Warum ich ständig von DBT rede und mich bisher vorm Erklären gedrückt habe
Warum ich ständig von DBT rede und mich bisher vorm Erklären gedrückt habe
Einleitung – Warum ich über die DBT schreibe
Dialektisch behaviorale Therapie – radikal ehrlicher Erfahrungsbericht mit möglicher alltagspraktischer Anwendung über eine Verhaltenstherapie für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung.
🚨 Triggerwarnung:
Dieser Text enthält Inhalte zu Suchtverhalten, Essstörungen, Selbstverletzungen und suizidalen Gedanken. Bitte nur weiterlesen, wenn du dich aktuell stabil genug fühlst.
Warum ist DBT für mich so wichtig?
Ich schreibe dauernd darüber, ich rede oft darüber, aber ich hab sie nicht ausgeführt bisher, das werde ich nun tun, sehr persönlich und radikal ehrlich.
Als ich zur DBT kam, war ich nicht auf der Suche nach Verbesserung. Ich wollte nicht „wieder leben lernen" – ich wollte leben wollen lernen. Das war mein Therapieziel. Das stand auf meiner Karte. Ich suche sie grad verzweifelt, wenn ich sie finde, wird sie hier eingebaut – vielleicht sogar als Foto. Es war ein existenzieller Zustand.

Ich war zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht im absoluten Notfall – sonst hätte ich gar nicht teilnehmen dürfen. Aber ich war im Überlebensmodus. Und DBT hat mir über die Jahre hinweg geholfen, vom ‚Ich überlebe diesen Tag' zum ‚Ich lebe diesen Tag' zu kommen.
Ich schreibe erst jetzt darüber, weil zwei Dinge passiert sind:
Erstens habe ich mich verändert. Durch das Programm, durch Menschen, durch Studium, durch Schreiben. Ich bin heute jemand, der der sich traut so einen Text zu veröffentlichen. Das war ich noch vor einem halben Jahr noch nicht, schon gar nicht vor 13 Jahren. Und die DBT und alles andere hat mir auf dem Weg dahin sehr geholfen.
Zweitens: Es ist rechtlich und technisch jetzt machbar. Das DBT-Manual ist urheberrechtlich geschützt. Ich darf nichts daraus zitieren, keine Diagramme oder Arbeitsblätter zeigen. Aber ich kann es mit eigenen Worten beschreiben – mit Unterstützung von ChatGPT, das mir hilft, meine Gedanken strukturiert zu formulieren um rechtliche rechtliche Grauzonen zu umschiffen.
Die DBT hat sich so in mein Leben eingeprägt, das ich ein innerliches MMO RPG „Real Life" (MMORPG Massively Multiplayer Online Role-Playing Game, ist ein Online-Rollenspiel, bei dem eine große Anzahl von Spielern gleichzeitig in einer Welt spielen) hab einfließen lassen. Meine Quests in meinem Spiel sind nicht selten DBT-Übungen. Aber dieses Spiel habe ich gesondert ausführlich erklärt in meiner Geschichte: Mein (MMO)RPG "Real Life" ( 🔗 Link im Kommentar)
Warum lohnt sich DBT nicht für „Normalos" oder bei kleineren Problemen?
Weil es ein riesiger Aufwand ist – der sich nur lohnt, wenn es wirklich nicht mehr anders geht oder man zumindest unbedingt was ändern will.
Wenn du das Gefühl hast, du bist nicht mehr Kapitän deines eigenen Schiffs, sondern nur noch Spielball der Wellen – dann kann DBT helfen. Aber nur in Teilen.
Das ganze System ist für Menschen gedacht, deren Persönlichkeit nicht nur angeschlagen, sondern tief zersplittert ist. Deswegen werde ich hier eine abgeschwächte Version liefern, weil ich hoffe nicht jeder in der Leserschaft leidet an einer solchen Persönlichkeitsstörung. Selbst aus diesem Mini-Programm muss sich jeder eigenverantwortlich raus picken was passt.
Aber auch für Leute ohne Persönlichkeitsstörung kann es sich lohnen:
– Bei Suchterkrankungen (habe ich selbst erlebt, beim Alkohol und Jahre später beim Rauchen)
– Bei Menschen, bei denen oft die Gefühle die Handlungsebene übernehmen und die sich Kontrolle
zurückwünschen.
– Bei Entscheidungsschwierigkeiten, Selbsthass, Kontrollverlust
Aber: DBT will dich umbauen. Und das kostet Kraft. Es reicht nicht, die Übungen zu verstehen – du musst sie machen. Du musst neue Denkgewohnheiten einschleifen wie andere Leute das Joggen vor der Arbeit. Und das ist verdammt anstrengend, denn dein Geist wird sich wehren, glaub mir.
Dialektik am Schluss:
Ich weiß nicht, wie es ist, dieses Programm mit nur relativ kleinen Problemen zu machen. Vielleicht ist es dann unerträglich – zu lang, zu mühselig, zu absurd. Vielleicht aber auch leichter, weil der Mensch nicht im Ausnahmezustand lebt und sich regelmäßig ein Kapitel und eine Übung raus suchen kann, ganz entspannt. Vielleicht reicht es, wenn man wirklich was ändern will? Vielleicht muss ein Problem nur genug nerven.
Vielleicht ist alles gleichzeitig wahr.
Warum geht es nicht ohne Übungen?
Weil DBT Verhaltenstherapie ist. Und Verhaltenstherapie heißt: Du musst es tun. Jeder weiß wie verdammt schwer es ist, eine Gewohnheit ändern zu wollen – und immer wieder zurückzufallen. Erst wenn man sich eine Art „Gegengewohnheit"(damit gemeint sind Reaktionen, Gedanken oder Handlungen, die gezielt eingeübt werden, um alte automatische Muster zu ersetzen – oft das Gegenteil davon, was man bisher getan oder gedacht hat.) angewöhnt hat, wird es leichter. Aber in DBT geht es um mehr als Gewohnheiten. Es geht um Grundannahmen. Um Denkgewohnheiten, die tief und teils sogar unbewusst in dir verankert sind und die dich sabotieren. Und die du nur ändern kannst, wenn du sie bewusst umtrainierst.
Es ist wie bei der Zigarette zum Kaffee: Nach fünf Monaten weglassen... fehlt sie nicht mehr.
Und das Gleiche gilt für den Satz „Ich bin dumm." Wenn du ihn oft genug ersetzt durch etwas, das wahrer ist, dann wird er irgendwann leiser.
DBT bringt dir bei, den Moment zu erkennen, in dem dein Autopilot übernimmt – und dann selbst zu entscheiden.
– Nicht automatisch zu denken „Die hassen mich eh."
– Nicht sofort zu glauben „Ich mach es sowieso falsch."
→ Sondern zu merken: Stopp. Das ist ein Gedanke. Kein Fakt.
Und genau das wird geübt. Wieder und wieder.
Es ist unangenehm, weil unsere Hirne lieber eingelaufene – notfalls sogar schädliche – Pfade gehen, als neue Wege zu begrüßen.
Aber es funktioniert.
Warum habe ich es trotzdem gemacht?
Weil ich am Boden war. Ich war wieder bei meiner Mutter eingezogen, hatte nichts mehr, hab gesoffen, hatte keinen Plan. Und dann kam meine Schwester – mit einem Zeitungsinserat. Kein Scherz. Sie hat kaum Internet benutzt, aber dieses Inserat gesehen. Und gesagt: „Das soll gut sein." Ich habe recherchiert. Ich habe mich angemeldet. Und bin in diesem Jahr sogar noch trocken geworden.
Es war viel in diesem Jahr, Formalitäten, stabil werden, trocken werden, umziehen in ein einzelbetreutes Wohnen, Tagesstättenbesuch. Aber ich wusste: So kann ich nicht mehr lang, es muss was passieren.
Mein inneres Grundrauschen war Selbsthass. Ich hab mich im Kopf zerlegt wie der ärgste Feind. Kein Mensch auf dieser Welt hat je so mit mir gesprochen, wie ich mit mir selbst gesprochen habe.
Und das musste aufhören, oder ich hätte aufhören müssen.
Was unterscheidet DBT von anderen Therapien?
Ich habe nie eine andere stationäre Psychotherapie gemacht in sofern wird es ein schiefer Vergleich – aber ich war mehrfach in der Allgemeinpsychiatrie, im BKH Lohr. Auch auf der sogenannten Borderline-Station. Der Unterschied ist krass.
Im BKH
bist du, damit du weiter atmest.
Du kommst nach Suizidversuchen, nach Eskalationen. Du wirst abgeschirmt von der Welt, sitzt viel rum, redest mit anderen, wartest auf irgendwas. Und das ist gar nicht so schlecht. Ich war froh, dort mal „unter" zu sein. Unter der Käse Glocke, die Welt auf „mute". Und die Gespräche mit Mitpatient*innen? Gold wert. Da saßen ungelernte Leute, Erzieher, Hausfrauen, Sozialpädagogen, Pflegekräfte, Künstler, Akademiker, Bandarbeiter – einfach alles. Verschiedene Berufe, verschiedene Lebensentwürfe, verschiedene Herkünfte, verschiedene Realitäten. Auch Privatversicherte waren dabei. Die hatten ein anderes Stockwerk, schliefen in anderen Betten – aber saßen mit uns in denselben Therapien. Eine echte Privatklinik war auch diese Abteilung nicht. Für so was reicht es nicht, wenn du Lehrer bist. Nicht mal, wenn du drei Bäckereifilialen hast, eine gut laufende Kfz-Werkstatt oder eine florierende Gastwirtschaft... . Dafür müsstest du richtig reich sein. Nicht wohlhabend – reich. Also fast alle waren vertreten... gut aus sozialen Berufen gefühlt doppelt so viele wie andere. Die Psychiatrie ist ein Schmelztiegel. Und das hilft. Du siehst: Es kann jeden treffen. Du bist nicht grundsätzlich einfach zu dumm zum Leben, viele kriegen das nicht hin. Es besteht also Hoffnung.
Aber in der DBT
zumindest damals in Nürnberg war das anders. Da bekommst du einen Stundenplan. Zwei Therapien vormittags, zwei nachmittags. Du führst Protokolle. Du arbeitest. Du hast Einzelgespräche, Gruppentherapien, die Module der DBT und noch komplementäres wie Kunsttherapie oder Körpertherapie. Du hast keine Pause vom Leben – doch du bekommst ein System, wie du damit umgehen kannst.
Und das System ist nicht sanft.
Beispiel radikale Akzeptanz:
– Dein Kind ist gestorben? Es ist tot.
– Du hast Diabetes? Das geht nie mehr weg.
– Du leidest deshalb? Ja, das ist nur menschlich. Leb damit!
→ Es geht nicht ums Schönreden. Es geht um klare Realität.
→ Erst wenn du sie anerkennst, kannst du was verändern, oder erkennen das sie unabänderlich ist.
Was hat mich am meisten genervt – und was war am Ende Gold wert?
Ganz klar: Achtsamkeit.
Dieses Wort klingt weich und nett. In Wirklichkeit ist es ein Brecheisen ins Innenleben. In der DBT ist Achtsamkeit keine Ruheübung – sie ist eine Zumutung an deinen Geist.
Wenn ihr euch zum Lesen entscheidet, ihr werdet so viel von Achtsamkeit hören, ihr werdet anfangen das Wort zu HASSEN.
Hier nur ein kleiner Vorgeschmack:
Die WAS-Fertigkeiten heißt exakt wahrnehmen, was der IST-Zustand ist – wahrnehmen, beschreiben (ohne Wertung; versucht das mal!), teilnehmen.
Die WIE-Fertigkeiten bedeuten wie du deine Handlungen ausführen solltest – annehmend, konzentriert, wirkungsvoll.
Und du sollst das Ganze dann auch noch in den Alltag übertragen und prüfen, wie sich Achtsamkeit überhaupt zeigt.
Es wirkt harmlos, aber dahinter stecken endlose Wiederholungen, Übungen und den Widerstand des eigenen Hirns gegen „im hier und jetzt sein" überwinden, den massiven und unerwarteten Widerstand.
„Im Hier-und-Jetzt-Sein" klingt nach Facebook-Spruch – heißt in der DBT aber: alles wahrnehmen – Gedanken, Gefühle, Körper, Sinneseindrücke – und nichts davon bewerten. Kein schön, kein schlecht. Wahrnehmen, beschreiben, teilnehmen, annehmen – und das auch noch konzentriert und wirkungsvoll. Das ist: der Gegenwart ausgeliefert sein. Den Moment leben, wenn er gerade super alltäglich ist. In der Warteschlange. Beim Zähneputzen. (Denkt euch ruhig noch ein paar sadistische Übungen dazu – denen fällt immer was ein.) Mein Hirn hat sich gewehrt – und hatte Recht: So kann man nicht 100 % der Zeit leben. Und Unrecht: Ab und zu so einen Statuscheck zu machen ist enorm hilfreich.
Was sofort geholfen hat, weil es schlicht logisch war. Fast hab ich mich geärgert, dass ich es vorher noch nicht angewendet hatte:
– Radikale Akzeptanz: logisch, direkt, wirksam
– Pro- und Kontralisten: mittlerweile Standard in meinem Alltag – sogar bei Chipstütenkauf schnell im Kopf
– Anti-Craving: Verlangen ist eine Welle. Und man kann lernen, sie auszusitzen.
Andere Module wie Umgang mit Gefühlen oder zwischenmenschliche Fertigkeiten waren schwer zu erlernen, aber ohne diesen Widerstand, der sich bei Achtsamkeit existenziell anfühlte.
Welche Haltung braucht man, um überhaupt etwas daraus zu ziehen?
Die beste Haltung für „Erfolg" ist:
„Es muss sich etwas ändern. Es geht nicht anders."
Nicht: „Ich schau's mir mal an." Nicht: „Ich will ein bisschen was optimieren."
Sondern: „So kann ich nicht mehr."
Zweitbeste Haltung, denke ich:
„Ich will nicht mehr so weitermachen."
Auch das reicht möglicherweise.
Und ganz wichtig:
DBT verändert nicht die Welt.
Nicht deine Eltern. Nicht dein Umfeld. Nicht die Bürokratie.
→ Du musst bereit sein, DICH zu verändern. In deinen innersten Einstellungen.
Nicht alles. Aber etwas. Und nicht irgendwann – sondern JETZT.
Für wen schreibe ich das?
Für Menschen über 18. Für Leute, die sich wirklich mit diesem Programm beschäftigen wollen – weil sie betroffen sind oder weil sie neugierig sind. Für Menschen mit Borderline. Mit anderen Persönlichkeitsstörungen. Mit Depressionen. Mit Sucht. Mit verzerrter (Selbst-) Wahrnehmung. Mit sozialen Ängsten. Für neuokonforme („normale") Leute, die in manchen Bereichen trotzdem Veränderungsbedarf sehen. Für Leute die einfach neugierig sind was das ist und wie es ist eine DBT zu machen.
Für Menschen, die mündig sind.
→ Wenn du das Programm machen willst, musst du dich dafür entscheiden können.
→ Wenn du kurz vorm Kollaps stehst, mach erst ne Krisenintervention.
→ Wenn du nichts ändern willst oder musst, dann nur aus Neugier lesen.
Ich schreibe es auch für mich, um endlich Ordnung in das zu bringen, was ich seit Jahren mit mir herumtrage.
Und ich schreibe es für ein paar wenige Menschen, die mir in meinem Leben Sätze geschenkt haben, die ich nie vergessen werde – und die trotzdem von mir dauernd hören: „DBT hat mir unfassbar geholfen." ohne das ich in ein paar Sätze packen könnte wie sie das tat.
Jetzt wissen sie's bald.
Public Domain: Teilen erlaubt. Wenn's hilft, nimm's.
(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)
DBT - Grundlagen
Grundlagen der DBT
1. Dialektisch denken – Widersprüche aushalten
Die erste Grundvoraussetzung, um DBT überhaupt zu verstehen, ist ein Umdenken: Weg von Schwarz-Weiß, hin zu Widersprüchen. Die DBT ist keine einfache „Wenn-dann"-Logik, sondern fußt auf einer dialektischen Betrachtungsweise – einem Denken in Spannungsfeldern. Zwei scheinbar gegensätzliche Wahrheiten können gleichzeitig wahr sein. Ich kann mich z. B. völlig überfordert fühlen – und gleichzeitig Verantwortung für mein Verhalten übernehmen. Ich kann mich hassen – und mich gleichzeitig bemühen, für mich zu sorgen. Ich kann Veränderung wollen – und mir gleichzeitig wünschen, dass alles so bleibt, wie es ist. In der DBT werden diese inneren Widersprüche nicht als Hindernis gesehen, sondern als Ausgangspunkt für Heilung. Genau dieser Spannungsbogen – das sowohl als auch – ist die Basis der Therapie.
Diese Haltung ist nicht bequem. Heutzutage scheint mir selbst bei Nicht-Borderlinern Schwarz-Weiß-Denken verbreiteter als es für unsere Gesellschaft gesund sein kann. Dialektik bedeutet, dass einfache Lösungen oft nicht ausreichen. Die Wahrheit ist nicht klar, nicht eindeutig, nicht objektiv – sie ist immer subjektiv, immer gebunden an Perspektive, Kontext, Biografie. In der DBT ist das keine Schwäche, sondern ein akzeptierter Ausgangspunkt. Der Therapieraum wird so zum Ort, an dem Widersprüche ausgehalten, reflektiert und integriert werden. Genau das bedeutet „dialektisch".
2. Annahme und Veränderung – kein Widerspruch
Ein zentrales Bild der DBT ist die Wippe zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite steht die radikale Annahme der Realität, auf der anderen das aktive Drängen auf Veränderung. Viele Therapien setzen auf eines von beidem. Die DBT besteht darauf, dass beides zugleich nötig ist. Veränderung ohne Akzeptanz führt zu Selbstverleugnung. Akzeptanz ohne Veränderung führt zu Stillstand. Nur wer bereit ist, das Jetzt als real und unveränderlich zu akzeptieren, kann gleichzeitig sinnvoll beginnen, es zu verändern, ab jetzt. Das klingt genauso paradox wie es sich anfühlt. Aber genau das ist der dialektische Weg: nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch.
3. Mit welcher Einstellung sollte man starten
Grundannahmen zu sich selbst:
– du gibst bereist dein Bestes.
– Du willst dich verändern.
– Deine Schwierigkeiten sind real – und schwer auszuhalten.
– Veränderung ist möglich, auch wenn sie viel Mühe kostet.
– Auch wenn andere Schuld an vielem tragen: Es lohnt sich, die Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen.
– DBT kann (unterschieden zu: wird sicher, oder muss) helfen.
– Wahrheit ist subjektiv.
Diese Haltungen mögen selbstverständlich klingen, sind es aber nicht – vor allem nicht für Menschen, die sich selbst oft ablehnen, sich als „hoffnungslos" erleben oder von anderen als schwierig abgestempelt wurden. Die Grundannahmen stellen sich dem entgegen: Sie geben Selbstachtung zurück. Und sie fordern zugleich viel von dir. Denn wer ernst genommen wird, bekommt nicht nur Mitgefühl, sondern auch Aufgaben.
4. Selbstverantwortung als Grundlage
DBT beginnt nicht mit dem großen Ziel der Heilung. Sie beginnt mit Selbstkontrolle. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Verhalten – nicht für die Umstände, nicht für die Vergangenheit, aber für das eigene Tun im Jetzt. Auch wenn andere mitverantwortlich sind für den Schmerz: Die Veränderung kann nur von innen kommen. Das ist nicht fair – aber realistisch. In diesem Sinn ist DBT radikal: Sie überfordert nicht, aber sie beschönigt auch nichts. Wer teilnehmen will, muss bereit sein, sich selbst in den Mittelpunkt der Veränderung zu stellen.
Sie lernt einem Selbstwirksamkeit, Eigenverantwortlichkeit und ein Gefühl von Freiheit, dass ich vorher nie kannte. Der Weg dahin ist als Mensch mit Borderline, einem miesen Selbstwert, Selbsthass bis zum Anschlag und sozialer Phobie sehr schwer. Ich weiß nicht wie schwer er für andere wäre, aber wenn du schon lange leidest, dann lohnt sich der Weg auf jeden Fall.
5. Modulaufbau
Die DBT ist wie Studiengänge an der Fachhochschule in Module gegliedert. Das grundlegende Modul „Achtsamkeit" ist der Einstieg, ohne das geht es wirklich nicht. Ich werde hier mindestens noch auf die Module „Zwischenmenschliche Fertigkeiten" und „Umgang mit Gefühlen" eingehen. Aber sicher auch noch mehr Aspekte beleuchten.
Es wird keine 1:1 Wiedergabe des Manuals, sondern eine Herausarbeitung dessen, was – wie ich glaube – vielen helfen könnte.
Fazit
Lohnt sich wenn du leidest. Lohnt sich wenn du wirklich bereit bist zu ackern und üben, für neue Denkmuster, die dir helfen besser klar zu kommen.
Solltest du bereits prima klar kommen, dann kannst du es natürlich auch aus Spaß lesen.
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(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)
DBT - Achtsamkeit
Vorwort
Das Wort „achtsam" klingt im Alltag nach Freundlichkeit, nach Aufmerksamkeit für die Umwelt, vielleicht nach Rücksichtnahme im Straßenverkehr oder dem bewussten Trinken eines Tees. Auch der Duden fasst es harmlos zusammen: aufmerksam, wachsam; vorsichtig, sorgfältig. Doch wer sich ernsthaft mit DBT beschäftigt, merkt schnell: Das, was in dieser Therapie unter „Achtsamkeit" läuft, ist keine Nettigkeit und kein Lifestyle. Es ist ein knallhartes, mentales Training. Es meint radikale (Geistes-)Gegenwärtigkeit, das kompromisslose Spüren und Wahrnehmen dessen, was ist – auch wenn es schmerzt, auch wenn es sich sträubt, auch wenn man möchte dass es anders ist. Achtsamkeit in der DBT kein Feelgood-Event. Es ist der Kern eines neuen Umgangs mit sich selbst. Und dieser Umgang verlangt Mut.
Für mich war das keine Wellness. Es war eine Konfrontation. Mit dem Moment. Mit mir. Mit allem, was ich lieber ausgeblendet hätte.
1. Was ist Achtsamkeit in der DBT?
Achtsamkeit ist eine Grundhaltung. Sie bildet die Basisfertigkeit aller anderen DBT-Kompetenzen. Ziel ist, im Hier und Jetzt zu leben, ohne automatisch zu bewerten oder zu reagieren. Achtsamkeit heißt: mit den Sinnen, mit dem Verstand und mit der Erfahrung präsent sein.
2. Die drei „Was"-Fertigkeiten
a) Wahrnehmen
Erklärung: Der Aspekt Wahrnehmen innerhalb der DBT-Achtsamkeit bedeutet, sich ganz auf das einzulassen, was im jeweiligen Moment da ist – ohne zu werten, ohne zu fliehen, ohne zu reagieren. Es geht nicht nur um äußere Eindrücke, sondern auch um die eigenen Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen. Gedanken dürfen kommen und gehen, Gefühle werden nicht verdrängt, sondern beobachtet wie Wolken am Himmel oder Wellen im Ozean – mit einer offenen, ruhigen Haltung. Wahrnehmen heißt in der DBT: bewusst innehalten, hinspüren, ohne sich in Geschichten zu verlieren.
Mögliche Übung: Eine exemplarische Übung dazu ist die „Verkosterin": Man nimmt sich ein kleines Stück Essbares, etwa ein Salbeiblatt oder ein Stück Schokolade, setzt sich ruhig hin, schließt die Augen und widmet sich mit voller Aufmerksamkeit nur diesem einen Geschmackserlebnis. Man beobachtet, was im Mund geschieht, welche Empfindungen entstehen, wie sich der Geschmack entfaltet und verändert. Diese Übung schult nicht nur die Sinne, sondern auch die Fähigkeit, mit ganzer Präsenz im Moment zu sein – ohne zu eilen, ohne zu urteilen.
Persönliche Erfahrung damit: Schon das ist nicht einfach, diese Übung allerdings fiel mir von allen am leichtesten. Aber wenn du das beim Zähneputzen oder Aufräumen machst, erhöht sich der Schwierigkeitsgrad enorm... aber es gibt noch genug andere Aspekte der Achtsamkeit.
b) Beschreiben
Erklärung: Beschreiben heißt in diesem Zusammenhang: benennen, was ist, ohne es zu bewerten. Gedanken und Gefühle werden nicht weggeschoben oder analysiert, sondern sie bekommen schlicht eine Bezeichnung – und damit einen gewissen Abstand. Wer sagen kann: „Ein Gefühl von Ärger steigt in mir auf" statt „Ich sollte nicht wütend sein", hat den ersten Schritt zur emotionalen Selbstregulation bereits getan. Die Technik des Beschreibens hilft, nicht in Gedanken oder Gefühlen unterzugehen, sondern bewusst mit ihnen umzugehen. Man bleibt innerlich handlungsfähig – weil man Worte hat für das, was geschieht.
Mögliche Übung: Die Übung „Die Reporterin" lädt dazu ein, sich an einen belebten Ort zu setzen – mit dem Gedanken, man sei eine außerirdische Journalistin auf Forschungsreise. Ziel ist es, alles, was man sieht, hört und riecht, möglichst genau zu beschreiben, als hätte man keinerlei kulturelle Vorprägung. Warum hat dieser Mensch zum Beispiel ein Stück Stoff um den Hals? Was könnte dieses rollende Etwas (Auto) wohl bezwecken? Durch diesen spielerischen, distanzierten Blick wird die Fähigkeit geschult, Erlebnisse ohne sofortige Einordnung in Bedeutungszusammenhänge wahrzunehmen – und rein beschreibend zu bleiben.
Persönliche Erfahrung damit: Die Übung fühlt sich super strange an, aber beobachten, in Kombination mit „nicht bewerten" zu üben hilft ungemein. Es gibt 1000 Möglichkeiten für Übungen, man kann sich auch an einen ruhigen Ort setzen und versuchen alle Eindrücke zu diktieren, die man wahrnimmt, ohne Bewertungen natürlich.
c) Teilnehmen
Erklärung: Teilnehmen bedeutet in der DBT-Achtsamkeit, ganz im gegenwärtigen Moment aufzugehen – nicht als bloßer Beobachter oder stiller Denker, sondern im Erleben selbst. Der innere Abstand wird aufgegeben zugunsten eines unmittelbaren Dabeiseins, wie eine Tänzerin, die eins wird mit der Musik. Es geht darum, aktiv zu handeln, präsent zu sein und auf Automatismen zu verzichten. Gedanken wie „Ich kann das nicht" oder „Ich mache mich lächerlich" werden dabei losgelassen. Es wird nicht bewertet, nicht analysiert, nicht überlegt – sondern getan. Teilnehmen heißt: sich der Situation ganz zu überlassen, ohne Flucht in Grübelei oder Überwachung des eigenen Verhaltens.
Mögliche Übung: Eine typische DBT-Übung zum Teilnehmen ist das Balancieren eines rohen Eis. Man nimmt sich ein Ei, stellt es mit der flachen Seite auf eine Tischplatte und versucht, es zum Stehen zu bringen. Das erfordert Geduld, Konzentration und die Fähigkeit, mit auftauchenden Gedanken („Ich schaff das nicht!") umzugehen, ohne sich von ihnen stören zu lassen. Ziel ist es, ganz in der Tätigkeit aufzugehen, nicht im mentalen Kommentar dazu.
Persönliche Erfahrung damit: Das fiel mir auch recht leicht, ich kann mich gut in Tätigkeiten versenken, zumindest für eine ganze Weile, das nicht kommentieren hingegen... beinahe unmöglich. Aber nur beinahe und ich seit dem viel besser darin geworden.
3. Die drei „Wie"-Fertigkeiten
a) Nicht bewerten (annehmend)
Erklärung: „Annehmend" meint in der DBT, eine Situation so zu akzeptieren, wie sie ist – ohne sie sofort verändern, analysieren oder moralisch einordnen zu wollen. Es geht darum, das „So-Sein" der Dinge wahrzunehmen, ohne in die Schleife des Urteilens zu geraten. Gerade bei schwierigen oder schmerzhaften Erfahrungen bedeutet das: Man erkennt an, dass sie geschehen sind, ohne sie gutzuheißen oder zu verharmlosen. Die Annahme macht die Vergangenheit nicht ungeschehen, aber sie verhindert, dass man ihr dauerhaft Energie hinterherträgt.
Der zentrale Gegensatz zur Haltung des Annehmens ist das Bewerten. Sätze wie „Das darf nicht sein" oder „Das ist das Letzte" führen direkt in starke emotionale Reaktionen. In der DBT gilt deshalb das Prinzip: Don't judge – denn Bewertungen geben Gefühlen Macht. Wer nicht bewertet, bleibt handlungsfähig.
Persönliche Erfahrung damit: Ich quäle mich heute noch damit, es ist für mich in Gänze auch gar nicht erstrebenswert, aber als Übung um zu merken wie arg man bewertet klasse. Als grundsätzliche Haltung ist es sicher Gold wert, widerstrebt aber meinem Wesen.
b) Konzentriert
Erklärung: „Konzentriert" bedeutet in der DBT, seine gesamte Aufmerksamkeit bewusst und ausschließlich auf eine einzige Tätigkeit oder Erfahrung zu richten – ohne Multitasking, ohne Abschweifen. Wer isst, soll nur essen. Wer spricht, soll nur zuhören oder reden. Die Fähigkeit, ganz bei einer Sache zu bleiben, ist zentral für achtsames Leben.
Der Text betont: Konzentration ist kein starrer Zwang, sondern ein lebendiger Fokus. Ablenkungen – sei es durch Gedanken, Gefühle oder äußere Reize – sind unvermeidlich. Doch das Ziel ist, diese Ablenkungen wahrzunehmen, sie ziehen zu lassen und zur gewählten Tätigkeit zurückzukehren.
Auch äußere Störungen werden nicht als Feind gesehen, sondern als Übungsfeld: Wer gestört wird, kann das als Einladung verstehen, noch klarer bei sich zu bleiben.
Persönliche Erfahrung damit: Ganz klar am ehesten das, was im allgemeinen unter Achtsamkeit verstanden wird, sauschwer das beim Zähneputzen oder Staub wedeln durchzuziehen, aber es hilft wirklich. Teilweise sogar beim erkennen von Problemen im Ablauf der Tätigkeiten und beim Optimieren, es ist nicht dafür gedacht, aber das Hirn langweilt sich sonst.
Wann habt ihr das letzte Mal wirklich nur gegessen – ohne Handy, Musik, YouTube?
c) Wirkungsvoll
Erklärung: „Wirkungsvoll" zu handeln bedeutet in der DBT, nicht starr an Prinzipien, Idealen oder moralischen Kategorien wie „richtig" oder „gerecht" festzuhalten, sondern in einer konkreten Situation das zu tun, was tatsächlich funktioniert. Es geht darum, mit den vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten so zu agieren, dass das persönliche Ziel erreicht wird – auch wenn das bedeutet, auf Rache, Trotz oder das Bedürfnis nach Gerechtigkeit zu verzichten.
„Play the game" ist hier der Leitsatz: Spiele das Spiel des Lebens nach den realen Regeln, nicht nach dem, was du gerne hättest. Handle nicht aus Prinzip, sondern mit Blick auf Wirkung und Ziel.
Wirkungsvoll zu handeln heißt auch, die eigenen Emotionen nicht das Steuer übernehmen zu lassen. Ärger, Rachegefühle oder der Wunsch, jemandem „die Wahrheit zu sagen", mögen verständlich sein – sie bringen aber oft keinen Erfolg und schaden am Ende mehr, als sie nützen.
Persönliche Erfahrung damit: Das ist in meinem Spiel RPG „Real Life" der Skill „Pragmatismus First" geworden. Ich erkläre das Spiel und auch diese spezielle Fähigkeit ausführlich in der Geschichte dazu (Link siehe Kommentar).
Es ist ungemein hilfreich, wenn man zum Arzt muss, zum Einkaufen, Wäsche waschen... einfach Alltag bewältigen.
4. Warum Achtsamkeit so schwer ist
Ich hatte einen massiven Widerstand gegen Achtsamkeit in mir, fand es lächerlich, unangenehm oder beängstigend. Ich kam dort in einem Zustand hin in dem ich alles wollte, nur nicht wissen was grad im Moment mein IST-Zustand ist, medien- und ablenkungssüchtig bis zum Anschlag. Bei jeder Übung hatte ich so eine Art inneres Jucken, alles in mir schrie: „ICH WILL DAS NICHT!". Aber ich übte, ich war verzweifelt, es war also egal wenn es nervte. Option 2 war sich bald umbringen, das motiviert.
Im Endeffekt ist es eine unglaubliche Waffe im Arsenal der DBT und vielleicht sogar wirklich was sie behaupten: Der Schlüssel, damit diese Sichtweise wirkt.
Seid ihr motiviert genug um das Hirnjucken zu überwinden?
5. Warum sich Achtsamkeit trotzdem lohnt
Durch Achtsamkeit gewinnt man wertvolle Sekunden. Um runterzukommen, aus altem Erleben raus, aus Wut raus, aus Verzweiflung, aus Überforderung.... Wer achtsam ist, gewinnt wieder Kontrolle – nicht durch Macht oder Unterdrückung, sondern durch Besinnung auf den Moment und was ich gerade ändern kann und was ich erstmal akzeptieren muss. Gerade bei intensiven Gefühlen entsteht durch Achtsamkeit die Distanz, die nötig ist, um zu erkennen: Ich habe ein Gefühl, ich bin nicht das Gefühl. Diese Differenzierung allein kann schon schon DEN Unterschied machen.
Wer dagegen mehrere Dinge gleichzeitig tut, verliert diesen Zugang. Multitasking führt zum sogenannten Autopiloten-Modus: Die Wahrnehmung wird flach, man nimmt sich selbst schwächer wahr. Gedanken wandern in Vergangenheit oder Zukunft, während das gegenwärtige Erleben immer seltener und leiser wird. Achtsamkeit bringt uns zurück ins Jetzt – und nur dort, im Hier und Jetzt, ist wirkliches Leben möglich. Nur Jetzt ist Veränderung möglich.
6. Atemübungen
Natürlich gibt es die auch, natürlich gehören sie zur Achtsamkeit. Keine davon halte ich aus. Ich hab ChatGPT eine auswählen lassen. Möge sie euch mehr helfen als mir.
Atemübung: Bei dieser Übung sitzt man ruhig, entweder auf dem Boden oder auf einem Stuhl, und richtet seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf den Atem. Ziel ist es, das Ein- und Ausatmen mit inneren Zählhilfen zu begleiten. Beim Einatmen denkt man: „Ich atme ein, eins", beim Ausatmen: „Ich atme aus, eins." Dann: „Ich atme ein, zwei" usw., bis zehn. Wenn man sich verzählt oder abgelenkt wird, beginnt man wieder bei eins. Die Übung dauert etwa fünf Minuten und trainiert die Fähigkeit, bewusst in einem Fokus zu bleiben. Sie schult nicht nur Konzentration, sondern auch Geduld mit sich selbst – denn das Zurückkehren zum Atem ist kein „Versagen", sondern integraler Teil der Übung.
Habt ihr schon mal versucht, beim Atmen zu zählen? Und wie schnell hat euer Kopf angefangen, stattdessen den Einkaufszettel zu planen?
Fazit
Achtsamkeit nervt, Achtsamkeit ist anstrengend, Achtsamkeit ist das Gegenteil von dem wie mein Hirn funktionieren WILL.
Achtsamkeit hilft aber!
Und wie geht's euch damit? Welche Achtsamkeitsübung funktioniert bei euch – und welche treibt euch in den Wahnsinn?
Public Domain: Teilen erlaubt. Wenn's hilft, nimm's.
(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)
DBT - Stresstoleranz
Stresstoleranz – Ein persönlicher Überblick
Ich werde in diesem Modul stark kürzen, denn viele Sachen sind eher für BorderlinerInnen relevant. Sollte aber jemand Fragen zu diesen Teilen des Moduls haben, antworte ich wirklich gern darauf. Viele Skills sind zur Krisenbewältigung unter Hochstress gedacht, wenn man vor Wut, Scham oder Angst nicht mehr denken kann. Ich hoffe die meisten Menschen erleben das nicht so oft im Alltag.
Manche Aspekte werde ich näher erläutern, weil sie jedem Menschen Nutzen bringen können, es sei denn man wendet sie eh schon an, ohne gewusst zu haben, dass sie in einem verhaltenstherapeutisches Konzept vorkommen, sie sind nämlich schlicht logisch und haben mir persönlich schon sehr oft geholfen.
1. Pro und Contra – Denken mit klarem Kopf
Es klingt simpel: Man macht sich eine Liste. Was spricht dafür? Was dagegen? Ob es um Chips, Bier, eine Trennung oder das erneute Melden bei einem Ex geht – der Pro-und-Contra-Skill zwingt einen dazu, vom Impuls zurück in den Verstand zu kommen. Er funktioniert nur, wenn man überhaupt wieder denken kann. Deshalb gehört er zwar zur Stresstoleranz, aber nicht in die Spitze der Notfallpyramide – sondern dorthin, wo man bereits halbwegs wieder Zugriff auf sich hat. Ich nutze ihn regelmäßig: bei Kaufentscheidungen, beim Umgang mit Frust, manchmal auch bei Suchtimpulsen. Es geht dabei nicht um das „richtige" Ergebnis. Es geht darum, bewusst zu handeln – und die Konsequenzen zu tragen.
2. Anti-Craving-Skills – Wenn das Verlangen klopft
Die Anti-Craving-Skills sind vermutlich das, was ich mir für jede Suchtklinik wünschen würde. Sie helfen nicht, wenn man kurz davor ist, sich zu betäuben – aber sie helfen, bevor es soweit kommt. Mich persönlich sprechen besonders die Ideen an, wie man das eigene Verlangen „ableiten" kann: durch körperliche Gegenreize, durch Provokation, durch Humor, durch radikale Reizunterbrechung. Auch das sogenannte „Abreiten" – also ein inneres Wellenreiten durch das Craving (Verlangen) hindurch – finde ich hilfreich. Es ist schwer, aber möglich. Jedes Verlangen lässt nach, Alkoholiker kennen es als „heute nicht". Für mich liegt hier der größte Schatz des Moduls.
Denn man weiß eigentlich das jedes Verlangen auch wieder abflaut, man weiß vielleicht sogar, dass wenn man das 20te Mal widerstanden hat, das Widerstehen leichter wird. Wenn man es sich bewusst macht, hat man das Konzept von Verhaltenstherapie verstanden.
3. Zugangskanäle und Skillsketten – Wieder ins Denken kommen
Das ist ein entscheidender Punkt, den viele nicht sehen: Man kann nicht denken, wenn man überflutet ist. Die DBT schlägt vor, den Körper, die Sinne, die Atmung und/oder das Verhalten zu nutzen, um den Kanal wieder freizulegen. Ich finde das Bild treffend: Man muss das unter der Emotion begrabene Denken freischaufeln, bevor man kognitive Skills wie Pro-und-Contra überhaupt nutzen kann. Dazu gehören Skillsketten – vom eiskalten Duschen bis zum gezielten Einsatz von Duft, Musik oder Bewegung. Für neurodiverse Menschen sind diese Tools überlebenswichtig.
Für alle anderen hoffentlich nicht oft notwendig, deshalb hier keine weitere Differenzierung.
4. Radikale Akzeptanz – Der unpopulärste, aber sehr wichtige Skill
Dieser Skill ist einer der schwersten, aber auch einer der stärksten. Ich habe dazu eigene Seiten aus dem Manual entnommen – so wichtig ist er für mich geworden. Radikale Akzeptanz bedeutet nicht Zustimmung. Sie bedeutet: Es ist, wie es ist. Selbst wenn es ungerecht, schmerzhaft oder falsch erscheint – es ist Realität. Die Kraft liegt im Annehmen, nicht im Auflehnen. Erst wenn man nicht mehr gegen die Realität kämpft, hat man die Hände frei, sie zu gestalten.
Es heißt nicht nur Annehmen des äußeren IST-Zustandes (wenn zumindest momentan unabänderlich), sondern auch der Gefühle dazu.
Beispiel:
Du bist durch eine sehr wichtige Prüfung gefallen, du hast Scham-/Schuldgefühle deswegen. → Das ist so. Du kannst es nicht mehr ändern. Nimm an dass es passiert ist, akzeptiere dass du dich schlecht fühlst deswegen, dass ist nur menschlich. Dann kannst du deine Gedanken wieder auf das Hier und Jetzt lenken und schauen was du aktuell verbessern kannst.
Dieser Skill klingt so banal: Akzeptiere was du nicht ändern kannst... aber die Beispiele kann man beliebig schlimm machen, überlasse ich eurer Phantasie.
Man kann radikale Akzeptanz auch „missbrauchen".
Beispiel:
Ich schneide mich, ich schäme mich deshalb. Ich akzeptiere das voll und ganz.
Fehler hier bei ist: Der IST-Zustand ist nicht unabänderlich.
5. Entscheidung für einen neuen Weg – Der Anfang vom Danach
Viele Übungen in diesem Modul drehen sich darum, sich für etwas Neues zu entscheiden – auch wenn der alte Weg vertraut war. Besonders eindrücklich fand ich das Bild: „Da wo die Angst ist, da geht's lang." Ich kenne diesen Moment gut – der Moment, in dem man merkt, dass es keinen Zurück gibt. Der Moment, in dem man sich entscheiden muss, ob man lebt oder sich verliert.
Mittlerweile entscheide ich gar nicht mehr danach ob mich etwas ängstigt, oder ich mich danach schämen werde – denn das wäre beinahe immer. Sondern bei „dummen Ideen" nach folgender Matrix:
Schadet es mir? → weiter wenn nein
Schadet es anderen direkt? → weiter wenn nein
Kann ich es mir leisten? → weiter wenn ja
Ergebnis: Hisst die Segel, wir stechen in See.
6. Innere Bereitschaft – Nicht mit dem Kopfdurch die Wand
Ein weiterer zentraler Skill ist die sogenannte „Innere Bereitschaft". Ich mochte den Gegensatz dazu: „Mit dem Kopf durch die Wand". Innere Bereitschaft heißt, zu tun, was notwendig und möglich ist – nicht, was man gerne täte. Sie ist kein Gefühl, sondern eine Haltung. Ich übe, ich übe... mein Kopf mag Wände... ich übe.
7. Leichtes Lächeln – Ja, wirklich
Klingt nach Wellness? Ist es nicht. Das „leichte Lächeln" ist kein Zwangsgrinsen, sondern eine körperliche Mikroveränderung, die ein kleines bisschen Platz macht im Kopf. Für den nächsten Atemzug. Für das nächste „Ich bin noch da." Ich war skeptisch. Ich hab's ausprobiert. Es hilft.
Wenn du denkst das sieht dumm aus, weil du grad draußen bist: Mach dir Kopfhörer ins Ohr, dann kannst du lauthals lachen, keiner wird dich für seltsam halten. Manchmal mag ich unsere Zeit.
Fazit
Obwohl dieses Modul eher zur Krisenbewältigung gedacht ist, ist glaube ich für jeden was dabei ansonsten einfach skippen. Das ist auch in der therapeutischen Anwendung nur ein Werkzeugkoffer, nehmt euch was ihr braucht. Hier ist es das noch 10 Mal mehr.
Glossar
DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie):
Ein Therapieansatz, der ursprünglich für Menschen mit Borderline-Störung entwickelt wurde. Kombiniert Verhaltensanalyse, Achtsamkeit, Akzeptanz und Skills-Training. Inzwischen auch für viele andere Störungen und Alltagsthemen hilfreich.
Neurodivers / neurokonform:
„Neurodivers" meint Menschen mit anderen neurologischen oder psychischen Verarbeitungsmustern (z. B. Autismus, ADHS, Borderline). „Neurokonform" meint Menschen ohne diese Besonderheiten – im Sinne der Norm.
Skill:
Ein erlernbarer, konkreter Handgriff für den Kopf – Fähigkeit oder Fertigkeit. Meistens eine Methode, um mit Gefühlen, Gedanken oder Verhalten besser klarzukommen. In der DBT oft auch körperlich, praktisch, direkt.
Stresstoleranz:
Ein Modul der DBT, das sich damit beschäftigt, wie man akuten Stress aushält, ohne sich oder andere zu schädigen. Es geht nicht darum, Probleme zu lösen – sondern sie zu überstehen.
Pro-und-Contra-Skill:
Ein klassisches Abwägen von Vor- und Nachteilen – schriftlich oder im Kopf. Ziel ist, das emotionale Chaos zu sortieren und bewusste Entscheidungen zu treffen.
Craving:
Heftiges Verlangen – meist nach etwas Schädlichem (Drogen, Alkohol, Glücksspiel, Selbstverletzung, Exfreund). Kein harmloser Appetit, sondern ein Sog. Kann körperlich und mental auftreten.
Anti-Craving-Skills:
Methoden, um Verlangen zu vermeiden oder auszuhalten. Reizunterbrechung, Reizumleitung oder „Wellenreiten" gehören dazu. Ziel: Nicht handeln – obwohl es zieht.
Wellenreiten (im übertragenen Sinn):
Ein inneres Bild für das Aushalten: Das Verlangen oder die Emotion ist wie eine Welle – sie baut sich auf, bricht, klingt ab. Aufgabe: Nicht gegen die Welle kämpfen, sondern mit ihr gehen, bis sie vorüber ist.
Zugangskanäle:
Verschiedene Wege, um wieder ins Denken zu kommen: über die Sinne, den Körper, das Verhalten oder gezielte Wahrnehmung. Die Idee: Wer überflutet ist, muss zuerst wieder klar werden, bevor er nachdenken kann.
Skillskette:
Mehrere aufeinanderfolgende Skills, die zusammenwirken – etwa: Eiswürfel → Atmen → Duftöl → Musik → Gespräch. Ziel: Wieder handlungsfähig werden, Schritt für Schritt.
Radikale Akzeptanz:
Annahme des Ist-Zustands, auch wenn er wehtut. Es geht nicht darum, etwas gut zu finden – sondern es nicht mehr zu bekämpfen. Nur dann wird Energie frei für Veränderung.
Innere Bereitschaft:
Die Entscheidung, etwas wirklich zu tun – ohne Widerstand, ohne Diskussion, ohne Drama. Auch wenn es keinen Bock macht. Der innere Schalter: Ich mache es trotzdem.
Leichtes Lächeln:
Ein winziges, bewusstes Lächeln – nicht zum Verstellen, sondern zum Regulieren. Körperhaltung beeinflusst Gefühle. Das funktioniert oft subtiler als gedacht.
Notfallpyramide:
Ein Bild aus der DBT: Ganz unten sind die Skills, die bei höchster emotionaler Überflutung helfen (z. B. Kälte, Bewegung). Je höher man kommt, desto mehr Denken ist wieder möglich – bis oben z. B. Pro-und-Contra oder Akzeptanz-Skills greifen.
Public Domain: Teilen erlaubt. Wenn's hilft, nimm's.
(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)
DBT- Umgang mit Gefühlen
DBT- Umgang mit Gefühlen Einleitung
Der Homo sapiens ist immer noch der Homo sapiens. Wir sind entstanden, als unsere Lebensbedingungen noch völlig anders waren als heute... kämpfen oder fliehen oft Leben oder Tod bedeutete. Heute bedeutet es auch manchmal noch, aber nicht in diesem Maße wie zu der Zeit, als unsere Spezies entstand.
Wut und Angst, Kampf oder Flucht, können unser logisches Denken, unsere Fähigkeit strukturiert zu handeln, komplett lahm legen. Man kann lernen, da dazwischen zu gehen, aber es ist schwer zu erlernen, aber bei genau diesen beiden Emotionen ist sehr viel schwerer als bei Scham zum Beispiel. Scham kann eine enorme Belastung sein, sogar lange Zeit meine größte, aber Angst und Wut fühlen sich oft nach existenzieller Bedrohung an und da ist das Denken erst mal ausgeschaltet.
Deshalb picken wir uns unsere archaischsten Begleiter als Beispiele zum Erklären des spezifischen Emotion-Modells heraus.
Ziele des Moduls „Umgang mit Gefühlen"
Menschen mit der Borderline-Störung vereint besonders ein stark gesteigertes emotionales Empfinden und eine Störung der Emotionsregulation, aber wie in der Einleitung beschrieben können Emotionen bei uns allen das höhere Denken zu leise werden lassen.
Im Modul geht es darum den Handlungsimpuls kontrollieren zu können und nicht darum Gefühle zu unterdrücken.
Man kann hier lernen...
... Gefühle zu beobachten, zu beschreiben und ihre Bedeutungen und Auswirkungen zu verstehen
... emotionale Verwundbarkeit zu reduzieren und positiven Gefühlen mehr Raum zu geben
... emotionales Leiden zu verringern
Was wissen wir über Emotionen?
Emotionen sind Reaktionen – manchmal angeboren, manchmal gelernt – auf Dinge, die wir erleben oder wahrnehmen. Sie kommen oft schnell, ohne dass wir viel darüber nachdenken. Manchmal reicht ein Blick, ein Wort, ein Geräusch, und schon ist da ein Gefühl. Diese Gefühle bringen uns oft dazu, etwas zu tun – oder eben nicht zu tun. Sie schieben uns innerlich an, in eine Richtung, oder mehrere gleichzeitig, wenn man Pech hat.
Man kann grob zwischen zwei Dingen unterscheiden: Emotionen und Stimmungen. Emotionen sind wie Wetter – sie kommen und gehen oft sehr schnell. Stimmungen sind eher wie das Klima – sie bleiben länger, sind aber meist weniger heftig.
Emotionen wirken auf verschiedene Arten:
– Sie machen uns lebendig, weil sie mit körperlicher Energie verbunden sind. Man merkt oft richtig, wie sie den Körper mit Spannung oder Aktivität füllen.
– Sie sorgen dafür, dass wir handeln wollen – oft sofort, manchmal unüberlegt.
– Sie helfen uns aber auch dabei, uns vorzubereiten: Wir meiden das, was Angst macht, und suchen das, was gut tut.
– Sie wirken nach außen: Menschen sehen uns an, was wir fühlen – an Gesicht, Haltung, Stimme. Manchmal spricht der Körper schneller als der Mund.
– Sie wirken nach innen: Unsere Gefühle sagen uns oft, wie gefährlich oder wie wichtig uns eine Situation ist. Wenn wir Angst haben, glaubt zumindest ein Teil von uns, dass gerade echte Gefahr besteht – manchmal hat er Recht, öfter mal auch nicht.
Emotionen können also extrem hilfreich sein – aber auch hinderlich, wenn sie zu stark oder zu schnell kommen. Und genau darum geht's in der DBT: nicht Gefühle loswerden, sondern lernen „Kapitän auf dem eigenen Schiff zu bleiben".
Das allgemeine Emotionsmodell
Damit wir überhaupt ein Gefühl spüren, braucht es einen Auslöser. Das kann etwas sein, das wir sehen, hören, riechen – oder auch einfach ein Gedanke oder eine Erinnerung. Ob wir überhaupt so empfindlich reagieren, hängt davon ab, wie verwundbar wir gerade sind. Wenig geschlafen, krank, gereizt – das alles kann unsere emotionale Schwelle massiv senken (siehe den Text „der Fleischroboter" aus dem RPG „Real Life", Link im Kommentar). Die DBT nennt das „emotionale Verwundbarkeit". Ist sie hoch, reicht manchmal schon ein schiefer Blick, und wir explodieren innerlich.
Das ist eigentlich etwas so logisches, das jeder Mensch es schon erfahren hat, trotzdem passiert es einem, trotzdem kann man lernen mehr auf sich zu achten in dieser Hinsicht.
Dann kommt das, was man das primäre emotionale Netz nennt. Klingt kompliziert, ist aber nur die erste emotionale Reaktion – noch ziemlich roh, ungefiltert. Sie besteht aus mehreren Teilen: dem eigentlichen Gefühl (z. B. Angst oder Wut), der Wahrnehmung (worauf fokussiere ich mich gerade?), der Körperreaktion (Herzrasen, Muskelanspannung, Magenkrampf), bestimmten Gedanken (oft blitzschnell, manchmal dumm, manchmal berechtigt) und einem Handlungsimpuls – also der inneren Stimme, die ruft: „Hau ab! Sag was! Schrei!".
Manchmal bleibt es dabei. Aber oft passiert noch mehr – und das nennt sich dann das sekundäre emotionale Netz. Das springt an, wenn alte Erfahrungen, Erinnerungen oder feste innere Überzeugungen sich mit der aktuellen Situation verknüpfen. Man denkt vielleicht gar nicht bewusst an früher – aber innerlich ist die Brücke längst gebaut. Die Gefühle werden stärker, die Gedanken strenger, der Drang zu handeln noch größer. Und man ist nicht mehr nur im Hier und Jetzt, sondern mitten in einem alten Muster.
Das passiert bei Menschen mit traumatischen Kindheitserfahrungen (durch die eine Persönlichkeitsstörung überhaupt erst entsteht) leider häufiger, oft sogar unbewusst. Dennoch glaube ich das auch hier neurokonforme Menschen so etwas erleben können.
Wichtig ist, dieses sekundäre Netz ist nicht ohne Grund entstanden, diese „erlernte Emotion" war mal sinnvoll, vielleicht überlebenswichtig für dich gewesen.
Beide Netzwerke – das erste direkte Gefühl und das alte, mitgebrachte – beeinflussen, wie wir uns verhalten. Und jedes Verhalten hat Konsequenzen. Manche merken wir sofort. Andere schleichen sich ein. Manche helfen uns weiter. Andere halten uns genau da fest, wo wir schon viel zu lange sind.
Vorsicht Falle: Gegenwärtige Wirklichkeit und vergangenes Erleben
Es gibt Momente, in denen fühlt sich ein Gefühl absolut stimmig an – und trotzdem hat es mit der Realität kaum noch etwas zu tun. Das liegt oft daran, dass wir unbewusst über eine Art emotionale Brücke von der aktuellen Situation in alte innere Muster geraten sind. Diese Brücke besteht aus sogenannten „Glaubenssätzen" – also tief verankerten Überzeugungen, die wir früher einmal verinnerlicht haben. Zum Beispiel: „Ich darf nicht wütend sein", „Ich bin schuld", „Ich bin nichts wert". Wenn diese Glaubenssätze aktiviert werden, fühlen, denken und handeln wir plötzlich, als wären wir wieder mitten in einer alten, längst vergangenen Geschichte.
Die Arbeit an diesen Glaubensätzen ist der vielleicht sogar der wichtigste Teil der DBT für eine*n Borderliner*in, weil sie unglaublich stark, zahlreich und abwertend sein können.
Und das ist gefährlich, weil unser Körper und unser inneres Erleben nicht mehr zwischen früher und heute unterscheidet. Die Gefühle sind zwar echt, aber sie gehören nicht mehr zur gegenwärtigen Wirklichkeit – sondern zu einem alten „Schema", das irgendwann einmal hilfreich war. In der Gegenwart kann es uns aber schaden, weil es nicht mehr passt.
Die DBT stellt hier die entscheidende Frage:
Wie merke ich überhaupt, dass ich in diesem alten Erleben gelandet bin?
Es ist gar nicht so leicht, denn Gefühle aus der Gegenwart und Gefühle aus dem alten Netz fühlen sich oft ähnlich an. Deshalb helfen konkrete Fragen:
Wie nennt man dieses alte Gefühlsmuster? (z. B. „kleines Kind, das verlassen wird")
Welche Gedanken, Körperreaktionen, Handlungsimpulse gehören immer wieder dazu?
Gibt es ein typisches Erkennungszeichen?
Und vor allem:
Wie komme ich wieder zurück in die Gegenwart?
Ein paar praktische Strategien:
Die Realität checken: Was ist heute anders als früher?
Den zentralen Impuls schwächen (z. B. durch entgegengesetztes Handeln)
Sich bewusst machen, welche Möglichkeiten man heute hat – und dass man mehr ist als das alte Gefühlsmuster
Manchmal hilft es, sich die Umgebung bewusst zu beschreiben, andere Menschen zu beobachten oder die eigene Reaktion zu hinterfragen:
Was würde ein anderer an meiner Stelle denken oder tun?
Und auch ganz simpel: den Satz wiederholen „Das ist heute. Ich bin jetzt erwachsen. Ich bin nicht mehr dort."
Wichtig ist: Diese alten Reaktionsmuster sind nicht aus Bosheit entstanden. Sie haben uns früher geholfen. Aber heute darf man sie hinterfragen. Und genau das tut man, wenn man seine Glaubenssätze unter die Lupe nimmt:
Wann war dieser Gedanke mal sinnvoll?
Was hat sich seither verändert?
Wann hilft mir dieser Gedanke – und wann schadet er mir?
Wie könnte ich denselben Satz heute anders formulieren?
Diese Fragen helfen, alte Muster zu entschärfen und neue Wege im Denken zu entwickeln.
Das emotionale Netz
Eine Emotion steht nie für sich allein. Wenn sie aktiviert ist, wirkt sie auf vier Ebenen gleichzeitig:
Wahrnehmung: Wir sehen die Welt durch das „Licht der Emotion". Bei Angst z. B. wirken harmlose Menschen plötzlich bedrohlich.
Denken: Unsere Gedanken richten sich auf Erinnerungen, die zum Gefühl passen. Je stärker das Gefühl, desto mehr werden diese Gedanken aktiviert – auch wenn sie uns nicht unbedingt helfen.
Körperreaktionen: Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, die Atmung verändert sich. Der Körper will handeln.
Handlungsdrang: Zu jeder Emotion gehört ein Impuls – fliehen, angreifen, verteidigen, um Hilfe bitten... Wir sind innerlich auf Aktion programmiert.
Je mehr dieser vier Ebenen gleichzeitig anspringen, desto intensiver wird die Emotion erlebt. Man kann diesen Effekt aber auch umkehren: Wenn man z. B. eine Ebene bewusst verändert, schwächt man die gesamte Emotion.
Das funktioniert auch in beide Richtungen. Wer das Gefühl verstärken will – zum Beispiel, weil man sich in der Einsamkeit suhlen möchte – der legt traurige Musik auf, schaut Fotos, denkt an Vergangenes, verzieht das Gesicht entsprechend und zieht sich zurück. Alle vier Ebenen verstärken dann das Gefühl.
Wer das Gefühl abschwächen will, kann den Spieß umdrehen: Statt trauriger Musik lieber etwas fröhlicheres (bei mir ist Musik DIE Zugangsart um meine Emotionen zu steuern, ich habe Spotify-Listen für jedes Gefühl, meist eine zum verstärken, eine zum abschwächen). Statt sich zu verkriechen lieber aufstehen, bewusst anders atmen, die Haltung verändern. Oder sich sagen: „Ich habe Freunde. Ich bin nicht allein." Selbst wenn es sich erst mal falsch anfühlt – der Körper merkt den Unterschied, und die Emotion reagiert darauf.
Das emotionale Netz ist also kein Schicksal, sondern eine Struktur – und Strukturen kann man beeinflussen.
Das spezifische Emotionsmodell – und warum es so wichtig ist, das zu verstehen
Emotionen sind keine zufälligen Gefühlsschwankungen. Sie haben ein System. Und dieses System hat verdammt gute Gründe. Manche Emotionen teilen wir mit Tieren – Angst, Wut, Ekel, Lust. Andere sind typisch menschlich – Schuld, Scham, Stolz. Aber egal, woher sie kommen: Jede dieser Emotionen will etwas. Jede drängt uns in eine bestimmte Richtung. Und das nicht ohne Grund. Es geht bei Emotionen also nie nur darum, wie sich etwas anfühlt – sondern immer auch darum, wozu es uns bringt.
Was sich wie ein Nachteil anfühlen kann („Ich reagiere immer zu krass!"), ist in Wahrheit ein hochentwickelter Mechanismus: Wir bewerten eine Situation, meistens ohne es zu merken, und diese Bewertung ruft eine bestimmte Emotion hervor. Nehmen wir Schuld: Wenn wir das Gefühl haben, gegen ein moralisches Gebot verstoßen zu haben, dann meldet sich Schuld. Und das nicht einfach, um uns zu quälen – sondern damit wir das Verhalten überdenken, reparieren oder es in Zukunft vermeiden.
Das gilt für alle Emotionen. Jede hat ihren „typischen Auslöser", ihren eigenen körperlichen Ausdruck, eine bestimmte Denkweise und einen ganz konkreten Handlungsimpuls. Das ist das sogenannte emotionale Netz. Wenn du also mal wieder merkst, dass du impulsiv wirst, hilft es oft nicht, nur auf das Gefühl zu schauen – du musst auch die Gedanken, Körperreaktionen und Handlungsimpulse drumherum anschauen. Das ganze Netz.
Und ja, manchmal geht das Netz auch an, obwohl es gar nicht mehr passt. Vielleicht war das früher sinnvoll – aber heute bringt es dich nur in Schwierigkeiten. Deshalb ist der zweite große Teil dieses Modells auch so wichtig: Prüfen, ob die Emotion überhaupt gerechtfertigt ist.
Und das ist nicht so leicht. Denn subjektiv ist JEDE Emotion echt. Deshalb hilft ein kleiner Trick: Frag dich, wie eine gute Freundin oder ein guter Freund – jemand mit klarem Kopf – die Situation sehen würde. In der DBT nennt man das den „Helden des Alltags". Also: Wenn du dich z. B. schämst – würde dein Held oder deine Heldin sich auch schämen in dieser Situation? Oder würde er/sie eher sagen: „Das war doch gar nicht so schlimm"?
Wenn du herausfindest, dass die Emotion gerade nicht zu deiner Situation passt – dann kannst du sie abschwächen. Und dafür gibt's wieder Skills. Der wichtigste heißt: entgegengesetztes Handeln. Also genau das tun, was das Gefühl dir eigentlich verbieten will. Nicht davonlaufen, sondern bleiben. Nicht dich kleinmachen, sondern gerade stehen. Nicht nachgeben, sondern atmen und prüfen.
Emotionen sind also keine Feinde. Sie sind ziemlich schlaue Helfer – wenn man lernt, sie zu verstehen. Und wenn sie zu stark werden oder nicht passen, gibt's Wege, sie zu regulieren. Man muss nur wissen, wie.
Bemerkung an dieser Stelle: Mittlerweile ist meine Borderline-Diagnose nicht mehr gesichert, aber zu heftige Emotionen und deren Regulation SIND ein starkes Problem von mir, egal welchen Eintrag laut ICD-10 ich momentan habe und die Inhalte des Moduls „ Umgang mit Gefühlen" zu üben hat mir unglaublich geholfen. Ich hoffe noch mehr Leuten.
Angst und Wut als Beispiele
Ich kann gern Sachen zu Neid, Lust, Stolz, Scham, Verachtung, Trauer usw. raus suchen, schreibt einfach in die Kommentare. Aber wie eingangs beschrieben, Angst und Wut sind derart essentielle Gefühle, das man es an ihnen gut erklären kann.
Spezifische Emotion: Angst
Angst ist eine von diesen Grundemotionen, die man nicht erklären muss – weil sie jeder kennt. Manchmal wünscht man sich, man könnte sie loswerden, aber biologisch gesehen ist sie ein ziemlich ausgereiftes Alarmsystem.
In Star Trek – Der erste Kontakt gibt es eine Szene, in der Data (ein Android – Erklärung für Nicht-Nerds), zum ersten Mal mit echter Angst konfrontiert, feststellt, dass dieses Gefühl zwar spannend, aber auch extrem störend ist. Captain Picard rät ihm daraufhin, den Emotionschip vorübergehend zu deaktivieren. Data tut das – und Picard murmelt: „Manchmal beneide ich Sie darum."
Alle höheren Tiere kennen sie, und beim Homo sapiens wurde sie mit einem extra Upgrade versehen: Sie kann lernen. Wir speichern automatisch Situationen ab, in denen wir Angst hatten – nicht rational, sondern körperlich. Herzklopfen, Enge in der Brust, verkrampfte Muskeln, flache Atmung, Tunnelblick: Das ganze System fährt hoch, auch wenn wir gar nicht mehr in der ursprünglichen Gefahrensituation sind.
Besonders gemein ist, dass die Angst nicht unbedingt logisch sein muss. Es reicht, wenn dein Körper irgendwas wiedererkennt – einen Geruch, einen Ton, ein Gefühl. Schon wird aus einer halbwegs harmlosen Situation plötzlich Alarmstufe Rot. Wer das kennt, weiß: Die Angst kommt oft schneller als der Gedanke. Und wenn sie stark genug ist, kann sie dich lahmlegen – wortwörtlich. Dissoziation, Sprachblockaden, das Gefühl, sich nicht mehr bewegen zu können. Das ist kein „sich anstellen", das ist Biochemie.
Was löst Angst aus? Eigentlich alles, was mit Kontrollverlust, Verletzlichkeit oder sozialer Bedrohung zu tun hat: Alleinsein, Dunkelheit, Enge, die Vorstellung, ausgelacht oder bloßgestellt zu werden. Angst muss nicht immer realistisch sein, aber sie fühlt sich real an. Deshalb ist es so wichtig, zu unterscheiden: Ist die Angst begründet? Bin ich wirklich in Gefahr oder reagiert mein System auf alte Muster?
Sinnvoll mit Angst umgehen heißt nicht: keine Angst mehr haben.
Sinnvoll damit umgehen heißt, sich Hilfe zu holen, zu kommunizieren, zu flüchten – wenn's wirklich nötig ist. Oder: sich der Angst zu stellen, wenn sie dich nur an Altem festhält. Dafür gibt es in der DBT ein ziemlich robustes Toolset: „Entgegengesetztes Handeln" ist eines davon. Das heißt: Nicht weglaufen, sondern bleiben. Nicht verstecken, sondern aufrichten. Nicht zusammenkauern, sondern Schultern zurück, Fäuste ballen, atmen. Und ja, es fühlt sich seltsam an. Es fühlt sich „nicht stimmig" an – aber genau das ist das Ziel. Du unterbrichst die Rückkopplungsschleife aus Körper und Gefühl.
Wer regelmäßig übt, kann lernen, sich mit der Angst zu bewegen, statt von ihr gelähmt zu werden. Und wer herausfindet, ob die Angst zur Situation passt oder aus alten Scripts kommt, der kann sie nicht nur abschwächen, sondern auch nutzen. Denn Angst ist nicht der Feind – sie ist ein verdammt gutes Frühwarnsystem. Aber du bist der Kapitän. Nicht der Rauchmelder.
WICHTIG!: Wenn Angst begründet ist - besonders wenn es um körperliche Bedrohung - geht, dann ist ihr entsprechend handeln absolut legitim.
Spezifische Emotion: Wut
Grundlagen:
Wut und Ärger entstehen immer dann, wenn eigene Ziele oder Bedürfnisse blockiert oder bedroht werden – sei es durch andere Menschen oder äußere Umstände. Wut ist keine „schlechte" Emotion, sondern evolutionär sinnvoll: Sie aktiviert unsere körperlichen und psychischen Verteidigungsmechanismen, um Ziele zu verteidigen oder wieder zu erreichen. Ohne Wut wäre zielgerichtetes Handeln in kritischen Situationen kaum möglich. Dennoch führt unkontrollierte oder impulsiv gelebte Wut häufig zu negativen Konsequenzen – besonders bei Menschen mit gestörter Emotionsregulation.
Typische Auslöser und Wahrnehmung:
Wut entsteht z. B. bei Ungerechtigkeit, Kontrollverlust oder wenn einem Unrecht geschieht. Die Wahrnehmung wird eng auf das „Bedrohliche" oder „Ungerechte" fokussiert. Man ist in Gedanken bei dem, was „einem angetan" wurde, und es entsteht das Gefühl, „es reicht jetzt" oder „ich will zurückschlagen".
Körperreaktion:
Wut aktiviert typische Muskelanspannungen – besonders im Kiefer, Nacken und Oberkörper. Die Schultern werden gehoben, die Fäuste geballt, das Gesicht heiß. Auch das Herz-Kreislaufsystem wird aktiviert. Bei manchen entsteht gleichzeitig die Bereitschaft zu weinen – Ausdruck emotionaler Überforderung.
Handlungsdrang:
Die Bereitschaft, verbal oder körperlich anzugreifen, steigt. Menschen neigen dazu, laut zu werden, sich zu streiten oder Dinge zu zerstören. Aggressive Fantasien oder Rachepläne sind typische Begleiter. Manche verlassen impulsiv die Situation.
Ausdruck und Folgegefühle:
Die Körpersprache ist oft eindeutig: konfrontierend, abweisend, gereizt. Sarkasmus, Schimpfwörter oder herabwürdigende Kommentare treten häufig auf. Wird die Wut erfolgreich ausgedrückt, folgt Erleichterung. Bleibt sie blockiert oder eskaliert sie, sind Scham, Angst oder Schuld häufige Folgegefühle.
Wann ist Wut angemessen?
Immer dann, wenn man sich zu Recht verletzt oder blockiert fühlt – also wenn das Ziel realistisch, bedeutend und aktuell war. Nicht jede Wut muss voll aus-agiert werden. Oft ist es sinnvoll, die Intensität zu dosieren und strategisch zu handeln, statt zu explodieren.
Und wenn man weiß, dass man in einem Gespräch eh nicht mehr erreichen kann, ist ein mit leichtem Lächeln gesagtes und herrlich dialektisches: „Du hast Recht. Ich auch." auch eine Art Befriedigung.
Umgang mit Wut – was hilft konkret?
– Entgegengesetztes Handeln: Ruhiges Atmen, entspannte Körperhaltung, mildes Lächeln, freundliche Gesten.
– Entgegengesetztes Denken: Perspektivwechsel: „Was könnte mir diese Person nützen?", „Welche Chance steckt hier?"
– Entgegengesetzte Körperhaltung: Schultern sinken lassen, Handflächen öffnen, Kiefer entspannen, Blickkontakt vermeiden oder weich gestalten.
Vorbeugung:
Wut lässt sich nicht vollständig vermeiden – aber man kann lernen, mit wiederkehrenden Reizthemen toleranter umzugehen. Akzeptanz, Achtsamkeit und mentale Techniken helfen, automatische Wutreaktionen zu hinterfragen. Besonders hilfreich: das Training von Gelassenheit gegenüber als „Trainingspartner" verstandenen Reizpersonen.
Meine wichtigste Playlist zur Emotionsregulation ist „Wut abschwächen" die hat Songs die wirken bei mir 1000 mal besser als alle anderen Möglichkeiten zur Abschwächung.
Hotel California live on MTV 1994 von den Eagles
Son Of A Preacher Man von Dusty Springfield
House Of The Rising Sun von den Animals
und schon sieht die Welt besser aus.
Aber das kann bei jedem anders sein.
Fragt ruhig, wenn ihr mehr Emotionen und Möglichkeiten zum Abschwächen hören wollt. Schreibt ruhig eure Lieblings-Emotions-Skills oder Songs. Ich würde mich freuen.
Glossar – Wenn du über einzelne Begriffe stolperst
Ein paar Begriffe in diesem Text stammen aus der DBT oder der psychologischen Sprache und sind nicht für alle sofort verständlich. Deshalb hier ein kleines Glossar, damit du nicht extra googeln musst oder beim Lesen aus dem Takt kommst.
DBT steht für „Dialektisch-Behaviorale Therapie". Sie wurde ursprünglich für Menschen mit Borderline-Störung entwickelt, hilft aber auch vielen anderen mit starken Emotionen. Das „dialektisch" meint: Zwei scheinbar gegensätzliche Dinge können gleichzeitig wahr sein – zum Beispiel: „Ich gebe mein Bestes" und „Ich muss etwas verändern". Diese Grundhaltung zieht sich durch alle DBT-Übungen.
Emotionale Verwundbarkeit beschreibt einen Zustand, in dem man besonders schnell und heftig auf Dinge reagiert. Schlafmangel, Krankheit, Stress, Hunger, Drogen, Einsamkeit – all das kann die emotionale Reizschwelle senken. Was man an einem guten Tag locker weglächelt, bringt einen an einem schlechten zur Weißglut oder in die Verzweiflung.
Primäres emotionales Netz ist die erste emotionale Reaktion auf einen Auslöser. Noch ziemlich roh und ungefiltert. Es besteht aus Gefühl (z. B. Wut), Wahrnehmung (was sehe oder höre ich gerade?), Körperreaktion (z. B. Muskelanspannung), Gedanken (z. B. „Ich raste gleich aus") und Handlungsdrang (z. B. schreien, weglaufen, schweigen).
Sekundäres emotionales Netz ist das, was passiert, wenn alte Muster sich über die aktuelle Situation legen. Vielleicht denkst du gar nicht bewusst an deine Kindheit oder frühere Erlebnisse, aber dein Körper, dein Gehirn oder dein inneres System verknüpfen die Lage mit etwas von früher – und plötzlich ist die Reaktion viel heftiger als nötig. Die alten Geschichten mischen sich ein.
Glaubenssätze sind tiefe, meist unbewusste Überzeugungen über dich selbst oder die Welt. Zum Beispiel: „Ich bin nichts wert", „Ich darf nicht wütend sein", „Ich muss perfekt sein". Diese Sätze entstehen oft in der Kindheit, bleiben im Hintergrund aktiv und färben, wie wir uns selbst und andere sehen – auch wenn sie objektiv längst nicht mehr stimmen.
Dissoziation ist ein psychischer Zustand, in dem man sich wie „weg" fühlt. Nicht mehr ganz im Körper, nicht mehr richtig anwesend. Wie ferngesteuert, wie hinter Glas. Manchmal spürt man sich kaum noch. Das ist keine Einbildung – das ist ein Schutzmechanismus des Gehirns bei Überforderung.
Entgegengesetztes Handeln ist einer der wichtigsten Skills in der DBT. Es bedeutet: Du tust bewusst das Gegenteil von dem, was dein Gefühl dir einflüstert. Zum Beispiel: Du willst schreien – du atmest stattdessen ruhig. Du willst fliehen – du bleibst sitzen. Du willst dich ducken – du richtest dich auf. Klingt seltsam, fühlt sich oft falsch an, wirkt aber.
Skill ist einfach ein Werkzeug – etwas, das du üben und anwenden kannst, wenn deine Gefühle überkochen. Skills sind Strategien zur Selbstregulation. Keine Wundermittel, aber sehr nützlich.
Helden des Alltags – das ist ein Konzept aus der DBT. Gemeint ist jemand mit klarem Kopf, dem du vertraust: eine imaginierte Version eines Menschen, der in schwierigen Situationen ruhig und besonnen bleibt. Du fragst dich: Was würde mein Held in dieser Lage tun? Hilft beim Realitätscheck und bei überhitzten Reaktionen.
Borderline-Störung ist eine Diagnose aus dem Bereich der Persönlichkeitsstörungen. Typisch sind starke, schnell wechselnde Gefühle, impulsives Verhalten, instabile Beziehungen und oft große Angst vor Verlassenwerden. Aber: Nicht jeder mit heftigen Gefühlen hat automatisch Borderline – und nicht jeder mit der Diagnose tickt gleich.
Trigger sind Reize, die alte emotionale Muster aktivieren. Ein Geruch, ein Ton, ein Satz – und zack, ist das alte Gefühl wieder da. Manchmal weiß man gar nicht, was genau den Trigger ausgelöst hat – der Körper reagiert oft schneller als der Verstand.
Schema ist ein inneres Muster, das aus früheren Erfahrungen entstanden ist. Es enthält bestimmte Gefühle, Gedanken, Körperreaktionen und Erwartungen an die Welt. Ein Beispiel: Wer als Kind ständig kritisiert wurde, hat vielleicht ein „Ich bin nie gut genug"-Schema – und reagiert auch als Erwachsener übertrieben empfindlich auf Kritik.
Körpergedächtnis meint: Der Körper merkt sich Gefühle – auch wenn der Kopf sie längst verdrängt hat. Besonders bei Angst, Scham oder Wut kann der Körper alte Zustände wieder abrufen, obwohl die Situation objektiv ungefährlich ist. Plötzlich schlägt das Herz schneller, man verkrampft oder friert ein – obwohl nichts „passiert" ist.
Public Domain: Teilen erlaubt. Wenn's hilft, nimm's.
(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)
DBT - Zwischenmenschliche Fertigkeiten
Kleine „Warnung"
Wenn man so kaputt ist wie ich damals, als ich mit DBT angefangen habe, dann ist es völlig illusorisch, sofort an seinen zwischenmenschlichen Fertigkeiten herumzuschrauben. Bevor man lernt, mit Menschen zu reden, muss man erst mal lernen, mit sich selbst klarzukommen. Deshalb fängt DBT nicht hier an. Sie fängt an mit Dialektik, mit Achtsamkeit, mit Stresstoleranz und mit dem Umgang mit Gefühlen. Ich hatte all das nötig. Stresstoleranz-Skills wurden schon im BKH Lohr teilweise beigebracht, den Rest lernt man in den Einführungswochen rudimentär und übt ihn in der Zeit (kann Monate dauern) bis die Module wirklich starten.
Denn soziale Ängste waren immer mein Endgegner. Perfektionismus? Nervig. Wut? Anstrengend. Selbsthass? Zerstörerisch. Aber meine sozialen Ängste haben mein Leben regiert, denn ich bin gleichzeitig jemand, der ein riesiges Bedürfnis nach Austausch mit anderen Menschen hat. Genau deshalb war dieses Modul für mich das wichtigste. Nur: Es war für mich absolut kein Einsteiger-Level. Wer das hier liest und nicht so tief im Keller hockt wie ich damals, oder bei dem das Zwischenmenschliche nicht der wundste Punkt ist, der kann ja mal die anderen Kapitel überfliegen und wenn schon alles super sitzt sie überspringen. Vielleicht reicht euch das. Vielleicht habt ihr das alles schon drauf. Dann lest das hier trotzdem, dann lernt ihr was über Menschen, die damit Probleme haben. Willkommen bei meinem Endgegner.
DBT - Zwischenmenschliche Fertigkeiten
Orientierung festlegen
Wozu überhaupt zwischenmenschliche Skills?
Die Frage klingt erst mal ein bisschen dämlich, weil man denken könnte, naja, um halt mit anderen klarzukommen. Aber so einfach ist es nicht, wenn man schon beim „mit sich selbst klarkommen" scheitert. In der DBT wird trotzdem früh deutlich gemacht, warum dieser Themenkomplex so zentral ist – auch wenn er im Programm nicht ganz am Anfang steht: Zwischenmenschliche Skills helfen einem, Ziele durchzusetzen, Beziehungen zu pflegen und Selbstachtung zu wahren. Klingt nach YouTubeCoach, ist aber knallhart existenziell. Wer jemals versucht hat, Nein zu sagen, obwohl er Angst hatte, dann verlassen zu werden – der weiß, wie schwer das ist. Und wer permanent in toxischen Beziehungen gelandet ist, weil er seinen eigenen Standpunkt nicht halten konnte, der auch. Zwischenmenschliche Fertigkeiten sind keine Nettigkeiten. Sie sind Werkzeuge. Und manchmal auch Waffen.
Persönlicher Kommentar: Mein Endgegner
Für mich war das hier der Endgegner. Nicht die Impulskontrolle. Nicht die Selbstverletzung. Nicht mal der Alkohol. Es waren die verdammten Begegnungen mit anderen Menschen. Ich bin ein Mensch mit einem übergroßen Bedürfnis nach Austausch, nach Nähe, nach Gesprächen.
Und es war furchtbar komplex, durch die Ich-Störung wusste ich oft schlicht nicht was von mir kam und was von Außen, ohne „böses" Zutun von anderen war ich anpassungsfähig wie eine Amöbe. Trotzdem hatte ich mein komplettes Erwachsenenleben hindurch wirklich Glück mit den Menschen in meinem Leben. Auf Pete – der ähnlich komplex wie ich ist, nur mit einer komplett anderen Ausprägung - traf ich ja auch erst 10 Jahre nach dem ersten Modul, keine Ahnung wie es davor gewesen wäre.
Aber selbst bei aller Kaputtheit, ich startete auch 2012 startete ich mit Vorwissen. Mir war schon nach dem Realschulabschluss klar, das Zwischenmenschliches mein Kryptonit ist. So hab ich mich selbst in die Ausbildung zum Augenoptiker geworfen. Verkaufen lernen ist auch kommunizieren lernen. Im Text „Den Ängsten gestellt" schreibe ich über dieses Thema (Link im Kommentar).
Die drei Orientierungen
Ziel-Orientierung: Die 6 B's – was ich will, wie ich es sage
Wenn es darum geht, ein Ziel zu erreichen – also zum Beispiel eine Bitte auszusprechen oder eine Forderung zu stellen – dann verlangt die DBT von einem, nicht einfach nur „nett zu fragen", sondern zielorientiert zu handeln (Pete hat mir das später noch mit einem seiner krass guten Sätze eingeprägt: „Wenn du etwas sagst, tust oder schreibst, sei dir vorher klar, was du damit erreichen willst"). Das bedeutet nicht, dass man zum Bulldozer mutieren soll, sondern dass man sich erst mal klar machen muss, was man eigentlich will.
Die sogenannten „Was-B's" sind dabei fast schon bürokratisch direkt:
Beschreiben – sachlich und konkret sagen, was los ist. Keine Romane, keine Schuldzuweisungen.
Bitten – nicht rumeiern, sondern klar sagen, was man will.
Belohnen – im Idealfall kriegt der andere auch was davon. Und wenn's nur Ruhe ist.
Die „Wie-B's" dagegen zielen auf das Auftreten:
Beharren – beim Punkt bleiben, auch wenn der andere ausweicht.
Beeindrucken – selbstbewusst auftreten, nicht rumbetteln.
Bieten – nicht alles oder nichts, sondern verhandlungsfähig bleiben.
Schwierig, aber nicht unmöglich, ein gutes therapieorientiertes und doch aufs nötige eingedampftes Vorgehen. Das kann man lernen, war mein erster Gedanke... Fuck das muss man üben, mein zweiter. Aber für so was lernt man man ja in „Umgang mit Gefühle" mit Scham und Angst zu leben. Ja, die gehen nicht weg, zumindest bei mir bisher nicht. Ich mach nur trotzdem.
Beziehungs-Orientierung: LIVE – und nicht tot lächeln
Manche Menschen denken, Beziehungspflege sei einfach nur Nettsein. DBT macht da etwas anderes draus. Hier geht es um Strategie, nicht Schleimerei. Die LIVE-Fertigkeiten sind keine Feelgood-Floskeln, sondern konkret umsetzbare Tools, um den Kontakt zum Gegenüber zu halten – selbst wenn es schwierig wird.
Lächeln – nicht zum Verstellen, sondern um Aggression raus zunehmen.
Interesse zeigen – echtes oder notfalls gespieltes Interesse.
Validieren – nicht recht geben, sondern verstehen wollen.
Easy nehmen – nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Selbstachtungs-Orientierung: FAIR bleiben – aber ehrlich
Das dritte Standbein in der Entscheidungsmatrix ist die Selbstachtung. Es geht darum, sich selbst treu zu bleiben – nicht nur am Abend im Tagebuch, sondern in der verdammten Situation selbst. Die FAIR-Fertigkeiten sind dafür da.
Fairness – sich selbst und anderen gegenüber. Kein Selbstopfer, keine Schuldzuweisung.
Akzeptanz – was ist, ist. Auch beim anderen. Auch bei sich.
Innere Werte – was ist dir wichtig? Und warum?
Realität – keine Drama-Versionen, keine Fluchten, kein Wunschdenken.
Selbstachtung ... uff schwierig. Ich war am daueroszillieren zwischen Überhöhung und totaler Abwertung meiner selbst. Ich nehme mich bis heute (vielleicht immer) enorm wichtig, auch wenn mein innerer Richter grad davon erzählt, dass selbst eine Amöbe mehr Recht zu leben hat als ich.
Um meine Selbstachtung zu wahren im Zwischenmenschlichen hab ich ein kompliziertes Innere-Werte-System und Unmengen an eigenen Prinzipien, die ich wahren MUSS und dann doch immer wieder überarbeite.
Das ist anstrengend, aber doch eine Sache, die ich an mir schätze und nie ablegen möchte.
Orientierung festlegen
Punktesystem für Erwachsene, die fühlen wie Teenager
Das Arbeitsblatt 6 A/B zwingt einen dazu, sich zu entscheiden. Was ist dir in dieser Situation am wichtigsten? Ziel, Beziehung oder Selbstachtung? Du kriegst 100 Punkte, die du verteilen sollst. Nicht 300. Nicht unendlich. Sondern genau 100. Und das ist der Punkt: Du musst priorisieren.
Das mag auf dem Papier banal wirken, aber in der Realität ist das oft der Punkt, an dem Menschen sich zerscheppern. Wir wollen die Beziehung retten, unser Ziel erreichen und uns dabei auch noch treu bleiben. Tja. Geht oft nicht. Und wer sich das nicht eingesteht, rennt mit dem Kopf durch die Wand und wundert sich über Kopfschmerzen.
Praxisbeispiel: Die Freunde, die mich allein gelassen haben
Anfang dieses Jahres hatte ich eine schwere Zeit, abseits von der ganzen Pete-Geschichte, aber er ist selbst zu besten Zeiten keine Stütze bei so was. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einen eigenen Discord-Server mit etwa 40 Bekannten und Freunden. Unter anderem den „Unerwähnbaren" (auch über sie gibt es eine Geschichte in der Hauptstory, auch wenn es darin mehr um Pete geht, Link im Kommentar), einem Pärchen mit dem ich mehr zu tun hatte.
Also postete ich dort, dass ich heute wirklich dringend ein wenig gemeinsamen Plausch bräuchte um mich abzulenken und Hilfe dabei zu haben weiterzumachen. Es war Sonntagabend, ich dachte es würde sich jemand finden.
Falsch gedacht. Am nächsten Tag schrieb ich diesen 40 Leuten, dass es echt schön wäre wenigstens heute mal reden zu können. NICHTS...
Ich hatte diese kleine „Community" über viele Monate aufgebaut, aber als 3 Tage nach dieser zweiten Nachricht keine Reaktion kam entschied ich.
20 Beziehung 70 Selbstachtung 10 Ziel
Und löschte den verdammten Server kommentarlos.
Die „Unerwähnbaren" fragten ein paar Tage nach der Löschung warum der Server weg war. Das darauf folgende Gespräch machte mir klar, dass ich auf diese Freundschaft keinerlei Wert mehr lege.
Zwischenmenschliche Fertigkeiten üben
Man kann diese Skills nicht einfach „lesen und können". Sie funktionieren nur, wenn man sie wie einen Muskel trainiert. Das klingt banal, ist aber der Punkt, an dem die meisten Menschen scheitern. Die Übungen aus dem DBT-Manual wirken manchmal lächerlich – jemandem im Laden nach Kleingeld fragen, eine Meinung äußern, obwohl es unangenehm ist. Aber genau diese kleinen, alltäglichen Dinge sind das Trainingsfeld. Sie bringen dich nicht ins soziale Hochrisiko, aber sie zwingen dich, deine Komfortzone zu verlassen.
Ich habe diese Übungen gehasst, ehrlich gesagt. Aber sie funktionieren, weil sie einfach und messbar sind. Sie nehmen dir die Ausrede, dass du „erst bereit sein musst". Du machst sie und dann merkst du: Es geht. Und mit jedem Mal wird das leichter, bis es irgendwann keine Übung mehr ist, sondern schlicht ein Verhalten, das du automatisch abrufst. Zwischenmenschliche Fertigkeiten sind nichts, worüber man endlos nachdenkt. Man tut sie.
Nein sagen
Das Wort „Nein" ist vermutlich das kleinste und gleichzeitig schwerste Wort in jeder Sprache. Nein sagen heißt, jemandem zuzumuten, dass er*sie enttäuscht ist. Und besonders wenn man jahrelang damit beschäftigt war, beliebt sein zu wollen, dann fühlt sich dieses kleine Wort an wie ein persönlicher Krieg. DBT macht daraus eine Technik. Statt „Gefühl gegen Gefühl" gibt es ein Raster: Zeitpunkt, Vorbereitung, Rechte, Beziehung, Gegenseitigkeit, Auswirkungen.
Das klingt trocken – aber diese Fragen haben mir geholfen, das Chaos zu sortieren:
Ist jetzt der richtige Zeitpunkt?
Hat die Person wirklich ein Recht darauf, dass ich Ja sage?
Wäre ein Nein vielleicht sogar gesünder für die Beziehung?
Und am Ende die wichtigste Frage:
Werde ich mich selbst noch respektieren, wenn ich wieder nachgebe?
Mit diesen Fragen konnte ich anfangen, Nein zu sagen, ohne mich hinterher tagelang dafür zu hassen.
Nachdrücklichkeit beim Nein sagen
Das Arbeitsblatt zur Nachdrücklichkeit wirkt fast wie ein Algorithmus: drei Fragen am Anfang, sechs danach.
Erst klären:
Habe ich genug Informationen?
Kann ich Nein sagen, ohne dass es mich ruiniert?
Wenn ja, geht es an die Feinabstufung: wie deutlich, wie hart, wie kompromisslos?
Am Anfang habe ich mich sklavisch an dieses Schema gehalten. Heute mache ich das nicht mehr bewusst. Aber es hat mein Denken geprägt. Ich weiß jetzt, wann ein leises „Nein, tut mir leid" reicht – und wann man besser klar und deutlich sagt: „Nein. Punkt." Das ist kein Zufall, sondern Training.
Wie sagt man Nein?
Das Manual kennt Abstufungen: von „sehr bestimmt" bis zu „gar nicht".
Und ganz ehrlich: Manchmal ist sogar ein halbes Nein ein Fortschritt. Lieber ein zögerliches „Nein, aber..." als wieder in die alte Reflexbewegung zu rutschen. Der Punkt ist nicht Perfektion. Der Punkt ist, überhaupt aufzuhören, sich selbst ständig zu verraten.
Nachdrücklichkeit beim Bitten
Bitten ist die Kehrseite von Nein sagen. Für viele ist es sogar schwerer. Denn Bitten bedeutet, dass du dich verletzlich machst. Du stellst dich hin und sagst: „Ich brauche etwas von dir." Für jemanden mit Scham- oder Angstthemen ist das 1000 Mal schlimmer als jede Ablehnung.
DBT geht auch hier wieder strukturiert vor: Vorbereitung, Fähigkeiten der anderen Person, freie Entscheidungsmöglichkeiten. Und dann die Zusatzfragen: Zeitpunkt, Zuständigkeit, Rechte, Beziehung, Ziele, Selbstachtung. Klingt kompliziert, ist aber logisch. Es zwingt dich, klar zu denken: Ist das eine realistische Bitte oder will ich gerade nur jemanden retten, der mich nicht retten kann?
Das fällt mir immer noch verdammt schwer und ich versuche alles was irgendwie geht (manchmal auch Dinge die nicht gehen), selbst zu machen. Aber ich hab mir ein professionelles Netz aufgebaut und immer angepasst. Tagesstätte, gesetzlicher Betreuer, betreutes Wohnen, Klinik, Psychiater.... Professionelle Helfer um Hilfe fragen ist keine große Sache für mich, Freunde, Familie, Bekannte hingegen wird mir nie leicht fallen zu fragen. Da ist mein Stolz um Lichtjahre zu groß.
Wie bittet man um etwas?
Auch hier gibt es Abstufungen. Von „gar nicht bitten" bis zu „bestimmt fragen und bestehen". Am Anfang war ich irgendwo bei Stufe Zwei: indirekt andeuten, statt wirklich zu fragen. Heute weiß ich, dass ein klares „Kannst du bitte...?" nicht unverschämt ist. Es ist eine ganz normale Form von Kontakt.
Es hilft enorm, dass DBT einem diese Abstufungen gibt. Sie zeigen, dass es nicht nur „stumm leiden" oder „radikal fordern" gibt. Dazwischen liegt ein breites Feld. Und genau da lernt man, wie man erwachsen bittet, ich bin da nie erwachsen geworden. Ist mir egal, ich mag mich so: Zu stolz um zu fragen! Ich trag meine Blessuren vom Scheitern, ich lerne aus den Konsequenzen und werde besser. Kann jeder gern anders halten und sinnvoller wäre fragen.
Hindernisse beseitigen
Das schönste Tool nützt nichts, wenn du immer wieder an denselben inneren Mauern kleben bleibst. „Hindernisse beseitigen" ist der Realitätscheck: Woran scheitert es wirklich?
Manchmal ist es Mangel an Fertigkeiten – du weißt schlicht nicht, wie du etwas sagen sollst. Manchmal sind es störende Gedanken: „Die werden mich hassen." Oder Gefühle, die dich so überrollen, dass du lieber gar nichts machst. Dazu kommt Unentschlossenheit: zu viel, zu wenig, oder alles gleichzeitig. Und dann ist da noch das Umfeld, das manchmal einfach ungünstig ist.
Das Arbeitsblatt zwingt dich, dir das klarzumachen – und es dann Stück für Stück zu zerlegen. Denn Hindernisse verschwinden nicht von allein. Aber wenn man sie einmal sauber auf dem Tisch hat, sind sie nicht mehr unbesiegbar.
„Die werden mich hassen." ist mein am häufigsten störender Gedanke. Was ich tue? Ich denk mir: „Wenn das so ist, leb ich damit." (radikale Akzeptanz des Worst-Case)
Validierung
Validieren ist vermutlich die am meisten missverstandene Fertigkeit der DBT. Es bedeutet nicht, dass du jemandem Recht gibst. Es bedeutet, dass du sagst: „Ich sehe dich. Ich verstehe, warum du das so empfindest."
Das ist mächtig. Weil es Beziehungen stabilisiert, ohne dass du dich selbst verleugnen musst. Und es funktioniert nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Du kannst deine eigenen Gedanken validieren: „Ja, ich habe Angst vor diesem Gespräch. Und das macht Sinn." Das ist kein Freibrief für Passivität – es ist die Grundlage, um handlungsfähig zu bleiben.
Bei Pete hab ich vielleicht zu lange gebraucht um es anzuwenden, als ich es begann, war unsere Beziehung bereits im Scheitern begriffen. Und er hasst es wenn ich in Gesprächen „Kommunikationspsychologie" anwende. Trotzdem werde ich es in Zukunft häufiger anwenden.
Validieren üben
Das Manual gibt dir Beispiele: Gedanken, Gefühle, Handlungen, Meinungen, Wünsche, Anstrengungen, Beziehungen, Situationen – alles lässt sich validieren. Und wenn man das übt, merkt man schnell: Die Eskalationen werden weniger. Weil Menschen nicht immer „Recht" brauchen, sie brauchen verstanden zu werden.
Für mich ist das leichter als man bei jemand radikal ehrlichen und Meinung-starken wie mir meinen mag. Ich liebe Denken und eine Sache von verschiedenen Seiten versehen suchen ist mir ein Vergnügen. Nur meine brennende Wut steht leider oft zunächst im Weg, aber dafür gibt es das Modul „Umgang mit Gefühlen".
Fazit:
Ich habe diese Skills nicht gelernt, weil ich Bock drauf hatte. Ich habe sie gelernt, weil ich keine Wahl hatte. Ich habe sie geübt, während ich von Scham zerfressen bin und Angst habe wie ein Tier. Weil ich ein sehr extrovertierter Mensch mit gleichzeitig großer Sozialphobie bin. Das hätte mich irgendwann zerrissen. Hat es mehrfach fast.
Also habe ich sie genommen, diese DBT-Werkzeuge. Ich habe sie geübt, wieder und wieder. Ich habe sie mir reingezogen wie jemand, der im Regen bibbert und endlich einen Schirm findet. Und irgendwann wurden sie selbstverständlich. Nicht, weil sie einfach für mich wären, sondern weil sie funktionieren.
Heute benutze ich sie, ohne darüber nachzudenken. Ich hab dabei Angst, ich hab dabei Scham, aber hab ich doch eh. Also rein da.
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(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)

Die Sucht und ich
Die Sucht und ich
Ich bin in nichts Experte, ich bin grundsätzlich Generalist. Aber im Thema Sucht musste ich es werden, denn es ist ein gigantischer Teil meines Lebens.
Von dem Zeitpunkt des Bekennens als Alkoholiker redete ich sehr offen über dieses Thema, wenn auch mehr zum Selbstschutz als aus dem radikal ehrlichen Gedanken heraus, trotzdem habe ich diesen Themenblock vor mir her geschoben, denn es geht auch um mehr als Alkohol.
Ich werde das Thema in mehrere Kapitel einteilen, die aber alle hier in der Hauptstory erscheinen werden.
01 – Alkohol
→ Schlüsselthema: radikaler Wendepunkt im Leben, soziale Vereinsamung durch Abstinenz, Rückfall-Integration in DBT
→ Typ: substanzgebunden, Abstinenz als Lebensprinzip
02 – Zigaretten
→ Selbstbild als Kettenraucher, symbolischer Ausstieg durch Frage nach Autonomie („Will ich wirklich rausgehen...?"), kein Weltuntergang bei Rückfall
→ Typ: substanzgebunden, Abstinenz angestrebt, aber Rückfall emotional tragbar
03 – Selbstverletzung
→ Schmerz als Strafe für gefühlte Unwürdigkeit, inneres Feuer durch DBT-Skills eingedämmt, kein Rückfall seit drei Jahren
→ Typ: verhaltensgebunden, Abstinenz erreicht durch Skilltraining
04 – Mediensucht
→ Medien als Identitätsraum, Sucht und Rettung zugleich, Doomscrolling als Chronistentum, keine völlige Abstinenz gewünscht
→ Typ: verhaltensgebunden, bewusste Teilintegration statt Abstinenz
05 – Essstörung
→ einzig nicht aufgebbare Sucht, früh gestört, später massive Gewichtsschwankungen, Bruch mit Diätkultur, Body Neutrality als Ziel
→ Typ: substanzgebunden, keine Abstinenz möglich, Fokus auf Haltung statt Kontrolle
Von diesen Suchtmitteln kann oder will ich nicht abstinent leben, was den Umgang enorm erschwert.
Der Teil mit Alkohol wird sicher am meisten Raum einnehmen, denn er prägte mein Leben in der nassen Zeit und die Zeit des Trockenwerdens war die härtste Veränderung meines Lebens – weil ich dabei alle meine Freunde verlor und merkte, dass ich sozial ohne Alkohol völlig inkompetent bin.
Public Domain: Teilen erlaubt. Wenn's hilft, nimm's. (Quelle nennen wäre nett, aber kein muss: Wattpad – jemand_und_niemand)

01 Sucht: Alkohol, mein alter Konnektor
Warum hab ich gesoffen?
Zunächst möchte ich etwas anreißen, ohne dort in die Tiefe zu gehen, denn Selbstermächtigung und Eigenverantwortung gehören zu meinen wichtigsten Prinzipien, dennoch möchte ich erwähnen, dass mein Vater Quartalstrinker war. Seine nassen Phasen waren für mich nichts wirklich Negatives; er war dann etwas nervig, aber beinahe erträglich. In den trockenen Phasen war er ein cholerischer Tyrann, vor dem ich in meiner Kindheit und bis in die frühe Jugend hinein Angst hatte.
Ich lasse dieses "positive Erleben" von Alkoholkonsum erstmal einfach so hier stehen.
Bei mir selbst ist es sowieso etwas anders gelagert. So mit 15/16 Jahren merkte ich, dass ich betrunken schlichtweg besser bei den Leuten ankam. Ich war schon immer ein ernster Mensch gewesen, der schnell die Stirn runzelt und diskriminierende Sätze in Einzelteile zerlegt, lange bevor das Wort "woke" im Gebrauch war. Wahrscheinlich finden die meisten Menschen mich unfassbar unangenehm, aber unter Alk konnte ich mich einfügen.
Also trank ich ab da bei JEDER gesellschaftlichen Gelegenheit. Ich war mit 17 sicher noch nicht körperlich abhängig, aber voll in der psychischen Abhängigkeit drin.
Warum hab ich aufgehört?
Es war 2011 (ja, ich habe mir keinen "zweiten Geburtstag" des Trockenwerdens gemerkt), ich hatte aus einer langjährigen Beziehung heraus wieder zu meiner Mutter ziehen müssen. Schon beim Einzug war ich starker Trinker, dort verschlimmerte es sich. Ob meine Mutter auch Alkoholikerin ist, beurteile ich nicht, sicher nicht körperlich abhängig, aber sie trank damals fleißig mit mir mit.
Dann fing ich an die Tagesstätte zu besuchen, allerdings eher wegen meinen psychischen Problemen. Dort musste ich bis 12 Uhr mittags bleiben - trocken - und ich zitterte ab 10 Uhr. Da war es vorbei mit innerlichem Verstecken vor mir selbst.
In mir gingen Gedanken los: Willst du immer bedüdelt sein? Willst du dein eigentliches Ich immer betäuben? Willst du Sklave des Alkohols sein?
NEIN - NEIN - NEIN
Damit begannen unglaublich harte Jahre.
Die allererste Zeit - Als ich erkannte das radikale Ehrlichkeit mein Retter ist
Also "Nein - Nein - Nein"? Ok, du bist hier in einer Tagesstätte, deren Thema auch Suchterkrankungen sind, du stehst jetzt auf mit deinem Tremor und klopfst am Büro des Chefs ob jemand da ist und Zeit hat und DU SAGST WAS SACHE IST! Keinen Rückweg lassen, Flucht nach vorn.
Im Gespräch sagte ich, ich werde es meiner Mutter sagen. HEUTE NOCH! Sachen packen und morgen auf Entgiftung. Wenn ich meiner Mutter sage, wissen es alle in meiner Familie und ich kann nie wieder entspannt auf Familienfeiern trinken. Mach die Fluchtwege dicht, lass dir keinen Rückweg!
Ich war damals 29 Jahre alt, die Vorstellung nie mehr zu trinken war gruselig, besonders weil ich für party-hard bekannt war.
Noch gruseliger war allerdings:
- Nie wirklich klar denken können
- Mein eigentliches Ich (das sozial ungeschickte) stets betäuben
- Sklave des Alks zu sein
Das war die Entscheidung - ICH oder der ALKOHL. Nur einer konnte herrschen, ich entschied mich für mich...
... sagte es meiner Mutter und ging am nächsten Tag auf Entzug, direkt vom Entzug zog ich in die stationär betreute Wohneinrichtung, die zur Tagesstätte gehörte.
Kontrolle abgeben um Kontrolle zurück zu gewinnen
Ich weiß das für manche Leute "stationär betreutes Wohnen" wie ein dystropischer Alptraum eines Lebens klingt. Pete hatte da auch immer ähnliche Vorstellung und einige Einrichtungen sind wohl wirklich kein schönes Umfeld.
Es war schlicht die erste Möglichkeit aus meinem Umfeld in ein beschütztes, alkoholfreies Umfeld zu kommen. Von Anfang an war eine betreue WG geplant, sobald was frei würde. Aber selbst im stationär betreuten Wohnen waren die schlimmsten "Probleme" ganz normale WG Streitigkeiten alla "Wer von euch hat meinen Käse leergemacht? Da stand mein Name drauf".
Am nervigsten war, dass man am Anfang 2x am Tag ins Pflegeheim tapern durfte, zum pusten. Aber auch das hatte einen lehrreichen Effekt, denn es war ein Heim für Menschen, die schwer vom Alkohol geschädigt waren.
Noch dazu bedeutete ein Rückfall nicht Rausschmiss, sondern noch mal Entgiftung.
Nach drei Monaten zog ich eine einzelbetreute WG der Einrichtung und musste nicht mehr pusten.
Später zog ich mit meinem damals neuen Partner SH zusammen, aber ich wurde weiterhin betreut durch die Einrichtung.
Während der ganzen Tagesstättenzeit arbeitete ich in der Küche, seltener machte ich irgendwelche künstlerischen oder handwerklichen Projekte in der Werkstatt. Die Arbeit in der Küche war mal super nervig, aber meist angenehm, durch die Mitarbeitenden.
Viele Mitklienten saßen nur rum, tranken Kaffee und erzählten ihre traurigen Lebensgeschichten, aber entgegen vieler (auch Experten-) Meinungen empfinde ich dies als durchaus heilsam und lehrreich.
Die letzten Klischees darüber wer süchtig wird und wer nicht, kippten endgültig in meinem Kopf. Da war natürlich der Ungelernte ohne Schulabschluss, der LKW-Fahrer, der Schreiner, aber genauso der Architekt, der Malermeister, der ehemals Firmenbesitzer und all das auch in allen anderen Geschlechtern, aber die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei Sucht zu diskutieren, würde den Rahmen enorm sprengen.
Und sie erzählten ihre vielfältigen Geschichten, wir alle hatten mal aus Spaß begonnen zu trinken, wir alle sind daran hängen geblieben, weil etwas gab oder zumindest überdeckte was fehlte.
Rückfall - oder - Kann ich kontrolliert trinken?
Ich war jetzt also etwa ein Jahr trocken und das Trinken fehlte mir unglaublich. Die DBT-Therapie (Verhaltenstherapeutisches Konzept nach Marsha Linehan, ich habe zur Dialektisch Behavioralen Therapie noch kein gesondertes Kapitel verfasst, aber dieser Meilenstein in meinem Leben wird auch noch verarbeitet), diese Therapie stand nun an 12 Wochen im Klinikum Nord in Nürnberg.
Diese Klinik ist im gesamten eine "normale" (somatische) Klinik, mit nur kleinen Abteilungen für Psychiatrie, dort gab es im Klinikbistro Alkohol und auch keine gesonderten Alkoholkontrollen für PatientInnen, denn die Station ist auf Borderline-PatientInnen ausgerichtet und nicht auf Suchterkrankte.
Ich hab diesen Rückfall geplant muss ich zugeben, ich war damals 30 und der Gedanke nie mehr zu trinken war noch zu gruselig, wie ich jemals wieder ohne meinen "alten Konnektor" weggehen und dabei eventuell sogar Leute kennenlernen sollte, war mir schleierhaft. Real ist das auch heute noch (13 Jahre später) nur schwer möglich. Meine sozialen Ängste, mein kantiges Wesen und meine nicht durch Wissen über Kommunikation auszubügelnde Ungeschicklichkeit, machen Einkaufen, Zugfahren, aber natürlich auch Ausgehen zum Horror. Gleichzeitig habe ich einen großen Sendungsdrang und stehe gern im Mittelpunkt. Das streitet in mir seit ich mich erinnern kann und tut es jetzt noch, einzig Alkohol war ein zuverlässiges und sozial erwünschtes soziales Schmiermittel.
Also kam ich in Nürnberg an und am 2. Tag dort bestellte ich mir ein Weizen, las beim Trinken die Zeitung und... auch wenn es unfassbar übertrieben klingt, ich spürte: "Wie die Sonne in mir aufging." Entspannter, zufriedener saß ich da. Ich war da jeden Tag, irgendwann bestellte ich immer 2 nacheinander. Bald darauf abends beim Italiener noch nen Aperol Spritz... aber ich wusste es da schon:
Wenn ich mich für die betrunkene Anne entscheide,
dann ist es egal ob mich mehr Leute mögen.
Denn es wäre als hätte ich mein eigentliches Ich getötet,
wärend der Klon weiterleben darf.
Dann ging ich zum Pflegestützpunkt und sagte dass ich getrunken hatte. Ich musste eine Verhaltensanalyse schreiben und die mit der Pflege, meiner Psychologin und meiner Patientengruppe besprechen, im Team wurde entschieden dass ich bleiben durfte.
(kleiner Exkurs Verhaltensanalyse: In einer Verhaltensanalyse muss man genau auseinanderdröseln, was passiert ist: Welche Situation hatte meinen Rückfall ausgelöst? Welche Gedanken, Gefühle oder körperlichen Reaktionen mich in diese Falle geführt hatten? Und vor allem: Welche kurzfristigen Vorteile ich mir davon erhofft hatte – und welche langfristigen Schäden ich dafür in Kauf nahm. Am Ende musste ich aufschreiben, wie ich es das nächste Mal anders machen wollte. Und ob ich irgendwas wiedergutmachen musste, bei mir selbst oder bei anderen.)
Der Wunsch wieder zu studieren
Danach ging es ruhig weiter in der Tagesstätte, ich arbeite weiter in der Küche, übernahm auch Aufgaben wie die Büros zu putzen und andere Klienten im einrichtungseigenen VW-Bus zu fahren. Einmal in der Woche fuhr ich mit einem oder zwei anderen Klienten auch mit dem Bus in die nächste Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes.
Der Wunsch noch einmal ein Studium zu versuchen war schon länger in mir, doch die DBT wirkte langsam (durch viel Training), es ging mir besser als jemals in meinem Leben vorher, obwohl ich zwischen 2012 und 2015 immer noch schwere Krisen hatte. Doch die Frage war: WAS?
Das begab sich zu einer Zeit in der neue Klienten mich oft für eine Angestellte der Tagesstätte hielten... also lag es nahe: Soziale Arbeit.
Im Wintersemester 2014/2015 begann ich das Studium in Frankfurt am Main, Anfang 2015 zog ich nach Aschaffenburg.
Das Thema Alkoholsucht verlor langsam an Schrecken in meinem Leben, meine wichtigste Entscheidung für mich selbst, brannte sich immer mehr ein und ist eines meiner ehernen Prinzipien:
"Wenn der Preis dafür ich zu sein ist,
dass ich einsam bin,
dann zahle ich ihn."
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(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)

02 Sucht: Kippen, gefährlicher und ungefährlicher zugleich
Man kann fast sagen, das mein jahrzehntelanges Dauerqualmen thematisch eine Erholung für mich darstellt. Nicht weil aufhören damit leicht wäre, das ist es beileibe nicht und davon soll der Text handeln, nicht weil es wenig gesundheitliche Gefahren bergen würde, jährlich über 100.000 Tote durch Tabakrauch in Deutschland sprechen da eine deutliche Sprache. Sondern weil das Rauchern beenden nicht diese lebensverändernden Auswirkungen auf das Sozialleben hat, wie das Nicht-Trinken. Nichtrauchen hat auch da gewisse Wirkung - dazu komme ich noch - aber es ist kein Vergleich.
Und nach diesem Thema kommen die nicht substanzgebundenen Süchte bei mir:
- Selbstverletzungen, bzw. der Drang danach sind bei mir untrennbar mit meinem Selbsthass und meinem Bedürfnis nach Strafe bei Fehlern verbunden. Das geht nicht weg, nur weil man die Handlung nicht mehr ausübt.
- Mediensucht, ich möchte den Medienkonsum nicht einstellen, dennoch besteht jedes Mal die Gefahr, dass ich wieder reinrutsche
- Binge Eating, bulimische Phasen, Esssucht; die perfidesten Süchte in meinem Universum, ich KANN den Suchtstoff nicht weglassen, ich muss mich der Suchtgefahr jeden Tag aussetzen
Ich denke jetzt wird klar warum ich nun recht entspannt über meinen Kippen-Konsum reden werde, der 25 Jahre andauerte, in denen ich die meiste Zeit Kettenraucher war.
Angefangen hab ich gar nicht so früh, erst mit 17, aber ich hatte auch erst sehr spät angefangen ein Sozialleben zu entwickeln und mit 17 schon stark alkoholgestützt wollte ich nicht nur dazugehören, Rauchen passt schlichtweg zu meinem Selbstbild, meinem Image, ob mein Image zu mir passt, müsst ihr beurteilen:
- unkonventionell
- unspießig
- außer der Reihe denkend
- leicht rebellisch
- ein Assi, ein Prolet, nennt es wie ihr wollt
- ein Außenseiter, weil ihr es so wolltet, nun weil ich es so will
usw.
Ich qualmte weg, was ging, ich setzte mir kein Limit, bis ich 2021 auf Lithium eingestellt wurde, hatte ich eh latente Suizidgedanken, da ist die Annahme durch Kippen-Konsum früh zu sterben eine rosige Aussicht. Doch dann verschwanden diese Gedanken und ein Gedanke an eine zweite Aufgabe im Leben (erste ist Geschichten sammeln und erzählen, Teil von Lebensgeschichten sein und andere zum Teil meiner Geschichte machen), die ich mir selbst stellen wollte ploppte in mir auf:
Ich möchte 90 Jahre alt werden, ich will wissen wie und und die Menschheit es aus diesem Jammertal herausschafft, oder nicht. Diese Zeiten, in den Politik einer Satiresendung gleicht, hat sich niemand ausgesucht, aber da ich schon drin bin, wollte ich Zeitzeuge sein.
Im Dezember 2024 ging es mir emotional miserabel, die Beziehung zwischen Pete und mir konnte man kaum noch so nennen, meine gesetzliche Betreuerin baute einen Bockmist nach dem anderen, der neuen Mitarbeitenden der AWO vom betreuten Wohnen traute ich nicht wirklich, der Zustand meiner Wohnung kippte mal wieder Richtung: "Ich glaube ich ziehe wieder ins stationär betreute Wohnen."
Am 22.12. reichte es mir und hier kommen wir zum Hauptgrund für das Aufhören. Es war spät, ich hatte den ganzen Tag gestreamt, keinen Tabak mehr. Um 23 Uhr schließt die Tanke hier vor Ort, es hatte Minusgrade... ich dachte: "Will ich WIRKLICH so abhängig von irgendwas sein, dass ich JETZT rausgehe und mir diesen Scheiß hole?".
Hier ein Streamausschnitt nach der Entscheidung:
https://youtu.be/JO1vQF8Waks?si=b0unMWwfg_HIenb9&t=594
(Da Wattpad keine funktionierenden Links im Text bietet, verlinke ich noch mal im Kommentar)
Nichtrauchen ist grausam schwer für mich, es ist auch heute (Stand 11.07.25, 9:54 Uhr) nicht weg, dieses Verlangen, besonders wenn ich nervös bin, oder grad darauf warte, dass mein PC irgendwas fertig rechnet. Die Gewohnheitskippe zum Kaffee fällt langsam aus den automatischen Gedanken, aber Nichtrauchen ist Hölle.
Trotzdem, wenn ich komplett zurückfallen sollte, bricht keine Welt für mich... was sie bei all meinen anderen Süchten täte.
Ich hab nur keinen Bock mir jeden Tag von einer Substanz mein Leben vorschreiben zu lassen.
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(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)

03 Sucht: Selbstverletzung
TRIGGER: Explizite Schilderung!
Ich hab endlich etwas gefunden, mit dem ich vermitteln kann wie sich Borderline für mich anfühlt. O Fortuna aus der Carmina Burana von Carl Orff.
Macht das Titelvideo auf VOLLE LAUTSTÄRKE direkt nach der Werbung.
SO FÜHLT SICH DAS AN! Die Bilder passen bei dieser Version auch fantastisch. Der Chor brüllt dich an, die Percussion zerstört dein Trommelfell und du weinst weil du so wunderschön leidest.
Und wenn ich einen Fehler gemacht habe dann hab nicht ich einen Fehler gemacht, dann hat meine bodenlose Dummheit die Grundpfeiler des Universums erschüttert, dann war ich kein Mensch, dann war ich Müll, Abfall, widerliche Kreatur die es wagt anderen den Sauerstoff weg zu atmen.
Es brauche dann Bestrafung, Blut muss fließen, ich will leiden, Schmerzen, mein Blut das auf den Boden tropft, mein Leben das aus mir rausrinnt. Mein verabscheuungswürdiges Dasein auf dieser Erde muss geahndet werden.
Falls sich also jemand fragt ob ich mich JEMALS als unwichtig empfunden hätte... pah... ich bin in solchen Momenten die ekelhafteste Monstrosität die je gelebt hat. WICHTIG BIS ANSCHLAG!
Und das ist echt für mich in dem Moment, kein Getue. Die R.E.A.L.I.T.Ä.T.!
So kommen wir zum Turning-Point, auch wenn ich dann leider aufhören muss O Fortuna in Dauerschleife zu hören... Musik beeinflusst mich total, hatte ich schon erwähnt...
Sooo... bester Skill angewandt... aus der DBT, Dialektisch Behaviorale Therapie nach Marsha Linehan. Dieses Programm ist anstrengend wie die Hölle, langwierig, man muss Jahre üben. Aber für mich war es wie lernen Mensch zu sein... ich werde es mal hier irgendwann zusammenfassen, aber es gibt da Zeit und banale Copyright Fragen, die noch dazwischen stehen. Ein Freund nannte Verhaltenstherapie wie die DBT mal: "Ein Feuer brennt lichterloh, Verhaltenstherapie sorgt dafür das kein Funkenflug mehr besteht. Das Feuer brennt weiter." Aber so kann man leben, vielleicht sogar arbeiten, vielleicht sogar lieben... und sich um das Feuer kümmern wenn es so weit ist.
Ich hab mich seit 3 Jahren nicht selbst verletzt, der Drang ist noch ab und an da. Das verdanke ich der DBT, die mein Leben insgesamt verändert hat. Das verdanke ich mir selbst, weil ich über 10 Jahre weiter geübt und geackert habe. Und das verdanke ich Leuten wie meinen Schwestern:
H: Sei immer nett zu dir selbst, dann ist zumindest ein Mensch nett zu dir.
S: Wenn ich den selben Fehler gemacht hätte, würdest du mich dann auch so bestrafen wollen?
Public Domain: Teilen erlaubt. Wenn's hilft, nimm's.
(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)

04 Sucht: Mediensucht oder die Erzählung meines Lebens anhand von Medien
Es hat mich früh erwischt
Die gab es schon vor dem Internet, zumindest hatte ich sie, bevor ich überhaupt meinen ersten PC bekam. Mit etwa 10 Jahren begann ich Bücher zu lesen und schon das regelrecht suchtartig. Bücherfresser nannte ich mich selbst bis ich etwa 25 - 30 war. Warum diese Lesesucht aufhörte, wäre fast schon eine eigene Geschichte. Vielleicht erzähle ich die ein andermal ausführlich. Ich stürzte mich also von einer Geschichte, von einem Universum ins nächste, ich las quasi alles was an Büchern bei uns da war in meiner Jugend und das waren ein Haufen Bücher und da Bücher schlecht pädagogisch Gegenrede erzeugen konnten und selbst mein super geiziger Vater ein starker Leser war, wurden immer wieder neue Bücher angeschafft (für den Familienfundus der stets lesebedürftigen).
Etwa 1996/97 bekamen wir eine Satellitenschüssel und einen PC (ohne Internet).
Zum PC: Und da wurde ich ein Gamer 💻 🖱 ⌨ *siehe Kommentar, 💭 🟦 🗺 PC, Windows 95, Bluescreens, PC Joker, AOE, StarCraft, Anno, Cäsar 3 usw... endlich nicht nur Welten lesen, sondern selbst Welten bauen. Ich war von Sekunde eins süchtig.
PC Joker – das war eine Spielezeitschrift der 90er, die mir von Anfang an sympathisch war. Da standen haufenweise Cheat-Codes drin, aber vor allem bekam man auf CD jede Menge Freeware. Ohne Internet war das die einzige Möglichkeit, an solche Programme zu kommen. Durch den PC Joker habe ich zum ersten Mal meine geschriebenen Texte in Sprache verwandeln können *siehe Kommentar, ein Moment der Hoffnung und jetzt haben wir ChatGPT und Konsorten an der Backe. Nur Spaß, zumindest teilweise Spaß.
Zum Satelliten-TV: Zeichentrickserien, Sitcoms, die Simpsons... die Popkultur hatte einen strudelartigen Sog auf mich. Und natürlich... Kommt mal ehrlich, wer aus meiner Generation war NICHT süchtig danach, trotz Jamba-Werbung und Crazy Frog? Wer von euch Nerds hat nie Hugo geguckt? Ach ihr habt eher Game One geschaut? Und für ALLE, die damals Teenager waren: Ihr habt auch ein Video nach dem anderen geschaut, alleine, mit euren Freunden, egal... Für alle aus anderen Jahrzehnten: MTV und Viva, davon ist die Rede.
Ich war von Sekunde eins an süchtig.
⭐ Begriffserklärungen für alle zu früh oder zu spät Geborenen (natürlich nur im Sinne um das aus Zeitzeugenschaft zu kennen) :
Hugo – das war ein interaktives Fernsehspiel in den 90ern. Man hat da angerufen und per Telefon-Tastatur einen kleinen Troll durch Höhlen oder über Gleise gesteuert. Total pixelig, total billig... und wir waren alle süchtig.
Game One war später eine Gaming-Sendung auf MTV bzw. VIVA. Super ironisch, nerdig, mit ganz eigenen Running Gags. Viele aus meiner Generation haben eher das geschaut, statt Hugo.
Und ja – Jamba-Werbung und Crazy Frog waren diese grauenvollen Handy-Klingelton-Werbungen, die ungefähr alle zwei Minuten liefen. Ihr denkt, TikTok macht süchtig? Leute... wir waren komplett lost. Aber egal.
2001 - 2003 WG mit meiner Schwester
2001 zog ich dann aus. In eine Wohnung ohne Fernseher und Internet. (An die jüngere Generation und die, die es vergessen haben: Vor 2007 gab es nichts, was heute als Smartphone durchgehen würde. Alles Weitere dazu würde jetzt zu sehr in Technikentwicklungsgeschichte führen. Ich war zwar Zeitzeuge, aber selbst hatte ich damals zunächst kein Smartphone. Mein erstes Smartphone hatte ich erst 2014.) Ich hatte also keinen Fernseher, kein Internet, kein Smartphone. Was hat mediensüchtiger Mensch wie ich also gemacht:
Es war eigentlich easy-peasy. Ich hatte Bücher. Ich habe einfach gelesen, da gesessen, geträumt. Ich war damals in meiner Ausbildung, hatte einen Freund, habe ganz normal gelebt – und trotzdem jede Menge Medien konsumiert. Nur eben Bücher, vor allem Fantasy, oft auch historische Romane, seltener Zeitgeschichte, im Ausnahmefall Weltliteratur. Ich weiß gar nicht mehr genau, was ich damals gerade gelesen habe. Ich hatte ein Auto und bin nicht mehr in die Gemeindebücherei in meinem Heimatort gegangen, sondern nach Elsenfeld gefahren. Das ist eine Kleinstadt, da gab's einfach mehr Auswahl. Ich kaufe selten Bücher – nur die, die ich unbedingt zu Hause haben will. Meistens habe ich die dann sowieso schon gelesen. Ansonsten bin ich einfach in Büchereien angemeldet und hole mir meine Bücher dort. Das war und ist für mich völlig normal.
2003 - 2015 Das Internet hat sich mir vorgestellt
2003 musste ich nochmal umziehen, eher gezwungenermaßen. Meine Schwester, mit der ich in einer WG gewohnt hatte, wollte zu ihrem Freund ziehen. Ich hätte mir die Wohnung alleine nicht leisten können, und mit einer neuen Mitbewohnerin oder einem neuen Mitbewohner wollte ich es nicht nochmal versuchen. Außerdem kam ich mit der Vermieterin überhaupt nicht klar.
O, mit dem ich damals erst ein paar Monate zusammen war, bot mir an, zu ihm zu ziehen. Also zog ich zu O – in ein Haus, das mehr Baustelle als Zuhause war. Von da an hatte ich plötzlich Internet, einen Fernseher und einen eigenen PC. Allerdings bedeutete der Umzug auch, dass ich statt zehn plötzlich sechzig Kilometer zur Schule pendelte. Jeden Tag. Hin und zurück. 120 Kilometer. Vom BAföG. Möglich war das alles nur, weil O mich unterstützte – auch wenn es mich quälte, seine Unterstützung anzunehmen, ohne ihn wäre es nicht gegangen.
Aber das gehört eigentlich schon in eine andere Geschichte. Für hier nur so viel: Ab 2003 war Internet endgültig in meinem Leben angekommen und auch wieder ein Fernseher. Ich war von Sekunde eins süchtig.
Aufgrund der Entwicklungsstufe des Internets, war der Rechner den ganzen Tag am "ziehen", Filme, Musik, aber ich holte mir auch Spiele, die Sims 2 zum Beispiel. (Die Taten sind doch verjährt, oder?) Ob die GEMA das Gelbe vom Ei ist, darüber kann man streiten. Aber eins ist klar: Künstler müssen irgendwie bezahlt werden. Ein Maler verkauft direkt sein Bild. Aber Musiker, Schauspieler, Regisseure, Autoren, Gameentwickler – die wollen auch leben können. Wir alle wollen schließlich für unsere Arbeit bezahlt werden. Wenn wir mal ganz ehrlich sind.
Also blicke ich auf diese Zeit mit Melancholie zurück? Ein wenig. Ist mir bewusst, dass Künstler auch leben wollen? Ja, aber das System insgesamt (weit über GEMA hinaus) ist halt turbokapitalistisch und da fühlte es sich ein wenig nach Rebellentum an.
Und dann hab ich vor 2 Jahren von Napster zu Spotify gewechselt, weil selbst ein alter Rebell dem Kapitalismus folgt und nicht aus Melancholie bleibt.
Ich kümmerte mich um Ebay für O. Motorradteile einstellen, Fotografieren, Beschreibungen, Versandabwicklung. Ich entdeckte verschiedenste Foren (Städtebauen.de z.B. für Costum Maps, selbst erstellte Karten, der Impression Games/Sierra Spiele). Erste Sozialmedia-Erfahrungen mit Wer-kennt-wen und Studi-VZ. Erste Kontakte zur Online-Swingercommunity, aber 2007 erst Joy. Ich hab sogar Werkstatthandbücher alter italienischer Motorräder eingescannt und dafür eine Homepage erstellt, die existiert noch...Im Impressum stehen O. und ich mit vollem Namen. Deswegen lasse ich die URL lasse ich hier weg, auf dieser Technikseite, die wenige aufrufen ist es ok, bei der Art von Texten, die ich schreibe nicht. Radikal ehrlich sein heißt nicht, alle Adressen öffentlich zu machen.
Das Internet hat mich aufgesaugt, Gaming hatte mich mehrfach wieder. Sims 2 (wo auch immer das herkam) und Single-Player Städtebau und Echtzeit. Children of the Nile hat mich grafisch gefesselt, Age of Empires II hat noch mehr Lust auf Geschichte gemacht, Patrizier 2 lies mich Großkapitalist werden. Online-Gaming war für mich damals noch kein MMORPG-Thema. Aber Tower-Defense? Oh mein Gott. Ich war komplett verloren in Desktop Tower Defense – das Ding mit dem Schreibtisch, den man verteidigt. Und sag mir bloß nicht GemCraft. Dieses Spiel hat mich stundenlang gefressen, obwohl ich nicht mal sagen kann, warum. Und ja – Kongregate hat mich gerufen. Kongregate, Kongregate! Die haben mich erwischt, oder?
Serien und Filme betreffend wurde es etwas ruhiger, ich ging jetzt seltener ins Kino. Bei Serien aus der Zeit erinnere ich mich an "Sex and the City" und "How I Met Your Mother", beim allgemein Fernsehen an DMAX, Tele 5, Formel 1 schauen und zum Einschlafen Phoenix laufen lassen, Bob Ross genießen oder Bernd bei seiner brotisch-depressiven Verzweiflung zusehen. Mist!
Das Problem ist, mein Suchtstoff - Medien - ist meist gemacht aus kapitalistischer Absicht, Klickgeilheit und Selbstdarstellung... aber er ist auch gemacht aus Kunst und Kultur und ja, auch Popkultur ist Kultur... und das ist der Stoff der uns trennt und uns verbindet, dass ist der Stoff, der uns mit Humor, Memes und Ironie bewaffnet, wenn wir nicht mehr können. Das ist auch der Stoff, der uns schräge bis manchmal schädliche Rollenbilder zeigt und sie wieder bricht.
Aber egal welche Medien ich konsumierte, es war ein Teil meiner Erfahrungswelt, ein Teil meiner Art zu kommunizieren läuft über die Kenntnis von Popkultur.
Uff... ich will das schon mal veröffentlichen. Ich werde später oder morgen noch mal dran weiterschreiben.
Meanwhile in the internet:
Manchmal prokrastiniere ich so heftig, dass ich beim Schreiben eines Textes über Mediensucht selbst in Mediensucht abtauche. So wie heute: Ich habe stundenlang durch Threads gescrollt, mich in Debatten verstrickt, gelacht, mich aufgeregt, Leute geliket, repostet oder bewusst ignoriert.
Ich habe fragile Männer-Egos gesehen, die Gendern mit 1984 gleichsetzen, und ein fragiles Frauen-Ego, das sich nach Zeiten sehnte, in denen Rosa noch eine klare Mädchenfarbe war. Über Religion konnte ich nicht still bleiben, weil Religion irrationales Denken normalisiert und derselbe Mechanismus oft direkt in Verschwörungsglauben führt.
Ich habe über Abtreibung gelesen und über das Finanzamt. Über Männer, die Frauen hinterherstarren, und über die Frage, ob Cancel Culture überhaupt existiert. Über Wohnungsbau für Bürgergeldempfänger, den es vermutlich nie geben wird. Über Stephen King, der angeblich mit Epstein verbandelt sein soll – wobei meine Diktierfunktion daraus Ed Sheeran machte, was wiederum der Startschuss für eine absurde Verschwörungstheorie in meinem Kopf war.
Ich bin nicht nur passiv. Ich poste selbst. Nicht weil ich jeden Thread retten will, sondern weil ich manchmal denke meine Perspektive kann noch was neues beitragen, oder weil ich banal eigene Texte verlinke, wenn es thematisch passt. Meine Religionskritik-Texte sind meine meistgelesenen – kein Zufall. Doomscrolling ist für mich nicht nur Eskapismus. Es ist auch Bühne, Experimentierfeld, Denkraum und Werbefläche.
Ich scrolle weiter, weil ich nicht in einer Filterblase enden will. Ich will auch die Dumpfbacken sehen. Ich will wissen, was die Leute sagen, die alles anders als ich verstehen. Ich will mich über sie aufregen können, denn das hält mein Gehirn wach und auch ein wenig offen für andere Blickwinkel. Gleichzeitig liebe ich es, wenn jemand meine eigene Position schlau, pointiert oder humorvoll formuliert. Solche Sätze merke ich mir, weil ich sie später in Gesprächen gebrauchen kann. Solche Profile bekommen ein Follow.
Doomscrolling ist für mich Recherche, Selbstvergewisserung, und ehrlich gesagt auch einfach Unterhaltung. Es ist eine Mischung aus Wut, Lachflashs und dem Versuch, wenigstens ein bisschen was Sinnvolles daraus zu ziehen. Aber am Ende bleibt immer dieselbe Ironie: Ich wollte eigentlich schreiben. Stattdessen habe ich Stunden damit verbracht, die Welt in Threads zu retten – und gleichzeitig darin unterzugehen.
Vielleicht ist das der größte Beweis dafür, dass ich genau weiß, wovon ich schreibe, wenn ich über Mediensucht schreibe.
So aber weiter im Text:
2015 - 2018 Nerd-Welten mit toller Gesellschaft
Nach Aschaffenburg bin ich 2015 gezogen. Und dann habe ich erst mal drei Jahre beim Obernerd gewohnt. Wer das ist? Nennen wir ihn Zero – die lebende Festplatte, das Backup für jedes Nerdwissen zwischen Science Fiction, Hardwareoptionen, Computerspielen, politischen Streitereien und Memekultur. Seitdem sind wir beste Freunde – und das ist, im Rückblick, auch das, was mich in dieser Zeit am meisten stabilisiert hat.
Medienkonsum? Fast alles lief über den großen Fernseher, aber Fernsehen im klassischen Sinn? Nope, da lief YouTube, Netflix, Amazon Prime oder Sky, später kam Twitch dazu. Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir gemeinsam vor YouTube-Kanälen gehockt haben – meistens irgendwelche Nischen-Reviewer, Gaming-Content, ein paar Perlen wie „Kurzgesagt" oder Dokus, die bei anderen Menschen vermutlich unter Langeweile gelaufen wären. Oder vor irgendwelchen Nerd-Serien. Wir haben Stopp gedrückt um die Diskussion zu starten. Klar dass dieser Mann immer noch mein bester Freund ist. So jemand gibt man freiwillig nie wieder her.
Gaming war sowieso der Mittelpunkt. Meine Reise ging von Guild Wars zu Guild Wars 2, zwischendurch Herr der Ringe Online, auch wenn online mit/gegen andre spielen nie mein Lieblingscontent wird. Mein Steam-Account wurde in der Zeit zum gut gefüllten Ablenkungslager – für alle Lebenslagen und jede Stimmungslage. Wenn ich nicht gerade prokrastinierte, habe ich studiert. Oder andersrum: Wenn ich nicht gerade irgendwas auf YouTube, Twitch, Amazon oder Steam gesuchtet habe, habe ich kurz fürs Studium was getan. Das war halt Selbstverantwortung, aka: „Ich tue exakt gar nichts, bis die Deadline so peinlich nahe ist, dass sogar mein innerer Schweinehund die Augen verdreht." Kennt jeder.
Was damals auch auffällig war: Das Zocken, das Scrollen, das Medienfressen fühlte sich trotzdem nie wie komplette Vereinsamung an. Solange noch jemand da war, mit dem man reden, kochen, essen oder wenigstens das nächste Steam-Angebot diskutieren konnte, hatte das alles noch eine soziale Komponente. Selbst wenn Zero ein größerer Nerd als ich ist und niemand jemals meckert – so eine Art von sozialer Kontrolle ist schon Gold wert. Klar, man weiß: Die Hausarbeit muss eigentlich geschrieben werden. Irgendwann macht man es auch. Wenn noch jemand da ist, der einen schief anschaut, wenn die To-do-Liste schon eine Kolonie bildet, dann tut man irgendwann was. Ohne das, würde ich behaupten, hätte ich schon damals noch viel mehr in der Medienwelt versumpft.
Und die Spiele – das Goodie für alle, die genauso kaputt sind wie ich: In dieser Zeit habe ich Cities Skylines geliebt, Banished entdeckt und zum Lieblingsspiel geadelt, Tropico in mehreren Versionen versenkt (wie viele Diktatoren kann ein Mensch werden?), und Transport Fever. Transport Fever, heilige Scheiße, da kannst du mich nachts um vier ansprechen, da bin ich noch wach, weil ich überlege, wie ich den nächsten Güterkreislauf optimiere. Transport Fever 2 war später auch dabei, aber die erste Version – das war Sucht. Da kannst du jede Selbsthilfegruppe mit langweilen.
Das war meine Medienwelt zwischen 2015 und ungefähr 2017 oder 2018. Nicht gesund, nicht besonders originell, aber ehrlich gesagt – damals noch irgendwie okay. Denn da war immer noch jemand da, der mitkocht, der mitlacht, der fragt, ob du schon wieder vergessen hast zu essen, der einen verführt andere Spiele zu spielen. Das war das letzte Stück soziale Kontrolle, bevor ich dann umgezogen bin. Und dann... änderte sich die Lage. Aber das kommt als nächstes.
2018- 2021 Zum ersten Mal alleine wohnen
2018 war ich dann zum ersten Mal wirklich allein. Also: allein in einer eigenen Wohnung, ohne Mitbewohner, ohne Partner, ohne irgendeinen Menschen, der ständig durch den Flur läuft und wenigstens passiv aufpasst, dass man nicht komplett verwildert. Ich bin nicht gegangen, weil wir uns zerstritten hätten. Zero und ich, das war nie wirklich ein klassisches Paar, sondern eher so eine seltsame Zwischenform – Freunde, WG, manchmal mehr, meistens weniger, aber immer okay. Wir kamen klar, auch ohne Etikett. Aber dann kam die Manie. Nicht so eine kleine, wie ich sie schon kannte, sondern so eine, die dich wegbügelt. Danach ging nichts mehr, also Trennung, Kontaktabbruch, und ich landete – wie so oft, wenn's richtig schief geht – erst mal wieder bei meiner Mutter. Die Zeit dort? Schrecklich. Muss man nicht beschreiben, reicht, wenn ich sage: Es war schlimm.
Dann kam die erste eigene Wohnung. Anfangs noch ohne Internet, nur ein bisschen mobiles Netz auf dem Handy – das reicht zum Chatten, aber nicht für ernsthaftes Medienleben. Ich habe es zwei, drei Tage ausgehalten und dann gemerkt: Geht nicht. Ich brauche wieder richtiges Internet, weil ich ohne nicht genug Spiele habe, die auch offline Spaß machen, und das bisschen Surfen auf dem Handy, das bringt's einfach nicht. Also Internet geholt. Zack, wieder drin. Wieder voll angeschlossen an die Welt.
Und jetzt das erste Mal: keine soziale Kontrolle, niemand, der schaut, was ich mache, niemand, der mitkocht, niemand, der fragt, ob ich heute schon was gegessen habe. Das Ergebnis ist logisch, wenn man schon süchtig ist: Ich habe mich komplett in Medien vergraben. Manchmal war das YouTube, manchmal Twitch, manchmal Foren, oft einfach nur Zocken. Eine Zeit lang war Twitch besonders schlimm – ich hatte das Gefühl, es läuft immer irgendwas, was man anschauen kann, und irgendwer redet immer. Und ich war nicht einsam. Ich war auch nicht völlig ohne Kontakte – ich hatte meine Familie, Zero war nach einer Weile auch wieder da, ich hatte betreutes Wohnen, ich war nicht allein. Aber ich war auch nicht an echten Kontakten interessiert. Ich wollte einfach meine Ruhe und diese Dauerbeschallung. Und ja: Scham war der Motor. Scham und Schuld – die perfekte Mischung, um sich freiwillig in die digitale Welt zu vergraben.
Ich hab wirklich meine ganze wache Zeit am Tag auf einen Bildschirm gestarrt. Egal ob YouTube-Videos, Twitch-Streams, selbst zocken – ich hab alles reingebügelt, was ging. "ARK Survival Envolved" kam in diese Zeit im Koop (zusammen spielen, nicht gegeneinander), besonders in der Corona-Zeit nochmal. Wenn ich ehrlich bin: Hätte ich 24 Stunden durchgemacht, hätte ich auch 24 Stunden Medien konsumiert. Natürlich hab ich irgendwann geschlafen, aber sobald ich wach war, lief wieder irgendwas. Und das hatte Gründe. Ich wollte einfach nicht denken. Immer, wenn ich auf den Bildschirm geguckt habe, war Ruhe im Kopf. Sobald ich aufgeblickt habe, kam der Vorschlaghammer: Scham, Schuld, dieses ganze Zeug aus der manischen Zeit. Ich hab mich damals wirklich komplett daneben benommen – keine Gewalt, aber ich hab Leute mit meinen Aussagen verletzt, teilweise richtig schlimm. Einer Person habe ich eine so krasse Verletzung zugefügt, dass ich bis heute nicht weiß, ob das jemals heilt. Und dann sitzt du da, weißt, du hast Mist gebaut, und versuchst, es mit Dauerbeschallung zuzukleistern. Funktioniert natürlich nicht.
Irgendwann fing ich an, meine Tabletten zu sammeln, statt sie zu nehmen. Ich wusste aus dem Internet (haha), was die tödliche Dosis ist. Also sammeln, planen, warten, etwa 1 Jahr lang. 2021 habe ich's versucht. Ich bin wieder aufgewacht – Intensivstation, Katheter, entubiert. Entubiert aufwachen kann ich echt niemandem empfehlen. Es hat eine Weile gedauert, bis mein Körper wieder halbwegs normal lief, die Vergiftung hatte der mir recht übel genommen. Und dann kam der Punkt: Ich hab mein Leben geändert. Oder anders – ich hab beschlossen, es zu versuchen. Ich wollte alt werden, 90, so glücklich wie's halt geht. Und ich bekam ein neues Medikament, weil das alte, mit dem ich's versucht hatte, logischerweise nicht mehr verschrieben wurde. Diesmal wurde ich gefragt, ob ich Lithium nehmen will, gegen die bipolare Störung, die endlich richtig diagnostiziert war. Riesiges Formular, lange Aufklärung, Nebenwirkungen ohne Ende. Ich dachte nur: "Was zur Hölle hab ich zu verlieren? Ich will eigentlich tot sein."
Also Lithium. Ich war nie besonders medikamentengläubig, hatte schon zu viele Fehldiagnosen, zu viele Nebenwirkungen, zu viel Quatsch erlebt. Sie sagten, das dauert ewig, bis es wirkt. Ich dachte: Kann ja eh nix verlieren, also los. Ich weiß nicht, wann die eigentliche Wirkung eingesetzt hat – vielleicht nach ein paar Wochen, vielleicht erst nach Monaten. Was ich aber gemerkt habe, war was anderes: Ich hatte zum ersten Mal seit ich zwölf war keine latenten Suizidgedanken mehr. Einfach weg. Nicht die Probleme, nicht der Selbsthass, nicht die Selbstabwertung, die blieben – aber dieses automatische „Ich will nicht mehr leben" bei jedem kleinen Rückschlag, das war weg. Es kam nicht mehr beim Brot, das runterfiel, es kam nicht mehr jeden Morgen als erster Gedanke. Ich kann nicht sagen, wann genau das besser wurde.
Aber es wurde besser und das hat mein Leben wirklich verändert.
2021 - 2023 Überforderung
Nach dem Krankenhaus bin ich zurück in meine Wohnung. Ich wohne immer noch hier. Aber diesmal hatte ich ein Ziel. Ich wollte alt werden – und das möglichst glücklich. Es ist nicht so, dass ich nicht vorher schon Werkzeuge an die Hand bekommen hätte. DBT, Dialektisch-Behaviorale-Therapie, alles mal gelernt, aber selten konsequent angewendet. Jetzt habe ich wieder angefangen, damit herumzuexperimentieren. Achtsamkeitsübungen, radikale Akzeptanz, alles, was im Werkzeugkasten liegt, wenn man überleben will und dabei nicht völlig abstumpfen möchte. Ich habe sogar probiert, spazieren zu gehen – aber Bewegung ist und bleibt nicht mein Ding. Ich habe viel reflektiert, viel geschrieben, in Foren für psychische Erkrankungen diskutiert, manchmal schmerzhafte Momente ausgehalten, einfach weil ich ja irgendwie weitermachen wollte.
Das Ziel war klar: Keine latenten Suizidgedanken mehr – aber so, wie's mir damals ging, würde ich nicht 90 werden. Also musste ich was ändern. Radikale Akzeptanz, Achtsamkeit, mal einen neuen Skill ausprobieren. Hat es funktioniert? Sagen wir so: Ich bin keineswegs von der Mediensucht losgekommen. Ich will ja auch gar nicht loskommen. Medien sind ein Teil meines Leben, und das bleibt so. Ich habe weiter konsumiert, gezockt, geguckt, gelesen, gescrollt, und wenn's gut lief, auch mal diskutiert. Ich habe gegen mich selbst gekämpft – mit und gegen die Sucht.
Und dann kam der Punkt, an dem sogar ich, als jemand, der Medien wirklich frisst, zugeben musste: Es reicht. Damals lief schon Corona, die Welt war schon im Krisenmodus. Und dann kam Anfang 2022 der Einmarsch von Russland in die Ukraine. Selbst der mediensüchtigste Mensch kann irgendwann nicht mehr. Denn Mediensucht heißt nicht, dass man alles ausblendet, sondern dass alles immer, immer reinkommt. Corona, Schwurbler, Verschwörungstheorien, Querdenker, Impfdebatten, Ukraine-Krieg, Weltkriegsdrohungen, Trump, Sleepy Joe, dumme Meinungen, politische Streams, Debatten, News, Shitstorms – alles auf Dauerschleife, und du kannst nicht abschalten. Irgendwann geht es nicht mehr.
Da habe ich Stopp gedrückt. Für mich war das der Anfang vom Schneckenhausjahr. Ich bin ausgestiegen. Richtig ausgestiegen. Medienpause, News-Pause, Streaming-Pause, alles. Zu diesem Jahr gibt es zwei YouTube-Videos, die ich an der Stelle verlinken werde. Es gibt einen langen Text auf Wattpad, auch den werde ich an dieser Stelle verlinken. Ich werde das hier nicht nochmal erzählen – das ist dokumentiert. Ich habe die Pause gebraucht, und ich habe sie gemacht. Punkt.
Ausführlicher Text über das Schneckenhausjahr:
https://www.wattpad.com/1544546739-jemands-ganz-normales-leben-nur-sehr-viel-davon
2023- bis jetzt: Scheiß drauf, rein da!
Nach dem Schneckenhausjahr war ich wieder zurück in der Welt. Nicht ganz freiwillig – meine Mutter hatte einen Schlaganfall, plötzlich musste ich mich kümmern, Verantwortung übernehmen, wieder präsent sein. Die Pause war vorbei, ich war zurück, ob ich wollte oder nicht.
Das Jahr Medienabstinenz war kein gutes Jahr. Gesund war es für mich auch nicht, aber ich habe gelernt, ich komme mit mir selbst klar. Selbst wenn gar kein Medium läuft, kann ich mich in Tagträumereien verlieren oder meine Gedanken aushalten. Das heißt nicht, dass es angenehm ist – Schuld und Scham waren weiter da. Aber nach einem Jahr Dauerwälzen im eigenen Kopf verlieren manche Dinge etwas an Schrecken. Nicht alles, nichts ist je ganz vorbei, aber auch der dramatischste Geist gibt irgendwann auf, wenn er ein Problem hundertmal gehört hat. Irgendwann kam eine gewisse Gechilltheit. Ich wusste: Ich werde mich schämen, ich werde Angst haben, ich werde Schuld fühlen, und ich werde darüber nachdenken, ob ich überhaupt ein Recht habe, weiterzuleben. Aber das tue ich ja sowieso. Also kann ich's auch machen. Das war, auf eine seltsame Weise, heilsam – oder wenigstens riskofreudig genug, wieder loszulegen.
Nach einem Jahr in meinen eigenen Gedanken hatte ich einfach Lust auf andere Gedanken als meine eigenen. Also wurde die Mediensucht zu etwas anderem. Ich fing an, nicht nur zu konsumieren, sondern Content zu machen. Ich war von Sekunde eins süchtig. Erst auf Joyclub, dann später auch auf Twitch und YouTube. Ich habe Videos gemacht, über meine psychischen Erkrankungen geredet, Streams gemacht, Menschen kennengelernt – freundschaftlich, sexuell, alles dabei. Ich habe mich wieder ins Leben getraut, auch wenn das hieß, sich auf neue Dramen, Beziehungen, Fehler und Irrwege einzulassen. Ich habe eine neue Beziehung angefangen, Oktober 23, sehr turbulent, stellenweise toxisch, zum Teil auch meinetwegen toxisch – aber sie war da. Mein Medienkonsum blieb trotzdem hoch. Ich bin immer noch süchtig, immer noch nicht in der Lage, Threads einfach aus der Hand zu legen, ohne durch zu scrollen. Reels und Shorts catchen mich immer noch nicht, obwohl ich selbst welche mache, aber mit YouTube und Twitch kann ich Stunden verbraten, wie früher. Ich hab auch Zockermarathonphasen.
Das Leben ist heute wieder voller Menschen. Nicht jeden Tag, aber oft genug, dass ich nicht immer meiner Mediensucht frönen kann. Wenn's doch zu langweilig wird, weiß ich aber, wo mein Placebo liegt: Im Joy-Chat, in Online-Diskussionen, im Streit mit echten Menschen oder mit Bots, wenn's sein muss. Sollte mir der eigene Space zu bröckelig werden, wenn mir ChatGPT zu unmenschlich wirkt (was es auch bitte weiterhin soll), dann gehe ich halt dahin, wo ich mich auskenne – ins Internet. Da kann ich mich streiten, verführen lassen, andere verführen, mich aufregen oder einfach nur beobachten. Das ist nicht optimal, das ist nicht gesund, aber es ist menschlich. Und es ist meins.
Ich werde weiterhin Medien konsumieren, aber ich denke meine Bedürftigkeit nach Ablenkung ist gesunken.
Fazit: Warum ich das aufschreibe
Ich schreibe diese Geschichte nicht vorrangig, weil ich damit im Kopf aufräumen will oder weil ich irgendwen retten will. Ich schreibe sie, weil es genau die Geschichten sind, für die man sich schämt. Die, die keiner erzählen will, weil sie peinlich sind, unangenehm, entlarvend – und gerade deshalb müssen sie erzählt werden. Ich bin es gewohnt, mich zu schämen. Dann kann ich es auch öffentlich machen, weil das das Einzige ist, was irgendwann hilft, solche Themen zu enttabuisieren. Mediensucht, Kontrollverlust, Schuld, Scham, all das gehört zu meinem Leben. Und wenn ich wirklich erzählen will, was mich ausmacht, dann gehören auch die schrägsten und schwierigsten Kapitel mit rein.
Das große Ziel ist, zu zeigen, wie unfassbar komplex und verästelt jedes Leben ist. Meins ist nur eines von Milliarden, und jedes andere ist genauso vielschichtig. Niemand ist langweilig. Jeder Mensch bringt eine eigene Geschichte, eigene Beweggründe, Prägungen, Trigger, Traumata und Zufälle mit. Wer das anerkennt, erkennt am Ende: Jeder Mensch ist ein Mensch – und das allein verdient Respekt.
Der höchste Anspruch meiner Arbeit ist, andere dazu zu bringen, bei sich selbst ehrlich hinzuschauen. Nicht, um sich vor der Welt nackig zu machen, wie ich das in meinen Geschichten tue, sondern damit wenigstens jeder sich selbst gegenüber ehrlich wird. Das ist schon schwer genug – und das ist der einzige Weg, wirklich Menschlichkeit zu begreifen. Mehr will ich nicht. Mehr braucht's auch nicht. Aber ich weiß es ist viel erwartet.
Public Domain: Teilen erlaubt. Wenn's hilft, nimm's.
(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)

05 Sucht: Krankhaftes Essverhalten
Disclaimer:
In diesem Text geht es um Essstörungen, darunter Binge-Eating, bulimische Phasen und mein durchgehend krankhaftes Verhältnis zum Essen. Ich werde radikal ehrlich schreiben, ohne Triggerwarnungen innerhalb des Textes. Ich nenne konkrete Zahlen – unter anderem zu Körpergewicht und Body Mass Index, weil sie Teil meiner Realität sind. Wer sich dadurch getriggert fühlt, sollte diesen Text nicht lesen!
1. Kindheit und Jugend – früh gestörtes Essverhalten:
Soweit ich mich zurück erinnere, war mein Verhältnis zu Essen gestört. Essen war nie einfach nur Lebensmittel. Ich habe Nahrung genutzt, um meine innere Leere zu füllen. Ich hatte schon als Kind Fressanfälle. Schon als Teenager habe ich regelmäßig zu viele Süßigkeiten, zu viel Knabberzeug gegessen, auch damals schon oft bis zum körperlichen Unwohlsein. Ich habe in solchen Momenten kein Maß gekannt, keine Grenze gespürt. Für mich ist bis heute, das Gefühl des "Vollgefressenseins" ein süßer Moment voller Wonne.
2. Vor dem Knick – sportliche Phase mit gestörtem Körperbild:
Bis 2009 war ich nicht zierlich, aber schlank und muskulös. Ich habe von Natur aus breite Schultern und breite Hüften. Ich war aktiv: Ich bin geritten, war bei der Wasserwacht, habe hobbymäßig an Schwimmwettbewerben teilgenommen – das bedeutete viel Training und ein sehr muskulöser Körper. Dennoch empfand ich meine Beine als unschön, zu kräftig, zu „dick". Objektiv hatte ich ein Gewicht zwischen 50 und 55 Kilo bei einer Größe von 1,68 m – ein Body Mass Index zwischen etwa 17,7 und 19,5, bei ziemlich großer Muskelmasse. Doch für mich war das nie „dünn genug".
3. 2009 – Suizidversuch, Klinik und Gewichtsexplosion:
2009 war mein erster Suizidversuch. Ich kam in die Psychiatrie – und das Erste, was man dort bekommt, sind Psychopharmaka. Das Zweite: Es gibt nicht viel zu tun außer essen. Ich war in dieser Zeit zutiefst unglücklich. Ich hatte versucht, mich umzubringen, und es hatte nicht funktioniert – das ist kein Zustand, der Freude auslöst. Das machte mein Fressen schlimmer. Also nahm ich zu. Nein, ich nahm nicht einfach zu – ich explodierte. Ich wog vorher etwa 55 bei 1,68 m Körpergröße, war 27 Jahre alt und objektiv im unteren Normalbereich. Innerhalb eines guten Jahres wog ich 93 Kilo. Das ist keine normale Gewichtszunahme – das ist eine physische und psychische Zerreißprobe. Wer so schnell zunimmt, bekommt Dehnungsstreifen, Kreislaufprobleme, und fühlt sich durchweg mies. Und genau so ging es mir auch.
Ich hatte keine Kraft, etwas dagegen zu tun. Ich hatte gerade überlebt, mehr schlecht als recht, und die Energie, mich aktiv um mein Gewicht zu kümmern, war schlicht nicht vorhanden. Und trotzdem hat es mich belastet. Ich hatte mich vorher schon als „zu dick" empfunden – vor allem meine Beine, obwohl sie in Wahrheit einfach nur muskulös gewesen waren. Jetzt empfand ich mich als ekelhaft. Ich lehnte mich selbst ab. Interessanterweise hatte ich nicht die panische Angst, „für niemanden mehr attraktiv" zu sein – diesen Gedanken hatte ich zwar, aber er war nicht das Hauptproblem. (Über die spezielle Zeit in der ich eine Art äußeren Selbstwert wiederfand, hab ich hier geschrieben. Methode nicht empfehlenswert!
https://www.wattpad.com/1543544749-joy-wird-vollj%C3%A4hrig-f%C3%BCr-mich-2-r%C3%BCckkehr-mit )
Aber zurück zum Thema: Ich empfand mich als furchtbar dick, furchtbar hässlich. Und damit begann – als die erste, absolut dramatische Phase vorüber war, etwa ab Mitte 2010 – die Zeit meiner Radikaldiäten. Ich war am Höchststand: 93 Kilo. Und ich wollte da wieder raus. Mit aller Gewalt.
4. Radikaldiäten, Bulimie und körperlicher Zerfall (2010–2023):
Trotz meines äußeren Selbstwertgefühls – das ich mir in einer sehr speziellen, eher fragwürdigen Phase aufgebaut hatte (siehe Link im vorherigen Kapitel) – hatte ich null inneren Selbstwert. Ich wusste, dass ich noch immer attraktiv für andere war. Aber ich hasste meinen "neuen Körper". Ich fand mich hässlich, ekelhaft. Ich dachte oft: Selbst wenn mich alle geil finden würden, ich will so nicht sein. Ich will meinen alten Körper zurück. Ich fühlte mich entfremdet – da war ein Körper um mich herum, der nicht zu mir gehört.
Und so begann sie: die Phase der Radikaldiäten. Und davor die erste bulimische Phase. Bis dahin hatte ich „nur" Binge-Eating-Probleme gehabt, ohne das Wort dafür zu kennen. Ich hatte mich schon als Teenager regelmäßig überfressen, ohne Maß, ohne Kontrolle, bis zum körperlichen Schmerz – aber nicht mit dem massiven Schuldgefühl. Als ich noch relativ schlank war, war das schlechte Gewissen nach dem Essen eher schwach. Doch nun, in dem völlig anderen Körper, war es kaum auszuhalten.
Dann kam der Moment: Nach einer Fressattacke steckte ich mir zum ersten Mal den Finger in den Hals. Und dann nochmal. Und nochmal. Ich war da – ich glaube – das zweite oder dritte Mal in Lohr im BKH, und dort fiel es auf. Eine Zimmerkollegin sagte etwas wie: „Ich glaub, die kotzt." Und dann durfte ich – wie andere auch – nach dem Essen vor der Kanzel sitzen, also vor dem Pflegestützpunkt, unter Beobachtung. Eine ganze Stunde, glaube ich. Es war demütigend – und trotzdem ein bisschen okay, weil ich da oft mit einer anderen Betroffenen sprach. Aber es war trotzdem klar: Das will ich nicht.
Ich bin nicht doof. Ich wusste, was Bulimie anrichtet: Speiseröhre, Zähne, Kreislauf, Magen. Ich wollte nicht auf diesem Weg kaputtgehen. Ich wollte entweder tot sein (der Suiziddrang war immer noch stark) oder irgendwann anständig leben. Aber ich wollte nicht kaputt leben.
Die bulimische Phase endete. Aber es kamen andere, schlimmere Phasen. Von etwa 2010 bis 2023 habe ich immer wieder abgenommen. Und wieder zugenommen. Immer wieder. Mein Höchstgewicht war später 95 Kilo, mein Tiefstgewicht in dieser Zeit unter 70, vielleicht 68 Kilo – ganz genau weiß ich es nicht mehr. Ich wollte ja noch weiter runter. Es war also keine stabile Phase, sondern eine ewige Pendelbewegung: 10 Kilo runter. 15 Kilo runter. 12 Kilo wieder drauf. Und das hat Spuren hinterlassen.
Bevor ich dick wurde, war ich stolz auf meine Brüste. Ja, das kann man ruhig so sagen. Ich hatte kleine, feste Brüste, kleine Brustwarzen, und fand sie perfekt. Ich stehe selbst auf weibliche Körper – das entsprach genau meinem Geschmack. Dann kam die Gewichtsexplosion. Die Brüste wurden groß. Erstmal nicht schlimm – da war ich noch 27 oder 28. Groß, aber okay aussehend, das war der damalige Zustand. Doch dann kam die Radikaldiät. Danach waren sie nicht mehr okay. Auch bei späterer Zunahme nicht. Sie hängen. Sie schauen nach unten. Und ja: Das gefällt mir nicht. Auch heute nicht – weder an mir noch an anderen. Das heißt nicht, dass ich Menschen danach bewerte, aber schön finde ich es nicht.
Und diese Abnehmphasen? Das war kein gesunder Lebensstil. Das war Selbsthass. Kasteiung. Geißelung. Ich hasste mich für jeden Bissen, für jede Chipstüte – und hatte trotzdem immer wieder Fressanfälle. Ich habe nie ein gesundes Essverhalten gehabt. Nie in meinem Leben. Und ich habe es auch nie geschafft, mir eins anzutrainieren. Zu viele Baustellen. Zu viele innere Stimmen. Und zu viel Hunger – buchstäblich und metaphorisch. Das Abnehmen war meine Antwort. Und sie funktionierte – das war ja das Perfide. Ich bewies mir immer wieder, dass ich es kann. Dass ich die Kontrolle haben könnte. Aber mein Körper hat darunter gelitten. Vor allem meine Brüste. Aber auch der ganze Körper, der eh schon von Dehnungsstreifen durchzogen war.
Diese Phase – dieses toxische Verhältnis zu mir selbst und zu meinem Körper – ging bis 2023. Danach begann etwas Neues.
5. 2023 – Diagnose, Body Neutrality und das Ende der Gewalt an mir selbst:
Lustigerweise begann diese neue Phase nicht mit etwas, das direkt mit meinem Gewicht zu tun hatte. Sie begann mit einer endgültigen Diagnose: Meine Blasenschwäche ist bleibend. Nicht heilbar, nicht operabel. Das war ein Schock. Ein tiefer Schock. Ich war 41 Jahre alt. Ich beschloss – typisch ich, hochdramatisch –, dass meine Sexualität damit gestorben sei. Kein Sex mehr. Kein Sich-Hingeben an andere. Keine Intimität. Natürlich war das eine verrückte Phase, und es gibt auch andere Texte darüber (muss hier nicht verlinkt werden). Aber: Sie war prägend.
Und komischerweise brachte genau diese Phase auch einen neuen Blick auf meinen Körper. Ich sagte mir: Hey, dein Körper hat verdammt viel mitgemacht. Jahrelanger Alkoholmissbrauch. Radikale Gewichtsschwankungen. Manische Phasen ohne Schlaf. Selbstverletzungen mit Verbrennungen und Schnittwunden. Und dennoch hat dieser Körper – dieser Fleischroboter – durchgehalten. Ich finde ihn nicht schön. Aber ich begann zu denken: Er funktioniert. Und das war neu.
Es dauerte. Ein halbes Jahr? Ein ganzes Jahr? Ich weiß es nicht genau. Aber irgendwann kam dieser Gedanke: Ich finde das Ding da um mich rum nicht hübsch. Aber es trägt mein Gehirn zuverlässig durch die Gegend. Und es funktioniert – angesichts dessen, was ich ihm alles zugemutet habe – ziemlich brav. Und so entstand das, was man mittlerweile Body Neutrality nennt. Ich wusste ja eh, dass ich für andere attraktiv sein kann. Ich wusste auch, dass ich mich selbst innerlich nie attraktiv finden werde. Aber ich konnte beginnen, meinen Körper nicht zu hassen.
In dieser Zeit dachte ich auch viel über eine Bruststraffung oder -verkleinerung nach. Meine Brüste sind nach wie vor ein großes Ärgernis für mich. Ich habe recherchiert: Was kostet das? Was bringt das? Wie lange hält das? Was sind die Risiken? Alles durchgerechnet – auch emotional. Und ich kam zu dem Schluss: Es lohnt sich für mich nicht. Selbst wenn ich das Geld hätte (was ich nicht habe), würde ich es nicht dafür ausgeben. Ich habe Angst vor Vollnarkosen – nicht aus Todesangst, sondern weil ich die Vorstellung hasse, dass da an mir rumgeschraubt wird, während ich weg bin. Also: Kein Eingriff. Keine OP. Ich lebe mit diesen Brüsten. Und dieser Entschluss bedeutete auch: Ich werde nie wieder für die Ästhetik abnehmen.
Heute wiege ich 95 Kilo. Ich dachte ich läge drunter, hab mich lange nicht gewogen. Das ist mein Maximalgewicht. Ich bin 1,68 m groß, weiblicher Körper, 43 Jahre alt. BMI 33,7, Übergewicht, Adipositas Grad I. Wenn es aber irgendwann problematisch wird – wenn ich z. B. Gelenkprobleme bekomme, Diabetes, Herzprobleme – dann würde ich abnehmen, auch radikal, wenn es gesundheitlich notwendig wäre. Aber nie wieder für die Ästhetik. Denn ich weiß: Selbst mit flachem Bauch würde ich mich nicht schön finden, wenn meine Brüste dabei leer herunterhängen.
Quasi-Schlusswort:
Ich weiß nicht, ob ich sagen kann, dass ich mich mit meinem Körper angefreundet habe. Ich werde diesen dickeren Körper nie als meinen empfinden. Ich werde ihn nie als schön empfinden. Aber: Ich habe gelernt, ihn zu schätzen. Dafür, dass er funktioniert. Dafür, dass er nicht aufgegeben hat.
Schlusswort zum Sucht-Komplex:
Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen dieser Sucht und allen anderen, über die ich geschrieben habe, egal ob über Alkohol, über Zigaretten oder über Selbstverletzung. Ich habe mir selbst gezeigt, dass es möglich ist, ohne zu leben. Es ist nicht nur möglich, es ist vielleicht sogar gut. Ich habe über Mediensucht gesprochen, bei der ich für mich entschieden habe: Ich will nicht ganz ohne.
Aber beim Essen – beim Essen geht das nicht. Jeder essgestörte Mensch weiß: Du kannst nicht abstinent leben. Du musst dich der Substanz immer wieder aussetzen. Mehrmals täglich. Für den Rest deines Lebens. Und du wirst nie sagen können: „Okay, dann hör ich halt auf." Denn wenn du aufhörst, bist du tot.
Public Domain: Teilen erlaubt. Wenn's hilft, nimm's.
(Quelle nennen wäre nett: Wattpad – jemand_und_niemand)
06 Sucht: Kippen, leider eine Fortsetzung
Ich habe wieder angefangen zu rauchen, nicht an genau einem Tag, aber wenn ich zurück rechne, begann es etwa am 1. September 2025, als das Streaming wieder hochgekocht ist und die sozialen Reize, die mich früher oft zum Trinken brachten, mich diesmal zum Rauchen führten. Und ne Kippe drehen, eine rauchen überspielt Stille, hilft beim „jetzt nichts sagen sonst brülle ich". Ich bin trockener Alkoholiker und weiß genau, welche Situationen mich gefährden, trotzdem habe ich mir erlaubt, ab und zu einen Joint zu rauchen, habe Bong probiert, um den Tabak wegzulassen. Aber für mich und für viele in Deutschland ist Weed gemischt mit Tabak die gewohnte Art des Konsums und daraus wurde wieder Tabakkonsum — Nikotin/Tabakrauch sind für mich ein Pulverfass, meine psychische Konstitution macht mich extrem suchtgefährdet — und das will ich nicht mehr.
Ich halte offen und ohne Beschönigung fest: von 22.12. bis etwa 1.9. hielt ich es ohne Kippen aus, danach kroch der Tabak zurück in mein Leben, und heute habe ich den klaren Beschluss gefasst, den Tabak bewusst zu beenden. Der Tabak ist mal wieder leer und meine momentanen Probleme sind nur eine Ausrede. „Ich werde aufhören wenn es mir besser geht.", ist ein Selbstbetrug den die Suchterkrankung dir erzählt und es ist krass das ich das seit Jahren weiß und den Tabak doch wieder gewinnen lies. NEIN, heute, jetzt, es gibt überhaupt nie einen anderen Moment zum Aufhören.
ich werde Tabakersatzstoffe ausprobieren (pflanzliche Mischungen, Himbeerblätter o.Ä.) in der Hoffnung, etwas zu finden, das nicht dieselbe sucht-verstärkende Wirkung hat — mir ist bewusst und ich schreibe es klar ins Buch: egal welche Pflanzenteile man in eine Kippe oder in einen Joint dreht, verbranntes organisches Material einzuatmen ist jedem vernünftigen Zweifel nach schädlich und höchstwahrscheinlich krebserregend und damit bleibt jede Form des Rauchens selbst schädigend. Mein Ziel ist nicht, Gefahrlosigkeit zu erreichen, das wäre naiv, sondern die besondere Toxizität und Suchterzeugung des Tabaks zu vermeiden; kurz gesagt: ich will nicht, dass eine Substanz mir Tag für Tag mein Leben vorschreibt, die mein Ziel mindestens 90 Jahre zu werden derart erschweren würde.
Also benenne ich den Rückfall, übernehme Verantwortung und formuliere einen Plan — öffentlich, weil Ehrlichkeit mir hilft —: heute aufhören mit Tabak, Ersatz testen, und weiter offen berichten, ohne zu verharmlosen, ohne mich selbst zu belügen.

07 Sucht: Tabakrauchen, Ersatzmethoden und meine Entscheidung
Ein persönlicher Essay zwischen Datenlage, Erfahrung und Harm Reduction
Ich konsumiere gelegentlich THC und CBD. Nicht täglich, nicht als Selbstmedikation, sondern vergleichbar mit einem Feierabendbier oder einem Glas Wein bei manchen. Diese Form des Genusses möchte ich mir nicht verbieten. Was ich mir sehr wohl verbieten will, ist wieder Zigaretten zu rauchen. Nicht „ab und zu", nicht „kontrolliert", sondern so, wie ich es leider kenne. Jeden Tag teilweise vierzig selbst gedrehte Zigaretten. Das ist das, was ich vermeiden will. THC- und CBD-Genuss möchte ich trotzdem ermöglichen und das möglichst mit wenig Schaden für mich selbst. Gleichzeitig muss das praktikabel genug für mich sein, um das durchzuhalten.
Meine bevorzugte Darreichungsform war lange der Joint mit Tabak. Er ist haptisch vertraut, ritualisiert, "geschmacklich" mein Favorit. Der Tabak ist für mich dabei kein neutraler Zusatz. Diese Erkenntnis ist nicht theoretisch, sie ist biografisch. Nikotin im Rauch ist allerdings ein relevanter Suchtauslöser, das gilt meines Wissens als fachlicher Konsens.
Der naheliegende Gedanke war dann, wenn verbrannter Tabak ein potentieller Suchtauslöser ist, warum ihn nicht einfach ersetzen? Kräuter, Tee, Cannabisblätter. Gleiche Form, weniger Suchtstoff. Genau an dieser Stelle probierte ich es einfach aus und bin heute an dem Punkt:
Reicht es mir, den Tabak aus dem Joint zu entfernen, um das Risiko in einen persönlich verantwortbaren Bereich zu bringen?
Was bei jeder Betrachtung der Sachlage schnell klar wird, ist allerdings unbequem: Verbranntes Pflanzenmaterial zu inhalieren ist gesundheitlich problematisch, egal ob es Tabak ist oder Teile einer anderen Pflanze. Der Wechsel zu Kräutern macht den Joint nicht gesund. Er verändert das Risiko, aber er hebt es nicht auf.
Doch Gesundheit ist nicht der einzige für mich interessante Faktor. Suchtgefahren durch Nikotin, die Verfügbarkeit von Tabak in der Wohnung und das Ritual des Rauchens sind ebenso Teil meiner Pro- und Contra-Abwägung.
1. Gesundheitsgefahren des Kräuter-/Tee- oder Cannabisblätterrauchens im Gegensatz zum Tabakrauchen
1.1 Gesundheitsgefahren durch Rauchinhalation
Auch wenn der gesundheitliche Faktor für mich nicht der einzige ist, möchte ich dennoch darauf eingehen, was ich für mich als fachlich bestätigt herausfinden konnte.
Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind sich recht einig, dass das Rauchen verbrannter biologischer Stoffe schädlich ist. Unabhängig davon, welche Pflanze verbrannt wird, entstehen Schadstoffe, die für Lunge, Herz-Kreislauf-System und langfristig auch für das Krebsrisiko relevant sein können. Der Wechsel von Tabak zu Kräutern oder Blättern macht das Rauchen also nicht grundsätzlich gesund.
1.2 Suchtgefahren durch Nikotin, bzw. Tabakrauch
Auf diesen Aspekt werde ich hier nicht gesondert eingehen, weil dies den Rahmen sprengen würde. Leicht zugängliche Verbraucher- und Konsumenteninformationen zu diesem Teilthema finden sich unter anderem hier:
2. Tabak im Haus
Je leichter und stressfreier mein Suchtstoff - in dem Fall Tabak - für mich verfügbar ist, desto schwerer mache ich mir das Verzichten. Das kenne ich noch von meinem alten "Freund" dem Alkohol.
Ich habe mir trotzdem eingeredet, dass gelegentlicher Tabak im Joint funktionieren könnte. Zwei Wochen später war ich wieder im Alltag des Zigarettenrauchens angekommen. Kippen drehen ist bei mir derart in Fleisch- und Blut übergegangen, dass ich es fast automatisch mache, wenn Tabak und Blättchen vor mir liegen.
Aber in belasteten Momenten steigert auch schon das bloße Vorhandensein innerhalb der Wohnung für mich die Gefahr des Zugreifens. Nicht auf 100 % natürlich, aber ich weiß, dass der Aufwand des Rausgehens bei mir eine Bremse sein kann.
3. Ritualnähe und cue-induced craving
Was mich an der Kräuter- oder Leafzigarette am meisten beschäftigt, ist weniger der Stoff als die Nähe zum Originalritual. Drehen, Anzünden, Inhalieren, Ausatmen. All das ist mir vertraut, und genau darin liegt mein Risiko.
Ich habe dazu bewusst quer gelesen, unter anderem Arbeiten zur Frage, wie stark die Ähnlichkeit der Konsummuster von Substanz und Ersatzstoff Auswirkungen auf die Stärke des Suchtdrucks haben. Das, was ich dadurch gelernt habe, passt unangenehm gut zu meiner eigenen Erfahrung:
Die Gefahr liegt darin, dass mein Körper und mein Kopf ein bekanntes Muster erkennen. Die gewohnte Handlung ist selbst ein Signal, das mir meldet: Gleich kommt Suchtstoff! Bleibt dieser dann aus, kann das den Suchtdruck sogar verstärken.
Gleichzeitig kann man interpretieren, dass fehlender Hauptwirkstoff das Risiko deutlich senkt. Ähnlichkeit allein produziert nicht zwangsläufig einen Rückfall, aber sie erhöht die Schwierigkeit des Abstinentbleibens.
Für mich heißt das: Der Kräuterjoint ist auch hier, wie auch bei der Gesundheitsfrage, nicht neutral.
Andere Darreichungsformen, die ich bereits getestet habe im Kurzvergleich:
Bei einer Bong ändert nichts daran, dass verbranntes Material inhaliert wird, dass heißt aus Sicht der Schadstoffbelastung ist das kein oder nur ein minimaler qualitativer Sprung. Es ist dadurch allerdings möglich auf Tabak und damit Nikotin zu verzichten, was die Rückfallgefahr senkt. Der "Tabak im Haus"-Fall könnte hierdurch vermieden werden und die Ritualnähe ist kleiner als beim Kräuterjoint.
Bei Vaporizern, ich meine damiti sogenannte "Heat-not-burn"-Geräte sollen das Material erhitzten werden ohne Verbrennen und deutlich weniger Verbrennungsprodukte produzieren. Dadruch könnte es wahrscheinlich geringere toxische Belastung und weniger kanzerogene Wirkung geben. Die anderen Aspekte sind genau wie bei der Bong.
Mein Fazit
Für mich wäre die überzeugendste Form der Harm Reduction also eher der Vaporizer als der Kräuterjoint.
Doch meine bisherigen Erfahrungen mit Vaporizern sind alt, technisch überholt und emotional wenig überzeugend. Der Geschmack, die Handhabung und die Wirkung spielen für mich eine Rolle, ob ich will oder nicht. Eine Lösung, die ich nicht nutze, ist keine Lösung.
Die erste Entscheidung war von Anfang an eindeutig und nicht mehr verhandelbar: Tabak ist raus.
Die zweite Entscheidung ist bewusst vorläufig. Ich bleibe zunächst bei der Kräuter-, Tee- oder Leafzigarette. Nicht, weil ich sie für gesund halte, sondern weil sie mein zentrales Ziel aktuell erfüllt. Sie erlaubt mir gelegentlichen THC- und CBD-Konsum, ohne den Nikotin-Suchtmechanismus zu aktivieren. Auf lange Sicht will ich dann aber zum Vaporizer wechseln.

14 Mein Jahr im Schneckenhaus
Es begann mit einer Entscheidung. Die Welt schien unterzugehen, damals im Februar '22. Ich war immer ein politischer Mensch und hatte die Radikalisierung in der Gesellschaft - speziell seit 2020 Corona auf den Plan trat - immer mit Sorge betrachtet. Diese gesundheitliche Krise war schon ein Brandbeschleuniger gewesen, Leute strömten auf die Straße, „Hippies", Esoteriker, Heilpraktiker, durchschnittliche Leute mit Kindern teilweise, zusammen mit Leuten von der NPD und AfD. Die Demos hier in der Stadt laufen immer unter meinem Fenster entlang. Ich sah diese Massen. Ich dachte wir Menschen wären weiter gekommen, die da draußen wollen wohl unbedingt das Gegenteil beweisen.
Und in diese 2 Jahre reifende Angst, kam der russische Überfall Februar 2022 und es kamen die Reaktionen drauf und ich hätte echt kotzen können über die Russlandtreue einiger „Patrioten".
Die sich überlagernden Krisen, das endlose Polarisieren, das diese Ereignisse begleitete, lässt mich auch heute noch zweifeln ob unsere Gesellschaft jemals wieder zusammenfindet, ob der Weg in den Abgrund schon bereitet ist, ob unsere Zivilisation wirklich sterben muss, ob mein Traum, dass die Welt immer demokratischer, gerechter, wissenschaftsorientierter und pluralistischer werden könnte, ausgeträumt war.
Ich hatte und habe davor Angst, damals entschloss ich, gut, dann geht sie unter, ich werde es mitbekommen wenn es soweit ist. Ich will die Angst nicht täglich spüren. Und ich tauchte ab, zog mich in mich selbst zurück und lernte mich kennen.
Vielleicht auch etwas aus Trotz (wenn ihr die rechten wollt, bitte sehr), wenig aus Gleichgültigkeit (Ich hab Leute, die ich mag!), sicher aus Überforderung, ganz wenig aber aus dieser Neugier darauf ob ich mich aushalte.
Ich hörte auf, politische Beiträge zu lesen, verzichtete auf Streams, vermied Kommentare, soziale Medien, sogar Chats. Ich hörte auf, zu sprechen – nicht weil ich keine Meinung mehr hatte, sondern weil ich nichts inkorrektes in einer wichtigen Debatte sagen wollte. Ich war aber auch zu dünnhäutig geworden für die Welt. Die Extreme, die Zuspitzungen, das Schwarz-Weiß – das wurde mit zu viel – MIR (wer es nicht weiß, ich habe Borderline. Ich habe mittlerweile mehr als mein halbes Leben trainiert um nicht alles schwarz-weiß zu sehen. Ich halte eine Zeit nicht aus, die das als etwas gutes und normales sieht).
Also hörte ich auf. Ich verbrachte meine Tage in Serien, YouTube-Loops, ich lebte in Fan-Fiction-Kopfwelten, weil dort keine Gesellschaft zerbrach, sondern alles nach einem inneren Code funktionierte. Ich träumte, ich spielte, ich schaute zu. Kein Twitch, kein Discord. Keine Zeitung. Keine Welt.
Das war keine Erholung. Es war eine Vermeidung, aber eine notwendige. Ich wollte nicht wissen, was da draußen passierte, weil ich dessen da draußen gegenüber so machtlos war. Ich hatte Angst vor dem Weltkrieg. Angst vor der Klimakatastrophe. Angst vor gesellschaftlicher Spaltung. Nicht in Form von apokalyptischen Bildern – sondern als langsames, real messbares Auseinanderfallen von Lebensrealitäten. Ich konnte das Reden darüber nicht mehr ertragen. Nicht die Empörung, nicht das Gezeter, nicht die Wut der anderen, nicht die eigene.
Rückblickend war dieses Jahr keine gute Idee – aber es war auch keine schlechte. Es hat mir geschadet, weil ich aus meinem sozialen und intellektuellen Netz herausgefallen bin. Ich wusste später vieles nicht mehr, konnte bei Gesprächen nicht mehr mitreden, spürte die Scham des Nichtwissens, obwohl ich die Zeit gehabt hätte, um mich zu informieren. Ich hatte keine Ausrede, nur Erschöpfung. Aber es hat mir auch geholfen, weil ich herausgefunden habe, dass ich mit mir selbst auskomme. Weil ich mich selbst kennengelernt hab und dabei festgestellt hab, das ein paar Sachen an mir gibt, die ich mag. Ich war ja 2022 noch übelst von Selbsthass zerfressen.
Ich war nicht ganz allein in dieser Zeit. Ich ging regelmäßig alle 4-6 Wochen zum Psychiater, einmal die Woche kam die Betreuerin vom einzelbetreuten Wohnen vorbei. Eine Weile war da Zero – nicht durchgängig, nicht dauerhaft. Später gab es eine emotionale Nähe, die ich in „Zero - Chronik einer Beziehung ohne Namen" ausführlich beschreiben werde, weil sie ein eigenes Kapitel verdient. Aber auch Zero war irgendwann nicht mehr da, weil ich selbst gesagt habe... auch das gehört nicht hier her, sondern in Zeros Geschichte. Also war ich allein – und das war in Ordnung.
Als meine Mutter einen Schlaganfall hatte, war die Stille vorbei. Plötzlich war wieder Welt. Arzttermine, Anträge, Behördengespräche, Verantwortung. Plötzlich war wieder Kommunikation, waren wieder Geschwister, die mich an alte Rollen erinnerten, an alte Kindheitserfahrungen, an das, was nie ganz abgeschlossen war. Ich hatte keine Zeit mehr, in Ruhe zu degenerieren. Ich musste wieder funktionieren.
Und ich funktionierte. Mehr oder weniger. Ich war wacher, lebendiger, irritierter. Ich war nicht mehr ganz abgeschottet, aber auch nicht offen. Ich war nicht mehr sicher, ob ich das will – diese Welt, diese Lautstärke, diese Widersprüche. Ich hatte die Extreme nicht vermisst, aber sie waren noch da. Vielleicht war ich ihnen jetzt einfach nur fremder geworden.
Ich begann wieder, mich zu informieren. Langsam, tastend, zögerlich. Ich wusste vieles nicht mehr. Ich konnte nicht mehr mitreden. Ich spürte, wie schwer es ist, Dinge aufzuholen, die man freiwillig weggelassen hat. Ich merkte, wie oft ich mich dafür rechtfertigte, wenig zu wissen – und trotzdem etwas sagen zu wollen. Ich sprach mit – in meinem Rahmen. Ich sagte, wenn ich etwas nicht wusste. Ich versuchte, wieder Teil zu sein – der Debatte zu sein, denn Teil der Gesellschaft ist man schnell wieder. Als hätten die auf einen gewartet.
Etwa im Februar 22 begann ich es, Anfang 23 war ich wieder (halb gezwungen) in der Welt. Stefan war gleich wieder da, meine Familie überrepräsentiert, also warum nicht in mehr Welt werfen. Die Welt will untergehen! Soll sie bis dahin leb ich volle Kanne! Das war die Devise. Februar 23 erste Anmeldung auf p****.de, Ende März resigniert zu Joy zurück. Aber doch erst Ende Mai entdeckt dass man dort streamen kann. 25.05.2023 Start als Streamer. Etwa 3 Monate später war ich die Gildenmama und Telefonzentrale für einen Freundeskreis aus halbirren tollen Leuten. Gesellschaft zu finden fällt mir meist leicht, sie zu halten dagegen sehr schwer.
Dann drohte Trumps Wiederwahl, ich bekam oft tagesaktuelles Ukraine-Kriegs-Update, weil Pete sich das anschaute... die Politik hatte mich wieder. Trump wurde Präsident. Lindner hat gemein der Moment wäre passend... ich lebte bis zur Wahl für Politik, das war mein Job quasi. Ich hab Leute versucht dass sie SPD, Grüne oder Linke wählen. Ich hatte am Anfang sogar noch die Union mit erwähnt... Jetzt setze ich meine Hoffnung darauf dass es auch in der Union noch überzeugte Demokraten gibt.
War es ein Jahr im Schneckenhaus? Ja. War es ein Fehler? Auch. War es notwendig? Ja, verdammt.
Heute weiß ich: Ich werde vielleicht nie wieder da ankommen, wo ich mal war, aber ich bin klarer in meinem Inneren. Ich bin gereizter, aber auch wacher. Ich bin nicht „besser" geworden dadurch – aber ich arbeite mit mir besser zusammen.
15 Wechseljahre - leider im Helfersystem
Es gibt Menschen, die wechseln ihren Job, ihre Wohnung, ihre Frisur oder ihren Partner. Ich wechsle anscheinend mein gesamtes Helfersystem seit zwei Jahren, mal unfreiwillig, mal gewollt, aber unausweichlich. Und jedes Mal kostet es Kraft, Vertrauen und ein Stück Selbstwert. Ich kann mir meine Helfer nicht aussuchen wie eine Playlist. Ich kriege, was frei ist, und wenn sie wechseln, habe ich Pech. Willkommen in meinen Wechseljahren – leider nicht hormonell, sondern strukturell.
2023: Bruch mit Hephata
Im Frühjahr 2023 fing es an zu kippen. Am 24. April knallte es zum ersten Mal richtig mit meiner Sozialpädagogin von Hephata. Wiederholte Kritikpunkte, die mich schon länger genervt hatten, brechen aus mir heraus, ich werde wütend, sage, dass sie gar nicht mehr kommen soll. Danach ärgere ich mich über mich selbst, weil Wut zwar Druck ablässt, aber nichts löst. Am nächsten Tag beschließe ich: Telefonate ja, Arztbegleitung ja, aber keine Gespräche mehr. Gespräche mit ihr bringen nur Streit.
Im Juni eskaliert es dann endgültig. Sie sagt irgendeine ihrer Plattitüden – und mein Wutlevel explodiert. Dieser billige Satz, diese Plattitüde, schiebt mich endgültig raus aus dieser Betreuung. Ich will eigentlich innerhalb der Hephata zu jemand anderen wechseln, aber es ist niemand frei, also zur AWO – was organisatorisch viele Vorteile für mich hat, habe aber gleichzeitig Angst vor neuen Regeln, neuen Gesichtern, neuen Hierarchien.
Was ich damals nicht sofort begriffen habe: Der Bruch mit der Sozialpädagogin von Hephata bedeutete nicht nur das Ende einer einzelnen Zusammenarbeit, sondern riss mir auch die gesetzliche Betreuung unter den Füßen weg. Ihr Mann war mein gesetzlicher Betreuer, jahrelang ohne jede Beanstandung, ich war zufrieden, er hat seinen Job gemacht. Doch weil ich die Zusammenarbeit mit seiner Frau beendet hatte, kündigten sie mir gleich das ganze Betreuungsverhältnis. Nicht wegen fachlicher Fehler, sondern wegen enttäuschtem Vertrauen – so nannten sie es. Für mich fühlte es sich an wie ein Doppelschlag: Ich wollte nur wechseln, weil die Gespräche mit ihr für mich nicht mehr tragbar waren, und stand plötzlich auch ohne den einen Helfer da, bei dem ich bis dahin keinerlei Beschwerden gehabt hatte. Das war nicht nur ein Wechsel, das war ein Bruch in meinem Helfersystem, den ich nicht gewählt hatte.
2024: Lachen, das nicht heilt
Ich war in Behandlung bei Psychiater Dr. B und ehrlich gesagt wollte ich von ihm weg, weil es Unstimmigkeiten mit ihm gegeben hatte, doch so weit kam ich nicht, denn er verkündete in Rente zu gehen. Also suchten viele nach neuen Psychiatern, ich kam in der PIA (Psychiatrische Instituts Ambulanz) unter, hatte einen Termin bei einer Psychiaterin, dann war die weg und ich kam zu Frau Dr. A.:
2024 wird das Jahr, in dem mein Vertrauen endgültig erodiert. Am 7. Juli fragt mich meine Psychiaterin, nach dem ich von meiner Panik vor Fehlern erzählt habe: „Was denken sie wo das herkommt?". Gewohnt Fragen von Psychiatern zu beantworten antworte ich vertrauensvoll: „Wir durften als Kinder keine Fehler machen...[weiter kam ich nicht]". Sie unterbrach: „Wie alt sind sie denn jetzt?" und lachte herzlich. Ich bat sie aufzuhören, zweimal... aber dann lies ich es über mich ergehen.
Da war der Kanal voll. Ab diesem Tag war klar: Nicht-Ernstgenommenwerden ist die rote Linie. Wer darüber geht, hat mich verloren. Einen Tag später, am 8. Juli, sagt mir eine Sozialarbeiterin sinngemäß: „Sie müssen lernen, mit Ausgelacht-werden klarzukommen." Parallel: Toxische Beziehung, Kritik aus einem Forum. Überall das gleiche Muster: Ich rede, die anderen nehmen es nicht ernst.
Im Herbst 2024 wird mein Leben plötzlich medizinisch dramatisch. Ausgerechnet mein best verträgliches Medikament, das Lithium, gerät unter Verdacht. Die Blutwerte deuten auf etwas hin, das alles infrage stellt: Hypophysenprobleme, Brustkrebs oder eine schleichende Schädigung durch Lithium. Von einem Tag auf den anderen steht meine medikamentöse Lebensgrundlage auf der Kippe. Das MRT wird vorgezogen, die Mammografie auf danach verschoben, weil jetzt alles zählt. Das Versprechen: Wenn die Untersuchungen unauffällig bleiben, darf ich beim Lithium bleiben. Aber bis dahin hängt alles in der Luft. Ich renne zwischen Blutabnahme, Hausarzt, neuer Sozialarbeiterin, MRT, Psychiaterin und Mammografie – eine Ärzte-Odyssee.
Dann gibt es einen Termin mit gesetzlicher Betreuerin, der Frau von der AWO und der Psychiaterin, erschöpft und wütend erkläre ich die Problematiken. Doch keine der drei Frauen, deren Job es allesamt ist, mir zu helfen, stellt sich bei irgendeiner Sache auf meine Seite. Ich spiel 1 vs. 3 gegen meine Helfer. Statt einer Reaktion, die mich auffängt, bekomme ich eine Hypomanie-Diagnose und das Rezept für Olanzapin. Obwohl ich von Dauermüdigkeit berichtet hatte, ich kann es mir nicht verkneifen: „Wenn ich noch ruhiger werde, komme ich nicht mehr aus dem Haus." Ende Oktober steht das MRT an und ich klammere mich an die Hoffnung, dass es nicht am Lithium liegt. Ich schreibe, dass man in schweren Zeiten erkennt, wer die echten Freunde sind. Die bittere Antwort: kaum jemand. Lustigerweise Pete in der Situation. Am 7. November lasse ich das MRT über mich ergehen, checke heimlich per QR-Code und befreundetem Arzt die Ergebnisse, weil mein Stresslevel längst jenseits von Gut und Böse ist, aber der Befund ist laut ihm unklar. Am 8. November, das Ergebnis noch immer uneindeutig, warte ich auf den Termin beim Nuklearmediziner und breche nihilistisch aus: „Ficken, Tanzen, Saufen, Kiffen – Vollgas in den Untergang." – ich setze es aber nur halbherzig um. Am 15. November überweist mich die Psychiaterin weiter zum Neurochirurgen und empfiehlt erneut Olanzapin. Ich kapituliere, sage mir nur noch: „Ich tue, was sie sagt." Und im Dezember, beim Jahresrückblick, stehe ich wieder an derselben Stelle wie am Anfang: ausgelacht, hingehalten, erschöpft, zusammengefasst in einem einzigen Satz: „Hör mir auf, was ein Scheiß."
Ich wechselte von ihr weg zu einem sehr sympathischen Psychiater, der seine Praxis sogar in Laufnähe hat. Jetzt ist dieser aber schwer erkrankt und deswegen gibt es in den nächsten Monaten keine Termine.
Chaos und Schuldzuweisungen
Mit meiner neuen gesetzlichen Betreuerin, Frau J., ging es irgendwann nicht mehr weiter. Es waren nicht die Fehler an sich, die sie machte – die waren ärgerlich genug, aber menschlich erklärbar. Es war die Art, wie sie mit jedem Versäumnis umging: Schuldumkehr. Egal ob Amazon, Vodafone, Deutschlandticket oder die Bank, am Ende war es immer mein Fehler, mein Versäumnis, meine angebliche Unfähigkeit. Für jemanden, der ohnehin ständig an der eigenen Tauglichkeit zweifelt, war das Gift. Was ich brauchte, war jemand, der Fehler anerkennt, Verantwortung übernimmt und gemeinsam nach Lösungen sucht. Was ich bekam, war eine Betreuerin, die jede Blöße von sich fernhalten wollte – koste es, was es wolle. So wechselte ich im Sommer 2025 erneut die gesetzliche Betreuung zu Herrn G..
2025: Müdigkeit und Migration ins Wattpad/Reddit
Am 18. Februar 2025 bekomme ich Schilddrüsentabletten. Hoffnung: die Müdigkeit bessert sich. Am 18. März ist klar: sie bessert sich nicht. Tagschlaf, frühes Einschlafen, frühes Aufwachen – Dauererschöpfung.
Am 20. Mai 2025 verabschiede ich mich vom Forumtagebuch auf dem ich Jahre aktiv war. Zu viel Angriff in meinem Tagebuch, zu wenig Unterstützung bis auch Angriff von der Moderation. Meine Erklärung: Das Forum ist kein sicherer Ort mehr. Seit April schreibe ich auf Reddit, seit Anfang Mai auf Wattpad. Seit dem sind meine Suchttexte erschienen, meine DBT-Erfahungsberichte, manche Frederik-die-Maus-Geschichte, der Firmenfeudalismus-Zyklus, die Tiergeschichten, die Hobbitgeschichten, der Joy-Arc, der Pete-Arc... usw., insgesamt über 200 Kapitel radikal ehrlicher, autobiografischer Text. Teilweise auch fußend auf den Reflexionen in diesem über viele Jahre geführten Tagebuch. Und ja... ich bin stolz darauf. Fast so stolz wie auf das was ich hier in der Wohnung geschafft habe. Aber dazu am Ende mehr.
Und was bleibt?
Was bleibt, ist ein Muster. Helfer kommen, Helfer gehen. Manche gehen, weil sie versetzt werden, andere, weil sie schwanger werden, in Rente gehen oder schlicht nicht mehr können. Manchmal gehe ich, weil ich ausgelacht werde, weil ich nicht ernst genommen werde, weil ich nicht mehr ertrage, ständig in der Rolle des Schuldigen zu sitzen.
Die Wechsel sind keine Selbstoptimierung, keine Frischzellenkur, sondern ein ständiger Abrissbetrieb. Mit jeder neuen Person muss ich wieder meine Lebensgeschichte aufrollen, wieder rechtfertigen, wieder erklären, warum ich schon so oft erklärt habe. Die Wechseljahre im Helfersystem sind keine Phase – sie sind mein Alltag.
Und während andere Menschen in ihren echten Wechseljahren Hitzewallungen und Hormonschwankungen verfluchen, fluche ich über fehlende Kontinuität, über gelöschtes Vertrauen und über Strukturen, die mich lachen, schimpfen oder schlicht im Regen stehen lassen.
Es ist nicht die Krankheit, die mich am meisten ermüdet. Es sind die Wechselund der ständige Rechtfertigungsdruck.
Es ist nicht genug
Und gerade in den letzten Wochen dachte ich: „Du hast jetzt alles mitgemacht, du bist brav immer weiter gegangen, obwohl du kaum noch konntest, du hast ENDLICH deine Wohnung halbwegs in Ordnung ..."
Da meldet mich der Hausmeister plötzlich beim Vermieter, nach 7 Jahren... wahrscheinlich passiert dadurch gar nichts... aber es fühlte sich an, als ob alle Arbeit der letzten Monate umsonst war. Ich hatte an dem Morgen noch stolz ins Tagebuch notiert:
„Ich glaube, ich lege mich noch mal hin. Ich höre ja, wenn die klingeln, und ich habe jetzt alles gemacht. Juhu! Juhu! Juhu! Juhu!"
Als mein gesetzlicher Betreuer Herr G mich über die Beschwerde informierte, hab ich ihm nicht gesagt, dass ich an dem Tag eigentlich stolz auf meine Ordnung war. Ich hab ihm nicht gesagt, dass mich diese Meldung an meiner Eignung für eine eigene Wohnung zweifeln lies. Denn in den letzten Monaten ist sehr viel meiner Energie in die Wohnung und Organisatorisches geflossen, in den letzten Wochen sogar alle meine Energie... mehr hab ich nicht zu geben... und scheinbar reicht es nicht
16 Wechseljahre II - Flucht nach vorn
Der erste Text endete ja mit dem Gedanken, ob es vielleicht doch alles nicht reicht, ob ich vielleicht zurück ins stationär betreute Wohnen gehe (war ich 2011 schon mal).
Aber nein, bevor ich das tue und meine wunderbare, geliebte Wohnung aufgebe, ohne dazu gezwungen zu sein, gehe ich lieber zur Flucht nach vorn über. Ich meine damit kündigen von gesetzlicher Betreuung und betreutem Wohnen, also komplettes allein wurschteln, das hab ich seit 2011 nicht mehr gemacht und davor keinen einzigen Tag gut.
Ich hoffe genug gelernt zu haben, genug Selbstbewusstsein, genug -motivation und genug -organisation. Und wenn ich dann scheitere, dann bin ich wenigstens erst untergegangen nachdem ich alles versucht habe.
Die Betreuerin vom betreuten Wohnen, Frau P. ist sehr sympathisch, gut organisiert und hat mir schon oft geholfen. Gespräche mit ihr finde ich meist allerdings auch anstrengend. Sie ist oft sehr abgelenkt, unterbricht mich wegen Kleinigkeiten oder verliert sich in eigenen Themen. Fühlt sich nicht unbedingt nach Resonanz an. Und wofür sie nichts kann: Sie hat keine volle Stelle, diese Mitarbeiter haben meist viele Überstunden und deswegen dann zwischendurch oft frei. Sie begleitet mich ja zu Ärzten und andern Terminen, hilft mir beim Organisieren von Unterlagen und ähnlichem und das macht sie wirklich gut. Nur dann kommt der Urlaub. Das heißt um planen, anderer Ansprechpartner und wenn Frau P. im Urlaub ist und Termine sollen sich für die Zeit nach ihrem Urlaub ändern, dann kann das natürlich nicht der Arzt direkt mit ihr ausmachen. Das belastet mehr als es hilft.
Wenn ich alles selbst mache, dann weiß ich wer den Brief haben muss, die Termine koordinieren, die Unterlagen dabei haben, Fristen einhalten muss: ICH. Ich bin nicht sehr verlässlich, weshalb ich immer scherzhaft sage:
„Wie soll ich denn Selbstvertrauen haben, wenn ich mir nicht vertrauen kann?"
Aber dann hab ich nur noch einen Ansprechpartner, der voll verantwortlich und immer erreichbar ist: ICH halt.
Die gesetzliche Betreuung hab ich bereits gekündigt, die Betreuungsstelle hat zurückgerufen und gemeint es müsste ohne Anhörung durchgehen, falls doch eine nötig ist, bekomme ich einen Brief. Meine Briefe wieder selbst verwalten, das wird nach 14 Jahren auch ein Kraftakt, ich hatte davor ausgeprägte Briefkasten- und Brief-öffnen-Angst.
Das betreute Wohnen soll erst mal 4 Wochen pausiert werden um zu merken ob ich komplett ohne Unterstützung verloren bin oder es wirklich eine Entlastung ist.
Ich werde jedes Hilfsmittel nutzen, das mir zur Verfügung steht, mein System RPG Real Life (das werde ich nochmal komplett umarbeiten, aber es ist schon hier auf Wattpad veröffentlicht), ChatGPT mit jeder Organisationsfunktion die es bietet, meine neu geschaffene Ordnung, auch im Ablagesystem, meinen in den letzten Monaten trainierten Tagesablauf mit to-do-Listen usw..
Ich werde kämpfen und vielleicht verlieren, aber nicht einfach ohne Kampf aufgeben.
16 Psychiatrie - Eine Analyse aus Erfahrung und Interesse
1. Von der Verwahranstalt zur Behandlung
Die Psychiatrie hat eine recht rasante Entwicklung hinter sich, wenn man bedenkt wie komplex ihr Gegenstand ist. Aus reinen Verwahranstalten, in denen fixiert, gebrochen und im schlimmsten Falle lobotomiert wurde, wurden mit der Zeit Orte der Behandlung, so gut es in einem desolaten Gesundheitssystem geht. Freud, Jung, Frankl und viele andere versuchten uns zu erklären wie wir funktionieren. Gleichzeitig gelang der Medizin der chemische Zugang zum Gehirn: Lithium, Chlorpromazin, Imipramin usw. das heilt alles nicht, aber es kann stabilisieren, beruhigen, dämpfen, anheben, abflachen. Seit den 1950er Jahren haben diese und ähnliche Mittel Millionen Leben verändert, manche gerettet, manche zerstört. Doch sie sind nur der Versuch, unser neuronales System zu beeinflussen, ohne es zu mehr als einem Bruchteil zu verstehen. Denn noch immer ist die Blut-Hirn-Schranke eine Grenze, die kaum zu überwinden ist, große Moleküle wie z.B. Serotonin, kommen da nicht von außen durch, die Medikamente sollen das Hirn dazu bringen selbst mehr davon herzustellen oder es länger festzuhalten. Wir behandeln also indirekt, über Umwege, durch Systeme, die wir nicht vollständig kennen. Ja, das wirkt unpräzise, aber wenn die Alternative ist z.B. Psychosen, schwere Depressionen, bipolare Erkrankungen gar nicht zu behandeln, dann spielt man auch mit dem Leben von Menschen.
2. Forschung, Geld und Verantwortung
Haben wir Forschungslücken in dem Bereich?
Ja massiv.
Wird zu wenig in den Neurowissenschaften, in der Pharmakologie und Psychiatrie geforscht?
Ja, massiv.
Wäre Geld dafür da?
Weltweit machen Pharmaunternehmen jedes Jahr rund 20 Milliarden (Angaben schwanken je nach Definition) mit Psychopharmaka, das ist mehr als manches Land für die psychische Versorgung ausgeben kann. [Quelle: im Kommentar zu diesem Absatz]
Also:
Ja, massiv.
Doch jeder Arzt ist verpflichtet „zuerst nicht zu schaden" und das heißt auch massive Selbst- und (seltener) Fremdgefährdung abzuwenden und wenn dies erst mal nur mit nem Benzo (zum Beispiel Tavor) geht, aber das Ergebnis ist, dass der Patient weiter atmet und morgen ne neue Chance hat zurecht zu kommen, dann sollten hoffentlich alle zufrieden sein.
3. Die Psychologie und der ICD
Die Psychologie angeblich eine„weiche Wissenschaft",versucht uns also den Menschen zu erklären, eine der komplexesten Aufgaben überhaupt. Der ICD-10 (und inzwischen der ICD-11)stülpt dieser Wissenschaft mit dem eh schon fast unmöglichen Ziel nun ein Korsett über, als ließe sich ein Mensch in 15 Kriterien pressen.Dieses medizinische Verwaltungssystem ist allerdings kein psychologisches Instrument und schon gar kein Beweis gegen die Wissenschaftlichkeit der Psychologie,sondern eine Anpassung an Gesundheitssysteme, die Einordnungen für ihre Gebührenverordnung und Statistiken brauchen.
Das daraus der Eindruck entsteht, Psychologie arbeite mit Schubladen und irre nur mit Diagnosen, ist kein Fehler der Wissenschaft, sondern ein Ergebnis des Systems in dem sie agieren muss.
4.Mein Diagnosewahnsinn und mein Schluss daraus
Ich selbst hatte in den letzten fünfzehn Jahren einige Diagnosen verpasst bekommen. Von Anpassungsstörung über Depression bis hin zu Bipolarität und Borderline war alles mal für die Krankenkasse relevant, für meine Therapie allerdings kaum und für mich quasi gar nicht, außer etwas als innere Legitimation.Letztendlich geht es bei psychischem Leid ja immer um zwei Schritte, egal wie man die Krankheit nun nennt:Was ist für mich am schwersten zu ertragen und wie kann ich das am besten verändern?
Die Diagnose braucht nicht vorrangig der kranke Mensch, nicht der Psychologe, ein bisschen der Psychiater wegen der Wahl der Medikation, aber auch hier geht individuelles Ansprechen auf Mittel weit vor Diagnose. Die Diagnose ist für die Krankenkasse!
5. Die Logik im scheinbar Unlogischen
Die Psyche folgt keiner universellen Logik. Sie folgt einem verwobenen Teppich individueller Logiken, inneren Mustern, die für jeden einzelnen Menschen innerlich völlig schlüssig sind, egal wie destruktiv und unlogisch sie uns von außen erscheinen mögen. Sie sind aus Prägungen, Traumata, Erziehung, Kultur usw. entstanden und niemals eine Entschuldigung, aber oft eine Erklärung.
Doch lassen sich diese Muster erkennen, trainieren, verändern.
Ich habe eine standardisierte Verhaltenstherapie, DBT um genau zu sein, durchlaufen, mit Übungen, Modulen und klaren Abläufen. Ich weiß aus höchst eigener Erfahrung,dass Psychologie genauso empirisch, präzise und logisch sein kann wie jede andere Wissenschaft,die es wert ist so genannt zu werden.Doch ihr Gebiet ist der Mensch und gleichzeitig ihr Messinstrument, das ungenaueste was man sich vorstellen kann. Doch welches Fachgebiet sollte interessanter sein, als unsere ureigene Funktion und unser Wohlbefinden.
6. Im System –allgemeine Erfahrungen seit 2009
Ich bin seit 2009 „im System" jahrelang auch als „Drehtürpatient" und ich hab eine ganze Bandbreite erlebt: wissenschaftliche Präzision, menschliche Wärme, institutionelles Chaos und völlig abgehärmte Kälte. 2009 waren Fixierungen noch ziemlich Alltag und richterliche Beschlüsse beinahe Routine im BKH Lohr. Medikamente wie Tavor wurden wie Bonbons verteilt, Haldol machte mich zu einem Roboter, die Muskeln steif, der Mund sabbernd, der Geist leer.
Der Wachsaal (Raum der immer überwacht wird [theoretisch]) ist für sieben Personen ausgelegt, wir lagen dort zu sechzehnt. Bett, an Bett, man musste über das Fußende raus.
Man liegt dort, weil man nicht mehr leben will, weil man das Leben, die Menschen und alles nicht mehr erträgt, weil man endlich Ruhe vor allem will. Und in dem Zustand liegt man da mit 15 anderen Personen in unterschiedlichen, aber immer schweren Lebenskrisen.
Das ist kein Vorwurf an das Personal, das System gibt nicht mehr her. Nur es soll zeigen, dass es besser geworden ist, aber immer noch recht suboptimal, wie leider unser ganzes Gesundheitssystem.
Fazit:
Ich will hier keinen Liebesbrief an unser meist kaltes, überlastetes und leider auch oft profitgeleitetes Psychiatrie- und Psychotherapiesystem schreiben, auch wenn es banal gesagt ein paar mal mein Leben gerettet hat, hat es mir unfassbare Nebenwirkungen, eine Diagnoseodyssee, manchmal mehr Selbstzweifel als Hilfe und unfassbar viel Nervenverlust eingebracht. Aber ich atme noch und viele die so sehr über „ungenaue" Psychologie und böse Psychopharmaka lästern, die waren wohl noch nicht in der Situation diesem miesen System das eigene Leben oder das von Angehörigen zu verdanken. Ich hoffe sie werden nie in die Situation kommen.