
Zero - Chronik einer Beziehung ohne Namen
Kapitel 1 - Wie es anfing
Ich habe S auf einer Familienfeier kennengelernt, zu der ich eigentlich gar nicht eingeladen war. Ich war mit O zusammen, er war mit C verheiratet, und C und O sind Geschwister. Schwippschwägerschaft nennt man das wohl. Die Art von Verbindung, bei der man sich eigentlich nur höflich zunicken müsste, während man sich innerlich fragt, wie man da reingeraten ist. Aber bei uns war das anders. Wir haben uns nicht zugewunken und freundlich geredet. Wir haben einander aber wahrgenommen gesehen. Nicht im Sinne von romantischer Projektion, nicht als Paar-in-spe, sondern als zwei Menschen, die in einem Raum standen, in den wir beide nicht passten. Ich kam mit durchscheinendem Oberteil und einer Haltung, die dieser Familie nicht gefiel. Er war ruhig, höflich, aber irgendwie nicht angepasst genug. Wir waren zwei Störungen in einem System, das auf glatte Fassaden gebaut war und wussten es beide.
Damals lief nichts zwischen uns. Gar nichts. Wir waren beide in festen Bindungen, und S ist loyal. Wirklich loyal. Und ich war in meinem eigenen offenen Beziehungskonstrukt, aber er war als Mann von Os Schwester auch für mich eindeutig raus, noch dazu mochten sich Zero und O absolut nicht. Aber die Verbindung war da, nicht greifbar, aber auch nicht zu leugnen. Wir haben uns in den folgenden Jahren immer wieder gesehen, nichts Besonderes, kein echter Flirt, kein echtes Vertraulich-werden. Nur: Präsenz. Ich wusste, dass er da ist. Und ich glaube, er wusste auch, dass ich da bin.
2009 kam der Bruch. Ich bin gefallen. Psychiatrie. Suizidversuch. Medikamente. Ich habe O verlassen. Und ich habe mich in mir verloren. S hat davon mitbekommen. Nicht über mich. Über Umwege. Und er hat sich bemüht, herauszufinden, wo ich bin, wie es mir geht. Ist sogar zu meiner Mutter gegangen, hat sie gefragt. Sie hat in einem Anfall plötzlichen Datenschutzbewusstseins (hat sie sonst nicht wirklich) dicht gemacht. Er hat nichts erfahren, aber er hat es versucht. Das ist nicht selbstverständlich.
Wiedergefunden haben wir uns über Facebook. Da stand irgendwann, dass ich nach Aschaffenburg gezogen war. Und er schrieb, man könne sich ja mal treffen. Ich hab gesagt: Klar, komm auf einen Kaffee vorbei. Er kam und wir haben den ganzen Abend geredet und dann noch einen und noch einen. Es war kein Smalltalk. Es war dieses Sprechen, das eigentlich ein Denken ist, das sich laut formt. Es war ein Reden, das nicht aufhört, weil keiner das Bedürfnis hat, sich selbst zu beweisen. Er hat mir ein Buch mitgebracht. Ich war gar nicht so begeistert davon, Guild Wars Story, glaub ich. War auch egal. Wir haben weitergeredet.
Irgendwann waren wir beim CSD in Aschaffenburg. Ein kleiner CSD, kein großer Bahnhof. Aber für mich war es wichtig, dass er mitkam. Ich bin nicht-binär. Ich wusste das damals schon, aber ich habe es nicht gleich offen gesagt. Aber ich bin auch bi- (bzw. pan-) sexuell, das wusste er. Und S – na ja, der war damals noch der Typ: kurzgeschorener Kopf, bunte Shirts, Sandalen, oft mit Sprüchen oder Pin-Up-Girls drauf, alles ein bisschen schräg. Und er hat trotzdem gesagt: Ich komme mit. Hat gezögert. Meinte, er wisse nicht, ob er da reinpasst. Ich hab gesagt: Wir laufen einfach drüber. Wenn die dich ausschließen, sind sie auch nicht besser als die anderen. Und er kam mit, mit mir. Die Regenbogenfähnchen davon hingen Jahre bei im Flur.
Ich hab gemerkt, dass ich mich in ihn verliebe, obwohl ich nicht wollte. Ich wollte eigentlich eine Freundin. Ich wollte jemanden, mit dem ich das alles teilen kann, ohne wieder in eine männlich dominierte Beziehung zu rutschen. Ich wollte einen besten Kumpel. Aber ich hab mich verliebt. Und ich hab's ihm nicht gesagt. Ich wollte nur einen besten Freund. Jemanden, der mich nicht im Bett haben will. Und dann lag ich mit ihm auf dem Sofa, und er hat mich gehalten, und ich bin in die Küche geflüchtet, hab gesagt: Manchmal hasse ich es, Titten und eine Muschi zu haben. Ich wollte einfach nur einen Freund. Kein Verknalltsein. Kein Drama. Kein neues System.
Aber es war, wie es war. Er hat mich in den Arm genommen. Hat mich gehalten, so lange, wie ich es ausgehalten habe. Und ich bin geblieben. Und irgendwann bin ich bei ihm eingezogen. Meine WG war nicht mehr ertragbar. Die Zustände dort waren ... reden wir nicht drüber. Bei S war es ruhig. Strukturiert. Menschlich.
Wir waren drei Jahre zusammen. Oder so was wie zusammen. Mal war es WG, mal Beziehung, mal große Liebe, mal nur Koexistenz. Für mich war es Liebe. Für ihn war es... vielleicht Zuneigung. Vielleicht Funktion. Vielleicht ein gemeinsames Leben, das sich richtig anfühlt, solange keiner zu viel fordert. Er hat mit Emotionen echt Probleme, ist vielleicht Autist. Wir hatten viel Sex. Und ich meine: viel! Ob das jemand mitbekommen hat? Vielleicht. Die Nachbarn haben jedenfalls irgendwann ihr WLAN umbenannt in: I CAN HEAR YOU HAVING SEX. Kein Witz.
Aber dann kam meine Manie. Sie war krass. Sie war unkontrollierbar. Und S hat das nicht aushalten können. Nicht, weil er mich nicht mochte. Sondern weil das für jeden zu viel gewesen wäre. Er hat weiter den Haushalt gemacht. Er hat gekocht, gewaschen, organisiert. Und ich bin explodiert. Und irgendwann war es vorbei. Ich glaube, ein Jahr FUNKSTILLE. Ich weiß es nicht mehr genau.
Aber S hat mir verziehen. Hat gesagt, er versteht jetzt, dass ich krank bin. Dass ich nicht böse war, sondern nicht ich in diesen Momenten. Und damit fing die Freundschaft an. Nicht als Trostpflaster. Nicht als Reste-Rampe einer gescheiterten Liebe. Sondern als echte, neue Verbindung. Wir haben uns entschieden, nicht mehr zusammen zu sein. Und wir haben uns entschieden, weiter da zu sein. Und ab und an darf ich diesen schönen Mann noch im Bett genießen, oft darf ich mich in seinen Arm kuscheln und manchmal sogar er in meinen. Oder er kocht für mich und wir schauen, Filme, Serien oder Gamingstreams. Reden ganze Tage durch oder mal 2 Wochen nicht.
Aber dazu alles später bestimmt noch mehr.
Kapitel 2 - Wir sind geblieben
Die Trennung kam nicht überraschend. Ich war in einer manischen Hochphase, schwerst-manisch. Ich habe Stimmen gehört, Realitäten vermischt, die Wohnung absichtlich chaotisch gemacht, Menschen überfordert, die mich liebten. Es war keine Beziehung mehr möglich, nicht mit mir, nicht unter diesen Umständen. Und S hat es beendet. Nicht aus Grausamkeit, sondern weil kein Mensch das hätte aushalten können. Es war eine berechtigte, notwendige Trennung. Und es war ein klarer Bruch. Er wollte zunächst keinen Kontakt.
Aber irgendwann war da wieder was. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, aber der Kontakt kam zurück. Von ihm. Er schrieb. Wir telefonierten. Und nach und nach haben wir uns wieder gesehen. Erst zaghaft, dann regelmäßig. Und irgendwann war es wieder körperlich. Nichts Dramatisches. Kein Beziehungs-Comeback. Es war einfach wieder da und es war von beiden von uns gewollt.
Für mich war er zu der Zeit noch immer der eine. Meine große Liebe. Ich dachte: Vielleicht ist das bei ihm auch so. Vielleicht kann er es nur nicht zeigen. Vielleicht liebt er anders. Vielleicht ist das hier einfach seine Form von Nähe. Seine Art, zu sagen: Ich bleibe. Und ich habe mich in dieses Vielleicht fallen lassen. Auch weil die Welt da draußen immer absurder wurde. Das muss 2018 gewesen sein, noch vor Corona. Aber es war so eine Zeit, in der alles wackelte. Politisch, sozial, global. Und wir klammerten uns aneinander fest, weil es sonst nichts gab, worauf man sich verlassen konnte.
Wir haben uns mindestens einmal die Woche gesehen. Meistens samstags. Er hat gekocht. Ich selten. Er kann fantastisch kochen. Danach ein Film, eine Serie, ein Stream, ein Gespräch. Oder einfach nur Sex. Manchmal fiel der Film weg. Das Essen nie. Manchmal haben wir erst danach gegessen, weil man vorher nicht so vollgefressen sein wollte. Dazwischen einen Joint. Es waren gute Abende. Manchmal auch zwei die Woche. Aber samstags war gesetzt.
Zwischen den Samstagen haben wir telefoniert. Viel. Discord, stundenlang. Gespräche, die sich über Tage, manchmal Wochen zogen. Mitten im Satz aufgehört, Tage später wieder aufgenommen. Themenwechsel im Sekundentakt. Vor allem bei ihm. Ich glaube, das ist eines unserer größten gemeinsamen Talente: über alles reden zu können, wir haben uns immer was zu sagen, eine endlose Quelle, so viele Themen.
Aber es gab auch die Phasen, in denen er sich zurückzog. Nicht nur sexuell, auch kein Kuscheln, kein Reden. Einfach weg. Er war noch da, aber nicht erreichbar. Diese Phasen gab es schon früher, auch in der Beziehung. Und sie waren immer schwierig für mich. Sind es bis heute. Vielleicht liegt es an etwas, das er selbst noch nicht weiß - vielleicht Autismus, vielleicht auch etwas anderes. Er will sich testen lassen. Vielleicht wissen wir dann mehr. Vielleicht auch nicht.
Und doch war da diese Regelmäßigkeit. Er hat mir Chili-Leberkäs mitgebracht, wenn er bei der Metzgerin war, oft Ayran dazu. Wenn er im türkischen Supermarkt war auch eingelegte Weinblätter. (Essen ist mir wichtig, ich bin Undercover-Hobbit, er allerdings ist Undercover-Zwerg).
Ich bin nicht der Typ, der sich gerne von sich aus meldet. Ich habe Angst, mich aufzudrängen. Aber bei S war es anders. Wenn er sich eine Woche nicht gemeldet hat, habe ich geschrieben. Nach sieben Tagen wird es unruhig in mir. Das ist die Marke. Für andere wäre das zu viel, für uns funktioniert es.
Wir kennen uns. Er kennt meine Trigger. Ich kenne seine Rückzugsphasen. Wir sind beide nicht stabil. Nicht funktional. Aber wir versuchen, uns gegenseitig zu stützen, soweit wir können. Und meistens kriegen wir das irgendwie hin. Da ist ein Vertrauen, das ich in dieser Form selten erlebt habe.
Und ja, der Sex mit ihm ist etwas, das ich wirklich liebe. Aber wenn er wegfiele – weil er in einer monogamen Beziehung wäre, oder aus anderen Gründen – ich würde verzichten. Nicht gern, aber ich würde. Weil das, was wir haben, ist mehr. Es ist größer. Es ist nicht ersetzbar. Selbst wenn ich es manchmal nicht fassen kann. Selbst wenn es keinen Namen dafür gibt.
Damals, in dieser Phase, war ich noch voller Hoffnung. Ich dachte wirklich: Vielleicht ist das seine Art, zu lieben. Vielleicht ist es nicht weniger. Nur anders. Vielleicht gehören wir einfach zusammen. Nicht klassisch, nicht exklusiv, aber verbunden. Ich hoffte. Ich sehnte. Ich glaubte. Und ich ignorierte vieles, das mir eigentlich hätte zeigen müssen, dass ich nicht „die Eine" für ihn bin.
Heute sehe ich das anders. Heute weiß ich mehr. Aber das gehört nicht hierher. Das gehört in Kapitel 3. Damals war es, wie es war. Und ich war noch verliebt.
Wir waren keine Beziehung. Und keine Freundschaft. Wir waren wir.
Und wir sind geblieben.
Kapitel 3 Zehn Jahre im selben Gespräch
Kapitel: Zehn Jahre im selben Gespräch
Die Freundschaft mit Zero – ein seltsames, seltenes Zusammenspiel aus Gegensätzen, das seit über zehn Jahren funktioniert, als hätten wir dafür eine eigene Bauanleitung.
Zero ist Autist. Ich bin ein Mensch mit Borderline-Persönlichkeitsstörung – oder zumindest starken Anteilen davon. Das sind nicht einfach Etiketten, die man sich irgendwo aufklebt, sondern Lebensrealitäten, die alles färben: wie wir denken, wie wir fühlen, wie wir reagieren. Und genau darin liegt der Kern unserer Freundschaft.
Er ist kühl, strukturiert, emotional kaum schwankend. Selbst in den heftigsten Diskussionen wird seine Stimme nicht laut, er verliert nicht die Kontrolle. Er denkt in klaren Linien, rechnet, analysiert, beobachtet – als würde er eine Art inneres Schachbrett mit jedem Gespräch mitführen. Ich dagegen bin emotional, schnell begeistert oder verletzt, denke wild und sprunghaft. Wenn ich ein Schachbrett habe, dann mit ständig wechselnden Figuren und einem Gegner, der gleichzeitig auch mein Mitspieler ist.
Seit zehn Jahren führen wir im Grunde ein einziges Gespräch. Es hat Unterbrechungen, ja, aber nie einen echten Anfang oder ein Ende. Wir springen mitten hinein, holen Themen von vor einem Jahr zurück, und innerhalb von Sekunden ist der Kontext wieder da. Wir kennen die Geschichten, die Familien, die Eigenheiten des anderen. Es gibt keine Peinlichkeiten, keine Zurückhaltung. Manche Dinge lassen wir einfach so stehen, weil wir wissen, dass sie der andere anders empfindet. Andere Themen graben wir so tief aus, dass wir sie noch Wochen später weiterdenken.
Unsere Gespräche sind ein wilder Wechsel aus philosophischen Deep Dives, persönlichen Themen, politischen Diskussionen, Nerd-Analysen zu Filmen oder Spielen und völlig unvorhersehbaren Themenwechseln. Zero ist Meister darin, abrupt das Thema zu wechseln – und lässt sich genauso bereitwillig von meinen gedanklichen Schlenkern mitnehmen. Wir diskutieren, stoppen Filme, googeln Fakten, denken weiter, springen zu einem Nebengedanken, um dann irgendwann – manchmal Stunden später – wieder am ursprünglichen Punkt zu landen.
Diese Verbindung hat nichts mit Smalltalk zu tun. Wir brauchen keinen Aufwärmteil, keine vorsichtigen Übergänge. Wir steigen direkt ein. Oft beginnt es mit einer iMessage von Zero, nur ein Telefon-Emoji und ein Fragezeichen. Wenn ich Zeit habe, ruft er an. Unter zwei Stunden kommen wir selten davon. Oft sind es sechs, manchmal acht. Und trotzdem bleiben Themen übrig.
Trotz – oder wegen – dieser Unterschiede reden wir uns immer wieder aneinander fest. Wir verstehen einander, weil wir beide gezwungen waren, über Menschen nachzudenken. Für mich war es notwendig, um mit meiner Persönlichkeitsstruktur überhaupt in Beziehungen zu funktionieren. Für ihn war es notwendig, um in einer Welt klarzukommen, die er nicht „aus dem Bauch heraus" versteht. Wir haben gelernt, zu beobachten, zu analysieren, Strategien zu entwickeln – und vor allem, den anderen nicht vorschnell zu verurteilen. Und wir sind seit 10 Jahren befreundet und jeder von uns denkt eh über jeden Menschen im Umfeld nach. Also wir auch über uns gegenseitig, das und die tabulosen, tiefen Gespräche ergibt einen Grad des wechselseitigen Kennens, den glaube ich nur wenige erreichen.
Was das Ganze aber auch trägt, ist Respekt. Ich habe großen Respekt vor seiner reflektierten Art und seinem tiefen Denken, aber wir geben uns auch keine ungefragten Ratschläge. Wir wissen, dass der andere Experte für das eigene Leben ist. Das macht es möglich, sich auszusprechen, ohne repariert zu werden. Und wir akzeptieren, dass wir uns gegenseitig nicht „ändern" müssen. Zero hat lange Phasen, in denen er nicht ins Handeln kommt – ich halte das aus, weil ich weiß, wie sein Denken funktioniert. Umgekehrt erträgt er meine emotionalen Überläufe, ohne sie kleinzureden.
Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis: Wir ergänzen uns nicht, weil wir gleich sind, sondern weil unsere Gegensätze uns zwingen, den anderen vollständig zu begreifen. Wir passen wie zwei Puzzleteile, die eigentlich aus verschiedenen Spielen stammen, aber trotzdem genau ineinander passen.
Ich glaube, solche Freundschaften sind selten.
Ich hatte mir als Kind immer einen besten Kumpel gewünscht – jemand den man immer anrufen kann, jemanden zum Filme gucken, abhängen, kochen, essen, reden, rumgammeln, jemanden, der versteht, dass ein Film manchmal pausiert werden muss, um gemeinsam über eine Szene zu diskutieren.
Genau das habe ich mit Zero gefunden. Aber das andere – dieses völlige Fehlen von Scham, dieses Vertrauen, bei dem selbst unangenehmste Wahrheiten Platz haben, dieses Wissen, dass Phasen des Schweigens oder der Distanz nicht das Fundament erschüttern – das hatte ich mir so nie erträumt. Es ist kühl und warm zugleich, entspannt und trotzdem spannend.
Es ist mehr, als ich mir jemals vorstellen konnte.