die gesellschaftliche Entwicklung halte.
Warum klagen, wenn man es gar nicht versucht?
Ich erlebe immer wieder: Männer, die über Einsamkeit klagen, aber Frauen nicht zuhören. Männer, die Frauen mansplainen, wie Frauen „funktionieren". Männer, die Frauen schlechtmachen, wenn sie keine Beziehung bekommen. Und das Schlimmste? Selbst die „netten" Männer tun das oft. Die, die sagen: „Ich bin doch so ein netter Kerl, warum will mich keine Frau?" Als ob Nettsein ein automatisches Recht auf Verlieben wäre. Als ob Frauen austauschbare Wesen wären, die zufrieden sein müssten, von einem „netten" Mann auserkoren zu werden. Nein. So funktioniert das nicht.
Am Beispiel von Pete lässt sich wunderbar erklären, warum Frauen angeblich so auf "Arschlöcher" abfahren. Pete ist nicht der sympathischste Typ, recht egoistisch und berechnend. Aber er hat eine Eigenschaft, die ihn bei Frauen beliebt macht (auch bei mir): Er fragt. Teilweise sogar aus Strategie, weil er weiß wie gut das wirkt, aber auch weil er wirklich etwas über dich wissen will. Er fragt das was ihn interessiert. Und das ist selten. Zu selten. Denn Menschen (übrigens egal welches Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung) stehen auf Resonanz. Wir wollen gesehen, gehört, verstanden werden. Wer das auch nur ein bisschen tut, sticht heraus. Nicht weil er ein Arschloch ist, sondern weil er Interesse zeigt, aber manchmal obwohl er ein Arschloch ist. Gibt es auch mit umgekehrten Geschlechterrollen und bei gleichgeschlechtlichen Begegnungen, logischerweise.
Selbstwirksamkeit vs. Ohnmacht und die radikale Akzeptanz
Ich bin oft ein Mensch, dem gemansplaint wird. Jemand, der sich anstrengen muss, um ernst genommen zu werden. Selbst in der Kernkompetenz jedes Menschen, des eigenen Lebens. Ich bin es leid, dass mir Leute erklären, wie mein eigenes Leben funktioniert, als wäre ich zu dumm, um meine eigenen Erfahrungen zu deuten. Das waren oft, wenn auch nicht immer Männer.
Ich war immer arm, ich war in der Psychiatrie, ich habe Scheitern erlebt: Freundschaften, Beruf, Studium, Beziehungen, bisher bin ich an allem gescheitert, was ich versuchte. Aber ich habe auch gelernt: Meine (zumindest empfundene) Selbstwirksamkeit ist das was mich weiter machen lies, Ohnmacht ist deren Feind. Und ich sehe, wie viele Männer diese Ohnmacht selbst aufrechterhalten, indem sie Frauen die alleinige Schuld an der eigenen Einsamkeit geben.
Wer sich als Spielball der Wellen darstellt und ich erlebe das oft, wenn Menschen von ihrem Leben erzählen, klingt es, als wären sie Opfer der Umstände, der Gesellschaft, des Systems, der oder des Ex. Diese Erzählungen klingen unzufrieden, manchmal sind Leute tatsächlich Opfer geworden, im strafrechtlichen Sinne.
Ich habe in meinem Leben viel gelernt, leider auch mit so was umzugehen. Einer meiner Lieblings-Skills, den ich früh in der Verhaltenstherapie gelernt habe, ist radikale Akzeptanz (das hat nichts mit den möglicherweise nötigen rechtlichen Schritten zu tun). Ich kann mich hinstellen und völlig zu Recht sagen: „Das Leben hat mich scheiße behandelt. Das war tierisch ungerecht. Das hat mich kaputt gemacht." Und im nächsten Atemzug genauso zu Recht: „Und ich akzeptiere, dass es so ist. Und ich akzeptiere meine gerechtfertigte Wut darüber. Und heute handle ich so, dass ich heute gut klarkomme." Die beste Rache ist ein zufriedenes Leben.
Ich war immer Kapitän und Steuermann gleichzeitig auf dem Schiff meines Lebens. Die Politik, die Gesellschaft, das System, die Menschen in meinem Umfeld, die waren der Wind und das Meer. Ich konnte leck gehen, sinken, auf ein Riff laufen, Land finden, verloren gehen, heimfinden, in die Ferne reisen, dümpeln, kreuzen, Fahrt aufnehmen. Mit Rückenwind, mit Gegenwind, mit Flaute, aber immer MEIN Schiff, MEINE Entscheidung wie ich auf Wind und Meer reagiere. Das ist meine Formel für Zufriedenheit. Nicht für Glück, nicht für überschäumende Tollheit. Das Leben ist die meiste Zeit kacke, wenn man mal ehrlich ist. Aber solange ich entscheide was der Kurs ist, fühlt es sich richtig an.
Die Friendzone und die Fragen
Warum sollte man Angst vor der „Friendzone" haben, wenn man einfach einen Menschen kennenlernen will? Warum glauben Männer, die sehr gern eine Partnerin hätten, lieber an verrückte Strategien wie Looksmaxxing, statt Frauen zu fragen, was sie attraktiv finden? Warum folgen sie seltsamen Alpha-Coaches, statt sich um Therapie zu kümmern, oder selbst zu versuchen, ihr Leben und ihre Psyche auf die Reihe zu bekommen? Warum erklären selbst selbsternannte „nette" Männer weiblichen Wesen, die sich über Attraktivität äußern, lieber, dass sie natürlich insgeheim was ganz anderes wollen, als diese Aussage schlicht als Datenpunkt abzulegen? Warum lehnen Männer den Feminismus ab, anstatt zu begreifen, dass er sie aus der Versorgerrolle befreien und ihnen die Erlaubnis geben könnte, auch mal schwach zu sein?
Ja, Feminismus treibt einen Keil rein, einen anscheinend leider nötigen Keil. Denn solange Männer Frauen nicht als vollwertige Menschen sehen, wird sich nichts ändern. Ich habe keine Lust mehr, das mitanzusehen. Ich habe keine Lust mehr, zuzuhören, wie Männer über Einsamkeit jammern und im nächsten Satz Frauen abwerten. Du bist erst dann einsam genug, wenn du ganz persönlich begreifst, warum du einsam bist. Bis dahin: Höre Frauen zu.
Ich habe in anderen Themen lange gebraucht, um das zu verstehen. Ich habe gelernt: Wenn du leidest, musst du etwas ändern. Nicht die Gesellschaft, die kannst du nur indirekt beeinflussen, sondern dich. Wenn das Leid groß genug ist wirst du handeln oder Hilfe suchen. Und der erste Schritt wenn man sich eine Beziehung mit einer Frau wünscht ist, Frauen als Menschen zu sehen. Nicht als Objekte, nicht als Projektionsflächen, nicht als „unverständliche Wesen".

Warum also nun "nicht einsam genug"?
Und jetzt kommt der schwierige Teil. Denn ich sehe, wie viele Männer genau das nicht tun. Sie warten darauf, dass sich die Gesellschaft ändert. Dass Frauen plötzlich „vernünftig" werden. Dass das Dating-Leben einfacher wird. Aber die gesellschaftliche Veränderung, die sie vielleicht anstreben, die wird nicht so schnell passieren, vielleicht auch nie. Also: Was könnt ihr ändern, damit es euch selbst jetzt besser geht?
Der erste Schritt: Hört auf, Frauen zu erklären, was sie eigentlich wollen. Fragt sie. Und hört zu.
Der zweite Schritt: Akzeptiert, dass ihr nicht jeden Menschen anziehen werdet und dass das okay ist und dass das sogar unfair sein kann. Akzeptiert eure Wut darüber.
Der dritte Schritt: Arbeitet daran, allein klarzukommen. Sucht euch Hobbys, Projekte, Ehrenämter. Engagiert euch. Schreibt, lest, handwerkt, malt, die Liste kann unendlich sein. Sucht Sozialkontakte außerhalb von Beziehungen. Entwickelt eine gewisse Selbsttragfähigkeit. Denn wenn ihr nicht damit klarkommt, allein zu sein, dann wird euer Glück immer von einer romantischen Beziehung abhängen.
Und wenn ihr dann immer noch sagt: „Mit Frauen heutzutage kann man nichts mehr anfangen, die sind alle verdorben", dann die üblichen Tipps in einer Demokratie: Wenn ihr gesellschaftlich was ändern wollt, dann gründet eine Partei, tretet einer bei, macht Petitionen, schreibt auf Social Media für euer Ziel, engagiert euch politisch. Aber wenn ihr eure persönliche Situation ändern wollt, dann müsst ihr überlegen: „Die Frauen heutzutage sind anders, als ich sie möchte. Also deshalb bekomme ich sie nicht. Aber ich möchte trotzdem eine Frau. Was kann ich jetzt ändern, damit es mir selbst heute besser geht?"
Also, Männer: Ihr seid noch nicht einsam genug. Nicht, weil ich euch bestrafen will. Sondern weil ich hoffe, dass ihr irgendwann versteht, was ich meine. Dass ihr begreift, warum ihr einsam seid. Dass ihr aufhört, Frauen zu ignorieren, wenn sie euch etwas über sich selbst erzählen. Dass ihr lernt, Selbstwirksamkeit zu entwickeln, für euch selbst.
Nun, ich bin 44. Es kann sein, das ich nicht mehr erlebe, das dieser Satz unnötig wird, aber ich höre nicht auf, es zu sagen. Denn solange die überwiegende Mehrheit es nicht verstanden hat, sind Männer nicht einsam genug.
252 Ich bin Wilhelmshavener geworden und spüre die Sucht
Ich bin Wilhelmshavener geworden und spüre die Sucht
Heute ist zunächst mal was großartiges passiert:
Ich bin fälschlicherweise ins alte Rathaus getapst...

Andererseits ist dies kein Palast sondern ein Symbol für bürgerliche Ordnung.
Und drinnen ist es hübsch...

Und nun bin ich offiziell WILHELMSHAVENER!
Doch die lange Wartezeit zeigte mir deutlich meine Sucht. Mir viel es brutal schwer nicht auf Threads, oder in irgendwelche Facebookgruppen zu schauen (ja ich bin alt). Selbst Reddit wirkte ungewohnt reizvoll auf mich. Ein echter Suchtkranker eben.
Die Ersatzstoffe wie feddit, pixelfed und mastrodon ziehen noch nicht so, denn dort muss ich vom Algoritmus entwöhnen.
Seid ihr auch süchtig? Ganz ehrlich? Probiert es aus, lasst es weg!
Ich muss entziehen, ich bin süchtig...
Dabei ist mir das Problem seit Monaten bekannt: Ein Text von mir aus dem Februar: "208 Die rote 1" https://feddit.org/post/28772431
Und einmal aus dem März: " 227 Der Algorithmus ist nicht dein Helfer. Er verkauft deine Aufmerksamkeit." https://feddit.org/post/28772435
Und einmal im Zuge meiner fast wahren Dystopie"Firmenfeudalismus" schon im Januar "115 Social Media - die Predigt der Plattformen" https://feddit.org/post/28772728
Trotzdem hab ich bis Mitte April gebraucht um den Entzug anzufangen. Wer entzieht mit?
253 I did it for me
Warum schreib ich jetzt auch über "Better Call Saul" und "Breaking Bad"?
[SPOILER, SPOILER, EVERYWHERE!]
Das mit dem Spoiler gilt für die ganze Textserie, trotzdem glaube ich meine Texte können auch für Leute, die sie noch nicht gesehen haben ein guter Teaser für die Serie sein. Trotzdem die Warnung... denn wer ungekennzeichnet spoilert liebt Geschichten nicht.
Ich schreibe das hier für mich. Es ist schön, wenn es jemand liest, wenn es jemanden etwas gibt. Am allerschönsten wäre es, wenn es auch nur eine einzige Person dazu bringt, Better Call Saul und Breaking Bad wirklich anzuschauen. Aber ich schreibe es vor allem für mich. Ich brauche es, über diese Serie zu reflektieren, sie zu zerlegen, zu zerdenken, zu überdenken, alles nochmal zu verwerfen und neu zu denken. Ich brauche das, weil dieses Universum etwas ist, was in dieser Tiefe wirklich selten ist.
Diese Serie ist mutig. Sie wagt es, eine Geschichte zu erzählen, in der es keinen wirklich sympathischen Charakter gibt und das ohne übertriebene Bösewichte wie Homelander. Stattdessen präsentiert sie Figuren, die man versteht. Man begreift, warum sie handeln, wie sie handeln. Und trotzdem sitzt man da und denkt: Oh nein, bitte nicht, bitte mach das nicht... und dann machen sie es doch. Ich leide mit ihnen. Für mich sind das nicht nur Seriencharaktere, sondern klassisch tragische Figuren, deren Tragödien zwar übersteigert, aber dennoch zutiefst meschlich wirken. Sie reißen sich gegenseitig in Abgründe, oft ohne es bewusst zu wollen, gefangen in furchtbaren Kausalitätsketten.
Better Call Saul und Breaking Bad sind keine Heldengeschichten darüber, wie geil es ist, ein Mafiaanwalt oder Drogenboss zu sein. Es sind Geschichten darüber, dass man, wenn man in solchen Kreisen ist, drin bleibt. Dass man sich an die Regeln halten muss oder tot ist. Und manchmal kennt man diese Regeln nicht einmal.
Walters einzige Superkraft ist seine Fähigkeit, andere von seinen narzisstischen Ideen zu überzeugen. Ob er ein genialer Chemiker ist? Davon sieht man nichts, ich will es ihm auch nicht absprechen, aber Meth kochen ist die Arbeit eines guten Labortechnikers, nicht die eines Genies. Was man sieht, ist ein Mann mit einem unglaublich gekränkten Ego, unter dem alle leiden müssen. "I'm the one who knocks." "I did it for me."
Es geht in diesen Serien nicht um Machtfantasien, sondern um die Demystifizierung des Verbrechens. Es geht darum, dass jeder Mensch brechen kann, dass jedem breaking bad [sinngemäß „vom rechten Weg abkommen", „eine kriminelle Laufbahn einschlagen"] passieren kann. Und das erzählen sie mit Walter White, einem Mann der die Welt schon immer durch die Brille seiner latenten narzisstischenKränkung gesehen hat.
Wie kam ich zu diesem Universum: Ich habe mich sogar richtig gewehrt, sie anzuschauen. Vor ein paar Jahren hatte ich ein Netflix-Abo. Alle redeten von Breaking Bad. Also dachte ich: Eine Staffel gucke ich. Und ich guckte sie. Walter White war so unsympathisch, so krankhaft von Folge 1 an, besonders aber in der Szene mit dem auf dem Boden verteilten Emilio. Ich dachte: Will diese Serie wirklich die Heldengeschichte erzählen, wie Walter reich wurde und sich im Drogengeschäft durchsetzte? Aber das tat sie nicht, nicht als Heldengeschichte. Sie zeigte, wie Walters Egozentrik und Narzissmus (bei fiktiven Charkteren wage ich Ferndiagnosen) alle um ihn herum in Tod und Verderben führte. Doch das wusste ich lange nicht, denn nach Staffel eins hörte ich auf zu schauen, wenn ich mir auch immer offen hielt: irgendwann schau ich die noch...
Das erfuhr ich dann endlich, als ich sie Jahre später mit Pete zusammen sah.
Und dann gab er mir den besten Tipp der Welt, den ich hier an alle, die die Serie noch nicht gesehen haben weitergeben möchte:
Guckt zuerst Better Call Saul bis zur letzten Folge. Dann hört auf. Dann guckt Breaking Bad. Und dann die letzte Folge von Better Call Saul. Das ist fantastisch. So war mir die Serie total zugänglich.
Und ja, Pete hat mich oft scheiße behandelt. Aber dieser Tipp für dieses erste Seherlebnis werde ich ihm immer dankbar sein. Danke, Pete du Depp!
254 Sonnendurchflutet
Diese Seite ist erfreulicherweise europäisch, weshalb ich sie diesen Monat auch nicht boykottiere wie die US-amerikanischen Seiten. Leider lässt sie nur Videolinks zu YouTube zu, was bedeutet ihr bekommt den Link als Text, auch im Kommentar, dort könnt ihr ihn kopieren.
Darin könnt ihr sehen, wie ich an einem perfekten Sonnentag immer mehr am Meer ankomme.
255 Wann kommt die Flut?
Jetzt, denn das "andere, große" Leben wird dich nicht mitreißen, du musst jeden Schritt selbst tun... und auf einmal ist im Leben von mir kleinem Piefke ein Mittwochnachmittag am Strand drin...
https://makertube.net/w/fHxK5zQ2EzGBWGyGeCmZRM
Also wann kommt denn nun die Flut?
https://makertube.net/w/ufmpsJ1CfJdwefMXfk1Gcm
Nur Links, keine Videos, denn leider bietet diese europäische Seite einfügen nur für den US-Konzern Alphabet (YouTube)... und diesen Monat boykottiere ich US-Seiten...
256 Von Anzügen und quietschenden Stühlen
[Spoiler, Spoiler, everywhere]
Wer komplett ungespoilert in die Serie gehen will, sollte hier aufhören zu lesen.
Das hier ist keine objektive Kritik. Das hier ist eine flammende Hommage eines Fans.
Ich werde allerdings weniger auf den Inhalt und mehr auf die Charakterentwicklung und deren Darstellung eingehen.
In Folge 1 von Better Call Saul geht es primär um Charaktere, die sich sofort einbrennen.
Jimmy McGill wird vorgestellt als der überforderte, sich abrackernde Typ, der schon hier seinen Hang zum Flunkern nicht verbergen kann, dennoch mag man ihn irgendwie.
Howard Hamlin ist das genaue Gegenteil: der selbstbewusste Kanzleipartner in maßgeschneiderten Anzügen, der schon durch seine Präsenz Jimmys Minderwertigkeitskomplexe unterstreicht. Es ist schwer ihn nicht gleich ein klein wenig zu hassen.
Und dann Chuck McGill, der körperlich kranke (oder mutmaßlich psychisch kranke) Bruder, der Jimmy allerdings äußerst herablassend behandelt. Schon gleich als er an seiner Schreibmaschine weiter tippt und Jimmy nicht mal fragt ob er Hilfe braucht, während man hört wie der sich abrackert.
Die Serie stellt das nicht s sehr durch lange Monologe dar, sondern durch Details: die Kleidung, die Autos, die Geräusche. Alles zusammen schafft einen sofortigen, fast greifbaren Eindruck dieser Figuren und der Situationen.
Der kleinliche, schiefgegangene Racheversuch Jimmys ist nur der Aufgalopp. Die entscheidende Szene kommt am Ende: Jimmy wird mit einer Waffe bedroht und ins Haus gezogen. Das ist der Moment, ab dem es kein Entkommen mehr gibt. Das ist Breaking Bad [Übersetzung: Vom Weg abkommen, Auf die schiefe Bahn geraten] bei Jimmy.
257 Algorithmensucht und Entzugs-Prozess
Ich kämpfe mit dem Suchtcharakter von Social Media, besonders mit dem Verlangen nach . Die Abstinenz von algorithmischen Plattformen ist mein aktueller Selbstversuch, um diese Abhängigkeit zu durchbrechen. (Neben der politischen und gesellschaftlichen Problematik, auf die ich aufmerksam machen will). Die ersten fünf Tage zeigen mir wieder mal, dass Cravings [Übersetzung: Verlangen] Wellen sind. Sie kommen, erreichen einen Höhepunkt und schwächen sich wieder ab. Jedes Verlangen nach einem Suchtstoff oder einer Suchthandlung geht auch vorbei. Ich nutze Ersatzhandlungen wie Achtsamkeitsübungen, aus dem Fenster schauen, in den Moment kommen, Gedankenflicflacs, gezielte Worry-Time [aus der Verhaltenstherapie, begrenzte Zeit in der man gezielt Sorgen zulässt] oder mit der KI reden. Das ist alles aus der Verhaltenstherapie, auch dass ich mich nicht bestrafe für Rückfälle und mir ein Belohnungssystem ausgedacht habe wenn ich nicht rückfällig werde.
Am schwersten ist es in öffentlichen Verkehrsmitteln, v. a. im Bus, wenn es eng ist und ich keine Ablenkung wie Kopfhörer habe. Hier ist der Drang, in Social Media zu fliehen, am stärksten. Wartesituationen sind leichter, da ich da Abstand zu anderen Menschen halten kann.
Ich sehe mich als Autor, Performance-Künstler und Content Creator. Ich weiß, dass mein Rückzug von algorithmischen Plattformen schlecht für meine Reichweite ist. Trotzdem halte ich durch, weil ich es für persönlich und gesellschaftlich wichtig halte.
Die rote 1 ist mein größter Trigger. Ich überlege, Benachrichtigungen auszuschalten, will aber weiterhin Links zu meinen Inhalten auf anderen Plattformen pflegen.
Mein aktueller Ansatz ist ein 4-Wochen-Entzug von algorithmischen Plattformen. Stattdessen nutze ich Feddit, Pixelfed, Mastrodon und Wattpad. Rückfälle akzeptiere ich als Teil des Entzugs-Prozesses. Und so lerne ich die anderen Plattformen auch besser kennen. Einen Kritikpunkt daran habe ich bereits entdeckt. Die Bubbelisierung ist dort fast schlimmer als auf den algorithmisch gesteuerten Seiten.
Doch das alles ist es wert, denn wenn ich merke, dass ich süchtig bin (und das merke ich momentan beim Weglassen enorm), dann ist für mich das Wichtigste, dieser Sucht nicht nachzugehen. Ich will nicht fremdbestimmt sein. Mein wichtigstes, mein höchstes Gut ist Selbstbestimmtheit. Das Wichtigste für mich ist meinen eigenen Weg zu gehen. Nicht den Weg, den mir Alkohol vorgibt. Nicht den Weg, den mir Kippen vorgeben, weil ich nachts um drei dann noch drei Kilometer laufen muss, um welche zu haben. Nicht den Weg, den mir Social Media vorgibt. Meinen Weg. Das ist alles wert. Einfach alles.
258 Wenn du drin bist...
[Spoiler, Spoiler, everywhere]
Wer komplett ungespoilert in die Serie gehen will, sollte hier aufhören zu lesen. Das hier ist keine objektive Kritik. Das hier ist eine flammende Hommage eines Fans. Ich werde allerdings weniger auf den Inhalt und mehr auf die Charakterentwicklung und deren Darstellung eingehen.
In Folge 2 von Better Call Saul wird schon angedeutet, dass man schwer raus kommt, wenn man sich mal mit den falschen anlegt.
Wir lernen Tuco Salamanca kennen. Zunächst als etwas überfürsorglichen Enkel, dann als extrem gewalttätigen Mann, in der Szene in der Wüste wirkt er schließlich etwas übergeschnappt und/oder einfach gestrickt, auf jeden Fall unberechenbar.
Jimmy McGills unglaubliches Rede- und Verhandlungsgeschick bringt ihn und andere in eine schlimme Situation, aber auch wieder halbwegs am Stück raus. Danach stürzt er sich in die Arbeit als Pflichtverteidiger, scheinbar auch um die traumatischen Ereignisse zu vergessen. Er gerät hierbei auch immer häufiger mit dem knurrigen Parkplatzwächter aneinander.
Nacho Varga unterstützt Jimmy in der Wüste, aber er ist nur scheinbar harmloser als Tuco. Er ist derjenige, der Jimmy in die kriminelle Welt hineinzieht. Er selbst kann dem System nicht entkommen und weil er Jimmy geholfen hat, fordert er nun einen Gefallen. Logisch. Unausweichlich.
Keiner der Charaktere ist rein gut oder böse. Selbst Jimmy und Nacho, die versuchen, „gut" zu bleiben, können es in dieser Welt nicht.
259 Diagnosen als Superkraft
...warum halte ich das für höchst problematisch?
[Ich nutze ein generisches Femininum und meine alle damit.]
Es ist gut, dass Menschen über psychische Erkrankungen sprechen. Dass sie ihre Erfahrungen teilen, aufklären, Solidarität schaffen. Gerade auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube geben Creator mit Diagnosen wie ADHS, Autismus, Borderline oder DID Einblicke in ihr Leben und das ist wichtig. Ich will auch nicht diskutieren, wer die Diagnose nun wirklich hat und wer nicht, denn der Weg zu einer offiziellen Diagnose ist oft lang und steinig. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Meine bipolare Störung wurde erst spät erkannt, nach Fehlmedikationen und Jahren des Suchens. Doch ob die Diagnose korrekt ist oder nicht, macht überhaupt keinen Unterschied für meinen Text.
Es gibt eine gefährliche Entwicklung: Immer mehr Menschen glorifizieren ihre Erkrankungen. Sie präsentieren sie quasi als „Superkräfte". Autistinnen seien „genialer" als andere, ADHSlerinnen „produktiver", Borderlinerinnen „hyperempathisch". Das ist nicht nur falsch, es ist schädlich. Und zwar auf mehreren Ebenen. Und die Plattform-Algoritmen lieben dramatische Formulierungen...
Die Illusion der Überlegenheit
Wenn jemand ihre Diagnose zur Superkraft erklärt, stellt sie sich selbst über andere. Und leider sehr häufig nicht wegen einer konkreten, vergleichbaren Fähigkeit etwa, dass sie Matheaufgaben schneller löst oder Projekte effizienter managt. Sondern mit pauschalen Behauptungen: „ADHSlerinnen erledigen alles schneller." „Autistinnen sind klüger als andere." „Borderlinerinnen sind die wahren Empathinnen."
Das Problem: Solche allgemeinen Aussagen sind selten wahr und vor allem sie schaffen eine künstliche Hierarchie. Wer sich selbst zum Übermenschen stilisiert, macht andere automatisch zu Unterlegenen. Das belastet Beziehungen, kann zu Isolation führen („Die anderen verstehen mich nicht, weil ich zu besonders bin") und kann ein Opferdenken verstärken: „Die Welt ist neidisch auf meine Superkraft."
Doch das Schlimmste: Es setzt andere mit derselben Diagnose unter Druck. Stell dir vor, du hast Borderline, ADHS oder eine ähnlich schwere Diagnose und kämpfst täglich und musst alle Register ziehen um überhaupt zu überleben: Psychiatrieaufenthalte, Medikamente, betreutes Wohnen... . Und dann liest und hörst du überall: „Borderline ist eine Superkraft! ADHS ist eine Superkraft! Wenn du sie richtig nutzt bist du sogar besser wie andere!" Wie soll das nicht verzweifelt machen? Wenn die eigene Realität nicht im Entferntesten der glorifizierten Version entspricht? "Warum schaffe ich es nicht meine 'Superkraft' zu nutzen?", trifft dann auf Menschen die zum Teil schon zerstörerische Selbstwertprobleme haben.
Hypervigilanz ≠ Empathie
Ich werde hier den Mythos der „Empathinnen" besonders herauspicken, weil deren "Empathie" oft nach etwas klingt was ich selbst auch an mir erlebe und so gar keine Superkraft ist. Viele Menschen mit Traumafolgestörungen (etwa durch Missbrauch, Mobbing oder Vernachlässigung in der Kindheit) entwickeln Hypervigilanz: eine erhöhte Wachsamkeit, die den Raum nach Bedrohungen abscannt. „Wer könnte mich verletzen? Wer ist gefährlich? Wendet sich das Blatt gegen mich in dieser Unterhaltung?" Das ist kein Einfühlungsvermögen. Das ist Überlebensstrategie.
Echte Empathie bedeutet, die Gefühle anderer nachzuvollziehen und nicht, die Umgebung zu scannen, um die eigene Sicherheit zu prüfen. Hypervigilante Menschen (also auch ich) sind oft so mit der eigenen Angst beschäftigt, dass sie kaum Kapazität für echte Empathie haben. Im Gegenteil: Sie projizieren ihre Ängste auf andere und liegen dabei häufig falsch.
Hypervirgilanz ist auch keine kognitive Empathie. Wenn ich einen Raum betrete und sofort „lese", wer „gefährlich" aussieht, dann ist das keine Gabe. Das ist mein Gehirn, das alte Muster abgleicht: „Der guckt so, wie mein Vater immer geguckt hat, bevor er mich niederbrüllte." „Die Stimme klang grad wie die einer meiner Mobberinnen." Es sind in den allermeisten Fällen keine bewussten Schlüsse, sondern konditionierte Panikreaktionen. Ein verängstigtes Kind in mir erkennt „Bedrohungen", die oft gar nicht existieren. Echte kognitve Empathie erfordert Reflexion: „Wenn ich in ihrer Situation wäre, wie würde ich mich fühlen?", "Warum könnte die Person wütend geworden sein?", "Was könnte an meiner Aussage so beleidigend gewesen sein?". Hypervigilanz fragt nicht. Sie reagiert. Sie sortiert Menschen in „sicher" und „gefährlich", ohne zu verstehen, warum jemand so guckt oder spricht. Und vor allem: Sie blockiert emotionale Empathie (bei mir zumindest) komplett. Wenn ich in diesem Modus bin, bin ich so mit meiner eigenen Angst beschäftigt, dass ich die Gefühle anderer gar nicht wahrnehmen kann.
Ironischerweise sind es oft gerade die, die sich als „hoch empathisch" bezeichnen, die in Wahrheit überfordert sind. Vielleicht nehmen sie zu viele Reize wahr (Hochsensibilität), vielleicht sind sie selbst hypervigilant, aber das macht sie mitnichten zu besonders einfühlenden Leuten. Eher zu Menschen, deren Filter überlastet ist, was kein Verbrechen ist, aber eben auch keine besondere Kraft.
Echte Empathie hingegen erlebe ich bei Menschen, die entspannt in sich ruhen, die nicht ständig auf der Hut sind, nicht sehr schnell überfordert sind, sondern einfach da sein können.
Krankheiten sind keine Geschenke
Psychische Erkrankungen können biologisch bedingt sein, genetisch vererbt oder durch Traumata ausgelöst, oft eine Mischung aus verschiedenen Ursachen. Man kann nichts dafür, dass man sie hat. Aber man sollte auch nicht so tun, als wären sie erstrebenswert. Denn das verniedlicht echtes Leid.
Die beste Rache ist ein glückliches Leben, jeder darf natürlich jeden Vorteil der Störung, Krankheit oder Neurodivergenz nutzen. Aber das bedeutet nicht, das Leid, das einem zugefügt wurde (oft schon im frühen Kindesalter, oder völlig sinnfrei durch Genetik), als „Superkraft" umzudeuten. Es bedeutet, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen, ohne sie zu verklären. Und ohne sich selbst quasi zu einem Übermenschen zu erklären, so was macht nur einsam.
260 one night in...
One Night in... HAMBURG
Ich hatte ein Short geplant über diese Nacht in Hamburg: ein anderes Lied, eine andere Stimmung. Doch dann lief ich die Reeperbahn entlang, stand am Beatles Platz, kam am Fischmarkt an, sah den Hafen und plötzlich war klar: One Night in Bangkok. Langsam, dramatisch aufbauend, eine Ouvertüre für die Stadt. Und den Rest seht selbst.
Hamburg ist groß. Der Hafen ist wie ich ihn mir immer vorgestellt habe: Frankfurt-Flughafen als Hafen. Diese Stadt hat mich in jeder Hinsicht erwischt, ich war voll von Eindrücken. Viel mehr als Berlin, mit dem ich nie warm werde, viel mehr als das bayerisch-überhebliche München mit seiner ordentlichen Schönheit, mehr als der Ruhrpott mit seiner bunten Weltoffenheit und Bodenständigkeit, mehr sogar als das leicht größenwahnsinnige Frankfurt, das sich für mich wahrscheinlich immer fast wie Heimat anfühlen wird. Du hast mich, Hamburg! Mit deiner kühlen, ernsthafen, teuren, überbordenden, nötigen Größe.
Hamburg, du has(s)t mich! Ich muss wiederkommen.
Doch Vorsicht: One Night in Hamburg makes a hard man humble.
AltText zum Short: erst der dramatische Auftakt, dann der Moment, in dem das Wort „Bangkok" fällt und Hamburg als Leuchtschrift aufschreit. 30 Bilder je 0,5 Sekunden, Hafen, Sonnenaufgang über dem Fischmarkt, Speicherstadt, Elbphilharmonie. Ein Feuerwerk aus Eindrücken. So wie es sich anfühlte

261 Sexualisierung von Jugendlichen...
... und die Normalisierung in unserer Gesellschaft
Wie schaffen wir eine vernünftige Debatte darüber?
Das Thema gärt schon lange bei mir und wurde ursprünglich sogar hier auf Threads bei mir angestoßen durch Männer Ü40, die scheinbar jugendliche KI Profile mit einer gewissen Selbstverständlichkeit anschreiben.
Wieder neu hochgekocht ist es in mir durch ein Video von Lydia Benecke, eigentlich über Jeffrey Epstein, aber sie thematisiert die gesellschaftlich allgegenwärtige Sexualisierung von Jugendlichen hier wirklich sehr eindrucksvoll, ab Minute 31:31:
In meinem Text ging es wiederum darum woran die Debatte über die Sexualisierung von Jugendlichen (15–19) durch Ältere (Ü40) scheitern könnte und wie wir Erwachsene erreichen, die sich von Jugendlichen angezogen fühlen.
Kernfrage: Wie schaffen wir es, über Verantwortung und Strukturen zu reden, statt über "Rechte" oder Ausnahmen?
P.S.: Es geht nicht um Altersunterschiede (z. B. 30 & 70), sondern um Verletzlichkeit in der Adoleszenz
262 Ciao YouTube
Als Konsument bin ich erst mal raus bei YouTube.
Es gibt viele Sachen, die mich schon seit langem dort ärgern. Zum Beispiel die Werbung, die immer mehr in shady Kategorien abrutscht. Ich habe wiederholt stark sexualisierte AI-Girlfriend-Werbung bekommen, oder Alkohol-Werbung, obwohl ich sogar Getränke komplett geblockt habe (bin trockener Alki), blockiere immer wieder Werbung für die katholische Kirche, ich bekomme Werbung für irgendwelche komischen Beraterfirmen, die teilweise ins Esoterische driften. ICH WILL DAS NICHT MEHR! Diese Seite ist weit davon entfernt, eine familienfreundliche App zu sein, was für mich okay wäre, wenn sie dazu stehen würde und nicht gleichzeitig Creatoren die aufklärend arbeiten für das Wort "Missbrauch" oder ähnliches shadowbannen würden.
Und dann ist noch der Content. Natürlich gibt es sehr guten, sehr qualitativ hochwertigen Content auf YouTube. Aber mein allgemeiner Boykott-Monat fußt ja nicht nur darauf, dass ich US-amerikanische Seiten und Algorithmen kritisiere, was ich auf jeden Fall tue, sondern auch, dass ich ein Suchtmensch bin und sehr leicht empfänglich für süchtig machende Inhalte. Und so bin ich schon vor Jahren in dieser ganzen Reaction-Gossip-Bubble gelandet. Manchmal auch Videos über Trash-TV, Berichte über TikTok, oder was auf Instagram los ist, weil ich auf diesen Plattformen, nicht viel oder gar nicht unterwegs bin. Manchmal ging es auch um amerikanische YouTube-Bubbles, da bin ich aber bald wieder ausgestiegen. Hauptsächlich aber Content rund um YouTube-Deutschland. Und YouTube-Deutschland... holla die Waldfee... die letzten Jahre... das war nicht lustig!
Da hatten wir Unge, IBlali und Exfreundinnen. Wir hatten Shurjoka und KuchenTV. Da hatten wir Tanzverbot und Lola. Da hatten wir Anni, Mowky, Reeved usw. und haben wir schon wieder. Und ehrlich, ich kann das nicht mehr! Wir haben sehr viel über Katzen gehört. Das mag von der Tierschützer-Bubble her spannend sein. Wir haben viel über Arbeitsbedingungen und (teilweise versuchten) Rufmord bei Kooperationspartnern gehört. Diese Aspekte finde ich tatsächlich auch interessant und unbedingt aufklärenswert. Wir haben aber auch unfassbar viel über unfassbar private Sachen gehört und wir hören sie immer noch und ich bin jetzt raus.
Ich habe es mir jetzt sehr einfach gemacht. Ich hab die YouTube-App nicht mehr auf dem Handy. Da ich weiß, dass ich ein Suchtmensch bin und es nicht schaffe, nur anderen, hochwertigen Content zu konsumieren. Das war mein Hauptkonsummedium, mein Fernsehen. Ins Bett kuscheln, YouTube an. Ich hatte ja teilweise auch schon gleich mit dem Beginn des Wiederhochholens der Mowky-Anni-Thematik YouTuber im großen Rahmen deabonniert, die auf das Thema aufsprangen. Trotzdem habe ich ab und zu immer wieder was mitgekriegt und heute war es, muss ich sagen, das Solmecke-Video, das den Schlusspunkt setzte. Ich habe nichts gegen Christian Solmecke. Aber ich hatte keine Lust, weitere intime Details dieser beiden Influencerinnen zu hören.
Versteht mich nicht falsch. Ich habe überhaupt kein Problem, wenn über Sexualität geredet wird. Wenn jemand selbstbestimmt darüber redet, und entscheidet wie viel man preisgegeben will. Es gehört auch zu meinem künstlerischen Konzept, ein ganzes Leben zu zeigen und auch diesen Lebensbereich nicht auszusparen. Ich habe ihn auf YouTube ziemlich raus gelassen, weil ich YouTube nicht als die Plattform dafür sehe.
Ich möchte das aber nicht über zwei Influencerinnen hören, die zumindest in diesem Augenblick anscheinend nicht direkt zugestimmt haben, dass so etwas an die Öffentlichkeit kommt. Auch dieser Mr. X hat dieser radikalen Offenlegung in diesem Moment wahrscheinlich nicht zugestimmt.
Ich möchte nicht weiter zusehen und mitbekommen, wie Leute Leute an einen Pranger gestellt werden. Niemand ist gecancelt. Es gibt kein Canceln. Aber die Community, die für Anni, Mowky, oder auch Lola damals übrig bleibt, wird toxischer und toxischer mit jedem Wort mehr. Und ich möchte nicht in der Haut von allen Beteiligten stecken.
Ich bin selbst psychisch schwer krank. Und ja, dann ist man manchmal unfair. Da steigert man sich in Sachen rein, ist im alten Erleben und projiziert auf Unschuldige oder nur Teilschuldige. Passiert mir auch. Gebe ich ehrlich zu. Aber diese jungen Leute, die haben da Jahre investiert, ihr Business darauf aufgebaut. Das ist alles, was sie aufgebaut haben. Und jetzt reißen sie sich gegenseitig ins Aus und viele reißen mit.
Die ganze Sache war im ersten Durchlauf schon äußerst unangenehm und jetzt ist sie schlicht unerträglich geworden.
Ich will dem ganzen Zirkus keine Klicks mehr geben und das würde ich, wenn ich die App weiter als Konsument nutze. Ich werde nach meinem allgemeinen US-Boykott-Monat vielleicht wieder Shorts und Videos posten, aber wirklich versuchen als Konsument abstinent von der Plattform zu bleiben.
263 Jeder ist Schuld und keiner
[Spoiler, Spoiler, everywhere]
Es gibt Folgen, die nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern das Herz einer Serie freilegen. Folge 3 von Better Call Saul ist so eine Folge. Sie zeigt nicht einfach, was passiert, sondern warum diese Serie so unerbittlich und schön ist: weil sie uns vorführt, wie durchschnittliche, leicht bis ziemlich egoistische Menschen sich gegenseitig in den Abgrund ziehen, ohne anderen wirklich schaden zu wollen.
Jimmy will ja eigentlich nur Anwalt sein. Oder vielleicht doch nicht. Vielleicht will er nur, dass man ihn ernst nimmt. Dass Mrs. Kettleman ihn als Anwalt ablehnt, trifft ihn tiefer, als er zugeben würde. Also sinnt er auf Rache, nicht aus Bosheit, sondern aus gekränktem Stolz und weil er das Geld für das Mandat wirklich braucht. Später warnt er die Kettlemans, mutmaßlich weil er erlebt hat wie brutal das Kartell sein kann und er keine Toten mitverursacht haben will. Doch dieser eine Moment der Schwäche, dieser eine Funke von Moral hintergeht Nacho und lässt die Kettlemans klug und irrsinnig gleichzeitig handeln. Nacho bringt sich selbst in Schwierigkeiten, die Polizei misstraut Jimmy, und er steht wieder da: der Mann, der es eigentlich besser machen wollte, aber immer tiefer in die eigene Lüge rutscht.
Nacho ist kein Bösewicht. Er sieht in Jimmy eine Chance, doch der ist unberechenbar, ein Lügner, der plötzlich Gewissensbisse bekommt. Nacho droht ihm, nicht aus Hass, sondern aus eigener Angst. Dazu erfährt man allerdings erst später viel mehr.
Der (noch namenlose) Parkplatzwächter könnte ein Guter sein. Vielleicht war er das mal. Er durchschaut Jimmy sofort. Er weiß, wie Kriminelle ticken. Doch als Jimmy ihm die Wahrheit sagt, glaubt er ihm. Nicht aus Güte, sondern weil es logisch ist. Wir erfahren dass er mal in Philadelphia Polizist war.
Die Kettlemans sind die Lächerlichsten und die Tragischsten zugleich. Mr. Kettleman hat über eine Million Dollar gestohlen, mutmaßlich nicht aus Not, sondern aus Gier. Die wunderbare Szenen mit ihnen am Ende der Folge will ich auf gar keinen Fall spoilern.
Kim ist die Einzige, die bisher im Rahmen des Gesetzes bleibt. Sie ist Anwältin, und sie tut, was Anwälte tun: Sie schützt ihre Mandanten. Dass diese Mandanten Betrüger sind, ist nicht ihr Problem. Doch als Jimmy sie um Hilfe bittet, kann sie nicht helfen, obwohl sein Leben in Gefahr ist, nicht weil sie nicht will, sondern weil das System es nicht zulässt. Und Jimmy sagt zu ihr: "Siehst du, deshalb mag keiner Anwälte."
Es gibt bisher nicht wirklich einen Bösen und doch ist er die ganze Zeit anwesend: das Verbrechen. Hier wird klar, worum es in Better Call Saul wirklich geht: Der Feind ist nicht ein Mensch. Der Feind ist das Verbrechen selbst. Breaking Bad, vom Weg abkommen. Das Kartell, die Korruption, der fingierte Unfall, der Betrug sie alle sind nur Auswüchse desselben Übels. Jeder Charakter in dieser Folge könnte ein guter Mensch sein. Doch sie haben sich auf die schiefe Bahn begeben, und jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Keiner von ihnen ist unschuldig. Aber keiner von ihnen ist der Bösewicht.
Und dann ist da die Wüste. Diese endlose, gnadenlose, schmerzhaft schöne Landschaft, in der Jimmy mit seinen Slippern im Sand versinkt. Die Wüste zeigt uns allen, wie klein wir sind nicht nur im Vergleich zum Universum, sondern auch im Vergleich zu den Mächten, die wir selbst in Gang setzen. Wir sind lächerlich, weil wir denken, wir wären wichtig für den Lauf der Welt. Und wir sind tragisch, weil jede Sekunde menschlichen Lebens unendlich wertvoll und wichtig ist.
Weil sie uns zeigt, dass das Leben oft genau so ist: Eine Mischung aus Lächerlichkeit und Tragik. Wir sind alle nur Menschen. Wir sind winzig, vergänglich, voller Fehler. Wir wollen das Beste für uns, und manchmal schaden wir dabei anderen, ohne es zu wollen oder auch nur zu merken. Wir agieren in Systemen, die wir oft nicht ganz durchschauen und fast nie kontrollieren, und doch glauben wir schlauer als alle zu sein.
264 Verhaltensanalyse grob an DBT angelehnt: Rückfall bei Threads
Verhaltensanalyse grob an DBT angelehnt: Rückfall bei Threads
Datum/Uhrzeit: 26.–27.04.2026, ~24–36 Stunden Dauer
Anmerkung: So was schreibt man normalerweise für sich selbst oder den Psychologen in der Verhaltenstherapie, bei Rückfällen in destruktives Verhalten. Ich hab versucht das genauso ehrlich zu halten, auch wenn manches nicht schön zuzugeben ist.
1. Situation beschreiben
- Wo/Wann? Im Bus auf dem Weg nach Hamburg, nachts.
- Was passierte? Nutzte Threads intensiv, trotz selbst beschlossenem Entzug, um Resonanz zu suchen („wieder relevant/wichtig fühlen").
- Auslöser: Gefühl von Nichtbeachtung („Niemand im Reallife interssiert sich für mich. Dort läuft bestimmt eine Diskussion, wo einer meiner Text passt"), kombiniert mit Gewohnheit/Langeweile (trotz Alternativen wie Netflix, Podcasts).
2. Gedanken & Gefühle
- Vor dem Rückfall: „Ich fühle mich unbeachtet, dort könnte ich wieder gewollt/relevant sein."
- Während: „Es fühlt sich gut an, wahrgenommen zu werden" + Schuldgefühle („Ich weiß, das untergräbt Abstinenz").
- Nachher: Bestätigt, wie süchtig ich bin + Frustration: „Ich weiß doch wie Sucht funktioniert. Warum ist das trotzdem so schwer?"
3. Körperliche Reaktionen
- Keine besonderen wahrgenommen, leichte Aufregung wieder dabei zu sein, würde ich sagen
4. Konsequenzen des Rückfalls
- Kurzfristig: Intensive Interaktion, Gefühl von Relevanz.
- Langfristig: Abstinenz wird schwerer, die Suchtgewohnheit muss abtrainiert werden.
5. Skills, die hätten helfen können (nur auflisten, keine Bewertung)
- Worry Time (10 Min. bewusstes Zulassen + Stoppen)
- Offline-Schreiben
- der KI nen riesigen Text zum zusammenfassen geben und dann darüber schreiben
- bewusst Musik hören und darüber schreiben
- Fünf-Sinne-Übung / Landschaft beobachten
- Podcasts oder Netflix nutzen
- Hirnflickflacks (z. B. alle Nichten und Neffen nach Alter ordnen: alle Queenlieder aufzählen, die ich kenne)
- Frage: „Will ich, dass Threads und ähnliche mein Leben baestimmen?"
6. Was lerne ich daraus?
- Bestätigung: Resonanzsucht ist mein Kern-Trigger, nicht Langeweile.
- Erkenntnis: Threads verstärkt das Bedürfnis durch Schnelligkeit & besonders positive Resonanz, weil linke Bubble.
- Handlungsoptionen: (Benachrichtigungen für Treads ausschalten (so eben erledigt 27.04.26 22:50 Uhr) Wenn das noch mal vorkommt auch nicht mehr die Links zu meinen Texten dort posten, so dass ich nicht mehr reinschauen muss (beruflich) und dadurch dann das private Suchtrisiko sinkt. Ich hab nur wenige Leser, das wäre hart diesen Slot gar nicht mehr zu nutzen. Aber die Plattform passt zu perfekt zu meinen wunden Punkten, sie ist die perfekte Droge für mich, genau deshalb könnte der harte Schritt nötig sein.
Wiedergutmachung (an mir, sonst gab es keine Geschädigten): Ich packe heute endlich die Kisten aus, dann geh ich nen Kaffee trinken, obwohl ich es mir eigentlich nicht leisten kann und quatsche mit realen Leuten.
Update: Die Kisten hab ich ausgepackt, war dann allerdings zu müde zum Kaffee trinken gehen. Wird heute nachgeholt. Über die weitere Nutzung von Threads hab ich nachgedacht. Ich habe zu wenig Leser um auf Threads zu verzichten und meine Diskurs und Resonanzsucht ist gut für die Verteilung meiner Texte. Also werde ich machen, was man, meiner Meinung nach, als Süchtiger nicht machen sollte: Kontrollierten Konsum versuchen. 1 h insgesamt am Tag. Aufteilt auf 2 Blöcke.
Hail algorithm! You won this round.
265 Stolz, eigensinnig und... lächerlich
Heute bin ich wie Jack Sparrow, diese Mischung aus übertriebenen Stolz auf notfalls eine Kloschüssel, der lidschäftig die Minderwertigkeitskomplexe überdeckt, diesem Wissen um die eigene Kaputtheit und dieser leicht zu großen Prise an "Scheiß drauf, so bin ich halt. Wer bist DU schon für mich?".
Ich laufe mit leckem Schiff in den Hafen ein und bestehe dennoch auf "Captain".
Doch ich war schon immer: Kapitän Kloschüssel
Es gibt ein Bild das sinnbildlich für meinen späteren Charakter steht. Ich als kleines niedliches Kind in einer (noch nicht installierten) Kloschüssel mit Kapitänsmütze auf dem Kopf...
Warum ich daran denken musste? Ich bin am Kisten ausräumen und es fehlten Verräummöglichkeiten, also den kleinen Schrank aufbauen, den mit der kaputten Tür... warum ist die kaputt?.. das war vor Pete glaube ich... es müsste Groot gewesen sein, oder Toxic Man, ich denke es war durch Groot... also einer dieser unglaublichen Männer hat mich wütend gemacht, in Furor versetzt... er war nicht vor Ort (wer auch immer der drei Unglaublichen es war), er hatte was geschrieben oder gesagt... und vor meinen Augen explodierte es ROT... ich schlug und trat gegen Wände brüllte die Luft an und dann mein Schränkchen, das so viele Jahre meine Tritte ertragen hatte... es gab nach, die Tür ist seit dem kaputt...
Ist das erwachsenes, kluges, gesundes Verhalten? Niemand stellt diese Frage. Hab ich ein Aggressionsproblem? Ja, und das weiß ich. Rate ich Menschen überhaupt mit mir zu tun zu haben? Nee, aber die meisten denken auch ich wäre nett, egal wie sehr ich warne... aber eines ist sicher, wer in der Lage ist mich in den TILT!-Modus zu versetzen gehört entweder zur Familie, oder... naja... oder ist stur, stolz, zu klug um gut zu sein, ein Klugscheißer, prinzipientreu (leider meist nicht meine sondern ganz eigene), ein echter Gegner, ein Besserwisser, schräg wie die Hölle, ein Bossfight, socially awkward, abgründig, eine Endgame-Challenge, eine lohnende Beute, ein Kawentsmann... wer das Potential dazu nicht hat, kann nett sein und ein Freund... aber naja kein Gegner, d.h. keine Augenhöhe, keine Herausforderung, kein sexuelles Interesse... ich bin Gamer, ich spiele kein Spiel das mir den Sieg garantiert.
Ich bin eine wandelnde toxische Beziehung. Als Pete seinen Legendaryrang in Gegnerschaft verlor, in dem seine Rage einfach nur noch lächerlich doppelmoralisch wirkte, flaute auch das körperliche Interesse an ihm massiv ab, dabei liebe ich seinen Körper und vermisse ihn auch manchmal, dabei blieb der Sex "technisch" gleich fantastisch. Aber innerlich war da dieses "was für ein lächerlicher Mann". Ich weiß, dass ich auch lächerlich in meiner Wut wirken kann und ich hoffe jeder Mensch, der es so sieht verpisst sich aus meinem Leben, denn wenn du mich nicht ernst nehmen kannst, dann "Da ist die Tür!".
Ehrlich gesagt hab ich es nur wegen seiner Lächerlichkeit geschafft Pete zu verlassen und mir meine eigene Lächerlichkeit zu spiegeln, denn er ist ein Gegner wie es nur wenige gibt UND ein lächerlicher Mann. Ich suche dieses verdammte Buch um es ihm zurück zu schicken und ich weiß sobald ich das getan habe werde ich nach nun anderthalb Jahren endlich wieder die nächste Welle suchen, an der ich oder die an mir zerschellen kann.
Pete, Groot, Toxic Man, Kaptain Kloschüssel... wir sind alle lächerlich und wir sind alle tragisch. Vielleicht ist es besser wenn wir Toxischen uns nur gegenseitig daten... oder allein bleiben, solange wir dies mit selbst erteilter Glorie tun bleiben wir CAPTAIN Jack Sparrow, der auf einem sinkendem Schiff in den Hafen einläuft, stolzer als jeder König, lächerlicher als jeder Clown.
YouTube Playlist zur Kafka-Quest (das erklärt warum das Buch) https://youtube.com/playlist?list=PLnVaEmiBIIYAGdl7ozR_qf8-4Zc6PQMgk&si=PtLnRt9OPxHq4skC
Kafka Quest auf Wattpad in der Vorgängergeschichte "Jemands Leben - nur viel davon" 052 Die Kafka Quest (unvollendet) internal://a6206e76-101a-4faa-b209-26476a36ab3c#052-die-kafka-quest-unvollendet
In dieser Geschichte "224 BLITZLICHT! Die Kafka-Quest weiter geführt" gibt es ein Zwischenupdate... internal://709f9dc9-6758-4d87-bc05-50f62d686ab9#224-blitzlicht-kafka-quest-weiter-gefhrt
266 Auf diesem Fels... [I did it for me - Reihe]
[SPOILER, SPOILER, EVERYWHERE]
Jimmy will Anwalt sein. Oder vielleicht will er das gar nicht. Vielleicht will er nur, dass man ihn ernst nimmt. Dass man ihn sieht. Dass man ihn nicht abkanzelt wie ein lästiges Insekt. Doch stattdessen sabotiert er sich selbst, und zwar mit einer fast schon bewundernswerten Konsequenz.
Er bekommt das Geld der Kettlemans, spannenderweise erfährt man in Folge 4 noch nicht wie das genau abgelaufen ist. Er könnte es nutzen, um sich eine echte Existenz aufzubauen. Stattdessen startet er eine hoch peinliche Aktion gegen Howard. Weil Howard ihn gekränkt hat, oder es zumindest so aussieht. Er bekommt durch die Aktion ein paar neue Klienten, aber er schämt sich dafür wie und so lügt er Chuck an.
Sein Bibelzitat:"Auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen", ist kein Triumph, sondern eine Tragödie. Er glaubt, er baut etwas auf, doch in Wahrheit gräbt er sich sein eigenes Grab. Und das Schlimmste? Er lügt sich selbst an. Er sagt zu Kim, es sei nicht persönlich. Doch es ist höchstpersönlich. Es ist Rache. Es ist Trotz. Es ist einer der vielen Schritte, mit denen er beginnt, sich selbst zu verlieren.
Chuck wirkt wie immer herablassend. Doch er durchschaut Jimmy, wenn er auch an dessen Haltung nicht unschuldig ist. Er weiß, dass etwas nicht stimmt. Und er geht sogar so weit, seine eigene Angst vor der "bösen Strahlung" zu überwinden, um die Wahrheit herauszufinden.
Kim bleibt in dieser Folge die einzige Figur, die sich an die Regeln hält. Sie versucht, ihn zur Vernunft zu bringen. Doch Jimmy hört nicht zu.
Nacho taucht in dieser Folge nur kurz auf, aber seine Präsenz ist dennoch spürbar. Er ist wütend auf Jimmy, weil dieser ihn verraten hat. Aber ihm ist auch klar, dass Jimmy Recht hat ihm unvorsichtiges Verhalten vorzuwerfen. Nacho ist an seiner Verhaftung genauso schuld wie Jimmy.
Howard wirkt in dieser Folge fast schon sympathisch. Er reagiert nicht mit blindem Hass auf Jimmys Provokation, sondern mit professioneller Distanz.
Doch Jimmy sieht das nicht. Für ihn ist Howard der Feind. Derjenige, der ihn zurückweist. Derjenige, der ihn nicht ernst nimmt.
Fazit: Der Abgrund ruft
Folge 4 zeigt, wie Jimmy sich selbst im Weg steht. Er hat die Chance, etwas aufzubauen. Stattdessen wählt er den peinlichen Weg. Den Weg, der ihn am Ende nur isolierter zurück lässt als zuvor.
Es ist kein großer, dramatischer Fall. Es ist ein lächerliches Stolpern. Ein Schritt nach dem anderen. Ein Lüge nach der anderen. Ein Selbstbetrug nach dem anderen.
Und am Ende steht er da, nicht auf Fels, sondern auf Sand.